Kategorie-Archiv: Hilfe

Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.

An der Krippe begegnen wir uns

Jesus, das Kind in der Krippe, das wir anbeten, sagt uns: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ich komme gerade aus Bolivien zurück. Diesmal hat mich unser Freund Klaus Sperlich (81) von Cristo Vive Europa begleitet, der uns zusammen mit dem Göttinger Freundeskreis schon seit über 40 Jahren unterstützt. Er hat miterlebt, was hier gewachsen ist. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie froh und dankbar ich bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen wir vor Ort in ihren verschiedenen Nöten und Bedürfnissen durch eure Solidarität zu einem würdigeren Leben verhelfen können.

Bei unserer Sitzung des Teams der Leiter unserer verschiedenen Dienste der Fundacion Cristo Vive Bolivia lasen wir das Tagesevangelium, in dem Jesus freudig ausruft: „Vater, ich preise dich, dass du den Kleinen dieser Welt geoffenbart, was du den Weisen und den Mächtigen verborgen hast.“ (Lukas 20, 21-24)

Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen
Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen

Beim Austausch über diese Botschaft sagte Tilme, die Leiterin der Kindertagesstätte Chaskaya, der Elternschule und der Poliklinik Tirani: „Bei diesem Wort Jesu denke ich an mich. Ich bin als kleines Kind in Tirani aufgewachsen, war verachtet und habe schrecklich viel gelitten. Wenn ich heute ein trauriges, hungerndes, leidendes Kind sehe, sehe ich in ihm die kleine Tilme und tue alles, was mir möglich ist, ihm beizustehen. Das habe ich von Jesus gelernt.”
Alle im Team kannten Tilmes Geschichte und waren betroffen von ihren Worten. Ihre Eltern waren bekannt als Alkoholiker, die oft vor aller Augen die Bergstraße hoch torkelten oder betrunken am Wegrand saßen. Auch ich habe sie noch so gesehen. Eine ihrer Tanten in Tirani hat Tilme großgezogen und zur Schule geschickt. Nach ihrem Schulabschluss konnte sich niemand vorstellen, dass sie es schaffen würde, an die Staatsuniversität zu kommen und Pädagogik zu studieren.

Sie war gerade am Ende ihres Studiums, als unsere Schwester Mercedes im Februar 2007 in die Bergsiedlung Tirani zog, um das Leben der Menschen dort zu teilen. Sie lernte Tilme kennen, die Quetchua sprach, und ihr zunächst als Freiwillige half. Während Mercedes mit den Müttern zu arbeiten begann, die auf ihren kleinen Feldern Blumen anbauten, um sie in der Stadt zu verkaufen, bemerkte sie, dass die Frauen oft ihre Kinder vernachlässigten. Tilme, die den Leuten ja bekannt war, stand Mercedes bei, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Daraufhin stellten die Verantwortlichen der Siedlung ein altes, verlassenes Gebäude für den Dienst zur Verfügung. Bald konnte begonnen werden, Kinder darin aufzunehmen und zu betreuen, während die Mütter auf dem Acker arbeiteten oder zum Verkauf der Blumen in die Stadt hinuntergingen. Schnell kamen immer mehr Kinder und wir beschlossen Tilme anzustellen, zusammen mit Karina, einer jungen Psychologin, da wir mit Mercedes sahen, wie viele Probleme die Kinder mitbrachten, dass in deren Familien häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verrohung und materielles Elend herrschte. Gleichzeitig sah das kleine Team, dass sie nicht fertig wurden mit den rund 50 Kindern und beschlossen, junge Mütter gegen ein kleines Entgelt einzuladen, ihnen zu helfen.

