Kategorie-Archiv: Gemeinschaft

Die Farben der Seele

In schöner kalligraphischer Handschrift las ich den Satz: „Mit der Zeit prägen deine Gedanken die Farben deiner Seele.“ Ein Satz, den man in Stille auf sich wirken lassen kann. Stille, Einsamkeit und eine nicht sehr ausgeprägte Kommunikationskultur bringen viele Gedanken hervor, die man nicht abstellen kann.

Als ich vor 16 Jahren das erste Mal der damals einzige Gast im Karmel in Wemding war und totale Stille vorfand, merkte ich, wie laut es in einem selbst sein kann, dass das Leben lautstark ohne Worte weiter pulsiert, bis man langsam leerer wird. Dieses Leererwerden hatte aber auch mit den täglichen Gesprächen mit der Mutter Oberin zu tun.

Hier nun, nach fast zwei Jahren mit viel Zeit in Abgeschiedenheit und einer stillen meditativen Arbeit in der Benediktinerabtei Tabgha, nimmt die Stille andere Züge an. Zum einen schätze ich die Zweisamkeit mit Gott und das “Bei sich selbst zu Hause sein“ mit Blick auf den See Genezareth sehr. Es ist so schön, dass ich es selbst nicht fassen kann. Zeit, in der sich ein bisschen Himmel in der Seele widerspiegelt. Desgleichen auch, wenn wir in einer Lesestunde die Spur Gottes in unserem Leben suchen, das Wort Gottes teilen oder in Gesprächen von Herz zu Herz reden.

Aber es gibt auch banale Anlässe, die andere Gedanken auslösen: Zuneigungen und Abneigungen, Rechtfertigungen, Fragen, Zukunftsängste. Wenn niemand zum klärenden Gespräch in Aussicht ist, bekommen die Gedanken ein Eigenleben und ziehen einen mit Kraft weg von sich selbst und von anderen. Schatten legen sich auf die Seele, die in den Augen zu lesen sind. Das ist natürlich und die Wege sind verschieden, wie man damit umgeht. Wenn es im Psalm heißt: „Herr, stelle eine Wache an meinen Mund …“, so können wir auch beten: Herr, stelle eine Wache an das Tor meiner Seele, dass ich dem Ankläger der Brüder und meiner selbst in den Gedanken nicht Raum gebe, denn Du bist Licht, Liebe und Weisheit und wohnst im Innersten meiner Seele.

Auf die Farben meiner Seele muss ich selbst achtgeben. Die Worte der Bergpredigt: „Richtet nicht und urteilt nicht“ sind ein gutes Hilfsmittel für eine helle Farbgebung. Aber auch das Miteinanderreden ist unabdingbar für ein glaubwürdiges Miteinander.

Bild: Blick vom Berg Arbel durchs  Taubental auf den See Genezareth. Foto: Andrea Krebs

Von Bienen Solidarität lernen

Bienen sind wichtige Insekten in der Natur und im Leben der Menschen. Sie werden seit jeher von Menschen geschätzt als Honigproduzenten, als Bestäuber der Kulturpflanzen und auch als Erzeuger von Heilmitteln wie Propolis. So lange es Menschen gibt und sie Honig essen, beschäftigen sie sich mit Bienen. Besonders faszinierend dabei ist, dass Bienen – vergleichbar mit Menschen – in Völkern, den Bienenvölkern, leben. Diese werden jeweils nur von einer einzigen Anführerin, der Königin, regiert.

Auch meine Familie in der Ukraine hat, seit ich denken kann, ein paar Bienenhäuser mit mehreren Bienenfamilien. Es war für uns Kinder immer spannend, den Opa in besonderer Kleiderausrüstung zu beobachten, wie er sich um seine Bienen kümmerte. Im Sommer suchte er immer wieder nach einer zweiten Bienenkönigin in einem Volk, um zu verhindern, dass die Hälfte der Bienen von diesem Volk sich selbstständig macht und wegfliegt. Sehr interessant war es für uns zu beobachten, wie der Großvater seine Bienen für den Winter fütterte, wie er Honig schleuderte und wie wir als erste von den Waben voller Honig eine Probe nehmen durften, aber auch wie er trauerte, wenn irgendeines der Völker von einer Krankheit befallen worden war. Nicht nur einmal wurde ich von Bienen gestochen: Es tat zwar weh, aber auf den Honig wollte ich deswegen trotzdem nicht verzichten.

