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Montserrat: Auf dem heiligen Berg der Katalanen

Jetzt ist die beste Zeit. Im Spätsommer ist es nicht mehr so schwül heiß und auch noch nicht so windig kalt. Sobald es mir die Zeit erlaubt, steige ich ins Auto und fahre die rund 40 km aus Barcelona hinaus. Kaum habe ich auf der großen Diagonal-Autobahn die laute Millionenstadt hinter mir gelassen, biege links um den Tibidabo, den Hausberg Barcelonas, da taucht er auch schon auf: der Montserrat, der beeindruckendste Berg Kataloniens.

Je näher ich komme, desto faszinierender wird der Berg. Ja, was heißt da Berg? Es ist ein Gebirgsmassiv mitten in einer Ebene. Insgesamt misst es zwar nur 10 km in der Länge und 5 km in der Breite, und der höchste Gipfel (Pic de Sant Jeroni) erhebt sich nur 1.236 m über dem Meeresspiegel. So alleinstehend in der weiten Ebene ist das Massiv aber eine gewaltige Naturerscheinung. Wie die Zähne einer umgekippten Säge ragen die aneinandergereihten Bergspitzen in den Himmel. Nicht nur ich habe diesen Eindruck. Das katalanische Wort „Montserrat“ bedeutet so viel wie „gesägter, zersägter Berg“. Wie konnte so ein eigenartiges, bizarres Felsmassiv in dieser Ebene nur entstehen? Jacint Verdaguer, einer der großen Dichter der katalanischen Literaturgeschichte (1845-1902), meint, die Engel selbst hätten dieses Wunderwerk vollbracht. Andere Dichter haben den Berg mit einer großen Burg, einem gewaltigen Schiff oder einer Riesenorgel verglichen oder in ihm ein versteinertes Flammenmeer gesehen. Ein riesiges, beeindruckendes Geheimnis aus Stein. Und auch ein wenig unheimlich. Deshalb verwundert es mich nicht, dass den vielen Gipfeln vom Volk teilweise recht ungewöhnliche Namen gegeben wurden, wie „der verzauberte Riese“, „der Totenkopf“, „der Elefantenrüssel“, „der Katzenkopf“ und viele andere. Geographisch gesehen liegt der Montserrat mehr oder weniger im Mittelpunkt Kataloniens. Und für einen Großteil der Katalanen ist der Berg es auch, Mittelpunkt Kataloniens in mehrerlei Hinsicht. In seiner markanten Gestalt ist der Berg für die Katalanen zu einem Inbegriff ihres Eigenbewusstseins geworden, zu einem Symbol für die geistige Erhebung und Verinnerlichung des katalanischen Wesens.


Es gibt mehrere Wege, den Berg zu erklimmen. Es gibt sie in allen Schwierigkeitsgraden, für Wochenendwanderer genauso wie für Extremkletterer. Der vielleicht genussvollste ist zu Fuß. Zu empfehlen ist aber auch die Seilbahn. In einer Gondel schwebt man über die unbeschreiblichen, kleinen Felsgipfeln und fliegt auf den Berg zu, ja, förmlich in ihn hinein. Dann gibt es auch noch die „Colserrolla“ (den Reisverschluss), die Zahnradbahn. Eine sehr bequeme, rasche und auch billige Möglichkeit. Ich fahre heute aber ganz unromantisch mit dem Auto hoch. Heute möchte ich nämlich auch noch einen ganz besonderen Ort auf dem schon besonderen Berg besuchen (darüber aber später). Egal, mit welchem Verkehrsmittel ich auf den Berg gelange, plötzlich taucht das eigentliche Zentrum von Montserrat vor mir auf: Wallfahrtsstätte und Benediktinerkloster „Mare de Deu de Montserrat“ („Muttergottes von Montserrat“).

„Moreneta“

Der Legende nach wurde bereits Ende des 9. Jahrhunderts in einer der Höhlen auf dem bizarren Berg eine Marienstatue gefunden. Eineinhalb Jahrhunderte später (1025) gründete der Abt Oliba – eine herausragende Persönlichkeit in der katalanischen Kirchengeschichte des Mittelalters – ein kleines Kloster neben der Einsiedelei Santa Maria. Die Kunde von Wundertaten, die man der Jungfrau Maria zuschrieb, breitete sich rasch aus, und so wuchs das Kloster sehr schnell. Im 12. oder 13. Jahrhundert entstand die spätromanische Marienstatue, die bis heute der Mittelpunkt des Heiligtums ist. Wegen der dunklen Farbe ihres Antlitzes hat die Madonna von Montserrat von den Pilgern den vertraulichen Beinamen „Moreneta“, „die kleine Braune“ erhalten. Neben den unzähligen frommen Pilgern aus aller Herren Länder kamen schon bald auch zahlreiche Könige und Päpste. Besonders erwähnenswert sind die Pilgerfahrten späterer Heiliger, unter ihnen Vinzenz Ferrer, Aloisius Gonzaga, Antoni Maria Claret und vor allem Ignatius von Loyola. Sie alle haben in der Begegnung mit der Muttergottes von Montserrat Kraft und Segen für ihr Leben gesucht. Heute sollen schätzungsweise jährlich an die zweieinhalb Millionen Menschen zu dem katalanischen Heiligtum pilgern.