Ohne die Hilfe der vielen Freunden der Organisation Cristo Vive hätten wir das nicht bezahlen können. In kurzer Zeit bemerkten wir, dass mehrere dieser Frauen das Zeug hatten, ihre Schulausbildung zu beenden und eventuell sogar eine Kindergärtnerinnenausbildung zu machen. So hatten wir nach einem Jahr sechs Frauen, die halbtags bei uns mitarbeiteten und halbtags ihre Ausbildung in einem uns befreundeten Institut begannen. Zunächst finanziert mit Spenden von Cristo Vive Europa, später von der Organisation Niños de la Tierra.

Indessen half uns das Schweizer „Notnetz Sankt Petrus“ aus Embrach zunächst auf dem Grundstück, das uns die Siedler zugewiesen haben, für unsere Gemeinschaft ein Haus zu bauen, in dem jetzt die Freiwilligen wohnen. Danach entstand das Gemeindezentrum, das gleichzeitig als Kapelle und Gemeindehaus dient.

Im Jahr 2010 begeisterten sich unsere Luxemburger Freunde, uns in Tirani beizustehen und die inzwischen notwendig gewordene Kindertagesstätte Chaskalla zu bauen, sowie die Ausbildung von weiteren Frauen zu finanzieren. Heute sind es im neuen Gebäude 120 Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren, die liebevoll von den sieben Müttern – inzwischen ausgebildete Kindergärtnerinnen – betreut werden. Vier junge deutsche Freiwillige stehen ihnen bei. Zwei Mütter, ausgebildete Köchinnen, sorgen für ein gutes Essen für alle.

Im alten Gebäude werden indessen um die 60 Schulkinder und Jugendliche begleitet mit Hausaufgabenbetreuung, Spielen und kultureller Förderung. Schwester Mercedes, die den ganzen Aufbauprozess begleitet hat, überraschte uns vor drei Jahren mit dem Vorschlag, Tilme die Verantwortung für diesen Dienst zu übergeben. Nicola Wiebe, die damalige Geschäftsführerin von Fundación Cristo Vive Bolivia, ließ sich darauf ein und wir konnten in diesen Jahren nur über Tilmes Einsatz staunen. Zeugen dieser Leistung sind auch die „Niños de la Tierra“, die nach dem Bau der Kindertagesstätte Chaskalla für fünf Jahre die laufenden Kosten für die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und der Poliklinik tragen.
Am Ende unserer Versammlung erzählte uns Tilme an jenem Tag, dass ihre Eltern nach Jahrzehnten wieder zusammenleben und immer weniger trinken würden, nachdem sie gemerkt hätten, welch wichtige Aufgabe ihre Tochter in Tirani habe. Übrigens wurde auch mir bei meinem Besuch eines Abends in der Elternschule gesagt, dass viele Eltern in Tirani weniger Alkohol trinken, seit wir dort arbeiten und ihre Kinder “wacher” geworden sind.

Wie ihr seht, werde ich immer reich beschenkt mit ermutigenden Erfahrungen in Chile, Bolivien und Peru. Aber wie noch nie zuvor fühlen wir uns im Dienst des Reiches Gottes vom Papst Franziskus gestärkt. Der Papst hatte Anfang November rund 200 Vertretern der Volksbewegungen der Armen aus 69 Ländern nach Rom eigeladen und sie mit den Worten ermutigt: 1) Steht auf gegen die Knechtschaft des Geldes (des Kapitals), 2) seid solidarisch, 3) belebt die Demokratie neu, 4) seid nüchtern und bescheiden, flieht der Bestechung.

Wir bleiben als seine Jüngerinnen und Jünger auf Jesu Spuren. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2017 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Mobiler Einsatz in Äthiopien

Zum zweiten Mal war ich im November in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist, mit rund 100 Millionen Einwohnern, ein Vielvölkerstaat mit 80 verschiedenen Volksgruppen, eine Mischung aus afrikanischer, südafrikanischer und arabischer Kultur. Das Land war einst Vorbild für Afrika, jetzt droht es auseinanderzubrechen. Es leidet unter immer wiederkehrenden Hungersnöten – ausgelöst durch Missmanagement, Willkür und durch ausbleibende oder klimatisch geänderte Regenzeiten.

Wir (d.h. das Team von Humedica) waren im Sudwesten Äthiopiens bei den Volkstämmen der Kara (rund 1500 Angehörige) und Hamer (rund 40.000) im Einsatz. Es sind zwei der vielen Stämmen am Fluss Omo, die u.a. an den Folgen der wirtschaftlichen Interessen leiden. Ziel des Einsatzes war die gesundheitliche Versorgung (Malaria, Parasiten, Tbc, Augen- und Atemwegserkrankungen,…) im Rahmen mobiler Kliniken (mit Jeep und Ausrüstung in die Dörfer) und Schulungen in den Bereichen Ernährung und Hygiene. Hier ein Rückblick.

Tszalu (in der Karasprache: Hallo)

Bereits bei der Einreise haben wir Kontakt mit dem Ausnahmezustand, der seit Oktober andauert und auch für die Abschaltung der sozialen Medien zuständig ist, was den Kontakt nach Hause sehr erschwert. Die zweitägige Fahrt mit dem Jeep in das Einsatzgebiet am Omo ist erlebnisreich:

  • Frauen und Kinder schleppen gelbe 25 Liter Kanister am Rücken; das ist die Wasserversorgung aus dem jeweils nächstgelegenen Fluss; teilweise gehen sie kilometerweit an der Straße entlang, um den Tagesbedarf daheim zu sichern.
  • Lastwagen und ihre Container liegen neben der Piste, die auf Sand und Steinen die abschüssigen Wege nicht schafften.
  • Kamel-, Ziegen- und Rinderherden behindern nicht nur einmal die Fahrt und zwingen uns zum Ausweichen oder Halt.
  • Teilweise wird die Piste zur Rutschpartie – in jetzt trockenen aber im Unterbau noch feuchten Flussläufen, die überquert werden müssen; der letzte Regen ist noch nicht so lange her.
  • Geier fliegen hoch am Himmel und halten Ausschau nach Tieren, die es nicht mehr geschafft haben – auf der Piste oder in der Steppe.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages kommen wir an und verteilen uns in den Zelten, die neben dem ehemaligen Missionshaus aufgestellt sind. Das Haus dient uns als Lager, Küche und Gemeinschaftsraum. Wir sind rund ein Kilometer vom größten Kara-Dorf  (Dus) entfernt. Hier gibt es einen offiziellen Gesundheitsposten (Steinhaus mit zwei Zimmern). Er ist nicht besetzt – nach einer sechswöchigen oder im Glücksfall sechsmonatigen Ausbildung will keiner für rund 35 Euro im Monat im Busch allein als Gesundheitshelfer weitab der sogenannten Zivilisation tätig sein. Ein Kontakt zum/zur Medizinmann/-frau im Dorf konnte bisher nicht hergestellt werden. Die Zusammenarbeit mit ihm und die Einbindung der traditionellen Medizin sind auch ein Ziel des Gesamtprojektes hier, neben der gesundheitlichen Versorgung und dem Bau einer neuen Gesundheitsstation mit mehr Möglichkeiten.

Am ersten Abend werden wir ins Dorf gerufen: Ein Junge ist nicht mehr erweckbar, Fieber, Schleimausfluss aus dem Mund, Husten, Blick nur nach einer Seite: Ist es ein Infekt mit Krampfanfall oder Malaria mit Beteiligung des Gehirns? Der Malariatest ist negativ – trotzdem entscheiden wir uns für eine Malariatherapie – am nächsten Tag geht es ihm vorübergehend besser: Er hat überlebt! Einen weiteren Tag später schicken wir ihn ins Krankenhaus, da eine weitere Verbesserung ausbleibt und er jetzt Chancen hat, den vier bis fünfstündigen Transport zu überstehen und er dort eine weitere Therapie erhalten kann. Mit ihm schicken wir eine junge Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte und weiter blutet. Wir versorgen sie mit einem Medikament, das die Blutung vermindert. Glücklicherweise habe ich das mitgenommen.

