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Verheerende Folgen der Pandemie in brasilianischen Gefängnissen

Seit März 2020 wurden die eh schon abgeschotteten Gefängnisse in Brasilien noch mehr von der Aussenwelt abgeriegelt. Die Kirchen dürfen keine Seelsorge anbieten, auch Besuche von Familienangehörigen sind verboten. Rechtsanwälte können nur unter großen Schwierigkeiten ihre Mandanten besuchen. Da auch die Gerichte zum Teil im Homeoffice arbeiten, werden die Prozessakten nur sehr langsam bearbeitet. Viele Gerichtsverhandlungen wurden ausgesetzt oder finden online statt.

So hat die Pandemie verheerende Folgen in den brasilianischen Gefängnissen, in denen auch schon ohne Covid-19 menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Die medizinische Versorgung in den Haftanstalten ist kaum oder gar nicht vorhanden. Ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, Krätze, HIV, Dauerdurchfall, Hautausschläge etc. gehören zum Alltag bei den Männer und Frauen in Haft. Wenn einmal ein Arzt vorbeikommt und ein Rezept ausstellt, wird nur von der Haftanstalt „Paracetanol“ und Aspirin für alle Krankheiten ausgegeben. Andere Medikamente müssen die Angehörigen selbst ins Gefägnis bringen.

In den total überfüllten Zellen mit viel Ungeziefer aller Art, ohne ausreichende Wasserversorgung und wenn, dann ohne sauberem Wasser, ungenügende und schlechte Ernährung, verbreiten sich Krankheiten in diesem tropischen Land ganz schnell. Und jetzt, in der Zeit von Corona, ist die Situation noch schrecklicher. Die Hygieneregeln, die für uns „hier draussen“ gelten, sind unmöglich umsetzbar im Gefängnis, dementsprechend haben sich viele Gefangene angesteckt und starben auch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil fast keine Corona-Tests gemacht werden. So starben die Häftlinge laut offiziellen Angaben an Lungenentzündung oder Tuberkulose.

Durch das Besuchsverbot sind es nun schon zehn lange Monate der Ungewissheit für die Angehörigen und auch für die Häftlinge selbst, die somit keine Nachricht von ihren Familien haben und auch keine materielle Unterstützung bekommen, d.h. es gibt mehr Hunger, kaum oder keine Medikamente, Seife, Zahnpasta, Bekleidung… Alles fehlt, da der Staat diese Dinge nicht verteilt.

Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach aussen gelangen, sind schrecklich, vor allem die anonymen Beschwerden von Folterungen und Misständen aller Art, die uns online erreichen, haben sich seit März verdoppelt. Es ist keine leichte Zeit in dieser „Pandemie“, die sich zu einer „Hekatombe“ entwickelte – das Wort kommt aus dem griechischen und bedeutet im übertragenen Sinn eine erschütternd grosse Zahl von Menschen, die einem Massaker oder Unglück zum Opfer gefallen sind.

Wir von der Gefängnisseelsorge nützen die Zeit für Fort- und Ausbildungskurse – natürlich alles online. Die Technik macht es möglich, sich mit Menschen aus allen Ecken Brasiliens zu verbinden. Auch versuchen wir, möglichst viele Familienangehörige zu unterstützen. Einerseits konkret mit Lebensmitteln oder einfach mit Dasein und Zuhören, Solidarität und Unterstützung bei Protestveranstaltungen (vor allem online) und einreichen von Anklagen auf nationaler und internationaler Ebene.

Die Corona-Krise trifft die Menschen in Brasilien hart durch Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Krankheit, Tod von Angehörigen, Trauer, Isolierung, Kontaktsperre zu Familienangehörigen, die im Gefängnis sind, Angst und Schmerz.

Was hilft?

Dass die Menschen in einer vertrauten „Umgebung“ über ihre Erfahrungen sprechen können und dass ihnen zugehört wird. Die zirkulären, friedensschaffenden Prozesse, ermöglichen den Ausdruck von Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen in einer Atmosphäre echten Respekts und Angenommenseins. Es werden Lebenserfahrungen und Lebenssituationen zu einem bestimmten Thema erzählt – das bewegt und verbindet alle Teilnehmer. Das Zuhören und das Teilen der Erfahrungen schenken ein Gefühl des Angenommenseins und können die Sensibilität für die Würde jedes Menschen stärken. Darüber hinaus fördern zirkuläre Prozesse die Kommunikation und eine Kultur des Friedens im Alltag, in der Familie, in einer Jugendgruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Gefängnis.

Trotz allem dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, aufmerksam sein für die kleinen Zeichen der Verbundenheit, der Dankbarkeit der Menschen, denen wir Beistand geben können, solidarisch sein, präsent sein, auch wenn es nur online ist, die Technik ist derzeit eine grosse Hilfe dafür.

Auch das Gebet füreinander verbindet – auch online, ja, wir entdeckten sogar wie uns Online-Wortgottesdienste mit fast 100 ehrenamtlichen Gefängnissseelsorgern stärken und Hoffnung spenden.

Das Phänomen der „Eurowaisen“ in der Ukraine

„Manchmal, in traurigen Minuten wie heute, kommen mir solche Gedanken: Du und Papa kehrt in die Ukraine zurück, und wir bleiben für immer zusammen. Lass es weniger Geld geben, weniger Möglichkeiten, aber wir werden glücklich sein!“, schreibt in einem Brief die elfjährige Olena, deren Eltern im Ausland arbeiten. Sie gehört zu den sogenannten ukrainischen „Eurowaisen“: Das sind Kinder der Arbeitsmigranten aus der Ukraine, die zwar wirtschaftlich gut versorgt sind, aber ohne Eltern bei ihren Familienangehörigen aufwachsen.

Dieses Phänomen ist nicht neu. Laut Olexandra Slobodian, der Migrationsexpertin des CEDOS [ukrainisches Sozialforschungszentrum] gingen allein 2016 rund 700 000 Ukrainer ins Ausland. Die gegenwärtige Tendenz wird leider nicht besser, und das hat klare Gründe: Wirtschaftliche und politische Krise im Staat sowie ständig steigende Arbeitslosigkeit zwingen immer mehr Bürgerinnen und Bürger ins Ausland zu gehen, dort eine bessere soziale und wirtschaftliche Lage zu suchen und von dort aus ihren Kindern eine „bessere“ Zukunft zu ermöglichen.

Ist es jedoch genug, die Beziehung mit Mama und Papa nur per Skype (wohl auf einem teuren Handy) zu pflegen? Einerseits ist die Aufgabe einer guten materiellen Kinderversorgung dadurch gewissenhaft erfüllt. Die meisten Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten, bestätigen, dass ihre Familien grundsätzlich keine materiellen Schwierigkeiten mehr haben. Anderseits führen die mangelnde Betreuung und Aufsicht vonseiten der Eltern zu einer Reihe sozialer und psychologischer Probleme: Immer öfter werden die Kinder der Arbeitsmigranten mit „Straßenkindern“ verglichen, da sie oft ohne jede Erziehung bleiben. Weil das Geld für die „Eurowaisen“ kein Problem ist, werden sie manchmal alkohol- oder sogar drogenabhängig, was sie zu einem guten Ziel und Opfer des Drogenhandels macht. Negative Folgen kann man auch bei ihrer Leistung in der Schule merken. Im Juni 2016 wurde in der Ukraine eine Umfrage unter mehr als 50 000 Schulabgänger durchgeführt, einschließlich der Kinder der Arbeitsmigranten: Ergebnisse zeigen, dass die durchschnittliche Note der Absolventinnen und Absolventen mit beiden Elternteilen im Ausland etwa zehn Prozentpunkte niedriger ist als bei ihren Altersgenossen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen.

Obwohl das Problem der „Eurowaisen“ in der Ukraine nicht neu ist, gibt es da im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch keine Einrichtungen bzw. erfolgreiche Projekte für die vorübergehende Betreuung solcher Kinder. In der Praxis heißt es auch, dass das Kind, dessen Eltern ins Ausland gegangen sind, ohne gesetzliche Vertreter bleiben kann, die seine Rechte schützen würden. Das Kind weiß in diesem Alter auch noch nicht immer, was für sich am besten ist. Dies weist darauf hin, dass die Kinder der Arbeitsmigranten eine verletzliche Kategorie sind, die deswegen eine besondere staatliche Hilfe benötigt. Diese Staatsaufgaben übernehmen in der Ukraine einige soziale und christliche Organisationen und Stiftungen. Spitzenreiter bei der Hilfe für die „Eurowaisen“ ist die Caritas Ukraine. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mehr als zehn Jahre aktiver Erfahrung in der Arbeit mit den Kindern und Familien der Arbeitsmigranten, erzählt in einem Gespräch mit dem Bistum Eichstätt Andrij Waskowycz, der Leiter der Caritas Ukraine. Caraitas stellt Fachleute zur Verfügung, wie z. B. Sozialarbeiter und Psychologen, die solche Familien ständig und professionell unterstützen und begleiten können.

Natürlich ist nicht jedes Kind, dessen Eltern derzeit in der EU arbeiten, erfolglos in der Schule oder sofort alkoholabhängig. Wenn es allerdings auch nur eins wäre, bräuchte das Problem eine Lösung. es sind jedoch viele Kinder, die kein Geld brauchen, sondern jemanden zu lieben und zu sprechen.

Sternsinger-Aktion

„Segen bringen, Segen sein. Kindern Halt geben – in der Ukraine und weltweit“ lautet das Motto der kommenden, 63. Aktion Dreikönigssingen. Dabei werden die Sternsinger auf das Schicksal von Mädchen und Jungen aufmerksam machen, die mit nur einem Elternteil, bei Großeltern oder in Pflegefamilien aufwachsen, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten.

Mehr zum Thema:
Sternsinger-Aktion im Bistum Eichstätt
Sternsinger: Hilfe für Kinder von Arbeitsmigranten

„Wir müssen die Wunden der Natur und die der Menschen heilen“

Bevor er aufs Gaspedal tritt, spricht Bischof Johannes Bahlmann noch kurz ein Vaterunser. Dann steuert er seinen Pick-up rasant über eine buckelige Staubpiste. Die Rinderweiden rechts und links der Straße werden nur ab und zu von Waldstücken unterbrochen. „Hier ist schon alles abgeholzt“, sagt er. „Schlimm ist das.“

Seit zehn Jahren leitet der Mann, der aus dem niedersächsischen Visbek stammt und den hier alle nur Dom Bernardo nennen, die Diözese von Óbidos. Die Stadt mit 50.000 Einwohnern liegt am Ufer des Amazonas im brasilianischen Bundesstaat Pará. An diesem heißen Nachmittag ist er auf dem Rückweg aus Alenquer, dem nächsten größeren Ort. Er hat dort ein kleines, von Ordensschwestern geleitetes Krankenhaus besucht. Es gilt vor allem wegen seiner Geburtsstation, die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, als eines der besten Hospitäler der Region. Rund drei Stunden dauert die Rückfahrt nach Óbidos – gar nicht so lang, wie Dom Bernardo betont. Seine Reisen dauern sonst länger.

Die Diözese des 59-Jährigen ist eine der größten in Brasilien, sie reicht vom Amazonas bis an die Grenze zu Surinam. Diese ländliche, größtenteils von Dschungel bedeckte Region gehört zu den konfliktreichsten des Landes. Hier herrschen eigene Gesetze. Es geht rauer zu, der Staat ist weit weg und die Infrastruktur prekär. Großgrundbesitzer, Holzfäller und Viehzüchter geben den Ton an. Die Situation ist durchaus mit der im „Wilden Westen“ vergleichbar. „Man braucht Mut und Vertrauen, wenn man hier etwas bewirken will“, sagt Dom Bernardo und weicht einem Schlagloch aus.

Drei besonders drängende Probleme gibt es für den Bischof. Da sei erstens die Umweltzerstörung. Sie nehme immer beunruhigendere Ausmaße an, insbesondere seit Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro den Amazonas praktisch zur Ausbeutung frei gegeben hat – ohne Rücksicht auf Ureinwohner, Kleinbauern und Fischer. Der Amazonas werde von der Regierung an transnationale Konzerne verscherbelt, meint der Bischof.

Damit eng verbunden sei eine tiefe soziale Ungerechtigkeit. „Viele Menschen in meiner Diözese sind arm, sie besitzen kein oder nur sehr wenig Land“, sagt Bischof Bahlmann. „Sie leben häufig von der Hand in den Mund.“ Ihnen gegenüber stünden wenige, sehr reiche Großgrundbesitzer, die meist mit der Politik verbandelt seien.

Um in die Dörfer zu gelangen, fährt Bischof Bernardo Bahlmann mit dem Boot der Diozöse. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Als dritte große Herausforderung nennt Dom Bernardo die Ausmaße seiner Diözese. Sie ist halb so groß wie Deutschland, hat aber lediglich eine Handvoll Straßen. „Es ist nicht einfach für mich, bei den Menschen präsent zu sein“, erklärt Dom Bernardo. „Aber ich versuche es.“

Und so reist der Bischof manchmal tagelang mit Booten über die Flüsse, um die Menschen in seiner Diözese zu besuchen. Einige tief im Dschungel gelegene Missionsstationen sind nur mit dem Propellerflugzeug zu erreichen. „Es ist heute wichtiger denn je, dass die Kirche zu den Menschen geht“, zitiert Dom Bernardo Papst Franziskus. „Wir dürfen nicht bequem sein. Was nützen uns die schönsten Gebete, wenn wir die Menschen nicht mehr erreichen.“

Deswegen ist Dom Bernardo auch ein großer Befürworter von Laienpriestern. „Ohne sie gäbe es vielerorts im Amazonasgebiet gar keine Gottesdienste mehr“, sagt er. Besonders am Herzen liegt ihm die von Adveniat finanzierte Laienschule in Óbidos. Katholiken aus den entferntesten Orten werden hier zu Laienpredigern ausgebildet und in sozialen und ökologischen Themen unterrichtet. Die Ausbildung habe schon einige Führungspersönlichkeiten hervorgebracht, die in ihren Gemeinden etwas zum Positiven veränderten, berichtet Dom Bernardo. Nur so bekomme man auch die Jugend ins Boot.

Der Bischof macht nach langer Fahrt zum ersten Mal Halt an einem kleinen Weiler. Die Kirche am Wegesrand ist mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Am nächsten Tag sollen hier die Kinder Erstkommunion feiern. Als er aus dem Wagen steigt, eilen gleich einige Kinder und Frauen herbei. Sie küssen die Hand von Dom Bernardo, der es ihnen gleichtut. So ist es Brauch in dieser Region. Man wünscht sich gegenseitig den „Segen“.

Bischof Bernardo Bahlmann trinkt mit Dorfbewohern einen Kaffee. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Sogleich wird der Bischof auch zu Kaffee und Kuchen auf den Hof der Familie eingeladen. Die Zuwanderer aus dem armen und trockenen Nordosten Brasiliens haben sich im Amazonasgebiet eine bescheidene Landwirtschaft aufgebaut. Sie schätzen an ihrem Bischof, dass er ein Mann des Volkes ist, einer zum Anfassen. Tatsächlich macht Dom Bernardo kein großes Aufheben um sich. Der Franziskaner ist meist in hellen Baumwollhosen und Hemd unterwegs und stellt außer einem Bischofsring keine Insignien seines Amtes zur Schau.

Bischof Bernardo Bahlmann spricht mit dem Jugendlichen Paulo Aquila (15), der später ins Seminar eintreten will. Sein Vater Aginaldo Silva ist Diakon und leiter der katholischen Gemeinde des Dorfes Maria Theresa.

Dafür bewirkt das Engagement des Bischofs für ökologische und soziale Gerechtigkeit umso mehr. Auch dank seines Einsatzes fährt seit 2019 ein Hospitalschiff mit rund 30 Ärzten und Krankenpflegern an Bord auf dem Amazonas und seinen Zuflüssen. Die „Papa Francisco“ bringt medizinische Versorgung an Orte, an denen die Menschen häufig noch nie zuvor einen Arzt gesehen haben. 700.000 Menschen sollen so erreicht werden. „Wir leisten hier einen ganz konkreten wichtigen Dienst am Menschen“, erklärt Dom Bernardo. 50.000 Euro hat Adveniat zu Beginn der Coronakrise der Gesundheitspastoral des Bistums und dem Krankenhaus in Alenquer zur Verfügung gestellt.

Nach einer kurzen Nacht in Óbidos bricht der Bischof am nächsten Morgen erneut auf. Diesmal geht es ins Dorf Arapuçu, eine halbe Stunde flussaufwärts. Arapuçu ist ein Quilombo, eine Siedlung von Nachkommen ehemaliger Sklaven. Dem Bischof ist es wichtig, heute hier zu sein, denn in Brasilien wird der „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ begangen, der an die Leiden und den Kampf der afro-brasilianischen Bevölkerung erinnern soll.

