Kategorie-Archiv: Lateinamerika

Krankenhilfe für Heimatvertriebene in Kolumbien

„Zusammen sind wir Heimat“ heißt die Jahreskampagne der Caritas in ganz Deutschland. Sie soll zum Beispiel das Zusammenleben mit Flüchtlingen fördern, die ihre Heimat verließen und sich nach einer neuen in Deutschland sehnen. Doch das Phänomen „Flucht aus der Heimat“ gibt es auch in vielen anderen Teilen der Welt, etwa in Kolumbien. Einen Gesundheitsdienst für vor allem Heimatvertriebene in diesem Land unterstützen verschiedene Caritas-Sozialstationen aus dem Bistum Eichstätt – im Sinne „Kirchliche ambulante Krankenhilfe hier für dergleichen dort“.

Ihre Heimat hat sie verloren. „Ich bin mit meinen Geschwistern vor der Guerilla geflohen. Man hat meine Eltern umgebracht und unser Haus angezündet“, erzählt Maria Murillo Mosqueda. Sie kommt aus dem Chocó, einem Gebiet in Kolumbien, in dem die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten besonders unter der Gewalt bewaffneter Gruppen gelitten hat. Jetzt sitzt sie mit einem ihrer drei kleinen Kinder in der Krankenstation der Ordensgemeinschaft Hermanas de la Doctrina Cristiana (Schwestern der christlichen Lehre) in Los Robles, einem Armenviertel am Rand der Hauptstadt Bogotá. Viele, die in dieses Viertel geflüchtet sind, gehören zu den Millionen Menschen, die durch Gewalt und Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Vom Friedensprozess in Kolumbien, in den viele Hoffnungen setzen, erwartet Maria Murillo Mosqueda nicht viel: „Also ich habe Zweifel.“

Offenes Ohr für Sorgen

Den Gesundheitsdienst sucht die Frau nicht nur wegen der medizinischen Versorgung gerne auf, wenn ihre Kinder zum Beispiel Fieber haben. „Hier sprechen sie mit einem“, schätzt sie auch die menschliche Zuwendung der Ordensschwestern sowie ihrer Mitarbeitenden. Ihnen schütten im Wartesaal viele Patienten aus Los Robles und zunehmend auch aus benachbarten Vierteln ihr Herz über ihre vielfältigen Sorgen aus. Luz Mery Palacio, die den Ordensschwestern freitags für den allgemeinärztlichen Dienst ihr kleines Häuschen zur Verfügung stellt, hat heute zum Beispiel ein offenes Ohr für eine Patientin, die ihr mitteilt, dass ihre farbigen Kinder im Kindergarten nicht akzeptiert seien. Andere Probleme der Hilfesuchenden reichen von den Traumata, die sie durch Gewalt und Flucht erlebten, über Schwierigkeiten in prekären Arbeitsverhältnissen bis hin zu  unhygienischen Wohnverhältnissen in zum Teil einfachen Holz- und Wellblechhütten.

In die Krankenstation, die eine von zwei Gesundheitsdiensten in dem kaum überschaubaren Randgebiet von Bogotá ist, kommen Menschen aller Generationen, vor allem aber Kinder. „Ihre wesentlichen Krankheiten sind Magenbeschwerden, Grippe, Durchfall, Atemwegsinfektionen, Fehlernährung und auch Allergien“, informiert Krankenschwesterhelferin Liliana Trilleras Diaz. Der 67-jährige Arzt Pedro Arturo Aldana Gracia untersucht heute auch mehrere Erwachsene mit zu hohem Blutdruck. Dass sich ihr Alltagsstress auf die Gesundheit auswirkt, erlebt er immer wieder. „Die Leute leben aus dem Nichts heraus. Es gibt viel Depression und Seelenangst. Oft brauchen sie nicht so sehr Medikamente, sondern eine menschliche Unterstützung, die sie in den staatlichen Diensten nicht bekommen“, so der Arzt. Er empfindet es als Berufung, seine letzten Berufsjahre im Dienst an armen und vertriebenen Menschen zu verbringen.