Die biblischen Bücher des Alten Testamentes nehmen unterschiedlich akzentuierten Bezug auf Bienen. Wenn es beispielsweise um die feindlich gesinnten Eroberer ging, so wurden sie mit gereizten Bienen und deren Angriffs- und Stechlust verglichen (Dtn 1,44, Jes 7,18-20, Ps 118,12). Unübersehbar und geradezu sprichwörtlich ist der Fleiß und die Nützlichkeit dieser kleinen Tiere: „Klein unter den geflügelten Tieren ist die Biene, und doch bringt sie den besten Ertrag ein“ (Sir 11,3). Ein Mahnwort an die Faulenzer, das zugleich als Lob der kleinen, jedoch fleißigen Biene erscheint: „Gehe zur Biene, und lerne, wie arbeitsam sie ist, sie macht ihre Arbeit wie eine ehrenhafte, deren Erzeugnisse Könige und Privatleute zur Gesundheit verwenden, willkommen ist sie für alle und erwartet; auch wenn sie in der Kraft schwach ist, weil sie die Weisheit achtet, hat sie es so weit gebracht. Wie lange, Fauler, bleibst du liegen?“ (Spr 6,8f., LXX).

Unsere christliche Überlieferung hat das Positive aus den Bienengleichnissen übernommen und so haben Bienen bei uns einen eher positiven Ruf. Besonders vorbildlich war der Fleiß der Bienen in den geistlichen Unterweisungen der Mönchsväter. Die Bienen galten ihnen als vernünftige und kluge Geschöpfe in der Tierwelt, weil sie ein geordnetes gemeinschaftliches Leben führen, eine Aufgabeverteilung innerhalb ihres Bienenvolkes kennen und weil sie nach einem bestimmten Plan ihre Waben bilden. Gerade deshalb erkannten manche alte Denker darin ein Vorbild für den idealen Staat und der heilige Ambrosius von Mailand (+397) verglich die Kirche mit einem Bienenkorb.

Bienen-Solidarität: Foto: Oleksandr Petrynko
Bienen-Solidarität: Foto: Oleksandr Petrynko

Alles, was ich persönlich von den Bienen wusste und nun hier beschrieben habe, war nur eine schöne Theorie, bis ich Anfang Oktober 2015 in meinem Urlaub in Georgien das Bienenleben nochmal ganz bewusst erlebt habe. Die Fotos von diesem Erlebnis habe ich in einer alten Höhlenstadt Vardzia in Westgeorgien, nahe der Grenze zur Türkei gemacht. In einer Pause kaufte ich mir eine Waldmeisterlimonade (auf dem Foto grün im Glas, auf einem roten Tisch serviert). Sehr schnell und plötzlich waren mehrere Bienen und Wespen da. Eine der Bienen landete direkt in der Limonade und tat mir leid, als sie darin mehrere Kreisbewegungen machte. Sie schaffte dann doch herauszukommen, zwar nur langsam, aber letztlich kletterte sie bis an den oberen Rand des Glases. Und hier ist das Faszinierende passiert: Plötzlich setze sich eine der herumfliegenden Bienen auf den gleichen Rand hinter die nasse „süße“ Artgenossin und begann die verunglückte Biene abzusaugen, bis sie wieder fliegen konnte. Ich war für eine Weile außer mir vor Staunen. Denn nicht die Limonade auf der Freundin-Biene zog sie an, denn im Glas war ja viel mehr davon, sondern die Freundin selbst, die in Not geraten war. Da die Aktion relativ langsam verlief, konnte ich mit meinem Handy mehrere Bilder machen, die ich gerne mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, teilen möchte. Die Bilder zeigen Ihnen ein paar georgische Bienen, die nach wissenschaftlichen Untersuchungen den längsten Rüssel unter den Bienennationen auf der Erde haben, ihre georgische Heimat Vardzia und vor allem ein Beispiel ihres sozialen Verhaltens und ihrer Solidarität untereinander. Dies ist etwas, was die Menschen und gerade wir Christen von Bienen lernen können.

