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Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!

In den verborgenen Gassen Barcelonas – Unterwegs mit einem ehemaligen Obdachlosen

La Rambla dels Caputxins

Wir treffen uns vor dem Liceu, der Oper Barcelonas. Das herrliche Jugendstilgebäude liegt direkt an den Ramblas und hat eine eigene Metro-Station. Über zwei Millionen Touristen schlendern angeblich monatlich auf der berühmten Flaniermeile hier vorbei. Heute drängen sich zwischen den Italienern und Japanern in buntem Freizeitlook auch Herrschaften der katalanischen Highsociety in feiner Abendrobe. Es ist Prämiere von Mozarts „La Flauta Magica“. Obwohl er nur 20 Meter neben mir steht, entdecke ich ihn erst nach einer halben Minute Ausschau, Juan Gonejero. Am Liceu, an der Oper, wollte er sich mit mir treffen, „weil hier die verrückten und gegensätzlichen Welten Barcelonas wie nirgend anderswo aufeinander prallen“. Der 54-jährige Spanier möchte mir „sein“ Barcelona zeigen. Seit gut zwei Jahren ist er professioneller Stadtführer und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Nachfrage nach seinen Führungen ist steigend. Aber nicht nur, weil die Zahl der Touristen in Barcelona ständig ansteigt, Juan zeigt seinen Kunden neben den berühmten Sehenswürdigkeiten der katalanischen Mittelmeermetropole auch noch was ganz anderes: Die unsichtbare Welt der Penner, Obdachlosen, Junkies und Bettler. Über fünf Jahre hat Juan in dieser Welt gelebt – und überlebt, dank „Chiringuito de Dios“ – der Obdachlosen-Tafel

des Deutschen Wolfgang Striebinger – und „Hidden City Tours“ – Stadtführungen von ehemaligen Obdachlosen, einer Initiative der Engländerin Lisa Grace.

Carrer dels tres Llits

Als erstes führt er mich in die Carrer dels tres Llits, in die „Gasse der drei Löwen“. Sie führt direkt von der Plaça Reial hinein ins Zentrum der mittelalterlichen Altstadt. Der „Königliche Platz“ gilt als das „Wohnzimmer Barcelonas“ und als „i-Pünktchen“ bei einem Altstadtbummel mit Spaziergang über die Ramblas. Die heutige Anlage des rechteckigen Platzes stammt aus dem Jahr 1848 und ist napoleonischen Stadtplänen nachempfunden. Der herrliche Brunnen im Zentrum, die von Antoni Gaudí entworfenen Laternen und die Palmen geben dem Ort sein unverwechselbares, südländisches Flair. Egal ob bei Tag oder bei Nacht, der Platz wird rund um die Uhr von Müßiggängern, Touristen und vielen anderen Gestalten heimgesucht. Einen großen Gewinn aus dieser ununterbrochenen Bevölkerung ziehen auch die unzähligen Restaurants und Cafés unter den kühlen Arkaden an den vier Seiten. Dazwischen – ein Jazzfan darf natürlich nicht vergessen, darauf hinzuweisen – der weltberühmte Jazzclub „Jamboree“, in dem sich die Musiker der lokalen und weltweiten Jazzszene die Klinke reichen.

Und gerade 50 Meter neben diesem Highlight der Sehenswürdigkeiten Barcelonas, eben in der „Drei-Löwen-Gasse“, dahin zog es Juan ein- bis zweimal täglich, als er noch auf der Straße lebte. Die „Missionarinnen der Barmherzigkeit“, die Schwestern der heiligen Mutter Theresa von Kalkutta unterhielten hier jahrelang ihre Obdachlosen-Tafel. Ohne diese Einrichtungen, wie es sie von unterschiedlichen Institutionen in allen Vierteln Barcelonas gibt, hätten die meisten Wohnsitzlosen keine Überlebenschance. Über 200 Essen gaben sie täglich aus. Vor einigen Jahren sind die Schwestern in das ehemalige Kloster Sant Augusti im Stadtteil „Raval“ umgezogen, dort ist die Not noch größer.

La Rambla de Santa Mònica

Auf dem Weg zurück zu den Ramblas kommen wir an dem Fünf-Sterne-Restaurant „Los Caracoles“ vorbei. Juan und ich können durch einen Fensterschlitz sehen, wie in der Küche gerade die berühmten Schnecken des Hauses gebrutzelt werden. Bevor uns aber das Wasser im Mund zusammen läuft, drängt mein Stadtführer weiter, er will mir eine Filiale der CaixaBank, der bekanntesten „Volksbank“ Kataloniens, zeigen. Bankautomat und Eingang liegen an einem kleinen Platz, unmittelbar neben der hochbelebten Rambla de Santa Mònica. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die Geld abheben wollen, zieht es in die geschützte Ecke und in den Vorraum der Bank, auch zahlreiche dunkle Gestalten lümmeln sich hier herum. Dort kann man den Leuten direkt „auf die Pelle rücken“, erklärt mir Juan, und so gibt dann fast jeder, nachdem er sich einige Hundert Euro gezogen hat, ein oder auch mal zwei Euro an den aufdringlichen Bettler ab. Außerdem ist der Vorraum ein idealer Schlafplatz, besonders in den kalten Wintermonaten. Die Tür lässt sich sogar von Innen zusperren.

Carrer de Lancaster

Wir überqueren die Ramblas und dringen in die dunklen Gassen des Raval ein, des seit Jahrhunderten verrufensten Viertels von Barcelona. Bis heute ist in der Stadt der Migrantenanteil nirgends so hoch wie hier. Arabische Schlachtereien, pakistanische Telefonläden und afrikanische Shops mit Plastikramsch aller Art unmittelbar nebeneinander. Angeblich bis zu 30 000 Migranten jährlich musste der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten aufnehmen. Außerdem konzentriert sich hier auch das „Rotlichtmilieu“.

Gerade knapp 50 Meter haben wir die Ramblas hinter uns gelassen, da stoßen wir an der Rückseite des Teatre Principal auf die Carrer de Lancaster, wo bis vor Kurzem noch öffentliche Toiletten-Kabinen standen. Hier erzählt mir Juan die Geschichte von Mario, den er einmal in einer der Kabinen mit einer Überdosis gefunden hat. Durch einen sofort herbeigerufenen Notarzt konnte der Drogenabhängige gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Ob Mario heute noch lebt, weiß Juan nicht, er hat schon jahrelang keinen Kontakt mehr in die Szene.

Plaça de Blanquerna

Wir kommen an die Plaça de Blanquerna, und damit an das Museu Maritim, das sich in den mittelalterlichen Schiffswerften, den Drassanes, befindet. Von dem kleinen, unspektakulären Platz führt eine unauffällige Tür in das Rückgebäude des Museums, man könnte vermuten es wäre der Hintereingang. Hier ist das „Baluar“, klärt mich Juan auf, Barcelonas größter „Pick-Saal“. Unter ärztlicher Aufsicht können sich dort Junkies ihr Heroin spritzen. Das nötige Werkzeug und die professionelle medizinische Betreuung wird ihnen in der Einrichtung der Generalitat de Catalunya, der katalanischen Landesregierung, zur Verfügung gestellt – natürlich hygienisch sauber. Ohne diese Anlaufstelle für die Drogenabhängigen gäbe es sicher noch weit mehr Drogentote in der Stadt.

Carrer de l’Hort de Sant Pau

Nur einen Steinwurf weiter, stehen wir vor Sant Pau del Camp – meiner Lieblingskirche. Im Jahr 911 wird das Benediktinerkloster zum ersten Mal erwähnt, damals stand es auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt. Heute ist es das einzige Kirchengebäude in Barcelona, das noch weitgehend in seinem ursprünglichen romanisch-mozarabischer Baustil erhalten geblieben ist. Auch Picasso hat sich oft stundenlang in dem wunderschönen kleinen Kreuzgang aufgehalten und sich inspirieren lassen. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig an Werktagen in der kleinen Pfarrgemeinde die Messe gefeiert. Östlich des ehemaligen Klostergeländes schließt sich der „Garten des hl. Paulus“ an, dieser wird begrenzt von den Gebäuden des Konservatoriums und der „Guardia Civil“, der staatlichen Landpolizei. Trotz dieser kirchlichen und polizeilichen Nachbarschaft ist der „Hort de Sant Pau“ bis heute – vor allem in Abend- und Nachstunden – ein bekannter Platz für „Drücker“ und Drogenhändler. Tagsüber sind vor allem die bürgerlichen Schrebergärten und der Kinderspielplatz neben der Kirchenmauer belebt. Kinder, Eltern, Kleingärtner, Kirchenbesucher, Touristen, Drogenjunkies und -händler, Polizisten und Musikstudenten tummeln sich in einem Umkreis von gerade mal 150 Meter.

Carrer de l’Aurora

Einen ganz besonderen Ort möchte mir Juan vor Abschluss der Tour noch zeigen: In Mitten von abgerissenen und halb eingefallenen Häusern, versteckt hinter schmutzigen, dunklen Gassen, eine kleine, grüne Oase – neben der „Gasse des Sonnenaufgangs“. Eine Freifläche, die durch den Abriss mehrerer Gebäuden entstanden war, wurde in Eigeninitiative von Nachbarn, Migranten, Hausbesetzern und Obdachlosen als Garten und kleiner Park hergerichtet. Sofas, Tische und Stühle aus dem Sperrmüll, liebevoll zwischen Blumenbeeten und Wegen aufgestellt, laden zum Verweilen ein. Die hohen Häuserwände sind mit bunten Graffiti bemalt. An einer großen weißen Fläche an einer der Hauswände werden sonntags Filme projiziert, sagt Juan. Eine scheinbar perfekte, friedliche Oase in Mitten eines sozialen Chaos – wenn nicht an der Hauswand direkt neben dem Eingang zu dieser Oase das Graffiti-Denkmal an den Tod von J. A. Benitez wäre. Das Bild erinnert an den 50-Jährigen, der im Jahre 2013 an dieser Stelle ums Leben kam, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen worden war.

Carrer d’Espalter

Die letzte Station auf meiner Tour mit Juan ist der „Chiringuito de Dios“, die „Suppenküche Gottes“. In der engen Gasse „Espalter“, zwischen einem pakistanischen Handyladen und der supermodernen, neuen FilmoTeca, liegt die kleine Obdachlosen-Tafel, die für Juan zur Endstation in seinem Leben auf der Straße wurde. Der Schwabe Wolfgang Striebinger hat die Tafel vor über 20 Jahren gegründet. Inzwischen wird sie von einem eingetragenen Verein verwaltet, der Wolfgang als Geschäftsführer angestellt hat. In drei Schichten werden fünf Tage in der Woche zwischen 60 und 80 Essen ausgegeben, Frühstück und Abendessen. Donnerstagmittag gibt es eine riesige Paella, gestiftet vom Starkoch eines Fünf-Sterne-Hotels am Strand. Außerdem können sich täglich an die 30 Familien Obst, Salat, Brot, Nudeln und allerlei anderer verpackter Lebensmitteln abholen, das dem Chiringuito von Supermärkten überlassen worden ist. Drei bis fünf feste Mitarbeiter hat Wolfgang, ehemalige Obdachlose. Sie „schmeißen den Laden“ ehrenamtlich, dafür können sie kostenlos in einer Wohnung neben dem Chiringuito wohnen. Vor gut sechs Jahren kam Juan hierher. Der Chiringuito hat ihm das Leben gerettet, ist er überzeugt. Hätte er diese Chance damals nicht ergriffen, dann hätte er es wahrscheinlich nie mehr weg von der Straße, zurück in eine gesicherte Existenz, geschafft.

Und im Chiringuito de Dios war es schließlich auch, wo vor zwei Jahren die junge Engländerin Lisa Grace auf den Deutsch-Spanier aufmerksam wurde. Lisa war gerade dabei eine eigene Firma zu gründen, „Hidden City Tours“, und suchte dafür die richtigen Leute. Nach einer professionellen Schulung durch Historiker und Stadtkenner sollen ehemalige Obdachlose ihre ganz eigene Art von Stadtführungen anbieten. Ein Projekt, das in manchen Großstädten Europas bereits seit Jahren gut funktioniert und ankommt. Und auch in der von Touristen überfüllten Stadt Barcelona kann sich die Firmengründerin Lisa nun vor lauter Nachfrage fast nicht mehr retten. Lisa hat eine Marktlücke entdeckt und Juan seine Leidenschaft: Den Menschen „seine“ Stadt zeigen.

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Barcelona. Was mir Juan aber in drei Stunden gezeigt hat, das habe ich in all den fünf Jahren nicht gesehen. Mir tun meine Füße weh vom vielen Laufen, und mir brummt mein Kopf von der Hitze der Abendsonne und vom aufmerksamen Zuhören. Wir setzen uns auf die Terrasse einer Bar und bestellen uns was zum Trinken. Es geht auf Mitternacht zu, als ich endlich meinen Heimweg antrete. Juan hätte noch die ganze Nacht hindurch faszinierende Geschichten aus seinem spannenden Leben erzählen können. Geschichten eines Menschen, der es geschafft hat, und der deshalb heute furchtbar stolz und dankbar ist.

Zu Gast bei den Goralen

Ziemlich müde nach der Übernachtung auf dem Campus Misericordiae mit Abschlussmesse des Weltjugendtages waren wir alle froh, als wir spät abends die Pension „Vier Jahreszeiten“ in der Nähe von Zakopane erreichten. Kaum waren die Zimmer bezogen und das Abendessen verputzt, kehrte schon Ruhe ein.

Das Frühstück am nächsten Tag wurde für die erschöpften Pilger zum Glück erst um 10 Uhr abgehalten, dennoch fand sich aber ein kleiner motivierter Trupp, der noch vor dem ersten Frühstück schon mal die alte Holzkirche besichtigte. Gestärkt bestiegen wir den Bus und feierten in der Pfarrkirche der Hl. Familie in Zakopane Gottesdienst. Danach inspizierten wir zuerst mal den schönen Ort in den Bergen, wo wir untergekommen waren. Dazu fuhren wir mit der Zahnradbahn Gubalowka zu einem Aussichtspunkt, wo wir das Panorama der Tatra bewundern wollten, aber der Nebel verdeckte leider diesen Teil des Karpartenbogens. Wir genossen dennoch diese Fahrt und schlenderten anschließend noch über den kleinen traditionellen Markt am Fuße des Berges und probierten den ein oder anderen geräuchterten Schafskäse.

Nachdem wir so erste Eindrücke von unserer neuen Heimat für die kommende Woche gesammelt hatten, verließen wir sie am nächsten Tag schon wieder für einen Tagesausflug, um Wadowice, den Geburtstort von Papst Johannes Paul II, und das KZ Auschwitz zu besichtigen. In Wadowice besuchten wir das Museum zu Johannes Paul II, wo man sogar seine original eingerichtete Wohnung betreten konnte. Dieser Besuch brachte uns dem Erfinder der Weltjugentage ein Stück näher und fasziniert von dieser Persönlichkeit genossen wir noch das italienische Flair von Wadowice.

Der nächste Programmpunkt – das KZ Auschwitz – stand dazu in hartem Kontrast. Aufgrund der vielen WJT-Pilger konnten wir nur die Außenanlagen besichtigen, aber das genügte schon, um die Verzweiflung, Kälte und Trostlosigkeit des Ortes zu spüren. Der Hungerbunker, wo der hl. Pater Maximilian Kolbe sein Leben ließ, erinnerte uns aber daran, dass selbst in dunklen Zeiten Gott bei uns ist. Anschließend hielten wir noch eine Andacht im Zentrum für Gebet und Frieden ab, wo wir unsere Eindrücke verarbeiten konnten.

Der nächste Tag sollte uns dann nicht mehr so erschüttern, denn wir besuchten die Salzgrube in Wieliczka. Wir bewältigten insgesamt über 800 Treppenstufen und kamen so 130 Meter unter die Erde. Man könnte sich fragen, wozu die ganze Anstrengung, aber wir wurden mit einer wunderschönen Führung belohnt und waren richtig beeindruckt von der riesigen Kapelle mit Kronleuchtern, tollen Skulpturen und Heiligen-Bildern eingemeißelt in die Wände – natürlich alles aus Salz! Auch dort unten begegnete uns Johannes Paul II, denn selbst er hatte diesen beeindruckenden Ort schon mehrmals besucht.

Am Abend stimmten wir uns mit einer Kutschenfahrt und Lagerfeuer noch mehr in die Bergstimmung von Zakopane ein, mit der es am Donnerstag weiterging. Wir fuhren mit einer Kabinenbahn auf den Hausberg Kasprowy Wierch von Zakopane. Dort oben wanderten wir eine Stunde herum, und bestaunten das Bergmassiv der Tatra, die ganz anders als die Alpen anmutet. Daraufhin hieß es Freizeit in Zakopane.

Wir freuen uns nun auf den bayrisch-polnischen Abend und die morgige Floßfahrt mit Abschluss in den modernen Thermen in Chocholow. Diese Woche intensivierte mit täglichen Gottesdiensten und Andachten unsere Pilgerreise zum Weltjugendtag und wir erlebten das Gastgeberland Polen von seiner gemütlichen Seite abseits der Metropole Krakau. Wir sind uns alle einig, wir wollen nach Zakopane zurückkehren!

„Die Polen sind sehr gastfreundlich“

Laura Brandes aus der Pfarrei Wettstetten nimmt an den Weltjugendtag in Polen teil. Wie alle Teilnehmer aus den Bistümern Eichstätt und Bamberg wohnt sie in einer Gastfamilie in der Pfarrei Bibice. Mit Laura (im Bild spielt sie Querflöte) sprach Anita Hirschbeck für den Blog „weitblick“.

weitblick: Am Mittwoch hat in Bibice ein Festival für die deutschen Gäste stattgefunden. Was war da geboten?

Laura: Die Leute aus Bibice haben sich sehr viel Mühe gemacht. Es waren mehrere Jugendgruppen auf der Bühne. Eine ganz junge Sängerin hat das Festival eröffnet. Die Hymne vom jetzigen und vom letzten Weltjugendtag in Polen wurden gespielt. Unsere Gruppen haben auch spontan einen Überraschungsbeitrag geleistet: Wir haben die Frankenhymne und die Bayernhymne gesungen. Die Stimmung war grandios.

Habt ihr denn viel Kontakt mit Einheimischen?

Während des Festivals haben wir zum Beispiel mit einem Mädchen aus dem Dorf gesprochen. Sie heißt Claudia, hat in einer Tanzgruppe mitgemacht und war sehr engagiert. Und wir haben Kontakt zu den freiwilligen Helfern aus Bibice. Die Jugendlichen haben viel mitgesungen und da hat man sich schon ein bisschen ausgetauscht. Ich schätze, mit Claudia werden wir auch weiterhin in Kontakt bleiben.

Wie nimmst du die Polen wahr?

Ich finde, sie sind super gastfreundlich. Wir haben eine sehr tolle Gastfamilie. Mittlerweile wurde uns sogar der Hausschlüssel anvertraut. Als wir gestern spät abends heimkamen, standen da noch Kuchen und Kekse. Sie machen sich sehr viel Mühe und man kommt sehr leicht mit ihnen ins Gespräch.

Und sind die Polen so katholisch wie ihr Ruf?

Bei unserer Gastfamilie würde ich das nicht vermuten. In der Wohnung hängt nirgendwo ein Kreuz. Aber die Jugendlichen, die sich in Bibice als Freiwillige engagieren, sind schon sehr begeistert von der Kirche. Trotzdem: Als so erzkatholisch, wie man es manchmal hört, würde ich sie nicht beschreiben.

Am Donnerstag haben der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke und Vertreter aus Bibice einen Baum gepflanzt – als Zeichen der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen. Spielt das Thema Zweiter Weltkrieg in eurer Generation überhaupt noch eine Rolle? Sprichst du darüber mit Polen in deinem Alter?

In meinem Alter eher nicht. Aber meine Nachbarn zu Hause sind Polen. Sie kommen aus Schlesien und haben deshalb eine besondere Geschichte. Unser ehemaliger Pfarrer war auch Pole. Von dieser Generation bekommt man das Thema schon eher mit. Auch dass die Freundschaft mittlerweile sehr eng geworden ist. Deswegen finde ich es eine sehr schöne Geste, dass wir einen Baum gepflanzt haben. Damit man sich daran erinnert, dass die Freundschaft nicht immer so tief war.

Der Weltjugendtag läuft noch bis 31. Juli. Worauf freust du dich besonders?

Ich freue mich vor allem auf die Stimmung, die entsteht, wenn so viele Nationen zusammenkommen. Schon die Eröffnungsmesse war voller Freude. Viele Leute sind danach noch durch die Straßen gezogen. Ich freue mich auf viel Austausch und gemeinsames Gottesdienstfeiern.

Das Interview als Audio

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Exit im Glauben: als Willibald sich für „leave“ entschied

„Niemand ist eine Insel“ – England schon, in seiner ganzen Geschichte! Und doch kamen aus England die Missionare zu uns, auf den Kontinent. Willibald und seine Gefährten sind Menschen eines „Exit“ – eines Herausgehens aus ihrem Land. Willibald hätte mit „leave“ gestimmt: mit „verlassen“, aber anders als die Brexit-Befürworter! Die eigene Heimat, die Insel verlassen, um auf den Kontinent zu gehen, um „aufzubrechen im Glauben“.

Nicht „remain“, nicht unter sich bleiben auf der Insel, war das Motiv, sondern: „leave“ – verlassen, die Heimat, die Insel, um zu evangelisieren; auf Wunsch des Papstes in unserer Heimat. Alle Missionare von der Insel – angelsächsische, irische, schottische – gaben damit dankbar zurück, was sie selber als Geschenk bekommen hatten: die beglückende Erfahrung, dass der Glaube an Christus zur Weitergabe drängt. Aufbrechen und reisen, das war damals alles andere als bequem für Willibald und Gefährten. Statt der heute schnellen Fahrt mit dem „EuroStar“ durch den Channel-Tunnel war die Überfahrt damals eher vergleichbar heutigen Flüchtlingsbooten. Doch, Willibald brach auf im Glauben, weil er eine Botschaft hatte und diese Botschaft leben wollte.

Und auch das, was er vorfand, schreckte ihn nicht: nur ein kleines Marienkirchlein fand er vor, keine Stadtverwaltung und auch kein Ordinariat! Auch das Zusammenleben mit den indigenen Stämmen, den Bajuwaren, Franken, Schwaben – es war nicht einfacher als in der heutigen transkontinentalen Völkerwanderung; die gleichen Probleme mit: Sprache, Mentalität, Kulturen; überkommene Glaubensreste, mit heidnischen Kulten vermischt. Willibald, der Missionar, er führte geduldig, über Jahrzehnte, zusammen, und machte damit deutlich: Die Kirche Jesu Christi ist kein Club von Einheimischen, die unter sich bleiben wollen. Kirche ist Gemeinschaft, über jede soziale, abstammungsmäßige Schranke hinweg! Die Kirche Jesu Christi kennt keine Fremden; in Jesus Christus sind alle zur Einheit und zur Gemeinschaft berufen. Ein Getaufter, der sich abschotten will, der sein Gruppen-Ego bedienen und sich auf eine eigene Insel zurückziehen will, der hat das Evangelium nicht verstanden. Und einer solchen Haltung muss auch jeder Verkünder des Evangeliums entgegentreten – so wie es Willibald auch bei unseren Vorfahren immer getan hat. Über vier Jahrzehnte hat Willibald hier standgehalten, er ist als erster Bischof „geblieben“.

„Remain – bleiben“: im biblischen Verständnis, besonders im Johannes-Evangelium, heißt das für jeden Getauften: bei Jesus bleiben, mit ihm in innerer Verbindung stehen – „Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch“!

„Aufbrechen im Glauben“: Wie steht es überhaupt mit der Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, ausgetretene Pfade zu verlassen? Haben wir, so sagen wache Beobachter, in unserer Gesellschaft heute nicht eine ganz andere Bewegung? Überzogene, ja, irrationale Ängste machen sich breit und führen zum Rückzug vieler in private Sicherung und Abschottung, wegen vermeintlicher Bedrohung durch alles, was fremd ist. Willibald und die Glaubensboten kamen als Fremde zu Fremden, allein mit der Botschaft, dass alle in Jesus Christus eine Gemeinschaft werden können. Eine Gemeinschaft, die Eigenheiten und Unterschiede nicht einebnet, sondern nutzen will zum Wohl aller. Aufzugeben, zu verlassen haben wir freilich, im Sinne Jesu, das Kreisen um uns selbst, um unser Ego, das sich gerne, sich selbst genügend, auf eine Insel zurückziehen möchte.

Dass diese Botschaft zu allen Zeiten verstanden wurde, das zeigt die Meditation eines Mannes, der über 700 Jahre nach Willibald ebenfalls in England lebte. Es ist der anglikanische Priester John Donne; er galt als einer der gewandtesten Prediger seiner Zeit. Er starb im Jahr 1631 als Dekan von St. Paul’s in London.

Zwei Wendungen aus dem Werk Donnes fanden Eingang in die Populärkultur, nämlich das sprichwörtliche „Niemand ist eine Insel“, das Thomas Merton und Johannes Mario Simmel als Buchtitel wählten, und „Wem die Stunde schlägt“ als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt, sie schlägt dir selbst.“ (aus: Wikipedia, John Donne).

„No man is an island – Niemand ist eine Insel, in sich ganz“ – leave or remain – verlassen oder bleiben: Willibald verließ die Insel, ging aufs Festland und blieb, bis ihm die Stunde schlug in Eichstätt. Leave and remain – loslassen, aufbrechen und bleiben: Willibald lädt uns ein, den anderen Weg zu gehen – Aufbrechen im Glauben!

Dieser Blogbeitrag basiert auf der Predigt von Generalvikar Isidor Vollnhals bei der Pontifikalvesper zum Tag der Mitarbeiter(innen) im Rahmen der Willibaldswoche am 6. Juli 2016 im Eichstätter Dom