Solidarisch für Kollegen

Sozial Bedürftige haben in Kolumbien zwar ein Recht auf eine staatlich subventionierte Gesundheitsversorgung. Doch viele halten unter anderem lange Wartezeiten und -schlangen sowie Kosten für den Bus von diesen entfernt liegenden Diensten ab und suchen lieber das Angebot der Ordensschwestern auf. Auch wenn sie hier für die Sprechstunde rund 1,25 Euro entrichten müssen. „Wir verlangen diese Gebühren, damit nicht alles geschenkt wird. Das gehört für uns zur Würde des Patienten“, erklärt Schwester Isabel Hervas Sanchez. Wenn jemand das Geld nicht hat, wird er dennoch behandelt. Möglich ist dies sowie der Gesundheitsdienst überhaupt durch Spenden. Zu diesen tragen seit kurzem auch einige Caritas-Sozialstationen im Bistum Eichstätt bei. Sie unterstützen das Projekt nach dem Motto „Solidarische kirchliche ambulante Gesundheitshilfe“. Manche haben direkte Zuschüsse geleistet, andere auch Mitarbeiter-Spendenaktionen durchgeführt.

Neben dem allgemeinmedizinischen Dienst freitags bieten die Ordensschwestern auch einige Male im Jahr Gesundheitsaktionen in einer Schule an, bei denen viele Menschen vor allem zahn- und augenärztlich untersucht – und oft danach in ein nahegelegenes ordenseigenes Basisgesundheitszentrum zu eingehenderen Behandlungen überwiesen werden. Diese Aktionen möchten die Schwestern ausweiten. Zudem streben sie an, ein größeres Haus anzumieten, um ihren Dienst noch besser leisten zu können: in einem Raum, der mehr Platz für persönliche Gespräche, aber etwa ebenso für Ernährungsberatung oder eine Kinderspielecke bietet. So sollen Hilfesuchende durch ihre Gesundheitshilfe auch ein Stück weit Geborgenheit in der neuen Heimat erfahren.

Hörfunksendung von Radio K1 und Spendenkonto zum Projekt

Brücke von Eichstätter Schulen nach Chile

„Das Größte ist: das Leben geben für seine Freunde…“ (Jesus)

In Lateinamerika feiern wir das Gedächtnis des heiligen Bischof Oscar Romero, der am 24. März 1980 mitten in der Messe ermordet wurde, nachdem er Tage zuvor von der Kathedrale aus in einer Predigt an das ganze Land El Salvador die Militärs im Namen Gottes angefleht und ihnen befohlen hatte, nicht mehr auf das Volk zu schießen.

Der Heldenmut Oscar Romeros strahlt weiter in Lateinamerika und ermutigt uns mit, all unseren Kräften der Liebe weiter für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen gegen ein neoliberales Wirtschaftssystem, das weiter Armut und Elend produziert.

Nun möchte ich auch ein paar gute Nachrichten erzählen:

Am 14. März hat sich für uns ein Traum erfüllt, denn wir konnten bei einer kleinen Feier unsere neu gebaute Solaranlage mit 40 KWh in Betrieb nehmen. Das Projekt wurde von Prof. Ulf Blieske, seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Rudi Gecke und sieben Studenten der Technischen Hochschule Köln entwickelt. Diese haben die Anlage mit 200 Fotovoltaikmodulen hier zusammen mit unserem Experten von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Sebastian Bayer, dem chilenischen Berufsschullehrer und unseren Schülern in 14 Tagen unermüdlicher Arbeit auf dem Dach unserer Berufsschule installiert. Wie sollen wir ihnen danken?

Finanzieren konnten wir das Projekt in erster Linie mit Hilfe von MISEREOR-BEGECA, aber auch mit der wichtigen Unterstützung der deutschen Firmen Kraftwerk, Renusol und Avancis. In Chile hat der ehemalige Energieminister, Máximo Pacheco, zwei Firmen begeistert, uns kräftig beizustehen und für das Projekt zu spenden.
Über einen Monitor können wir jeden Tag genau sehen, wie viel Energie die Anlage produziert, bis zum heutigen Tag schon 1.994 KWh, dies entspricht einer Einsparung von 1346 kg CO2.

