Kategorie-Archiv: Europa

Interkulturalität und jede Menge Spaß – unterwegs mit Erasmus-Studenten

Auch in Tschechien hat der Advent und mit ihm der Winter Einzug gehalten. Auch wenn der Schnee noch etwas auf sich warten lässt, so sind doch alle Straßen schon weihnachtlich beleuchtet und die Geschäfte dekoriert. Allerdings fehlt hier in Leitmeritz ein Weihnachtsmarkt, und der Weihnachtsmarkt in Usti nad Labem hat diese Bezeichnung eigentlich nicht  verdient. Naja, ich werde mir am Wochenende Ersatz in Dresden holen. Soll ja angeblich der schönste Weihnachtsmarkt in ganz Deutschland sein. Ich bin gespannt!

Ansonsten war in der letzten Zeit so einiges los: Seit dem letzten Blogeintrag war ich wieder ziemlich unterwegs. Zusammen mit ein paar Freunden (eine Finnin, ein Portugiese, ein Grieche, ein Türke, eine Tschechin, ein Tscheche, zwei Deutsche und ein Italiener) waren wir in Dresden und in Berlin unterwegs. Da wir zu beiden Städten sehr gute Bus- und Bahnverbindungen haben, nutzen wir die Gelegenheit und verbrachten in Dresden einen Tag und eine Nacht und in Berlin ein ganzes Wochenende. Gerade für die nichtdeutschen Erasmus-Studenten waren die Ausflüge etwas Besonderes. Viele von den Studenten waren zu ersten Mal in einer deutschen Stadt. Die Architektur in Dresden und die kulturelle Vielfalt in Berlin haben sie sehr beeindruckt.

Sehr spannend waren auch die Fragen von meinem türkischen Kommilitonen zu Kirchen, Religion und Symbolik. Seine Fragen stellten mich aber zum Teil auch vor Herausforderungen: Wie erklärt man bestimmte Rituale oder Symbole, ohne bei „Adam und Eva“ anzufangen beziehungsweise der Bedeutung gerecht zu werden? Wir hatten sehr spannende Gespräche und einen interessanten Austausch über verschiedene Sichtweisen und Weltanschauungen.

In Berlin hatten einige der Studenten ebenfalls einen Aha-Moment. Wir besichtigten neben dem Stasi-Museum und der Berliner Mauer auch die Gedenkstätte Deutscher Wiederstand im Bendlerblock. In einer beeindruckenden Ausstellung stellten wir alle, manche zum ersten Mal, fest, dass es im Deutschland von 1933 – 1945 nicht nur Mitläufer gab. Am meisten berührt hat wohl das Schicksal der Mitglieder der Weißen Rose, die sich als Studenten in unserem Alter gegen das Regime erhoben haben.

Natürlich haben wir auch die Eastside-Gallery und das Holocaust-Mahnmal besucht und die obligatorische Currywurst gegessen. Wir haben also ganz dem Touri-Klischee entsprochen und hatten nicht zuletzt wegen unserer Interkulturalität jede Menge Spaß.

Ein Wochenende später haben wir dann in der großen Erasmus-Gruppe Kutna Hora besucht. Die frühere Silbermienenstadt ist Standort einer wunderschönen sehenswerten UNESCO-geschützten Kirche und natürlich der alten Bergwerkstollen, die die gesamte Stadt untertunneln. Bei einer geführten Tour in 150 Metern Tiefe konnten wir ein Gefühl dafür entwickeln, was es bedeutet hat, im 17. Jahrhundert Silber abzubauen. An der engsten Stelle der Führung war der Tunnel noch 40 cm breit und 120 cm hoch und somit nichts für schwache Nerven. Aber jeder, der zuvor noch Angst hatte, hat diese überwunden und konnte am Ende Stolz auf sich sein.

Ein ganz wunderbares Ereignis hat mich in den letzten zwei Wochen ebenfalls beschäftigt: Am 20. November bin ich zum ersten Mal Onkel geworden, und Mutter und Kind sind wohl auf. Im Büro haben wir alle zusammen auf das neue Erdenkind angestoßen, und die Woche darauf bin ich zu einem spontanen Kurzbesuch zuerst bei meinem Neffen und dann bei meiner Familie aufgebrochen. Da zusätzlich zu der Geburt in der Heimat noch einige Geburtstage gefeiert wurden, hat sich das angeboten und war eine gelungene Überraschung.

In meinem Praktikum geht es ebenfalls voran, und mir wird es hier nicht langweilig. Dank der guten Beziehungen meines Praxisanleiters bekam ich die Möglichkeit, ein Positionspapier zur Lage der Flüchtlinge in Georgien zu verfassen. Das Schreiben sollte Grundlage der Planung eines Hilfeprojekts darstellen. Ich suchte also sämtliche Informationen über Flüchtlinge und Binnenvertriebene zusammen und wälzte eine Woche lang georgisches Recht, nur um dann mitgeteilt zu bekommen, dass ein solches Projekt nicht stattfinden wird, weil sich keine drei Organisationen vor Ort finden, mit denen man zusammenarbeiten kann. Naja, so läuft das wahrscheinlich meistens, aber auch wenn mein Resultat nicht verwendet werden kann, so war es doch eine sehr gute Übung, bei der ich viel gelernt habe. Zeitgleich laufen weiterhin die Vorbereitungen für die Ausstellungen, und die Planung wird immer konkreter. Ich freue mich schon, die Ausstellung nach Eichstätt zu bringen und „meine“ Fakultät zu besuchen.

Heute war ich als Knecht Ruprecht zusammen mit meinem Praxisanleiter (Nikolaus) und einer Kollegin (Engel) im Kindergarten nebenan und war wohl, wenn auch unbeabsichtigt, ziemlich authentisch. Die lautesten Kinder waren plötzlich ziemlich handzahm und still.

Meine Zeit hier rennt und rennt, jetzt sind es noch zwei Wochen bis ich über Weihnachten wieder in die Heimat fahre, und im neuen Jahr sind es dann noch drei Wochen Praktikum. Mir wird jetzt eigentlich erst bewusst, wie schnell die letzten Monate, nicht zuletzt wegen den tollen Leuten, die ich hier kennen gelernt habe, vergangen sind.

Ich hoffe bei allen Lesern hat sich inzwischen eine weihnachtliche Vorfreude eingestellt und alle sind wohlauf und können die besinnliche Zeit genießen.

Ganz liebe Grüße,

Maximilian

Große Reichtümer an geistlichen Gütern und Berufungen

Eindrücke aus der Vollversammlung der „Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gemeinschaften apostolischen Lebens“ in Rom.

Die Vollversammlung der Religiosenkongregation atmet weltkirchliches Flair. Die Stärke der Orden und geistlichen Gemeinschaften liegt vor allem in Afrika und Asien und dann in Lateinamerika. Gerade die Frauengemeinschaften wollen sich stärker entsprechend ihren Charismen und durch ihr Frausein in die Kirche einbringen, um der Darstellung und Verkündigung des biblisch-christlichen Menschenbildes zu dienen.

Im Rahmen der Tagung der Ordenskongregation gab es auch Gelegenheit für ein Treffen mit Papst Franziskus. Foto: L'Osservatore Romano
Im Rahmen der Tagung der Ordenskongregation gab es auch Gelegenheit für ein Treffen mit Papst Franziskus. Foto: L’Osservatore Romano

Bei den Diskussionen muss man als Europäer das Weitwinkelformat einstellen: Unsere Probleme und Sorgen im Ordensbereich, die ernst genommen werden müssen, unterscheiden sich durchaus von denen in anderen Erdteilen.

Bezeichnend ist, dass die armen Kirchen und ihre Ordensgemeinschaften, neben all den Wachstumsproblemen, dennoch einen großen Reichtum an geistlichen Gütern und Berufungen aufweisen. Ich erlebe, wie fruchtbar der geistliche Austausch ist und wie schädlich es für das Katholischsein wäre, sich selbstgenügsam einzuigeln.

Mehr zum Thema: 

Halbzeit in Leitmeritz

So langsam nähere ich mich hier der Halbzeit und dann wird es ruck zuck gehen und das Praktikum ist rum. Die letzten Wochen waren echt spannend und vor allem der Workshop in Prag zusammen mit Vertreter deutscher Diözesen war sehr aufschlussreich. Ein nettes Schmankerl waren die Vertreter aus Passau, die mich mit ihrem Dialekt wieder an das schöne Bayern erinnerten. Durch die einzelnen Vertreter erhielten wir einen sehr guten Einblick in die Arbeit der Caritas- Einrichtungen während der Flut 2013 und die Chancen, die eine Kooperation während solcher Ereignisse bietet. Ein sehr spannender Vortrag eines Vertreters der Caritas Europa über Krisenmanagement und das Organisieren von Hilfe rundete das zweitätige Treffen ab. Leider ist damit aber auch die Evaluation des Hochwassers zum Großteil abgeschlossen und ein sehr praxisnaher Teil meines Praktikums geht zu Ende.

ausstellung-leitmeritz-behr
Dieses Motiv wird auch in der Ausstellung zu sehen sein. Foto: Maximilian Behr

 

Mein Projekt, die Bilderausstellung über Immigration in Tschechien, geht auch voran. Am 14. Januar wird sie in Usti nad Labem eröffnet. Momentan versuche ich, die Ausstellung auch nach Eichstätt zu bringen und bin gespannt, ob mir das gelingt. Es wäre eine tolle Gelegenheit, die Partnerschaft der Diözesen Eichstätt und Leitmeritz mit weiterem Leben zu füllen.

Die nächsten Wochen stehen also ganz im Zeichen der Organisation dieser Ausstellung bevor dann die weihnachtliche Adventszeit beginnt und auch hier die drei Könige losziehen, um das Leid der Menschen zu mildern.

Ich wünsche euch allen einen schönen und hoffentlich nicht zu nebelverhangenen Spätherbst und Grüße euch ganz herzlich aus Tschechien.

Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.

Besuch aus der Heimat

Inzwischen ist schon ein Monat meines Praktikums vergangen und es warten noch vier weitere auf mich. Es ist schon erstaunlich, wie schnell dieser erste Monat vorbei ging. Was die Zeit hier natürlich auch verkürzt, zumindest gefühlt, sind die Unternehmungen und Aktivitäten außerhalb des Praktikums, an denen es nicht mangelt. Am letzten Septemberwochenende war Besuch aus meiner Heimat in Usti und wir haben neben Litomerice auch andere Sehenswürdigkeiten wie die Burg Strekov angeschaut. Mit einem herrlichen Panorama über das Labem (Elbe)-Tal und einem Ausblick auf Usti ist diese Sehenswürdigkeit echt einen Ausflug wert.

Am darauffolgenden Wochenende war dann Besuch aus meiner Wahlheimat Eichstätt in Litomerice. Im Rahmen der Partnerschaft zwischen den Diözesen Eichstätt – Litomerice(Leitmeritz) machte sich eine Gruppe zu einer Studienreise auf, diese Partnerschaft mit Leben zu füllen und in gemeinsamen Austausch zu treten. Neben Besichtigungen und Ausflügen in das Umland stand auch ein Empfang durch den Bischof von Litomerice, Jan Baxant, an. Bei einem freundlichen Willkommenstreffen wurde auf die enge Verbundenheit der deutschen und tschechischen Geschichte hingewiesen und nicht zuletzt auch darauf aufmerksam gemacht, dass viele, die heute in Bayern leben, ihre Wurzeln in Böhmen – manche davon sogar in Litomerice – haben. Bei Kaffee und typisch böhmischen Köstlichkeiten zeigte sich die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden.

Einen sehr intensiven Moment erlebten wir am Samstag bei der Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Terezin (Theresienstadt). Hier starben über 30.000 Juden und 160.000 durchliefen das Lager, meist auf dem Weg in Richtung Auschwitz oder Treblinka. In zwei Museen wurde zum einen über das Leben und die Organisation in dem Ghetto berichtet und zum anderen über die beachtliche kulturelle Vielfalt an Musik, Theater und Kunst, die von den Häftlingen geschaffen wurde. Besonders erschreckend war es, die mit deutscher Gründlichkeit geplante Vernichtung eines ganzen Volkes so vor Augen geführt zu bekommen. Auch wenn man im Geschichtsunterricht natürlich über die Judenverfolgung im Dritten Reich aufgeklärt wurde, ist es doch ein anderes Gefühl, die Orte der Verbrechen zu besuchen. In einer Andacht in der Kirche in Terezin gedachte die Reisegruppe der Opfer der Gräueltaten und auch den heutigen Vertriebenen und Verfolgten.

Am Nachmittag machte sich die Reisegruppe nach Melnik auf. Hier stand das Anwesen Lobkowicz, das über dem Zusammenfluss von Moldau und Elbe thront, im Zentrum des Besuchs. Nach einer geführten Begehung des Schlosses der Familie Lobkowicz wurden wir in die Kellergewölbe zu einer Weinprobe geführt. Unter den Augen des Weingottes Bacchus genossen wir sechs verschiedene Weinsorten und heimisches Brot.

Beim anschließenden Essen im Restaurant des Anwesens konnten wir bei untergehender Sonne nochmals einen wunderschöner Ausblick auf das Böhmische Land werfen.

Mit der Feier der sonntäglichen heiligen Messe im Dom in Litomerice, die unter Mitwirkung eines Jugendchores gefeiert wurde, endete dann zumindest für mich der Besuch aus Eichstätt, da die Gruppe noch nach Prag weiterzog und ich nach Usti zurückkehrte.

Nachdem ich jetzt zwei Wochen inklusive Wochenende volles Programm hatte, bin ich froh, nächstes Wochenende noch keine festen Pläne zu haben und möglicherweise mal etwas auszuspannen. Allerdings gibt es bestimmt schon wieder ein Programm, so wie ich unsere Erasmus+-Organisatoren kenne.

Ich wünsche allen daheim eine gute Zeit und liebe Grüße aus Usti.