Eichstätt summt | Grußwort von Schirmherr Christoph Wölfle, Regens des Priesterseminars Eichstätt

Die Kraft der Stille – Ein Besuch im Kloster Poblet

Es regnet in Strömen und es weht ein furchtbar kalter Wind. Und dann ist auch noch der Gastpater gerade nicht da, als ich zehn Tage nach Ostern an der Pforte der Zisterzienserabtei Poblet klopfe. Wie schon ein paarmal in den vergangenen Jahren, will ich mich für ein paar Tage dem Trubel und dem Alltagsstress der Großstadt entziehen. Ich gönne mir in der „großen Stille“ dieses mittelalterlichen Klosters im Hinterland Neukataloniens wieder einmal bewusst Zeit für Gebet und Reflexion. Ohne mich vorher anzumelden, bin ich in aller Früh einfach losgefahren. Der Gastpater sei gerade nicht im Haus und komme erst am Nachmittag wieder zurück, klärt mich der Bruder an der Pforte auf. Ich solle mich doch nach 15 Uhr wieder melden.


Zur Mitte kommen

So, nun stehe ich also vor verschlossenen Klostertüren im kalten, windigen Regen. Was mache ich jetzt? Warum bin ich überhaupt der pulsierenden Weltstadt Barcelona mit dem angenehmen und sonnigen Mittelmeerklima entflohen? Um wieder die Mitte zu finden. Um alles Oberflächliche, Störende und Ablenkende vergessen zu können, damit der tiefe Sinn wieder durchdringen kann. Aber das eigentliche Zentrum von Poblet, die Klosterkirche, ist ja offen, täglich von 5 bis 20 Uhr. Also trete ich in den gewaltigen romanischen Kirchenraum. Zunächst einmal, um endlich dem scheußlichen Regen zu entfliehen. Ein mächtiges, dunkles Kirchenschiff empfängt mich. Auch hier ist es eiskalt. Aber die Kälte ist nicht so unangenehm wie draußen im Regen, hier in der Kirche hat die Kälte eher etwas Befreiendes. Befreiend ist vor allem auch die Stille. Eine kleine Schülergruppe steht neben dem Altarraum unter den Hochgräbern der katalanischen Könige, mucksmäuschenstill, der Reiseführer spricht seine Erklärungen beinahe im Flüsterton. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die wuchtigen und schlichten Säulen ragen kräftig nach oben und tragen in außergewöhnlicher Höhe das runde Tonnengewölbe. Immer mehr richtet sich das schmale, hohe und lange Kirchenschiff vor mir auf. Alles führt nach oben und nach vorne. Kein Schmuck, keine Dekoration lenkt den Blick ab – absolute Schlichtheit. Alles führt zum Zentrum, zum Altar, zur Mensa in der Mitte des Altarraums. Fünf kleine Kerzen brennen auf dem Altar – sie stehen für die fünf Wundmale des Auferstanden, wie man mir später erklärt. Daneben steht die Osterkerze, auch sie brennt. Ich kenne keine Kirche, die mich mit ihrer Schlichtheit, mit ihrer stillen und tiefen Aussagekraft mehr fasziniert als die Klosterkirche von Poblet. Ich setze mich in die erste Bank. Sofort wird es auch in mir still. Jetzt kann ich da sein. Einfach da sein. In SEINER Gegenwart.

Das Knurren meines Magens holt mich aus dem stillen Gebet in die körperliche Wirklichkeit zurück. Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Stunden vergangen sind. Ich verlasse die Kirche, um neben meiner Seele auch meinem Magen das, was ich ihm schulde, zu geben. Der Regen hat aufgehört. In der Kloster-Cafetería steht ein „menú de los monjes“ auf der Speisenkarte, das Menü, wie es gleichzeitig auch den Mönchen im Refektorium serviert wird. Ich bestelle es mir, und natürlich auch eine copa des kräftigen Rotweins aus den klostereigenen Weingärten. Punkt 15 Uhr ruft mich Frater Borgan, der Gastbruder, auf meinem Mobiltelefon an. Wir kennen uns von meinen früheren Besuchen. Natürlich könne ich wieder ein paar Tage im Kloster verbringen. Und schon stehe ich mit meiner kleinen Tasche in der Pforte und werde von dem jungen Klostermann freundlich lächelnd empfangen. Er führt mich gleich in eines der schlichten Gästezimmer. Angenehme Wärme empfängt mich.