Vielleicht werdet ihr staunen zu hören, dass in diesem Jahr 29 deutsche Freiwillige junge Leute bei uns in unseren verschiedenen Diensten mitarbeiten, fünf kommen aus der Eichstätter Diözese:
Franziska Breitenhuber, Katharina Geitner, Theresa Schmidt, Susanna Bauer und Isabell Schöpfel.

Auch bei unserer Hilfe für eine Familie, die durch den Waldbrand ihr Haus verloren hat, waren sie an den Wochenenden mit viel Elan dabei.

Außerdem sind auch gerade zwei ehemalige Freiwillige bei uns zu Besuch – Agnes Birzer und Maria Brems. Welch eine Brücke haben die Schulen und Gymnasien Eichstätts zu uns gebaut!
Vor zwei Jahren war es der Spendenlauf, der für uns eine unglaubliche Hilfe in Not wurde. Diese Woche wird im Gabrieli Gymnasium ein Benefizkonzert unter Leitung von Michael Beck stattfinden für die 350 Kinder der Tagestätte Naciente, während die Lehrerin Maria Frey die Schülerinnen und Schüler des Gabrieli-Gymnasiums einlädt, „auf Überflüssiges zu verzichten, damit andere das Notwendigste haben.“

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie diese Gesten unsere Mitarbeiter berühren, wenn ich davon berichte.

Eine frohe vorösterliche Zeit – immer auf Jesu Spuren – wünscht euch

eure Karoline

Gewalt und unmenschliche Haftbedingungen in Brasilien

Gestern bekam ich einen Anruf. Es ging um eine Rebellion im Männergefängnis von Goiânia (1.900 Insassen mit nur 850 Haftplätzen). Zwei rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich nicht nur auf der Straße, sondern auch hinter Gitter. Das Resultat: 5 Tote, mehr als 50 Verletzte, 150 Gefangene wurden mit nur der kurzen Hose am Leib in ein anderes Gefängnis verlegt. Verzweifelte Familienangehörige versuchten blieben ohne Nachricht von ihren Söhnen oder Ehemännern.

Die Situation in Brasiliens Haftanstalten ist angespannt, und das nicht erst seit den blutigen Gefängnisrevolten im Dezember 2016 in Manaus und Boa Vista im Norden des Landes. In den vergangenen Wochen gab es weitere Aufstände in Rio Grande do Sul, Paraíba, São Paulo, Rio Grande do Sul, Paraíba, Rio de Janeiro – die Liste ist lang.
Die Gefängnisseelsorge, in der ich über zwei Jahrzehnte in Brasilien tätig bin, klagt seit Jahren die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen an. Jedes einzelne ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. 25 Jahre nach dem Massaker von Carandiru in São Paulo, bei dem offiziell 111 Gefangene getötet wurden, hat sich im brasilianischen Straffvollzug nichts verändert. Im Gegenteil: Es wurde schlimmer. In Manaus wurden 56 Gefangene, im Boa Vista 33 bei den Revolten getötet.

Die Medien geben den rivalisierenden Drogenbanden die Schuld. Aber wir von der Gefängnisseelsorge sehen andere Gründe. Es ist ein fadenscheiniges Argument, die derzeitige Gewalt in den Gefängnissen einfach auf die rivalisierenden Drogenbanden zu schieben. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Denn die organisierten Drogenbanden sind nur ein Produkt der unmenschlichen Haftbedingungen und der repressiven Politik der Regierung. Masseninhaftierungen, das selektive Strafsystem, unterdrückende Drogenpolitik, Folter und verzögerte und langwierige Gerichtsverfahren sind die wahren Ursachen der Gefängnisrevolten: 40 bis 70 Prozent der Gefangenen befinden sich über Monate oder sogar Jahre in Untersuchungshaft.

Der brasilianische Staat hat jüngst ein Sicherheitsprogramm vorgestellt, von dem wir nicht erwarten, dass sich die Situation im Strafvollzug ändern wird. Im Gegenteil: Jahrelanges Wegschauen und ausschließlich repressive Politik kann man nicht in kürzester Zeit mit einen Notprogramm rückgängig machen. Noch dazu mit Vorschlägen, die unserer Meinung nach die aktuelle unterdrückende und selektive Strafpolitik verstärken.