Im nach allen Seiten offenen Gemeindesaal von Arapuçu haben sich die Bewohner versammelt. Einige Schüler singen ein Lied über die Diskriminierung einer schwarzen Frau. Dann ergreift Dom Bernardo das Mikrofon. Es sei wichtig, die eigene Geschichte und Kultur zu kennen und dafür einzutreten, sagt er. Zum Abschied küssen die Menschen dem Bischof wieder die Hand, und er erwidert die liebevolle Geste: „Segen!“ Auf dem Rückweg sagt er nachdenklich: „Wir haben zwei große Aufgaben als Kirche im Amazonasgebiet. Wir müssen die Wunden der Natur heilen. Und wir müssen die Wunden der Menschen heilen.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2020: ÜberLeben auf dem Land
Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Wer auf dem Land geboren ist, ist dreimal häufiger von Armut betroffen als eine Person, die in der Stadt geboren wird. Die Gesundheitsstationen in ländlichen Regionen sind oft miserabel ausgestattet, denn es gibt dort kaum Diagnosemöglichkeiten, Medikamente und Fachpersonal. Und dann kam im Mai 2020 auch noch Corona. Das Virus trifft mit der Landbevölkerung auf eine besonders verletzliche Gruppe von Menschen, deren Immunabwehr aufgrund ihrer Armut, den chronischen Leiden an Infektionskrankheiten sowie ihrer schlechten Ernährungssituation bei einer Infektion schnell überfordert ist. Deshalb rückt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion unter dem Motto „ÜberLeben auf dem Land“ die Sorgen und Nöte der armen Landbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Argentinien, Brasilien und Honduras. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 29. November 2020, im Bistum Würzburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de. 

Klein anfangen für eine bessere Zukunft

Im Süden von Niger kann nicht einmal jede dritte Frau lesen und schreiben. Mädchen werden im Kindesalter verheiratet, weil sich die Familien auf diese Weise Geld sparen. Aber es gibt auch Orte, an denen alles anders ist.

Corona? Nein. Das ist hier wirklich kein Thema. Viele hier glauben nicht einmal, dass es das gibt. Die Frage, die sich für die Menschen hier stellt, ist, wie sie genug zu essen auftreiben können“, steht in der E-Mail. „Ich hoffe, das reicht als Antwort. Ich habe nämlich kein bisschen Zeit, ich bin ständig in den Dörfern. Die Nahrungsmittel werden knapp, jetzt werden die Mädchen verheiratet, denn so können sich die Familien Geld sparen. Gruß, Marie Catherine Kingbo, Ordensoberin der Fraternité des Servantes du Christ, Maradi, Niger.“

Wenn der Baum brennt, ist es oft zu spät, um Wasser zu holen, heißt es hier im westafrikanischen Niger. Noch brennt der Baum im Dorf Dan Bako und den umliegenden Ortschaften vielleicht nicht, noch lassen die Mütter vielleicht mit sich reden. Darum klopfen die Ordensoberin und ihre Mitschwestern an die Türen der Familien. „Nur ein Jahr für dein Mädchen“, bitten sie die Mütter. „Gib deinem Mädchen nur ein einziges Jahr, dann werden wir weitersehen.“

Durchschnittsalter: zwölf Jahre

Das Durchschnittsalter, in dem die Mädchen hier in den Dörfern im Süden von Niger verheiratet werden, liegt bei zwölf Jahren. Es sind aber auch Neunjährige unter den Bräuten. Die Ehemänner sind mindestens volljährig, meist Mitte zwanzig, manchmal aber auch alte Männer. „Das heißt, dass die Mädchen keinerlei Chance auf Bildung und Eigenständigkeit haben“, sagt Sr. Kingbo. Vor 14 Jahren ist die Senegalesin hierher in die Diözese Maradi gekommen, hat eine Ordensgemeinschaft gegründet und mit dem begonnen, was bis heute ihre Mission ist: Mädchen und Frauen eine Zukunft zu geben. Im Vorhof eines der sandfarbenen Häuser von Dan Bako, dem Dorf, in dem sie ihre Arbeit mit den Frauen auf dem Land begonnen hat, hängt die 15-jährige Rahatatou gerade Wäsche auf. Rahatatou ist eines der Mädchen, für die die Schwestern einen Aufschub erwirkt haben. „Was machst du denn hier bei deiner Mutter, ich dachte, du wohnst im Nachbardorf?“, fragt Sr. Arlette, die heute die Familien besucht.

