Kategorie-Archiv: Europa

Barcelona nach dem Attentat: „Verleih uns Frieden, Herr“

Der Chorgesang geht unter die Haut. „Da pacem dominum – Verleih uns Frieden, Herr“ in der Vertonung von Arvo Pärt. Die Diakone richten für die Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein auf den Altar. Erzbischof Kardinal Joan Josep Omella hat am dritten Tag nach dem Terror-Anschlag auf der berühmten Flaniermeile Las Ramblas von Barcelona in die Basilika Sagrada Familia zu einem Gottesdienst für den Frieden eingeladen. Der weltberühmte Sühnetempel von Antoni Gaudi war gedrängt voll. Alle politischen Vertreter Spaniens, Kataloniens und der Stadt Barcelona – egal welcher politischen Ausrichtung – waren gekommen. Auch das spanische Königspaar und der portugiesische Staatspräsident. Mit rund 50 Bischöfen und Priestern sitze ich im Altarraum. In einer fast nicht mehr überbietbaren Eindringlichkeit legen wir unser flehentliches Bitten auf den Altar: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.“

Was können wir tun, im Angesicht solch einer Tragödie? Über 600 Meter fuhr der Terrorist gezielt im Zick-Zack-Kurs mitten in die Menschenmenge und riss 15 Passanten grausam in den Tod, mehr als 100 Menschen erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Geschockt hält die ganze Welt den Atem an. Nach den unbegreiflichen Attentaten in Paris, London, Nizza, Brüssel und Berlin nun jetzt auch in der Touristen-Hochburg Barcelona derselbe unmenschliche Angriff auf die Menschheit. Auch wenn man es schon längst befürchtet hat, hat doch jeder gehofft, dass es nicht eintreffen würde. Der internationale Terror kennt keine Grenzen mehr. Und vor allem völlig Unschuldige sollen anscheinend getroffen werden, damit die Welt im Innersten getroffen und aus ihren Angeln gehoben wird.

Was suchen diese Gewalttäter – zum Teil noch nicht mal erwachsen – die immer ungehemmter Waffen auf andere richten? Was wollen sie erreichen? Was geht ihnen ab in ihrem Leben? Was ist die Ursache ihrer blinden Wut und ihres grenzenlosen Hasses? Wollen sie nicht auch leben? Meinen sie mit diesem Blutvergießen sich und der Welt Leben zu geben? Indem sie anderen, völlig Unschuldigen, das Leben grausam entreißen?

Ich weiß es nicht. Niemand gibt mir und der Welt darauf eine Antwort – nicht einmal mein Glaube. Die einzige Antwort, die gegeben werden kann, ist die Antwort, die die Barcelonesen gaben: zu helfen. Beizustehen, aufzuhelfen, zu halten, zu trösten, mitzutrauern, in den Arm zu nehmen. Dem Verletzten und Trauernden zu zeigen, Du bist nicht allein, ich bin bei Dir.

Und, auch unser Gott reagiert auf die Grausamkeiten der Welt mit derselben Antwort: Er fährt nicht mal schnell gewaltig drein, vernichtet die Terroristen und erstickt kurzerhand alles Böse im Keim. Gott ist einfach da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. An der Seite der Verwundeten, Getöteten und Trauernden. Einer von ihnen, von uns.

Deshalb legen wir all unser Hoffen auf Frieden in seine Hand:

Da pacem, Domine, / in diebus nostris, / quia non est alius / qui pugnet pro nobis, / nisi tu Deus noster. – Verleih uns Frieden gnädiglich, / Herr Gott, zu unsern Zeiten. / Es ist doch ja kein andrer nicht, / der für uns könnte streiten, / denn du, unser Gott, alleine.

