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„Oh wie schön ist Panama!“

Die Bauarbeiter, die im vierten Stock im noch offenen Zimmer eines Hochhauses stehen, halten in ihrer Arbeit inne, lachen und winken. Denn unten auf der Straße marschiert eine Gruppe ausländischer Pilger vorbei. Auch die Taxifahrer winken und hupen. So zeigte sich Panama-Stadt den jungen Menschen aus 156 Ländern, die zum Weltjugendtag zu Gast waren. Überall war das Logo, ein Herz mit einer stilisierten Muttergottes, zu sehen. Das Straßenbild von Panama-Stadt prägten junge Leute, die in den Straßen tanzten, klatschten, ihre Fahnen schwenkten. 110.000 Dauerteilnehmer reisten an, um eine Woche lang Gemeinschaft im Glauben und Papst Franziskus zu erleben.

Höhepunkt war wie jeden Weltjugendtag die Vigil und die Sonntagsmesse. Am Samstag machten sich die Pilger aus Panama-Stadt auf den Weg zum Campo San Juan Pablo II. im Metro Park südöstlich der Stadt. Dort entstand ein internationales Camp. Die jungen Menschen rollten Isomatten aus, bauten Zelte auf und ließen die Landesfahnen an ihren Lagern wehen.

Da der Weg nicht weit war, waren viele Pilger aus Kolumbien, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica und Mexiko angereist. Aus Europa waren die Polen stark vertreten. Nach ihnen kamen die Deutschen mit 2.300 Teilnehmern.

Eine große Gruppe aus Deutschland, 160 junge Menschen, kam mit der „Jugend 2000“ und den Bistümern Augsburg und Eichstätt, bestens organisiert von Biblische Reisen. Für viele von ihnen war der Weltjugendtag vor allem ein spirituelles Erlebnis und die Vigil mit dem anschließenden Rosenkranz ein besonderer Moment. Monika Krause aus Augsburg beschreibt diesen so: „Es kehrt Stille ein, alle schweigen und beten. Man hat richtig gespürt, dass alle im Gebet vereint sind.“ Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg erklärte später in einer Predigt: „Ein ganz starker Moment. Der Nachfolger des Heiligen Petrus mit der Jugend der Welt – stellvertretend für die ganze Welt – betend auf diesem Platz.“ In der Dämmerung wurde das Allerheiligste ausgesetzt und die Jugendlichen sanken auf ihren Isomatten auf die Knie. Der Rosenkranz später am Abend war für Philip Rusnak nach einer stressigen, heißen Anreise eine gute Möglichkeit, „nochmals ruhig ins Gebet zu gehen.“

Der versammelten Menge – bei der Vigil nach Veranstalterangaben 600.000, am Sonntagmorgen 700.000 Menschen – legte Papst Franziskus ans Herz, nicht auf ein wages Morgen zu warten. „Ihr seid nicht die Zukunft – ihr seid das Jetzt Gottes!“ Die Jugendlichen sollten sich nicht von Plänen ruhig stellen lassen, die Erwachsene für sie gemacht hätten. Denn dann begännen in der „Zwischenzeit“ ihre Träume zu verblassen. Eine Frucht der Jugendsynode sei „der Reichtum generationenübergreifenden Zuhörens“ gewesen. „Nun müssen wir uns bemühen, Räume zu fördern, in denen wir uns beim Träumen und Aufbau des Morgens schon heute einbringen können. Ein Raum, für den auch ihr kämpfen müsst.“ Zusammen mit den Großeltern und Erwachsenen sollten die Jugendlichen „den Traum verwirklichen, mit dem der Herr euch geträumt hat.“ In Bezug auf das Motto, das „Ja“ Mariens in den Worten „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ erklärte Franziskus: „Maria hat den Mut gehabt, am Jetzt des Herrn teilzunehmen.“ Ob die Jugendlichen dies auch wollten? Denn: „Euer Ja möge das Eingangstor sein, auf dass der Heilige Geist der Welt und der Kirche ein neues Pfingsten schenke.“

Manuel Hoppermann aus Hamburg hat nicht einfach nur den Papst gesehen. Er hatte den Auftrag, die Segenswünsche seiner Gastgeber in der Diözese Penonomé, wo die Gruppe fünf Tage vor dem Programm in Panama-Stadt gewohnt hatte, zu überbringen. Dort habe es sich nicht jeder leisten können, zum Programm nach Panama-Stadt zu kommen. Manche der Pilger wohnten bei Familien, wo es kein fließendes Wasser gab und keine geteerten Straßen zum Haus hinführten. Manuel Hoppermann erzählt: „Die Begegnung mit der Gastfamilie war unglaublich herzlich.“ Wie er waren alle in der Gruppe von der großen Gastfreundschaft in Panama beeindruckt, die in Penonomé erstmals erlebbar war und sich in der Großstadt fortsetzte.