„Escolania“

Mit der Bedeutung der Wallfahrt wuchs gleichzeitig auch das Benediktinerkloster auf dem Montserrat, sein Ruf verbreitete sich rasch über ganz Europa. Vielleicht ist das auch das Besondere dieses Ortes, dass der Montserrat neben dem Trubel des Marienheiligtums immer auch gleichzeitig ein Ort der klösterlichen Stille ist. Abgehoben von vielen Alltagssorgen der Welt, haben sich die Mönche durch alle Jahrhunderte hindurch neben der Wallfahrtsseelsorge sowohl dem klösterlichen Gebet als auch der Wissenschaft und der Bildung gewidmet. Bereits aus dem Jahr 1223 stammen die ersten Zeugnisse, die von der Existenz einer Sängerknabenschule auf dem Montserrat berichten, der erste in Europa, die heute weltberühmte „Escolania“. Vor allem in dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ Spaniens zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert war das Kloster Schauplatz zahlreicher kultureller Aktivitäten. In Sachen Musik hatte sich eine eigene „Schule von Montserrat“ entwickelt. Die Klosterbibliothek war bis zur spanischen Säkularisation 1836 in vielen Bereichen einzigartig und wurde von Wissenschaftlern aus allen Ländern aufgesucht. Heute sind vor allem das Bibelmuseum und die Gemäldesammlung zeitgenössischer Kunst in der ganzen Welt bekannt. Außerdem ist Montserrat aber auch ein wichtiger Ort für die liturgische Bildung innerhalb der katholischen Kirche.

Das „Rote Buch“

Neben seiner großen Bedeutung als christliches Heiligtum kann man den Montserrat aber nicht ohne seine herausragende Bedeutung für die spezielle Geschichte und Kultur Kataloniens sehen. Schon immer war der heilige Ort ein Hort der katalanischen Kultur und Tradition. Besondere Zeugnisse davon sind das „Llibre vermell“, das „Rote Buch“ (14. Jahrhundert), mit seiner einzigartigen Sammlung von katalanischen Liedern und Gebeten des Spätmittelalters und eine katalanische Bibelübersetzung aus dem 15. Jahrhundert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nach den furchtbaren Auseinandersetzungen im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), setzten sich die Mönche Montserrats für eine echte Aussöhnung in der katalanischen und spanischen Gesellschaft ein. Gleichzeitig war das Kloster aber auch ein Ort des politischen und kulturellen Widerstands gegen die spanische Militärregierung Francos. So schlossen sich im Jahr 1970 über 300 Intellektuelle in das Kloster ein, um gegenüber der Diktatur die Achtung der Menschenrechte in Spanien zu fordern.

Mitte und Kraft

Was ist nun das Besondere dieses „Heiligtums“? Das ist sehr schwer zu beantworten!
Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze von lautem Pilgerwesen und stillem Kloster, frommen Glauben und vernünftiger Wissenschaft, geschichtsträchtiger Tradition und aktueller Gegenwart, offener Weltgewandtheit und überzeugtem Selbstbewusstsein. Aber vielleicht sind das ja auch gar keine Gegensätze! Vielleicht sind das vielmehr Momente, die in ihren scheinbaren Gegensätzen unser Leben erst vollkommen machen. Vielleicht braucht es genau diese vielen Erfahrungen, um das Wesen unseres Lebens ein wenig verstehen zu können. Mir jedenfalls, bei all meinen Besuchen des Montserrat, gibt der Ort Ruhe, Ausgleich, Sicherheit und Kraft. Montserrat ist für mich so etwas wie Heimat geworden. Heimat in der Fremde.

Dem irischen Künstler Sean Scully geht es anscheinend ähnlich. Seit den 90-er Jahren besucht er den Berg und ist fasziniert von seinem Geheimnis, und hat neben seinen Ateliers in New York und Bayern nun auch eines in Barcelona. Aus Dankbarkeit dafür, dass seinem Sohn Oisin von den Mönchen das Sakrament der Taufe gespendet wurde, stiftete er dem Kloster ein eigenes Gemälde. Es ist eines seiner berühmten großformatigen, monochromen Bilder, die innere Ruhe und gleichzeitig feurige Lebendigkeit ausstrahlen. Im Frühjahr dieses Jahres ließ Abt Josep M. Soler das romanische Kirchlein Santa Cecilia (10. Jahrhundert), drei Kilometer vor dem Kloster, renovieren. Sean Scully durfte es mit seiner Kunst ausstatten. Es entstand ein ganz besonderer, spiritueller Ort. Ein Ort, der für mich das Wesen des Montserrat noch einmal wie in einem Kern zusammenfasst: Mitte und Kraft.