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Das tanzende Ei und das Geheimnis von Gemeinschaft

Ich traute meinen Augen nicht. Ich war völlig fasziniert, als ich es zum ersten mal sah, und ich bin es bis heute: Da tanzt doch glatt auf dem Wasserstrahl eines Brunnens ein Ei! Wie kann das gehen? Warum fällt das Ei nicht runter? Manchmal handelt es sich um ein wirklich großes Ei, eher von einem Straußen als von einer Henne – auf einem gerade mal fingerbreiten Wasserstrahl!

„L’ou com balla – Das tanzende Ei“

Tanzendes Ei an einem Brunnen in Barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

In den Tagen um Fronleichnam kann man dieses einzigartige Schauspiel in zahlreichen Kreuzgängen der Altstadt Barcelonas bestaunen. Zum Beispiel in der gotischen Kathedrale oder im Real Monasterio von Pedralbes. Und ein Brunnen ist schöner geschmückt als der andere. Ich bin jedes mal fasziniert und schau dem Phänomen gebannt zu. Wie das Ei da auf dem dünnen Wasserstrahl tänzelt! Sich um die eigene Achse dreht! Mal rasend schnell, mal langsam! Aufsteigt, absteigt! Wie das Wasser auf das Ei prallt und in alle Richtungen spritzt! Einen Kelch formt, der trägt! Einer Blüte gleich. Und drunter das Wasserbecken eines mittelalterlichen Brunnens, mit bunten, lebendigen Blumen geschmückt! Herrlich!

Angeblich kennt man die Tradition des „l’ou com balla“ in Barcelona schon seit dem 13. Jahrhundert. Niemand konnte mir aber bisher weder den Hintergrund erklären noch eine offizielle Bedeutung sagen. Für mich ist das Ganze einfach ein Bild. Ich sehe in der Mitte das Ei. Das neue Leben. Geballtes Leben am Anfang, bevor es schlüpft. Ich sehe, wie es tanzt, wie es sich rasend dreht, wie es hüpft und fällt – welche Kraft in ihm steckt und mit welcher Kraft es bewegt wird. Und ich sehe das Wasser, den Strahl. Dieses erfrischende Element, ohne dem es kein Leben gäbe auf unserer Erde. Ich sehe, wie es trägt, obwohl es doch so fein und zerbrechlich ist. Wie es spritzt. Sich vergießt, über den ganzen Brunnen sich verteilt. Die Blumen und Blüten benetzt. Sie wie mit feuchtem Tau erfrischt und sie lebendig hält.

Dieses faszinierende Schauspiel ist für mich ein Bild für das Leben. Ein Bild für den Kreislauf des Lebens. Neues Leben, die ganze Kraft, die Energie, die in diesem geballten Ei steckt, wird in Bewegung gesetzt. Und von diesem tanzenden Ei aus verteilt sich das lebendige Wasser auf alles drumherum.

Brot – das Geheimnis des Lebens

Ich war schon immer fasziniert – und bin es bis heute, mit jeder heiligen Messe mehr, von dieser kleinen, unscheinbaren Scheibe Brot. Es ist kein aufwendiges, kein besonderes Brot mit ausgefallenen Gewürzen oder seltenem Getreide. Es ist gebacken mit schlichtem Teig aus Weizenmehl. Die Ministranten bringen es in einer goldenen Schale für die Eucharistiefeier an den Altar. Mit einem großen Dankgebet halten wir es Gott hin. So wie es der Herr am letzten Abend vor seinem Tod, beim Mahl im Kreis seiner Freunde, zu seinem Abschied tat. Wir tun, was er tat. Und wir erleben, was die Jünger erlebten. Wie er das Brot bricht, es austeilt an seine Freunde. Aber nicht nur das Brot! Wir erleben, wie Jesus sich selbst austeilt. Wie er sich brechen lässt. Wie er stirbt, sich hergibt – und wie er uns damit Leben gibt.

Gottesdienst in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Foto: privat

In diesem kleinen Stück Brot und in diesem unscheinbaren Geschehen auf dem Altar bündelt und zeigt sich das ganze Geheimnis unseres Glaubens: Gott schenkt sich uns, damit wir leben. Wir Christen sind überzeugt, dass sich in diesem Brot und in dem eucharistischen Mahl, das wir miteinander feiern, das Prinzip allen Lebens bündelt und uns zeigt: Leben ist möglich und Leben entsteht, wenn Leben gegeben wird, geteilt wird, verschenkt wird. Und genau das und nichts anderes feiern wir an Fronleichnam und in jeder heiligen Messe. Deshalb kommen wir zusammen – am Fest Fronleichnam, an den Sonntagen und soweit es möglich ist manchmal sogar noch werktags – um dieses Geheimnis des Lebens und unseres Glaubens nicht zu vergessen, um es immer wieder zu erleben, zu spüren, um uns zu stärken – um leben zu können.

Und ich habe es auch wirklich oft gespürt: Wie es stärkt, aufbaut, wachsen lässt und belebt. Wie es Kraft gibt und Mut. Wie es zusammen führt, verbindet, Gegensätze überwindet und Gemeinschaft entstehen lässt. Wie Menschen sich ergänzen, bereichern, verschenken und anderen Leben schenken. Wie es ungeahntes Leben freisetzt. Wie völlig Neues entsteht.

Gemeinde – das Geheimnis von Gemeinschaft

Auch davon bin ich fasziniert, trau manchmal meinen Augen nicht und kann es fast nicht glauben: Das Geheimnis von Gemeinschaft – Gemeinde, Pfarrgemeinde, Kirche. Was ich alles in unserer kleinen Auslandsgemeinde St. Albertus Magnus erleben kann und darf: Mit den Vielen, Großen und Kleinen, die kommen und die da sind! Mit den Alteingesessenen, mit den Kindern, mit den Familien! Mit den Treuen und mit dem sogenannten festen Kern! Genauso aber auch mit denen, die sich nicht so stark binden können, aber trotzdem dazu gehören! Mit den vielen Gästen und Freunden, von denen fast ständig welche da sind und uns besuchen, und die irgendwie auch unsere Gemeinde auszeichnen! Mit unseren Schwestern und Brüdern der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde!

Gottesdienst in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Ich bin fasziniert von Kirche, von Gemeinde. Und ich bin überzeugt, das lässt uns leben. Wenigstens mich persönlich. Als Mensch, als glaubender und suchender Christ, wie auch als Priester und als Pfarrer einer Gemeinde.

Und deshalb ist es nur konsequent und unbedingt auch notwendig, dass wir uns mit dieser Überzeugung nicht zurück halten, dass wir uns mit der Feier unseres Glaubens nicht einschränken auf einen abgeschlossenen, schönen Kirchenraum. Dass wir heraustreten, mit dem innersten Kern unseres Lebens und Glaubens. IHN der Welt hinhalten, IHN ihr zeigen. Dass wir den, der uns leben lässt, hineintragen in die Stadt, in die Welt, in unseren Alltag. Dass wir uns von dem, der uns hier aufbaut, unser ganzes Leben aufbauen lassen. Und dass so unser ganzes Leben – ja, vielleicht, hoffentlich – die ganze Welt, irgendwann, zu einem einzigen und riesigen Fest wird. Zum Fest des Lebens.

Ostereier erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine

Bei uns im Bistum Eichstätt endet die Osterzeit mit dem Pfingstfest, und zuallerletzt mit dem Fronleichnamsfest. So ist es auch in allen Ländern mit dem Christentum westlicher Tradition. Anders ist es bei den östlich-byzantinischen Christen, den Orthodoxen und den Griechisch-Katholischen: Sie feiern das Osterfest und somit den Osterfestkreis, einschließlich Pfingsten, etliche Tage – manchmal sogar Wochen – später. So ist es in allen Ländern, zum Beispiel in Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Georgien, Russland und auch der Ukraine, die den christlichen Glauben durch die Missionare aus der oströmischen Hauptstadt – Konstantinopel, heute Istanbul – oder mittelbar von dort aus seinerzeit empfingen. Der Grund für die auseinandergehenden Ostertermine liegt in den verschiedenen Kalendern, dem julianischen im Osten und dem gregorianischen im Westen, die den Ostertermin unterschiedlich berechnen. Der Abstand zwischen den beiden Osterterminen kann unterschiedlich ausfallen. Das Hochfest der Auferstehung Jesu Christi kann auf den gleichen Sonntag fallen, wie es in diesem Jahr sein wird (16. April 2017), oder mehrere Wochen betragen. Der größte Abstand kann fünf Wochen sein, was im vergangenen Jahr der Fall war. Da fiel der orthodoxe Ostersonntag auf den 1. Mai.

Für das gemeinsame Zeugnis der Christen ist dies natürlich verheerend. Deshalb riefen bereits mehrere Päpste Christen in aller Welt zur gemeinsamen Feier des Osterfestes auf. Papst Franziskus steht in dieser guten Tradition und bestätigte die Bereitschaft und große Offenheit der katholischen Kirche in dieser Frage (vgl. FAZ, 13.06.2015). In der Tat wäre in diesem ökumenischen Bereich zwischen den Orthodoxen und Katholischen viel möglich und erreichbar im Unterschied zu allen anderen theologischen bzw. jurisdiktionellen Fragen.

In praktischer Hinsicht ergeben sich aus dieser Zwei-Kalender-Situation aber auch interessante Möglichkeiten für Christen, das Osterfest zweimal und in verschiedenen Traditionen zu feiern bzw. zu erleben. Sehr intensiv habe ich dies 2016 auf einer Dienstreise erleben dürfen, ja müssen. Nach dem fünften Ostersonntag in Eichstätt bin ich beim Landen in Kiew fünf Wochen zurückgeworfen worden, und zwar mitten in die Karwoche im byzantinischen Ritus. Die Umstellung war nicht leicht. Ja, sie war mit Schmerz verbunden, mit dem Schmerz, dass die Christen sich nicht einig sind.

Allukrainische Ostereierausstellung

Eine Genugtuung war für mich jedoch die sogenannte Allukrainische Ostereierausstellung auf dem Sophienplatz in Kiew. Ich war von ihr so begeistert, dass ich sie gleich zweimal besichtigte. Die Ausstellung hatte zum Ziel, österliche Kunstwerke von Künstlern aus allen Regionen der Ukraine zu zeigen und die Bevölkerung auf das Osterfest einzustimmen.

Bekanntlich sind Ostereier beliebte und treffende Symbole sowie Kennzeichen des Osterfestes und des Glaubens an die Auferstehung in Ost und West. In einem Gebet zur Segnung der Osterspeisen ist dies wunderbar zusammengefasst: „Segne, o Gott, auch die Ostereier, damit sie uns zum Zeichen dafür werden, dass dein Sohn und unser Herr Jesus Christus das Felsengrab gesprengt hat und auferstanden ist!“

Hinter dieser erstrangigen Symbolik hat sich für mich auch noch eine andere Dimension der Ostereier in dieser Ausstellung in Kiew erschlossen. Die ausgestellten Ostereier gaben nicht nur ein Sinnbild für das kommende Leben und die Auferstehung. Sie erzählten vielmehr vom Leben der Menschen in der heutigen Ukraine. Die ausgestellten Kunstwerke, in Größe eines menschlichen Körpers, stammen aus verschiedensten Ecken der Ukraine und berichten in ihren Motiven vieles. Sie verraten, was die Menschen in der Ukraine beschäftigt. Sie erzählen davon, was sie schmerzt in dieser Zeit des Krieges, und was sie freut, wenn sie in die Zukunft schauen. Die Ostereier am Sophienplatz geben – so meine ich – einem jeden von uns einerseits einen sehr guten Einblick in den Reichtum und die Vielfalt der Begabungen. Ferner und vor allem aber bezeugen sie die europäische Einstellung der Ukrainer und der Ukrainerinnen, ja aller in der Ukraine lebenden Menschen.

Frieden zwischen den Religionen

Die vielfältige Palette der Motive auf den Ostereiern reicht von traditionell gemalten Ikonen bis hin zu Darstellungen abstrakter und impressionistischer Art. Es finden sich hier Abbildungen des Schmerzes wegen der Krimannexion oder des Krieges im östlichen Teil der Ukraine. Es gibt jedoch überwältigend viele künstlerisch ausgeführte Aufrufe zu Frieden, Liebe, Versöhnung und Bewahrung der Schöpfung. Es war dort sowohl das typisch Ukrainische anzutreffen, wie blau-gelbe Töne der ukrainischen Fahne und farbenprächtige Bestickungen der Trachtenhemden, als auch das Universale: Frieden zwischen den Religionen, Abrüstung der Atomwaffen und Ähnliches.

Es war das Besondere wie das Allgemeine zu sehen, das Märchenhafte genauso wie das ganz Realistische. Die Ostereier der Allukrainischen Ostereierausstellung erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine, was sie bewegt, wie sie sich mit den Menschen in Eichstätt und in der ganzen Welt verbunden fühlen, und zwar durch ihre Ideenwelt und durch die Träume von einem guten, menschlichen, friedlichen Miteinander; unter anderem auch mit der großen Hoffnung auf ein immer am gleichen Sonntag zu feierndes gemeinsames Osterfest.

Einige Fotos und Kurzvideos, die ich von der Ausstellung mitgebracht habe, mögen Euch, liebe Leser/innen, an der wunderschönen Ostereierausstellung direkt teilnehmen lassen, die mich persönlich so tief berührt hat.

Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Traktoren und Pflüge für Klöster in Georgien

Über das Collegium Orientale Eichstätt erreichte die Katholische Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Eichstätt die Anfrage des georgisch-orthodoxen Bischofs Svimeon Tsakashvili von Surami-Khashuri um Unterstützung seiner Klöster bei der Beschaffung von landwirtschaftlichen Geräten. Der Diözesanausschuss der KLB befasste sich mit diesem Wunsch und stellte 15.000 Euro zur Verfügung. Auf Antrag von Bischof Svimeon stellte die Diözese Eichstätt weitere 15.000 Euro bereit.

Nun stellte sich die Frage, welche Fahrzeuge für die georgischen Klöster geeignet sein könnten. Die meisten der über 20 Klöster in der Diözese Surami bewirtschaften mit zwei oder drei Brüdern bzw. Schwestern je eine Fläche von 2 bis 10 Hektar. Bei den Überlegungen kamen wir auf gebrauchte Kubota-Traktoren, die speziell für japanische Reisbauern gebaut werden. Sie sind robust und ohne technischen Schnickschnack selbst zu warten. So machten wir – Herbert und Agnes Bauernfeind sowie Thomas und Gertraud Schneider – uns auf den Weg ins ferne Georgien, um dort nach geeigneten Geräten zu suchen. Die Reisevorbereitungen zeigten bereits, dass wir in ein Land reisen wollen, das touristisch noch nicht besonders erschlossen ist. Spätestens als wir georgische Lari – das Zahlungsmittel in unserem Zielland – beschaffen wollten, mussten wir feststellen, dass diese nicht einmal über die Bundesbank besorgt werden konnten. So nahmen wir einige Euro mit, in der Hoffnung, dass sie auch in Georgien akzeptiert würden.

