Kategorie-Archiv: Gastbeitrag

Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.

Missionsarbeit in Südafrika

Wir feierten vor wenigen Wochen den 95. Gründungstag der Benediktinerabtei Inkamana in Vryheid in Südafrika. Der 3. August ist zugleich der Gründungstag der Ottilianer Benediktinermission im Zululand. Als ich 1968 als Neumissionar ins Zululand kam, lebten noch mehrere der Pioniere, die 1922 unter schwierigen Bedingungen mit der Missionierung begannen. Der letzte der Pioniere starb 1983. Inzwischen gehört die Epoche der Erstmission im Zululand längst der Vergangenheit an. Rund 150 Jahre protestantische Missionsarbeit und knapp 100 Jahre Missionsarbeit der Ottilianer Benediktiner haben den Zulus den Weg zum Christentum geöffnet. Die große Mehrheit der Zulus gehört jetzt einer christlichen Kirche oder Sekte an. Das Gebiet, das Rom 1921 der Kongregation von St. Ottilien zur Missionierung zugeteilt hatte, ist nun eine Diözese. Mittlerweile hat unsere Diözese bereits ihren zweiten einheimischen Bischof. In den 30 Pfarreien sind ausschließlich einheimische Priester tätig. Zwei Zulu Priester unserer Diözese sind momentan sogar in Pfarreien im Ausland tätig. Einer ist in den USA im Einsatz, der andere auf einer Pfarrei in der Pfalz in Deutschland.

In den knapp 100 Jahren seit der Ankunft der ersten Benediktiner im Zululand stellte unsere Kongregation großzügig Personal für die Mission in dieser Nordostecke von Südafrika zur Verfügung. Insgesamt erhielten nicht weniger als 72 Ottilianer Patres und 65 Ottilianer Brüder das Missionskreuz für das Zululand. 1968 wurde zum letzten Mal eine ganze Gruppe ausgesandt. Sie bestand aus vier Mann; ich war einer von den Vieren. Seitdem erhielt die Zululand Mission nur noch wenig Verstärkung aus den Heimatabteien. Mit Recht sagten unsere Äbte in Deutschland: „Seht zu, dass ihr im eigenen Land um Nachwuchs wirbt und Benediktinermissionare heranbildet.“ Das haben wir auch getan. Es war kein einfaches Unterfangen. Seit 1968 sind nicht weniger als 220 einheimische Kandidaten in die Abtei Inkamana eingetreten. Von diesen 220 Kandidaten legten nach zwei- bzw. dreijähriger Vorbereitung immerhin 64 die einfachen Gelübde ab. Von diesen 64 banden sich 30 nach weiteren drei bzw. sechs Jahren durch die ewigen Gelübde auf Lebenszeit an unsere Gemeinschaft. Allerdings traten auch von diesen „ewigen Professen“ acht nach einiger Zeit wieder aus dem Kloster aus. Von den 64, die seit 1968 die einfachen Gelübde abgelegt hatten, sind zurzeit sechs in der Vorbereitung auf die ewige Profess.

Mönche der Benediktinerabtei Inkamana. Foto: inkamana.mariannhillmedia.org

Erfolgreiche Missionsarbeit

Ähnliche Erfahrungen wie Inkamana machten auch andere Missionskongregationen in Südafrika, ganz gleich ob es sich um religiöse Frauengemeinschaften oder religiöse Männergemeinschaften handelt. Südafrika ist nun einmal kein „Mistbeet“ für Priester- und Ordensberufe. Das haben wir schon lange festgestellt. Die Hälfte der afrikanischen Kandidaten, die zwischen 1968 und 2017 in Inkamana die ewigen Gelübde abgelegt hatten, stammte aus Namibia bzw. aus Malawi. Aus diesem Grund haben wir vor zwanzig Jahren eine Niederlassung in Namibia eröffnet. Dieses Nachbarland Südafrikas hat mit rund 20% einen weit höheren Prozentsatz an Katholiken als Südafrika, wo nur rund 6% der Einwohner katholisch sind.