Während die Jugendlichen in den Tagen in den Diözesen einen Einblick in die Kultur des Gastlandes bekamen, begegneten sie in Panama-Stadt jungen Christen aus aller Welt. „Foto? Foto?“, sprach da etwa eine Gruppe aus Guatemala junge Pilger mit Deutschlandflagge an. Schnell formierte sich da ein Gruppenbild, bei dem die Landesflaggen gut sichtbar in die Handy-Kamera gehalten wurden. „Where are you from?“ – „Wo kommst du her?“ rufen sich die Gruppen, die durch die Straßen ziehen, gegenseitig zu, während andere nebenan klatschen und Lieder singen. Beim Weltjugendtag wird den jungen Christen deutlich: Sie teilen ihren Glauben mit Vielen ihrer Generation in allen Ländern der Erde.

Während die Pilger beim Weltjugendtagsprogramm in der Stadt unterwegs waren, verfolgten viele Gastgeber in den Nachrichten die Lage in Venezuela. Bei seinem Besuchsprogramm griff Franziskus das Thema zunächst nicht auf. Bein Angelus am Sonntag sagte er, die Lage in dem sozialistisch regierten Land sei „gravierend“. Er sei dem venezolanischen Volk in diesen Stunden besonders nahe und bete für eine „gerechte, friedliche Lösung“.

Die Probleme der Länder des Kontinents kamen beim Kreuzweg zur Sprache. Die 14 Stationen wurden mit Gebeten und Meditationen von Gruppen aus Nord-, Zentral- und Südamerika gestaltet. Unter anderem sprachen junge Venezolaner über die Leiden von Flüchtlingen und Migranten und Kolumbianer von Gewalt in ihrem Land. Besonders drastisch war die Wortwahl allerdings bei der 14. Station, in der gemahnt wurde, den Mutterleib durch Abtreibung nicht „zu einem Grab“ zu machen. Die Themen Lebensbejahung und Zukunft wurden dann bei der Vigil wieder aufgegriffen. Der Pontifex erklärte, ohne Familie, Arbeit, Gemeinschaft und Erziehung sei das Leben leer. Da müssten sich auch „wir ältere Leute“ fragen: „Was tun wir, um junge Menschen voran zu bringen?“ Er stellte den heiligen Johannes Bosco als Beispiel vor und forderte: „Wir müssen sie richtig anschauen – mit dem Blick Gottes.“

In der Dämmerung strahlte auf dem Campo San Juan Pablo II. auch eine besonders: die Statue der Muttergottes von Fatima. Sie wurde in einer Prozession über das Feld gefahren. Mit ihrer Anwesenheit verwies sie bereits auf den Veranstaltungsort des nächsten Weltjugendtags 2022: Lissabon, das ebenso wie Fatima in Portugal liegt. Am Ende der Sonntagsmesse sandte Papst Franziskus die Pilger zurück in ihre Länder und dankte ihnen: „Euer Glaube und eure Freude haben Panama, Amerika und die ganze Welt zum Pulsieren gebracht.“ Diese Freude und ihre Erfahrungen sollten sie in ihren Pfarreien, Gemeinschaften und Familien weitergeben. Auf dem Rückweg vom Campo in die Innenstadt, einem Fußmarsch zur Metro unter sengender Sonne, sorgten Anwohner mit Gartenschläuchen für Abkühlung. „Vielen Dank, dass ihr da wart!“, erklärte eine Einheimische Pilgern auf dem Weg zum Flughafen. Auch zum Abschied zeigte das Land sein freundlichstes Gesicht. So mancher Pilger sagte sich da: „Oh wie schön ist Panama!“

Zu Gast bei Freunden in Panama

Fünf Jugendleiter aus der Pfarrei Postbauer-Heng – Tobias Roth, Stephanie Sigl, Thomas Meier, Christiane Kraus und David Hink – haben im Vorfeld des Weltjugendtages die Tage der Begegnung bei Gastfamilien in der Pfarrei Almirante in Panama verbracht. Hier berichten sie über ihre Erlebnisse.

