Kategorie-Archiv: Kultur

„Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“

Von Johann Wolfgang von Goethe soll das Wort stammen: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“. Mit diesem Spruch hat er – denke ich – noch besser auf den Punkt gebracht, was auch ein ostslawisches Sprichwort besagt: „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“. In den letzten Adventstagen auf dem Weg zum Weihnachtsfest ist mir dies nochmals ganz bewusst geworden.

Unser Seminaristenchor hat in diesem Jahr einige deutschsprachige Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen. Beim Einüben dieser Weihnachtsgesänge wurde mir immer bewusster, was ich durch mein Auslandsstudium in Eichstätt immer wieder verspürte, aber darüber im Grunde genommen nie richtig nachdachte. Der geistliche Gehalt eines Textes erschließt sich auf eine besondere Weise, wenn der Text in einer erlernten Fremdsprache gelesen, gebetet, gesungen oder meditiert wird. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass gut bekannte Texte aus der Heiligen Schrift und der Liturgie – in Fremdsprachen vorgetragen – sich plötzlich neu zeigen. Wenn ich die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament in deutscher Sprache höre, entdecke ich etwas Neues und denke oft: Das habe ich so auf Kirchenslawisch bzw. Ukrainisch noch nie gehört. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das gelesene und gehörte Wort in der Muttersprache nicht immer mit ausreichender Konzentration vernommen wird. Das Zuhören und Lesen in einer Fremdsprache ist womöglich eher durch Wissbegierde ausgezeichnet und scheint mir somit gesammelter zu sein.

Auch beim Singen unserer ostkirchlichen Gesänge in unserer Heilig-Geist-Kapelle, in der die Gottesdienste hauptsächlich in deutscher Sprache gefeiert werden, ergeht es mir oft so. Schlagartig komme ich auf einen Gedanken, werde von einer blitzartigen Idee geradezu überwältigt oder bleibe einfach bei einem Wort oder Ausdruck hängen. Ich denke mir bzw. frage mich dann zugleich: Das war mir doch in der Muttersprache gut bekannt, warum habe ich dies bisher nie so gesehen oder verstanden?

In solchen Augenblicken, wenn sich das gelesene oder gehörte Wort plötzlich neu erschließt und ganz lebendig wird, wird man wirklich mit großer, innerer Freude und Zufriedenheit erfüllt. Denn als aufnehmender und meditierender Mensch geht man an die Inhalte der Texte und Lieder aus verschiedensprachigen Perspektiven heran, aus so vielen Blickrichtungen, wie viele Sprachen ich beherrsche. Wahrscheinlich ist gerade diese Erfahrung in den eingangs zitierten Sprichworten in Worte gefasst: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“.

Auch im Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Wortes Gottes, bzw. seiner Geburt, die wir als Christen in diesen Tagen feiern, kommen die beiden Sprüche zum Tragen. Gott lässt nicht nur uns reifen und uns durch das Erlernen von Fremdsprachen wieder und wieder Mensch werden, sondern er geruhte in seiner Liebe zu den Menschen selber Mensch zu werden. Er hat unsere Sprache gelernt. Er hat die Sprache unseres Fleisches und Blutes gelernt und ist Mensch geworden, um uns zu verstehen und sich uns ganz und gar verständlich zu machen.

In der Freude über das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des wahren Menschen, der durch die Menschwerdung unsere Sprache spricht, grüßen wir vom Collegium Orientale alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK mit einem ukrainischen Weihnachtslied in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Michael Grill (München), die mich unter anderem zu diesem kleinen Impuls angeregt hat: „Himmel und Erde singen, jubilieren … (Satz: o. Nezhankivskyy / R. Stetsyk; Chor des Collegium Orientale)“

In den verborgenen Gassen Barcelonas – Unterwegs mit einem ehemaligen Obdachlosen