Von München über Istanbul flogen wir nach Tiflis. Bereits während des Fluges konnten wir aufgrund der hervorragenden Sichtverhältnisse einen ersten Eindruck von Georgien gewinnen. Bergrücken ohne Bewuchs deuteten auf größere Höhen hin, dazwischen lagen grüne Täler, aber relativ wenige Orte konnten wir erkennen. Straßen oder Eisenbahnlinien, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, fehlten fast komplett aus der Vogelperspektive. Ein sandig-beigen Braun prägte das Bild des Landes im August. Unser Dolmetscher Erekle und der Chauffeur Schio warteten bereits am Flughafen. Zwei Stunden dauerte die Fahrt zum Bischofshaus in Surami, wo wir in einem relativ neuen Hotel

Kühe auf der Autobahn

Nachdem wir die Details der Beschaffung am nächsten Tag mit dem Bischof besprochen hatten, fuhren zum wir Einkauf nach Tiflis. Grasende Kühe auf dem Mittelstreifen der Autobahn waren eine gewisse Überraschung als wir auf der relativ gut ausgebauten Autobahn unterwegs waren. Die Bauern lassen ihre Kühe in Georgien frei grasen. Daher findet man sie auf jeder Straße und sogar auf der Autobahn. Ab und zu kommt es natürlich zu Unfällen, aber zum Glück blieben wir davon verschont.

Bereits im Vorfeld hatten wir eine Firma gefunden die Kubota-Traktoren in Tiflis verkauft. Der Händler ist Mitglied im Deutsch-Georgischen-Wirtschaftsforum. Herbert Bauernfeind nahm die Traktoren in Augenschein und testete sie. Nachdem wir drei geeignete Fahrzeuge gefunden und markiert hatten, ging es an die Anbaugeräte. In Georgien wird auf dem Basar hart verhandelt, in Geschäften jedoch eigentlich nicht. Trotzdem gelang es uns, die Traktoren um rund 3.000 Euro günstiger zu bekommen. Dafür konnten wir andere Geräte beschaffen. Wir kauften 3 Traktoren mit Fräse, 3 Pflüge, 3 Kunstdüngerstreuer, 2 Unkrautspritzen, eine zweireihige Kartoffellegemaschine und einen Schüttelroder für die Kartoffelernte. In einem nahegelegenen Geschäft konnten wir dann noch eine Unkrautspritze mit Gebläse für den Weinanbau erwerben. Nachdem wir rund 28.000 Euro ausgegeben hatten, fuhren wir bei 30 Grad im Schatten wieder in Richtung Surami.

Begegnung mit den Mönchen

Am dritten Tag unserer Reise stand die Begegnung mit den Mönchen im Vordergrund. Wir besuchten einige der Klöster, für die die Traktoren bestimmt waren. So starteten wir zum 1200 Meter hoch gelegenen Kloster „Korangedi“, was so viel bedeutet wie „Rabenspitze“. Dort wirkte Bischof Svmeon früher als Abt. Mit einer Landfläche von 13 Hektar ist es eines der größten Klöster in der Diözese. Doch bevor wir zur Besichtigung aufbrachen, besuchten wir den Gottesdienst in der Klosterkirche: ein beeindruckendes und doch seltsames Erlebnis. Erst nach diesem Gottesdienstbesuch wurde mir bewusst, wie schön es in unserer Kirche ist, gemeinsam die Eucharistie zu feiern. Die Liturgie dauerte über zwei Stunden. Bänke gibt es keine in der georgischen Kirche. Die ganze Messe findet hinter der Ikonenwand statt. Ab und zu sieht man einen Geistlichen, doch was hinter dem Vorhang geschieht bleibt dem gemeinen Gottesdienstbesucher verborgen. Allein die Gesänge lassen erahnen, an welcher Stelle die Liturgie gerade ist. Nach dem Gottesdienst waren wir Gäste im Kloster und wurden dort wieder mit lokalen Köstlichkeiten verwöhnt.

Nach dem Essen besuchten wir das Kloster „Mtazminda“ (heiliger Berg). Auf 1400 Meter leben dort einige Mönche und bauen, trotz kaum befahrbarer Straße, eine wunderbare Klosterkirche. Sie leben vom Kartoffel- und Bohnenanbau. In der Nähe des Klosters liegt ein Nationalpark. So erhoffen sich die Mönche zusätzliche Einnahmen durch Wanderer. Da das Kloster so abgelegen liegt, wird auch dort einer der Traktoren der KLB stationiert.

In der Nähe des Parks liegt ein ehemaliges Schulgebäude mit Erholungsheim, das schon fast zerfallen ist. Der Staat Georgien hat es der Diözese Surami-Khashuri überlassen. Bischof Svmeon sucht nun nach Investoren, die dort einen Hotelbetrieb errichten. Durch die Nähe zum Nationalpark wären sicher Touristen für diese Lage zu gewinnen. Der Bischof verspricht sich von dem Projekt Arbeitsplätze und etwas mehr Wohlstand für die Menschen in seiner Diözese.

Borjomi und die Felsenklöster

Zu Beginn unserer Reise hatten wir mit unserem Dolmetscher besprochen, dass wir gerne das Land kennen lernen wollten. So führte er uns am 4. Tag nach Borjomi, zum bekanntesten Thermalwasserort in Georgien, um uns die berühmten Felsenklöster zu zeigen. Kaum angekommen, haben wir das bekannte Heilwasser probiert. So übel wie dieses Wasser geschmeckt hat, muss es wirklich heilende Wirkung haben. Das Thermalbad ist eine Mischung aus Freizeitpark und Kurort. An den modernen Gebäuden hat der Zahn der Zeit bereits sehr genagt. Die Anlagen wurden noch zu Zeiten der Sowjetunion von Russland gebaut. Nun haben die Georgier offensichtlich nicht die nötigen Mittel. Weiter ging es zu den berühmten Felsenklöstern, eine in Stein gemeißelte Stadt, die vor Jahrhunderten von Mönchen bewohnt wurde. Leider sind bereits große Teile der Felsen abgebrochen. So steht die Felsenkirche nun schon sehr nahe an der Felskante. Einzelne Zellen werden auch heute noch von Mönchen bewohnt.

Den schönten Platz der Welt

Über Kontakte, die wir im Hotel herstellten, führte uns Zaza, ein wohlhabender Georgier, in ein Skigebiet, in dem er zwei Ferienhäuser errichtet hat. Schließlich wollte er uns neben einer Reihe seiner Projekte „den schönsten Platz der Welt“ zeigen. In einem Hochtal auf 2700 Metern errichtete er ein Jagdhotel an einem wunderschön gelegenen See. In dem Dorf am See herrschte reges Treiben, denn die spärliche Ernte musste eingefahren werden. Obwohl schon im Oktober der Winter einkehrt, blühen erst Ende August die Kartoffeln. Die Menschen auf dem Hochplateau leben von den rund 300.000 Schafen, die im Sommer auf den Wiesen weiden. Geschlachtet wird am Bach und gewohnt wird in kleinen Hütten aus Plastikplanen. Was auf den Bildern wildromantisch anzusehen ist, bedeutet für die Menschen einen harten Überlebenskampf, dem sie sich jeden Tag neu stellen müssen. Aber auch hier hoffen die Menschen durch den Bau des Hotels auf etwas mehr Wohlstand.

Caritas in Kutaissi

Unsere nächste Station war die alte Königsstadt Kutaissi. Aus dieser Region stammte unser Dolmetscher Erekle. In Kutaissi angekommen suchte er uns ein Gästehaus der Caritas als Übernachtungsmöglichkeit aus. Die katholische Kirche hat es in Georgien nicht einfach und wird vielerorts unterdrückt. Trotzdem ist es der katholischen Diözese gelungen, in Kutaissi dieses kleine Gästehaus zu erhalten. Wir besuchten die alte philosophisch-theologische Hochschule und damit ein wichtiges geistliches Zentrum der Vergangenheit. Das Kloster Gelati gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Anlage wird derzeit mit viel Aufwand restauriert.

Am vorletzten Tag machten wir uns auf zum Schwarzen Meer. In Batumi mussten wir natürlich das Schwarze Meer testen. Anschließend fuhren wir zum bekannten botanischen Garten in Batumi und besuchten schließlich einen klassischen Basar, die Einkaufsmeile der Georgier. Obwohl die Menschen nicht viel zum Leben haben, hört man niemanden jammern. Die Menschen sind freundlich und machen einen zufriedenen Eindruck.

Familienzusammenhalt

Der Höhepunkt des Tages war aber dann der Besuch bei Erekles Eltern. Er lud uns zu einem kleinen Abendessen ein. Dies hat sich dann jedoch als Festmahl dargestellt. Die ganze Familie hat uns voller Gastfreundschaft empfangen und verwöhnt. In Georgien dürfen bei einem Festmahl niemals die Schüsseln leer werden. Es wird immer nachgereicht. So erhielten wir auch einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen.

In Georgien zählt vor allem die Familie. So waren alle Geschwister und sogar ein Onkel beim Festessen dabei. Im Haus gibt es keine Küche, denn das Leben findet meistens draußen statt. Gekocht wird im Keller. Die Häuser sehen von außen recht baufällig aus, sind aber wohnlich eingerichtet. Jede Familie versucht sich selbst zu versorgen, denn die staatliche Rente reicht nicht aus. 150 Lari (rund 60 Euro) bekommt ein Rentner im Monat. Wasserversorgung gibt es nicht. Das Trinkwasser kommt meistens recht salzig aus dem Hausbrunnen und hat nichts mit dem Trinkwasser zu tun, das wir gewohnt sind. Ein Stand wie bei uns auf dem Land vor 70 Jahren oder früher. Das Hauptgetränk ist selbstgemachter Wein, der in Amphoren vergoren wird. Das Brot wird in einer Art Amphoren-Backofen selbst gebacken. Auf staatliche Stellen verlässt sich kaum jemand in Georgien, denn Sozialhilfe usw. gibt es nicht. Aus diesem Grund ist der Familienzusammenhalt so besonders wichtig.

Fazit

Wie im Flug sind die Tage in Georgien vergangen. Während viele orthodoxe Kleriker der katholischen Kirche gegenüber große Vorbehalte haben, konnten wir Bischof Svmeon als engagierten Hirten und Glaubensbruder kennenlernen. So machte es auch Freude, seine Arbeit und die Menschen in seiner Diözese aktiv zu unterstützen. Als wir bereits auf dem Rückweg waren, kam uns das Fahrzeug des Bischofs entgegen und wir stoppten an der nächsten Möglichkeit, um uns zu verabschieden.

Vor dem Rückflug nach Deutschland wollte unser Dolmetscher Erekle uns noch unbedingt den „georgischen Vatikan“ zeigen. Die Svetiskhoveli-Kathedrale ist ein bedeutendes religiöses Zentrum für Georgien. In der Kathedrale werden die heiligen Öle geweiht. Ein prachtvoller Bau, der auch im Inneren voll kultureller Schätze ist. In Tiflis konnten wir am Abend noch die Schönheit der Stadt hautnah erleben. Die beleuchtete Burg und der sanierte Bereich, die nach Ausgrabungen erst vor wenigen Jahren zum Vorschein kamen, geben der Hauptstadt Georgiens ein ganz besonderes Flair.

Georgien ist ein wunderschönes Land mit einer fleißigen Bevölkerung, die in ländlichen Gegenden unter sehr widrigen Bedingungen ihr Leben meistern muss. Etwas bessere Lebensverhältnisse gibt es nur für sehr reiche Menschen in den Städten. Selbstverständlichkeiten wie sauberes Trinkwasser, Abwasserentsorgung und ein funktionierendes Straßensystem sind in diesem Land zwischen Europa und Asien noch nicht einmal in Städten mit 40.000 Einwohnern vorhanden. Aber die Menschen jammern nicht, sondern versuchen das Beste daraus zu machen. Neben dem christlichen Armenien und Russland ist Georgien von islamischen Staaten umringt. Wir kamen zu dem Schluss, dass es unsere Glaubensbrüder verdient haben, dass wir sie auf ihren weiteren Weg begleiten und unterstützen.