Schulbildung für Mädchen, Hilfe zur Selbsthilfe für die Frauen: Dafür setzen sich die Schwestern der „Fraternité des Servantes du Christ“ in Maradi im Niger ein. Foto: Jörg Böthling

Die Antwort bleibt vage, es hat wohl Ärger mit dem Ehemann gegeben. „Sie hat im vergangenen Jahr geheiratet und vor kurzem eine Fehlgeburt gehabt“, wird die Ordensfrau später erklären. Damit ist das Mädchen keine Ausnahme. „Auf die verfrühten Ehen folgen alle Arten von Schwierigkeiten, leider eben auch Fehlgeburten“, sagt Sr. Kingbo. Zeit zu gewinnen, die Mütter dazu zu bringen, die Mädchen später wegzugeben, das ist für Sr. Kingbo und ihre Mitstreiterinnen zunächst das Wichtigste. Bei Rahatatou hat das nur bedingt geklappt: Die Schwestern hatten gehofft, dass sie viel länger zur Schule gehen dürfte. „Aber leider passiert das oft: Die Mädchen kommen einfach nicht mehr aus den Ferien in ihre Klassen zurück. Wenn wir dann nachforschen, wo sie geblieben sind, hören wir: Sie haben geheiratet.“

Frauen halten zusammen

Auf den gemeinsamen Feldern grünt es. Hier bewirtschaften die Frauen gemeinschaftlich und legen auch ihre Vorräte gemeinsam an. Eine Gruppe hat sich versammelt, es herrscht Unmut, denn die Bewässerungsanlage ist ausgefallen und nicht zum Funktionieren zu bringen. Die Alternative ist wenig verlockend: Ein paar hundert Meter weiter, auf dem weitläufigen Dorfplatz, befindet sich ein Brunnen. Ochsen sind in ein Joch gespannt und ziehen mit den Runden, die sie drehen, die Wassereimer aus der Tiefe. Baraka Makamma gehört zu den Frau en, die auf den Gemeinschaftsfeldern mitarbeiten und Vorräte in die von den Ordensfrauen gegründete Getreidebank einlagern. „Dadurch ist es möglich, zumindest ein bisschen Geld auf die Seite zu legen“, sagt die Mutter von sieben Kindern. Gemeinsam mit dem, was ihr Mann erwirtschaftet, halten sie sich über Wasser.

Im Dorf Dan Bako bewirtschaftet eine Frauenkooperative die Felder gemeinsam. Foto: Jörg Böthling

Die Sorgen sind weniger geworden. Ein bisschen zumindest. „Als wir anfingen, in die Dörfer zu gehen, haben wir zuerst die Frauen zusammengebracht um mit ihnen über ihre Lage zu sprechen“, sagt Sr. Kingbo. Dazu luden die Ordensfrauen die traditionellen Dorfchefs und die Imame ein. „Als sie sahen, dass wir nicht Chaos brachten, sondern dass die Gemeinschaft sogar stärker wurde, waren wir und unsere Arbeit willkommen“, erinnert sie sich. Heute steht Sr. Kingbo unter der schützenden Hand des Sultans. Wenn es darum geht, ein Stück Land zu erwerben, ist er Vermittler und Fürsprecher.

In der Getreidebank lagern Vorräte für mehrere Dörfer. Foto: Jörg Böthling

Die Christen sind eine winzige Minderheit in Niger, der vom traditionell toleranten Islam der Bruderschaften geprägt ist. Höchstens 1,5 Prozent der Nigrer sind Christen. „Aber nur, wenn ich großzügig zähle“, sagt Ambroise Ouédraogo, der Bischof von Maradi. Auf seine Einladung hin hat Sr. Kingbo 2006 ihre Arbeit im Land begonnen. „Wenn die Muslime eines Tages sagen würden: Wir wollen die Christen hinauswerfen, so könnten sie das jederzeit tun“, sagt Bischof Ambroise. In der Vergangenheit hat es bereits Anschläge und Übergriffe durch Extremisten gegeben, wie etwa 2015 in der Stadt Zinder, als unter anderem eine katholische Schule zerstört wurde. Auch der Bischof weiß, dass der radikale Islam wächst und die Sicherheitslage im Land zusehends schlechter wird. Aber er sagt: „Auch wenn wir eine Minderheit sind: Wir sind eine Minderheit, die ihren festen Platz hat.“ Dazu tragen auch die katholischen Schulen bei, die einen guten Ruf genießen und von vielen Amts- und Würdenträgern des Landes durchlaufen wurden.