La Rambla dels Caputxins

Wir treffen uns vor dem Liceu, der Oper Barcelonas. Das herrliche Jugendstilgebäude liegt direkt an den Ramblas und hat eine eigene Metro-Station. Über zwei Millionen Touristen schlendern angeblich monatlich auf der berühmten Flaniermeile hier vorbei. Heute drängen sich zwischen den Italienern und Japanern in buntem Freizeitlook auch Herrschaften der katalanischen Highsociety in feiner Abendrobe. Es ist Prämiere von Mozarts „La Flauta Magica“. Obwohl er nur 20 Meter neben mir steht, entdecke ich ihn erst nach einer halben Minute Ausschau, Juan Gonejero. Am Liceu, an der Oper, wollte er sich mit mir treffen, „weil hier die verrückten und gegensätzlichen Welten Barcelonas wie nirgend anderswo aufeinander prallen“. Der 54-jährige Spanier möchte mir „sein“ Barcelona zeigen. Seit gut zwei Jahren ist er professioneller Stadtführer und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Nachfrage nach seinen Führungen ist steigend. Aber nicht nur, weil die Zahl der Touristen in Barcelona ständig ansteigt, Juan zeigt seinen Kunden neben den berühmten Sehenswürdigkeiten der katalanischen Mittelmeermetropole auch noch was ganz anderes: Die unsichtbare Welt der Penner, Obdachlosen, Junkies und Bettler. Über fünf Jahre hat Juan in dieser Welt gelebt – und überlebt, dank „Chiringuito de Dios“ – der Obdachlosen-Tafel

des Deutschen Wolfgang Striebinger – und „Hidden City Tours“ – Stadtführungen von ehemaligen Obdachlosen, einer Initiative der Engländerin Lisa Grace.

Carrer dels tres Llits

Als erstes führt er mich in die Carrer dels tres Llits, in die „Gasse der drei Löwen“. Sie führt direkt von der Plaça Reial hinein ins Zentrum der mittelalterlichen Altstadt. Der „Königliche Platz“ gilt als das „Wohnzimmer Barcelonas“ und als „i-Pünktchen“ bei einem Altstadtbummel mit Spaziergang über die Ramblas. Die heutige Anlage des rechteckigen Platzes stammt aus dem Jahr 1848 und ist napoleonischen Stadtplänen nachempfunden. Der herrliche Brunnen im Zentrum, die von Antoni Gaudí entworfenen Laternen und die Palmen geben dem Ort sein unverwechselbares, südländisches Flair. Egal ob bei Tag oder bei Nacht, der Platz wird rund um die Uhr von Müßiggängern, Touristen und vielen anderen Gestalten heimgesucht. Einen großen Gewinn aus dieser ununterbrochenen Bevölkerung ziehen auch die unzähligen Restaurants und Cafés unter den kühlen Arkaden an den vier Seiten. Dazwischen – ein Jazzfan darf natürlich nicht vergessen, darauf hinzuweisen – der weltberühmte Jazzclub „Jamboree“, in dem sich die Musiker der lokalen und weltweiten Jazzszene die Klinke reichen.

Und gerade 50 Meter neben diesem Highlight der Sehenswürdigkeiten Barcelonas, eben in der „Drei-Löwen-Gasse“, dahin zog es Juan ein- bis zweimal täglich, als er noch auf der Straße lebte. Die „Missionarinnen der Barmherzigkeit“, die Schwestern der heiligen Mutter Theresa von Kalkutta unterhielten hier jahrelang ihre Obdachlosen-Tafel. Ohne diese Einrichtungen, wie es sie von unterschiedlichen Institutionen in allen Vierteln Barcelonas gibt, hätten die meisten Wohnsitzlosen keine Überlebenschance. Über 200 Essen gaben sie täglich aus. Vor einigen Jahren sind die Schwestern in das ehemalige Kloster Sant Augusti im Stadtteil „Raval“ umgezogen, dort ist die Not noch größer.

La Rambla de Santa Mònica

Auf dem Weg zurück zu den Ramblas kommen wir an dem Fünf-Sterne-Restaurant „Los Caracoles“ vorbei. Juan und ich können durch einen Fensterschlitz sehen, wie in der Küche gerade die berühmten Schnecken des Hauses gebrutzelt werden. Bevor uns aber das Wasser im Mund zusammen läuft, drängt mein Stadtführer weiter, er will mir eine Filiale der CaixaBank, der bekanntesten „Volksbank“ Kataloniens, zeigen. Bankautomat und Eingang liegen an einem kleinen Platz, unmittelbar neben der hochbelebten Rambla de Santa Mònica. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die Geld abheben wollen, zieht es in die geschützte Ecke und in den Vorraum der Bank, auch zahlreiche dunkle Gestalten lümmeln sich hier herum. Dort kann man den Leuten direkt „auf die Pelle rücken“, erklärt mir Juan, und so gibt dann fast jeder, nachdem er sich einige Hundert Euro gezogen hat, ein oder auch mal zwei Euro an den aufdringlichen Bettler ab. Außerdem ist der Vorraum ein idealer Schlafplatz, besonders in den kalten Wintermonaten. Die Tür lässt sich sogar von Innen zusperren.

Carrer de Lancaster

Wir überqueren die Ramblas und dringen in die dunklen Gassen des Raval ein, des seit Jahrhunderten verrufensten Viertels von Barcelona. Bis heute ist in der Stadt der Migrantenanteil nirgends so hoch wie hier. Arabische Schlachtereien, pakistanische Telefonläden und afrikanische Shops mit Plastikramsch aller Art unmittelbar nebeneinander. Angeblich bis zu 30 000 Migranten jährlich musste der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten aufnehmen. Außerdem konzentriert sich hier auch das „Rotlichtmilieu“.

Gerade knapp 50 Meter haben wir die Ramblas hinter uns gelassen, da stoßen wir an der Rückseite des Teatre Principal auf die Carrer de Lancaster, wo bis vor Kurzem noch öffentliche Toiletten-Kabinen standen. Hier erzählt mir Juan die Geschichte von Mario, den er einmal in einer der Kabinen mit einer Überdosis gefunden hat. Durch einen sofort herbeigerufenen Notarzt konnte der Drogenabhängige gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Ob Mario heute noch lebt, weiß Juan nicht, er hat schon jahrelang keinen Kontakt mehr in die Szene.

Plaça de Blanquerna

Wir kommen an die Plaça de Blanquerna, und damit an das Museu Maritim, das sich in den mittelalterlichen Schiffswerften, den Drassanes, befindet. Von dem kleinen, unspektakulären Platz führt eine unauffällige Tür in das Rückgebäude des Museums, man könnte vermuten es wäre der Hintereingang. Hier ist das „Baluar“, klärt mich Juan auf, Barcelonas größter „Pick-Saal“. Unter ärztlicher Aufsicht können sich dort Junkies ihr Heroin spritzen. Das nötige Werkzeug und die professionelle medizinische Betreuung wird ihnen in der Einrichtung der Generalitat de Catalunya, der katalanischen Landesregierung, zur Verfügung gestellt – natürlich hygienisch sauber. Ohne diese Anlaufstelle für die Drogenabhängigen gäbe es sicher noch weit mehr Drogentote in der Stadt.

Carrer de l’Hort de Sant Pau

Nur einen Steinwurf weiter, stehen wir vor Sant Pau del Camp – meiner Lieblingskirche. Im Jahr 911 wird das Benediktinerkloster zum ersten Mal erwähnt, damals stand es auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt. Heute ist es das einzige Kirchengebäude in Barcelona, das noch weitgehend in seinem ursprünglichen romanisch-mozarabischer Baustil erhalten geblieben ist. Auch Picasso hat sich oft stundenlang in dem wunderschönen kleinen Kreuzgang aufgehalten und sich inspirieren lassen. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig an Werktagen in der kleinen Pfarrgemeinde die Messe gefeiert. Östlich des ehemaligen Klostergeländes schließt sich der „Garten des hl. Paulus“ an, dieser wird begrenzt von den Gebäuden des Konservatoriums und der „Guardia Civil“, der staatlichen Landpolizei. Trotz dieser kirchlichen und polizeilichen Nachbarschaft ist der „Hort de Sant Pau“ bis heute – vor allem in Abend- und Nachstunden – ein bekannter Platz für „Drücker“ und Drogenhändler. Tagsüber sind vor allem die bürgerlichen Schrebergärten und der Kinderspielplatz neben der Kirchenmauer belebt. Kinder, Eltern, Kleingärtner, Kirchenbesucher, Touristen, Drogenjunkies und -händler, Polizisten und Musikstudenten tummeln sich in einem Umkreis von gerade mal 150 Meter.

Carrer de l’Aurora

Einen ganz besonderen Ort möchte mir Juan vor Abschluss der Tour noch zeigen: In Mitten von abgerissenen und halb eingefallenen Häusern, versteckt hinter schmutzigen, dunklen Gassen, eine kleine, grüne Oase – neben der „Gasse des Sonnenaufgangs“. Eine Freifläche, die durch den Abriss mehrerer Gebäuden entstanden war, wurde in Eigeninitiative von Nachbarn, Migranten, Hausbesetzern und Obdachlosen als Garten und kleiner Park hergerichtet. Sofas, Tische und Stühle aus dem Sperrmüll, liebevoll zwischen Blumenbeeten und Wegen aufgestellt, laden zum Verweilen ein. Die hohen Häuserwände sind mit bunten Graffiti bemalt. An einer großen weißen Fläche an einer der Hauswände werden sonntags Filme projiziert, sagt Juan. Eine scheinbar perfekte, friedliche Oase in Mitten eines sozialen Chaos – wenn nicht an der Hauswand direkt neben dem Eingang zu dieser Oase das Graffiti-Denkmal an den Tod von J. A. Benitez wäre. Das Bild erinnert an den 50-Jährigen, der im Jahre 2013 an dieser Stelle ums Leben kam, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen worden war.

Carrer d’Espalter

Die letzte Station auf meiner Tour mit Juan ist der „Chiringuito de Dios“, die „Suppenküche Gottes“. In der engen Gasse „Espalter“, zwischen einem pakistanischen Handyladen und der supermodernen, neuen FilmoTeca, liegt die kleine Obdachlosen-Tafel, die für Juan zur Endstation in seinem Leben auf der Straße wurde. Der Schwabe Wolfgang Striebinger hat die Tafel vor über 20 Jahren gegründet. Inzwischen wird sie von einem eingetragenen Verein verwaltet, der Wolfgang als Geschäftsführer angestellt hat. In drei Schichten werden fünf Tage in der Woche zwischen 60 und 80 Essen ausgegeben, Frühstück und Abendessen. Donnerstagmittag gibt es eine riesige Paella, gestiftet vom Starkoch eines Fünf-Sterne-Hotels am Strand. Außerdem können sich täglich an die 30 Familien Obst, Salat, Brot, Nudeln und allerlei anderer verpackter Lebensmitteln abholen, das dem Chiringuito von Supermärkten überlassen worden ist. Drei bis fünf feste Mitarbeiter hat Wolfgang, ehemalige Obdachlose. Sie „schmeißen den Laden“ ehrenamtlich, dafür können sie kostenlos in einer Wohnung neben dem Chiringuito wohnen. Vor gut sechs Jahren kam Juan hierher. Der Chiringuito hat ihm das Leben gerettet, ist er überzeugt. Hätte er diese Chance damals nicht ergriffen, dann hätte er es wahrscheinlich nie mehr weg von der Straße, zurück in eine gesicherte Existenz, geschafft.