Auf der Agenda der Gefängnisseelsorge stehen vor allem die folgenden Richtlinien, um die Situation in den Gefängnissen zu ändern, die Haftentlassungen und den Straferlass möglich zu machen und die gemeinschaftlichen Praktiken der friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Wir setzen uns für folgende Maßnahmen ein: Aussetzung jeglicher Investitionen in den Bau von neuen Gefängnisgebäuden; eine Einschränkung der vorläufigen Festnahmen; die Verkürzung der Strafzeiten und eine Entkriminalisierung im Bereich der Drogenpolitik; die Erweiterung der Garantien im Strafvollzug und Öffnung der Gefängnisse für die Gesellschaft; ein absolutes Verbot der Privatisierung des Gefängnissystems; die Bekämpfung der Folter sowie die Entmilitarisierung der Polizeieinheiten und der öffentlichen Verwaltung.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch ein Interview mit Adveniat geführt.

An der Krippe begegnen wir uns

Jesus, das Kind in der Krippe, das wir anbeten, sagt uns: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ich komme gerade aus Bolivien zurück. Diesmal hat mich unser Freund Klaus Sperlich (81) von Cristo Vive Europa begleitet, der uns zusammen mit dem Göttinger Freundeskreis schon seit über 40 Jahren unterstützt. Er hat miterlebt, was hier gewachsen ist. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie froh und dankbar ich bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen wir vor Ort in ihren verschiedenen Nöten und Bedürfnissen durch eure Solidarität zu einem würdigeren Leben verhelfen können.

Bei unserer Sitzung des Teams der Leiter unserer verschiedenen Dienste der Fundacion Cristo Vive Bolivia lasen wir das Tagesevangelium, in dem Jesus freudig ausruft: „Vater, ich preise dich, dass du den Kleinen dieser Welt geoffenbart, was du den Weisen und den Mächtigen verborgen hast.“ (Lukas 20, 21-24)

Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen
Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen

Beim Austausch über diese Botschaft sagte Tilme, die Leiterin der Kindertagesstätte Chaskaya, der Elternschule und der Poliklinik Tirani: „Bei diesem Wort Jesu denke ich an mich. Ich bin als kleines Kind in Tirani aufgewachsen, war verachtet und habe schrecklich viel gelitten. Wenn ich heute ein trauriges, hungerndes, leidendes Kind sehe, sehe ich in ihm die kleine Tilme und tue alles, was mir möglich ist, ihm beizustehen. Das habe ich von Jesus gelernt.”
Alle im Team kannten Tilmes Geschichte und waren betroffen von ihren Worten. Ihre Eltern waren bekannt als Alkoholiker, die oft vor aller Augen die Bergstraße hoch torkelten oder betrunken am Wegrand saßen. Auch ich habe sie noch so gesehen. Eine ihrer Tanten in Tirani hat Tilme großgezogen und zur Schule geschickt. Nach ihrem Schulabschluss konnte sich niemand vorstellen, dass sie es schaffen würde, an die Staatsuniversität zu kommen und Pädagogik zu studieren.

Sie war gerade am Ende ihres Studiums, als unsere Schwester Mercedes im Februar 2007 in die Bergsiedlung Tirani zog, um das Leben der Menschen dort zu teilen. Sie lernte Tilme kennen, die Quetchua sprach, und ihr zunächst als Freiwillige half. Während Mercedes mit den Müttern zu arbeiten begann, die auf ihren kleinen Feldern Blumen anbauten, um sie in der Stadt zu verkaufen, bemerkte sie, dass die Frauen oft ihre Kinder vernachlässigten. Tilme, die den Leuten ja bekannt war, stand Mercedes bei, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Daraufhin stellten die Verantwortlichen der Siedlung ein altes, verlassenes Gebäude für den Dienst zur Verfügung. Bald konnte begonnen werden, Kinder darin aufzunehmen und zu betreuen, während die Mütter auf dem Acker arbeiteten oder zum Verkauf der Blumen in die Stadt hinuntergingen. Schnell kamen immer mehr Kinder und wir beschlossen Tilme anzustellen, zusammen mit Karina, einer jungen Psychologin, da wir mit Mercedes sahen, wie viele Probleme die Kinder mitbrachten, dass in deren Familien häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verrohung und materielles Elend herrschte. Gleichzeitig sah das kleine Team, dass sie nicht fertig wurden mit den rund 50 Kindern und beschlossen, junge Mütter gegen ein kleines Entgelt einzuladen, ihnen zu helfen.

