Kategorie-Archiv: Lateinamerika

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Lebensperspektive durch Betania in Kolumbien

„Das Textilhandwerk gefällt mir sehr. Ich lerne, wie man Stoffe verarbeitet, mit den entsprechenden Maschinen umgeht und neue Kleidungsstücke entwirft.“ Begeistert demonstriert mir die 28-jährige Angela Salazar im Haus Betania in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, was sie im Schneiderkurs gelernt hat. Auf einer privaten Reise habe ich die Sozialeinrichtung für alleinstehende Mütter der Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ vor kurzem besucht, die ich seit viele Jahre gemeinsam mit der Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche unterstütze. Angela Salazar lebt seit einem Jahr in Betania, inzwischen mit einem acht Monate alte Töchterchen.

Vor einigen Jahren hatte sie in der Stadt San José de Guaviare etwa 400 Kilometer südöstlich von Bogotá Furchtbares erlebt: „Es gab Massaker mit vielen gewaltsamen Gruppen der Paramilitärs, Guerilla und anderer Banden. Mein Bruder verschwand im Alter von 13 Jahren spurlos, was für mich besonders hart war. Und ich hatte viele familiäre Probleme“, erzählt sie mir. Sie wurde alkohol- und drogenabhängig. Eine Ausbildung hat Angela Salazar nie absolviert. Neben ihr im Schneiderkurs sitzen und werkeln die 20-jährige Laura Camila, die erst seit drei Wochen mit ihrem Baby in Betania wohnt, und die 30-jährige Mary Luz Susa Martinez, die bereits seit elf Jahren in der Einrichtung ist und ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Angela Salazar konnten auch sie nicht mehr in ihren Familien leben. Eine der beiden gesteht mir, dass sie missbraucht wurde.

In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung. Foto: Peter Esser
In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung.
Foto: Peter Esser

Hilfe durch psychosoziale Begleitung und Bildung

Dass die drei Frauen sowie derzeit zehn weitere in Betania wohnende alleinerziehende Mütter mittlerweile neuen Lebensmut schöpfen, verdanken sie einer Vielzahl an Hilfen in Betania: zum Großteil der Betreuung durch das Team einer Psychologin, Sozialarbeiterin und Ernährungsberaterin, auch dem Kurs in der Schneiderei. Beides wird vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke finanziell gefördert. Dass die Frauen von Anfang an und sogar noch mehrere Monate nach ihrem Auszug aus der Einrichtung durch das psychosoziale Team begleitet werden, kann nach Überzeugung der Ordensoberin Marlén Pulido in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: So können sie als Persönlichkeiten gestärkt und mit ihren Kindern ein stabileres Leben anfangen.

Seit zwei Jahren koordiniert Schwester Sandra Lopez die verschiedenen Hilfeprogramme. Wie sie mir mitteilt, hat das Team der drei Fachkräfte erheblichen Anteil daran, dass etwa die Hälfte der jährlich rund 60 Mütter in der Einrichtung im Durchschnitt nach einem Jahr wieder in ihre alte Familie zurückkehrt oder ein neues Familienleben beginnt sowie ebenfalls rund die Hälfte eine Arbeit aufnimmt. Zu Letzterem trägt freilich wesentlich bei, dass die Frauen während ihrer Zeit in Betania den Schulabschluss nachholen -, an der Ausbildung in der Schneiderei, dem Angebot „Computer“ eines Ehrenamtlichen und den Werkstätten Friseurhandwerk und Maniküre/Pediküre teilnehmen können, die von Bürgern in Bogotá unterstützt werden.

Eine Schneiderin lehrt interessierte Frauen zum Beispiel, Röcke und Blusen, Kissen, Etuis für Handys, aber auch Kinder- und Sportkleidung zu produzieren. Der Verkauf von selbst hergestellten Produkten wird in neue Materialien für die Schneiderei reinvestiert. Aus dem seit gut zwei Jahren angebotenen Kurs hat es mittlerweile eine Frau geschafft, eine Festanstellung in einem Textilbetrieb zu bekommen. Mehrere andere haben sich selbstständig gemacht und arbeiten für Betriebe und Privatleute von zu Hause aus. Dies tun viele durchaus gerne, weil sie so bei den Kindern bleiben können, wie die Schwestern mir sagen. Angela Salazar träumt davon, später eine eigene Textilfabrik zu gründen. Nicht alle im Kurs haben solche Ziele. Laura Camilia stellt sich beruflich anderes vor, „aber ich mache in der Schneiderei gerne mit, weil ich merke, dass ich dadurch Stress abbauen kann.“

Wie viele in Kolumbien sehnen sich auch die Ordensschwestern und die ihnen anvertrauten alleinstehenden Mütter danach, dass der derzeit in Kolumbien stattfindende Friedensprozess zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation FARC erfolgreich verläuft. Auf die eigene Arbeit hat sich dieser bisher allerdings offenbar noch nicht ausgewirkt. Viele Frauen, welche Hilfe in Betania suchen, sind wie Angela Salazar auch Opfer politischer Gewalt sowie Vertreibung. „Und es kommen jetzt auch etliche, die Drogen, zum Beispiel Marihuana oder Kokain, konsumieren“, berichtet mir Schwester Sandra. Auch müsse sich Betania in Kürze vermutlich minderjähriger alleinstehender Mütter annehmen. Um sie kümmerten sich zwar grundsätzlich staatliche Einrichtungen. „Doch diese sind zum Teil überbelegt“, hat die Schwester erfahren.

Neue Kinderkrippe geplant

Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will. Foto: Peter Esser
Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will.
Foto: Peter Esser

Ein weiterer Trend, den sie beobachtet, ist, dass inzwischen mehrere alleinstehende Mütter, die Betania verlassen haben, oder auch solche, die nie dort gewohnt haben, die Dienste der Einrichtung wahrnehmen. Auch jenen, die nicht in der Instituion wohnen möchten, wollen die Schwestern Chancen eröffnen. Ein Nachteil für diese Mütter ist allerdings, dass sie ihre Kinder zu Hause lassen müssen. Denn die derzeitige Kinderkrippe, von der ein Teil zudem keine Belüftungsanlage hat und der andere in einem Kellerraum liegt, bietet für sie keinen Platz.  Daher planen die Ordensschwestern, eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen zu errichten. Die Kosten von kalkulierten rund 18.000 Euro sollen – wie für andere Initiativen auch – durch eine Kofinanzierung unterschiedlicher Geldgeber aufgebracht werden. Dabei hoffen sie auch auf Unterstützung aus Eichstätt.

Wer für dieses Projekt oder andere Anliegen in Betania spenden will, kann dies auf folgendes Konto der Diözese Eichstätt tun:
Liga Bank, Eichstätt
IBAN: DE96 7509 0300 0007 6030 02
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Die Zukunft Kubas ist ungewiss

Pater Klaus Väthröder, Missionsprokurator der Jesuiten in Nürnberg, nimmt an der Kubatagung zum Thema „Barmherzigkeit und kirchliche Arbeit in existentiellen Randbereichen“ von 21. bis 22. November 2016 in Eichstätt teil. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen in der kubanischen Stadt Cienfuegos, wo er für sechs Wochen den Pfarrer der Gemeinde Nuestra Señora de Montserrat vertrat.  

„Pan Suaveeee“, ertönt es auf der Straße unter meinem Fenster früh am Morgen, begleitet von einer Trillerpfeife. Nach dem Verkäufer von „Feinem Brot“ kommen dann die ersten Pferdetaxis (siehe Foto oben) vorbeigerumpelt. Es sind Einspänner mit Platz für bis zu sechs Fahrgästen, die für 5 oder 10 Cent die Bewohner Cienfuegos an ihre Arbeitsplätze kutschieren. Mein Blick aus dem Fenster geht über die Bahia zum einzigen Atomkraftwerk Kubas. Es wurde allerdings nie in Betrieb genommen, da der Zusammenbruch der UDSSR die sowjetisch-kubanische Freundschaft Ende der 90er Jahre jäh beendete.

Es ist 6 Uhr morgens und Zeit die Kirche aufzuschließen. Im Laufe des Tages werden noch viele Verkäufer, rufend zu Fuß oder klingelnd auf dem Fahrrad, ihre Produkte anbieten: Gemüse, Nudeln, Handbesen, Putzlumpen, Knoblauch und vieles mehr. Sie sind die unüberhörbaren Vertreter der neuen Generations von Unternehmen, sogenannte „Cuentapropistas“, private Klein- und Kleinstunternehmen, die seit einigen Jahren im sozialistischen Cuba erlaubt sind. Dazu zählen Restaurants, Kleinbauern, Gästehäuser, Taxis, und Reparaturwerkstätten, um nur einige der insgesamt 178 unterschiedliche Kategorien zu nennen, die das Wirtschaftsministerium für die Gründung eines kleinen Unternehmens zulässt. Mit der Zeit wurden auch die Restriktionen weniger: so wurde die Anzahl der verfügbaren Restaurantplätze von 12 auf 20 und später auf 50 erhöht und die vormals regulierte Speisekarte wurde liberalisiert. Noch kann man nicht vom freien Unternehmertum auf Cuba sprechen, da unübersichtliche und zum Teil absurde Kontrollen weiterbestehen, aber es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat
P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat

Die kubanischen Jesuiten haben dies zum Anlass genommen, um ihr Arbeitsfeld, das weitgehend auf die kirchliche Pastoral beschränkt war, zu erweitern. In ihren Zentren „Fe y Cultura Loyola“ in Havanna, Camagüey, Cienfuegos, Colón und Santiago bieten sie Kurse für die Cuentapropistas an. Hierbei werden die Grundlagen der Geschäftsführung eines kleinen Unternehmens vermittelt: Buchhaltung, Personalführung – inzwischen darf auch eine gewisse Anzahl von Nicht-Familienmitglieder angestellt werden -, Kostenrechnung etc. Diese Kurse erfreuen sich einer großen Nachfrage. Auf meine Frage an den Oberen der kubanischen Jesuiten, ob dies denn legal sei, antwortet er etwas nebulös: „Die Kurse werden geduldet, kein Aufheben machen, sich bedeckt halten, weitermachen“.

Nachdem ich die Kirche aufgeschlossen habe, kommen schon die ersten Gläubigen, die vor der täglichen 7:30 Uhr Messe beten oder eine Andacht vor dem Bild der „Virgen de la Caridad de Cobre“ halten. Die Jungfrau von Cobre ist die Patronin Kubas quer durch alle Konfessionen, Religionen und politischen Bekenntnissen. Im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Ländern war die katholische Kirche in Kuba allerdings nie besonders bedeutend. Vor und auch nach der Revolution gingen und gehen ca. 5 Prozent der Bevölkerung regelmäßig zum Gottesdienst. So auch in unserer Gemeinde Montserrat in Cienfuegos. Jeden Morgen versammeln sich hier gut 30 Personen, um die Eucharistie mitzufeiern. Dienstag und Donnerstag sind es mehr, da wir dann der Toten gedenken. Dann kommen auch Kirchenferne und bringen Blumen zum Andenken an ihre Verstorbenen mit.

Wandel durch Papstbesuche

Die freie Ausübung des Glaubens war nicht immer so selbstverständlich. Nach dem Sieg von Fidel Castros Revolution Anfang der 60er Jahre wurde die katholische Kirche auf die Sakristei beschränkt. Soziale Aktivitäten und Schulen mussten eingestellt werden, Gebäude wurden enteignet, Ausländer des Landes verwiesen. Priester, Ordensleute und bekennende Katholiken wurden in vielen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert und schikaniert. Dies änderte sich ab den 90er Jahren mit den Besuchen der Päpste Johannes Paul II (1998), Benedikt (2012) und Franziskus (2015) in Kuba. Ohne das Regime direkt anzugreifen haben die drei Päpste politische Freiheiten, die Achtung der Menschenrechte und mehr Autonomie für die katholische Kirche angemahnt. Auch die auf Dialog angelegte Politik des Kardinals von Havanna Jaime Ortega hat dazu beigetragen, dass sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche entspannt hat. Kardinal Ortega ist inzwischen aus Altergründen zurückgetreten. Seine nicht allzu konfrontative Annäherung an das Regime war innerhalb der katholischen Kirche in Kuba nicht unumstritten.

Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder
Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder

Nach dem Gottesdienst treffe ich Pater Ignacio beim Frühstück der Kommunität. Ich frage ihn nach den Baufortschritten. Auf dem Gelände der Pfarrei in Cienfuegos befindet sich auch eine große ehemalige Schule der Jesuiten, die 1880 in Betrieb genommen und 1961 mit der Revolution vom Staat enteignet wurde. Zur Überraschung aller hat der Staat das Gebäude, das einen ganzen Häuserblock umfasst, vor drei Jahren der Gesellschaft Jesu zurückgeben. Allerdings in einem bemitleidenswerten Zustand. Türen, Fenster, Böden und Wände wurden entfernt oder sind zerstört. Das renovierte Gebäude würde Räume für Gemeinde, für Exerzitien und große Versammlungen ermöglichen. Die Renovierungsarbeiten werden wohl noch Jahre dauern. Es fehlt an Material, Geld und ausgebildeten Arbeitskräften. Der Hintergedanke der Regierung war wohl, dass die Jesuiten die Renovierung eher voranbringen können und dass zumindest die Fassade des ehemaligen Kollegs von Montserrat zum 200sten Stadtjubiläum Cienfuegos 2019 im alten Glanz erstrahlen wird. Das Kolleg ist eines der wenigen architektonisch bedeutenden Gebäude der Stadt. Cienfuegos, die auch „Perle des Südens“ genannt wird, wurde 1819 durch französische Siedler gegründet und hat sich einen frankophonen Charakter erhalten. Heute hat die Stadt, die 250 Kilometer von Havanna entfernt an der Bahia de Jagua gelegen ist, rund 170.000 Einwohner und wird von vielen Touristen besucht.

kuba-seniorenkreisNach dem Frühstück gehe ich zum Treffen der Senioren im Gemeindesaal. Die Sorge um die alten Menschen ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche. Bis vor einigen Jahren war diese Caritas für die Senioren vom Staat verboten. Gemäß offizieller Verlautbarung haben alle Menschen in Kuba das Notwendige zu einem zufriedenstellenden Leben inklusive einer guten und kostenlosen Gesundheitsversorgung sowie schulischer bzw. universitärer Ausbildung.  Das ist immer noch wahr, doch die Unterschiede im Lebensstil sind inzwischen gravierend. Wer Zugang zu Dollars oder Euros hat über Verwandte und Freunde im Ausland oder durch eine Arbeit in Kuba, z.B. im Tourismussektor, lebt um einiges besser, als die ohne diese zusätzliche Einkommensquelle. Das trifft auf die meisten alten Menschen zu. Sie leben von einer monatlichen staatlichen Rente von 10 bis 20 US Dollar. Und auch mit der famosen „Libreta“, eine Art von Bezugsscheinen für den Erwerb verbilligter Lernmitteln, kann man nicht mehr viel bekommen, da die Produkte der Libreta immer weniger und teurer werden.

Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder
Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder

Es sind vor allem Frauen, die zum Seniorenkreis kommen und sich ein gutes Frühstück schmecken lassen. Unter ihnen sind Lehrerinnen, Ärztinnen und auch die Gewinnerin einer olympischen Bronzemedaille. Die Hälfte des verteilten Essens packen sie ein und auch an einer kleinen Tasse Kaffee wird nur genippt, der Rest für die nächsten Tage aufgespart.  Besonders gern unterhalte ich mich mit Señora Maria Emilia. Sie ist 115 Jahr alt und bis vor kurzem kam sie noch zur sonntäglichen Messe zu Fuß, nun wird sie im Rollstuhl gebracht. In den letzten Wochen hatte sie Besuch von in- und ausländischen Journalisten und auch mir gibt sie bereitwillig Auskunft über meine Fragen zur Geschichte Kubas. Sie ist das lebendige Beispiel für die hohe Lebenserwartung in Kuba, vergleichbar mit der der westlichen Ländern und eine Zeugin der immer noch guten Gesundheitsversorgung.

Zerrissene Generation

Am Abend nehmen mich die großen Ministranten mit zum Malecón, dem Treffpunkt der jungen Generation an der Bahia Cienfuegos. Da die hunderten von Jugendlichen kein Geld haben, gibt es hier am Malecón auch kaum Smartphones, kaum Alkohol, kein Internet, kein Facebook oder Twitter und sowieso keine Drogen. Hier hängt man ab, redet und singt, hört oder macht Musik, ohne Stress oder Angst vor Kriminalität, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es ist eine friedliche und schöne Stimmung.

Straßenmusiker in Cienfuegos. Foto: Klaus Väthröder
Straßenmusiker in Kuba. Foto: Gerhard Rott

Allerdings wären die meisten dieser Jugendlichen jetzt lieber in Miami oder Madrid, denn trotz ihrer guten Ausbildung sehen viele von ihnen für sich keine Zukunft in Kuba. Diese Generation kennt die wichtigen Ereignisse der Revolution, die Diktatur Batistas und den Befreiungskampf Fidels in der Sierra Maestra, die Invasion in der Schweinbucht, die Raketenkrise 1962 und die Notlage Kubas nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks nur aus Erzählungen und Büchern. Diese Ereignisse sind für sie kaum mehr identitätsstiftend. Es sind die Geschichten Ihrer Eltern und Großeltern. Bei meinen Gesprächen mit den Ministranten und am Malecón spüre ich die Zerrissenheit dieser Generation. Sie hängen an ihrem Land, ihren Familien und Freunden und doch wollen sie lieber ein neues Leben in einem anderen Land beginnen. Sie träumen von einem Leben wie ihre Altersgenossen in der globalisierten Welt: sie wollen an der vernetzten Welt teilhaben, sie wollen freie Information und Unterhaltung anstatt staatlich monopolisierte Zeitungen und Fernsehen, sie wollen mit Freunden über Internet, Facebook und Twitter verbunden sein, angesagte Klamotten tragen, für Ihre Arbeit einen entsprechenden Lohn erhalten. Sie wollen nicht Taxifahrer werden, da man damit mehr verdient als ein Arzt oder Lehrer. Ähnlich wie die junge Generation der Kubaner in Miami, die die radikale und revanchistische Anti-Castro Haltung ihrer Eltern und Großeltern hinter sich gelassen haben, ist vielen jungen Kubanern auf der Insel die revolutionäre Rhetorik des Regimes fremd geworden. Zwar hat sich in den letzten 20 Jahren durch die vorsichtigen Reformen einiges auf Kuba gewandelt, doch vielen in der jungen Generation geht dies zu langsam. Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Wie gehen die Reformen der politischen und wirtschaftlichen Öffnung weiter? Was geschieht, wenn nach Fidel auch Raúl Castro 2018 zurücktreten wird? Werden immer mehr der jungen Generation Kuba verlassen und ihr Glück woanders suchen? Es bleibt zu hoffen, wie es Papst Johannes Paul II gesagt hat, „dass Kuba sich mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten der Welt öffnen möge, und die Welt sich Kuba öffnet.“

„Gott braucht keine Kelche aus Gold“: Frühlingsgrüße aus Chile

„Willst du den Leib Christi ehren? Erlaube nicht, dass er in seinen Gliedern verachtet wird, das heißt in den Armen, denen die Kleidung fehlt, um sich zu bedecken. Ehre ihn nicht hier in der Kirche mit Seidentüchern, während du ihn draußen bei Seite lässt und er an Kälte und Nacktheit leidet. Jener, der gesagt hat: ‚Das ist mein Leib‘ und diese Tatsache mit dem Wort bestätigt hat, der sagte auch: ‚Ihr habt mich hungrig gesehen und mir nicht zu essen gegeben‘ und auch ‚was ihr jeweils nicht an diesen Kleinen getan habt, habt ihr nicht an mir getan‘ (Mt.25. 42-45). Der Leib Christi auf dem Altar braucht keine Tücher, sondern reine Seelen, während der, der draußen ist, viel Aufmerksamkeit braucht. Lernen wir, so zu denken und Christus zu ehren, wie Er es will. In der Tat, die Ehre, die am meisten dem entspricht, den wir verehren wollen, ist die, die er selbst möchte, nicht die wir denken. Auch Petrus glaubte, dass er ihn ehren würde, als er verhindern wollte, dass er ihm die Füße wasche. Das war keine Ehre, sondern eine wirkliche Unhöflichkeit. Ehre du ihn ebenso, wie er befohlen hat. Sieh zu, dass die Armen von deinem Reichtum genießen. Gott braucht keine Kelche aus Gold, sondern Seelen aus Gold.“ (Johannes Chrysostomus aus Antiochien, Kirchenvater, 2. Patriarch von Konstantinopel, Jahr 344-407).

Noch immer bin ich sehr bewegt von diesem Text, den unser Papst Franziskus zitiert und der uns Christen einlädt, bewusst den Leib Christi, den Leib Gottes zu berühren, wenn wir einen Armen anfassen.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie Deutschland heute „von außen“ gesehen wird. Deutschland, als Teil des christlichen Abendlandes, hat die Welt überrascht mit der Entscheidung der Frau Angela Merkel, die vielen Flüchtlinge an den Grenzen aufzunehmen. Das war eine Entscheidung, die in die Geschichte Europas eingehen wird. Ich weiß, dass dieser Entschluss ein unvorstellbares Wagnis ist und einen noch nicht abzuschätzenden Preis kosten wird. Dennoch möchte ich alle Deutschen einladen zu diesem Opfer für die Menschheit.