Von Drachen, Büchern und Rosen – der heilige Georg und die Katalanen

In Barcelona hat alles angefangen. Dort habe ich verstanden, wie weit ich gehen kann“ (Pablo Picasso, 1881-1973)

Gesunder Menschenverstand und zügellose Leidenschaft, das muss sich nicht unbedingt widersprechen. Wenigstens nicht bei den Katalanen. Dieses selbstbewusste kleine Völkchen im Nordosten Spaniens (nach eigener und fremder Beurteilung ganz und gar nicht spanisch!) demonstriert, wie ein Leben zwischen Vernunft und Wahnsinn problemlos möglich ist. Die Katalanen nennen es „seny“ und „rauxa“ (Vernunft, Besonnenheit und Jähzorn, Leidenschaft). Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Charakterzüge gehören selbstverständlich zur katalanischen Volksseele und kommen offensichtlich sehr gut miteinander aus. Der heilige Georg zeigt’s uns.

Sant Jordi ist der Patron, gleichzeitig aber auch der beliebteste Heilige Kataloniens. Im ganzen Land und vor allem in der Landeshauptstadt Barcelona ist er nicht zu übersehen. Fast täglich entdecke ich ihn wieder neu an irgendwelchen Straßenecken und in Parks, an Palästen und natürlich in Kirchen. In der mittelalterlichen Gotik, im „modernisme“ des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch genauso für moderne und zeitgenössische Künstler wie Salvador Dalí oder Josep Subirachs, in allen Zeiten und Epochen war Sant Jordi ein beliebtes Motiv in der Kunst. Fast immer wird er als tapferer Ritter dargestellt, wie er gerade den bösen Drachen bezwingt. Angeblich wird der heilige Georg in Katalonien schon seit dem 8. Jahrhundert verehrt. Beweis dafür sind die unzähligen Kapellen und Kirchen im ganzen Land, die ihm geweiht sind. Bis heute ist Jordi der meistverbreitete männliche Vorname in Katalonien. Auch die Könige verehrten ihn. Jaume I. beschreibt, wie Sant Jordi den Katalanen bei der Eroberung Mallorcas half. 1456 verabschiedete das katalanische Parlament in der Kathedrale von Barcelona eine Verfassung, in der Sant Jordi als Festtag vorgeschrieben wird. Und bis heute prangt an der gotischen Fassade des Regierungspalastes von Katalonien an der Plaça Sant Jaume ein mächtiger Sant Jordi über dem Hauptportal. Im Inneren des weltlichen Gebäudes gibt es eine Kapelle zu Ehren des Heiligen.

Der Kampf zwischen Gut und Böse, Christentum und Heidentum, Tugend und Sünde, seny und rauxa, Vernunft und Irrsinn: Sant Jordi verkörpert die Vereinbarkeit dieser Gegensätze. Historische Informationen gibt es so gut wie keine zu dem Heiligen. Dafür eine umso mehr und reich verwurzelte Legende. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass in Montblanc, einer Kleinstadt rund 150 Kilometer westlich von Barcelona auf einem kleinen Hügel nördlich von Tarragona gelegen, wo jedes Jahr ein großes Schauspiel im Rahmen des Mittelalterfestes stattfindet, ein Drache die Bewohner bedroht haben soll. In ihrer Not begannen sie, ihm jeden Tag ein Menschenopfer darzubringen. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Bevor der Drachen das Mädchen zu fassen bekam, tauchte Sant Jordi auf einem weißen Pferd auf, tötete den Drachen und befreite damit die Prinzessin und die Bewohner von Montblanc. Aus dem Blut des Drachen soll eine Rose entsprungen sein.

Und das ist dann auch der Grund, warum bis heute in Katalonien am Georgstag (23. April) die Frauen von den Männern mit Rosen beschenkt werden. An allen Ecken und Enden Barcelonas werden dazu Rosen verkauft. Am Abend, wenn man durch die Stadt läuft, wird man kaum eine Frau sehen, die nicht eine Rose bei sich hat. Aber nicht nur Rosen werden überall in den Straßen der Stadt angeboten. Die Straßen Barcelonas gleichen an Sant Jordi einem riesigen Open-Air-Buchladen. Die gesamten Ramblas (der berühmte Boulevard zwischen der Plaça Catalunya und dem alten Hafen), der ganze Plaça Sant Jaume (zentraler Platz im gotischen Viertel mit dem Rathaus und dem katalanischen Regierungsgebäude), genauso fast alle Gassen der Innenstadt sind voll von Buchständen. Im Jahr 1923 hatte Vincent Claver Andres den genialen Einfall, den Todestag von Miguel de Cervantes (übrigens auch der Todestag von William Shakespeare, 23. April 1616) zu einem Tag des Buches auszurufen. Seitdem revanchieren sich die Frauen bei den Männern für die Rosen, indem sie ihnen ein gutes Buch schenken. Angeblich sollen in der spanischen Verlagsmetropole Barcelona an diesem Tag allein 400.000 Bücher verkauft werden, was rund zehn Prozent der jährlich verkauften Bücher in Katalonien entspricht. Doch der Tag des heiligen Georg ist in Barcelona viel mehr als nur ein besonderer Tag des Buches. Es ist vor allem auch eine Feier der katalanischen Sprache und Identität. Neben den unendlichen Büchertischen und Rosenständen hängt an allen Hauswänden die gelbe, rot-gestreifte katalanische Flagge. Bäckereien verkaufen das typische, gelb-rot-gestreifte Sant Jordi-Brot. Überall in der Stadt wird katalanische Literatur rezitiert. Man kann Bücher von Autoren signieren lassen und an manchen Orten sogar kostenlose Katalan-Kurse besuchen.

El dia de Sant Jordi: Für die Katalanen ist das ein Tag der Liebe und der Kultur, der Tradition und der Literatur, der Romantik und der Vernunft. Und das Ganze tief verwurzelt im traditionellen katholischen Glauben, auch wenn man längst in einer durch und durch säkularen Gesellschaft einen völlig religionskritischen Lebensstil pflegt. Für manche Nicht-Katalanen passt da vieles nicht zusammen. Die Katalanen jedoch haben da keine Probleme. Ihnen gefallen die bunte Vielfalt und die heftige Auseinandersetzung.

Ich habe die Rosen für meine Hausfrau und die Sekretärin schon gekauft. Und ich bin gespannt, welche Bücher ich heuer geschenkt bekommen werde.

Die Zeit nach dem Flugzeugunglück in Barcelona

Wir saßen gerade beim Mittagessen, als wir davon hörten. Sowohl die deutschen als auch die spanischen Medien berichteten nur noch über dieses unvorstellbare Ereignis: Ein Germanwings-Flugzeug soll auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den südfranzösischen Alpen mit 150 Personen an Bord abgestürzt sein. Unvorstellbar! Erst vor zweieinhalb Tagen bin ich mit Lufthansa von München nach Barcelona geflogen.

Schon läutet das Telefon. Eine katholische Religionslehrerin und Kollegin aus der Deutschen Schule Barcelona. Ob ich schon wisse, was passiert ist. Zwei Väter von Schülern saßen anscheinend in der Unglücksmaschine. Immer wieder läutet das Telefon. Ich kann es einfach nicht fassen.

In den Medien sprechen sie davon, dass am Flughafen in El Prat, Barcelona, ein Raum eingerichtet wurde, wo die Angehörigen der Verunglückten empfangen und betreut werden. Ich überlege nicht lange und mache mich sofort mit dem Auto auf den Weg zum Flughafen. Zuvor telefoniere ich noch mit Holger Lübs, dem Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Wir sprechen uns ab, was wir tun können. Unterwegs bekomme ich einen Anruf der Schulleitung: Inzwischen hat sich bestätigt, dass drei Väter in dem Flugzeug saßen, von denen fünf Kinder an unserer Schule sind.

Am Flughafen ist schon ein riesiger Auflauf. Unzählige Polizeiautos, eine Menge Übertragungswägen von Radio- und TV-Anstalten, Hunderte von Kameraleuten und Journalisten vor dem Tor des Flughafengebäudes. Als ich mich als deutscher Priester zu erkennen gebe, lässt man mich sofort durch und führt mich in ein Hintergebäude. Vizekonsul Bachmann vom Deutschen Generalkonsulat und zwei deutschsprachige Psychologinnen sind bereits vor Ort. Wir sprechen mit einem Vertreter der Flughafenverwaltung. Immer wieder treffen Angehörige ein. Sie werden sofort von der Presse und der Öffentlichkeit abgeschirmt. Deutsche Angehörige kommen nicht an den Flughafen.

Das Schlimmste ist, man fühlt sich völlig hilflos. Man kann scheinbar nichts tun. Ich stehe oder sitze mal bei dem einen, dann bei einem anderen Angehörigen, höre einfach zu, reiche etwas zu trinken, nehme die Person in den Arm, und sage vielleicht noch, wie unvorstellbar das auch für mich ist.

Ärzte nehmen den Angehörigen die DNA ab, damit man die Opfer später identifizieren kann. Es werden die Namen und die Kontaktdaten der Angehörigen aufgenommen. Sie werden dadurch „beschäftigt“. Eine Lufthansa-Sprecherin richtet sich an die Angehörigen. Man bietet den Angehörigen an, sie in Hotels zu bringen, wo sie in Ruhe betreut und informiert werden können.

Inzwischen ist es 18 Uhr. Wir deutschen Helfer können in El Prat nicht mehr viel tun, vor allem auch, weil keine deutschen Angehörigen an den Flughafen gekommen sind. Ich fahre zurück in die Stadt. Im Laufe des Nachmittags hatte ich mit meinem evangelischen Kollegen eine spontane Andacht organisiert. Der ökumenische Kirchenchor der beiden deutschsprachigen Gemeinden trifft sich jeden Dienstag um 20 Uhr in der evangelischen Gemeinde zu seiner wöchentlichen Probe. Der Chor studiert gerade die Choräle aus der Johannes-Passion von Bach ein. Über unsere Email-Verteiler laden wir alle Mitglieder unserer Gemeinden ein.

Deutsche Schule schockiert

An die hundert Personen sind der spontanen Einladung gefolgt. Viele sprechen mich an und sind dankbar für die Möglichkeit dieses gemeinsamen Gebetes. Viele sind zum Teil direkt aus dem Büro in die evangelische Kirche gekommen und treffen sich hier mit ihren Familienangehörigen. Es herrscht eine ruhige, andächtige Stimmung. Alles ist geprägt von einer allgemeinen Sprachlosigkeit. Auch der Gottesdienst. Wir beten den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist das Gebet Jesu, das er am Kreuz sterbend seinem Vater zu schreit. Warum? Auch Jesus begreift den Sinn des Leidens und des Sterbens nicht. Wir singen das Lied „Von guten Mächten still und treu umgeben“. Dietrich Bonhoeffer, der das Gedicht kurz vor seinem Tod im KZ geschrieben hat, war in den 1920er Jahren als Vikar in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Barcelona. Das einzige, was wir tun können, ist, die Opfer, die Angehörigen, uns, unsere Fragen, unsere Verzweiflung, unsere Wut, unsere Trauer Gott hinzuhalten. Auch wenn wir vielleicht in dem Augenblick an diesen Gott überhaupt nicht glauben können und wollen.

Fünf Kinder aus der Deutschen Schule Barcelona haben bei dem tragischen Flugunglück plötzlich ihren Vater verloren. Diese schreckliche Tatsache hat die ganze Schule in einen gewissen Schockzustand versetzt. Für die meisten in der deutschen Gemeinde gehört es fast zum Alltag, regelmäßig mit dem Flugzeug zu verreisen. Nicht wenige Eltern von Schülern der DSB (Deutsche Schule Barcelona) sind beruflich gezwungen mehrmals wöchentlich zu fliegen.

Am Mittwochmorgen, am Tag nach dem Unglückstag, vor halb acht, als die ersten Schüler und Lehrer in die Schule kommen, stehe ich bereits in der großen Eingangshalle. Es gibt fast nur das eine Thema. Nach einer kurzen Besprechung mit der Schulleitung setze ich mich mit dem evangelischen Pfarrer zusammen und wir bereiten eine Andacht für die große Pause vor. Einen kleinen Raum neben der Eingangshalle, wo wir die wöchentliche Schulandacht abhalten, haben wir kurzfristig zu einem stillen „Rückzugsort“ umgestaltet. In der Mitte ein paar unaufdringliche Tücher, darauf eine schlichte, brennende Kerze und ein einfaches Kreuz. Während des ganzen Vormittags kommen immer wieder Schüler und Schülerinnen – vor allem aus den Oberstufen – und suchen das Gespräch mit uns. Ich kenne sie zum Teil aus dem Religionsunterricht oder von der Firmvorbereitung. Jeder sucht verzweifelt nach einer Antwort. Aber niemand weiß eine Antwort. Es fehlen die Worte, mit denen wir unsere Gefühle ausdrücken können. Oft bleiben nur Tränen, ein stiller Händedruck, eine Umarmung.

„Mein Gott, mein Gott, warum…“

„Jeder, der teilnehmen möchte, ist herzlich eingeladen!“, hieß es in der Email der Schulleitung an alle Lehrerinnen und Lehrer der DSB. In der großen Pause sollte in der großen Aula für die ganze Schulgemeinschaft ein kurzer Gedenkgottesdienst angeboten werden – freiwillig. Jeder will teilnehmen. Jeder, Schüler wie Lehrer, hat anscheinend das große Bedürfnis seiner Betroffenheit irgendwie Ausdruck zu geben. Über tausend Personen füllen die Aula. Die Kleinen sitzen am Boden, viele Hunderte stehen. Vorne im Zentrum, auf den Stufen der „Bühne“ wieder eine einfache, große Kerze in einem Glas. Daneben ein schlichtes Holzkreuz. Geschmückt mit ein paar Tüchern und einem kleinen Blumenstrauß. Es gibt keine „großen Reden“, keine Ansprachen. Auch hier hören wir einfach nur den Psalm 22, ohne viel Kommentar. „Mein Gott, mein Gott, warum…“. Zwei Schüler spielen auf dem Violoncello und der Violine den beeindruckenden „Cant Dels Ocells – Gesang der Vögel“, ein altes, bekanntes katalanisches Volkslied, das die Menschwerdung Gottes besingt. Nach einem kurzen Text von Dietrich Bonhoeffer singen wir gemeinsam das Taizé-Lied „Meine Hoffnung und meine Freude … Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. – El Senyor es la meva força“. Die Aufmerksamkeit und Ruhe ist beeindruckend. Vor allem auch, als die Anwesenden eigeladen werden ihre Fragen, Gefühle, Bitten oder Gebete auf kleine Zettel zu schreiben und zur Kerze zu legen. In den 20 Minuten hatte ich einen der stillsten und intensivsten Gottesdienste erlebt – und das mit über tausend Kindern und Erwachsenen.

Nach der Andacht stellen wir die Kerze gut sichtbar, aber geschützt, seitlich in eine Ecke der Eingangshalle der Schule. Rundherum vier Tafeln, an die wir die Gebetszettel heften. So schaffen wir einen provisorischen Ort des Gedenkens. Den ganzen Vormittag kommen in ehrfürchtiger Stille Schüler, Lehrer, Eltern, einzeln, in Gruppen, in ganzen Klassenverbänden dorthin. Ständig werden neue Zettel geschrieben und an die Wand gepinnt.

„Warum?“ Das ist die große Frage, die jeden bewegt. Der Tod ist plötzlich so nah, unmittelbar. Und vor allem, dieser Tod scheint so sinnlos, es gibt keinen Grund. Am Freitag vor den Osterferien beten wir im Rahmen des katholischen Religionsunterrichtes an der DSB mit den Schülern der 8. Jahrgangsstufe den ökumenischen Jugendkreuzweg 2015. Plötzlich ist es nicht mehr nur dieser Jesus aus Nazareth, der vor 2000 Jahren einen schrecklichen Kreuzweg gehen musste. Plötzlich ist es aber auch dieser Jesus, ist es auch Gott, der den tragischen Tod unzähliger Menschen erlitten hat. Im Gemeindegottesdienst am vergangenen Palmsonntag stellen Kinder, während die Markus-Passion vorgelesen wird, die Szenen pantomimisch dar. Es wird uns nicht irgendeine längst vergangene Geschichte eines fremden Menschen erzählt. Es wird uns unsere Geschichte erzählt. Die Geschichte meines Lebens, meines Leidens und Sterbens. Und sie geht weiter, diese Geschichte. Zum Karfreitag gehört für uns Christen unbedingt auch die Osternacht. Auch wenn ich keine Antwort auf mein „Warum?“ bekomme. Es tröstet und gibt Hoffnung zu erleben, dass wir auf unserem „Kreuzweg des Lebens“ nicht allein sind, dass Gott mit mir denselben Weg geht.

Notfallseelsorge nach dem Flugzeugabsturz: Ottmar Breitenhuber im Interview mit Radio K1-Redakteur Bernhard Löhlein (29.03.2015)

Ein Jahr nach dem Opfer der Himmlischen Hundertschaft

Im letzten Jahr haben wir jeden Tag hören müssen, dass soundsoviele Soldaten und soundsoviele Zivilisten durch die Kämpfe in der Ostukraine getötet wurden. Vor einem Jahr hat der Tod der sogenannten Himmlischen Hundertschaft der auf dem Maidan getöteten Demonstranten noch die Welt bewegt. Heute, so scheint es, sind die Getöteten zur Normalität geworden. Bei vielen Opfern haben wir Schwierigkeiten sie noch als Einzelschicksale wahrzunehmen. Ohne die einzelnen Namen wird sogar das größte Opfer – und unsere eigene Verantwortung ihnen gegenüber – nur verschwommen wahrgenommen.

Aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute von einem jungen Mann erzählen, dessen Leben und Sterben uns die Entwicklung in der Ukraine zu verstehen helfen.

Sein Name war Bohdan Solchanyk und er wurde 28 Jahre alt. Ein vielversprechender Historiker, ein Mitglied der Fakultät der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU), ein Dichter, ein junger Mann, der sich verliebt hat. Er versuchte, die Vergangenheit seiner Heimat zu verstehen, während er mit all seinen Kräften im Hier und Jetzt an einer besseren Zukunft seines Volkes mitgebaut hat. Diese bessere Zukunft bedeutete für ihn auch die Ehe mit seiner Frau Maria Pohorilko, die ihrerseits eine aufstrebende Historikerin, eine Promovendin an der UKU ist. Beide wollten, wie wir es in der Ukraine nennen, ein „Leben in Würde“. Sie hofften, die Geschichte ihres Landes mit den Studenten, mit den Lesern ihrer Artikel und mit der ganzen Welt zu teilen.

Leider wurde Bohdan Solchanyk am 20. Februar vor einem Jahr jäh aus diesen Träumen gerissen. Zusammen mit weiteren achtzig  unbewaffneten Idealisten, die von einer europäischen Ukraine träumten, wurde Bohdan kaltherzig erschossen, getötet von Scharfschützen der Polizei auf dem Zentralplatz der ukrainischen Hauptstadt, während die Fernsehkameras der Welt das Massaker live sendeten.

Die Botschaft von Bohdans Leben und Sterben ist einfach. Es ist eine Botschaft, die Europa und die Welt im Angesicht der großen Sorge und der Verworrenheit zwischen der Ukraine und Russland nötig hat. Die entstandene Verworrenheit ist größtenteils durch die Propaganda derer geschaffen worden, die die Träume und Hoffnungen von Bohdan verachten und die von Bohdans Opferbereitschaft, sich bis in den Tod hinzugeben, verwirrt worden sind.

Bohdan war einer der Millionen, die sich monatelang friedlich versammelt haben, die fröhlich, mit Liedern und Gebeten, mit Gedichten und Straßentheater, mit Musik und Tanz im Zentrum von Kiew und in zahllosen anderen ukrainischen Städten und Dörfern ihren Traum, ihr Ziel verwirklichen wollten. Dieses Ziel ist einfach: Freiheit, eine lebendige Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, keine Korruption in Wirtschaft, Politik, Bildung oder im Gesundheitswesen und ein funktionierender Rechtsstaat. Wir in der Ukraine nennen das: ein Leben in Würde. Ein Leben, das in Europa gelebt wird.

Bohdans Leben war kurz, weil seine staatsbürgerliche Haltung eine Bedrohung für die bestehenden Autoritäten, die Vetternwirtschaft und die Korruption war. Er war eine Bedrohung für die radikale gesellschaftliche Ungleichheit, bei der Oligarchen und Politiker in obszönem Überfluss lebten, während der Rest des Volkes um sein Überleben kämpfte. Er wurde getötet, weil die Mächtigen seine Lieder und Freude fürchteten, den Tanz von Millionen und die Eintracht einer Nation.

Bohdan war in den letzten zehn Jahren, seit der Orangenen Revolution 2004, als er 19 Jahre alt, bei den gesellschaftlichen Protesten aktiv. Er wurde nicht von amerikanischen Agenten bezahlt, um bei minus fünfzehn Grad mitten in der Nacht zu demonstrieren. Er war keine Marionette einer fremden Macht, er war nicht ein geheimer Provokateur der Europäischen Union.

Er war einfach ein Mensch, der seine gottgegebene Würde erkannte und diese Würde für alle Ukrainer verteidigen wollte.

Bohdans Tod und der Tod der ersten Hundertschaft, von einer gnadenlosen Polizeimacht getötet, führten zum Kollaps des korrupten Yanukovych’ Regimes. Yanukovych floh, weil sein Sicherheitsapparat das brutale Vorgehen, das der ruchlose Präsident angeordnet hat, nicht weiter aufrechterhalten wollte. Genug war genug! Sie erkannten, dass die kriminellen Machenschaften das Land nicht länger unterdrücken konnten. Das österliche Opfer der Unschuldigen, das Blutvergießen – das tiefgründigste und ehrfürchtigste Sakrament – hat eine ungerechte Tyrannei gestürzt.

Der Zusammenbruch der korrupten und tyrannischen Regierung in Kiew durch den friedlichen Aufstand der ukrainischen Zivilgesellschaft, mit Liedern und Tänzen, im Kampf für Presse- sowie Versammlungsfreiheit und gegen Korruption sowie Bevormundung, konnte der Präsident von Russland nicht hinnehmen. Die Gefahr einer Ausbreitung dieses Freiheitskampfes war zu groß. Um ein russisches Ringen um ein Leben in Würde zu verhindern, suchte er seinem Volk Stolz auf einem anderen Weg zu geben. Er vergrößerte sein Reich: Die Krim wurde annektiert. Dazu wurde ein sinnloser Krieg angezettelt, um die neu erlangte Würde des ukrainischen Volkes zu zerstören. Es soll gezeigt werden, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat war, und dass Bohdan Solchanyk umsonst gestorben ist.

Das ist die Geschichte von Bohdan Solchanyk und den Millionen, die an seiner Seite standen. Das ist die Erklärung, was in der Ukraine und worum der Kampf heute geht. Es gibt noch viele Seiten dieses Kampfes und es ist eine komplexe Geschichte, aber im Herzen ist es ein Pilgerweg von Unterdrückung und Angst, hin zu Freiheit und Würde – letztlich kann man sagen: von Tod zu Leben; es ist eine österliche Geschichte.

Am 20. Februar werden Ukrainer und alle Freunde der Ukraine der Opfer der Himmlischen Hundertschaft gedenken – der ersten, die auf diesem Weg zur Würde gestorben sind. Sie werden sich der 5500 Soldaten und Zivilisten erinnern, die durch die Invasion getötet wurden.

Wenn sie der Toten gedenken, denken sie auch an die humanitäre Krise die heute vorherrscht: Zehntausende Verwundete, tausende Witwen und Waisen, 1,5 Millionen Vertriebene und 5 Millionen, die direkt vom Krieg betroffen sind.

Uns Gläubige, die Christus nachfolgen, seines Leidens gedenken und seine Auferstehung feiern, erinnert das Opfer von Bohdan und seinen Leidensgenossen an das Blutzeugnis der Märtyrer. Es gibt keine größere Liebe als die, wenn man sein Leben hingibt für einen Freund (Joh 15,13). Diese Worte erklären vielleicht am Besten dieses schmerzliche Gedenken an Bohdan und die Himmlische Hundertschaft und die Ereignisse in der heutigen Ukraine.

Quo vadis, Ukraine?

Seit letztem Jahr und noch mehr in den letzten Monaten kann die Ukraine als „ein Land der Tränen in Europa“ bezeichnet werden. Die „Revolution der Würde“ (wie der Euromaidan in der Ukraine rückblickend genannt wird – A.d.R.*), die Proteste im ganzen Land, das brutale Vorgehen der Janukowitsch-Polizei und die Todesfälle am Maidan-Platz in Kiew, der Konflikt mit Russland um die Halbinsel Krim, der „inoffizielle Krieg“ mit Russland in der Ostukraine, Tausende Tote und zahlreiche Flüchtlinge – dies alles ist die Realität der heutigen Ukraine, in der eine neue Generation heranwächst und sich gesellschaftlich formiert. Sie ist die Zukunft der Ukraine, und daher ist es überaus wichtig für sie, sowie für alle Ukrainer, die gegenwärtigen Geschehnisse im christlichen Geist einzuordnen und manche Seite der heutigen ukrainischen Geschichte auch positiv zu betrachten. Aus meiner Sicht entwickelten sich aus den letzten Ereignissen auch positive Aspekte für die Zukunft des Landes, unter anderem:

  • eine klare Entscheidung der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer für die Werte der Demokratie und Freiheit;
  • das Gefühl der Würde und des Bewusstseins, ein eigenes Volk zu sein;
  • die Relativierung der unterschiedlichen Sprachen für die Einheit der Ukraine;
  • ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in den Krisensituationen.

Die Erfahrung der Menschlichkeit und des Eintretens füreinander hat für die Gesellschaft in der Ukraine weitreichende Folgen. Die Ukrainer zeigen gegenwärtig ein großes Maß an Selbstorganisation, der gegenseitigen Hilfe und des Altruismus. Dies bemerken auch viele Menschen, die aufmerksam die heutige Situation in der Ukraine beobachten. Beispielhaft ist das kurze Zitat der Lemberger Journalistin Tetiana Sliysarschuk vom Medienportal „Zaxid.net“, die den Einsatz ihrer Mitbürger so beschreibt: „Der Freiwillige ist ein Phänomen der „Revolution der Würde“ und eine unentbehrliche Hilfe […]. Der Enthusiasmus und der Erfindungsreichtum der Ukrainer im Hinterland machen einen großen Eindruck“.

Seit dem Anfang der „Revolution der Würde“, den Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine unterstützen die Ukrainer einander mit einem beispielhaften Engagement. Es geht nicht nur um die große finanzielle Unterstützung der freiwillig Engagierten, die von unzähligen Menschen guten Willens erbracht wird, sondern auch um die breite Basis für die „Revolution der Würde“, die auf diese Weise sichtbar wird. Man kann in diesen Tagen besonders bemerken, wie das konkrete menschliche Leben geschätzt wird. Die Menschen in der Ukraine kümmern sich um die Familien der Verstorbenen am Maidan genauso wie um die Angehörigen der Opfer der Kämpfe und um die hunderttausend Binnen-Flüchtlinge.

Die ukrainischen Kirchen spielen momentan im Prozess dieser neuen Menschlichkeit auch eine wichtige Rolle: Sie möchten dem eigenen Volk in diesen schweren Stunden seiner Geschichte beistehen und versuchen mit verschiedenen sozialen Projekten die Gesellschaft zu unterstützen. Darüber hinaus sind viele Priester der verschiedenen ukrainischen Kirchen als Militärkapläne tätig, um die Zivillisten und die Soldaten in der Ostukraine geistlich zu betreuen. Im Blick auf die zurück liegenden Monate kann man sagen: Durch die Ereignisse seit dem Beginn der „Revolution der Würde“ haben die Ukrainer die Gesellschaft und den Alltag für sich selbst reorganisiert und befinden sich heute in einer Phase gelebter Solidarität.

Die Ukraine ist anders geworden. Obwohl die Ukrainer fast täglich Tote zu betrauern haben und viele Menschen Not leiden, sehen sie trotzdem mit großer Hoffnung in die Zukunft. Wie oben gesagt, das letzte Jahr ist das Jahr der großen positiven Änderungen in der ukrainischen Zivilgesellschaft geworden. Die Ukraine wartet auch auf die gleichen positiven Änderungen in der eigenen Politik und will ein Land mit europäisch-demokratischen Werten sein, in dem Frieden herrscht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Euromaidan – in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt – wurde im November 2013 ausgelöst durch die Ankündigung der damaligen ukrainischen Regierung, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen.