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Shalompreis 2020 für Projekt „War Children Hospital“

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt verleiht den Shalompreis 2020 an Massimo Del Bene aus Monza. Der Chirurg wird für sein unermüdliches Engagement für Folteropfer aus libyschen Flüchtlingslagern und sein Projekt „War Children Hospital“ ausgezeichnet. Die Verleihung findet am 25. April statt.

Am vergangenen Sonntag, 2. Februar, fand der Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Shalompreis-Aktion im Salesianum Rosental statt. Mitglieder des Arbeitskreises Shalom formulierten, was Frieden für sie bedeutet. Frieden ist, wenn wir nicht wegsehen. Zum Beispiel wenn es um Flüchtlinge geht. Das Europäische Netzwerk „United against refugee deaths“ mit Sitz in Amsterdam hat seit 1993 insgesamt 36.570 im Mittelmeer ertrunkene Migranten gezählt. Das sind nur die, die man fand.

Am 31. Januar hat ein Bündnis unter dem Namen „United for rescue“ aus evangelischer Kirche, katholischen Organisationen – zum Beispiel BDKJ, Arbeitnehmerbewegung, Ärzte ohne Grenzen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Regisseur Wim Wenders, dem Bürgermeister von Palermo und vielen anderen ein Rettungsschiff gekauft. „Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus.“ So formulierte es Kardinal Marx bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in München im Dezember 2019.

Frieden bedeutet, nicht wegzusehen

Frieden bedeutet Versöhnung. So wie es zum Beispiel die Shalompreisträger von 2016 leben. Robi Damelin aus Israel verlor ihren Sohn, Student der Philosophie und Pädagogik, durch einen palästinensischen Scharfschützen. Mazen Faraj, Palästinenser, verlor seinen Vater durch Schüsse eines israelischen Soldaten. Die beiden wollen, wie mehr als 600 Familien, die im Parents‘ Circle Families Forum zusammengeschlossen sind, Versöhnung und nicht Hass.

Oder die Shalompreisträger von 2018, der Rechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader. Darwish wurde dreieinhalb Jahre in einem Foltergefängnis des syrischen Regimes gefangen gehalten. Einfach, weil er die Wahrheit schrieb über die Niederschlagung friedlicher Proteste. Nach seiner Freilassung, für die sich weltweit Schriftsteller und Journalisten einsetzten, ist er nicht voller Rachegefühle. Er und die anderen Mitarbeiter des Projektes Syrian Center for Media and Freedom of Expression arbeiten dafür, dass andere Gefangene freikommen, oder wenn sie ermordet wurden, nicht vergessen werden. Vor internationalen Gerichten setzen sie sich dafür ein, dass Folterer des Assad-Regimes vor Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist dies auch in Gerichten im Ausland möglich. Erste Anklagen erfolgten 2019 in Deutschland.

Frieden ist auch, nicht zu vergessen. Am 27. Januar gedachte die Welt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Hier fanden 1,1 Millionen Menschen einen grausamen Tod. Über sechs Millionen Juden wurden durch Nationalsozialisten ermordet. „Wo war die Welt?“ fragte bei der Gedenkfeier in Ausschwitz eine Überlebende. Die Stolpersteine des Künstlers Günter Demnig, die auf Initiative eines Lehrers und von Schülerinnen und Schülern des Gabrieli-Gymnasiums gelegt wurden, erinnern uns an die aus Eichstätt vertriebenen und ermordeten Juden. Es gibt Menschen, die nicht ertragen, wenn jemand eine Blume zum Gedenken an die Stolpersteine legt. Frieden ist, nicht zu vergessen.

Pater Stefan Weig (links) und Dr. Gerhard Rott (rechts) mit Mitgliedern des AK Shalom beim Aktions-Eröffunggottesdienst im Salesianum Rosental. Foto: Praller-Rott

In diesem Jahr haben alle katholischen Hilfswerke ein gemeinsames übergeordnetes Thema: Frieden. Dies war ein Anlass für den Leiter des Referates Weltkirche, Dr. Gerhard Rott, vor der Gemeinde zu sprechen. Rott zitierte Papst Franziskus, der als wichtigste Voraussetzung für Frieden den Dialog sieht und das Zuhören. Da man im Sitzen, auf Augenhöhe, gut zuhören könne, nahm er sich einen Stuhl. Pater Stefan Weig wies in seiner Predigt darauf hin, dass der AK Shalom immer wieder auf Wunden hinweise und ein Licht sei. Deshalb sei der 2. Februar auch ein sehr passender Termin für den Shalom-Eröffnungsgottesdienst.

Massimo Del Bene

Der Shalompreisträger 2020, Massimo Del Bene, ist ein renommierter plastischer Chirurg. Er ist spezialisiert auf die Operation von Händen. In Italien war er der erste Arzt, der beide Hände zugleich operierte. Unter anderem durch die Wiederherstellung von Nervenbahnen können die Hände wieder funktionsfähig gemacht werden.

Der 66-Jährige in Monza arbeitende Arzt hat in den letzten Jahren sehr viele Flüchtlinge, die zuvor in libyschen Lagern gefoltert wurden, operiert. Wie Del Bene immer wieder mit Entsetzen feststellt, werden die Flüchtlinge in den Lagern in Libyen mit grausamsten Methoden an Händen und Füßen gefoltert, um Geld von Verwandten und Freunden zu erpressen. Es werde bewusst so misshandelt, dass die Folgen für die Überlebenden mit jedem Schritt und jeder Bewegung spürbar seien. Massimo Del Bene spricht von mittelalterlichen Foltermethoden und kann eine lange und traurige Reihe von Röntgenaufnahmen als Belege liefern.

Den bekennenden Christen macht das Reden über Migranten, die angeblich keine Gründe hätten, zu fliehen, ebenso wütend, wie die Tatsache, dass die Staaten der Europäischen Union Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder Seenotretter kriminalisiert werden. Das Zurückschleppen von Migranten nach Libyen hält er aufgrund der Situation in den libyschen Lagern für unhaltbar.

Damit eine Wiederherstellung der Hände erfolgreich sein kann, ist es wichtig, sie möglichst bald nach der Verletzung zu operieren. Leider müssen die Geflüchteten aber häufig monate- oder jahrelang in den Lagern aushalten. Wenn sie dann die Überfahrt nach Italien überleben, können sie von Spezialisten wie Dr. Del Bene operiert werden.

Massimo Del Bene möchte seinen Traum von einer Spezialklinik für Kinder, die durch Kriege verletzt wurden, umsetzen. Die Behandlung von Kriegsverletzungen ist in der Regel eine Notversorgung und häufig bleibt nur die Amputation.

Mitarbeiter von Physicians for Human Rights – Ärzte für Menschenrechte – haben belegt, dass seit 2011 durch gezielte Attacken auf Krankenhäuser durch das Regime von Bashar al-Assad – und seit 2015 vor allem durch russische Kampfflugzeuge – 916 Ärzte und Ärztinnen in Syrien getötet wurden.

Mit Hilfe von abgehörten Funksprüchen der russischen Piloten, Videoaufnahmen der zerstörten Krankenhäuser, Logbücher der Flugzeuge, die geleakt wurden, konnte dieses bewusste Bombardieren von Krankenhäusern belegt werden. Im Oktober 2019 veröffentlichten Journalisten der New York Times diese Belege des Vorgehens der russischen und syrischen Kampfpiloten.

Die heutige Chirurgie bietet viel mehr erhaltende Hilfsmöglichkeiten. Da die Ärzte und Ärztinnen der Regel nicht in Kriegsgebiete, wie derzeit nach Syrien, in den Irak oder nach Afghanistan reisen können, wäre es wichtig, die Kinder nach Italien zu bringen. Es gibt bereits konkrete Pläne mit den Fachleuten in der Lombardei, die bereit sind, freiwillig in dem geplanten War Children Hospital zu arbeiten. Das alte Hospital von Legnano ist für das Krankenhaus vorgesehen. Auch mit der UNICEF ist Dr. Del Bene im Gespräch. Spenden für das Krankenhaus für im Krieg verletzte Kinder sind dringend notwendig.

Die Verleihung des Shalompreises findet am Samstag, 25. April, um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz in Eichstätt statt. Am 24. April ebenfalls um 19.30 Uhr spricht der Preisträger über seine Arbeit für die in libyschen Flüchtlingslagern gefolterten Menschen und das geplante War Children Hospital. Der Abschlussgottesdienst wird am Sonntag, 26. April, um 10.45 Uhr im Salesianum Eichstätt sein.

Spenden unter dem Stichwort
„Shalompreis 2020 – Katholische Hochschulgemeinde“
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN: DE 34721608180109620320

Aktualisierung vom 16. März 2020: Aufgrund der aktuellen Gefährdungssituation durch das CoV-2-Virus sagt der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden die geplante Preisverleihung am 25. April 2020 ab. Die Veranstaltungen – der Vortrag, die Shalompreisverleihung und der Abschlussgottesdienst – werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling

Haben diese vier Tage in Jordanien wirklich genügt, um ein umfassendes Bild von der Lage der Flüchtlinge in Jordanien zu bekommen?

Nein definitiv nicht, schließlich gibt es nicht den typischen Flüchtling und die allgemeine Lage. Aber dennoch kann man ein paar grundlegende Feststellungen treffen, einiges konnten wir, meine Kolleginnen und Kollegen aus vier bayerischen Bistümern, in der Zeit lernen.

Wichtigste Voraussetzung für diesen Lernprozess war die gute Vorbereitung der Reise durch die Caritas Jordanien. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seit 1967 in Jordanien tätig, sie werden dabei tatkräftig von Caritas international mit Sitz in Freiburg unterstützt. Caritas international hat die weltkirchlichen Fachstellen der bayerischen Bistümer deshalb eingeladen, ihre Fachleute bei einer Reise zu begleiten, damit wir in Deutschland kompetent über die globale Dimension von Flucht und Migration Auskunft geben können, als Teil unseres Auftrags, durch das „Globale Lernen“ weltweite Zusammenhänge unseren Bürgerinnen und Bürgern zu erschließen. Ich bin sehr froh, dass mit mir auch Frau Dr. Cordula Klenk mitgekommen ist, sie ist die Flüchtlingsreferentin des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Eichstätt.

Und dann sitzt man in Zarqa, einer Stadt im Großraum von Amman, auf dem Fußboden. Ein dünner Teppich schützt vor der relativen Kälte von gefühlten sechs bis acht Grad, die in diesen Tagen in Jordanien herrscht. Die Wände sind nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Mir sitzt ein Mann von ungefähr 35 Jahren gegenüber, seine Tochter sitzt an seiner Seite. Die Ehefrau und drei weitere Kinder bekommen wir nicht zusehen. Er erzählt von seinem Dorf zwischen Damaskus und Aleppo, dort lebte er mit seinen Eltern, Geschwistern und seiner Frau, bis eines Tages im Jahr 2012 ein Angriff aus der Luft sein Haus zerstörte. Von einem politischen Engagement erzählt er nichts. Er war Lehrer an einer weiterführenden Schule für arabische Literatur. Man merkt seine Liebe zur Literatur, er hat seinen Beruf geliebt. Ich würde ihn als einen introvertierten intellektuellen Feingeist beschreiben. Hier in Jordanien darf er aber leider nur als Tagelöhner am Bau arbeiten, darum geht er täglich an eine Kreuzung und dort werden dann kurzfristig Arbeitskräfte für einen Tag angeheuert. Planen lässt sich mit so einem unsichererem Einkommen nicht. Sicherlich ist das nicht einfach, wenn die Rolle des Mannes als Versorger der Familie so karikiert wird. Ich frage ihn ganz direkt, wann er das letzte Mal ein Buch lesen konnte. Er sagt, dass er seit sieben Jahren keine arabische Literatur mehr lesen konnte. Mir schießt der Spruch in den Kopf, dass der Mensch nicht nur vom Brot alleine lebt. Was kann man da tun, wie kann man helfen?

Schnell versuche ich mich an die statistischen Zahlen zu erinnern, die wir am Morgen bei der Caritas erfahren hatten: über 650.000 Syrer sind als Flüchtlinge hier registriert. Über 80 Prozent dieser Flüchtlinge leben aber nicht in den aus den Medien bekannten Flüchtlingslagern, sondern sie sind über das gesamte Land und besonders über den Ballungsraum Amman verstreut vereinzelt untergebracht. Die jordanische Statistikbehörde geht von insgesamt 1,3 Millionen Syrern und von rund 300.000, davon knapp 68.000 registrierten, Irakern in Jordanien aus.

Die Caritas Jordanien hat 12 Beratungsstellen für syrische Flüchtlinge eingerichtet, es gibt u.a. Bildungsprogramme, Nachmittagsunterricht, Anti-Mobbing Kurse für Mütter und Kinder und ein “cash program”. Einige dieser Einrichtungen in Zarqa, Amman und Salt konnten wir auch selbst besuchen. Echt klasse, wie gut die Kirche oder genauer die Caritas hier hilft. Für das nächste Jahr haben wir einen Info-Abend zum Thema in Eichstätt schon vereinbart.

Aber wir erfahren noch von ganz anderen Schicksalen: Besonders die Flüchtlinge aus dem Irak sind rechtlich und wirtschaftlich wesentlich schlechter gestellt als die Syrer. Und sie haben auch alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Fast genauso dramatisch ist die Lage der Migranten aus Ägypten.

Und noch eines durften wir lernen: die jordanische Gesellschaft hat es geschafft, die vielen Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus insgesamt 57 (!) Ländern so in die Gesellschaft zu integrieren, dass ein friedliches Zusammenleben ohne Angst vor Überfremdung gelingt. Das ist eine ganz besondere Leistung, schließlich macht die Zahl der Zugewanderten – einschließlich der vielen Palästinenser, die in Jordanien Zuflucht fanden – etwa die Hälfte der Einwohnerzahl des Landes aus. Kann man bei den vergleichsweise niedrigeren Zahlen in Deutschland und Europa sagen, unser Boot ist voll?

Zurück nach Zarqa: Am gleichen Abend kann ich am Rande eines Gespräches mit dem apostolischen Administrator des lateinischen Patriachats von Jerusalem, Erzbischof Pizzaballa, und dem Patriarchalvikar des Lateinischen Patriarchates von Jerusalem für Jordanien, Weihbischof Shomali, anregen, dass sich die Caritas um die Einrichtung einer kleinen Bibliothek bemühen wird, damit auch die geistige Dimension der Flüchtlinge nicht ganz vergessen wird. Ein kleiner Beitrag – vielleicht?

Keiner soll alleine glauben – 170 Jahre Bonifatiuswerk

Als Seelsorgeheferinn begann Barbara Naumann 1956 in der Pfarrei Christus König Luckau. Bei jedem Wetter machte sie sich auf, um auf den 56 Dörfern die verstreut lebenden katholischen Familien zu besuchen. „Am Küchentisch habe ich die Kinder in Religion unterrichtet“, erzählt die heute 87-Jährige. So erinnert sie sich, wie sie in Eisenhüttenstadt von Tür zu Tür gehen musste, um von den Einwohnern zu erfahren, wer von ihnen katholisch ist: „Nicht wenige haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen oder drohten mir, mich von der Vortreppe zu schupsen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, zitiert sie einen Slogan der staatlich verordneten Entchristlichung.

Der Bonifatiusverein, der seit 1968 den Namen „Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken“ trägt, habe die Katholiken in der DDR durch diese schwierige Zeit begleitet, betont Naumann. Das Bonifatiuswerk bildete während der 40-jährigen deutschen Teilung das zentrale Werk der Solidarität zwischen den Gläubigen in West und Ost. Ungefähr 454 Millionen DM konnten zwischen 1949 und 1990 der Kirche in der DDR zugeleitet werden.

Wenn das Bonifatiuswerk auf seine 170-jährige Geschichte zurückblickt, gelten die 40 Jahre der deutschen Teilung als ein Ausrufezeichen der Solidarität mit Katholiken, die als Minderheit ihren Glauben leben. Dabei stand das Hilfswerk stets vor großen Herausforderungen. Am 4. Oktober 1849 auf der „Dritten Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“ in Regensburg gegründet, sollte der Bonifatiusverein Hilfe „für arme katholische Gemeinden“ in der Diaspora leisten sowie ein „Missionsverein in und für Deutschland“ sein.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 stieg die Zahl der Katholiken in den Industriezentren sprunghaft an. Das Bonifatiuswerk unterstützte in dieser Zeit den Bau von Kirchen und katholischer Infrastruktur. Zudem weitete sich der Blick auf neue Nöte. So gründeten Paderborner Kaufleute 1885 den „Bonifatius-Sammelverein“, der sich für Waisenhäuser engagierte. 1891 bildete sich der „Schutzengelverein“, später „Bonifatiuswerk der Kinder“, für die Förderung katholischer Schulen. Gemeinsam mit dem 1921 gegründeten „Bonifatiuswerk der Jugend“ bilden die beiden Kinderhilfswerke die Wurzel der heutigen Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1918 sammeln auf Beschluss der deutschen Bischöfe die Erstkommunionkinder und seit 1952 die Firmbewerber für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt der Bedarf an neuen katholischen Orten in den Städten an. Während der Weimarer Republik entstanden jährlich fast 40 Kirchen. Der Nationalsozialismus allerdings schränkte das Wirken des Bonifatiuswerkes ein, bis es zum Erliegen kam. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Mit der Gründung der Diaspora-MIVA 1949 wurde die heutige Verkehrshilfe ins Leben gerufen. Die rapsgelben BONI-Busse, von denen derzeit circa 600 in den Diasporaregionen in Deutschland unterwegs sind, sind bis heute ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung. Aufgrund von Flucht und Vertreibung kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Katholiken in bis dahin evangelisch geprägte Gebiete. Das Bonifatiuswerk förderte daher den Bau von Notkirchen, Priesterwohnungen, Gemeinderäumen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten allein in Deutschland mehr als 2.000 zerstörte Kirchen wiederaufgebaut werden. Von 1949 bis heute wurden sogar mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten unterstützt.

Mit der deutschen Teilung erlebten sich Katholiken in der DDR nicht mehr nur in einer Minderheitensituation, sondern auch unter einer Staatsführung, die den christlichen Glauben missbilligte und Gläubige wie Kirche schikanierte. Doch das Bonifatiuswerk blieb über die Grenze hinweg an deren Seite, und der 1966 erstmals abgehaltene „Diaspora-Sonntag“ entwickelte sich zum großen Tag der Solidarität mit den Katholiken in der DDR. Doch das Bonifatiuswerk nahm sich nicht nur der Nöte der Katholiken der innerdeutschen Grenze an. Seit 1974 setzt es sich auch für die Katholiken in der Diaspora Nordeuropas und seit 1995 für die Katholiken in Lettland und Estland ein.

Der Mauerfall bildete ein freudiges Ereignis in der Geschichte des Hilfswerkes. Endlich konnte den Katholiken wieder direkt geholfen werden. Doch der mit der Wende erhoffte Eintritt ostdeutscher Bürger in die Kirchen blieb aus. Vielmehr sehen sich bis heute Christen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Diaspora. Fast 80 Prozent der Einwohner sind weder getauft, noch gehören sie einer Religion an. Eine weltweit besondere Situation, die sonst nur noch in Tschechien und Estland ähnlich ist.

Mit dem Amtsantritt von Generalsekretär Monsignore Georg Austen 2008 begann das Bonifatiuswerk einen Reflexionsprozess zur veränderten Situation der Diaspora in Deutschland. Denn: Die Säkularisierung der Gesellschaft lässt Katholiken in einer emotionalen Diaspora des Glaubens zurück. Das Hilfswerk reagierte mit dem neuen Bereich »Missionarische und diakonische Pastoral«, der heutigen Glaubenshilfe. Sie unterstützt missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit auch in katholischen Regionen. Neu hinzugekommen sind auch das Praktikum im Norden und die Personalstellenförderung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt weiterhin aber in der zahlenmäßig extremen Diaspora in Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum. Unter dem Motto »Hilfswerk für den Glauben« richtet das Bonifatiuswerk seinen Blick in die Zukunft: Denn die Not der Einsamkeit im Glauben fordert die Kirche in ganz neuem Maße heraus, in Ost wie in West, in Nord wie in Süd.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ hat das Bonifatiuswerk zum Ausdruck gebracht, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubenszeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die authentisch leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten. Wenn wir genau hinsehen, finden wir vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern, die aus der Zuversicht des Glaubens leben und handeln. Diese Menschen zu entdecken und sie zu ermutigen, neue missionarische Initiativen anzugehen – um auch Menschen anzusprechen, denen der Glaube fremd ist –, ist für uns ein zentrales Ziel“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. Gleichzeitig dankt Austen all denjenigen, die das Bonifatiuswerk dabei unterstützen, „das Evangelium in unsere Zeit zu übersetzen, und helfen, unsere Werte – die für uns seit der Gründung des Bonifatiuswerkes bis heute Auftrag und Ziel sind – zu leben, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

Mehr zum Thema:
Rückblick: Diaspora-Aktion 2019

„Alltag“ in Poona?

Mein elfter Aufenthalt in Poona. Man könnte befürchten, es kommt Routine auf. Aber nein, schon alleine die Anreise war wieder mal neu. Wegen Problemen der Fluggesellschaft habe ich über sechs Stunden in Delhi am Flughafen verbracht. Und bei Regen in Poona angekommen. Der Monsun scheint heuer zeitig dran zu sein. Doch gute Freunde sind da und holen mich bei starkem Regen am Flughafen in Poona mit Regenschirm ab. Mit mir ist Manuela Lüger unterwegs, für sie ist es der erste Aufenthalt in Indien.

Und das ist der Kick für mich, einem Greenhorn das Land zu zeigen, Freunden vorzustellen, mit Partnern ins Gespräch zu bringen, das Land zu erklären.

Und wie fängt man das an. Essen, Straßenverkehr, der Eimer in der Dusche, so vieles ist Neuland. Die ganze Art der Organisation des Zusammenlebens lässt sich nicht vergleichen.

Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Offenheit junge Menschen aus Deutschland einer fremden Kultur begegnen. Diese Grundhaltung zeichnet meine neue Kollegin aus, darum wird sie genau die richtige sein, um im nächsten Jahr eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bistum Eichstätt auf ihren freiwilligen Aufenthalt in sozialen Projekten im Bistum Poona vorzubereiten.

Und ja, als Absolventin des Studienschwerpunktes Internationale/Interkulturelle Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie fachlich sehr gut vorbereitet. Nicht zuletzt in Sachen Nachhaltigkeit, der päpstlichen Enzyklika Laudato Si und Sustainable Development Goals bringt sie viele Kompetenzen mit.

Aber der Reihe nach: Das scharfe Essen ist eine echte Herausforderung, aber innerhalb von ein paar Tagen kann man sich zumindest etwas daran gewöhnen. Und wer kann schon sagen, dass er die Küche eines indischen Lokals schon mal besichtigen durfte. Ein Tandoori-Ofen ist jetzt also kein Unbekannter mehr. Die erste frische Mango im ehemaligen AIDS Hospiz Ashakiran ist der Knackpunkt. Ab sofort freut sich die Kollegin auf jedes Essen.

Der Straßenverkehr bleibt eine Herausforderung. Selbst wenn es mir gelingt, kurz vor dem Rückflug noch einen Ritt auf einem Kamel zu organisieren, ich befürchte, in diesem Land werde selbst ich mich nie freiwillig hinter ein Steuer setzen.

Das schönste aber waren die langen und intensiven Gespräche mit alten Freunden und Bekannten, deren detailliertes Wissen selbst für mich nach all den Jahren noch immer erkenntnisreich ist. Bischof Thomas Dabre hat sich gleich zweimal Zeit genommen für uns, er hat Father V. Louis gebeten, uns viele Türen zu öffnen. Auch gute Bekannte aus dem Jahr 2005 – damals waren sie noch Jugendliche, heute sind sie gestandene Erwachsene mit einem guten Job, Familie und Kindern – verbringen einen Abend mit uns. Und obwohl sie Manuela Lüger zunächst gar nicht kennen, sind sie am Ende des Abends auch ihre Freunde. Wahnsinn, du kommst irgendwo völlig fremd hin und wirst überall offen aufgenommen. Sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Christen, aber hier hat man es hautnah erlebt, wie der Weltjugendtag von 2005 bis heute Menschen zusammen bringt. Nachhaltigkeit, die sich nicht so einfach in Statistiken messen lässt.

Praktisch genauso geht es bei den vielen Projektpartnern weiter. Wir besuchen Einrichtungen für Frauen, benachteiligte Kinder, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Projekte informeller Bildung und vieles mehr. Jeden Tag drei bis vier intensive Begegnungen eine ganze Woche lang. Und alle wollen uns helfen, damit deutsche Jugendliche die Realität der Welt erfahren können.

Natürlich haben wir auch hinduistische Tempel besucht, die würdige Form der Verehrung ist dort sofort wahr zu nehmen. Um den Hinduismus zu erklären, braucht man sehr sehr lange, aber die Grundzüge werden auf dem Weg zum Parvati-Hill, ein Shivas Gattin geweihter Hügel, schnell klar.

Mir blieb nur diese eine Woche, um aus einem Greenhorn einen Indien-Fuchs zu machen – zugegeben, ein paar Dinge müssen auf die nächste Reise verschoben werden bzw. aufgefrischt werden, aber die Freunde in Indien haben mir sehr geholfen. Die Vorbereitung auf den Umgang mit anderen Weltgestaltungspräferenzen, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, all das ist nämlich Teil des indischen Alltags, der wirklich nie zur Routine werden kann. Ich freue mich schon auf Nummer 12.

Frauenförderprojekt der KLB im Senegal

Das Frauenförderprojekt der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) – Diözesanverband Eichstätt in der Diözese Tambacounda im ländlichen Raum von Koumpentum (Senegal) endet 2019. In 90 Dörfern konnten rund 4000 Frauen, die nie eine Schule besucht hatten, neben Schreiben und Rechnen auch Grundkenntnisse in Hygiene, Gesundheitswesen und Ernährung erwerben.

Insgesamt 90 speziell für das Projekt geschulte Lehrer bildeten mit ihrem großen Engagement die Grundlage für den bemerkenswerten Erfolg des Projekts. Außerdem sorgten neun Monteure, ausgestattet mit Motorrädern, für die gewissenhafte Durchführung der Unterrichtsstunden.

Sichtbare und beeindruckende Erfolge können festgestellt werden zum Beispiel durch selbstbewusstes Auftreten der Frauen, verbesserte Ernährungslage durch Gemüseanbau, Zusammenarbeit und Zusammenhalt in den Dörfern, gestiegenes Hygienebewusstsein und der damit verbundenen Gesundheitsvorsorge (Impfkampagnen). Bei der Vergabe von Kleinkrediten für die einzelnen Frauengruppen wurde bei vielen Frauen der Geschäftssinn geweckt, erkennbar durch das pünktliche Zurückzahlen der Kredite und der Gründung von Verkaufsläden in den Dörfern.

Auch regional und überregional fand das Projekt bei Bürgermeistern, Dorfchefs, Religionsführern (Imams) und überörtlichen Regionspräsidenten große Beachtung. Als abschließendes Resümee können die Frauen sagen: Ich bin zwar immer noch arm, aber ich habe schon so viel gelernt, dass ich mit selbst helfen kann, eventuell in Zusammenarbeit mit anderen Frauen.

Verantwortlich für den Erfolg des Projekts sind der Geschäftsführer des ländlichen Entwicklungsdienstes (ILD) der KLB, Lothar Kleipass, in guter Zusammenarbeit mit Übersetzerin Helene Dumont und dem Sekretär des Büros der Association Senegalaise Pour Le Developpement Integre (ASDI) in Tambacounda.

Unser Engagement soll jedoch nicht zu Ende sein. Wir möchten die Frauen nach unseren Möglichkeiten weiterhin begleiten. Es wurden auch schon Perspektiven für eine weitere Förderung der Frauen besprochen. Folgende Fragen stellen sich: Wie kann das erlernte gesichert bzw. weiterentwickelt werden? Können Lagerhallen für die Sicherung des Ernteguts gebaut werden? Können Hirseschälmaschinen, die die Arbeit der Frauen erleichtern, angeschafft werden?