Ich bin Teil eines nach der Kapitulation 1945 verachteten Volkes, das es geschafft hat, ein zerstörtes Deutschland zusammen mit 11 Millionen deutschen heimatlosen Flüchtlingen unter unbeschreiblichen Opfern wieder aufzubauen. Kaum aus den Trümmern, haben unsere Kirchen 1958 und 1959 die großen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt gegen Hunger und Krankheit in der Welt und für eine menschenwürdige Entwicklung der benachteiligten Völker gegründet. Und dann haben wir auch die Wiedervereinigung geschafft.

Wovor sollen wir heute Angst haben? Vor den Mitbürgern der AfD? Wenn die Zahlen stimmen, dann gibt es mehr als 70.000 Freiwillige, die sich für die Flüchtlinge in verschiedenster Weise einsetzen: Sie erfüllen Jesu Wort „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. Aber am meisten würde ich mir natürlich wünschen, dass wir einer großen Zahl von Flüchtlingen beistehen, dass sie mit Würde zurückkehren können, um ihre Heimat wieder aufzubauen, sobald der Krieg dort zu Ende ist.

Unsere lieben Freunde, hier in Chile hängen schon wieder üppig kleine Aprikosen an den Bäumen, wie ihr auf dem obigen Foto sehen könnt. Dabei denke ich an alle, die uns unterstützt haben, tausende dieser Bäume zu pflanzen…

Sr. Karoline Mayer im Gespräch mit Daniela Schadt. Foto: Fundacion Cristo Vive
Sr. Karoline Mayer im Gespräch mit Daniela Schadt. Foto: Fundacion Cristo Vive

Während unsere Dienste auf Hochtouren laufen, hatten wir hier in den vergangenen Monaten mehrmals hohen Besuch, der die Herzen unserer Mitarbeiter und der Leute im Armenviertel erfreut hat. Mitte Juli war Frau Daniela Schadt, Lebensgefährtin unseres Bundespräsidenten, mit ihrer Delegation bei uns im Gesundheitszentrum und in der Krankenpflegeschule. Sie hat uns alle überrascht, wie viel sie von uns wusste. So ging sie auch gleich mit Fragen auf die Krankenpflegeschüler/-Innen zu: Warum sie diesen Beruf gewählt haben und was diese Ausbildung für sie bedeutet? Erstaunt hörten wir eine unserer Schülerinnen, die mit der Schulleiterin viele Konflikte gehabt hatte, sagen, dass sie nie ihre Ausbildung hätte bezahlen können, sich aber für den Krankendienst berufen gefühlt habe. Nun wolle sie mit den erlernten geistigen Werten des Dienens und der Liebe in den öffentlichen Krankendienst gehen, wo diese Werte fehlen, um diesen Dienst zu verändern. Ende des letzten Jahres konnten wir Garrelt Duin, den Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, und seine Delegation bei uns begrüßen und nun werden wir Unterstützung in Form von Lehrmitteln für die Berufsschulen bekommen.

Angehende Krankenschwestern in der Krankenpflegeschule. Foto: Fundacion Cristo Vive
Angehende Krankenschwestern in der Krankenpflegeschule. Foto: Fundacion Cristo Vive

Vor 14 Tagen hatten wir die Freude, dass uns der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier mit seiner Delegation von 50 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft besucht hat. Die ganze Mannschaft ging vom Gesundheitszentrum zu Fuß durch die Siedlung zur Kindertagesstätte Naciente, wo sie von Kindern und Eltern erwartet wurde. Schwester Maruja erhielt eine Spende überreicht.

Von dort aus ging es in unser Berufsbildungszentrum. Da bat Nelson, ein Schüler überraschend, dass er uns und dem Besuch etwas sagen dürfe. Mit wenigen Worten beschrieb er sein bisher hartes, trauriges Leben, wahrscheinlich ähnlich dem Leben seiner Mitschüler, wie er bemerkte, bis er Aufnahme in unserer Schule fand. Zum ersten Mal in seinem Leben fühle er sich angenommen und respektiert. Jetzt könne er sich auf ein neues, gutes Leben vorbereiten und dafür wolle er danken. Wir waren alle sehr berührt. Der Ministerpräsident sprach zu uns ermutigende Worte und wir dankten ihm und seiner Delegation für den Besuch bei uns in der Welt der Armen, die sich geehrt fühlen und sich über die Solidarität freuen. […]