Der erste Einsatzort liegt am Omo-Fluß neben dem neuangelegten Feld der Dorfgemeinschaft. Dieses Feld wurde über die „Straße“ hinweg angelegt, so dass ein Weiterkommen mit dem Wagen nicht möglich ist – also findet die Behandlung im Schatten zweier Bäume statt. Matten werden ausgebreitet, die Kisten für die Apotheke werden bereitgestellt, eine Stelle für Verbände bestimmt. An anderer Stelle richten wir die Untersuchungsplätze für die Ärzte und Übersetzer ein. Auf der Ladeklappe des einen Geländewagens ist die Registratur: die Namen der Patienten werden mit der teils verschiedenen Schreibweise auf den Karteikarten versucht, in Einklang zu bringen. Einer der Fahrer schickt von den dann wartenden Patienten den jeweils nächsten zum freiwerdenden Untersuchungsplatz. Ansonsten würden sich hier Trauben von Kindern und Patienten um den Arztplatz bilden und die Untersuchung wäre unmöglich. Schweigepflicht und Datenschutz sind Fremdwörter! Mit unseren fünf Sinnen, Stethoskop, Ohrenspiegel, Thermometer, Urinproben und Malariatest untersuchen und diagnostizieren wir – und wir kommen schätzungsweise zu 80% auf die gleichen Ergebnisse wie mit unseren technikgestützten und juristisch geforderten Maßnahmen zu Hause. Die Patienten gehen dann zur Apotheke, wo die Medikamente aus den Kisten heraus verabreicht werden, die Salben aufgetragen und die Verbände gemacht werden.

Wir arbeiten an verschiedenen Orten. Einer davon ist Korcho – ein Ort, an dem Safaritouristen regelmäßig Halt machen. Die Menschen bemalen sich, um gegen Geld fotografiert zu werden. Normalerweise sind es rituelle Zeichnungen auf den Körpern, die nur zu bestimmten Festtagen aufgetragen werden. Sind die Touris wieder weg, wird von vielen Karas hier das Geld in Alkohol umgesetzt – mit den Folgen von Streitigkeiten und Verletzten. Andererseits trifft dies natürlich nicht für alle zu und es ist auch zu beobachten, dass in diesem Dorf der für uns sogenannte Standard schon höher ist. Zwei Seiten des Eindringens unserer modernen Welt in eine traditionelle.

Ein anderes Erlebnis dieser „Konfrontation“: Ein Mädchen hat so starke Karies, dass alle Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung nicht helfen. Im Dorf gibt es einen Heiler/Medizinmann, der für Knochen und Zähne zuständig ist. Wir suchen den Kontakt, haben aber das Problem, das das Mädchen schreit und sich massiv gegen die Behandlung wehrt – so kann der Heiler nicht arbeiten. Es wird eine Kurznarkose gemacht und der Medizinmann zieht in einer nur ganz kurz dauernden Aktion (Schnitt und Aushebeln) den Zahn – in den nächsten Tagen wird eine weitergehende Zusammenarbeit vereinbart. Besser kann es nicht laufen!

Der Fluss Omo – die Lebensader hier im Sudwesten Äthiopiens – schlängelt sich durch die Landschaft. In der Nacht, wenn der Mond der Erde am Nächsten steht und besonders groß erscheint, erleben wir einen beeindruckenden Mondaufgang. Er kommt hinter den Bergen hervor, leuchtet über der Tiefebene und spiegelt sich im Fluss.

Genauso beeindruckend sind so manche Behandlungssituationen: Unter schattengebenden Bäumen (40 Grad) auf einer Decke sitze ich – vor mir die Patienten, hinter mir frischgeborene Ziegen, die an mir rumschnuppern – und schräg vor mir der Älteste des Dorfes, der die Behandlung beobachtet und nach Abschluss der Behandlung mit mir ein Plauschen hält: Wie alt ich sei – knappe sechzig können wegen meiner hellen Haare nicht stimmen – und ob die mitbehandelnde Ärztin meine Frau sei. Acht Ziegen will er wohl für sie bieten und sie als Zweit- oder Drittfrau erwerben.

