Kategorie-Archiv: Europa

Die Zeit nach dem Flugzeugunglück in Barcelona

Wir saßen gerade beim Mittagessen, als wir davon hörten. Sowohl die deutschen als auch die spanischen Medien berichteten nur noch über dieses unvorstellbare Ereignis: Ein Germanwings-Flugzeug soll auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den südfranzösischen Alpen mit 150 Personen an Bord abgestürzt sein. Unvorstellbar! Erst vor zweieinhalb Tagen bin ich mit Lufthansa von München nach Barcelona geflogen.

Schon läutet das Telefon. Eine katholische Religionslehrerin und Kollegin aus der Deutschen Schule Barcelona. Ob ich schon wisse, was passiert ist. Zwei Väter von Schülern saßen anscheinend in der Unglücksmaschine. Immer wieder läutet das Telefon. Ich kann es einfach nicht fassen.

In den Medien sprechen sie davon, dass am Flughafen in El Prat, Barcelona, ein Raum eingerichtet wurde, wo die Angehörigen der Verunglückten empfangen und betreut werden. Ich überlege nicht lange und mache mich sofort mit dem Auto auf den Weg zum Flughafen. Zuvor telefoniere ich noch mit Holger Lübs, dem Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Wir sprechen uns ab, was wir tun können. Unterwegs bekomme ich einen Anruf der Schulleitung: Inzwischen hat sich bestätigt, dass drei Väter in dem Flugzeug saßen, von denen fünf Kinder an unserer Schule sind.

Am Flughafen ist schon ein riesiger Auflauf. Unzählige Polizeiautos, eine Menge Übertragungswägen von Radio- und TV-Anstalten, Hunderte von Kameraleuten und Journalisten vor dem Tor des Flughafengebäudes. Als ich mich als deutscher Priester zu erkennen gebe, lässt man mich sofort durch und führt mich in ein Hintergebäude. Vizekonsul Bachmann vom Deutschen Generalkonsulat und zwei deutschsprachige Psychologinnen sind bereits vor Ort. Wir sprechen mit einem Vertreter der Flughafenverwaltung. Immer wieder treffen Angehörige ein. Sie werden sofort von der Presse und der Öffentlichkeit abgeschirmt. Deutsche Angehörige kommen nicht an den Flughafen.

Das Schlimmste ist, man fühlt sich völlig hilflos. Man kann scheinbar nichts tun. Ich stehe oder sitze mal bei dem einen, dann bei einem anderen Angehörigen, höre einfach zu, reiche etwas zu trinken, nehme die Person in den Arm, und sage vielleicht noch, wie unvorstellbar das auch für mich ist.

Ärzte nehmen den Angehörigen die DNA ab, damit man die Opfer später identifizieren kann. Es werden die Namen und die Kontaktdaten der Angehörigen aufgenommen. Sie werden dadurch „beschäftigt“. Eine Lufthansa-Sprecherin richtet sich an die Angehörigen. Man bietet den Angehörigen an, sie in Hotels zu bringen, wo sie in Ruhe betreut und informiert werden können.

Inzwischen ist es 18 Uhr. Wir deutschen Helfer können in El Prat nicht mehr viel tun, vor allem auch, weil keine deutschen Angehörigen an den Flughafen gekommen sind. Ich fahre zurück in die Stadt. Im Laufe des Nachmittags hatte ich mit meinem evangelischen Kollegen eine spontane Andacht organisiert. Der ökumenische Kirchenchor der beiden deutschsprachigen Gemeinden trifft sich jeden Dienstag um 20 Uhr in der evangelischen Gemeinde zu seiner wöchentlichen Probe. Der Chor studiert gerade die Choräle aus der Johannes-Passion von Bach ein. Über unsere Email-Verteiler laden wir alle Mitglieder unserer Gemeinden ein.