……

Die Tage in unserer Gastpfarrei Almirante bei den „Tagen der Begegnung“ sind leider schon vorbei. Von unseren Gastfamilien wurden wir sehr herzlich aufgenommen, sie haben sich um alles gekümmert. Wir wurden mit Plakaten, Schildern und Luftballons am Haus begrüßt und regelrecht erwartet.

Auf dem Foto mit der Panamaerin in der Mitte, sind wir, die Kolumbianische Gruppe und Schwester Claudia aus Guatemala, die die Tage der Begegnung organisiert hat.

In der Pfarrei feierten wir und Pilger aus Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Uruguay zusammen mit den Panamaern. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde viel getanzt und gesungen. Am ersten Tag standen ein Willkommensgottesdienst und ein Abendessen bei den Familien auf dem Plan. Es gab Hähnchen mit Ananassoße.

Am zweiten Tag haben wir dann den Ort erkundet und bei einer Fotorallye sind schon Freundschaften entstanden. Dabei haben wir auch den Hafen von Almirante gesehen, bei dem es nur um eines geht: Bananen. Chiquita verschifft von hier aus seine Bananen nach Europa – nach Rotterdam und Rostock. Am Abend gab es eine Talentshow und neben Beiträgen aller Nationen gab es auch traditionelle Tänze aus Panama, bei denen alle mitmachten. Am dritten Tag stand ein Besuch auf einer Kakaoplantage an, die von Indigenen betrieben wird. Wir konnten erfahren, wie die Produkte angebaut und auch fair vermarktet werden können.

Am vorletzten Tag feierten wir auf der Isla Colon in einer Grotte Gottesdienst und entspannten mit unseren neuen Freunden aus der ganzen Welt an der karibischen Playa. Am Abend gab es dann einen bewegenden Kreuzweg durch den Ort mit Statements der Gastfamilien und der Pilger.

Die Tage in Almirante waren besonders bewegend, weil innerhalb von wenigen Tagen Freundschaften mit Leuten aus verschieden Ländern entstanden sind. (Stefanie Sigl)

Am Sonntag sammelten sich alle Pilger aus der Prälatur zu einem großen und sehr frohen Gottesdienst und dann hieß es Abschied nehmen von unseren Freunden. Mit einer Gruppe aus Kolumbien wollen wir uns aber auch nochmal in Panama-Stadt treffen.

Wir wurden von unseren Gastfamilien sehr herzlich aufgenommen und haben uns wirklich als Teil der Familie gefühlt. Unsere Gastmutter meinte: „Now you have a home, far away from home“. (Christiane Kraus)

Gruppenfoto vor der Kathedrale von Panama

Nach einem Sicherheitscheck des Busses ging es dann 14 Stunden Übernacht unter Polizeischutz nach Panama-Stadt. Hier sind wir alle fünf bei einer sehr netten Gastfamilie untergebracht, die uns schon durch die Stadt geführt hat und wo wir mit leckerem Essen verwöhnt werden.

Heute Nachmittag steht nun der Eröffnungsgottesdienst des WJT an der Cinta Costera an und wir bereiten uns gerade vor.

Ein Entwicklungshelfer auf Abschiedstour

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) bat mich um eine „Abschiedstour“ für die Spendergruppen, die mich all die Jahre unterstützten. Viele Gruppen wie Kolping, Schulen, DAHW-Gruppen, Pfarreien und das Lepramuseum in Münster konnte ich besuchen. In der DAHW-Zentrale in Würzburg hielt ich Vorträge für die Mitarbeiter und den Vorstand, dessen Präsident, Patrick Miesen, mich in einer Feierstunde verabschiedete. In Berlin sprach mir in einer Feierstunde Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), den Dank und die Anerkennung der Bundesrepublik aus: „Im Namen von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller möchte ich Ihnen für die vielen Jahre danken, in denen Sie diese wichtige Arbeit mit Hingabe unter schwierigen Bedingungen geleistet haben. Durch Menschen wie Sie wird die deutsche Entwicklungszusammenarbeit getragen“.