Was bleibt, außer den tiefen Eindrücken von Landschaft und einer anderen Kultur?

  • Die Gewissheit, einigen Menschen in ihren Krankheiten geholfen zu haben
  • Eine deutsche Schwester wird dauerhaft da sein und sich der medizinischen Versorgung annehmen, wenn möglich in Zusammenarbeit mit den einheimischen Medizinkundigen und ab und zu unterstützt von einem medizinischen Team aus der Heimat (wie unseres).
  • Wir werden versuchen, die Qualität des Wassers zu testen, ob die Reinigungsmaßnahmen vor Ort effektiv sind und somit Krankheiten wirklich verhindert werden können
  • Für uns (alle) selbst die Erkenntnis, dass unser Wissen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nur sehr relativ sind, und dass wir uns auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist.

Lebensperspektive durch Betania in Kolumbien

„Das Textilhandwerk gefällt mir sehr. Ich lerne, wie man Stoffe verarbeitet, mit den entsprechenden Maschinen umgeht und neue Kleidungsstücke entwirft.“ Begeistert demonstriert mir die 28-jährige Angela Salazar im Haus Betania in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, was sie im Schneiderkurs gelernt hat. Auf einer privaten Reise habe ich die Sozialeinrichtung für alleinstehende Mütter der Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ vor kurzem besucht, die ich seit viele Jahre gemeinsam mit der Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche unterstütze. Angela Salazar lebt seit einem Jahr in Betania, inzwischen mit einem acht Monate alte Töchterchen.

Vor einigen Jahren hatte sie in der Stadt San José de Guaviare etwa 400 Kilometer südöstlich von Bogotá Furchtbares erlebt: „Es gab Massaker mit vielen gewaltsamen Gruppen der Paramilitärs, Guerilla und anderer Banden. Mein Bruder verschwand im Alter von 13 Jahren spurlos, was für mich besonders hart war. Und ich hatte viele familiäre Probleme“, erzählt sie mir. Sie wurde alkohol- und drogenabhängig. Eine Ausbildung hat Angela Salazar nie absolviert. Neben ihr im Schneiderkurs sitzen und werkeln die 20-jährige Laura Camila, die erst seit drei Wochen mit ihrem Baby in Betania wohnt, und die 30-jährige Mary Luz Susa Martinez, die bereits seit elf Jahren in der Einrichtung ist und ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Angela Salazar konnten auch sie nicht mehr in ihren Familien leben. Eine der beiden gesteht mir, dass sie missbraucht wurde.

In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung. Foto: Peter Esser
In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung.
Foto: Peter Esser

Hilfe durch psychosoziale Begleitung und Bildung

Dass die drei Frauen sowie derzeit zehn weitere in Betania wohnende alleinerziehende Mütter mittlerweile neuen Lebensmut schöpfen, verdanken sie einer Vielzahl an Hilfen in Betania: zum Großteil der Betreuung durch das Team einer Psychologin, Sozialarbeiterin und Ernährungsberaterin, auch dem Kurs in der Schneiderei. Beides wird vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke finanziell gefördert. Dass die Frauen von Anfang an und sogar noch mehrere Monate nach ihrem Auszug aus der Einrichtung durch das psychosoziale Team begleitet werden, kann nach Überzeugung der Ordensoberin Marlén Pulido in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: So können sie als Persönlichkeiten gestärkt und mit ihren Kindern ein stabileres Leben anfangen.

Seit zwei Jahren koordiniert Schwester Sandra Lopez die verschiedenen Hilfeprogramme. Wie sie mir mitteilt, hat das Team der drei Fachkräfte erheblichen Anteil daran, dass etwa die Hälfte der jährlich rund 60 Mütter in der Einrichtung im Durchschnitt nach einem Jahr wieder in ihre alte Familie zurückkehrt oder ein neues Familienleben beginnt sowie ebenfalls rund die Hälfte eine Arbeit aufnimmt. Zu Letzterem trägt freilich wesentlich bei, dass die Frauen während ihrer Zeit in Betania den Schulabschluss nachholen -, an der Ausbildung in der Schneiderei, dem Angebot „Computer“ eines Ehrenamtlichen und den Werkstätten Friseurhandwerk und Maniküre/Pediküre teilnehmen können, die von Bürgern in Bogotá unterstützt werden.

Eine Schneiderin lehrt interessierte Frauen zum Beispiel, Röcke und Blusen, Kissen, Etuis für Handys, aber auch Kinder- und Sportkleidung zu produzieren. Der Verkauf von selbst hergestellten Produkten wird in neue Materialien für die Schneiderei reinvestiert. Aus dem seit gut zwei Jahren angebotenen Kurs hat es mittlerweile eine Frau geschafft, eine Festanstellung in einem Textilbetrieb zu bekommen. Mehrere andere haben sich selbstständig gemacht und arbeiten für Betriebe und Privatleute von zu Hause aus. Dies tun viele durchaus gerne, weil sie so bei den Kindern bleiben können, wie die Schwestern mir sagen. Angela Salazar träumt davon, später eine eigene Textilfabrik zu gründen. Nicht alle im Kurs haben solche Ziele. Laura Camilia stellt sich beruflich anderes vor, „aber ich mache in der Schneiderei gerne mit, weil ich merke, dass ich dadurch Stress abbauen kann.“

Wie viele in Kolumbien sehnen sich auch die Ordensschwestern und die ihnen anvertrauten alleinstehenden Mütter danach, dass der derzeit in Kolumbien stattfindende Friedensprozess zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation FARC erfolgreich verläuft. Auf die eigene Arbeit hat sich dieser bisher allerdings offenbar noch nicht ausgewirkt. Viele Frauen, welche Hilfe in Betania suchen, sind wie Angela Salazar auch Opfer politischer Gewalt sowie Vertreibung. „Und es kommen jetzt auch etliche, die Drogen, zum Beispiel Marihuana oder Kokain, konsumieren“, berichtet mir Schwester Sandra. Auch müsse sich Betania in Kürze vermutlich minderjähriger alleinstehender Mütter annehmen. Um sie kümmerten sich zwar grundsätzlich staatliche Einrichtungen. „Doch diese sind zum Teil überbelegt“, hat die Schwester erfahren.

Neue Kinderkrippe geplant

Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will. Foto: Peter Esser
Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will.
Foto: Peter Esser

Ein weiterer Trend, den sie beobachtet, ist, dass inzwischen mehrere alleinstehende Mütter, die Betania verlassen haben, oder auch solche, die nie dort gewohnt haben, die Dienste der Einrichtung wahrnehmen. Auch jenen, die nicht in der Instituion wohnen möchten, wollen die Schwestern Chancen eröffnen. Ein Nachteil für diese Mütter ist allerdings, dass sie ihre Kinder zu Hause lassen müssen. Denn die derzeitige Kinderkrippe, von der ein Teil zudem keine Belüftungsanlage hat und der andere in einem Kellerraum liegt, bietet für sie keinen Platz.  Daher planen die Ordensschwestern, eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen zu errichten. Die Kosten von kalkulierten rund 18.000 Euro sollen – wie für andere Initiativen auch – durch eine Kofinanzierung unterschiedlicher Geldgeber aufgebracht werden. Dabei hoffen sie auch auf Unterstützung aus Eichstätt.

Wer für dieses Projekt oder andere Anliegen in Betania spenden will, kann dies auf folgendes Konto der Diözese Eichstätt tun:
Liga Bank, Eichstätt
IBAN: DE96 7509 0300 0007 6030 02
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá