Archiv der Kategorie: Europa

Keiner soll alleine glauben – 170 Jahre Bonifatiuswerk

Als Seelsorgeheferinn begann Barbara Naumann 1956 in der Pfarrei Christus König Luckau. Bei jedem Wetter machte sie sich auf, um auf den 56 Dörfern die verstreut lebenden katholischen Familien zu besuchen. „Am Küchentisch habe ich die Kinder in Religion unterrichtet“, erzählt die heute 87-Jährige. So erinnert sie sich, wie sie in Eisenhüttenstadt von Tür zu Tür gehen musste, um von den Einwohnern zu erfahren, wer von ihnen katholisch ist: „Nicht wenige haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen oder drohten mir, mich von der Vortreppe zu schupsen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, zitiert sie einen Slogan der staatlich verordneten Entchristlichung.

Der Bonifatiusverein, der seit 1968 den Namen „Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken“ trägt, habe die Katholiken in der DDR durch diese schwierige Zeit begleitet, betont Naumann. Das Bonifatiuswerk bildete während der 40-jährigen deutschen Teilung das zentrale Werk der Solidarität zwischen den Gläubigen in West und Ost. Ungefähr 454 Millionen DM konnten zwischen 1949 und 1990 der Kirche in der DDR zugeleitet werden.

Wenn das Bonifatiuswerk auf seine 170-jährige Geschichte zurückblickt, gelten die 40 Jahre der deutschen Teilung als ein Ausrufezeichen der Solidarität mit Katholiken, die als Minderheit ihren Glauben leben. Dabei stand das Hilfswerk stets vor großen Herausforderungen. Am 4. Oktober 1849 auf der „Dritten Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“ in Regensburg gegründet, sollte der Bonifatiusverein Hilfe „für arme katholische Gemeinden“ in der Diaspora leisten sowie ein „Missionsverein in und für Deutschland“ sein.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 stieg die Zahl der Katholiken in den Industriezentren sprunghaft an. Das Bonifatiuswerk unterstützte in dieser Zeit den Bau von Kirchen und katholischer Infrastruktur. Zudem weitete sich der Blick auf neue Nöte. So gründeten Paderborner Kaufleute 1885 den „Bonifatius-Sammelverein“, der sich für Waisenhäuser engagierte. 1891 bildete sich der „Schutzengelverein“, später „Bonifatiuswerk der Kinder“, für die Förderung katholischer Schulen. Gemeinsam mit dem 1921 gegründeten „Bonifatiuswerk der Jugend“ bilden die beiden Kinderhilfswerke die Wurzel der heutigen Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1918 sammeln auf Beschluss der deutschen Bischöfe die Erstkommunionkinder und seit 1952 die Firmbewerber für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt der Bedarf an neuen katholischen Orten in den Städten an. Während der Weimarer Republik entstanden jährlich fast 40 Kirchen. Der Nationalsozialismus allerdings schränkte das Wirken des Bonifatiuswerkes ein, bis es zum Erliegen kam. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Mit der Gründung der Diaspora-MIVA 1949 wurde die heutige Verkehrshilfe ins Leben gerufen. Die rapsgelben BONI-Busse, von denen derzeit circa 600 in den Diasporaregionen in Deutschland unterwegs sind, sind bis heute ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung. Aufgrund von Flucht und Vertreibung kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Katholiken in bis dahin evangelisch geprägte Gebiete. Das Bonifatiuswerk förderte daher den Bau von Notkirchen, Priesterwohnungen, Gemeinderäumen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten allein in Deutschland mehr als 2.000 zerstörte Kirchen wiederaufgebaut werden. Von 1949 bis heute wurden sogar mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten unterstützt.

Mit der deutschen Teilung erlebten sich Katholiken in der DDR nicht mehr nur in einer Minderheitensituation, sondern auch unter einer Staatsführung, die den christlichen Glauben missbilligte und Gläubige wie Kirche schikanierte. Doch das Bonifatiuswerk blieb über die Grenze hinweg an deren Seite, und der 1966 erstmals abgehaltene „Diaspora-Sonntag“ entwickelte sich zum großen Tag der Solidarität mit den Katholiken in der DDR. Doch das Bonifatiuswerk nahm sich nicht nur der Nöte der Katholiken der innerdeutschen Grenze an. Seit 1974 setzt es sich auch für die Katholiken in der Diaspora Nordeuropas und seit 1995 für die Katholiken in Lettland und Estland ein.

Der Mauerfall bildete ein freudiges Ereignis in der Geschichte des Hilfswerkes. Endlich konnte den Katholiken wieder direkt geholfen werden. Doch der mit der Wende erhoffte Eintritt ostdeutscher Bürger in die Kirchen blieb aus. Vielmehr sehen sich bis heute Christen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Diaspora. Fast 80 Prozent der Einwohner sind weder getauft, noch gehören sie einer Religion an. Eine weltweit besondere Situation, die sonst nur noch in Tschechien und Estland ähnlich ist.

Mit dem Amtsantritt von Generalsekretär Monsignore Georg Austen 2008 begann das Bonifatiuswerk einen Reflexionsprozess zur veränderten Situation der Diaspora in Deutschland. Denn: Die Säkularisierung der Gesellschaft lässt Katholiken in einer emotionalen Diaspora des Glaubens zurück. Das Hilfswerk reagierte mit dem neuen Bereich »Missionarische und diakonische Pastoral«, der heutigen Glaubenshilfe. Sie unterstützt missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit auch in katholischen Regionen. Neu hinzugekommen sind auch das Praktikum im Norden und die Personalstellenförderung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt weiterhin aber in der zahlenmäßig extremen Diaspora in Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum. Unter dem Motto »Hilfswerk für den Glauben« richtet das Bonifatiuswerk seinen Blick in die Zukunft: Denn die Not der Einsamkeit im Glauben fordert die Kirche in ganz neuem Maße heraus, in Ost wie in West, in Nord wie in Süd.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ hat das Bonifatiuswerk zum Ausdruck gebracht, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubenszeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die authentisch leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten. Wenn wir genau hinsehen, finden wir vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern, die aus der Zuversicht des Glaubens leben und handeln. Diese Menschen zu entdecken und sie zu ermutigen, neue missionarische Initiativen anzugehen – um auch Menschen anzusprechen, denen der Glaube fremd ist –, ist für uns ein zentrales Ziel“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. Gleichzeitig dankt Austen all denjenigen, die das Bonifatiuswerk dabei unterstützen, „das Evangelium in unsere Zeit zu übersetzen, und helfen, unsere Werte – die für uns seit der Gründung des Bonifatiuswerkes bis heute Auftrag und Ziel sind – zu leben, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

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Rückblick: Diaspora-Aktion 2019

Liegt Plankstetten wirklich in Indien?

Natürlich liegt das manchmal als „grünes Kloster“ bezeichnete Benediktinerkloster Plankstetten nicht in Indien, schon gar nicht im bergigen Nordosten Indiens. Aber in der vergangenen Woche hat der Missionsfranziskaner Bruder Collinsius Wanniang bei seiner Tour durch das Bistum Eichstätt, die er im Rahmen der von missio-München und dem Referat Weltkirche organisierten Kampagne zum außerordentlichen Monat der Weltmission machte, diesen Vergleich oft gehört.

Faktisch sind das natürlich zwei komplett unterschiedliche Welten. Die Heimat von Bruder Collin, wie er dort genannt wird, ist eher von der Präsenz protestantischer Christen geprägt als von Hindus. Das mit Hilfe des päpstlichen Missionswerkes missio gebaute Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada ist erst fünf Jahre alt, also kein Vergleich zum altehrwürdigen Plankstetten, das in der katholischen Oberpfalz liegt.

Dennoch gibt es da etwas, was beide Orte verbindet. Es ist die klare Ausrichtung an der Sorge um das gemeinsame Haus, die Bewahrung der göttlichen Schöpfung, die die Benediktiner hier und die Franziskaner dort verbindet. Bei einem Vortrag in Plankstetten hat Br. Collin dies auch klar herausgearbeitet. Bereits am Nachmittag hatte er zusammen mit Bruder Richard den Staudenhof besichtigt und dabei viel gelernt. Die Vitalität des Bodens zu fördern, so erklärte es Bruder Richard, ist die Ausgangsüberlegung. Aufmerksam hörte sein indischer Gesprächspartner zu, die Systematik, mit der hier gearbeitet wird, war für ihn nämlich Neuland.

Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ
Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ

Aber mit Stolz erzählte er von den Fortschritten, welche die Franziskaner im Nordosten Indiens bei der Generierung eines Bewusstseins für die Zusammenhänge in den natürlichen Kreisläufen machen. Erster Schritt sind die Gebete in der Natur, extra wurde dafür ein Kreuz aufgestellt.

Dabei musste ich an das Holzkreuz auf dem Hüttenlagerplatz Almosmühle denken, der zum Jugendhaus Schloss Pfünz gehört. In den Sommermonaten werden dort viele Morgenimpulse, Andachten und Lagergottesdienste gefeiert. Für viele Kinder ist es die erste liturgische Feier in ihrem Leben, die sie nicht in einer Kirche erleben. Dabei gibt es deutliche Parallelen zur Arbeit der Missionare in Indien. Die Unmittelbarkeit der Natur führt zu einem Gefühl der Verbundenheit mit ihr, der Verantwortung für sie. Liegt also nun Orlang Hada im Altmühltal?

Natürlich habe ich Bruder Collin den Lagerplatz gezeigt und obwohl es schon Dunkel wurde hat er ein paar Fotos gemacht. Derartige Zelt- oder Hüttenlager gibt es in seinem Ökospiritualitätszentrum zwar (noch) nicht, aber auch dort hat man die Kinder als wichtige Multiplikatoren erkannt. Darum soll durch den Bau einer Schule sichergestellt werden, dass die nächste Generation schon von Kindesbeinen an lernt, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Es war für mich wirklich spannend zu beobachten, wie man eigentlich immer eine Art funktionales Äquivalent bei einem Projekt findet, das so weit weg durchgeführt wird, in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Es geht also nicht darum, voneinander gedankenlos abzuschreiben, sondern voneinander zu lernen, warum welche Dinge wie gemacht werden. Darum wird es nie eine Kopie Plankstettens in Indien geben müssen, aber es gibt auch dort Menschen, die sich für eine geistige Begründung der Ökologie bemühen. Schließlich benötigt die Menschheit für die Überwindung der gegenwärtigen Krise nicht nur klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Leider stoßen nämlich die Argumente der Wissenschaftler oft nicht auf die nötige Resonanz, solange Gier, Gleichgültigkeit und Egoismus die Hauptantriebsfedern der Menschheit sind. Unumwunden geben die Naturwissenschaftler auch zu, dass sie nicht wissen, wie sie diesen kulturellen und spirituellen Wandel erwirken können.

Vielleicht geht dieser Wandel ja von Zentren wie dem Kloster in Plankstetten, dem Hüttenlagerplatz Almosmühle oder dem Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada aus. Der Boden wäre jedenfalls bereitet und die Saat ist gesät.

Mehr zum Thema:
Missio-Aktion 2019: Das andere Indien
Indien: Der Fluch der Entwicklung

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“

Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht

Die Dreifaltigkeit erklärt?!? – Bilder des dreifaltig-einen Gottes

Eines der zentralen Erkenntnisse des christlichen Glaubens ist, dass Gott dreifaltig ist und auch dreifaltig handelt. So hat er sich uns offenbart, der Eine und Wahre: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses Geheimnis begeht die byzantinische Kirche am Pfingstmontag; die lateinische Kirche feiert ein entsprechendes Fest am Dreifaltigkeitssonntag, dem Sonntag nach Pfingsten.

Zusammen mit der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person, des Wortes Gottes, in Jesus Christus bildet dieser Grundsatz den Kern des christlichen Glaubens. Darin beruht der Unterschied unseres Glaubens zu anderen Religionen. Dieser Glaube macht es den Nichtchristen schwer, sich darauf einzulassen und uns Christen zu verstehen. Für manch einen Monotheisten sind wir fälschlicher sogar Götzenanbeter, weil wir vermeintlich an drei Götter glauben.

Zugleich bildet die Lehre von der Trinität eine harte Nuss auch für uns Christen, besonders wenn es darum geht, diese mit dem menschlichen Verstand erfassen zu wollen. Noch komplizierter wird es für uns, wenn wir dies innerhalb unserer Gemeinschaft weitergeben und auch den Andersglaubenden erklären sollen. Freilich kann dabei immer auf die Unerreichbarkeit und die Unzugänglichkeit Gottes verwiesen werden: Er übersteigt unseren Menschensinn, bleibt ein nicht zu erforschendes Geheimnis und offenbart sich, wann und wo er will und soweit wir Menschen es fassen können. Dies lässt sich in einer Formel zusammenfassen: Würden wir Gott erklären können, würde er aufhören, Gott zu sein.

Auch wenn unsere Vorväter und -mütter im Glauben, dieses Argument im Gottesdienst und in der christlichen Unterweisung immer wieder gebrauchten, blieben sie bei ihm nicht stehen. Ihr Geist – genauso wie der Geist auch eines jeden heutigen Christen und einer jeden Christin – verlangte nach mehr, mindestens nach einer vorläufig zufriedenstellenden Erklärung.

So versuchten viele Heilige und Theologen, sich dem Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit anzunähern, jeder auf seine Art und Weise: in Wort und Bild, mit Beispielen und Beobachtungen in der Natur, im praktischen Leben, nicht zuletzt auch in der Feier der Liturgie mit ihren Symbolen.

Tertulian (+ 220) erklärte beispielsweise seinen nordafrikanischen Christen die Dreifaltigkeit mit dem Vergleich vom Baum mit Wurzeln, Stamm und Zweigen: Alle drei Abschnitte sind auseinanderzuhalten und sind doch unzertrennlich aufeinander bezogen und bilden doch einen einzigen Baum. Auch auf eine andere Naturbegebenheit griff Tertulian wohl als Erster zurück, und zwar: Die Heilige Dreifaltigkeit ist wie das Wasser, das von der Quelle zum Bach und dann zum Fluss fließt: Alle drei tragen das eine gleiche Wasser und doch sind sie drei selbständige Wasserträger.

Der ebenso in Nordafrika wirkende bedeutende Theologe Augustinus von Hippo (+430) zerbrach sich über die Trinität Gottes seinen Kopf. Von ihm wird eine wohl vielen bekannte Geschichte erzählt. Einst ging er am Strand spazieren und begegnete einem spielenden Kind. Augustinus schaute dem Kind zu. Dieses hatte im Sand eine Grube gegraben und versuchte mit einer Muschel Wasser im Meer zu schöpfen und damit diese kleine Sandgrube zu füllen. Voller Verwunderung fragte Augustinus das Kind, wozu dieses erfolglose Mühen, wo das Wasser am Boden der kleinen Grube immer wieder gänzlich verschwand. „Ich fülle das Meer in ein Loch“, sagte voller Gewissheit das Kind. „Aber Kind, nicht im Leben kannst du das große Meer in deine kleine Grube schütten“, sagte Augustinus. Er erhielt zur Antwort: „Und du willst das Geheimnis der Dreifaltigkeit erklären!?“

Trotzdem versuchte es Augustinus und kam auch auf ein Bild. In seinem Vergleich ist er sich einig mit Gregor Thaumaturgos (+ 270), einem kleinasiatischen Vater (heute Türkei), und findet eine Parallele in der Natur des Menschen selbst. Für ihn ähnelt der drei-eine Gott der dreifachen Struktur eines menschlichen Wesens. Das heißt, zur Grundlage des Vergleichs nehmen die beiden Kirchenväter die altbekannte Trichotomie der Natur des Menschen: So wie ein Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht und doch eine einzige Einheit bildet, so ist es auch mit der göttlichen Dreiheit – Vater, Sohn und Heiliger Geist, ein Gott.

Bei den Kirchenvätern findet sich ebenfalls das Bild von den drei dicht aneinandergestellten Kerzen, die mit einer einzigen Flamme brennen. Dies wäre für sie auch ein Symbol und ein Erklärungsversuch des dreifachen und zugleich einen Gottes.

Auch der syrisch-sprachige Orient steht mit seinen Bildern in Bezug auf die dreipersönliche Wesenheit Gottes den byzantinischen und den lateinischen Vätern nicht nach. Der heilige Ephräm der Syrer (+373) sprach vor seinen syrischen Christen von der Sonne mit ihren Strahlen und der darin enthaltenen Wärme, dies auf die Heilige Dreifaltigkeit ausdeutend. Ähnlich lehrte auch Basilius der Große (+379) seine Kirchgänger in Cäsarea in Kappadokien (heutige Türkei), indem er vom Regenbogen mit Sonne, Sonnenlicht und Farben sprach und so die Dreifaltigkeit zu erklären versuchte.

Ähnlich anschauliche Erklärungsversuche der Dreifaltigkeit gab es auch in der nord-westlichen Christenheit. Die Predigt des heiligen Patrick (+461 oder 493), des Patrons Irlands, ist weltweit bekannt und in vielfacher Hinsicht unschlagbar. Auch er stand vor der Herausforderung, zu predigen: Es gibt zwar nur einen Gott, dieser existiert jedoch in drei Personen. Um von den Menschen und besonders von dem keltischen König verstanden zu werden, griff Patrick zu einem – religionspädagogisch gesehen – genialen und aus der Natur kaum zu überbietbaren Mittel. Er verglich das Geheimnis des Einen in Dreien bzw. des Dreifachen in Einem mithilfe eines im Feld gezupften Kleeblatts. Patrick nahm ein Dreiblatt des Klee, dessen drei Blätter für ihn den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist versinnbildlichen: So wie die drei getrennt wachsenden drei Blätter ein Kleeblatt bilden, so bilden die drei göttlichen selbständigen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, die eine wahre Gottheit.

Wie aus den aufgeführten Bildern und vergleichen ersichtlich ist, begleiten bildhafte Erklärungen der Heiligen Dreifaltigkeit die Christen seit frühester Zeit und bis auf den heutigen Tag. Sicherlich könnte man die Beispiele unendlich fortsetzen, denke man z.B. an die drei Zustände des einen Wassers in Form von Eis, Flüssigkeit und Dunst, aber auch viele andere. Und doch bleiben all die Bilder und Vergleich nur unzureichende Hilfen, die mitunter sogar irreführend sein können. All diese Bilder bleiben Versuche der Annäherung des menschlichen Geistes an das eigentliche Wesen Gottes. Sie bleiben Versuche und daher immer auch hinter der eigentlichen göttlichen Wirklichkeit zurück. Gott bleibt ein unerklärliches Geheimnis.

Ein sehr interessantes liturgisches Symbol für die Erklärung des dreifaltig-einen Gottes habe ich während meines Grundstudiums in Eichstätt entdeckt. Dank der Feier der Liturgie im syro-malankarischen Ritus im Collegium Orientale habe ich eine Ritushandlung dieser Liturgie lieb gewonnen, die sogenannte Segnung des Rauchfasses im Wortgottesdienst der malankarischen Eucharistie (siehe die unten stehende Videoaufnahme). In der Liturgie selber und in den Liturgiekommentaren ist dies eine Handlung, bezogen auf die Heilige Dreifaltigkeit.

Symbolisch steht diese Segnung für den Lobpreis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und ihr Wirken in der Welt. Im Mittelpunkt steht das gewöhnliche Rauchfass mit drei äußeren und einer inneren Kette, das jeder Ritus – auch der lateinische und der byzantinische – kennt: ein kugelförmiges Gefäß wird an drei Ketten, die im oberen Bereich zu einer Halterung zusammengebunden werden, gehalten; sie ermöglichen, dass das Gefäß geschwenkt werden kann. Die vierte mittlere (innere Kette) sorgt dafür, dass der Deckel des Rauchfasses durch seine Bewegung geöffnet werden und dass dadurch der Weihrauch aufsteigen kann. Zunächst erscheint alles ganz praktisch hergestellt und gewöhnlich. Doch haben die syrischen Christen darin ein Symbol für die Dreifaltigkeit und ein Muster ihr Verhalten zur Welt ersonnen.

Die obere Halterung versinnbildlicht für sie den himmlischen Baldachin; das Rauchgefäß selber den Erdenball und alle darauf lebenden Geschöpfe. Die drei äußeren Ketten stehen für den Vater, den Sohn (Gott und Mensch) und den Heiligen Geist. Da der Sohn Gottes Mensch geworden ist und die konkrete Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde sichert, gilt zur seiner Versinnbildlichung nicht nur eine der äußeren Ketten, sondern auch die innere Kette, die den Deckel hoch und herunter fährt. Damit ist alle vier Ketten eine der drei göttlichen Personen zugeordnet. In ihrer gewöhnlichen Reihenfolge werden die vier Ketten nacheinander gesegnet bzw. die einzelnen göttlichen Personen gepriesen: Vater – die erste äußere Kette, der Sohn – die zweite äußere und die mittlere Kette (für seine göttliche und menschliche Natur) und Heiliger Geist – die dritte und letzte Kette des Rauchfasses. Die zwölf Glöckchen, an die drei äußeren Ketten angebracht, symbolisieren die zwölf Apostel, die uns die Botschaft von der Dreifaltigkeit weitergaben. Die sich verzehrende Kohle und die Rauchgaben bedeuten die sich mühenden Menschen, die ihre guten Werke vollziehen, Gott preisen und untereinander friedlich leben, was im aufsteigenden und Gott wohlgefälligen Wohlgeruch des Weihrauchs zum Ausdruck kommen soll. Die Ketten werden während der Liturgie beeindruckend gesegnet und dankbar besungen: Sie stehen für die Treue und ungebrochene Zuneigung Gottes zu seinen Geschöpfen.

Auf diese Weise versuchen die syrischen Christen in ihrer Liturgie nicht nur die Dreifaltigkeit zu deuten und zu verstehen, sondern zeichnen mit ihrem Weihrauchritus eine ganze Kosmologie und die darin beinhaltete Heilshandlung Gottes. Das Besondere dabei ist, dass es dabei wunderbar zum Ausdruck kommt: Unsere Welt hat ihren sicheren Halt im Himmel; es ist ihr eine unverlierbare Hoffnung geschenkt, und zwar durch die Treue der drei Personen, besonders des menschgewordenen Sohnes Gottes, die sich beständig um uns Menschen kümmern. Der deutsche Text der Segnung der Ketten lautet:

Der Priester steht dem Rauchfassträger gegenüber und legt Weihrauch auf. Dann ergreift er eine der Ketten des Rauchfasses und segnet sie: „Ich, ein schwacher und demütiger Sünder, bekenne und sage: Heilig ist der ♱ Heilige Vater.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die nächste äußere und die mittlere Ketten und segnet sie: „Heilig ist der ♱ Heilige Sohn.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die letzte Kette und segnet sie: „Heilig ist der lebendige ♱ Heilige Geist, …“ und er beräuchert den Altar, das Evangelium und das Volk. Dabei fährt er fort: „… der den Weihrauch seines sündigen Dieners heiligt und Mitleid hat mit unseren Seelen und den Seelen unserer Väter, Brüder, Schwestern und Lehrer und der Verstorbenen und aller im Glauben entschlafenen Kinder der heiligen Kirche in beiden Welten von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Gemeinde: „Amen.“

Eine gesegnete Pfingstzeit und einen reichen Segen des dreifaltig-einen Gottes wünscht Ihnen allen das Collegium Orientale!

Slawenapostel Kyrill – ein großer Europäer im Heiligenkalender

Es ist für mich persönlich eine große Auszeichnung und gleichzeitig eine Ehre, die folgenden Zeilen zum 1150. Todestag des großen Slawenapostels und Patrons von Europa, des heiligen Kyrill zu schreiben. Und dies aus mehreren Gründen:

  1. stammt meine Familie väterlicherseits – wie sich aus meinem Familiennamen unschwer erkennen lässt – aus jenem Raum, denen der heilige Kyrill das Christentum in ihrer Muttersprache vermittelte,
  2. bin ich als junger Theologe in jenes Kloster eingetreten, das sich wenige Kilometer von der heutigen tschechischen Grenze und vom ehemaligen Eisernen Vorhang befindet und
  3. gehörte mein Heimatkloster in Österreich über viele Jahrhunderte zur so genannten böhmischen Zirkarie unseres Prämonstratenserordens.

Das alles motivierte mich auch in meiner 11-jährigen Abtszeit das Erbe der beiden Slawenapostel durch die Errichtung einer byzantinischen Kapelle und die Feier der Gottesdienste im byzantinischen Ritus zu bewahren, im klaren Bewusstsein, dass unsere Kirche und unser Europa nach dem Wort des mittlerweile heiliggesprochenen Papstes Johannes Pauls II. „mit beiden Lungenflügeln“ atmen müssen. Wenn wir das Leben und die Wirkungsgeschichte des heiligen Kyrill betrachten, so können wir mit Fug und Recht behaupten, dass er und sein Bruder Methodius als große Europäer bezeichnet werden können.

Die Brüder Kyrill und Methodius. Foto: COr/Myrosh

Kyrill – der ursprünglich Konstantin hieß – und sein Bruder Methodius stammten aus einer hochrangigen byzantinischen Beamtenfamilie in Thessaloniki und wurden im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts geboren, also zu jener Zeit, in der Thessaloniki sich aus dem Einflussbereich des Bischofs Roms löste und in die Jurisdiktion des Patriarchen von Konstantinopel überging. Die gediegene Ausbildung, die Konstantin-Kyrill in Konstantinopel erhielt, trug ihm den Bei- und Ehrennamen „Philosoph“ ein. Die entscheidende Wende in seinem und seines Bruders Leben trat mit der Entsendung der beiden Brüder durch den byzantinischen Kaiser Michael III. und Patriarch Photios I.  in das Großmährische Reich im Jahre 863. Der große Verdienst der beiden Brüder war die von ihnen kodifizierte altslawische Sprache, mit der sie die Bevölkerung des Großmährischen Reiches leichter erreichten, als die bayrischen Priester, die die lateinische Sprache verwendeten und des Slawischen kaum mächtig waren.

Aufgrund des Vorwurfes der Verwendung einer unkanonischen Sprache mussten sich die beiden Brüder in Rom vor Papst Hadrian II. rechtfertigen, erreichten aber die Anerkennung der slawischen Liturgiesprache im Jahre 867. Konstantin trat in Rom in ein dortiges Kloster ein, nahm den Mönchsnamen Kyrill an und verstarb dort am 14. Februar 869. Er liegt in der altrömischen Basilika S. Clemente begraben.

Das missionarische Wirken des heiligen Kyrill kann man als die erste wirkliche Evangelisierung der Slawen bezeichnen, obwohl oder gerade weil sie mit heftigen Widerständen von Seiten der Bischöfe von Regensburg und Salzburg rechnen musste, denen Böhmen nach dem Ende des Großmährischen Reiches Anfang des 10. Jahrhunderts endgültig unterstellt wurde, so dass der lateinische Ritus endgültig an die Stelle des slawischen trat.

Wenn ich anfänglich die beiden Brüder als große und echte Europäer bezeichnete, dann zeigt sich das in besonderer Weise am Wirken und der Geisteshaltung des heiligen Kyrill. Sein Verständnis von der Menschenwürde, das seinem Programm zugrunde lag, lässt sich vom Schöpfungswerk Gottes ablesen, das alle Menschen betrifft, da alle von Gott geschaffen sind. Auch der Weg diese Menschenwürde zu erlangen, steht allen Menschen offen, da Christi Erlösungswerk alle Menschen betrifft. Das war auch die grundlegende Haltung seines Missionsverständnisses, das keine Zwangsbekehrungen und Massentaufen wollte, sondern freiwillige Zustimmung zu jenen Werten, die aus dem Leben und Wirken Jesu Christi resultieren.

Aus diesem Grunde war ihm auch ein verstehender Glaube wichtig, was sich auch in der von ihm und seinem Bruder Übersetzung der ganzen Bibel ins Altkirchenslawische niederschlug. Kyrill und Methodius haben sich daher das friedliche Einbeziehen der slawischen Völker in die Staaten- und Kulturwelt ihrer Zeit – trotz zahlreicher Spannungen und Rückschläge – zum Ziel gesetzt und dieses Ziel auch erreicht. Es war wohl das hohe Bild vom Menschen, das er durch seine monastische und geistliche Prägung erhielt, und das ihn befähigte, in allen kirchenpolitischen Spannungen den Frieden zu suchen, „die anderen“ nicht zu verketzern und das Anrecht der „neuen Völker“ Europas auf den ihnen gebührenden kirchlich-kulturellen Eigenstand zu vertreten.

Papst Johannes Paul II. hat in seinem Apostolischen Schreiben „Slavorum Apostoli“ zum 1500. Todestag des heiligen Kyrill diese Eigenschaften besonders hervorgehoben und wie folgt charakterisiert: „Die Heiligen verkündeten eine Botschaft, die sich für unsere Zeit als sehr aktuell erweist, welche gerade wegen vieler schwieriger Probleme religiöser und kultureller, gesellschaftlicher und internationaler Natur eine lebenskräftige Einheit in der konkreten Gemeinschaft der verschiedenen Bestandteile sucht… Die beiden Brüder vollbrachten ihre Sendung nicht nur in hoher Achtung vor der bei den slawischen Völkern schon bestehenden Kultur, sondern haben diese zusammen mit der Religion auf hervorragende und ständige Weise gefördert und bereichert…. Kyrill und Methodius leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Bildung Europas, und zwar nicht nur in der religiösen, christlichen Gemeinschaft, sondern auch für seine gesellschaftliche und kulturelle Einheit. Sie legten bei den slawischen Völkern das Fundament für eine christliche-humanistische Prägung der Gesellschaft, die heute durch Begriffe wie Menschenwürde, Freiheit, Unantastbarkeit der Person, Gerechtigkeit, Solidarität und personelle Verantwortung charakterisiert ist.“ (Slavorum Apostoli Nr. 26 u. 27)

Schlussendlich bilden die Slawenapostel eine „geistige Brücke zwischen der östlichen und westlichen Tradition, die beide in der einen großen Tradition der universalen Kirche zusammenfließen. Sie sind Beispiele und zugleich Fürsprecher in den ökumenischen Bestrebungen der Schwesternkirchen des Ostens und Westens, um durch Dialog und Gebet die sichtbare Einheit in der vollkommenen und umfassenden Einheit wiederzufinden.“ (Ebd. Nr. 27)