Kategorie-Archiv: Europa

Traktoren und Pflüge für Klöster in Georgien

Über das Collegium Orientale Eichstätt erreichte die Katholische Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Eichstätt die Anfrage des georgisch-orthodoxen Bischofs Svimeon Tsakashvili von Surami-Khashuri um Unterstützung seiner Klöster bei der Beschaffung von landwirtschaftlichen Geräten. Der Diözesanausschuss der KLB befasste sich mit diesem Wunsch und stellte 15.000 Euro zur Verfügung. Auf Antrag von Bischof Svimeon stellte die Diözese Eichstätt weitere 15.000 Euro bereit.

Nun stellte sich die Frage, welche Fahrzeuge für die georgischen Klöster geeignet sein könnten. Die meisten der über 20 Klöster in der Diözese Surami bewirtschaften mit zwei oder drei Brüdern bzw. Schwestern je eine Fläche von 2 bis 10 Hektar. Bei den Überlegungen kamen wir auf gebrauchte Kubota-Traktoren, die speziell für japanische Reisbauern gebaut werden. Sie sind robust und ohne technischen Schnickschnack selbst zu warten. So machten wir – Herbert und Agnes Bauernfeind sowie Thomas und Gertraud Schneider – uns auf den Weg ins ferne Georgien, um dort nach geeigneten Geräten zu suchen. Die Reisevorbereitungen zeigten bereits, dass wir in ein Land reisen wollen, das touristisch noch nicht besonders erschlossen ist. Spätestens als wir georgische Lari – das Zahlungsmittel in unserem Zielland – beschaffen wollten, mussten wir feststellen, dass diese nicht einmal über die Bundesbank besorgt werden konnten. So nahmen wir einige Euro mit, in der Hoffnung, dass sie auch in Georgien akzeptiert würden.

Von München über Istanbul flogen wir nach Tiflis. Bereits während des Fluges konnten wir aufgrund der hervorragenden Sichtverhältnisse einen ersten Eindruck von Georgien gewinnen. Bergrücken ohne Bewuchs deuteten auf größere Höhen hin, dazwischen lagen grüne Täler, aber relativ wenige Orte konnten wir erkennen. Straßen oder Eisenbahnlinien, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, fehlten fast komplett aus der Vogelperspektive. Ein sandig-beigen Braun prägte das Bild des Landes im August. Unser Dolmetscher Erekle und der Chauffeur Schio warteten bereits am Flughafen. Zwei Stunden dauerte die Fahrt zum Bischofshaus in Surami, wo wir in einem relativ neuen Hotel

Kühe auf der Autobahn

Nachdem wir die Details der Beschaffung am nächsten Tag mit dem Bischof besprochen hatten, fuhren zum wir Einkauf nach Tiflis. Grasende Kühe auf dem Mittelstreifen der Autobahn waren eine gewisse Überraschung als wir auf der relativ gut ausgebauten Autobahn unterwegs waren. Die Bauern lassen ihre Kühe in Georgien frei grasen. Daher findet man sie auf jeder Straße und sogar auf der Autobahn. Ab und zu kommt es natürlich zu Unfällen, aber zum Glück blieben wir davon verschont.

Bereits im Vorfeld hatten wir eine Firma gefunden die Kubota-Traktoren in Tiflis verkauft. Der Händler ist Mitglied im Deutsch-Georgischen-Wirtschaftsforum. Herbert Bauernfeind nahm die Traktoren in Augenschein und testete sie. Nachdem wir drei geeignete Fahrzeuge gefunden und markiert hatten, ging es an die Anbaugeräte. In Georgien wird auf dem Basar hart verhandelt, in Geschäften jedoch eigentlich nicht. Trotzdem gelang es uns, die Traktoren um rund 3.000 Euro günstiger zu bekommen. Dafür konnten wir andere Geräte beschaffen. Wir kauften 3 Traktoren mit Fräse, 3 Pflüge, 3 Kunstdüngerstreuer, 2 Unkrautspritzen, eine zweireihige Kartoffellegemaschine und einen Schüttelroder für die Kartoffelernte. In einem nahegelegenen Geschäft konnten wir dann noch eine Unkrautspritze mit Gebläse für den Weinanbau erwerben. Nachdem wir rund 28.000 Euro ausgegeben hatten, fuhren wir bei 30 Grad im Schatten wieder in Richtung Surami.

Begegnung mit den Mönchen

Am dritten Tag unserer Reise stand die Begegnung mit den Mönchen im Vordergrund. Wir besuchten einige der Klöster, für die die Traktoren bestimmt waren. So starteten wir zum 1200 Meter hoch gelegenen Kloster „Korangedi“, was so viel bedeutet wie „Rabenspitze“. Dort wirkte Bischof Svmeon früher als Abt. Mit einer Landfläche von 13 Hektar ist es eines der größten Klöster in der Diözese. Doch bevor wir zur Besichtigung aufbrachen, besuchten wir den Gottesdienst in der Klosterkirche: ein beeindruckendes und doch seltsames Erlebnis. Erst nach diesem Gottesdienstbesuch wurde mir bewusst, wie schön es in unserer Kirche ist, gemeinsam die Eucharistie zu feiern. Die Liturgie dauerte über zwei Stunden. Bänke gibt es keine in der georgischen Kirche. Die ganze Messe findet hinter der Ikonenwand statt. Ab und zu sieht man einen Geistlichen, doch was hinter dem Vorhang geschieht bleibt dem gemeinen Gottesdienstbesucher verborgen. Allein die Gesänge lassen erahnen, an welcher Stelle die Liturgie gerade ist. Nach dem Gottesdienst waren wir Gäste im Kloster und wurden dort wieder mit lokalen Köstlichkeiten verwöhnt.

Nach dem Essen besuchten wir das Kloster „Mtazminda“ (heiliger Berg). Auf 1400 Meter leben dort einige Mönche und bauen, trotz kaum befahrbarer Straße, eine wunderbare Klosterkirche. Sie leben vom Kartoffel- und Bohnenanbau. In der Nähe des Klosters liegt ein Nationalpark. So erhoffen sich die Mönche zusätzliche Einnahmen durch Wanderer. Da das Kloster so abgelegen liegt, wird auch dort einer der Traktoren der KLB stationiert.

In der Nähe des Parks liegt ein ehemaliges Schulgebäude mit Erholungsheim, das schon fast zerfallen ist. Der Staat Georgien hat es der Diözese Surami-Khashuri überlassen. Bischof Svmeon sucht nun nach Investoren, die dort einen Hotelbetrieb errichten. Durch die Nähe zum Nationalpark wären sicher Touristen für diese Lage zu gewinnen. Der Bischof verspricht sich von dem Projekt Arbeitsplätze und etwas mehr Wohlstand für die Menschen in seiner Diözese.

Borjomi und die Felsenklöster

Zu Beginn unserer Reise hatten wir mit unserem Dolmetscher besprochen, dass wir gerne das Land kennen lernen wollten. So führte er uns am 4. Tag nach Borjomi, zum bekanntesten Thermalwasserort in Georgien, um uns die berühmten Felsenklöster zu zeigen. Kaum angekommen, haben wir das bekannte Heilwasser probiert. So übel wie dieses Wasser geschmeckt hat, muss es wirklich heilende Wirkung haben. Das Thermalbad ist eine Mischung aus Freizeitpark und Kurort. An den modernen Gebäuden hat der Zahn der Zeit bereits sehr genagt. Die Anlagen wurden noch zu Zeiten der Sowjetunion von Russland gebaut. Nun haben die Georgier offensichtlich nicht die nötigen Mittel. Weiter ging es zu den berühmten Felsenklöstern, eine in Stein gemeißelte Stadt, die vor Jahrhunderten von Mönchen bewohnt wurde. Leider sind bereits große Teile der Felsen abgebrochen. So steht die Felsenkirche nun schon sehr nahe an der Felskante. Einzelne Zellen werden auch heute noch von Mönchen bewohnt.

Den schönten Platz der Welt

Über Kontakte, die wir im Hotel herstellten, führte uns Zaza, ein wohlhabender Georgier, in ein Skigebiet, in dem er zwei Ferienhäuser errichtet hat. Schließlich wollte er uns neben einer Reihe seiner Projekte „den schönsten Platz der Welt“ zeigen. In einem Hochtal auf 2700 Metern errichtete er ein Jagdhotel an einem wunderschön gelegenen See. In dem Dorf am See herrschte reges Treiben, denn die spärliche Ernte musste eingefahren werden. Obwohl schon im Oktober der Winter einkehrt, blühen erst Ende August die Kartoffeln. Die Menschen auf dem Hochplateau leben von den rund 300.000 Schafen, die im Sommer auf den Wiesen weiden. Geschlachtet wird am Bach und gewohnt wird in kleinen Hütten aus Plastikplanen. Was auf den Bildern wildromantisch anzusehen ist, bedeutet für die Menschen einen harten Überlebenskampf, dem sie sich jeden Tag neu stellen müssen. Aber auch hier hoffen die Menschen durch den Bau des Hotels auf etwas mehr Wohlstand.

Caritas in Kutaissi

Unsere nächste Station war die alte Königsstadt Kutaissi. Aus dieser Region stammte unser Dolmetscher Erekle. In Kutaissi angekommen suchte er uns ein Gästehaus der Caritas als Übernachtungsmöglichkeit aus. Die katholische Kirche hat es in Georgien nicht einfach und wird vielerorts unterdrückt. Trotzdem ist es der katholischen Diözese gelungen, in Kutaissi dieses kleine Gästehaus zu erhalten. Wir besuchten die alte philosophisch-theologische Hochschule und damit ein wichtiges geistliches Zentrum der Vergangenheit. Das Kloster Gelati gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Anlage wird derzeit mit viel Aufwand restauriert.

Am vorletzten Tag machten wir uns auf zum Schwarzen Meer. In Batumi mussten wir natürlich das Schwarze Meer testen. Anschließend fuhren wir zum bekannten botanischen Garten in Batumi und besuchten schließlich einen klassischen Basar, die Einkaufsmeile der Georgier. Obwohl die Menschen nicht viel zum Leben haben, hört man niemanden jammern. Die Menschen sind freundlich und machen einen zufriedenen Eindruck.

Familienzusammenhalt

Der Höhepunkt des Tages war aber dann der Besuch bei Erekles Eltern. Er lud uns zu einem kleinen Abendessen ein. Dies hat sich dann jedoch als Festmahl dargestellt. Die ganze Familie hat uns voller Gastfreundschaft empfangen und verwöhnt. In Georgien dürfen bei einem Festmahl niemals die Schüsseln leer werden. Es wird immer nachgereicht. So erhielten wir auch einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen.

In Georgien zählt vor allem die Familie. So waren alle Geschwister und sogar ein Onkel beim Festessen dabei. Im Haus gibt es keine Küche, denn das Leben findet meistens draußen statt. Gekocht wird im Keller. Die Häuser sehen von außen recht baufällig aus, sind aber wohnlich eingerichtet. Jede Familie versucht sich selbst zu versorgen, denn die staatliche Rente reicht nicht aus. 150 Lari (rund 60 Euro) bekommt ein Rentner im Monat. Wasserversorgung gibt es nicht. Das Trinkwasser kommt meistens recht salzig aus dem Hausbrunnen und hat nichts mit dem Trinkwasser zu tun, das wir gewohnt sind. Ein Stand wie bei uns auf dem Land vor 70 Jahren oder früher. Das Hauptgetränk ist selbstgemachter Wein, der in Amphoren vergoren wird. Das Brot wird in einer Art Amphoren-Backofen selbst gebacken. Auf staatliche Stellen verlässt sich kaum jemand in Georgien, denn Sozialhilfe usw. gibt es nicht. Aus diesem Grund ist der Familienzusammenhalt so besonders wichtig.

Fazit

Wie im Flug sind die Tage in Georgien vergangen. Während viele orthodoxe Kleriker der katholischen Kirche gegenüber große Vorbehalte haben, konnten wir Bischof Svmeon als engagierten Hirten und Glaubensbruder kennenlernen. So machte es auch Freude, seine Arbeit und die Menschen in seiner Diözese aktiv zu unterstützen. Als wir bereits auf dem Rückweg waren, kam uns das Fahrzeug des Bischofs entgegen und wir stoppten an der nächsten Möglichkeit, um uns zu verabschieden.

Vor dem Rückflug nach Deutschland wollte unser Dolmetscher Erekle uns noch unbedingt den „georgischen Vatikan“ zeigen. Die Svetiskhoveli-Kathedrale ist ein bedeutendes religiöses Zentrum für Georgien. In der Kathedrale werden die heiligen Öle geweiht. Ein prachtvoller Bau, der auch im Inneren voll kultureller Schätze ist. In Tiflis konnten wir am Abend noch die Schönheit der Stadt hautnah erleben. Die beleuchtete Burg und der sanierte Bereich, die nach Ausgrabungen erst vor wenigen Jahren zum Vorschein kamen, geben der Hauptstadt Georgiens ein ganz besonderes Flair.

Georgien ist ein wunderschönes Land mit einer fleißigen Bevölkerung, die in ländlichen Gegenden unter sehr widrigen Bedingungen ihr Leben meistern muss. Etwas bessere Lebensverhältnisse gibt es nur für sehr reiche Menschen in den Städten. Selbstverständlichkeiten wie sauberes Trinkwasser, Abwasserentsorgung und ein funktionierendes Straßensystem sind in diesem Land zwischen Europa und Asien noch nicht einmal in Städten mit 40.000 Einwohnern vorhanden. Aber die Menschen jammern nicht, sondern versuchen das Beste daraus zu machen. Neben dem christlichen Armenien und Russland ist Georgien von islamischen Staaten umringt. Wir kamen zu dem Schluss, dass es unsere Glaubensbrüder verdient haben, dass wir sie auf ihren weiteren Weg begleiten und unterstützen.

Ein Aufblühen ganz gegen den Trend: Neues geistliches Leben in der norwegischen Diaspora

Im Rückblick auf unsere Reise mit dem Bonifatiuswerk im November 2016 nach Trondheim fällt mir auf, welch bedeutende Rolle die Klöster und Ordensgemeinschaften in Norwegen spielen: sie sind wie Leuchttürme des Glaubens in einem Land, wo katholische Christen weit verstreut leben. Das Bilden von Gemeinden wird immer mühsamer, je weiter man in den Norden kommt:  im Bistum Oslo  (das ganz Südnorwegen umfasst)  leben immerhin ca. 140.000 Katholiken, im Stift Trondheim  (Mittelnorwegen)  ca. 15.000 Katholiken, im Stift Tromsø  (Nordnorwegen) gerade mal ca. 5.000 Katholiken, so viel wie in unserer Heimatpfarrei St. Walburga in Nürnberg-Eibach – nur dass sich bei uns die Katholiken auf eineinhalb Stadtteile verteilen und in Stift Tromsø  auf eine Fläche von 112.000 km² (mehr als Bayern und Baden-Württemberg zusammen).

Drei Klöster im Trøndelag – der historisch gewichtigen Region um Trondheim – durften wir kennen lernen: das Kloster der Birgitten in Tiller, das Tautra Mariakloster und das Munkeby Mariakloster.  Jede Kommunität ist auf ihre Art individuell und beeindruckend. Was sie eint: dass sie Orte gelebter Gastfreundschaft sind, wo Menschen unabhängig von ihrer Nationalität und Religion Aufnahme finden, dass sie Raum bieten für Stille und Sinnsuche, dass hier in Gemeinschaft und verlässlich gebetet wird und die Suche nach Gott achtsame Begleitung erfährt.

Die Wurzeln von Tautra und Munkeby reichen zurück bis ins Mittelalter. Im Gefolge von Olav Haraldsson, dem  zum Christentum bekehrten Wikinger und späteren König, kamen die ersten Missionare ins Land und gründeten Stützpunkte, um den christlichen Glauben einzupflanzen. Nicht selten suchten sie die Nähe zur politischen Macht. Das Kloster auf der Insel Tautra wurde 1207 bewusst in der Nähe des  „Frosta-Thing“ errichtet, einer sehr frühen Rechtsinstitution aus dem 4.-9. Jahrhundert.  Das Kloster Munkeby (= „Platz der Mönche“) nahe Levanger war der nördlichste Vorposten der Zisterzienser überhaupt. Seine Gründung wird auf die Zeit zwischen 1150 und 1180 datiert. Es lag an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen und nahe bei Stiklestad, wo König Olav im Kampf getötet wurde.  Die Bewohner des  Trøndelag profitierten in vielfacher  Hinsicht von den Kenntnissen der Mönche: diese waren Spezialisten auf dem Gebiet der Be- und Entwässerung, der Fischzucht, der Landwirtschaft, der Metallbearbeitung, auch der Medizin und Rechtskunde. Zudem beherbergten sie Pilger.  1531 wurde Tautra  im Zuge der Reformation aufgelöst und das Klostergebäude verkauft. Heute liegt es in Ruinen wie das alte Munkeby. Doch zurück zur Gegenwart und den Neuaufbrüchen!

Wir beginnen unsere Drei-Klöster-Tour in Tiller, einem Vorort von Trondheim.  Kloster und Kirche der Birgitten wurden in den Jahren 2009-2011 mitten in einem Neubaugebiet errichtet. Die Gründung erfolgte 1998 von Italien aus; die Nonnen lebten zunächst an einem anderen Ort, bevor der Neubau zur Verfügung stand.  Von Anfang war der Konvent multinational wie die meisten anderen Klostergründungen. Neun Schwestern aus Italien, Mexiko, Indien und Polen leben heute in Tiller – keine Norwegerin.

Sr. Deepa empfängt unsere Gruppe und führt uns durch die Kirche und das Kloster. Die Birgitten sind ein kontemplativer Orden; ihr Tagesablauf gliedert sich durch das Chorgebet, die Hl. Messe, die Anbetung. Die Schwestern verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Gäste beherbergen  und Pilger aufnehmen. Mit besonderem Engagement widmen sie sich dem ökumenischen Dialog: sie empfangen Gruppen und Schulklassen, veranstalten Einkehrtage und Glaubenskurse. Der Konferenzraum ist gleichermaßen für die Katechese eingerichtet (mit fest installiertem Beamer) wie für den obligatorischen „Kirkekaffe“. Für ein tiefer gehendes Gespräch oder einen längeren Aufenthalt bleibt leider keine Zeit, denn am Mittag desselben Tages findet die Einweihung der katholischen Domkirche St. Olav statt.

Am nächsten Tag brechen wir in aller Frühe nach Tautra auf. Die Insel liegt nur 25 km (Luftlinie) weit von Trondheim entfernt – doch auf der Straße wollen die Ausbuchtungen des Trondheimfjords umfahren werden, so dass es letztlich 80 km sind. Die Ruinen des alten Klosters liegen im Norden der Insel, das neue Tautra Mariakloster im Westen.  Dort leben vierzehn Trappistinnen (= „Zisterzienserinnen der strengen Observanz“) aus acht verschiedenen Nationen in Stille und im Gebet.

Das Grundstück grenzt direkt an den Trondheimfjord. Kirche und Kloster sind ganz aus Holz und Glas gebaut; die Außenwände wurden mit dünnen Steinplatten verblendet. Der ungewöhnliche Bau von Jan Olav Jensen wurde mit fünf internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet. Das Dachgebälk lässt den Himmel durchscheinen und die Sonne zaubert immer neue und bewegliche Schatten-Muster auf den Boden und die Wände. Unvergleichlich ist der Blick auf den Fjord an der Stirnseite. Die Tür der Kirche steht von vier Uhr morgens bis acht Uhr abends offen.  Es kommen viele Gäste, die die Stille suchen, die am Gebet teilnehmen. Die wenigsten sind katholisch.

Gegründet wurde das neue Tautra im Jahr 1999 von der Abtei Our Lady of the Mississippi, Iowa, mit einer norwegischen Schwester aus Wrentham (USA) und einer weitern aus Laval (Frankreich). Im Gespräch erfahren wir, dass bei der Neugründung  ein zweiter Ort zur Debatte gestanden war: Thibirine im Atlasgebirge, wo 1996 sieben Trappistenmönche während des algerischen Bürgerkrieg verschleppt und umgebracht wurden. Die Entscheidung fiel schließlich für den hohen Norden.  Sieben Jahre lang lebten die Schwestern in einem Übergangsbau, der heute als Gästehaus dient. Im Jahr 2006 konnten die Schwestern das neue Kloster beziehen. Zwei „Tage des offenen Klosters“ hatten die Schwestern damals geplant – das Interesse war so groß, dass zwölf Tage daraus wurden!

Inzwischen haben die Gründerinnen Zuwachs aus der ganzen Welt bekommen: aus den Niederlanden, England, Polen, Belgien und Hongkong. Mit der Gemeinschaft feiern wir die Eucharistie am Christkönigssonntag. Priorin Sr. Gilkrist richtet das Wort an unsere Gruppe und bedankt sich aufs Herzlichste beim Bonifatiuswerk, ohne dessen Engagement der Neubau nicht möglich gewesen wäre.

Zwischen den einzelnen Gebäuden gibt es kleine und größere Höfe. Einer davon wurde als interreligiöser Garten gestaltet, weil sich die Schwestern sehr im Dialog der großen Weltreligionen engagieren. Nach dem Kirkekaffe dürfen wir einen Blick in den Speisesaal tun, der für jede Schwester einen Platz mit Fjordblick bereit hält.  Dann machen wir Halt in der Kosmetikwerkstatt.  Die Schwestern produzieren in Handarbeit Seife, Lotionen und Babypflegemittel und verdienen so ihren Lebensunterhalt. Ihre Erzeugnisse sind nicht nur in Norwegen bekannt. Selbst große, weltweit bekannte Designer und Vertriebe haben versucht, sie in ihre Kollektion aufzunehmen. Doch die Schwestern wollen ihre Produktion nicht um jeden Preis ausweiten; es geht ihnen nicht ums Geld.

Nur schwer können wir uns von diesem zugleich so stillen und lebendigen Ort trennen. Doch es steht ja noch eine dritte Ordensgemeinschaft mit origineller Genese auf der Agenda: die Trappisten von Munkeby.

Als Tautra eingeweiht wurde, verbrachte Frère Joel, ein Mönch aus Citeaux, dort eine Sabbatzeit. Beeindruckt vom Wagemut der Schwestern und vom Interesse der Bevölkerung, fuhr er zurück nach Frankreich mit einem „Floh im Ohr“: der Idee, dem Frauenkloster im hohen Norden ein Männerkloster zur Seite zu stellen.  Er musste harte Überzeugungsarbeit bei seinem Abt und dem Konvent leisten. Erschwerend kam hinzu, dass Frère  Joel zwei wichtige Positionen im Kloster bekleidete: er war der Prior – der Stellvertreter des Abtes – und der Fromager, der Käsemeister.

Heute ist Bror Joel, wie er auf Norwegisch angesprochen wird, der Prior der vierköpfigen Gemeinschaft, die seit 2009 im neuen Munkeby  Mariakloster lebt, betet und gleichermaßen die Tür und das Herz offenhält für alle, die kommen. Drei der Mönche stammen aus Citeaux in Burgund, der vierte kommt aus Irland.

Wieder wurden Werkstoffe der Gegend genommen zum Bau des Klosters. Im Oberstock befinden sich die Kapelle, die Zellen und die Gemeinschaftsräume der Mönche, außerdem einige Gästezimmer.  Die Kapelle ist so winzig, dass sich unsere 32-köpfige Gruppe teilen muss. Die Mönche wurden von ihren Nachbarn herzlich willkommen geheißen und sind geschätzte Gesprächspartner, Ratgeber und geistliche Männer.  Ob es hier auch Katholiken gebe, fragen wir. – Ja, sagt Bror Joel, drüben in Levanger, da gäb’s einen…

Im Untergeschoss befindet sich eine der renommiertesten Käsereien Norwegens.  Durch die Käseproduktion haben die Brüder sofort gute Kontakte zu den norwegischen Nachbarn geknüpft: deren Kühe liefern die Milch für den köstlichen Klosterkäse. Dieser wird sogar im norwegischen Königshaus serviert. Jährlich stellen die Mönche 5.000 dieser Käse mit einem Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen her. Immer mehr Menschen besuchen die Mönche – natürlich um Käse zu kaufen, aber auch um auf ihrem Pilgerweg von Stiklestad nach Trondheim hier zu übernachten.

Deshalb sollen das Kloster und die Käseproduktion vergrößert und um eine eigene Kirche erweitert werden. Zehn Mönche sollen dann dort wohnen können. Das jetzige kleinere Gebäude wird dann komplett für den Gästebetrieb genutzt. Der Architekt und die Mönche legen großen Wert auf Nachhaltigkeit, weswegen der Neubau mit Erdwärme geheizt wird.  Auch dieses Bauvorhaben wird maßgeblich durch das Bonifatiuswerk gefördert. –  Und während unserer Baustellenbesichtigung ist es finster geworden und Zeit für die Abfahrt.

Was bleibt an Eindrücken von diesen drei Blitzbesuchen? Dass katholisches Leben in Norwegen bunt und international ist. Dass in Zeiten des Abbruchs Aufbrüche geschenkt werden. Dass Architekten es verstanden haben, Orte mit geistlicher Atmosphäre zu schaffen. Dass mutige Frauen und Männer diese Orte beleben und offen halten als Dienst an den Menschen. Und schließlich: dass die Zuwendungen an das Bonifatiuswerk höchst sinnvoll eingesetzt werden und helfen, dass Katholiken in extremer Diaspora ihren Glauben leben können.

Mehr zum Thema: „Deutlich katholisch, aber nicht ideologisch“: Eindrücke von einer Domweihe in Norwegen

„Deutlich katholisch, aber nicht ideologisch“: Eindrücke von einer Domweihe in Norwegen

Das Datum hätte nicht passender sein können: genau an dem Wochenende, an dem das Bonifatiuswerk deutschlandweit um Spenden für die Christen in der Diaspora bat, wurde in Trondheim/Norwegen die katholische Domkirche St. Olav geweiht. Ihr Bau wurde maßgeblich durch das Bonifatiuswerk unterstützt. Mein Mann und ich durften zusammen mit einer deutschen Reisegruppe bei diesem festlichen Anlass zugegen sein.

Norwegen ist wahrhaftig Diaspora:  Unter den rund 5 Millionen Einwohnern leben etwa 160.000 Katholiken, das entspricht gerade mal 3,2 Prozent.  Die Norweger unter den Katholiken machen nur 15 % aus. Die anderen 85 % haben einen Migrationshintergrund, kommen zumeist aus Polen, von den Philippinen, aus Vietnam, Äthiopien, Eritrea. Bischof Bernt Eidsvig aus Oslo, als Apostolischer Administrator auch für Trondheim zuständig, sagt: „Bei uns ist jeden Sonntag Pfingsten!“  Auf dem Gebiet der Territorial-Prälatur Trondheim (56.458 qkm – im Vergleich dazu: Bayern hat rund 70.000 qkm) gibt es fünf Pfarreien, in denen 12 Priester die Seelsorge an den knapp 15.000 Katholiken zu bewältigen haben.

Die Domgemeinde St. Olav  ist mit 5500 registrierten Mitgliedern etwas größer als unsere Heimatpfarrei St. Walburga und darf sich freuen über kontinuierlichen Zuwachs. – Ich versuche mir vorzustellen, was das für die Zusammensetzung der Gemeinde bedeutet:  825 Einheimische auf 4675 Gastarbeiter oder Flüchtlinge – kann der katholische Glaube bei so einem „steilen“ Verhältnis genug integrative Kraft entfalten?  Tatsächlich bestätigt die Bürgermeisterin von Trondheim, die Dompfarrei St. Olav sei ein vorzüglicher Ort der Integration! – Auch wir erleben bei der Domweihe eine bunte Mischung – Ordensleute, Ministranten, Festgäste, Gemeindemitglieder aus aller Herren Länder (goldig: die drei Sprösslinge einer philippinischen Familie mit Krawatten in den norwegischen Landesfarben) – und ein fröhliches, unkompliziertes Miteinander. Die Liturgie nimmt auf diese Internationalität Rücksicht: es wird im gelenkigen Wechsel  norwegisch, lateinisch und englisch gebetet und gesungen; ein deutscher Wortbeitrag richtet sich speziell an unsere Gruppe vom Bonifatiuswerk.

Eigentlich beginnt die Geschichte der Trondheimer Domkirche auf der gegenüber liegenden Straßenseite: dort steht der altehrwürdige Nidaros-Dom. An dieser Stelle wurde vor fast 1000 Jahren  ein Holzkirchlein als Grabstätte für König Olav Haraldsson errichtet, der auf einem Wikingerzug bis nach Nordfrankreich kam. In Rouen überwinterte er, lernte das Christentum kennen und ließ sich schließlich taufen. Der von ihm importierte und propagierte neue Glaube konnte sich nur schwer durchsetzen. Olav selbst kam 1030 in der Schlacht von Stiklestad ums Leben. Bald setzten Pilgerströme zu seinem Grab ein. Wegen des Olavsschreins gilt die Kathedrale – seit der Reformation lutherisch – als „Herz Norwegens“ und war bis ins 20. Jh. Krönungskirche der norwegischen Könige. Zwar werden die Monarchen Skandinaviens heute nicht mehr gekrönt, erfahren wir. Aber das Königspaar komme verlässlich einmal im Jahr nach Trondheim, und dann sei die riesige Kirche auch voll. Und Pilger kämen natürlich, heute mehr denn je.

Die neue katholische Domkirche St. Olav nimmt sich gegenüber dem prächtigen Nidaros-Dom schlicht und solide aus. (Ein Vorgängerbau aus den 70er Jahren war nicht mehr zu retten.) Im Grundriss ist sie einer römischen Basilika nachempfunden. Das Baumaterial ist so international wie ihre Besucher. Wir dürften uns wie zu Hause fühlen, versichert man uns, denn die Bodenfliesen seien aus Juramarmor und die Ziegel ebenfalls deutscher Herkunft. Die dänischen Fliesen und schwedischen  Steine wären teurer gekommen. Der Beichtstuhl sei ein Geschenk aus Dol-de Bretagne (Frankreich), der Stein für den Altar komme aus Carrara/Italien. Die Kirchenbänke seien in Polen hergestellt  worden – immerhin hätten norwegische Physiotherapeuten das Aufmaß zum ergonomisch Besseren hin verändert, schmunzelt Dompfarrer Egil Mogstad beim Domrundgang mit unserer Gruppe.

Sonntags gibt es einen dichten Gottesdienst-Takt in St. Olav: um 9 Uhr in Latein („Wir sind doch die Domkirche!“), um 11.00 Uhr in Norwegisch, um 13.00 Uhr in Polnisch, um 15.00 Uhr abwechselnd in Vietnamesisch und Tagalog, um 18.00 Uhr in Englisch; die Gottesdienste sind allesamt gut besucht. Hinterher trifft sich die Gemeinde in den sehr zweckmäßig ausgestatteten Gemeinderäumen zum „kirkekaffe“, dem „8. Sakrament“, wie man in Skandinavien augenzwinkernd sagt. Für die wenigen Katholiken zählt die Gemeinschaft umso mehr.

Der Weihegottesdienst am 19. November dauert satte drei Stunden und fesselt von Anfang bis Ende. An das Taufgedächtnis und die Wortverkündigung mit den kraftvollen Lesungen des Kirchweihfestes schließen sich das feierliche Credo und die Allerheiligenlitanei an. Mithilfe des Textheftes finden wir die Heiligen des Landes und der Region heraus:  Der Hl. Olav natürlich (er wird gleich dreimal angerufen), Hallvard, Magnus, Sunniva, Eystein, Thorfinn. Kardinal em. Cormac Murphy-O’Connor, der Abgesandte des Papstes, setzt Reliquien des Hl. Olav in den Altar ein, salbt ihn mit Chrisam und inzensiert ihn mit Weihrauch. Dann werden die 12 Apostelkreuze gesegnet und angebracht, ebenso die Leuchter. Bei der musikalischen Begleitung wechselt sich die Orgel mit der aus Frauen bestehenden Schola Sancta Sunnivae ab (norwegische Gregorianik und ein strahlender „Ingressus Solemnis Regis Olavi“) und den Buben und Männern des „Nidarosdomens guttekor“, die Teile aus der „Messe solennelle op. Nr. 16“ von Louis Vierne singen und das zu Herzen gehende „Som en brudgom“ von John Rutter. Der Kardinal emeritus bringt es am Schluss auf den Punkt: „What a wonderful liturgy in a wonderful church!“ und erntet ein hörbares Schmunzeln, als er hinzufügt: „I‘ll recommend Pope Francis: If you don’t have anything better to do, go to Trondheim!“

Manches kommt uns deutschen Katholiken im Nachsinnen über die Kirche und den Weiheakt ein wenig altmodisch vor:  Ein barock anmutender Baldachin aus grünem Samt markiert den Bischofssitz. Priester und Bischöfe tragen Rochetts mit breiten Spitzen, die Kapläne den Talar und darüber einen schwarzem Umhang, sogar ein Birett auf dem Kopf. Statt nüchterner Flambeaus bringen die Ministranten zum Sanctus eine Art Laternen aus Buntglas auf Tragestangen; ein Schirm aus Goldstoff dient als „Himmel“ bei der Übertragung des Allerheiligsten. Ein „Speisgitter“ (Kommunionbank) trennt Altarraum und Kirchenschiff. Hätte man da nicht auch ein wenig moderner sein können?  Dompfarrer Mogstad beruhigt uns: In Norwegen sei man zwar deutlich katholisch, aber nicht ideologisch. Für die Kommunionbank habe man sich z.B. auch aus praktischen Gründen entschieden, weil der Dom den ganzen Tag offen bleiben solle, für Touristen ebenso wie für Beter. Durch das Gitter werde der Altarraum als „heiliger Bereich“ markiert. Man lege großen Wert auf den Ritus, auf eine festliche Liturgie und auf eine verlässliche Lehre  – das werde (in Abhebung zur lutherischen Kirche)als „katholisch“ wahrgenommen. Aber wohlgemerkt: Nicht ideologisch!

Der festliche Tag klingt mit einem Empfang in einem nahe gelegenen Hotel aus, da das neu erbaute Gemeindezentrum die Zahl der Gäste nicht annähernd fassen könnte. Eine Trommelgruppe aus Äthiopien empfängt uns mit rhythmischen Gesängen. In der Schlange vorm kalten Büffet mischen sich nicht nur geborene und zugewanderte Norweger/innen mit Gästen aus der halben Welt, sondern auch Kleriker und Laienleute.  Wir stehen hinter dem Bischof von Reykjavik, der mit seinem dunkelroten Vollbart aussieht wie ein Nachfahre der Wikinger – weit gefehlt, er ist ein slowakischer Kapuziner. Eine junge Dominikanerin fällt mir auf, weil sie – sehr passend zu den Farben ihres Ordensgewandes – eine schwarz-weiße Wolljacke mit Norwegermuster unterm Skapulier trägt. Ich spreche sie lächelnd an: „A norwegian nun in a norwegian  sweater!“ – und erfahre, dass sie aus Polen stammt….

Überhaupt sind die Ordensleute in Norwegen eine ganz besondere Spezies!
Aber davon soll in einem späteren Beitrag berichtet werden.

Weitere Fotos und Informationen zur Reise nach Norwegen gibt es bei einem Vortrag am Sonntag, 22. Januar,  um 15 Uhr im Pfarrheim von St. Walburga, Nürnberg-Eibach.

 

Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.

Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!