Deutsche Schule schockiert

An die hundert Personen sind der spontanen Einladung gefolgt. Viele sprechen mich an und sind dankbar für die Möglichkeit dieses gemeinsamen Gebetes. Viele sind zum Teil direkt aus dem Büro in die evangelische Kirche gekommen und treffen sich hier mit ihren Familienangehörigen. Es herrscht eine ruhige, andächtige Stimmung. Alles ist geprägt von einer allgemeinen Sprachlosigkeit. Auch der Gottesdienst. Wir beten den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist das Gebet Jesu, das er am Kreuz sterbend seinem Vater zu schreit. Warum? Auch Jesus begreift den Sinn des Leidens und des Sterbens nicht. Wir singen das Lied „Von guten Mächten still und treu umgeben“. Dietrich Bonhoeffer, der das Gedicht kurz vor seinem Tod im KZ geschrieben hat, war in den 1920er Jahren als Vikar in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Barcelona. Das einzige, was wir tun können, ist, die Opfer, die Angehörigen, uns, unsere Fragen, unsere Verzweiflung, unsere Wut, unsere Trauer Gott hinzuhalten. Auch wenn wir vielleicht in dem Augenblick an diesen Gott überhaupt nicht glauben können und wollen.

Fünf Kinder aus der Deutschen Schule Barcelona haben bei dem tragischen Flugunglück plötzlich ihren Vater verloren. Diese schreckliche Tatsache hat die ganze Schule in einen gewissen Schockzustand versetzt. Für die meisten in der deutschen Gemeinde gehört es fast zum Alltag, regelmäßig mit dem Flugzeug zu verreisen. Nicht wenige Eltern von Schülern der DSB (Deutsche Schule Barcelona) sind beruflich gezwungen mehrmals wöchentlich zu fliegen.

Am Mittwochmorgen, am Tag nach dem Unglückstag, vor halb acht, als die ersten Schüler und Lehrer in die Schule kommen, stehe ich bereits in der großen Eingangshalle. Es gibt fast nur das eine Thema. Nach einer kurzen Besprechung mit der Schulleitung setze ich mich mit dem evangelischen Pfarrer zusammen und wir bereiten eine Andacht für die große Pause vor. Einen kleinen Raum neben der Eingangshalle, wo wir die wöchentliche Schulandacht abhalten, haben wir kurzfristig zu einem stillen „Rückzugsort“ umgestaltet. In der Mitte ein paar unaufdringliche Tücher, darauf eine schlichte, brennende Kerze und ein einfaches Kreuz. Während des ganzen Vormittags kommen immer wieder Schüler und Schülerinnen – vor allem aus den Oberstufen – und suchen das Gespräch mit uns. Ich kenne sie zum Teil aus dem Religionsunterricht oder von der Firmvorbereitung. Jeder sucht verzweifelt nach einer Antwort. Aber niemand weiß eine Antwort. Es fehlen die Worte, mit denen wir unsere Gefühle ausdrücken können. Oft bleiben nur Tränen, ein stiller Händedruck, eine Umarmung.

„Mein Gott, mein Gott, warum…“

„Jeder, der teilnehmen möchte, ist herzlich eingeladen!“, hieß es in der Email der Schulleitung an alle Lehrerinnen und Lehrer der DSB. In der großen Pause sollte in der großen Aula für die ganze Schulgemeinschaft ein kurzer Gedenkgottesdienst angeboten werden – freiwillig. Jeder will teilnehmen. Jeder, Schüler wie Lehrer, hat anscheinend das große Bedürfnis seiner Betroffenheit irgendwie Ausdruck zu geben. Über tausend Personen füllen die Aula. Die Kleinen sitzen am Boden, viele Hunderte stehen. Vorne im Zentrum, auf den Stufen der „Bühne“ wieder eine einfache, große Kerze in einem Glas. Daneben ein schlichtes Holzkreuz. Geschmückt mit ein paar Tüchern und einem kleinen Blumenstrauß. Es gibt keine „großen Reden“, keine Ansprachen. Auch hier hören wir einfach nur den Psalm 22, ohne viel Kommentar. „Mein Gott, mein Gott, warum…“. Zwei Schüler spielen auf dem Violoncello und der Violine den beeindruckenden „Cant Dels Ocells – Gesang der Vögel“, ein altes, bekanntes katalanisches Volkslied, das die Menschwerdung Gottes besingt. Nach einem kurzen Text von Dietrich Bonhoeffer singen wir gemeinsam das Taizé-Lied „Meine Hoffnung und meine Freude … Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. – El Senyor es la meva força“. Die Aufmerksamkeit und Ruhe ist beeindruckend. Vor allem auch, als die Anwesenden eigeladen werden ihre Fragen, Gefühle, Bitten oder Gebete auf kleine Zettel zu schreiben und zur Kerze zu legen. In den 20 Minuten hatte ich einen der stillsten und intensivsten Gottesdienste erlebt – und das mit über tausend Kindern und Erwachsenen.

Nach der Andacht stellen wir die Kerze gut sichtbar, aber geschützt, seitlich in eine Ecke der Eingangshalle der Schule. Rundherum vier Tafeln, an die wir die Gebetszettel heften. So schaffen wir einen provisorischen Ort des Gedenkens. Den ganzen Vormittag kommen in ehrfürchtiger Stille Schüler, Lehrer, Eltern, einzeln, in Gruppen, in ganzen Klassenverbänden dorthin. Ständig werden neue Zettel geschrieben und an die Wand gepinnt.

„Warum?“ Das ist die große Frage, die jeden bewegt. Der Tod ist plötzlich so nah, unmittelbar. Und vor allem, dieser Tod scheint so sinnlos, es gibt keinen Grund. Am Freitag vor den Osterferien beten wir im Rahmen des katholischen Religionsunterrichtes an der DSB mit den Schülern der 8. Jahrgangsstufe den ökumenischen Jugendkreuzweg 2015. Plötzlich ist es nicht mehr nur dieser Jesus aus Nazareth, der vor 2000 Jahren einen schrecklichen Kreuzweg gehen musste. Plötzlich ist es aber auch dieser Jesus, ist es auch Gott, der den tragischen Tod unzähliger Menschen erlitten hat. Im Gemeindegottesdienst am vergangenen Palmsonntag stellen Kinder, während die Markus-Passion vorgelesen wird, die Szenen pantomimisch dar. Es wird uns nicht irgendeine längst vergangene Geschichte eines fremden Menschen erzählt. Es wird uns unsere Geschichte erzählt. Die Geschichte meines Lebens, meines Leidens und Sterbens. Und sie geht weiter, diese Geschichte. Zum Karfreitag gehört für uns Christen unbedingt auch die Osternacht. Auch wenn ich keine Antwort auf mein „Warum?“ bekomme. Es tröstet und gibt Hoffnung zu erleben, dass wir auf unserem „Kreuzweg des Lebens“ nicht allein sind, dass Gott mit mir denselben Weg geht.

Notfallseelsorge nach dem Flugzeugabsturz: Ottmar Breitenhuber im Interview mit Radio K1-Redakteur Bernhard Löhlein (29.03.2015)

Ein Jahr nach dem Opfer der Himmlischen Hundertschaft

Im letzten Jahr haben wir jeden Tag hören müssen, dass soundsoviele Soldaten und soundsoviele Zivilisten durch die Kämpfe in der Ostukraine getötet wurden. Vor einem Jahr hat der Tod der sogenannten Himmlischen Hundertschaft der auf dem Maidan getöteten Demonstranten noch die Welt bewegt. Heute, so scheint es, sind die Getöteten zur Normalität geworden. Bei vielen Opfern haben wir Schwierigkeiten sie noch als Einzelschicksale wahrzunehmen. Ohne die einzelnen Namen wird sogar das größte Opfer – und unsere eigene Verantwortung ihnen gegenüber – nur verschwommen wahrgenommen.

Aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute von einem jungen Mann erzählen, dessen Leben und Sterben uns die Entwicklung in der Ukraine zu verstehen helfen.

Sein Name war Bohdan Solchanyk und er wurde 28 Jahre alt. Ein vielversprechender Historiker, ein Mitglied der Fakultät der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU), ein Dichter, ein junger Mann, der sich verliebt hat. Er versuchte, die Vergangenheit seiner Heimat zu verstehen, während er mit all seinen Kräften im Hier und Jetzt an einer besseren Zukunft seines Volkes mitgebaut hat. Diese bessere Zukunft bedeutete für ihn auch die Ehe mit seiner Frau Maria Pohorilko, die ihrerseits eine aufstrebende Historikerin, eine Promovendin an der UKU ist. Beide wollten, wie wir es in der Ukraine nennen, ein „Leben in Würde“. Sie hofften, die Geschichte ihres Landes mit den Studenten, mit den Lesern ihrer Artikel und mit der ganzen Welt zu teilen.

Leider wurde Bohdan Solchanyk am 20. Februar vor einem Jahr jäh aus diesen Träumen gerissen. Zusammen mit weiteren achtzig  unbewaffneten Idealisten, die von einer europäischen Ukraine träumten, wurde Bohdan kaltherzig erschossen, getötet von Scharfschützen der Polizei auf dem Zentralplatz der ukrainischen Hauptstadt, während die Fernsehkameras der Welt das Massaker live sendeten.

Die Botschaft von Bohdans Leben und Sterben ist einfach. Es ist eine Botschaft, die Europa und die Welt im Angesicht der großen Sorge und der Verworrenheit zwischen der Ukraine und Russland nötig hat. Die entstandene Verworrenheit ist größtenteils durch die Propaganda derer geschaffen worden, die die Träume und Hoffnungen von Bohdan verachten und die von Bohdans Opferbereitschaft, sich bis in den Tod hinzugeben, verwirrt worden sind.

Bohdan war einer der Millionen, die sich monatelang friedlich versammelt haben, die fröhlich, mit Liedern und Gebeten, mit Gedichten und Straßentheater, mit Musik und Tanz im Zentrum von Kiew und in zahllosen anderen ukrainischen Städten und Dörfern ihren Traum, ihr Ziel verwirklichen wollten. Dieses Ziel ist einfach: Freiheit, eine lebendige Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, keine Korruption in Wirtschaft, Politik, Bildung oder im Gesundheitswesen und ein funktionierender Rechtsstaat. Wir in der Ukraine nennen das: ein Leben in Würde. Ein Leben, das in Europa gelebt wird.

Bohdans Leben war kurz, weil seine staatsbürgerliche Haltung eine Bedrohung für die bestehenden Autoritäten, die Vetternwirtschaft und die Korruption war. Er war eine Bedrohung für die radikale gesellschaftliche Ungleichheit, bei der Oligarchen und Politiker in obszönem Überfluss lebten, während der Rest des Volkes um sein Überleben kämpfte. Er wurde getötet, weil die Mächtigen seine Lieder und Freude fürchteten, den Tanz von Millionen und die Eintracht einer Nation.

Bohdan war in den letzten zehn Jahren, seit der Orangenen Revolution 2004, als er 19 Jahre alt, bei den gesellschaftlichen Protesten aktiv. Er wurde nicht von amerikanischen Agenten bezahlt, um bei minus fünfzehn Grad mitten in der Nacht zu demonstrieren. Er war keine Marionette einer fremden Macht, er war nicht ein geheimer Provokateur der Europäischen Union.

Er war einfach ein Mensch, der seine gottgegebene Würde erkannte und diese Würde für alle Ukrainer verteidigen wollte.

Bohdans Tod und der Tod der ersten Hundertschaft, von einer gnadenlosen Polizeimacht getötet, führten zum Kollaps des korrupten Yanukovych’ Regimes. Yanukovych floh, weil sein Sicherheitsapparat das brutale Vorgehen, das der ruchlose Präsident angeordnet hat, nicht weiter aufrechterhalten wollte. Genug war genug! Sie erkannten, dass die kriminellen Machenschaften das Land nicht länger unterdrücken konnten. Das österliche Opfer der Unschuldigen, das Blutvergießen – das tiefgründigste und ehrfürchtigste Sakrament – hat eine ungerechte Tyrannei gestürzt.

Der Zusammenbruch der korrupten und tyrannischen Regierung in Kiew durch den friedlichen Aufstand der ukrainischen Zivilgesellschaft, mit Liedern und Tänzen, im Kampf für Presse- sowie Versammlungsfreiheit und gegen Korruption sowie Bevormundung, konnte der Präsident von Russland nicht hinnehmen. Die Gefahr einer Ausbreitung dieses Freiheitskampfes war zu groß. Um ein russisches Ringen um ein Leben in Würde zu verhindern, suchte er seinem Volk Stolz auf einem anderen Weg zu geben. Er vergrößerte sein Reich: Die Krim wurde annektiert. Dazu wurde ein sinnloser Krieg angezettelt, um die neu erlangte Würde des ukrainischen Volkes zu zerstören. Es soll gezeigt werden, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat war, und dass Bohdan Solchanyk umsonst gestorben ist.

Das ist die Geschichte von Bohdan Solchanyk und den Millionen, die an seiner Seite standen. Das ist die Erklärung, was in der Ukraine und worum der Kampf heute geht. Es gibt noch viele Seiten dieses Kampfes und es ist eine komplexe Geschichte, aber im Herzen ist es ein Pilgerweg von Unterdrückung und Angst, hin zu Freiheit und Würde – letztlich kann man sagen: von Tod zu Leben; es ist eine österliche Geschichte.

Am 20. Februar werden Ukrainer und alle Freunde der Ukraine der Opfer der Himmlischen Hundertschaft gedenken – der ersten, die auf diesem Weg zur Würde gestorben sind. Sie werden sich der 5500 Soldaten und Zivilisten erinnern, die durch die Invasion getötet wurden.

Wenn sie der Toten gedenken, denken sie auch an die humanitäre Krise die heute vorherrscht: Zehntausende Verwundete, tausende Witwen und Waisen, 1,5 Millionen Vertriebene und 5 Millionen, die direkt vom Krieg betroffen sind.

Uns Gläubige, die Christus nachfolgen, seines Leidens gedenken und seine Auferstehung feiern, erinnert das Opfer von Bohdan und seinen Leidensgenossen an das Blutzeugnis der Märtyrer. Es gibt keine größere Liebe als die, wenn man sein Leben hingibt für einen Freund (Joh 15,13). Diese Worte erklären vielleicht am Besten dieses schmerzliche Gedenken an Bohdan und die Himmlische Hundertschaft und die Ereignisse in der heutigen Ukraine.

Quo vadis, Ukraine?

Seit letztem Jahr und noch mehr in den letzten Monaten kann die Ukraine als „ein Land der Tränen in Europa“ bezeichnet werden. Die „Revolution der Würde“ (wie der Euromaidan in der Ukraine rückblickend genannt wird – A.d.R.*), die Proteste im ganzen Land, das brutale Vorgehen der Janukowitsch-Polizei und die Todesfälle am Maidan-Platz in Kiew, der Konflikt mit Russland um die Halbinsel Krim, der „inoffizielle Krieg“ mit Russland in der Ostukraine, Tausende Tote und zahlreiche Flüchtlinge – dies alles ist die Realität der heutigen Ukraine, in der eine neue Generation heranwächst und sich gesellschaftlich formiert. Sie ist die Zukunft der Ukraine, und daher ist es überaus wichtig für sie, sowie für alle Ukrainer, die gegenwärtigen Geschehnisse im christlichen Geist einzuordnen und manche Seite der heutigen ukrainischen Geschichte auch positiv zu betrachten. Aus meiner Sicht entwickelten sich aus den letzten Ereignissen auch positive Aspekte für die Zukunft des Landes, unter anderem:

  • eine klare Entscheidung der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer für die Werte der Demokratie und Freiheit;
  • das Gefühl der Würde und des Bewusstseins, ein eigenes Volk zu sein;
  • die Relativierung der unterschiedlichen Sprachen für die Einheit der Ukraine;
  • ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in den Krisensituationen.

Die Erfahrung der Menschlichkeit und des Eintretens füreinander hat für die Gesellschaft in der Ukraine weitreichende Folgen. Die Ukrainer zeigen gegenwärtig ein großes Maß an Selbstorganisation, der gegenseitigen Hilfe und des Altruismus. Dies bemerken auch viele Menschen, die aufmerksam die heutige Situation in der Ukraine beobachten. Beispielhaft ist das kurze Zitat der Lemberger Journalistin Tetiana Sliysarschuk vom Medienportal „Zaxid.net“, die den Einsatz ihrer Mitbürger so beschreibt: „Der Freiwillige ist ein Phänomen der „Revolution der Würde“ und eine unentbehrliche Hilfe […]. Der Enthusiasmus und der Erfindungsreichtum der Ukrainer im Hinterland machen einen großen Eindruck“.

Seit dem Anfang der „Revolution der Würde“, den Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine unterstützen die Ukrainer einander mit einem beispielhaften Engagement. Es geht nicht nur um die große finanzielle Unterstützung der freiwillig Engagierten, die von unzähligen Menschen guten Willens erbracht wird, sondern auch um die breite Basis für die „Revolution der Würde“, die auf diese Weise sichtbar wird. Man kann in diesen Tagen besonders bemerken, wie das konkrete menschliche Leben geschätzt wird. Die Menschen in der Ukraine kümmern sich um die Familien der Verstorbenen am Maidan genauso wie um die Angehörigen der Opfer der Kämpfe und um die hunderttausend Binnen-Flüchtlinge.

Die ukrainischen Kirchen spielen momentan im Prozess dieser neuen Menschlichkeit auch eine wichtige Rolle: Sie möchten dem eigenen Volk in diesen schweren Stunden seiner Geschichte beistehen und versuchen mit verschiedenen sozialen Projekten die Gesellschaft zu unterstützen. Darüber hinaus sind viele Priester der verschiedenen ukrainischen Kirchen als Militärkapläne tätig, um die Zivillisten und die Soldaten in der Ostukraine geistlich zu betreuen. Im Blick auf die zurück liegenden Monate kann man sagen: Durch die Ereignisse seit dem Beginn der „Revolution der Würde“ haben die Ukrainer die Gesellschaft und den Alltag für sich selbst reorganisiert und befinden sich heute in einer Phase gelebter Solidarität.

Die Ukraine ist anders geworden. Obwohl die Ukrainer fast täglich Tote zu betrauern haben und viele Menschen Not leiden, sehen sie trotzdem mit großer Hoffnung in die Zukunft. Wie oben gesagt, das letzte Jahr ist das Jahr der großen positiven Änderungen in der ukrainischen Zivilgesellschaft geworden. Die Ukraine wartet auch auf die gleichen positiven Änderungen in der eigenen Politik und will ein Land mit europäisch-demokratischen Werten sein, in dem Frieden herrscht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Euromaidan – in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt – wurde im November 2013 ausgelöst durch die Ankündigung der damaligen ukrainischen Regierung, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen.

Interkulturalität und jede Menge Spaß – unterwegs mit Erasmus-Studenten

Auch in Tschechien hat der Advent und mit ihm der Winter Einzug gehalten. Auch wenn der Schnee noch etwas auf sich warten lässt, so sind doch alle Straßen schon weihnachtlich beleuchtet und die Geschäfte dekoriert. Allerdings fehlt hier in Leitmeritz ein Weihnachtsmarkt, und der Weihnachtsmarkt in Usti nad Labem hat diese Bezeichnung eigentlich nicht  verdient. Naja, ich werde mir am Wochenende Ersatz in Dresden holen. Soll ja angeblich der schönste Weihnachtsmarkt in ganz Deutschland sein. Ich bin gespannt!

Ansonsten war in der letzten Zeit so einiges los: Seit dem letzten Blogeintrag war ich wieder ziemlich unterwegs. Zusammen mit ein paar Freunden (eine Finnin, ein Portugiese, ein Grieche, ein Türke, eine Tschechin, ein Tscheche, zwei Deutsche und ein Italiener) waren wir in Dresden und in Berlin unterwegs. Da wir zu beiden Städten sehr gute Bus- und Bahnverbindungen haben, nutzen wir die Gelegenheit und verbrachten in Dresden einen Tag und eine Nacht und in Berlin ein ganzes Wochenende. Gerade für die nichtdeutschen Erasmus-Studenten waren die Ausflüge etwas Besonderes. Viele von den Studenten waren zu ersten Mal in einer deutschen Stadt. Die Architektur in Dresden und die kulturelle Vielfalt in Berlin haben sie sehr beeindruckt.

Sehr spannend waren auch die Fragen von meinem türkischen Kommilitonen zu Kirchen, Religion und Symbolik. Seine Fragen stellten mich aber zum Teil auch vor Herausforderungen: Wie erklärt man bestimmte Rituale oder Symbole, ohne bei „Adam und Eva“ anzufangen beziehungsweise der Bedeutung gerecht zu werden? Wir hatten sehr spannende Gespräche und einen interessanten Austausch über verschiedene Sichtweisen und Weltanschauungen.

In Berlin hatten einige der Studenten ebenfalls einen Aha-Moment. Wir besichtigten neben dem Stasi-Museum und der Berliner Mauer auch die Gedenkstätte Deutscher Wiederstand im Bendlerblock. In einer beeindruckenden Ausstellung stellten wir alle, manche zum ersten Mal, fest, dass es im Deutschland von 1933 – 1945 nicht nur Mitläufer gab. Am meisten berührt hat wohl das Schicksal der Mitglieder der Weißen Rose, die sich als Studenten in unserem Alter gegen das Regime erhoben haben.

Natürlich haben wir auch die Eastside-Gallery und das Holocaust-Mahnmal besucht und die obligatorische Currywurst gegessen. Wir haben also ganz dem Touri-Klischee entsprochen und hatten nicht zuletzt wegen unserer Interkulturalität jede Menge Spaß.

Ein Wochenende später haben wir dann in der großen Erasmus-Gruppe Kutna Hora besucht. Die frühere Silbermienenstadt ist Standort einer wunderschönen sehenswerten UNESCO-geschützten Kirche und natürlich der alten Bergwerkstollen, die die gesamte Stadt untertunneln. Bei einer geführten Tour in 150 Metern Tiefe konnten wir ein Gefühl dafür entwickeln, was es bedeutet hat, im 17. Jahrhundert Silber abzubauen. An der engsten Stelle der Führung war der Tunnel noch 40 cm breit und 120 cm hoch und somit nichts für schwache Nerven. Aber jeder, der zuvor noch Angst hatte, hat diese überwunden und konnte am Ende Stolz auf sich sein.

Ein ganz wunderbares Ereignis hat mich in den letzten zwei Wochen ebenfalls beschäftigt: Am 20. November bin ich zum ersten Mal Onkel geworden, und Mutter und Kind sind wohl auf. Im Büro haben wir alle zusammen auf das neue Erdenkind angestoßen, und die Woche darauf bin ich zu einem spontanen Kurzbesuch zuerst bei meinem Neffen und dann bei meiner Familie aufgebrochen. Da zusätzlich zu der Geburt in der Heimat noch einige Geburtstage gefeiert wurden, hat sich das angeboten und war eine gelungene Überraschung.

In meinem Praktikum geht es ebenfalls voran, und mir wird es hier nicht langweilig. Dank der guten Beziehungen meines Praxisanleiters bekam ich die Möglichkeit, ein Positionspapier zur Lage der Flüchtlinge in Georgien zu verfassen. Das Schreiben sollte Grundlage der Planung eines Hilfeprojekts darstellen. Ich suchte also sämtliche Informationen über Flüchtlinge und Binnenvertriebene zusammen und wälzte eine Woche lang georgisches Recht, nur um dann mitgeteilt zu bekommen, dass ein solches Projekt nicht stattfinden wird, weil sich keine drei Organisationen vor Ort finden, mit denen man zusammenarbeiten kann. Naja, so läuft das wahrscheinlich meistens, aber auch wenn mein Resultat nicht verwendet werden kann, so war es doch eine sehr gute Übung, bei der ich viel gelernt habe. Zeitgleich laufen weiterhin die Vorbereitungen für die Ausstellungen, und die Planung wird immer konkreter. Ich freue mich schon, die Ausstellung nach Eichstätt zu bringen und „meine“ Fakultät zu besuchen.

Heute war ich als Knecht Ruprecht zusammen mit meinem Praxisanleiter (Nikolaus) und einer Kollegin (Engel) im Kindergarten nebenan und war wohl, wenn auch unbeabsichtigt, ziemlich authentisch. Die lautesten Kinder waren plötzlich ziemlich handzahm und still.

Meine Zeit hier rennt und rennt, jetzt sind es noch zwei Wochen bis ich über Weihnachten wieder in die Heimat fahre, und im neuen Jahr sind es dann noch drei Wochen Praktikum. Mir wird jetzt eigentlich erst bewusst, wie schnell die letzten Monate, nicht zuletzt wegen den tollen Leuten, die ich hier kennen gelernt habe, vergangen sind.

Ich hoffe bei allen Lesern hat sich inzwischen eine weihnachtliche Vorfreude eingestellt und alle sind wohlauf und können die besinnliche Zeit genießen.

Ganz liebe Grüße,

Maximilian

Große Reichtümer an geistlichen Gütern und Berufungen

Eindrücke aus der Vollversammlung der „Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gemeinschaften apostolischen Lebens“ in Rom.

Die Vollversammlung der Religiosenkongregation atmet weltkirchliches Flair. Die Stärke der Orden und geistlichen Gemeinschaften liegt vor allem in Afrika und Asien und dann in Lateinamerika. Gerade die Frauengemeinschaften wollen sich stärker entsprechend ihren Charismen und durch ihr Frausein in die Kirche einbringen, um der Darstellung und Verkündigung des biblisch-christlichen Menschenbildes zu dienen.

Im Rahmen der Tagung der Ordenskongregation gab es auch Gelegenheit für ein Treffen mit Papst Franziskus. Foto: L'Osservatore Romano
Im Rahmen der Tagung der Ordenskongregation gab es auch Gelegenheit für ein Treffen mit Papst Franziskus. Foto: L’Osservatore Romano

Bei den Diskussionen muss man als Europäer das Weitwinkelformat einstellen: Unsere Probleme und Sorgen im Ordensbereich, die ernst genommen werden müssen, unterscheiden sich durchaus von denen in anderen Erdteilen.

Bezeichnend ist, dass die armen Kirchen und ihre Ordensgemeinschaften, neben all den Wachstumsproblemen, dennoch einen großen Reichtum an geistlichen Gütern und Berufungen aufweisen. Ich erlebe, wie fruchtbar der geistliche Austausch ist und wie schädlich es für das Katholischsein wäre, sich selbstgenügsam einzuigeln.

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