Lebendige Stille

Da bin ich also wieder, in „meinem“ Poblet. Aber was ist es, das mich immer wieder hierher zieht? Warum brauche ich Poblet? Was ist es, das mich hier durch- und aufatmen lässt? Warum finde ich genau hier etwas von der Kraft, die mich leben lässt? Ist es allein die berührende Stille? Die ehrwürdige Eleganz der mittelalterlichen Gebäuden? Der Charme einer längst vergangenen Welt? Vielleicht sogar nur eine Wunsch- oder Traumwelt? Um halb sieben darf ich es wieder erleben, was ich in Poblet vor allem suche, mehr als die faszinierenden Klosteranlagen: das gemeinschaftliche Chorgebet der Mönche. Knapp zwanzig Klosterbrüder haben sich in ihren weißen Kutten des Zisterzienserordens im Chorgestühl versammelt. Der Kantor stimmt in einem klaren Tenor an. Die Mönche stimmen ein. Mir ist, als ob der Gesang aus der unendlichen Tiefe dieses heiligen Ortes entspringt. Als ob er schon immer da gewesen wäre, geheimnisvoll verborgen zwischen den romanischen Säulen und Kirchenschiffen, seit über 800 Jahren, ein immerwährender Lobgesang Gottes. Und die Mönche rufen den Lobgesang nur aus seiner Verborgenheit, stimmen mit ein. Auch wir Gäste dürfen mit einstimmen. Wir haben in den Kirchenbänken Platz genommen. Vorsichtig wage ich es, mich an das Gebet der Mönche „anzuhängen“. Es geht, auch wenn mir das Katalanische und die Musik manchmal fremd sind. Das ist es, was ich hier suche: Eine Gebetsgemeinschaft, an deren bewährter geistlicher Tradition ich für eine kurze Zeit „andocken“ kann. Die Mönche geben mir keinen Kurs in benediktinischer Spiritualität. Sie zeigen mir nicht, wie „man“ betet. Sie tun es einfach. Für sich. Auf ihre Art, wie es Mönche seit dem 6. Jahrhundert tun, und wie es Christen auf ähnliche Art und Weise schon immer getan haben. Und ich darf mich hineinschwingen, anhängen an dieses ewige Gebet. Ich muss nichts machen, nichts produzieren, ich muss nichts können und nichts beweisen. ich brauche mich nur aufmerksam hineinhorchen. Nur da sein. Das Gebet, die Gegenwart, ER nimmt mich mit.

Ja, es sind vor allem die Menschen, die ich hier in der Abtei Poblet suche. Nicht allein das Gebet der Mönche. An ihr Leben möchte ich mich ein wenig anhängen, an ihre Gemeinschaft. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere leben hier zusammen: Katalanen, Spanier, Lateinamerikaner, Handwerker, Akademiker, Mönche ohne bestimmte Berufsausbildung. Die strenge Disziplin erlaubt es, dass so unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Persönlichkeiten gut zusammen leben. Die Klosterregel hilft, dass die Differenzen nicht zum Nachtteil werden, sondern zur Bereicherung des einzelnen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das Gemeinschaftsleben der Mönche von „außen“ betrachte, auch wenn ich ein paar Tage innerhalb der Klostermauern verbringen darf und manche Mönche auch schon persönlich kennengelernt habe. Im Alltag ist das konkrete Leben miteinander in jeder Gemeinschaft eine nicht immer einfache Herausforderung. Da darf sich keiner etwas vormachen. Trotzdem meine ich, dass die Mönche mit ihrem jahrhunderte alten Lebensstil einen Weg gefunden haben, sich nicht allein von Individualismus, Macht und Prestige bestimmen zu lassen, sondern von Miteinander und Füreinander. Einen Weg, der zu einem wirklichen und konkreten Frieden führt. Einen Frieden mit sich, den andern und mit Gott.

Von Stille und Musik, Dunkel und Licht, Ruhe und Leben

Immer fasziniert mich in Poblet am meisten der Abschluss der Komplet, des klösterlichen Nachtgebetes. Während des ganzen Gebetes brennt kein Licht in der Kirche, weder elektrisches Licht noch Kerzenlicht. Allein durch die wenigen und kleinen Fenster hoch oben unter dem Gewölbe dringt noch etwas Abendschimmer in den Kirchenraum. Nach dem Schlussgebet entzündet ein Mönch drei schlanke Kerzen, die mitten auf dem Altar stehen, direkt unter dem großen schwebenden Kreuz. Dann stimmen die Mönche das „Salve Regina“ an. Die Mönche von Poblet singen es nach einer ganz eigenen Melodie, angeblich seit dem Jahr 1218. Ein unvergleichlicher Gesang, wie aus einer anderen Welt. Kirche und Musik, Licht und Dunkelheit, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, alles wird eins.

Schon am zweiten Tag meines Aufenthalts in der Zisterzienserabtei haben sich die Regenwolken langsam verzogen. Bei meiner Abreise schließlich – dieses mal leider schon am dritten Tagzeigten sich ein tiefblauer Himmel und eine herrlich strahlende Sonne. Gestärkt von der „Kraft der Stille“ konnte ich wie die Jünger nach ihrer „Tabor-Erfahrung“ wieder zurückkehren in die Herausforderungen meines alltäglichen Trubels.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Gemeinschaftliches Leben.

Basis des gemeinschaftlichen Lebens ist eine fundierte spirituelle Tradition mit Regeln und Strukturen, die man spürt, auf die man sich einlässt und die unsichtbar wirken. Wie ich es im Benediktinerkloster Tabgha erlebe, kümmert man sich nicht so persönlich um den Einzelnen, sondern gibt jedem Lebensraum, Aufgaben und die Möglichkeit, sich und seine Gaben einzubringen.

Es kommt auch zu Mängeln und Verletzungen, die alle spüren und miteinander aushalten, aber durch das gemeinsame Leben stabilisiert sich das etwas. Besonders das Zusammenkommen fünfmal am Tag vor Gott bewirkt eine eigene Dynamik, gibt manchen Psalmen Aktualität. Man kann sich mittendrin einsam fühlen, aber man ist es nicht wirklich. Das gleichen Einzelne durch persönliche Gesten aus. Die Steuerung gemeinschaftlicher Anlässe stabilisiert den Einzelnen in der Gesamtheit, die stets im Wandel ist. Leitung spielt eine starke Rolle, denn sie ist für die Gesamtheit und für den Einzelnen verantwortlich.

Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs
Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs

Als Teil des gemeinschaftlichen Lebens bringe ich mein Wesen, meine Zeit, meinen menschlichen Umgang, meine Gaben, Fehler und Verletzungen ein und präge das Miteinander. Deshalb ist ein Versöhntsein mit sich selbst und Heilwerden in Christus und durch andere wichtig, weil ich als Teil das Ganze mitpräge.

Das gemeinschaftliche Leben hier unterscheidet sich aus meiner Perspektive schon sehr vom Familienleben, wo man offener und direkter kommuniziert. Besonderer Teil des gemeinschaftlichen Lebens hier ist, dass Tabgha Priorat von der Dormitio in Jerusalem ist und viel Austausch in beide Richtungen stattfindet. Es ist ein richtiges Geschenk nach Jerusalem zu kommen und dort zu Hause zu sein. Diese Erfahrung haben meine Kinder auch gemacht.

Kann denn eine Mutter ihre Kinder vergessen?

Die Frage steht immer im Raum: Was sagen deine Kinder, dass du so lange fort bist? Und oft höre ich im Geist mit, was nicht ausgesprochen wird. Selbstverständlich haben wir Sehnsucht! Alle Kinder waren schon zu Besuch, sind berührt von dem Ort, zum Teil etwas verunsichert von den strengen, klösterlichen Strukturen. Sie finden mich hier in einem anderen Kontext.

Aber wir sind uns einig: Den Mut, hierher zu gehen, alles zu verlassen, um vor Gott meine Trauer auszuhalten und in ihm einen neuen Lebensabschnitt zu begründen, ist eine originelle und konsequente Fortführung dessen, was ich mit meinem Mann gelebt habe. Wir wünschen uns wieder örtliche Nähe, wenn ich auf neue Weise gefunden habe, was mir verloren ging.

Mein Hiersein bereichert in einer besonderen Art unsere Familienbande, ist wie eine Horizonterweiterung mit der Gewissheit: Die Mama ist an einem Heiligen Ort. Was mich sehr gefreut hat, als ich kurz in Deutschland war: Meine Enkelkinder haben kein bisschen gefremdelt und durch die neuen Medien sind wir viel in Kontakt.

Mit mancher Träne ließ ich die Kinder ihre Wege gehen, als es an der Zeit war und bin dankbar über die Freiheit, die sie mir nun zurückgeben. Unsere Familiendynamik ist: lebendig, spontan, interessiert aneinander, füreinander da und in Freiheit gestaltete, herzliche Liebesbande.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2