Ohne die Hilfe der vielen Freunden der Organisation Cristo Vive hätten wir das nicht bezahlen können. In kurzer Zeit bemerkten wir, dass mehrere dieser Frauen das Zeug hatten, ihre Schulausbildung zu beenden und eventuell sogar eine Kindergärtnerinnenausbildung zu machen. So hatten wir nach einem Jahr sechs Frauen, die halbtags bei uns mitarbeiteten und halbtags ihre Ausbildung in einem uns befreundeten Institut begannen. Zunächst finanziert mit Spenden von Cristo Vive Europa, später von der Organisation Niños de la Tierra.

Indessen half uns das Schweizer „Notnetz Sankt Petrus“ aus Embrach zunächst auf dem Grundstück, das uns die Siedler zugewiesen haben, für unsere Gemeinschaft ein Haus zu bauen, in dem jetzt die Freiwilligen wohnen. Danach entstand das Gemeindezentrum, das gleichzeitig als Kapelle und Gemeindehaus dient.

Im Jahr 2010 begeisterten sich unsere Luxemburger Freunde, uns in Tirani beizustehen und die inzwischen notwendig gewordene Kindertagesstätte Chaskalla zu bauen, sowie die Ausbildung von weiteren Frauen zu finanzieren. Heute sind es im neuen Gebäude 120 Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren, die liebevoll von den sieben Müttern – inzwischen ausgebildete Kindergärtnerinnen – betreut werden. Vier junge deutsche Freiwillige stehen ihnen bei. Zwei Mütter, ausgebildete Köchinnen, sorgen für ein gutes Essen für alle.

Im alten Gebäude werden indessen um die 60 Schulkinder und Jugendliche begleitet mit Hausaufgabenbetreuung, Spielen und kultureller Förderung. Schwester Mercedes, die den ganzen Aufbauprozess begleitet hat, überraschte uns vor drei Jahren mit dem Vorschlag, Tilme die Verantwortung für diesen Dienst zu übergeben. Nicola Wiebe, die damalige Geschäftsführerin von Fundación Cristo Vive Bolivia, ließ sich darauf ein und wir konnten in diesen Jahren nur über Tilmes Einsatz staunen. Zeugen dieser Leistung sind auch die „Niños de la Tierra“, die nach dem Bau der Kindertagesstätte Chaskalla für fünf Jahre die laufenden Kosten für die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und der Poliklinik tragen.
Am Ende unserer Versammlung erzählte uns Tilme an jenem Tag, dass ihre Eltern nach Jahrzehnten wieder zusammenleben und immer weniger trinken würden, nachdem sie gemerkt hätten, welch wichtige Aufgabe ihre Tochter in Tirani habe. Übrigens wurde auch mir bei meinem Besuch eines Abends in der Elternschule gesagt, dass viele Eltern in Tirani weniger Alkohol trinken, seit wir dort arbeiten und ihre Kinder “wacher” geworden sind.

Wie ihr seht, werde ich immer reich beschenkt mit ermutigenden Erfahrungen in Chile, Bolivien und Peru. Aber wie noch nie zuvor fühlen wir uns im Dienst des Reiches Gottes vom Papst Franziskus gestärkt. Der Papst hatte Anfang November rund 200 Vertretern der Volksbewegungen der Armen aus 69 Ländern nach Rom eigeladen und sie mit den Worten ermutigt: 1) Steht auf gegen die Knechtschaft des Geldes (des Kapitals), 2) seid solidarisch, 3) belebt die Demokratie neu, 4) seid nüchtern und bescheiden, flieht der Bestechung.

Wir bleiben als seine Jüngerinnen und Jünger auf Jesu Spuren. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2017 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.