Wenn man im Rückblick von einer erfolgreichen katholischen Missionsarbeit im Zululand sprechen kann, dann verdanken wir das nicht zuletzt dem Einsatz und der Mitarbeit mehrerer Schwesterngemeinschaften. In erster Linie sind da die Tutzinger Missionsbenediktinerinnen zu nennen. Sie haben von 1922 bis zu ihrer Ablösung im Jahr 2000 mit den Ottilianern zusammengearbeitet, haben Krankenhäuser und Schulen geleitet und haben in verschiedenen Bereichen auf allen Hauptstationen gewirkt. Nicht weniger als 110 Tutzinger Schwestern kamen in den 78 Jahren zwischen 1922 und 2000 im Zululand zum Einsatz. Fünfundvierzig sind in Inkamana gestorben und haben auf unserem Klosterfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter auch Schwester Reinolda May (1901–1981).

Wallfahrtsort Ngome

Ihr Name wurde über die Grenzen von Zululand und sogar über Südafrika hinaus bekannt, als sich nach ihrem Tod die Kunde verbreitete, dass sie Marienerscheinungen hatte. Zwischen 1954 und 1971 sei ihr die Muttergottes angeblich nicht weniger als zehn Mal in der Krankenhauskapelle von Nongoma erschienen. Sie selber hat darüber Aufzeichnungen gemacht. Bei einer dieser Erscheinungen äußerte die Muttergottes angeblich den Wunsch, „an einem Ort im Zululand, an dem sieben Quellen entspringen, als Tabernakel des Allerhöchsten verehrt zu werden“. Dieser Ort wurde mit Hilfe von Schwester Reinolda als ein Außenposten der Missionsstation Nongoma namens Ngome identifiziert.

Ngome liegt etwa 20 km westlich von Nongoma am Rand eines dichten Urwalds. In diesem Urwald wurden tatsächlich mehrere Quellen entdeckt. Der zuständige Bischof, Aurelian Bilgeri OSB (1909-1973), der von 1947 bis zu seinem Tod die Diözese Eshowe leitete, stand der ganzen Geschichte eher skeptisch gegenüber, genehmigte aber aufgrund inständiger Bitten von Schwester Reinolda, dass in Ngome 1966 eine kleine Kapelle von kaum mehr als vier Quadratmeter gebaut wurde. Erst 1984 erlaubte Bischof Mansuet Biyase (1933-2005), der Nachfolger von Bischof Bilgeri, den Bau einer größeren Kapelle. Sie wurde auf einem Felsplateau errichtet und enthält ein von einem Kunstmaler angefertigtes Gemälde der „Muttergottes, Tabernakel des Allerhöchsten“. Rasch stieg die Zahl der Pilger, die privat oder durch eine organisierte Pilgertour nach Ngome kamen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde 2002 noch eine zweite, größere Kirche errichtet.

Auf ihrem Weg nach Ngome machen viele Pilger bei uns in Inkamana Halt und besuchen das Grab von Schwester Reinolda, legen Blumen nieder und hängen Rosenkränze über ihren Grabstein. Schon seit längerem wird in der Diözese sogar die Möglichkeit eines Seligsprechungsprozesses erwogen. Aufgrund dieser Entwicklung hat nun der Bischof von Eshowe, Thaddeus Xolelo Kumalo, einen seiner Priester beauftragt, Material über das Leben und Wirken von Schwester Reinolda zu sammeln. Für diesen Schritt hatte der Bischof zuvor von Rom das nötige Placet eingeholt in der Hoffnung, dass nach einiger Zeit der Seligsprechung Prozess eröffnet werden kann. Ob es jemals so weit kommt, wird sich zeigen.