Auszug aus dem Frühlingsbrief – Santiago zum Frühlingsanfang in Chile, 2016

Frieden in Kolumbien ist möglich

In Kolumbien gibt es seit über 50 Jahren einen bewaffneten Konflikt. Diesem sind über acht Millionen Menschen zum Opfer gefallen, davon 225.000 Toten, 87.000 verschwundenen Personen und rund sieben Millionen vertriebene Menschen.  Seit vielen Jahren, insbesondere seit dem Jahr 1991 als eine neue Verfassung in Kraft trat, bemühen sich verschiedene soziale und politische Akteure darum, diesen Konflikt durch Verhandlungen zu beenden.  Denn sie sind davon überzeugt, dass Gewaltanwendung nur zu mehr Gewalt, Armut und Ungleichheit führt.  Zu den bewaffneten Gruppen gehören nicht nur die FARC, sondern auch die Guerillaorganisation ELN (Nationale Befreiungsarmee), und es gibt zudem extrem rechtsgerichtete bewaffnete paramilitärische Gruppierungen.  Für Letztere führte der frühere Präsident und jetzige Oppositionsführer Álvaro Uribe Vélez eine Demobilisierung durch, die aber zum Großteil fehlgeschlagen ist.

Der politische Wettstreit in unserem Land ist immer durch die Dynamik des internen bewaffneten Konflikts bestimmt worden.  Bevor unser jetziger Präsident  Juan Manuel Santos 2012 sein Amt übernahm, gab es unter Uribe acht Jahre lang eine sogenannte Politik der demokratischen Sicherheit, die eine Politik der harten Hand war. In dieser Zeit erhöhte sich die Anzahl der Opfer und der Menschenrechtsverletzungen dramatisch und der Krieg verschärfte sich.  Santos war seinerzeit Verteidigungsminister und trug diese Politik wesentlich mit. Aber als er selbst Präsident wurde, distanzierte er sich von dieser und startete eine Friedenspolitik durch Verhandlungen.  Für diese neue Politik gewann er jenen Teil der kolumbianischen Gesellschaft, der acht Jahre lang die Politik Uribes bekämpft hatte, insbesondere die politische Linke im Land.  Dieser Teil ist zwar nicht mit Santos‘ Politik für Freihandel und Ausbeutung  der natürlichen Ressourcen einverstanden. Doch das Vorhaben eines ausgehandelten Friedens sah dieser Teil als Chance zur Beendigung des Krieges, zumindest mit einem der Hauptakteure.  Diese nun breitere Unterstützung der Gesellschaft hat es Santos ermöglicht, den Friedensprozess mit den FARC in Gang zu setzen und mit ihr letztlich ein besonderes Abkommen zu den Herausforderungen ländliche Entwicklung, politische Beteiligung, Entwaffnung, Drogenhandel und Umgang mit Opfern zu erreichen.

Hohe Nichtbeteiligung an Abstimmung offenbarte mangelndes demokratisches Bewusstsein

Eine grundlegende Prämisse für die verschiedenen Abkommen war: „Nichts ist vereinbart, bis alles vereinbart ist.“ Daher war es so wichtig, dass Regierung und FARC im September dieses  Jahres alles unterzeichneten, um so ein Gesamtabkommen der Bevölkerung zur Abstimmung vorzulegen.  Das Abstimmungsergebnis überraschte vor allem die internationale Gemeinschaft und die Teile der kolumbianischen Gesellschaft, die für das Abkommen votierten.  Letztlich brachte das Ergebnis die komplexe Realität in unserem Land zum Ausdruck.  Auf die Frage „Unterstützen Sie das Abkommen zur Beendigung des Konfliktes und für den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens?“  reagierte der größte Teil der Gesellschaft mit Nichtbeteiligung, nämlich über 62,5 Prozent aller abstimmungsberechtigten Bürgerinnen und Bürger.  Das heißt, dass nur gut 13 Millionen Personen (knapp 37,5 Prozent) von fast 34,9 Millionen abstimmten. Und das bedeutet: Ein ganz hoher Anteil der Bevölkerung zeigte sich uninteressiert an dem Friedensprozess oder/und offenbarte Mangel an Bewusstsein für die Rolle des Bürgers bei demokratischen Anliegen von dieser großen Bedeutung.  Vor allem junge Menschen haben wenig Vertrauen in die Institutionen, glauben nicht an die Politik und noch weniger an Parteien. Sie denken, ihre Stimme hat keine große Auswirkung für den Wandel des Landes.  Auf der anderen Seite gibt es jenen Teil der Bevölkerung, der sich interessiert gezeigt hat und gespalten ist. Der Siegeranteil des „No“ (Nein) mit 6,43 Millionen Stimmen lag gerade einmal um 0,43 Prozent höher als das Ergebnis für das „Si“ (Ja) mit knapp 6,38 Millionen.

Jene Bürgerinnen und Bürger, welche die Verhandlungen mit den FARC befürwortet haben – denen auch ich angehöre – sind sich sehr wohl bewusst, dass das Friedensabkommen nicht die vollständige Lösung ist, um Frieden in Kolumbien herzustellen.  Doch es ist ein erster nötiger Schritt und grundlegend, um ein neues Kapitel in unserem Land aufzuschlagen und den Aufbau des Friedens zu ermöglichen. Die Abkommen von Havanna haben Regeln gesetzt, die vor allem den Opfern – und hier besonderes den Frauen unter den Opfern – eine besondere Rolle zuweisen. Diese Regeln stimmen mit dem internationalen Recht überein: zum Beispiel darin, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Rahmen des Konfliktes nicht ungestraft bleiben dürfen.

Nobelpreis ist besonderes Zeichen der internationalen Gemeinschaft

Die internationale Gemeinschaft hat für die Abkommen eine entscheidende Rolle gespielt: nicht nur im Dialogprozess selbst, sondern auch für die Zukunft, in der es vor allem darum geht, die Abkommen mit einer bedeutsamen Beteiligung der Zivilgesellschaft umzusetzen.  Ein ganz besonderes Zeichen für die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist natürlich jetzt der Friedensnobelpreis für Juan Manuel Santos. Es ist auch eine überzeugende Botschaft an jene, die den Friedensprozess nicht unterstützen, denn der Preis deutlich macht: Es ist nicht wünschenswert, dass der bewaffnete Konflikt mit dieser Organisation weitergeht. Um dies zu unterstreichen, sind nun ja auch ganz viele Menschen in den großen Städten unseres Landes auf die Straße gegangen. Ganz wichtig ist aber vor allem, dass Regierung, FARC und die internationale Gemeinschaft ihren Willen zum Ausdruck gebracht haben, die erzielten Abkommen aufrechtzuerhalten und Wege finden wollen, jene anzuhören, die mit „No“ gestimmt haben: mit der Absicht, deren Forderungen soweit wie möglich in die Abkommen einzubeziehen.

Ich bin davon überzeugt: Jetzt, wo das Thema Frieden in unserem Land so hoch auf der nationalen wie internationalen Agenda steht, besteht eine einzigartige Gelegenheit, den gewünschten Frieden zu erreichen. Natürlich müssen wir uns aber auch bewusst sein, dass Frieden in Kolumbien noch wesentlich mehr fordert als Abkommen zwischen der Guerilla FARC und der Regierung. Es ist auch wichtig, dass 1) die anderen bewaffneten Akteure an den Verhandlungstisch kommen, 2) wir erkennen, dass wir eine gespaltene Gesellschaft sind, in der es Mangel an Information und Bildung sowie viel Misstrauen gibt und 3) uns klar wird, dass wir in einigen Bereichen eine schwache politische Kultur haben und in anderen eine durch Gewalt geprägte. Daher macht das Ergebnis der Volksabstimmung deutlich, dass wir dringend grundlegende Veränderungsprozesse in unserem Land brauchen.  Der Aufbau des Friedens braucht die aktive Beteiligung aller gesellschaftlichen Akteure.

Es gibt Wege der Hoffnung. Niemals hat es eine so entschlossene Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gegeben. Ich bin zutiefst vom „Si“ überzeugt, das ein unerlässlicher Schritt hin zum Frieden ist, aber noch mehr davon, dass das größte Kapital unsere Menschen sind, die aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft heraus ein anderes Land aufbauen können, das demokratisch und insbesondere nicht gewaltsam ist. Die größte Aufgabe hat erst begonnen.

(Übersetzung aus dem Spanischen: Peter Esser)

Mehr zum Thema: Skepsis und Hoffnung vor der Abstimmung über den Friedensprozess in Kolumbien

Bildhinweis: Kolumbiens Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos im Gespräch mit Ureinwohnern. Foto: Juan David Tena – SIG