Nafisa, 9, geht seit vier Jahren in die Missionsschule von Tibiri-Gobir. Foto: Jörg Böthling

Für Sr. Kingbo sind es die heranwachsenden Mädchen an ihrer Schule, auf die sie stolz ist. Im Internat wohnen vor allem Kinder aus entlegenen Landesteilen. Manche haben Schreckliches erlebt. Unter den älteren Mädchen ist die 17-jährige Sylvie, durch deren Dorf an der Grenze zu Nigeria marodierende Banden von Dschihadisten gezogen sind, um die Menschen zu tyrannisieren. „Wir Mädchen können nicht zu Hause bleiben. Diese Leute können einem alles antun“, sagt sie. Sie sitzt umringt von einer kleinen Gruppe Gleichaltriger. Fragt man sie nach dem, was die Zukunft bringen soll, sagen sie: Krankenschwester. Lehrerin. Sylvie, die vor Boko Haram geflohen ist und einmal pro Woche versucht, zu Hause jemanden zu erreichen, um sicherzustellen, dass alle noch leben, möchte für immer bei den Schwestern bleiben. „Ob das ihr Weg ist, werden wir sehen“, sagt Sr. Kingbo. Und dann gibt es Nafisa, Enkelin des Onkels des Sultans. Er hat sie in die Obhut der Schwestern gegeben, damit sie eine gute Schule besucht. Sie ist neun Jahre alt, und damit eigentlich in heiratsfähigem Alter. „Eigentlich“, sagt Sr. Kingbo mit entschlossenem Blick. „Aber davon ist nicht im geringsten die Rede.“

NIGER UND SEINE FRAUEN
80 Prozent der Frauen in Niger können nicht lesen und schreiben. Alle zwei Stunden stirbt eine Frau bei der Geburt und durchschnittlich bringt jede sieben Kinder zur Welt. In dieser Realität nahm Sr. Marie Catherine Kingbo mit nur einer Mitschwester im Jahr 2006 ihre Arbeit auf. Heute stehen da, wo die beiden Frauen aus dem Nichts begonnen haben, eine Schule und ein Internat der Schwestern der Ordensgemeinschaft „Fraternité des Servantes du Christ“. In den Dörfern bringen die Ordensfrauen die Menschen zusammen, um heikle Themen zu diskutieren. Im ländlichen Umfeld, wo die Armut am gravierendsten ist, ermutigen sie die Frauen, sich mithilfe von Mikrokrediten wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen und Vorräte für schwere Zeiten anzulegen. Denn die durchlebt Niger immer wieder: Das Land in der Sahelzone kämpft gegen den Hunger. Dazu kommt der Terror islamistischer Gruppen. Mit der Stadt Agadez gibt es im Niger ein Drehkreuz der afrikanischen Migration. Seit die Wege durch die Sahara und über das Mittelmeer immer schwieriger werden, stranden hier zahllose junge Migranten. Sie zu versorgen, ist eine große Herausforderung für die Zukunft. Denn Terrorgruppen, die im Namen des Islam operieren, bedienen sich nur allzu gerne bei der perspektivlosen Jugend und finden dort immer wieder neue Kämpfer. Einen Kurzfilm gibt es im missio-YouTube-Kanal sowie aufwww.weltmissionssonntag.de.

Brasilien im Corona-Chaos

Die Pandemie hat auch unser Leben in Brasilien total verändert. Anfang des Jahres dachten wir noch, dass der Virus nicht zu uns kommen würde. Aber am 25. Februar wurde der erste Corona-Fall in Brasilien registriert, mittlerweile sind es schon 3.180.758 Fälle (Stand 12.08.20). Der erste Todesfall wurde am 13. März registriert, jetzt sind es schon 104.528 Fälle. Der Bundesstaat Mato Grosso, wo ich derzeit lebe, registrierte den ersten Fall am 19. März, mittlerweile sind es schon 69.085 (14.470 Fälle allein in der Hauptstadt Cuiaba). Den ersten Todesfall gab es hier am 3. April, inzwischen sind es 2.264 (649 davon in Cuiaba).

Die Pandemie verschärft die sozialen und wirtschaftlichen Probleme und man befürchtet einen totalen Zusammenbruch und Chaos. Die Bekämpfung der Pandemie wird durch die Verharmlosung des brasilianischen Präsidenten erschwert. Er bezeichnet Covid-19 als harmlose Grippe und lehnt Schutzmaßnahmen wie soziale Distanzierung, Maskenpflicht und Einschränkung der Aktivitäten in besonders gefährdeten Gebieten als wirtschaftsschädigend ab. Das bekannte Malariamittel Chloroquin ist seiner Meinung nach das Wundermittel gegen Covid-19. Jair Bolsonaro ignoriert die Wissenschaftler und den brasilianischen Ärzteverband, die auf die negativen Folgen seiner Politik hinweisen. Deshalb mussten auch zwei Gesundheitsminister, angesehene Ärzte, seine Regierung verlassen. Ein General leitet das Gesundheitsministerium und ersetzte erfahrene Experten durch Militärs.

Transparent vor dem Dom in Caceres, Mato Grosso: „Aus Liebe zu Gott, bleibt zu Hause“. Foto: Manfred Göbel

Bolsonaro erhält Unterstützung von den evangelikalen Freikirchen, dem konservativen Lager der katholischen Kirche, Unternehmern, Geschäftsleuten, einem Teil des Militärs und von allen, die seine Ideen gutheißen, das sind rund 30 Prozent der Bevölkerung. Anstatt das Land zu einen, spaltet er es durch seine radikalen Ideen. Er sagt zum Beispiel: „Wir, die Rechten, nehmen Chloroquin gegen Covid-19 und die ‚Linken‘ trinken Tubainsaft.“ Der rechtsgerichtete Präsident bezeichnet sich auch als Schutzwall gegen den Kommunismus und als Garant für die Demokratie. Die Spaltung geht quer durch die Bevölkerung und auch durch die katholische Kirche, was das vor kurzem veröffentlichte Schreiben „Brief an das Volk Gottes“ zeigt. In dem Dokument kritisieren 152 brasilianischen Bischöfen (rund ein Drittel der Bischöfe) eine fehlende Politik zur Verbesserung der Lebensbedingungen der armen Bevölkerung sowie die Unfähigkeit Krisen zu bewältigen, vor allem in Bezug auf Covid-19. Eine Reaktion des Präsidenten blieb bisher aus. Anscheinend hat er das Schreiben ignoriert.

Die Pandemie ist auch in die Indianergebiete eingedrungen. Die letzten Zahlen (vom 11.08.20) sprechen von 24.246 Fällen, davon 664 Tote. Bis jetzt sind 148 Indianervölker von insgesamt 305 Völkern mit einer Gesamtbevölkerung von 734.000 Indianern betroffen. Man hatte es versäumt, die Indianergebiete zu schützen und sanitäre Barrieren zu errichten.

Die Lage hatte sich zeitweise in vielen Regionen dramatisch verschlechtert und die Gesundheitsdienste kollabierten, wie zum Beispiel in Mato Grosso und Cuiaba. Die Krankenhäuser waren voll und es gab keine Intensivbetten mit Beatmungsgeräten mehr. Viele Krankenschwestern und Ärzte sind an Corona erkrankt, einige gestorben, deshalb fehlt Personal. Momentan hat sich die Lage in Cuiaba etwas verbessert, nachdem drei Wochen lang alles geschlossen war. Doch wie lange bleibt es so?

Fast vergessen wegen der Pandemie verzeichnet die Abholzung des Regenwaldes neue Rekordzahlen. Von August 2019 bis Juli 2020 wurden 9.125 Quadratkilometer Urwald abgeholzt, eine Steigerung von 34,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit Wochen plagen uns großflächige Brände, die große Rauchwolken über Cuiaba bringen. Hinzu kommt das trockene Klima mit einer Luftfeuchtigkeit von nur 17 Prozent. Das Naturschutzgebiet Pantanal verbucht eine seiner schwersten Brände-Saisons. Um 28 Prozent nahmen die Brände gegenüber dem Vorjahr zu. Atemwegserkrankungen wegen Corona und den großen Bränden peinigen die Bevölkerung.

Die Organisation Acamis betreut mit Unterstützung der DAHW 230 Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise. Foto: Manfred Göbel

Wegen der Pandemie leiden alle anderen Gesundheitsprogramme. Die Leprabetreuung wird vernachlässigt. Seit März finden keine Aufklärungskampagnen und auch keine Ausbildungskurse statt. Die letzten Zahlen vom Gesundheitsministerium im Mato Grosso zeigen, dass die Zahl der neuen Leprafälle im ersten Halbjahr um 50 Prozent zurückging gegenüber dem Vorjahr, von 2.304 auf 1.279 Fälle. Im Jahre 2019 wurden insgesamt 4.424 Fälle im Mato Grosso registriert. Das heißt, dass viele an Lepra erkrankte ohne Diagnose und Behandlung sind. Das wird die Leprakontrolle um Jahre zurückwerfen. Auch die geplanten Projekte und Aktivitäten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) in Brasilien konnten wegen der Pandemie nicht im vollen Umfang durchgeführt werden.

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