Auch Mallersdorfer Schwestern im Zululand´

Außer den Missions-Benediktinerinnen von Tutzing haben auch noch drei weitere Schwesterngemeinschaften aus Deutschland in den 1950er Jahren Missionarinnen ins Zululand entsandt und sind dort heute noch präsent. In diesen rund sechzig Jahren kamen 33 Franziskanerinnen aus Oberzell bei Würzburg, 21 Benediktinerinnen von St. Alban am Ammersee und 37 Mallersdorfer Schwestern in die Zululand Mission. Alle drei Gemeinschaften nahmen sehr bald auch einheimische Kandidatinnen auf. Heute sind unter den 26 Oberzeller Schwestern mehr als die Hälfte Afrikanerinnen, darunter auch die Oberin der Gemeinschaft. Unter den 40 Mallersdorfer Schwestern (dazu gehört auch die in der Missionsstation „Vryheid“ tätige Sr. Emanuela Kraus aus Breitenbrunn/Oberpfalz, Bistum Eichstätt) befinden sich 23 einheimische; die Leitung der Gemeinschaft liegt jedoch noch in den Händen einer deutschen Schwester. Das gleiche gilt auch für die Benediktinerinnen von St. Alban. Die Gemeinschaft setzt sich momentan aus acht afrikanischen und sechs deutschen Schwestern zusammen. Oberin ist eine deutsche Schwester.

Die Ottilianer Benediktiner haben in ihren ehemaligen Missionsgebieten in Afrika sechs Abteien und ein Konventualpriorat (Vorstufe zur Abtei) errichtet. Alle sieben selbständigen Klöster werden von einheimischen Mönchen geleitet. In vier dieser Klöster sind alle Patres und Brüder Afrikaner; in dreien ist der Konvent gemischt, wobei die Europäer jeweils nur noch eine Minderheit bilden. Noch einen Schritt weiter in dieser Entwicklung sind die Klöster, die von Ottilianer Mönchen in Korea, in China und auf den Philippinen gegründet wurden. Während einige unserer sechs Deutsch sprachigen Abteien (vier in Deutschland und jeweils eine in Österreich und in der Schweiz) unter Nachwuchsmangel leiden, verlagert sich der Schwerpunkt unserer Kongregation langsam auf unsere Klöster in Afrika und Asien. Mit weit über 600 Mitgliedern machen sie jetzt schon 60% der Ottilianer Missionsbenediktiner aus.

Jahrhundertdürre

In Südafrika herrschte in den letzten zwei Jahren eine katastrophale Trockenheit. Im Zululand sprach man von einer Jahrhundertdürre. Nicht nur die Großfarmer und Kleinbauern waren davon betroffen, sondern auch die Menschen in den Städten. Die Farmer konnten wegen Regenmangel nicht pflügen und säen und in den Städten mussten die Leute ihren Wasserverbrauch gewaltig einschränken. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert, da es im Sommer (Dezember bis März) reichlich geregnet hat. Die Wasserversorgung in der Stadt Vryheid war ein ganzes Jahr lang (von Mai 2016 bis Mai 2017) von Tankfahrzeugen abhängig, die die im Stadtgebiet aufgestellten 5000 Liter Behälter immer wieder auffüllten. Bevor die Wasserleitungen wieder benützt werden konnten, mussten Hunderte von Hausanschlüssen repariert und mit neuen Messgeräten aus Plastikmaterial versehen werden. Während der langen Trockenheit waren nämlich die alten Messgeräte aus Metall reihenweise geklaut und von den Dieben als Altmetall verkauft worden.

Die lange Trockenheit hat auch unserer Abtei schwer zugesetzt. Um die Wasserversorgung sicher zu stellen, mussten wir zusätzlich Brunnen bohren. Weil die aber nicht den erwarteten Erfolg brachten, haben wir nun entschieden, Regenwasser zu „ernten“. Inzwischen wurden an den verschiedenen Dachrinnen 5000 Liter Plastikbehälter aufgestellt, die das Regenwasser sammeln, wenn sich im kommenden Sommer die Himmelsschleusen öffnen.

