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Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Gemeinschaftliches Leben.

Basis des gemeinschaftlichen Lebens ist eine fundierte spirituelle Tradition mit Regeln und Strukturen, die man spürt, auf die man sich einlässt und die unsichtbar wirken. Wie ich es im Benediktinerkloster Tabgha erlebe, kümmert man sich nicht so persönlich um den Einzelnen, sondern gibt jedem Lebensraum, Aufgaben und die Möglichkeit, sich und seine Gaben einzubringen.

Es kommt auch zu Mängeln und Verletzungen, die alle spüren und miteinander aushalten, aber durch das gemeinsame Leben stabilisiert sich das etwas. Besonders das Zusammenkommen fünfmal am Tag vor Gott bewirkt eine eigene Dynamik, gibt manchen Psalmen Aktualität. Man kann sich mittendrin einsam fühlen, aber man ist es nicht wirklich. Das gleichen Einzelne durch persönliche Gesten aus. Die Steuerung gemeinschaftlicher Anlässe stabilisiert den Einzelnen in der Gesamtheit, die stets im Wandel ist. Leitung spielt eine starke Rolle, denn sie ist für die Gesamtheit und für den Einzelnen verantwortlich.

Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs
Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs

Als Teil des gemeinschaftlichen Lebens bringe ich mein Wesen, meine Zeit, meinen menschlichen Umgang, meine Gaben, Fehler und Verletzungen ein und präge das Miteinander. Deshalb ist ein Versöhntsein mit sich selbst und Heilwerden in Christus und durch andere wichtig, weil ich als Teil das Ganze mitpräge.

Das gemeinschaftliche Leben hier unterscheidet sich aus meiner Perspektive schon sehr vom Familienleben, wo man offener und direkter kommuniziert. Besonderer Teil des gemeinschaftlichen Lebens hier ist, dass Tabgha Priorat von der Dormitio in Jerusalem ist und viel Austausch in beide Richtungen stattfindet. Es ist ein richtiges Geschenk nach Jerusalem zu kommen und dort zu Hause zu sein. Diese Erfahrung haben meine Kinder auch gemacht.

Kann denn eine Mutter ihre Kinder vergessen?

Die Frage steht immer im Raum: Was sagen deine Kinder, dass du so lange fort bist? Und oft höre ich im Geist mit, was nicht ausgesprochen wird. Selbstverständlich haben wir Sehnsucht! Alle Kinder waren schon zu Besuch, sind berührt von dem Ort, zum Teil etwas verunsichert von den strengen, klösterlichen Strukturen. Sie finden mich hier in einem anderen Kontext.

Aber wir sind uns einig: Den Mut, hierher zu gehen, alles zu verlassen, um vor Gott meine Trauer auszuhalten und in ihm einen neuen Lebensabschnitt zu begründen, ist eine originelle und konsequente Fortführung dessen, was ich mit meinem Mann gelebt habe. Wir wünschen uns wieder örtliche Nähe, wenn ich auf neue Weise gefunden habe, was mir verloren ging.

Mein Hiersein bereichert in einer besonderen Art unsere Familienbande, ist wie eine Horizonterweiterung mit der Gewissheit: Die Mama ist an einem Heiligen Ort. Was mich sehr gefreut hat, als ich kurz in Deutschland war: Meine Enkelkinder haben kein bisschen gefremdelt und durch die neuen Medien sind wir viel in Kontakt.

Mit mancher Träne ließ ich die Kinder ihre Wege gehen, als es an der Zeit war und bin dankbar über die Freiheit, die sie mir nun zurückgeben. Unsere Familiendynamik ist: lebendig, spontan, interessiert aneinander, füreinander da und in Freiheit gestaltete, herzliche Liebesbande.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2