Und im Chiringuito de Dios war es schließlich auch, wo vor zwei Jahren die junge Engländerin Lisa Grace auf den Deutsch-Spanier aufmerksam wurde. Lisa war gerade dabei eine eigene Firma zu gründen, „Hidden City Tours“, und suchte dafür die richtigen Leute. Nach einer professionellen Schulung durch Historiker und Stadtkenner sollen ehemalige Obdachlose ihre ganz eigene Art von Stadtführungen anbieten. Ein Projekt, das in manchen Großstädten Europas bereits seit Jahren gut funktioniert und ankommt. Und auch in der von Touristen überfüllten Stadt Barcelona kann sich die Firmengründerin Lisa nun vor lauter Nachfrage fast nicht mehr retten. Lisa hat eine Marktlücke entdeckt und Juan seine Leidenschaft: Den Menschen „seine“ Stadt zeigen.

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Barcelona. Was mir Juan aber in drei Stunden gezeigt hat, das habe ich in all den fünf Jahren nicht gesehen. Mir tun meine Füße weh vom vielen Laufen, und mir brummt mein Kopf von der Hitze der Abendsonne und vom aufmerksamen Zuhören. Wir setzen uns auf die Terrasse einer Bar und bestellen uns was zum Trinken. Es geht auf Mitternacht zu, als ich endlich meinen Heimweg antrete. Juan hätte noch die ganze Nacht hindurch faszinierende Geschichten aus seinem spannenden Leben erzählen können. Geschichten eines Menschen, der es geschafft hat, und der deshalb heute furchtbar stolz und dankbar ist.

Jamala, Herr der Ringe und die Ukraine

Was könnte der Sieg von Jamala beim ESC 2016 noch alles bedeuten?

#Eurovision 2016, #Ukraine, #Jamala: Unter diesen Stichwörtern erscheint in der Internet-Suche als Erstes der Text des Liedes in Englisch und Deutsch, das beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat:

When strangers are coming
They come to your house
They kill you all
And say
We’re not guilty

We could build a future
Where people are free
To live and love
The happiest time

Wenn Fremde kommen
Kommen sie zu eurem Haus
Sie töten euch alle
Und sagen
Wir tragen keine Schuld

Wir könnten eine Zukunft erschaffen
Wo die Menschen frei sind
Zu leben und zu lieben
Die glücklichste Zeit

Das Lied Jamalas, einer Krimtartarin aus der Ukraine, ist ein sehr persönliches Lied. Es berührt den Hörer wegen des persönlichen Schicksals von Jamalas Urgroßmutter, auf dessen Grundlage das Lied entstanden ist. Trotz der Kürze des Liedes lässt der Text wegen seiner aktuellen Brisanz den Hörer tief in die Geschehnisse von damals eintauchen. Das Lied handelt von der Vertreibung der ethnischen Krimtataren im Jahre 1944 von der Krim nach Zentralasien im Rahmen der stalinistischen Säuberungen, unter denen die Ukraine mehrmals zu leiden hatte. So gab es neben der Verschleppung der Krimtartaren auch den Holodomor, die künstlich hervorgebrachte Hungersnot in der Ukraine, in der Millionen sterben mussten.

Erich Maria Remark schrieb einst: „Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik“ (Der schwarze Obelisk). Man vergisst die Zahlen leicht, wenn man die Namen nie gekannt hat. Eine ukrainische Dichterin, Lina Kostenko, hat dazu einmal tiefgehend und treffend geschrieben: „Alles muss vergehen, weil sonst nichts entstehen kann. Aber wenn dein Vater vergeht … tut es weh“. So hat Jamala ihre persönliche Familiengeschichte besungen, sie der Welt erzählt und damit den unbekannten Opfern ein Gesicht – und einen Namen – gegeben. Die Welt hat ihr zugehört.

Der ESC fand in diesem Jahr am Pfingstwochenende statt und so kann gesagt werden, es ereignete sich von neuem ein kleines Pfingstwunder: Jamala hat Englisch und Tatarisch gesungen und die Zuhörer konnten sie und ihre Botschaft in den verschiedenen Ländern verstehen. Im Vorfeld des ESC 2016 wurde Jamala von Journalisten gefragt, was ein eventueller Sieg für sie bedeuten würde. Jamala antwortete ganz spontan: Dann würde ich mich von allen verstanden wissen. Und dies ist auch zur Freude vieler eingetreten.

Durch Jamalas Lied wurde nicht nur dem Schmerz einer einzigen ukrainischen Familie eine Stimme gegeben, sondern das Leid der ganzen Ukraine gehört. Und hierbei wurde nicht nur das Leid aus der Vergangenheit, sondern die heutige Tragödie – das Vertreiben ganzer Dörfer, Städte und Gebiete – wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch wenn der Fokus der Medien zurzeit verständlicherweise auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet ist, geht der Krieg im Osten der Ukraine weiter, mit täglichen Meldungen über Verwundete, Vermisste und Tote. So starben zum Beispiel gestern sieben Menschen: Sieben Tote bedeuten sieben betroffene Familien, Eltern, Eheleute, Kinder und Freunde …

In dieser für ihr Heimatland schwierigen Zeit hat Jamala der Ukraine eine Stimme verliehen, um durch ihr Lied die in der Geschichte geschehene Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu benennen. In ihrem Lied trug sie jedoch auch die Hoffnung auf eine Zukunft weiter, eine menschenwürdige und friedliche Zukunft, besonders für ihr Land und dessen Nachbarn, bewohnt von Menschen mit redlichen und friedlichen Herzen.

Jamala und die ganze Ukraine sowie alle, die für sie gestimmt haben, freuen sich über ihren Sieg. Aber hat dieser Sieg beim ESC 2016 sonst noch eine Bedeutung?

Die Buchserie von Tolkien (v. a. „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) wird oft als das beste literarische Werk des 20. Jahrhunderts bezeichnet, unter anderem weil ihr Autor selbst im Ersten Weltkrieg war und aus persönlichen Erfahrungen und einer besonderen Hoffnung schreibt. Einige Gedanken aus seinen Werken können auch einen neues Licht auf den ukrainischen Konflikt werfen.

Für Jamala: „Es ist nutzlos, Rache zu erfüllen mit Rache; es heilt nichts“ (Frodo in Die Rückkehr des Königs). Im 21. Jahrhundert, da es noch so viele Kriege in der Welt gibt, ist jeder dazu berufen, auf seine Weise die Botschaft des Friedens weiterzugeben und zu verbreiten. Die Familie der Sängerin  bewahrt die Erinnerungen an die furchtbare Vergangenheit, die sie besingt. Das Lied ist jedoch nicht vom Gefühl und Wunsch der Rache motiviert, sondern ihr Inhalt verweist auf die Zukunft, die schön und friedlich erhofft wird. Die Wahl Jamalas spricht für die Gesellschaft und die jungen und älteren Generationen: Die Zuhörer sind keine oberflächlichen Menschen, sie sind empfänglich auch für die tiefsten Empfindungen der Seele und für die ernsten Dinge eines menschlichen Lebens; vielleicht auch besonders sensibilisiert durch die humanitären Migrationskatastrophen unserer Zeit. Für die Sängerin ist der Sieg somit eine zufriedenstellende und befreiende Erfahrung, dass auch ernste und authentische Lieder heutzutage Gehör finden.

Für die Ukraine: „Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der sonst alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen: die Stadt der Menschen…“ (Faramir in Die zwei Türme). Für die Ukrainer ist derzeit sehr wichtig, nicht zu vergessen, warum man kämpft und wen man verteidigen will. Solange man für seine Heimat und für seine Verwandten kämpft, ist das meiner Meinung nach gerecht und auch verpflichtend. Es darf jedoch nicht einfach einen Krieg um eines Krieges selbst willen und ein Blutvergießen aus rachesucht geben. Der Krieg darf insbesondere nicht zu einem Geschäft werden. Wenn wir wirklich den christlichen Frieden wollen, dann ist das Ziel berechtigt, von Gott gesegnet und es wird auch erreicht werden. Jamala geht uns mit ihrem Aufruf zum Frieden unter den Menschen als Vorbild voran!

Für die Eurovision-Show: „Es geht nichts über das Suchen, wenn man etwas finden will. Zwar findet man bestimmt etwas, wenn man sucht, aber es ist nicht immer das, was man gesucht hat“  (Thorin Eichenschild in Der Hobbit). Da der ESC vor allem eine Pop-Show genannt wird, weil es dem populus, also dem Volk bzw. uns allen gefallen sollte, ist es nicht sehr einfach ein Lied auszusuchen, das allen gefallen könnte. Wenn Jamals Lied dieses Jahr gewonnen hat, d. h. mit einer ziemlich schwierigen Melodie und schon gar keiner „Pop-Melodie“, mit einer Harmonie ethnisch-lokalen Kolorits, mit einer solchen schwierigen und tiefen Vorgeschichte und dementsprechenden Worten, kann das allein schon ein Zeichen sein, dass die Zuhörerschaft wächst und reift, nicht nur was ihre Anzahl angeht, sondern auch die Mentalität und die Wahrnehmung. Vieleicht hat man etwas Anderes gesucht; vieleicht hat man aber auch genau das Richtige gefunden, wonach man ursprünglich gar nicht gesucht hat.

Für die Welt:Wir können nicht entscheiden, wie viel Zeit uns gegeben wird […]. Aber wir können uns entscheiden, was wir mit dieser Zeit anfangen wollen(Gandalf  in Die Gefährten). Die Zeit vergeht, die Generationen ändern sich. Das Einzige, was sich nicht ändert, ist, dass die Menschen kämpfen und zwar immer und nur untereinander. Anstatt diesen Ring des Todes, des Bösen, der Kriege, der Sünde zu zerstören oder zumindest eindämmen zu wollen, will man den Ring immer noch behalten, ja erweitern. Aus diesem Grund ist der Mensch bereit, seinen Bruder zu töten. Auf verschiedene Weise zeigt sich das überall in der Welt, nicht nur in der Ukraine. Der Sieg Jamalas ist deshalb wichtig, weil er zum Gesinnungswandel aufruft, zur Bereitschaft von uns allen, „eine Zukunft zu erschaffen, wo die Menschen frei sind, zu leben und zu lieben…“. Das meinte Tolkien auch, als er schrieb: „Die Welt ist wahrlich voller Gefahren, und es gibt viele dunkle Orte auf ihr; doch noch immer gibt es vieles Schöne, und obwohl heute in allen Landen Liebe mit Leid vermengt ist, wird das Schöne vielleicht um so größer“  (Haldir in Die Gefährten).

Die Vergangenheit soll man nie vergessen, aber wir nähern uns der Zukunft mit der Geschwindigkeit von 3600 Sek/Stunde, und die Zukunft ändert sich, während wir „unterwegs“ sind. Es kommt nun auf uns an, was unsere Kinder erleben werden: „Doch es ist nicht unsere Aufgabe, alle Zeiträume der Welt zu lenken, sondern das zu tun, wozu wir fähig sind, um in den Jahren Hilfe zu leisten, in die wir hineingeboren sind, das Übel in den Feldern auszumerzen, die wir kennen, damit jene, die später leben, einen sauberen Boden zu bestellen haben“ (Gandalf in Die Rückkehr des Königs).

Star Wars und Pfingsten

Zwei Meter hoch, furchterregend, so steht er in der kleinen Olympiahalle in München: Darth Vader, die Verkörperung des Bösen, in der Ausstellung „Star Wars Identities“, ab Pfingstsamstag (14. Mai). Der Filmemacher George Lucas schafft in „Star Wars“ eine Welt von mythischer Strahlkraft, mit dem „Kampf zwischen Hell und Dunkel, Vater und Sohn, Natur und Technik, West und Ost“. Der Autor bediente sich ganz bewusst „der großen Erzählungen unserer Kultur, reicherte sie mit Westernelementen und einem Schuss asiatischer Spiritualität – und schuf so ein postmoderne Epos von bleibender Faszination“. (Star Wars – Der Mythos unserer Zeit, Philosophie magazin, Sonderausgabe 5. November 2015).

Die aktuelle Ausstellung „Star Wars Identities“ in München konfrontiert den Besucher mit diesen Fragen. Angesichts des acht Meter langen interstellaren Raumschiffes („podracer“) und entlang an rund 200 Exponaten kann man an interaktiven Stationen, mit Kopfhörer und Armband, 10 Fragen zur eigenen Identität beantworten:

Etwa: Mit welchen Genen bin ich auf die Welt gekommen und wie wurde ich erzogen? Wie werde ich beeinflusst? Welche Werte vertrete ich? Wie würde ich mich in Gefahrensituationen verhalten? Auf welcher Seite stehe ich: auf der guten oder auf der dunklen Seite der Macht?

Das Armband speichert meine Entscheidungen an den Stationen und sagt mir am Ende, ob nicht doch die dunkle Seite der Macht, also Darth Vader, meine Identität bestimmt!

Sollte man das vielleicht eine säkulare Gewissenserforschung nennen, angesichts der Faszination des Bösen?

„Die Macht des Bösen banne weit“, so singt die Kirche im Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus – Komm Schöpfer Geist“!

Doch wie soll das gehen: das Böse in der Welt, in uns, bannen?

Leben heißt: sich entscheiden! In Star Wars wird dies erlebbar an Anakin und Luke Skywalker. Beide, Vater und Sohn, müssen wählen, zwischen der dunklen und der lichten Seite.

„Verführerisch ist der Ruf der dunklen Seite, denn sie verspricht grenzenlose Macht. Der junge Anakin Skywalker (der Vater) verfällt ihr und wird so zu Darth Vader. Der Seelenkampf zwischen Gut und Böse ist eine existenzielle Grundfrage, die Philosophen von Augustinus bis Heidegger umtrieb. Entscheidend bleibt dabei der Umgang mit ureigensten Ängsten. Wie Meister Yoda weiß: Furcht ist der Pfad zur dunkeln Seite“ (Philosophie magazin, S. 53). Luke Skywalker, der Sohn, widersagt und widersteht der dunklen Macht.

Manches in den Star Wars-Filmen erinnert an den Apostel Paulus – etwa die Lichtschwerter. Im Römerbrief (13,12) heißt es: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.

Die „Waffen des Lichts“ beim Apostel Paulus sind keine Lichtschwerter und auch keine Laserwaffen! Die Waffen im Kampf von Getauften und Gefirmten, so sagt Paulus, sind von anderer Art. Er beschreibt das schön im Epheser-Brief (6, 11-20):

„Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf zu beten! Betet jederzeit im Geist, seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich.“

„Das Schwert des Geistes – gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“: Das ist nicht die „Force“ in Star Wars („eine Kraft, die alles durchwaltet und mit deren Hilfe ganze Raumschiffe durch reine Konzentration aus dem Sumpf gezogen werden können“).

Die „Force“, die Kraft des Heiligen Geistes – sie ist allgegenwärtig, unsichtbar, lebendigmachend. Und diese Kraft ist an ihren Früchten zu erkennen: „Die Früchte des Geistes sind Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22).

Die Kraft des Heiligen Geistes: Das ist nicht der Wille, die Kontrolle über die Welt zu gewinnen, sie ist vielmehr die Fähigkeit, im Einklang mit dem Schöpfergeist von innen heraus die Welt zu gestalten und so zum echten Skywalker, zum „Himmmelsgeher“ zu werden!

„Veni Creator Spiritus – Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“!

Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes ist Absage an Darth Vader. Pfingsten ist Befähigung zum Widerstand gegen eine dunkle Identität in uns:

„Die Macht des Bösen banne weit,
schenk deinen Frieden allezeit.
Erhalte uns auf rechter Bahn,
dass uns kein Unheil schaden kann! “ (Gotteslob 342,5)

Video: Was feiern wir an Pfingsten?