„Jipe Moyo“: Fass dir ein Herz – Eine Einladung für alle

Am 8. März, dem internationalen Frauentag, der dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert und heute so wichtig ist, wie selten zuvor, hat mir Jipe Moyo einmal mehr gezeigt, wie es seinen Namen, der übersetzt so viel wie „Fass dir ein Herz!“, bedeutet, versteht und lebt: als offene Einladung und Aufruf an all diejenigen, die in Not sind und sich allein gelassen fühlen. Voller Freude und Energie nimmt man sich hier gegenseitig Ängste, steht einander bei und schenkt sich Mut und neue Kraft. Das kiswahilische Wort „Karibu“, was zu Deutsch „Willkommen“ heißt, ist bezeichnend für die tansanische Kultur, die sich durch Offenheit und Herzlichkeit auszeichnet, und bildet auch den Anfang des Jipe Moyo-Liedes, das die Kinder mit großem Enthusiasmus vortragen. Dieses einander Akzeptieren und Willkommen-heißen, das die Arbeit von Jipe Moyo von Beginn an auszeichnet, ist das Fundament der starken Gemeinschaft, die die Kinder hier bilden, und von der so viel Lebendigkeit und Liebe ausgeht.

Seit viereinhalb Monaten lebe ich nun in Tansania und bin als Freiwillige ein Teil des Jipe Moyo Centre Musoma. Einer Nicht-Regierungsorganisation, die für den Schutz von Kindern und Frauen kämpft. Immer wieder aufs Neue, beeindruckt mich der unermüdliche Einsatz für ein friedlicheres Leben in der Mara-Region, in der Unterdrückung und Gewalt allgegenwärtig sind.

Vor allem in den ländlichen Gegenden, die von den Machtstrukturen der jeweiligen ethnischen Volksgruppe bestimmt sind, werden die Rechte von Kindern und Frauen missachtet. Das Herabsetzen von Frauen zur Einkommensquelle, zeigt die verbreitete Ansicht auf, sie seien weniger wert als Männer und dürften wie Besitz, über den frei verfügt werden kann, behandelt werden. Nach wie vor herrscht, beispielsweise beim Zugang zu Bildung, keine Chancengleichheit, was es Mädchen und jungen Frauen von Beginn an unmöglich macht, ein selbst-bestimmtes Leben zu führen. Sie werden in die Abhängigkeit von Männern gezwungen und sind geschlechterspezifischer Gewalt hilflos ausgeliefert. Die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung, welche im Großteil der in der Mara-Region lebenden Volksgruppen praktiziert wird, nimmt Mädchen auf grausamste Weise ihre Würde. Viele von ihnen sterben an der menschenrechts-verachtenden Praxis, die Frauen anspruchslos und hörig machen, und ihnen das Empfinden von sexueller Lust nehmen soll. Nach der Beschneidung, die den Eintritt ins Erwachsenenalter markiert, werden Mädchen, die häufig nicht älter als 13 sind, als heiratsfähig angesehen. Sie werden angeboten, wie auf einem Markt und müssen, nach Verhandlung und Bezahlung des Brautpreises, ihre Familie verlassen, um  Ehefrau und Mutter zu sein, wozu sie weder physisch noch psychisch in der Lage sind. Neben weiblicher Genitalverstümmelung und Kinderheirat, sind Mädchen und Frauen Opfer von sexuellem Missbrauch, Prostitution und Gewalt. Oft sehen sich Betroffene in ihrer verzweifelten Lage allein gelassen. Fehlende Anlaufstellen und Unterstützung, sind ein Grund dafür, dass viele Fälle unentdeckt bleiben und die Missachtung von Frauenrechten akzeptiert und sogar als richtig angesehen wird.

Die Mission von Jipe Moyo ist es, gegen diese Verletzungen der Menschenrechte vorzugehen und für den Schutz von Kindern und Frauen zu kämpfen, mit dem Ziel ein respektvolles und friedliches Miteinander zu schaffen. So setzt Jipe Moyo ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit und richtet die öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen wie geschlechterspezifische Gewalt. Durch das Brechen von Tabus, wendet sich die Organisation gegen veraltete Traditionen und bewirkt, gemeinsam mit allen Teilen der Gesellschaft, einen tiefgreifenden und langanhaltenden Wandel.

Das Engagement von Jipe Moyo zeigt große Wirkung. So ist der Erfolg in der positiven Entwicklung jedes einzelnen Kindes sichtbar und zeigt uns immer wieder aufs Neue, dass wir gemeinsam viel bewirken können. Mitzuerleben wie Kinder heilen, sich öffnen und sich fern von Gewalt und Angst frei entfalten, ist wunderschön und berührend. Die Lebensfreude, die von den Mädchen und Jungen ausgeht, motiviert auch gegen alle Schwierigkeiten, weiter für ihren Schutz und ihr Wohlbefinden zu kämpfen.

Jipe Moyo verbindet Spaß und Leichtigkeit mit Bildung und der Aufklärung über die Rechte von Kindern und Frauen und die Verantwortung diese zu schützen. Hier wurde die Symbolkraft des internationalen Frauentages, der ein Zeichen gegen geschlechterspezifische Gewalt und für Gleichberechtigung setzt, lebendig. Alle Kinder haben über die letzten Wochen fleißig Lieder und Tänze geprobt und so war die Freude groß, diese präsentieren zu können und gemeinsam den „siku ya wanawake duniani“ zu zelebrieren. Es war wundervoll für mich zu erleben, wie sehr sich alle über dieses Event gefreut haben und es, als starke Gemeinschaft die niemanden ausgrenzt, feiern. Wie in einer Familie tritt man für den Anderen ein, schützt sich gegenseitig und behandelt einander mit Respekt und Liebe. Die Energie und Freude der Kinder beim Singen, Tanzen und Theater spielen sind mitreißend und ich genieße das Zusammensein mit ihnen unglaublich.

Von Beginn an habe ich Jipe Moyo als meine kleine Insel empfunden, in dieser für mich anfangs neuen Kultur. Alle Menschen, die zu uns kommen, werden mit Offenheit und Zuneigung aufgenommen, an diesem leuchtenden Ort der so viel Kraft ausstrahlt, neue Hoffnung schenkt und Kinder wieder Kinder sein lässt. Diese Zuversicht, nicht allein zu sein und immer einen Weg zu finden, erreicht Menschen bis weit über die Grenzen des Centers hinaus.

Jipe Moyo ist die Stimme von Opfern geschlechterspezifischer Gewalt und bietet ihnen durch Bildung eine neue Perspektive. An diesem 8. März, dem internationalen Frauentag, wird einmal mehr deutlich, wie stark und selbstständig Mädchen und Frauen sind, wenn sie frei von Gewalt und Unterdrückung aufwachsen und leben können und ihnen die Chance gegeben wird sich frei zu entfalten.

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Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Die Zukunft Kubas ist ungewiss

Pater Klaus Väthröder, Missionsprokurator der Jesuiten in Nürnberg, nimmt an der Kubatagung zum Thema „Barmherzigkeit und kirchliche Arbeit in existentiellen Randbereichen“ von 21. bis 22. November 2016 in Eichstätt teil. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen in der kubanischen Stadt Cienfuegos, wo er für sechs Wochen den Pfarrer der Gemeinde Nuestra Señora de Montserrat vertrat.  

„Pan Suaveeee“, ertönt es auf der Straße unter meinem Fenster früh am Morgen, begleitet von einer Trillerpfeife. Nach dem Verkäufer von „Feinem Brot“ kommen dann die ersten Pferdetaxis (siehe Foto oben) vorbeigerumpelt. Es sind Einspänner mit Platz für bis zu sechs Fahrgästen, die für 5 oder 10 Cent die Bewohner Cienfuegos an ihre Arbeitsplätze kutschieren. Mein Blick aus dem Fenster geht über die Bahia zum einzigen Atomkraftwerk Kubas. Es wurde allerdings nie in Betrieb genommen, da der Zusammenbruch der UDSSR die sowjetisch-kubanische Freundschaft Ende der 90er Jahre jäh beendete.

Es ist 6 Uhr morgens und Zeit die Kirche aufzuschließen. Im Laufe des Tages werden noch viele Verkäufer, rufend zu Fuß oder klingelnd auf dem Fahrrad, ihre Produkte anbieten: Gemüse, Nudeln, Handbesen, Putzlumpen, Knoblauch und vieles mehr. Sie sind die unüberhörbaren Vertreter der neuen Generations von Unternehmen, sogenannte „Cuentapropistas“, private Klein- und Kleinstunternehmen, die seit einigen Jahren im sozialistischen Cuba erlaubt sind. Dazu zählen Restaurants, Kleinbauern, Gästehäuser, Taxis, und Reparaturwerkstätten, um nur einige der insgesamt 178 unterschiedliche Kategorien zu nennen, die das Wirtschaftsministerium für die Gründung eines kleinen Unternehmens zulässt. Mit der Zeit wurden auch die Restriktionen weniger: so wurde die Anzahl der verfügbaren Restaurantplätze von 12 auf 20 und später auf 50 erhöht und die vormals regulierte Speisekarte wurde liberalisiert. Noch kann man nicht vom freien Unternehmertum auf Cuba sprechen, da unübersichtliche und zum Teil absurde Kontrollen weiterbestehen, aber es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat
P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat

Die kubanischen Jesuiten haben dies zum Anlass genommen, um ihr Arbeitsfeld, das weitgehend auf die kirchliche Pastoral beschränkt war, zu erweitern. In ihren Zentren „Fe y Cultura Loyola“ in Havanna, Camagüey, Cienfuegos, Colón und Santiago bieten sie Kurse für die Cuentapropistas an. Hierbei werden die Grundlagen der Geschäftsführung eines kleinen Unternehmens vermittelt: Buchhaltung, Personalführung – inzwischen darf auch eine gewisse Anzahl von Nicht-Familienmitglieder angestellt werden -, Kostenrechnung etc. Diese Kurse erfreuen sich einer großen Nachfrage. Auf meine Frage an den Oberen der kubanischen Jesuiten, ob dies denn legal sei, antwortet er etwas nebulös: „Die Kurse werden geduldet, kein Aufheben machen, sich bedeckt halten, weitermachen“.

Nachdem ich die Kirche aufgeschlossen habe, kommen schon die ersten Gläubigen, die vor der täglichen 7:30 Uhr Messe beten oder eine Andacht vor dem Bild der „Virgen de la Caridad de Cobre“ halten. Die Jungfrau von Cobre ist die Patronin Kubas quer durch alle Konfessionen, Religionen und politischen Bekenntnissen. Im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Ländern war die katholische Kirche in Kuba allerdings nie besonders bedeutend. Vor und auch nach der Revolution gingen und gehen ca. 5 Prozent der Bevölkerung regelmäßig zum Gottesdienst. So auch in unserer Gemeinde Montserrat in Cienfuegos. Jeden Morgen versammeln sich hier gut 30 Personen, um die Eucharistie mitzufeiern. Dienstag und Donnerstag sind es mehr, da wir dann der Toten gedenken. Dann kommen auch Kirchenferne und bringen Blumen zum Andenken an ihre Verstorbenen mit.

Wandel durch Papstbesuche

Die freie Ausübung des Glaubens war nicht immer so selbstverständlich. Nach dem Sieg von Fidel Castros Revolution Anfang der 60er Jahre wurde die katholische Kirche auf die Sakristei beschränkt. Soziale Aktivitäten und Schulen mussten eingestellt werden, Gebäude wurden enteignet, Ausländer des Landes verwiesen. Priester, Ordensleute und bekennende Katholiken wurden in vielen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert und schikaniert. Dies änderte sich ab den 90er Jahren mit den Besuchen der Päpste Johannes Paul II (1998), Benedikt (2012) und Franziskus (2015) in Kuba. Ohne das Regime direkt anzugreifen haben die drei Päpste politische Freiheiten, die Achtung der Menschenrechte und mehr Autonomie für die katholische Kirche angemahnt. Auch die auf Dialog angelegte Politik des Kardinals von Havanna Jaime Ortega hat dazu beigetragen, dass sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche entspannt hat. Kardinal Ortega ist inzwischen aus Altergründen zurückgetreten. Seine nicht allzu konfrontative Annäherung an das Regime war innerhalb der katholischen Kirche in Kuba nicht unumstritten.

Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder
Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder

Nach dem Gottesdienst treffe ich Pater Ignacio beim Frühstück der Kommunität. Ich frage ihn nach den Baufortschritten. Auf dem Gelände der Pfarrei in Cienfuegos befindet sich auch eine große ehemalige Schule der Jesuiten, die 1880 in Betrieb genommen und 1961 mit der Revolution vom Staat enteignet wurde. Zur Überraschung aller hat der Staat das Gebäude, das einen ganzen Häuserblock umfasst, vor drei Jahren der Gesellschaft Jesu zurückgeben. Allerdings in einem bemitleidenswerten Zustand. Türen, Fenster, Böden und Wände wurden entfernt oder sind zerstört. Das renovierte Gebäude würde Räume für Gemeinde, für Exerzitien und große Versammlungen ermöglichen. Die Renovierungsarbeiten werden wohl noch Jahre dauern. Es fehlt an Material, Geld und ausgebildeten Arbeitskräften. Der Hintergedanke der Regierung war wohl, dass die Jesuiten die Renovierung eher voranbringen können und dass zumindest die Fassade des ehemaligen Kollegs von Montserrat zum 200sten Stadtjubiläum Cienfuegos 2019 im alten Glanz erstrahlen wird. Das Kolleg ist eines der wenigen architektonisch bedeutenden Gebäude der Stadt. Cienfuegos, die auch „Perle des Südens“ genannt wird, wurde 1819 durch französische Siedler gegründet und hat sich einen frankophonen Charakter erhalten. Heute hat die Stadt, die 250 Kilometer von Havanna entfernt an der Bahia de Jagua gelegen ist, rund 170.000 Einwohner und wird von vielen Touristen besucht.

kuba-seniorenkreisNach dem Frühstück gehe ich zum Treffen der Senioren im Gemeindesaal. Die Sorge um die alten Menschen ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche. Bis vor einigen Jahren war diese Caritas für die Senioren vom Staat verboten. Gemäß offizieller Verlautbarung haben alle Menschen in Kuba das Notwendige zu einem zufriedenstellenden Leben inklusive einer guten und kostenlosen Gesundheitsversorgung sowie schulischer bzw. universitärer Ausbildung.  Das ist immer noch wahr, doch die Unterschiede im Lebensstil sind inzwischen gravierend. Wer Zugang zu Dollars oder Euros hat über Verwandte und Freunde im Ausland oder durch eine Arbeit in Kuba, z.B. im Tourismussektor, lebt um einiges besser, als die ohne diese zusätzliche Einkommensquelle. Das trifft auf die meisten alten Menschen zu. Sie leben von einer monatlichen staatlichen Rente von 10 bis 20 US Dollar. Und auch mit der famosen „Libreta“, eine Art von Bezugsscheinen für den Erwerb verbilligter Lernmitteln, kann man nicht mehr viel bekommen, da die Produkte der Libreta immer weniger und teurer werden.

Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder
Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder

Es sind vor allem Frauen, die zum Seniorenkreis kommen und sich ein gutes Frühstück schmecken lassen. Unter ihnen sind Lehrerinnen, Ärztinnen und auch die Gewinnerin einer olympischen Bronzemedaille. Die Hälfte des verteilten Essens packen sie ein und auch an einer kleinen Tasse Kaffee wird nur genippt, der Rest für die nächsten Tage aufgespart.  Besonders gern unterhalte ich mich mit Señora Maria Emilia. Sie ist 115 Jahr alt und bis vor kurzem kam sie noch zur sonntäglichen Messe zu Fuß, nun wird sie im Rollstuhl gebracht. In den letzten Wochen hatte sie Besuch von in- und ausländischen Journalisten und auch mir gibt sie bereitwillig Auskunft über meine Fragen zur Geschichte Kubas. Sie ist das lebendige Beispiel für die hohe Lebenserwartung in Kuba, vergleichbar mit der der westlichen Ländern und eine Zeugin der immer noch guten Gesundheitsversorgung.

Zerrissene Generation

Am Abend nehmen mich die großen Ministranten mit zum Malecón, dem Treffpunkt der jungen Generation an der Bahia Cienfuegos. Da die hunderten von Jugendlichen kein Geld haben, gibt es hier am Malecón auch kaum Smartphones, kaum Alkohol, kein Internet, kein Facebook oder Twitter und sowieso keine Drogen. Hier hängt man ab, redet und singt, hört oder macht Musik, ohne Stress oder Angst vor Kriminalität, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es ist eine friedliche und schöne Stimmung.

Straßenmusiker in Cienfuegos. Foto: Klaus Väthröder
Straßenmusiker in Kuba. Foto: Gerhard Rott

Allerdings wären die meisten dieser Jugendlichen jetzt lieber in Miami oder Madrid, denn trotz ihrer guten Ausbildung sehen viele von ihnen für sich keine Zukunft in Kuba. Diese Generation kennt die wichtigen Ereignisse der Revolution, die Diktatur Batistas und den Befreiungskampf Fidels in der Sierra Maestra, die Invasion in der Schweinbucht, die Raketenkrise 1962 und die Notlage Kubas nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks nur aus Erzählungen und Büchern. Diese Ereignisse sind für sie kaum mehr identitätsstiftend. Es sind die Geschichten Ihrer Eltern und Großeltern. Bei meinen Gesprächen mit den Ministranten und am Malecón spüre ich die Zerrissenheit dieser Generation. Sie hängen an ihrem Land, ihren Familien und Freunden und doch wollen sie lieber ein neues Leben in einem anderen Land beginnen. Sie träumen von einem Leben wie ihre Altersgenossen in der globalisierten Welt: sie wollen an der vernetzten Welt teilhaben, sie wollen freie Information und Unterhaltung anstatt staatlich monopolisierte Zeitungen und Fernsehen, sie wollen mit Freunden über Internet, Facebook und Twitter verbunden sein, angesagte Klamotten tragen, für Ihre Arbeit einen entsprechenden Lohn erhalten. Sie wollen nicht Taxifahrer werden, da man damit mehr verdient als ein Arzt oder Lehrer. Ähnlich wie die junge Generation der Kubaner in Miami, die die radikale und revanchistische Anti-Castro Haltung ihrer Eltern und Großeltern hinter sich gelassen haben, ist vielen jungen Kubanern auf der Insel die revolutionäre Rhetorik des Regimes fremd geworden. Zwar hat sich in den letzten 20 Jahren durch die vorsichtigen Reformen einiges auf Kuba gewandelt, doch vielen in der jungen Generation geht dies zu langsam. Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Wie gehen die Reformen der politischen und wirtschaftlichen Öffnung weiter? Was geschieht, wenn nach Fidel auch Raúl Castro 2018 zurücktreten wird? Werden immer mehr der jungen Generation Kuba verlassen und ihr Glück woanders suchen? Es bleibt zu hoffen, wie es Papst Johannes Paul II gesagt hat, „dass Kuba sich mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten der Welt öffnen möge, und die Welt sich Kuba öffnet.“