Ehrung durch Dr Maria Flachsbarth
BMZ-Ehrung durch Dr Maria Flachsbarth

Auch die tschechische Lepraorganisation „Likvidace Lepry“ in Prag, die unsere Lepraarbeit auch all die Jahre unterstützte, lud mich zu Vorträgen in Schulen und Pfarreien ein.

Mein ehemaliger Schulkollege aus der Realschule Reborf, Franz-Josef Beringer aus Hitzhofen, organisierte wieder ein Treffen unserer ehemaligen Schulkameraden – 45 Jahre Abschluss der Realschule Rebdorf – und berichtete auch über die Aktivitäten des Freundeskreises, der seit mehr als 20 Jahre meine Arbeit in Brasilien unterstützt und meine Kontakte zur Heimat aufrecht hält. Auf seine Initiative hin bekam ich wieder ein Fahrzeug von der Firma Audi in Ingolstadt zur Verfügung gestellt. Mehr als km 12.000 legte ich mit dem neuen Audi Q3 zurück.

Eingeladen wurde ich auch zu Gebetszönakeln der Marianischen Priesterbewegung, dessen Mitglied ich in Brasilien bin. Ich berichtete über Pater Nazareno Lanciotti, ein italienischer Priester und sehr guter Freund, der in einer kleinen Urwaldstadt rund 400 Kilometer von Cuiabá entfernt tätig war und wegen seiner Arbeit als Seelsorger und seinem unermüdlichen Einsatz für seine sehr arme Gemeinde sehr beliebt war. Am 22. Februar 2001 starb er an den Folgen des Attentats, das er am 11. Februar 2001 erlitt. Er wird als Märtyrer und Heiliger verehrt und in den nächsten Jahren selig gesprochen werden.

Ein wenig über Brasilien

Die aktuelle Situation in Brasilien ist chaotisch, einer ganzen Generation wurde die Zukunft geraubt auf Grund einer extrem korrupten Politik. Korruption war schon immer ein zentrales Problem in Brasilien.

Brasilien konnte mit einem schwachen Wachstum von knapp 1 Prozent eine dreijährige Rezession beenden. Die Arbeitslosigkeit ging leicht zurück, ist aber immer noch mit 11,7 Prozent oder 12,3 Millionen Arbeitslosen sehr hoch. Auch die Gruppe der informell Beschäftigten – ohne Arbeitsvertrag, Gelegenheitsarbeiter – ist mit 37 Millionen noch sehr groß. 43 Prozent der Jugendlichen in der Altersgruppe von 14 bis 17 Jahren waren arbeitslos und in der Altersgruppe 18-24 Jahren 29 Prozent oder 5 Millionen. Die Inflationsrate beendete das Jahr mit 4,32 Prozent. Die Armutsrate stieg im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozent, 55 Millionen Brasilianer befanden sich Ende 2018 in Armut. Ihnen stehen weniger als US$ 5,50/Tag zur Verfügung.Die extreme Armut stieg um 13 Prozent, 15,3 Millionen Brasilianer lebten mit weniger als US$ 1,90/Tag. Mehr als 55 Prozent der Städte haben keine Abwasserversorgung, 35 Millionen Brasilianer sind ohne Trinkwasserversorgung. Die Sicherheit ist weiterhin ein großes Problem, offizielle Daten von 2018 liegen noch nicht vor. Die Mordrate ist 30 Mal höher als in Europa und übersteigt jährlich 60.000 Tote.

Finanzielle Krisen der Länder und Kommunen führten zu erheblichen Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung, vor allem im Gesundheitsbereich. Immer wieder mussten Krankenhäuser wegen fehlender Gelder vorübergehend schließen. Gehälter konnten nicht bezahlt werden, was immer wieder zu Streiks führte. Zika, Dengue, Chikungunya belasten zusätzlich die teilweise chaotische Gesundheitsversorgung.

Lepra weiterhin ein großes Gesundheitsproblem

Die Zahl der neuen Leprafälle hält sich bei 27.000 Fällen jährlich, wobei der Bundesstaat Mato Grosso mit fast 4.000 neuen Fällen im Jahre 2018 eine neue Rekordzahl erreicht hat, was nach WHO-Kriterien einer sehr hohen Leprarate entspricht. Die kontinuierliche jahrzehntelange Ausbildung von medizinischen Fachkräften hat dazu beigetragen, dass in vielen Städten die Lepraarbeit fortgesetzt wird.

Der Gouverneur des brasilianischen Bundestaates Mato Grosso stellte mit seinem Gesundheitsminister im Februar den Plan zur Bekämpfung der Lepra 2018-2020 vor, der von Fachkräften des Gesundheitsministeriums und mir erarbeitet wurde. Der Plan sieht eine größere Finanzierung der Lepraaktivitäten mit Geldern des Gesundheitsministeriums in Mato Grosso vor. Sofort wurden rund 400.000 Euro zur Verfügung gestellt. Zu meiner Überraschung lud man mich ein, den Plan mit zu unterzeichnen.

Unterzeichnung des Plans zur Bekämpfung der Lepra in Mato Grosso

Der Gouverneur und alle anderen Redner würdigten meine Lepraarbeit. Ich habe Pionierarbeit geleistet und ohne mein Wirken wäre das Lepraproblem heute wesentlich größer. Der Gouverneur begann seine Rede in dem er an die 1:7 Niederlage gegen Deutschland bei der Fußball-WM 2014 erinnerte. Er erwiderte, dass ich die Niederlage wieder gut gemacht habe durch die vielen Tore und Erfolge, die ich im Kampf gegen Lepra für den Bundestaat Mato Grosso und ganz Brasilien erzielt hätte.

Manfred Göbel bei einem Votrag in Rondonopolis, Mato Grosso

Meine Aktivitäten beschränkten sich im vergangenen Jahr auf den Bundesstaat Mato Grosso, da mein Nachfolger, Reinaldo Bechler, die Koordinierung der DAHW-Projekte in Brasilien übernahm und das DAHW-Büro in der Stadt Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais eröffnet wurde.

Glücklich der Mensch, der seinen Nächsten trägt in seiner ganzen Gebrechlichkeit, wie er sich wünscht, von jenem getragen zu werden in seiner eigenen Schwäche.
Franz von Assisi

Mein ganz herzlicher Dank für die Unterstützung meiner 40-jährigen Lepraarbeit in Brasilien. Die DAHW-Projekte werden von meinem Nachfolger, Reinaldo Bechler, weitergeführt.

Das Richtige tun, obwohl das Falsche so einfach ist

Jugendliche in Colón in Panama versuchen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. 

Den Menschen in Rio Indio ist es schon gar nicht mehr aufgefallen. Auf dem Weg hinunter zum Meer und am Strand entlang lag überall Müll. Plastikflaschen, leere Chipstüten, Dosen, Reifen – von den Wellen angeschwemmt oder achtlos von den Dorfbewohnern weggeworfen. Auch für Edilsa und Jorge war der Anblick ganz normal.

„Natürlich fand ich das nicht schön, aber ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen, dass man daran auch aktiv etwas ändern kann“, sagt die 15-Jährige Edilsa. Sie bückt sich nach einer Cola-Büchse, die zwischen Algen und Treibholz liegt, und steckt sie in einen Plastiksack.

Am Horizont liegen, wie auf einer Schnur aufgefädelt, dutzende Schiffe vor Anker. Die Ozeanriesen sind mit tausenden Containern beladen, warten hier oft tagelang darauf, dass sie in den Panama-Kanal einfahren dürfen, der nur einige Kilometer entfernt liegt. „Manchmal sitzen wir abends am Strand, träumen uns an Bord und weit weg in eine andere Welt“, sagt Edilsa und hält inne. „Oh nein, geh nicht weg! Ohne dich werden wir hier niemals fertig!“, ruft ein Mädchen mit Zahnspange herüber und grinst übermütig. Die Jugendlichen lachen: „Ja, wir brauchen dich. Niemand ist so fleißig wie du!“ Edilsa lächelt. Dann wird sie wieder ernst und kommt zurück zum Thema. „Viele Leute fragen mich, warum ich Müll aufsammle, den ich gar nicht weggeschmissen habe“, sagt sie. „Ich finde es schade, dass es Menschen gibt, die so denken. Denn mit dieser Haltung kommen wir keinen Schritt weiter.

“ Müllsammeln – eine Idee der katholischen Jugendgruppe

Yithzak Yerel mit jungen Freiwilligen beim Müllsammeln am Strand. Foto: Achim Pohl/Adveniat

Die Idee zu der Müllsammelaktion am Strand hatten die Mitglieder der katholischen Jugendgruppe. An mehreren Orten in der Diözese Colón-Kuna Yala im mittelamerikanischen Panama sind die Jugendlichen aktiv und werden vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in ihrem Engagement unterstützt. „Sie sind gutes Vorbild in einer Region, in der es viele soziale und ökonomische Probleme gibt“, sagt der Bischof von Colón-Kuna Yala, Manuel Ochogavía Barahona. „Es ist toll, dass die jungen Menschen Haltung zeigen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Was im Kleinen beginnt, kann irgendwann zu etwas Großem wachsen.“

Und da ist in und rund um Colón eine Menge zu tun. Die 100.000 Einwohner zählende Stadt liegt im Norden Panamas, rund zwei Autostunden von Panama-Stadt entfernt. Eine Stadt mit zwei Gesichtern: Colón ist bekannt für seinen Hafen mit der großen Freihandelszone. Waren aus der ganzen Welt werden hier jeden Tag verladen und weitergeschickt. Ein Millionengeschäft. Auch die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe legen hier an, Schnäppchenjäger gehen von Bord, um Handtaschen, Uhren und Parfum von Luxusmarken wie Gucci, Prada und Chanel zu vergleichsweise guten Preisen einzukaufen.

Das Shopping-Areal ist von einer meterhohen Mauer und vielen Kontrollposten umgeben, sodass die Touristen hier entspannt und ohne Angst ihr Geld ausgeben können. In die Innenstadt jedoch verirrt sich kaum ein Fremder. Denn Colón gilt als der gefährlichste Ort des Landes. Wer hier nach Sonnenuntergang noch auf den Straßen unterwegs ist, spielt mit seinem Leben. Und auch bei Tage ist ein Besuch riskant.

Das war auch einmal anders. Bis 1999 verwalteten die USA den berühmten Panama-Kanal, den sie einst gebaut haben. Sie stationierten viele ihrer Landsleute in komfortablen Holzhäusern. Doch als die Vereinigten Staaten ihre Hoheit über den Kanal aufgaben und die US-Verwaltung samt Armee abzog, geriet die Stadt in einen Abwärtsstrudel. Seither verfallen die Häuser, in den wenigsten Wohnungen in der Innenstadt gibt es Strom oder fließendes Wasser. Kaum ein Haus hat eine funktionierende Toilette, Fassaden und Treppen sind so marode, dass sie immer wieder in sich zusammenbrechen.

In Colón herrschen Verbrechen und Gewalt

Der Staat scheint kapituliert zu haben. Die schwer bewaffneten Sondereinsatzkommandos, die auf ihren Motorrädern mit Sturmmaske, schusssicheren Westen und Gewehren durch die Gassen rasen, ändern nichts daran. Nicht einmal auf dem Vorplatz zur Kathedrale in der Innenstadt ist es sicher. Rund um das Gotteshaus sind Polizisten stationiert und beobachten argwöhnisch mit der Hand am Schaft des Revolvers, ob sich in den umgrenzenden Häusern etwas Verdächtiges tut.

„Das Zentrum ist fest in der Hand konkurrierender Banden“, erklärt Yithzak González Murgas. „Wenn einer einen falschen Schritt tut, wird nicht lange gefackelt. Es gibt immer wieder Tote.“ Yithzak ist Koordinator der katholischen Jugendarbeit auf nationaler Ebene. In Colón bildet er ehrenamtliche Gruppenleiter aus und unterstützt sie. Dabei sei es nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, sich sozial zu engagieren. „Desinteresse und allgemeine Resignation sind unser Problem. Die Mädchen und Jungen haben keine Perspektive und haben nicht das Gefühl, dass sie etwas an ihrer Situation ändern können.“ Jede Straße werde von einer anderen Gang kontrolliert, die so schaurige Namen tragen wie Los Niños Sicarios, die mordenden Kinder, oder La Tumba Fria, das kalte Grab. „Diese Gemeinschaften geben den Haltlosen Halt. Vor allem junge Menschen ohne Perspektive sind gefährdet, dort hineinzurutschen.“ So wie Yithzaks Freund Juan Carlos. Er war 15 Jahre alt und in das falsche Mädchen verliebt, als er Mitglied bei Los Niños Sicarios wurde. Sie hieß Ariel, eine schöne Brünette mit großen, melancholischen Augen. Eigentlich wollte Juan nur mit ihr ausgehen. Kaum hatten sie sich etwas näher kennengelernt, stellte sich heraus, dass ihr Bruder ein Bandenmitglied war – und schon war Juan Carlos mittendrin. „Es ist nicht leicht, sich für die richtige Sache zu entscheiden, wenn die falsche Sache so einfach ist“, erinnert er sich. „Mit Drogen und Diebesgut kann man schnell und einfach Geld verdienen.“ Trotzdem wurden seine Gewissensbisse immer schlimmer, und er suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

In seiner Not ging er in die Kirche. In der Jugendgruppe von San José traf er Yithzak. „Er hat sich einfach nur hingesetzt und mit mir geredet“, erinnert sich Juan. „Ich habe es nicht oft erlebt, dass sich jemand für mich Zeit genommen und sich dafür interessiert hat, was ich mache. Für mich! Ich bin doch ein Niemand, dachte ich damals. Ich hatte nicht einmal eine Mutter, die sich um mich gekümmert hat.“ Yithzak habe ihm die Augen geöffnet. „Er erzählte mir von der Liebe Gottes. Und in der Art, wie er mir mit Respekt und Freundschaft begegnete, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, aufgehoben zu sein.“

Der Bruch mit der Jugendbande

Mit dieser neuen Stärke im Herzen war dann alles ganz einfach, sagt Juan. „Ich habe den Jungs einfach mitgeteilt, dass ich ab sofort nicht mehr dabei bin, sondern jetzt lieber in die Kirche gehe. Erstaunlich, aber das hat funktioniert. Sie haben mich in Ruhe gelassen.“ Heute ist Juan Carlos 23 Jahre alt, hat einen festen Job als Lagerarbeiter in der Freihandelszone gefunden. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Angelie und Jean lebt er ein beschauliches Familienleben und ist als Ehrenamtlicher in der Kirche aktiv.

„Heute weiß ich, dass ich mein Leben selbst gestalten kann“, sagt er und lächelt. „Wenn man so denkt, dann ist man in Colón schon ein Exot.“ Die Menschen fühlten sich als geborene Verlierer und als ein Spielball der Mächtigen. Daran ändert auch das neuste Infrastrukturprogramm der Regierung nichts. Eher im Gegenteil. 500 Millionen Dollar sollen investiert werden, es gibt Pläne für neue Straßen, Schulen, Wohnhäuser und ein neues Krankenhaus. Auch das Abwassersystem und die Trinkwasserversorgung sollen endlich erneuert werden. Das klingt erst einmal gut. Im Internet gibt es zahlreiche professionell produzierte Kurzfilme, die für das Projekt werben. Da sieht man, wie gut gelaunte Bauarbeiter Beton anrühren und die Wände verputzen, im Hintergrund spielt heitere karibische Musik.

Die Realität ist weniger zauberhaft. Aktuell werden viele arme Familien, die in den heruntergekommenen Häuserkomplexen in der Innenstadt wohnen, vertrieben. Wer nicht gehen will, wird mit Waffengewalt gezwungen. In Zukunft sollen die Menschen in „Nueva Colón“, einem modernen Neubaukomplex außerhalb der Stadt, eine neue Heimat finden. Doch die Unterkünfte für insgesamt 25.000 Bewohner sind noch lange nicht fertig, die Betroffenen stehen schlichtweg auf der Straße. Wirklich kümmern tut das niemanden.

„Die Menschen fühlen sich betrogen“

„Die Menschen fühlen sich einmal mehr betrogen“, erklärt Bischof Ochogavía Barahona. „Außerdem machen sie sich Sorgen, dass am Ende nicht sie, sondern die Reichen von dem Großprojekt profitieren werden. Sie ahnen, dass sich die Leute mit Geld die Filetstücke in der Innenstadt sichern werden. Die Armen werden einfach weit weg abgeschoben in die neuen Siedlungen, in denen es zwar neue Häuser und einen schicken Fußballplatz gibt, aber keine Arbeit. Wie sollen sie sich da auf lange Sicht die Mieten leisten?“

Der Bischof von Colón, Manuel Ochogavía Barahona. Foto: Matthias Hoch/Adveniat

Im März 2018 sind die Einwohner von Colón deswegen auf die Straße gegangen. In einem „Generalstreik“ haben sie gegen das Großprojekt protestiert, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen – Schulen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen. Bischof Ochogavía Barahona wurde als Vermittler eingeschaltet. „Die Wut in den Herzen der Menschen steckt tief. Die meisten von ihnen zählen sich zu den Congo, Afro-Antillianer, die einst hier angesiedelt wurden. Ihre Ur-Großväter haben 1914 beim Bau des Panamakanals mitgeholfen. Tausende ließen dabei ihr Leben. Nachhaltig vom Kanal profitiert haben sie nicht, das große Geld landete am Ende immer in den Taschen der anderen.“ Dank der 82 Kilometer langen Schiffsstraße fließen heute jedes Jahr rund 1,5 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse. Die Einnahmen machen das mittelamerikanische Land zum reichsten Staat in der Region. Doch nirgendwo geht die Schere zwischen Arm und Reich so sehr auseinander wie hier.

Die Weltöffentlichkeit kennt das Land mit vier Millionen Einwohnern aus den Nachrichten im Zusammenhang mit den Panama Papers – dazu werden Bilder von modernen Wolkenkratzern gezeigt, die an der Standpromenade in Panama-Stadt in den Himmel wachsen. Von Colón werden die Wenigsten schon einmal gehört haben.

Weltjugendtag in Panama

Skyline von Panama-Stadt. Foto: Achim Pohl

Im Januar 2019 wird die moderne Skyline der Hauptstadt auch die Kulisse des Weltjugendtages sein. Ein Großereignis, an dessen Organisation auch Yithzak und viele katholische Jugendliche in Colón beteiligt sind. „Natürlich wollen wir, dass der Besuch des Heiligen Vaters ein großer Erfolg wird und alles reibungslos läuft“, sagt der junge Mann mit dem freundlich breiten Lächeln. „Aber wir müssen den Weltjugendtag auch dazu nutzen, dass über die Ungerechtigkeit in Panama und in vielen Ländern Lateinamerikas gesprochen wird. Ich bin mir sicher, dass das der ausdrückliche Wunsch unseres Papstes ist. Gemeinsam sollen wir den Journalisten, aber auch den Jugendlichen, die aus der ganzen Welt zu Besuch kommen, von unserer Lebensrealität berichten.“ Bislang ist geplant, dass rund 200 Jugendliche während der Tage der Begegnung – also bevor Franziskus anreist – in Colón unterkommen sollen. Sie werden bei Familien der Gemeinde wohnen. „Auch, wenn es für viele ein kleiner Schock sein wird, zu sehen, unter welchen Umständen wir hier leben, so ist es doch wichtig für das Verständnis“, sagt Yithzak. „Wir werden unsere Gäste einfach an unserem ganz normalen Leben teilhaben lassen und sie zu unseren verschiedenen Projekten mitnehmen.“ Er will sie zum wöchentlichen Chortreffen und zum Bibelkreis mitnehmen, aber auch zur Armenspeisung auf dem Hauptboulevard und in das Altenheim der Schwestern von Kalkutta (Missionarinnen der Nächstenliebe). „Wir bringen dort Lebensmittel wie Reis, Bohnen und Nudeln mit. Aber die Alten freuen sich auch unglaublich, wenn man einfach nur mit ihnen spricht oder ihre Hand hält“, sagt er. Auch Yithzak und seine Mutter wollen fünf Pilger aufnehmen. „Wir haben zwar nur eine kleine Wohnung und es wird ein bisschen eng werden, aber ich bin mir sicher, dass es ein tolles und intensives Erlebnis sein wird.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2018: Chancen geben – Jugend will Verantwortung

Die Adveniat-Weihnachtsaktion 2018 steht unter dem Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“. Für viele junge Menschen in Lateinamerika und der Karibik enden Kindheit und Jugend viel zu früh: Als Jugendliche müssen sie bereits für das Überleben ihrer Familie arbeiten. Dabei träumen sie von einer guten Zukunft, wollen zur Schule gehen, studieren und Verantwortung übernehmen – in Kirche und Gesellschaft. Zusammen mit der Kirche vor Ort gibt Adveniat benachteiligten Jugendlichen die Chance, ihre Träume zu verwirklichen. In den Monaten November und Dezember berichten Adveniat-Aktionspartner aus Brasilien, El Salvador, Kolumbien, Nicaragua und Panama, wie sie Verantwortung übernehmen und Jugendlichen Chancen geben. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 2. Dezember 2018, gemeinsam mit dem Bistum Limburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.

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Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.