Kategorie-Archiv: Europa

Halbzeit in Leitmeritz

So langsam nähere ich mich hier der Halbzeit und dann wird es ruck zuck gehen und das Praktikum ist rum. Die letzten Wochen waren echt spannend und vor allem der Workshop in Prag zusammen mit Vertreter deutscher Diözesen war sehr aufschlussreich. Ein nettes Schmankerl waren die Vertreter aus Passau, die mich mit ihrem Dialekt wieder an das schöne Bayern erinnerten. Durch die einzelnen Vertreter erhielten wir einen sehr guten Einblick in die Arbeit der Caritas- Einrichtungen während der Flut 2013 und die Chancen, die eine Kooperation während solcher Ereignisse bietet. Ein sehr spannender Vortrag eines Vertreters der Caritas Europa über Krisenmanagement und das Organisieren von Hilfe rundete das zweitätige Treffen ab. Leider ist damit aber auch die Evaluation des Hochwassers zum Großteil abgeschlossen und ein sehr praxisnaher Teil meines Praktikums geht zu Ende.

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Dieses Motiv wird auch in der Ausstellung zu sehen sein. Foto: Maximilian Behr

 

Mein Projekt, die Bilderausstellung über Immigration in Tschechien, geht auch voran. Am 14. Januar wird sie in Usti nad Labem eröffnet. Momentan versuche ich, die Ausstellung auch nach Eichstätt zu bringen und bin gespannt, ob mir das gelingt. Es wäre eine tolle Gelegenheit, die Partnerschaft der Diözesen Eichstätt und Leitmeritz mit weiterem Leben zu füllen.

Die nächsten Wochen stehen also ganz im Zeichen der Organisation dieser Ausstellung bevor dann die weihnachtliche Adventszeit beginnt und auch hier die drei Könige losziehen, um das Leid der Menschen zu mildern.

Ich wünsche euch allen einen schönen und hoffentlich nicht zu nebelverhangenen Spätherbst und Grüße euch ganz herzlich aus Tschechien.

Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.

Besuch aus der Heimat

Inzwischen ist schon ein Monat meines Praktikums vergangen und es warten noch vier weitere auf mich. Es ist schon erstaunlich, wie schnell dieser erste Monat vorbei ging. Was die Zeit hier natürlich auch verkürzt, zumindest gefühlt, sind die Unternehmungen und Aktivitäten außerhalb des Praktikums, an denen es nicht mangelt. Am letzten Septemberwochenende war Besuch aus meiner Heimat in Usti und wir haben neben Litomerice auch andere Sehenswürdigkeiten wie die Burg Strekov angeschaut. Mit einem herrlichen Panorama über das Labem (Elbe)-Tal und einem Ausblick auf Usti ist diese Sehenswürdigkeit echt einen Ausflug wert.

Am darauffolgenden Wochenende war dann Besuch aus meiner Wahlheimat Eichstätt in Litomerice. Im Rahmen der Partnerschaft zwischen den Diözesen Eichstätt – Litomerice(Leitmeritz) machte sich eine Gruppe zu einer Studienreise auf, diese Partnerschaft mit Leben zu füllen und in gemeinsamen Austausch zu treten. Neben Besichtigungen und Ausflügen in das Umland stand auch ein Empfang durch den Bischof von Litomerice, Jan Baxant, an. Bei einem freundlichen Willkommenstreffen wurde auf die enge Verbundenheit der deutschen und tschechischen Geschichte hingewiesen und nicht zuletzt auch darauf aufmerksam gemacht, dass viele, die heute in Bayern leben, ihre Wurzeln in Böhmen – manche davon sogar in Litomerice – haben. Bei Kaffee und typisch böhmischen Köstlichkeiten zeigte sich die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden.

Einen sehr intensiven Moment erlebten wir am Samstag bei der Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Terezin (Theresienstadt). Hier starben über 30.000 Juden und 160.000 durchliefen das Lager, meist auf dem Weg in Richtung Auschwitz oder Treblinka. In zwei Museen wurde zum einen über das Leben und die Organisation in dem Ghetto berichtet und zum anderen über die beachtliche kulturelle Vielfalt an Musik, Theater und Kunst, die von den Häftlingen geschaffen wurde. Besonders erschreckend war es, die mit deutscher Gründlichkeit geplante Vernichtung eines ganzen Volkes so vor Augen geführt zu bekommen. Auch wenn man im Geschichtsunterricht natürlich über die Judenverfolgung im Dritten Reich aufgeklärt wurde, ist es doch ein anderes Gefühl, die Orte der Verbrechen zu besuchen. In einer Andacht in der Kirche in Terezin gedachte die Reisegruppe der Opfer der Gräueltaten und auch den heutigen Vertriebenen und Verfolgten.

Am Nachmittag machte sich die Reisegruppe nach Melnik auf. Hier stand das Anwesen Lobkowicz, das über dem Zusammenfluss von Moldau und Elbe thront, im Zentrum des Besuchs. Nach einer geführten Begehung des Schlosses der Familie Lobkowicz wurden wir in die Kellergewölbe zu einer Weinprobe geführt. Unter den Augen des Weingottes Bacchus genossen wir sechs verschiedene Weinsorten und heimisches Brot.

Beim anschließenden Essen im Restaurant des Anwesens konnten wir bei untergehender Sonne nochmals einen wunderschöner Ausblick auf das Böhmische Land werfen.

Mit der Feier der sonntäglichen heiligen Messe im Dom in Litomerice, die unter Mitwirkung eines Jugendchores gefeiert wurde, endete dann zumindest für mich der Besuch aus Eichstätt, da die Gruppe noch nach Prag weiterzog und ich nach Usti zurückkehrte.

Nachdem ich jetzt zwei Wochen inklusive Wochenende volles Programm hatte, bin ich froh, nächstes Wochenende noch keine festen Pläne zu haben und möglicherweise mal etwas auszuspannen. Allerdings gibt es bestimmt schon wieder ein Programm, so wie ich unsere Erasmus+-Organisatoren kenne.

Ich wünsche allen daheim eine gute Zeit und liebe Grüße aus Usti.

Update aus Tschechien

Vor zwei Wochen habe ich als Einstand und aus gegebenem Anlass eine Kleinigkeit mit ins Büro gebracht und wurde ebenfalls mit einem kleinen Empfang und einem Geschenk überrascht. Ich durfte von jedem Glückwünsche entgegennehmen, teils auf Tschechisch (ich vermute mir wurde nur Gutes gewünscht ;), teils auf Englisch und auch auf Deutsch, was mich besonders gefreut hat. Dem Empfang ging eine kleine Andacht voraus, bei der dem gewaltsamen Tod eines Priesters gedacht wurde.
Für das Abendprogramm waren die Erasmus-Leute, die schon da sind, in einer kleinen Bar verabredet und auch hier hat die Orga-Gruppe herausgefunden, dass ich Geburtstag habe, und ich habe ein multikulturelles Happy Birthday, ein Teelicht und einen Tequila bekommen. Da ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte, war ich kurz sprachlos und dann einfach nur happy, dass ich doch noch Geburtstag feiern konnte.

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Samstag und Sonntag waren wir dann in Usti und Umgebung unterwegs, haben eine Staustufe und eine Burg angeschaut und die tschechische Küche, die sehr zu empfehlen ist, genossen.

Dienstags war ich dann zu einem Treffen von Caritas-Vertretern zum Thema Migrations- und Flüchtlingsbewegungen in Prag eingeladen. Da ich die Vertreterin „meiner“ Caritas erst dort treffen sollte, fuhr ich allein nach Prag und mit den entsprechenden U-Bahnen zum vereinbarten Treffpunkt. Nach dem Treffen habe ich noch mit zwei weiteren Vertretern Treffen zur Besichtigung von Asylbewerber- Camps (Flughafen/Transitbereich und ein Auffanglager) vereinbart. Generell ist die Flüchtlingsthematik allerdings nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit, da die Fallzahlen sich sehr stark von denen in Deutschland unterscheiden.

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Mein Projekt, das ich im Auftrag der Caritas national und als Aufgabe im Praxissemester durchführen darf, nimmt auch langsam Gestalt an. In Kooperation mit der Universität in Usti soll eine Bilderausstellung über tschechische Einwanderer stattfinden. Ein weiterer Ausstellungsort ist noch in Planung. Meine Aufgabe ist hierbei die Organisation und Durchführung. Mehr dazu, wenn es wirklich spruchreif ist.

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Das Wohnheim füllt sich so langsam und inzwischen sind auch alle Erasmus-Leute angekommen –eine ziemlich multikulturelle Truppe. Insgesamt sind wir 100 Erasmus-Studenten, von denen rund 50 türkischer und 25 spanischer Herkunft sind. Die 25 anderen verteilen sich auf alle Länder Europas.

Sobald es wieder etwas zu berichten gibt, melde ich mich hier wieder, um euch auf dem Laufenden zu halten.

In diesem Sinne, Na shledanou!

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