Kategorie-Archiv: Hilfe

Ein lebendiges Projekt von Renovabis

Renovabis habe ich in den letzten 20 Jahren gleich aus zwei Perspektiven kennengelernt: als Stipendienempfänger in meiner Studentenzeit in Eichstätt und als Mitbetreuer der „lebendigen Projekte“, der Stipendiaten von Renovabis, in meiner Aufgabe als Vizerektor und Rektor des Collegium Orientale. Wenn ich Renovabis höre, sehe ich „grün“ und spüre spontan und dankbar einen frischen Wind des Heiligen Geistes. Ich denke dabei an die grüne Farbe des Logos von Renovabis, die für mich wie keine andere zu diesem Hilfswerk der deutschen Katholiken passt. In den östlichen Kirchen der byzantinischen Tradition, woher ich komme, wird diese Farbe für das Pfingstfest verwendet und ist für das Wirken des Heiligen Geistes reserviert. Grün bedeutet Leben, neuer Anfang, Entfaltung, Gedeihen.

So steht das Grün bei Renovabis in meinen Augen nicht nur für die Ausgießung des Heiligen Geistes, sondern auch für seine jährliche Hauptspendenaktion an Pfingsten. Sie steht zugleich für den partnerschaftlichen Umgang von Renovabis mit den Partnerländern und -kirchen, in denen und für die seine Projekte zur Förderung des Lebens, des kirchlichen und des sozialen Miteinanders, durchgeführt werden. Das Leben spenden, das Leben ermöglichen – das ist die eigentliche Eigenschaft des Heiligen Geistes, des Lebensspenders, wie es im großen Credo heißt. Er spendet das Leben, er macht alles neu und lebendig, wie das junge Grün auf den Feldern im Frühjahr und wie alles, was auf Erden wächst. So steht es Renovabis gut an, diese Farbe in ihrem Logo zu führen, denn nur ein grüner Hintergrund erklärt den Namen „Renovabis – Du erschaffst alles neu“ und beleuchtet dessen Arbeit am besten.

Es war kein Fehler und es war schön, als „Grünschnabel“ nach Deutschland zum Studium zu kommen und dabei von Renovabis als Student und Stipendiat betreut worden zu sein. Und ich bin dankbar und stolz darauf, als Stipendiaten-Alumnus zu den Gewächsen des Hauses Renovabis dazuzugehören und auch derzeit einer seiner Partner zu sein.

In diesem Jahr feiert die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen im Mittel- und Osteuropa, das Bischöfliche Hilfswerk Renovabis, seinen 25. Geburtstag. Rektor Petrynko vertrat das COr beim diesjährigen Renovabis-Kongress und der Feier des 25jährigen Jubiläums in der Katholischen Akademie Berlin vom 26.-28.09.2018. Zum Jubiläum gratulieren wir allen Freunden, Mitarbeitern und Spendern von Renovabis und wünschen in Dankbarkeit von ganzem Herzen: Auf viele Jahre – Eις πολλα ετη მრავალჟამიერ  На многая літа – Ad multos annos!

„Reine Seele trifft aufrichtigen Mann“ oder was man in fünf Tagen in Albanien alles lernen kann

Vier Lektionen habe ich kürzlich bei einer Reise mit dem bischöflichen Hilfswerk für Osteuropa, Renovabis, das in diesen Tagen sein 25 jähriges Bestehen feiert, lernen dürfen. Die Überschrift wird sich allerdings erst am Ende aufklären.

Folter politischer Gegner bis hin zu ihrer Liquidierung und das absolute Verbot der Religionen gehören zur Geschichte Albaniens. Wie jedes Land, das solch ein dunkles Kapitel geschrieben hat, tut es sich schwer mit einem würdigen Umgang mit den Opfern und deren Nachkommen. Auch die fachliche Aufarbeitung fällt nicht leicht. Gut das Justitia & Pax vor Ort den Verfall wichtiger Mahnmahle verhindert. Kein leichter Kontext für Renovabis. Aber dank der guten Projektpartner gelingt es, Versöhnung und soziale Verantwortung zu entwickeln.

Lektion 1: Gute Partner und ein vertrauensvoller Umgang sind immer wichtig.

In der kleinen Stadt Shelqet in der Diözese Sapa setzt die Kirche auf Unterstützung kleinbäuerlicher Familien und hilft bei Produktion und Vermarktung regionaler Produkte. Hier besuchte die RENOVABIS-Gruppe eine kleine Milchfarm, die mit Unterstützung des Hilfswerks traditionellen Feta-Käse produziert: (v.r.n.l.) Sabine Slawik, Stellvertretende Vorsitzende des KDFB Bayern und im KDFB Bundesverband, Shkelzen Marku, Produktionsmanager der Diözese, Gerhard Rott, Weltkirche-Referent der Diözese Eichstätt, Käseproduzentin Adelina, Tome Preku, Leiter der Stiftung „Partnerschaft für Entwicklung“ und Bischof Simon Kulli der Diözese Sapa. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Renovabis fördert und begleitet fachlich ein Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raums in der Diözese Sape. Für viele jüngere Menschen gibt es praktisch keine echte Perspektive. Darum verlassen sie – oft mit schwerem Herzen – ihre Heimat. Die kargen Böden, ein ungünstiges Klima und Landparzellen, die zu klein geschnitten wurden nach dem Ende des Kommunismus, sind zum Leben zu wenig. In Zusammenarbeit mit albanischen Fachleuten hat der junge Bischof von Sape, Simon Kulli, ein tolles Projekt auf die Beine gestellt. Es umfasst Gemüseanbau, Imkerei, sanften Tourismus, Weinproduktion und Viehwirtschaft samt Käseproduktion. Viele Menschen stehen so auf eigenen Beinen, sie haben wieder „den Geruch von Menschen“, so hat es ein Imker selbst beschrieben, als er voller Stolz seinen Honig anbot, der ihm wieder ein würdiges Leben ermöglicht. Toll gemacht Renovabis! Vergleichbares passiert auch in vielen geförderten Berufsbildungszentren, zum Beispiel in Shkodra bei den Salesianern Don Boscos oder in Lehza bei den Ordensmännern der Kongregation der Rogationisten.

Lektion 2: Wenn sich der Staat seiner Verantwortung nicht stellt, ist die Kirche mit Rat und Tat an der Seite der Armen und begreift die Ressourcen, die vor Ort gegeben sind, als wichtigen Bestandteil zur Lösungen de Herausforderungen.

Schwester Christine und Schwester Michaela gehören dem Orden der Spirituellen Weggemeinschaft an. Ihr Kloster ist nach der Mutter der Barmherzigkeit benannt und es wird bei aller Professionalität der 25 Mitarbeitenden auch in diesem Geiste geführt. Es vergehen keine 15 Minuten, ohne dass Schwester Christine nicht ihre Ausführungen unterbrechen muss, weil ein Notfall oder ein dringender Anruf ihre volle Aufmerksamkeit einfordern.

Fröhliches Miteinander der RENOVABIs-Gruppe mit den Schwestern Christina (6.v.l.) und Michaela (lks.)  im kleinen Kloster und Sozialzentrum in Dobrac bei Shkodra/Albanien: Zusammen mit einer aufgeweckten Jugendgruppe, die die Schwestern wöchentlich leiten, erfuhr die Gruppe von den Hoffnungen und Träumen der jungen Menschen, die die Gäste aus Bayern mit einem traditionellen albanischen Abend mit Essen, Tanz und Musik überraschten. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Da das albanische Gesundheitssystem nur funktioniert, wenn man über genügend Geld verfügt, um die Privatbehandlung zu bezahlen, kommen viel Nachbarn in Not hierher. Es sind Muslime und Christen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus den Bergen an den Stadtrand gezogen sind. Dort mussten die Männer als Hirten und Bauern Verantwortung tragen, hier aber „versiffen“ sie. So deutliche Worte wählt Schwester Christine immer, wenn sie über die Folgen von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Depression spricht. Die Schwestern heilen aber nicht nur Wunden, sie packen mit an und schaffen Perspektiven. Unter ihrer Anleitung bauen die Männer eine Straße, Mülltonnen wurden flächendeckend aufgestellt und regelmäßig erfolgt die Entsorgung. Soweit ein ganz normales Projekt engagierter Schwestern. Aber als Schwester Christine und Schwester Michaele mit uns in kleinen Gruppen zu sehr armen Familien fahren, die z.T. in der sogenannten Blutrache leben und wir uns bemühen, diesen sehr eigenartigen Lebenskompass zu begreifen, fehlen mir die Bezugspunkte. Das bleibt mir fremd und unverständlich.

Besuch im Berufsschulzentrum „Shkolla e mesme profesionale – Shen Jozefi Punetor“ in Rreshen, Diözese Sapa: Hier unterstützt das Bistum Sapa und RENOVABIS eine von einem italienischen Orden begründete Berufsschule für rund 320 Schüler, die in den Bereichen Spenglerei, Elektrotechnik, Automechanik sowie bald auch im Gastronomiesektor ausgebildet werden. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Lektion 3: Man kann nur lernen, was man lernen kann. Manches kapiert man nicht so einfach.

Das Zusammenleben von Christen – vorwiegend Katholiken – und Muslimen ist in Albanien auf den ersten Blick sehr unproblematisch. Sicher liegt das auch daran, dass beide Konfessionen während des Kommunismus Seite an Seite schwer gelitten haben. „Es spielt keine Rolle, wer der richtige Gott ist, es gibt einen Gott und das zählt“, sagt eine Gesprächspartnerin. Vermutlich trägt auch die liberale, moderne Auslegung des Islam viel dazu bei.  Auch religionsverbindende Eheschließungen sind eine Realität. Auf unsere Nachfrage lädt man uns ein, mitzukommen und anzuschauen, wie das geht. Da könnten wir vielleicht etwas lernen. Am wichtigsten ist aber der Respekt, den man sich gegenseitig entgegen bringt. Bestes Beispiel ist diese Anekdote: Als ein muslimischer Gelehrter zu seinem gerade verstorbenen Onkel kommt, sieht er zu der christlichen Ordensschwester, die den Mann in den Tod begleitet und dabei im Arm gehalten hat, als er noch nicht da war und sagt zu ihr: „Du hast eine reine Seele“, worauf diese erwidert: „Und du bist ein aufrichtiger Mann.“

Lektion 4: Albanien als Mitglied der Europäischen Union hat uns etwas zu bieten: eine Perspektive der friedlichen, konstruktiven Kooperation mit dem Islam. Das könnte mehr wert sein als ein paar Prozente in der Handelsbilanz.

Mit Augenmaß und Herz für geflüchtete Menschen

Über Chancen und Risiken, Erfolge und Misserfolge bei der Integration von Asylbewerbern wird auch beim Weltflüchtlingstag am 20. Juni wieder diskutiert oder sogar gestritten werden. Zeit, um einmal vor Ort zu beobachten und zu erkunden, wie diese tatsächlich erfolgt, zum Beispiel mit einem „Weitblick“  in eine Pflegeeinrichtung: Das Caritas-Seniorenheim Gaimersheim kooperiert dafür mit Ehrenamtlichen und Berufsschulen.

„Unser Haus ist letztlich ein Spiegelbild unserer sich verändernden Gesellschaft, in der vieles in Bewegung ist.“ Mit einfachen Worten bringt Irene Stiegler, Leiterin des Caritas-Seniorenheimes Gaimersheim, mir gegenüber auf den Punkt, was jedem auffällt, der mit offenen Augen durch die Einrichtung geht. In vielen Bereichen sind Mitarbeitende unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Hautfarben tätig. Knapp 30 Menschen mit Migrationshintergrund haben Irene Stiegler zufolge in den letzten drei Jahren in der Einrichtung gewirkt. Davon sind etwa die Hälfte Asylbewerber gewesen. Im Jahr 2014 stellte die in der Flüchtlingsarbeit engagierte Gaimersheimer Ruheständlerin Brigitte Böllet der Einrichtungsleiterin erstmals ein geflüchtetes Ehepaar vor. Kurze Zeit später waren der Mann und die Frau aus Eritrea in sogenannten Ein-Euro-Jobs in dem Seniorenheim engagiert:  er als rechte Hand des Hausmeisters, sie in der Hauswirtschaft. Beide arbeiten heute fest angestellt an anderer Stelle. Sie besuchen das Seniorenheim aber immer einmal wieder: auch aus Dankbarkeit dafür, dass dieses dazu beitrug, ihnen einen erfolgreichen Integrationsweg zu ebnen.

Andere, die Frau Böllet dem Haus vermittelt – oder die Irene Stiegler mittlerweile durch eine enge Kooperation mit Berufsschulen integriert hat – streben an,  in der Altenpflege zu arbeiten: zum Beispiel der 18-jährige Mehdi Mohamed Muss  aus Somalia. Er absolviert derzeit an zwei bis drei Tagen pro Woche im Rahmen eines Berufsintegrationsjahres an der Berufsschule Ingolstadt ein Praktikum in der Pflege sowie Betreuung. Er wäscht alte Menschen, hilft ihnen beim Essen sowie bei der Tabletteneinnahme, macht mit einigen Ballspiele und liest mit anderen die Zeitung. Den Beruf Altenpfleger gibt es in seinem Heimatland nicht. Doch zu seiner Motivation, diesen Beruf ergreifen zu wollen, trägt durchaus bei, „dass bei uns alte Leute als weise Menschen geschätzt werden“, erzählt er mir. Dann führt er einen Löffel mit Suppe zum Mund einer Bewohnerin. Dass der gläubige Moslem dies in einem katholischen Seniorenheim tut, stört ihn nicht: „Das ist kein Problem, sondern vielleicht sogar interessant, weil es ein religiöses Haus ist.“

Herausforderung Deutsch

Sein größte Herausforderung sieht er selbst noch darin, die deutsche Sprache besser zu beherrschen: „Oft müssen mir die Leute Dinge zweimal sagen.“ An seinem Deutsch will er noch verstärkt arbeiten, bevor er eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beginnen möchte. Eine solche Ausbildung startet im Haus bereits im September sein 19-jähriger Kollege Samuel Emam aus Eritrea. Er macht derzeit einen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung: teils im Hausmeisterdienst, wo er im Moment Waschbecken austauscht, teils in der Betreuung alter Menschen. Bei diesen spürt er eine große Offenheit ihm gegenüber, was sicherlich auch daran liegt, „dass er ein wahnsinnig liebevoller Kerl ist“, wie mir Irene Stiegler sagt. Für seine künftige Helferausbildung macht Samuel sich derzeit neben seinem Dienst in einem Sprachkurs fit.

„Gut Deutsch zu sprechen ist einfach der Schlüssel zur Integration, auch in unserem Haus“, erklärt mir die Einrichtungsleiterin. Ihr Vorzeigebeispiel dafür ist eine Frau aus Kenia, die vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und nun als stellvertretende Bereichsleiterin in dem Seniorenheim arbeitet. So sehr sich Irene Stiegler darum bemüht, vielen geflüchteten Menschen eine Chance zu geben, so unmissverständlich stellt sie klar, wo die Grenzen sind: „Wir können nicht zum Beispiel 15 mitarbeitende Menschen im Haus haben, die schlecht Deutsch sprechen. Das würde die Bewohner sowie auch die Angehörigen überfordern. Und auch die Verantwortlichen, die dann zu viel Zeit für die Lernenden aufbringen müssten und zu wenig Ressourcen für die Bewohner und anderes hätten.“ Augenmaß sei daher bei der Integration schon nötig. Die Einrichtungsleiterin verschweigt mir auch nicht Enttäuschungen, die sie erlebt hat: „Wir hatten zum Beispiel zuletzt viel Zeit in einen hoffnungsvollen jungen Afrikaner investiert, der nach abgeschlossener Qualifizierung zum Helfer die Ausbildung zur Pflegefachkraft machen wollte. Doch er sprang dann plötzlich mit dem Argument ab, Altenpflege sei ein weiblicher Beruf.“

Für die Integration von geflüchteten Menschen ziehen Seniorenheimleiterin Irene Stiegler (links) und die Ehrenamtliche Brigitte Böllet an einem Strang. Foto: Peter Esser

Vor allem christlicher  Auftrag

Solche Erfahrungen halten Irene Stiegler jedoch nicht davon ab, sich weiterhin für die Integration von Geflüchteten zu engagieren: auch aus Eigeninteresse, um dem Pflegenotstand zu begegnen: „Da werden wir zum Teil auf diese Menschen angewiesen sein, wenngleich wir dieses Problem in erster Linie mit neuen motivierten eigenen Nachwuchskräften meistern müssen“, sagt mir die Einrichtungsleiterin. Nach wie vor sieht sie es vor allem  als christlichen Auftrag, den geflüchteten Menschen eine Chance zu geben. Da ist sie sich mit Flüchtlingshelferin Brigitte Böllet einig. Diese engagiert sich auch als Vorsitzende der Missionsgemeinschaft Gaimersheim, doch sie meint: „Wenn wir Menschen weltweit helfen, dann sollten wir auch umgekehrt die unterstützen, die zu uns nach Deutschland kommen und Hilfe brauchen.“

Probleme, so Irene Stiegler, dürften nicht unter den Tisch gekehrt werden, könnten grundsätzlich aber bewältigt werden:  „Insgesamt zeigt das gute Miteinander in unserem Haus ja auch, dass Integration klappt.“ Immer wieder erlebt die Leiterin junge geflüchtete Menschen auch als Bereicherung. Sie erzählt mir: Vor einiger Zeit habe ein Angehöriger eines Bewohners einmal beim Anblick eines mitarbeitenden Asylbewerbers im Haus zunächst zu ihr gemeint: „Was will denn der bei meiner Mutter, dunkelhäutig, jung und klein …“ Kurze Zeit später habe der Angehörige  festgestellt: „Ich habe gesehen, wie meine Mutter und der ganze Tisch gestrahlt haben, als er kam, sich zu ihnen setzte, mit ihnen redete und spielte. Die waren einfach nur glücklich. Da habe ich gesehen: Der hat einfach ein gutes Herz.“

 

Ein selbstgemachtes Wunder

Der Ort Barhanpur in Indien litt jahrelang unter einer schweren Dürre. Doch das Dorf löste die Situation aus eigener Kraft. Ein Modell, dem viele Kommunen des Subkontinents angesichts des Klimawandels folgen könnten.

Den Tag, als der Regen wieder fiel und das Wasser aus den Pumpen sprudelte, wird Nitin Laxman Kajabe nie vergessen. Es war der Tag, an dem eines der wildesten Feste begann, die man im Dorf Barhanpur je gefeiert hatte. Kajabe schmückte sein Haus mit bunten Lichtern, und seine Mutter bereitete ein Festmahl vor. Seine Freunde tanzten auf den Straßen, und während die Männer und Frauen im Ort satt und müde einschliefen, wurde ihnen bewusst, dass sie am nächsten Tag mit weniger Sorgen aufwachen würden.

Barhanpur: Fast alle leben von der Landwirtschaft

Barhanpur ist ein kleines Dorf im westindischen Bundesstaat Maharashtra. 1.000 Menschen wohnen hier, fast alle leben von der Landwirtschaft. Auf den ersten Blick sieht Barhanpur aus wie eine ganz normale indische Ortschaft: Die reicheren Bauern leben in Hütten aus Stein, die ärmeren in Wellblechhäusern. Auf den ungeteerten Straßen suchen ein paar Ziegen nach Futter. Kehren die Männer abends von den Feldern heim, spielen sie in der roten Abendsonne gerne Karten.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes Barhanpur passen ihre Landwirtschaft an den Klimawandel an und machen sie widerstandsfähiger für Dürreperioden. Foto: Florian Kopp/MISEREOR

Aber: Das unscheinbare Barhanpur könnte zu einem Vorbild für tausende andere Dörfer in Indien werden. Denn wer hierhin kommt, sieht und hört, wie man sich auf dem Land effektiv auf die wohl größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte vorbereiten kann: den Klimawandel. Der Besucher lernt, was eine Dorfgemeinschaft gemeinsam erreichen kann, wenn sie an einem Strang zieht. Wenn ein selbstgemachtes Wunder das Leben eines ganzen Dorfes verändert.

Plötzlich blieb der Regen aus

Um die Geschichte zu erzählen, lädt Kajabe, 23, in sein bescheidenes Häuschen ein. Nur wenig Tageslicht dringt dort hinein, dafür bleibt die sengende Hitze draußen. Es war im Jahr 2013, als der Regen zur Monsunzeit ausblieb. In weiten Teilen Indiens kam es zu einer schweren Dürre, die drei Jahre andauern sollte. Hunderte Menschen starben in der Hitzewelle, aus Verzweiflung nahmen sich allein im Bundesstaat Maharashtra fast 10.000 Bauern das Leben. Die überforderte Regierung schickte Züge mit Wassertanks in die betroffenen Gebiete – doch längst nicht alle Dörfer erhielten ausreichend Unterstützung.

Auch in Barhanpur war die Versorgungslage schlecht. Kam ein Lkw mit einem Wassertank ins Dorf, prügelten sich die Bewohner um einen guten Platz in der Warteschlange. Morgens, noch bevor die Sonne aufging, machten sich die Frauen des Dorfes auf den Weg zur nächsten Quelle.

Doch das bisschen Wasser, das sie Stunden später nach Hause schleppten, reichte längst nicht aus – schon gar nicht für ihre Landwirtschaft. Es war die Zeit, in der Barhanpur nur noch als das „Kein-Wasser-Dorf“ in der Region bekannt war.

Kein Wasser, keine Landwirtschaft, keine Jobs, keine Hochzeit

„Praktisch alle Felder lagen brach”, erinnert sich der Bauer, „wir konnten überhaupt nichts mehr anbauen.” Stattdessen mussten er und die anderen Landwirte sich als Tagelöhner auf Baustellen in den Millionenstädten Pune und Aurangabad durchschlagen. Sie schliefen in aus Lumpen zusammengezimmerten Zelten. Wenn es ihnen zu heiß oder stickig wurde, legten sie sich ins Freie.

Doch noch eine weitere Sorge plagte Kajabes Familie: Seine Eltern fanden einfach keine Ehefrau

für ihren Sohn. Genauso, wie viele andere Familien im Dorf. In Indien wird auch heute noch die Mehrzahl der Ehen arrangiert; einer möglichen Hochzeit gehen zunächst Gespräche der Eltern voraus. Die Kajabes empfingen Familien aus anderen Dörfern mit Tee und Gebäck, doch alle Gespräche scheiterten. „Niemand wollte, dass seine Tochter jeden Tag so viel Wasser von so weit her schleppen muss, wenn im eigenen Dorf zu wenig davon da ist”, sagt Kajabes Mutter, Shama Laxman. Kein Wasser, keine Hochzeit.

Der Klimawandel ist deutlich spürbar in Indien

In Indien ist gut zu beobachten, dass sich wegen des Klimawandels die landwirtschaftlichen Anbauzeiten verändern, Regen häufiger ausbleibt und Perioden mit starker Hitze zunehmen. Eine Studie der Universität Berkeley hat 2017 den Zusammenhang zwischen Klimawandelfolgen und der Selbstmordrate indischer Bauern festgestellt: So soll die Klimaerwärmung in den vergangenen 30 Jahren fast 60.000 verzweifelte indische Bauern in den Suizid getrieben haben.

Die Anpassung an den Klimawandel muss jetzt beginnen. Doch auf Hilfe vom Staat könnten die Bauern in Indien kaum hoffen, sagt der Dorfvorsteher von Barhanpur, Balasaheb Yadav. Spricht man ihn auf die Hilfe durch Behörden an, zeigt er auf den Boden. „Der Weg, auf dem wir gerade stehen, müsste laut staatlichen Beschlüssen und Dokumenten schon zweimal geteert sein”, sagt er. Doch wegen Korruption und Vetternwirtschaft sei es eben immer noch ein unbefestigter Feldweg.

Probleme eigenständig lösen

In der Zeit der Not wuchs daher in Barhanpur die Überzeugung, selbst handeln zu müssen. Dafür nahm Ortsvorsteher Yadav im Herbst 2015 Kontakt mit Sozialarbeitern der Caritas Indien auf, einer Partnerorganisation des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR. Die Caritas Indien unterstützt im Rahmen des Projekts JEEVAN – People Led Empowerment (PLE) – Dorfgemeinschaften dabei, Probleme möglichst eigenständig zu lösen. „Jeevan” ist Hindi und bedeutet auf Deutsch „Leben“, People-Led Empowerment heißt übersetzt: „Die Bürger ermächtigen sich selbst.”

So brachten Mitarbeiter der Caritas zunächst rund ein Dutzend Dorfbewohner mit dem Bus zu einem Lehrgang in das Dorf Hiware Bazar, das in ganz Indien für sein Wasserspeichersystem bekannt ist. Die Sozialarbeiter stellten zudem Kontakt zu Ingenieuren und Experten her. Gemeinsam entwickelten sie erste Zeichnungen des neuen Barhanpur.

Im Januar 2016 trafen sich die Bauern am kleinen Tempel in der Mitte des Dorfes. Manche der Bewohner hatten Bedenken, doch Yadav hielt – so berichtet er später – die für ihn wichtigste Rede seines Lebens: Er spricht davon, wie wichtig Gemeinschaftssinn ist, dass sie hart werden arbeiten müssen, aber dass letztendlich das ganze Dorf gewinnen werde. Bei der Abstimmung heben 40 Männer die Hand, die mitmachen wollen. „Das hat mir gereicht“, sagt Yadav. „Ich wusste, die anderen würden nachziehen.“

Gemeinsam Anpacken – Frauen wie Männer

Nur wenig später beginnen die Arbeiten: Als die ersten Gräben tatsächlich gezogen sind, schließen sich immer mehr Dorfbewohner an. „Zum Schluss hat das ganze Dorf angepackt”, sagt Yadav. Selbst in der Nacht schufteten die Dorfbewohner. Die Männer schaufelten, die Frauen trugen die Erde in großen Körben auf ihren Köpfen davon und sorgten für Verpflegung.

Um die großen Steine transportieren zu können, legten die Bauern ihre Ersparnisse zusammen und mieteten ein paar größere Maschinen. Die Caritas Indien half dabei, weitere Sponsoren zu finden. Sieben Bauern spendeten außerdem Land für die Anlagen. Ganze 37 Gräben standen nur fünf Monate später bereit, Regenwasser aufzufangen und in die Brunnen der Bauern zu leiten – und das System funktionierte.

Das Wasser brachte viele Veränderungen

Seitdem das Wasser reichlich aus den Pumpen fließt, hat sich viel geändert im Dorf: Während sich Bauern früher mit einer Ernte zufrieden geben mussten, können sie heute zweimal pro Jahr Feldfrüchte einbringen. Selbst Weizen, der besonders viel Wasser verbraucht, wird mittlerweile rund um Barhanpur angebaut.

Und auch privat hat sich für Bauer Kajabe vieles zum Besseren gewendet. Neben ihm sitzt seine Frau Rajeshvari Nitin, auf ihrem Schoß die kleine Ringu Ninge Kisbye, die vor acht Monaten geboren wurde. Die 21-Jährige holt ein dickes Buch hervor – ihr Hochzeitsalbum. Als ihre Eltern gesehen hätten, dass sich im Dorf etwas tut, hätten sie einer Ehe zugestimmt, sagt sie. „Ich bin heute besser mit Wasser versorgt als in meinem alten Dorf.”

Privat schmieden die beiden längst neue Pläne: Rajeshvari Nitin will Lehrerin werden. Abends, wenn das Kind schläft, sitzt sie für einen College-Abschluss über Hindi- und Englischbüchern. Zweimal fährt sie dafür jede Woche zu Kursen in die Großstadt Aurangabad. „Wäre die Wassersituation noch immer so schlecht wie früher, hätte ich diese Möglichkeit nicht“, sagt sie. „Dann wäre ich damit beschäftigt, ständig Wasser zu holen.”

Auch im Dorf hat man sich neue Ziele gesteckt – das sieht, hört und spürt man, wenn man eine der Dorfversammlungen besucht, die nun regelmäßig stattfinden. Sie ist zur festen Institution in Barhanpur geworden. Bürgermeister Yadav erläutert bereits seine neuen Ideen: Eine Kanalisation soll verhindern, dass die Abwässer im Dorf stehen. Zudem soll der Weg zur nahegelegenen Landstraße endlich geteert werden. Dafür will er zwar auch Geld vom Staat beantragen, aber er fordert die Bewohner auf, selbst mit anzupacken. Jeder der anwesenden Männer hebt bei der Abstimmung die Hand.

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Shalompreis würdigt Einsatz für Medienfreiheit in Syrien

Der Shalompreis 2018 geht an das Syrische Zentrum für Medien- und Meinungsfreiheit SCM (Syrian Center for Media and Freedom of Expression). Den Preis entgegennehmen werden Yara Bader (32) und Mazen Darwish (43). Darwish ist renommierter Menschenrechtsanwalt und Journalist. Er gründete 2004 das SCM nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Frankreich. Er wurde bereits damals mehrmals verhaftet. Zu Beginn der Syrienkrise und des friedlichen Aufstandes gegen die Diktatur, im Jahr  2011, inhaftierte, folterte und tötete die Assad-Regierung wahllos Menschen.

Über diese Menschenrechtsverletzungen berichtete der SCM. Im Februar 2012 wurde das Büro der Pressefreiheitsorganisation in Damaskus gestürmt. Darwish und mehrere Mitarbeiter, darunter seine Frau, Yara Bader, verschwanden in Gefängnissen. Einige wurden nach ein paar Tagen freigelassen. Yara Bader nach drei Monaten. Mazen Darwish wurde ohne Anklage dreieinhalb Jahre in verschiedenen Militärgefängnissen und unterirdischen Verliesen des Geheimdienstes festgehalten und gefoltert.

Die studierte Theaterwissenschaftlerin und Journalistin Yara Bader setzte sich aus dem Exil im Libanon, dann von Europa aus, für die Freilassung ihres Mannes sowie zahlreicher weiterer politischer Gefangener ein. Prominente wie der Schriftsteller Salman Rushdie sprachen sich ebenfalls vehement für eine sofortige Freilassung aus.

Mitte 2015 kam Darwish nach einer Amnestie frei, die Anklage „Terrorismus“ wurde nicht fallengelassen. Da Mazen Darwish weiter über die Menschenrechtsverletzungen berichtete, über die Kriegsverbrechen des Regimes genauso wie über die von radikalen Kämpfern, war die Arbeit in Syrien nicht mehr möglich. Yara Bader überzeugte ihren Mann, ins Exil zu gehen. Seit 2015 leben Yara Bader und Mazen Darwish im Exil in Berlin und führen die Arbeit des SCM von dort aus weiter.

Das Syrische Zentrum für Medien- und Meinungsfreiheit setzt sich für ein demokratisches Syrien, in dem die Menschenrechte Geltung haben, ein. Um dies zu erreichen, müssten Täter zur Rechenschaft gezogen werden, wie Yara Bader, Mazen Darwish und die anderen Mitarbeiter des SCM betonen.

SCM arbeitet mit der im Dezember 2016 gegründeten UN-Behörde IIIM (International Impartial and Independent Mechanism) zusammen, der eine prominente französische Richterin vorsitzt, außerdem mit der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für Syrien. Die Organisation bereitet zukünftige Anklagen vor. SCM dokumentiert und hört Opfer und Zeugen an.

Nach dem Weltrechtsprinzip ist das nationale Strafrecht auch auf Sachverhalte anwendbar, die keinen spezifischen Bezug zum Inland haben und auch wenn weder Täter noch Opfer die Staatsangehörigkeit des betroffenen Staates besitzen. Die Straftat muss sich gegen international geschützte Rechtsgüter richten. Im März 2017 hat der SCM (durch den Anwalt Anwar al-Bunni) eine erste Anklage beim Generalbundesanwalt gegen sechs hochrangige Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes eingereicht. Die deutsche Justiz hat die Arbeit aufgenommen.

Das Syrian Center for Media and Freedom of Expression, das in enger Verbindung mit dem RSM (Reporter sans Frontiers – Reporter ohne Grenzen) steht, setzt sich für die Meinungs- und Medienfreiheit und einen zivilgesellschaftlichen Wandel zu einer Demokratie in Syrien ein. SCM macht Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen in Syrien öffentlich und bringt sie vor Gerichte. Das SCM setzt sich weiter für inhaftierte Medienschaffende und Schriftsteller/innen ein.

Die Verleihung des Shalompreises findet am 23. Juni 2018 in der Sommerresidenz der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt statt. Am Sonntag, 25. Februar 2018, um 10.45 Uhr findet im Salesianum in Eichstätt der Auftaktgottesdienst statt. Dabei stellt der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden Eichstätt (siehe Foto oben) das Projekt vor. Der Shalompreis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Im vergangenen Jahr konnten 30.500 Euro an das Projekt PREDA auf den Philippinen überwiesen werden. Die gesamte Arbeit des AKs ist ehrenamtlich. Mitglieder sind Studierende und Bürgerinnen aus Eichstätt.