Archiv der Kategorie: Europa

Shalompreis 2020 für Projekt „War Children Hospital“

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt verleiht den Shalompreis 2020 an Massimo Del Bene aus Monza. Der Chirurg wird für sein unermüdliches Engagement für Folteropfer aus libyschen Flüchtlingslagern und sein Projekt „War Children Hospital“ ausgezeichnet. Die Verleihung findet am 25. April statt.

Am vergangenen Sonntag, 2. Februar, fand der Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Shalompreis-Aktion im Salesianum Rosental statt. Mitglieder des Arbeitskreises Shalom formulierten, was Frieden für sie bedeutet. Frieden ist, wenn wir nicht wegsehen. Zum Beispiel wenn es um Flüchtlinge geht. Das Europäische Netzwerk „United against refugee deaths“ mit Sitz in Amsterdam hat seit 1993 insgesamt 36.570 im Mittelmeer ertrunkene Migranten gezählt. Das sind nur die, die man fand.

Am 31. Januar hat ein Bündnis unter dem Namen „United for rescue“ aus evangelischer Kirche, katholischen Organisationen – zum Beispiel BDKJ, Arbeitnehmerbewegung, Ärzte ohne Grenzen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Regisseur Wim Wenders, dem Bürgermeister von Palermo und vielen anderen ein Rettungsschiff gekauft. „Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus.“ So formulierte es Kardinal Marx bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in München im Dezember 2019.

Frieden bedeutet, nicht wegzusehen

Frieden bedeutet Versöhnung. So wie es zum Beispiel die Shalompreisträger von 2016 leben. Robi Damelin aus Israel verlor ihren Sohn, Student der Philosophie und Pädagogik, durch einen palästinensischen Scharfschützen. Mazen Faraj, Palästinenser, verlor seinen Vater durch Schüsse eines israelischen Soldaten. Die beiden wollen, wie mehr als 600 Familien, die im Parents‘ Circle Families Forum zusammengeschlossen sind, Versöhnung und nicht Hass.

Oder die Shalompreisträger von 2018, der Rechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader. Darwish wurde dreieinhalb Jahre in einem Foltergefängnis des syrischen Regimes gefangen gehalten. Einfach, weil er die Wahrheit schrieb über die Niederschlagung friedlicher Proteste. Nach seiner Freilassung, für die sich weltweit Schriftsteller und Journalisten einsetzten, ist er nicht voller Rachegefühle. Er und die anderen Mitarbeiter des Projektes Syrian Center for Media and Freedom of Expression arbeiten dafür, dass andere Gefangene freikommen, oder wenn sie ermordet wurden, nicht vergessen werden. Vor internationalen Gerichten setzen sie sich dafür ein, dass Folterer des Assad-Regimes vor Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist dies auch in Gerichten im Ausland möglich. Erste Anklagen erfolgten 2019 in Deutschland.

Frieden ist auch, nicht zu vergessen. Am 27. Januar gedachte die Welt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Hier fanden 1,1 Millionen Menschen einen grausamen Tod. Über sechs Millionen Juden wurden durch Nationalsozialisten ermordet. „Wo war die Welt?“ fragte bei der Gedenkfeier in Ausschwitz eine Überlebende. Die Stolpersteine des Künstlers Günter Demnig, die auf Initiative eines Lehrers und von Schülerinnen und Schülern des Gabrieli-Gymnasiums gelegt wurden, erinnern uns an die aus Eichstätt vertriebenen und ermordeten Juden. Es gibt Menschen, die nicht ertragen, wenn jemand eine Blume zum Gedenken an die Stolpersteine legt. Frieden ist, nicht zu vergessen.

Pater Stefan Weig (links) und Dr. Gerhard Rott (rechts) mit Mitgliedern des AK Shalom beim Aktions-Eröffunggottesdienst im Salesianum Rosental. Foto: Praller-Rott

In diesem Jahr haben alle katholischen Hilfswerke ein gemeinsames übergeordnetes Thema: Frieden. Dies war ein Anlass für den Leiter des Referates Weltkirche, Dr. Gerhard Rott, vor der Gemeinde zu sprechen. Rott zitierte Papst Franziskus, der als wichtigste Voraussetzung für Frieden den Dialog sieht und das Zuhören. Da man im Sitzen, auf Augenhöhe, gut zuhören könne, nahm er sich einen Stuhl. Pater Stefan Weig wies in seiner Predigt darauf hin, dass der AK Shalom immer wieder auf Wunden hinweise und ein Licht sei. Deshalb sei der 2. Februar auch ein sehr passender Termin für den Shalom-Eröffnungsgottesdienst.

Massimo Del Bene

Der Shalompreisträger 2020, Massimo Del Bene, ist ein renommierter plastischer Chirurg. Er ist spezialisiert auf die Operation von Händen. In Italien war er der erste Arzt, der beide Hände zugleich operierte. Unter anderem durch die Wiederherstellung von Nervenbahnen können die Hände wieder funktionsfähig gemacht werden.

Der 66-Jährige in Monza arbeitende Arzt hat in den letzten Jahren sehr viele Flüchtlinge, die zuvor in libyschen Lagern gefoltert wurden, operiert. Wie Del Bene immer wieder mit Entsetzen feststellt, werden die Flüchtlinge in den Lagern in Libyen mit grausamsten Methoden an Händen und Füßen gefoltert, um Geld von Verwandten und Freunden zu erpressen. Es werde bewusst so misshandelt, dass die Folgen für die Überlebenden mit jedem Schritt und jeder Bewegung spürbar seien. Massimo Del Bene spricht von mittelalterlichen Foltermethoden und kann eine lange und traurige Reihe von Röntgenaufnahmen als Belege liefern.

Den bekennenden Christen macht das Reden über Migranten, die angeblich keine Gründe hätten, zu fliehen, ebenso wütend, wie die Tatsache, dass die Staaten der Europäischen Union Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder Seenotretter kriminalisiert werden. Das Zurückschleppen von Migranten nach Libyen hält er aufgrund der Situation in den libyschen Lagern für unhaltbar.

Damit eine Wiederherstellung der Hände erfolgreich sein kann, ist es wichtig, sie möglichst bald nach der Verletzung zu operieren. Leider müssen die Geflüchteten aber häufig monate- oder jahrelang in den Lagern aushalten. Wenn sie dann die Überfahrt nach Italien überleben, können sie von Spezialisten wie Dr. Del Bene operiert werden.

Massimo Del Bene möchte seinen Traum von einer Spezialklinik für Kinder, die durch Kriege verletzt wurden, umsetzen. Die Behandlung von Kriegsverletzungen ist in der Regel eine Notversorgung und häufig bleibt nur die Amputation.

Mitarbeiter von Physicians for Human Rights – Ärzte für Menschenrechte – haben belegt, dass seit 2011 durch gezielte Attacken auf Krankenhäuser durch das Regime von Bashar al-Assad – und seit 2015 vor allem durch russische Kampfflugzeuge – 916 Ärzte und Ärztinnen in Syrien getötet wurden.

Mit Hilfe von abgehörten Funksprüchen der russischen Piloten, Videoaufnahmen der zerstörten Krankenhäuser, Logbücher der Flugzeuge, die geleakt wurden, konnte dieses bewusste Bombardieren von Krankenhäusern belegt werden. Im Oktober 2019 veröffentlichten Journalisten der New York Times diese Belege des Vorgehens der russischen und syrischen Kampfpiloten.

Die heutige Chirurgie bietet viel mehr erhaltende Hilfsmöglichkeiten. Da die Ärzte und Ärztinnen der Regel nicht in Kriegsgebiete, wie derzeit nach Syrien, in den Irak oder nach Afghanistan reisen können, wäre es wichtig, die Kinder nach Italien zu bringen. Es gibt bereits konkrete Pläne mit den Fachleuten in der Lombardei, die bereit sind, freiwillig in dem geplanten War Children Hospital zu arbeiten. Das alte Hospital von Legnano ist für das Krankenhaus vorgesehen. Auch mit der UNICEF ist Dr. Del Bene im Gespräch. Spenden für das Krankenhaus für im Krieg verletzte Kinder sind dringend notwendig.

Die Verleihung des Shalompreises findet am Samstag, 25. April, um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz in Eichstätt statt. Am 24. April ebenfalls um 19.30 Uhr spricht der Preisträger über seine Arbeit für die in libyschen Flüchtlingslagern gefolterten Menschen und das geplante War Children Hospital. Der Abschlussgottesdienst wird am Sonntag, 26. April, um 10.45 Uhr im Salesianum Eichstätt sein.

Spenden unter dem Stichwort
„Shalompreis 2020 – Katholische Hochschulgemeinde“
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN: DE 34721608180109620320

Aktualisierung vom 16. März 2020: Aufgrund der aktuellen Gefährdungssituation durch das CoV-2-Virus sagt der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden die geplante Preisverleihung am 25. April 2020 ab. Die Veranstaltungen – der Vortrag, die Shalompreisverleihung und der Abschlussgottesdienst – werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Keiner soll alleine glauben – 170 Jahre Bonifatiuswerk

Als Seelsorgeheferinn begann Barbara Naumann 1956 in der Pfarrei Christus König Luckau. Bei jedem Wetter machte sie sich auf, um auf den 56 Dörfern die verstreut lebenden katholischen Familien zu besuchen. „Am Küchentisch habe ich die Kinder in Religion unterrichtet“, erzählt die heute 87-Jährige. So erinnert sie sich, wie sie in Eisenhüttenstadt von Tür zu Tür gehen musste, um von den Einwohnern zu erfahren, wer von ihnen katholisch ist: „Nicht wenige haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen oder drohten mir, mich von der Vortreppe zu schupsen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, zitiert sie einen Slogan der staatlich verordneten Entchristlichung.

Der Bonifatiusverein, der seit 1968 den Namen „Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken“ trägt, habe die Katholiken in der DDR durch diese schwierige Zeit begleitet, betont Naumann. Das Bonifatiuswerk bildete während der 40-jährigen deutschen Teilung das zentrale Werk der Solidarität zwischen den Gläubigen in West und Ost. Ungefähr 454 Millionen DM konnten zwischen 1949 und 1990 der Kirche in der DDR zugeleitet werden.

Wenn das Bonifatiuswerk auf seine 170-jährige Geschichte zurückblickt, gelten die 40 Jahre der deutschen Teilung als ein Ausrufezeichen der Solidarität mit Katholiken, die als Minderheit ihren Glauben leben. Dabei stand das Hilfswerk stets vor großen Herausforderungen. Am 4. Oktober 1849 auf der „Dritten Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“ in Regensburg gegründet, sollte der Bonifatiusverein Hilfe „für arme katholische Gemeinden“ in der Diaspora leisten sowie ein „Missionsverein in und für Deutschland“ sein.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 stieg die Zahl der Katholiken in den Industriezentren sprunghaft an. Das Bonifatiuswerk unterstützte in dieser Zeit den Bau von Kirchen und katholischer Infrastruktur. Zudem weitete sich der Blick auf neue Nöte. So gründeten Paderborner Kaufleute 1885 den „Bonifatius-Sammelverein“, der sich für Waisenhäuser engagierte. 1891 bildete sich der „Schutzengelverein“, später „Bonifatiuswerk der Kinder“, für die Förderung katholischer Schulen. Gemeinsam mit dem 1921 gegründeten „Bonifatiuswerk der Jugend“ bilden die beiden Kinderhilfswerke die Wurzel der heutigen Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1918 sammeln auf Beschluss der deutschen Bischöfe die Erstkommunionkinder und seit 1952 die Firmbewerber für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt der Bedarf an neuen katholischen Orten in den Städten an. Während der Weimarer Republik entstanden jährlich fast 40 Kirchen. Der Nationalsozialismus allerdings schränkte das Wirken des Bonifatiuswerkes ein, bis es zum Erliegen kam. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Mit der Gründung der Diaspora-MIVA 1949 wurde die heutige Verkehrshilfe ins Leben gerufen. Die rapsgelben BONI-Busse, von denen derzeit circa 600 in den Diasporaregionen in Deutschland unterwegs sind, sind bis heute ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung. Aufgrund von Flucht und Vertreibung kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Katholiken in bis dahin evangelisch geprägte Gebiete. Das Bonifatiuswerk förderte daher den Bau von Notkirchen, Priesterwohnungen, Gemeinderäumen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten allein in Deutschland mehr als 2.000 zerstörte Kirchen wiederaufgebaut werden. Von 1949 bis heute wurden sogar mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten unterstützt.

Mit der deutschen Teilung erlebten sich Katholiken in der DDR nicht mehr nur in einer Minderheitensituation, sondern auch unter einer Staatsführung, die den christlichen Glauben missbilligte und Gläubige wie Kirche schikanierte. Doch das Bonifatiuswerk blieb über die Grenze hinweg an deren Seite, und der 1966 erstmals abgehaltene „Diaspora-Sonntag“ entwickelte sich zum großen Tag der Solidarität mit den Katholiken in der DDR. Doch das Bonifatiuswerk nahm sich nicht nur der Nöte der Katholiken der innerdeutschen Grenze an. Seit 1974 setzt es sich auch für die Katholiken in der Diaspora Nordeuropas und seit 1995 für die Katholiken in Lettland und Estland ein.

Der Mauerfall bildete ein freudiges Ereignis in der Geschichte des Hilfswerkes. Endlich konnte den Katholiken wieder direkt geholfen werden. Doch der mit der Wende erhoffte Eintritt ostdeutscher Bürger in die Kirchen blieb aus. Vielmehr sehen sich bis heute Christen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Diaspora. Fast 80 Prozent der Einwohner sind weder getauft, noch gehören sie einer Religion an. Eine weltweit besondere Situation, die sonst nur noch in Tschechien und Estland ähnlich ist.

Mit dem Amtsantritt von Generalsekretär Monsignore Georg Austen 2008 begann das Bonifatiuswerk einen Reflexionsprozess zur veränderten Situation der Diaspora in Deutschland. Denn: Die Säkularisierung der Gesellschaft lässt Katholiken in einer emotionalen Diaspora des Glaubens zurück. Das Hilfswerk reagierte mit dem neuen Bereich »Missionarische und diakonische Pastoral«, der heutigen Glaubenshilfe. Sie unterstützt missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit auch in katholischen Regionen. Neu hinzugekommen sind auch das Praktikum im Norden und die Personalstellenförderung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt weiterhin aber in der zahlenmäßig extremen Diaspora in Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum. Unter dem Motto »Hilfswerk für den Glauben« richtet das Bonifatiuswerk seinen Blick in die Zukunft: Denn die Not der Einsamkeit im Glauben fordert die Kirche in ganz neuem Maße heraus, in Ost wie in West, in Nord wie in Süd.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ hat das Bonifatiuswerk zum Ausdruck gebracht, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubenszeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die authentisch leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten. Wenn wir genau hinsehen, finden wir vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern, die aus der Zuversicht des Glaubens leben und handeln. Diese Menschen zu entdecken und sie zu ermutigen, neue missionarische Initiativen anzugehen – um auch Menschen anzusprechen, denen der Glaube fremd ist –, ist für uns ein zentrales Ziel“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. Gleichzeitig dankt Austen all denjenigen, die das Bonifatiuswerk dabei unterstützen, „das Evangelium in unsere Zeit zu übersetzen, und helfen, unsere Werte – die für uns seit der Gründung des Bonifatiuswerkes bis heute Auftrag und Ziel sind – zu leben, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

Mehr zum Thema:
Rückblick: Diaspora-Aktion 2019

Liegt Plankstetten wirklich in Indien?

Natürlich liegt das manchmal als „grünes Kloster“ bezeichnete Benediktinerkloster Plankstetten nicht in Indien, schon gar nicht im bergigen Nordosten Indiens. Aber in der vergangenen Woche hat der Missionsfranziskaner Bruder Collinsius Wanniang bei seiner Tour durch das Bistum Eichstätt, die er im Rahmen der von missio-München und dem Referat Weltkirche organisierten Kampagne zum außerordentlichen Monat der Weltmission machte, diesen Vergleich oft gehört.

Faktisch sind das natürlich zwei komplett unterschiedliche Welten. Die Heimat von Bruder Collin, wie er dort genannt wird, ist eher von der Präsenz protestantischer Christen geprägt als von Hindus. Das mit Hilfe des päpstlichen Missionswerkes missio gebaute Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada ist erst fünf Jahre alt, also kein Vergleich zum altehrwürdigen Plankstetten, das in der katholischen Oberpfalz liegt.

Dennoch gibt es da etwas, was beide Orte verbindet. Es ist die klare Ausrichtung an der Sorge um das gemeinsame Haus, die Bewahrung der göttlichen Schöpfung, die die Benediktiner hier und die Franziskaner dort verbindet. Bei einem Vortrag in Plankstetten hat Br. Collin dies auch klar herausgearbeitet. Bereits am Nachmittag hatte er zusammen mit Bruder Richard den Staudenhof besichtigt und dabei viel gelernt. Die Vitalität des Bodens zu fördern, so erklärte es Bruder Richard, ist die Ausgangsüberlegung. Aufmerksam hörte sein indischer Gesprächspartner zu, die Systematik, mit der hier gearbeitet wird, war für ihn nämlich Neuland.

Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ
Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ

Aber mit Stolz erzählte er von den Fortschritten, welche die Franziskaner im Nordosten Indiens bei der Generierung eines Bewusstseins für die Zusammenhänge in den natürlichen Kreisläufen machen. Erster Schritt sind die Gebete in der Natur, extra wurde dafür ein Kreuz aufgestellt.

Dabei musste ich an das Holzkreuz auf dem Hüttenlagerplatz Almosmühle denken, der zum Jugendhaus Schloss Pfünz gehört. In den Sommermonaten werden dort viele Morgenimpulse, Andachten und Lagergottesdienste gefeiert. Für viele Kinder ist es die erste liturgische Feier in ihrem Leben, die sie nicht in einer Kirche erleben. Dabei gibt es deutliche Parallelen zur Arbeit der Missionare in Indien. Die Unmittelbarkeit der Natur führt zu einem Gefühl der Verbundenheit mit ihr, der Verantwortung für sie. Liegt also nun Orlang Hada im Altmühltal?

Natürlich habe ich Bruder Collin den Lagerplatz gezeigt und obwohl es schon Dunkel wurde hat er ein paar Fotos gemacht. Derartige Zelt- oder Hüttenlager gibt es in seinem Ökospiritualitätszentrum zwar (noch) nicht, aber auch dort hat man die Kinder als wichtige Multiplikatoren erkannt. Darum soll durch den Bau einer Schule sichergestellt werden, dass die nächste Generation schon von Kindesbeinen an lernt, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Es war für mich wirklich spannend zu beobachten, wie man eigentlich immer eine Art funktionales Äquivalent bei einem Projekt findet, das so weit weg durchgeführt wird, in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Es geht also nicht darum, voneinander gedankenlos abzuschreiben, sondern voneinander zu lernen, warum welche Dinge wie gemacht werden. Darum wird es nie eine Kopie Plankstettens in Indien geben müssen, aber es gibt auch dort Menschen, die sich für eine geistige Begründung der Ökologie bemühen. Schließlich benötigt die Menschheit für die Überwindung der gegenwärtigen Krise nicht nur klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Leider stoßen nämlich die Argumente der Wissenschaftler oft nicht auf die nötige Resonanz, solange Gier, Gleichgültigkeit und Egoismus die Hauptantriebsfedern der Menschheit sind. Unumwunden geben die Naturwissenschaftler auch zu, dass sie nicht wissen, wie sie diesen kulturellen und spirituellen Wandel erwirken können.

Vielleicht geht dieser Wandel ja von Zentren wie dem Kloster in Plankstetten, dem Hüttenlagerplatz Almosmühle oder dem Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada aus. Der Boden wäre jedenfalls bereitet und die Saat ist gesät.

Mehr zum Thema:
Missio-Aktion 2019: Das andere Indien
Indien: Der Fluch der Entwicklung

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“

Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht

Die Dreifaltigkeit erklärt?!? – Bilder des dreifaltig-einen Gottes

Eines der zentralen Erkenntnisse des christlichen Glaubens ist, dass Gott dreifaltig ist und auch dreifaltig handelt. So hat er sich uns offenbart, der Eine und Wahre: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses Geheimnis begeht die byzantinische Kirche am Pfingstmontag; die lateinische Kirche feiert ein entsprechendes Fest am Dreifaltigkeitssonntag, dem Sonntag nach Pfingsten.

Zusammen mit der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person, des Wortes Gottes, in Jesus Christus bildet dieser Grundsatz den Kern des christlichen Glaubens. Darin beruht der Unterschied unseres Glaubens zu anderen Religionen. Dieser Glaube macht es den Nichtchristen schwer, sich darauf einzulassen und uns Christen zu verstehen. Für manch einen Monotheisten sind wir fälschlicher sogar Götzenanbeter, weil wir vermeintlich an drei Götter glauben.

Zugleich bildet die Lehre von der Trinität eine harte Nuss auch für uns Christen, besonders wenn es darum geht, diese mit dem menschlichen Verstand erfassen zu wollen. Noch komplizierter wird es für uns, wenn wir dies innerhalb unserer Gemeinschaft weitergeben und auch den Andersglaubenden erklären sollen. Freilich kann dabei immer auf die Unerreichbarkeit und die Unzugänglichkeit Gottes verwiesen werden: Er übersteigt unseren Menschensinn, bleibt ein nicht zu erforschendes Geheimnis und offenbart sich, wann und wo er will und soweit wir Menschen es fassen können. Dies lässt sich in einer Formel zusammenfassen: Würden wir Gott erklären können, würde er aufhören, Gott zu sein.

Auch wenn unsere Vorväter und -mütter im Glauben, dieses Argument im Gottesdienst und in der christlichen Unterweisung immer wieder gebrauchten, blieben sie bei ihm nicht stehen. Ihr Geist – genauso wie der Geist auch eines jeden heutigen Christen und einer jeden Christin – verlangte nach mehr, mindestens nach einer vorläufig zufriedenstellenden Erklärung.

So versuchten viele Heilige und Theologen, sich dem Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit anzunähern, jeder auf seine Art und Weise: in Wort und Bild, mit Beispielen und Beobachtungen in der Natur, im praktischen Leben, nicht zuletzt auch in der Feier der Liturgie mit ihren Symbolen.

Tertulian (+ 220) erklärte beispielsweise seinen nordafrikanischen Christen die Dreifaltigkeit mit dem Vergleich vom Baum mit Wurzeln, Stamm und Zweigen: Alle drei Abschnitte sind auseinanderzuhalten und sind doch unzertrennlich aufeinander bezogen und bilden doch einen einzigen Baum. Auch auf eine andere Naturbegebenheit griff Tertulian wohl als Erster zurück, und zwar: Die Heilige Dreifaltigkeit ist wie das Wasser, das von der Quelle zum Bach und dann zum Fluss fließt: Alle drei tragen das eine gleiche Wasser und doch sind sie drei selbständige Wasserträger.

Der ebenso in Nordafrika wirkende bedeutende Theologe Augustinus von Hippo (+430) zerbrach sich über die Trinität Gottes seinen Kopf. Von ihm wird eine wohl vielen bekannte Geschichte erzählt. Einst ging er am Strand spazieren und begegnete einem spielenden Kind. Augustinus schaute dem Kind zu. Dieses hatte im Sand eine Grube gegraben und versuchte mit einer Muschel Wasser im Meer zu schöpfen und damit diese kleine Sandgrube zu füllen. Voller Verwunderung fragte Augustinus das Kind, wozu dieses erfolglose Mühen, wo das Wasser am Boden der kleinen Grube immer wieder gänzlich verschwand. „Ich fülle das Meer in ein Loch“, sagte voller Gewissheit das Kind. „Aber Kind, nicht im Leben kannst du das große Meer in deine kleine Grube schütten“, sagte Augustinus. Er erhielt zur Antwort: „Und du willst das Geheimnis der Dreifaltigkeit erklären!?“

Trotzdem versuchte es Augustinus und kam auch auf ein Bild. In seinem Vergleich ist er sich einig mit Gregor Thaumaturgos (+ 270), einem kleinasiatischen Vater (heute Türkei), und findet eine Parallele in der Natur des Menschen selbst. Für ihn ähnelt der drei-eine Gott der dreifachen Struktur eines menschlichen Wesens. Das heißt, zur Grundlage des Vergleichs nehmen die beiden Kirchenväter die altbekannte Trichotomie der Natur des Menschen: So wie ein Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht und doch eine einzige Einheit bildet, so ist es auch mit der göttlichen Dreiheit – Vater, Sohn und Heiliger Geist, ein Gott.

Bei den Kirchenvätern findet sich ebenfalls das Bild von den drei dicht aneinandergestellten Kerzen, die mit einer einzigen Flamme brennen. Dies wäre für sie auch ein Symbol und ein Erklärungsversuch des dreifachen und zugleich einen Gottes.

Auch der syrisch-sprachige Orient steht mit seinen Bildern in Bezug auf die dreipersönliche Wesenheit Gottes den byzantinischen und den lateinischen Vätern nicht nach. Der heilige Ephräm der Syrer (+373) sprach vor seinen syrischen Christen von der Sonne mit ihren Strahlen und der darin enthaltenen Wärme, dies auf die Heilige Dreifaltigkeit ausdeutend. Ähnlich lehrte auch Basilius der Große (+379) seine Kirchgänger in Cäsarea in Kappadokien (heutige Türkei), indem er vom Regenbogen mit Sonne, Sonnenlicht und Farben sprach und so die Dreifaltigkeit zu erklären versuchte.

Ähnlich anschauliche Erklärungsversuche der Dreifaltigkeit gab es auch in der nord-westlichen Christenheit. Die Predigt des heiligen Patrick (+461 oder 493), des Patrons Irlands, ist weltweit bekannt und in vielfacher Hinsicht unschlagbar. Auch er stand vor der Herausforderung, zu predigen: Es gibt zwar nur einen Gott, dieser existiert jedoch in drei Personen. Um von den Menschen und besonders von dem keltischen König verstanden zu werden, griff Patrick zu einem – religionspädagogisch gesehen – genialen und aus der Natur kaum zu überbietbaren Mittel. Er verglich das Geheimnis des Einen in Dreien bzw. des Dreifachen in Einem mithilfe eines im Feld gezupften Kleeblatts. Patrick nahm ein Dreiblatt des Klee, dessen drei Blätter für ihn den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist versinnbildlichen: So wie die drei getrennt wachsenden drei Blätter ein Kleeblatt bilden, so bilden die drei göttlichen selbständigen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, die eine wahre Gottheit.

Wie aus den aufgeführten Bildern und vergleichen ersichtlich ist, begleiten bildhafte Erklärungen der Heiligen Dreifaltigkeit die Christen seit frühester Zeit und bis auf den heutigen Tag. Sicherlich könnte man die Beispiele unendlich fortsetzen, denke man z.B. an die drei Zustände des einen Wassers in Form von Eis, Flüssigkeit und Dunst, aber auch viele andere. Und doch bleiben all die Bilder und Vergleich nur unzureichende Hilfen, die mitunter sogar irreführend sein können. All diese Bilder bleiben Versuche der Annäherung des menschlichen Geistes an das eigentliche Wesen Gottes. Sie bleiben Versuche und daher immer auch hinter der eigentlichen göttlichen Wirklichkeit zurück. Gott bleibt ein unerklärliches Geheimnis.

Ein sehr interessantes liturgisches Symbol für die Erklärung des dreifaltig-einen Gottes habe ich während meines Grundstudiums in Eichstätt entdeckt. Dank der Feier der Liturgie im syro-malankarischen Ritus im Collegium Orientale habe ich eine Ritushandlung dieser Liturgie lieb gewonnen, die sogenannte Segnung des Rauchfasses im Wortgottesdienst der malankarischen Eucharistie (siehe die unten stehende Videoaufnahme). In der Liturgie selber und in den Liturgiekommentaren ist dies eine Handlung, bezogen auf die Heilige Dreifaltigkeit.

Symbolisch steht diese Segnung für den Lobpreis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und ihr Wirken in der Welt. Im Mittelpunkt steht das gewöhnliche Rauchfass mit drei äußeren und einer inneren Kette, das jeder Ritus – auch der lateinische und der byzantinische – kennt: ein kugelförmiges Gefäß wird an drei Ketten, die im oberen Bereich zu einer Halterung zusammengebunden werden, gehalten; sie ermöglichen, dass das Gefäß geschwenkt werden kann. Die vierte mittlere (innere Kette) sorgt dafür, dass der Deckel des Rauchfasses durch seine Bewegung geöffnet werden und dass dadurch der Weihrauch aufsteigen kann. Zunächst erscheint alles ganz praktisch hergestellt und gewöhnlich. Doch haben die syrischen Christen darin ein Symbol für die Dreifaltigkeit und ein Muster ihr Verhalten zur Welt ersonnen.

Die obere Halterung versinnbildlicht für sie den himmlischen Baldachin; das Rauchgefäß selber den Erdenball und alle darauf lebenden Geschöpfe. Die drei äußeren Ketten stehen für den Vater, den Sohn (Gott und Mensch) und den Heiligen Geist. Da der Sohn Gottes Mensch geworden ist und die konkrete Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde sichert, gilt zur seiner Versinnbildlichung nicht nur eine der äußeren Ketten, sondern auch die innere Kette, die den Deckel hoch und herunter fährt. Damit ist alle vier Ketten eine der drei göttlichen Personen zugeordnet. In ihrer gewöhnlichen Reihenfolge werden die vier Ketten nacheinander gesegnet bzw. die einzelnen göttlichen Personen gepriesen: Vater – die erste äußere Kette, der Sohn – die zweite äußere und die mittlere Kette (für seine göttliche und menschliche Natur) und Heiliger Geist – die dritte und letzte Kette des Rauchfasses. Die zwölf Glöckchen, an die drei äußeren Ketten angebracht, symbolisieren die zwölf Apostel, die uns die Botschaft von der Dreifaltigkeit weitergaben. Die sich verzehrende Kohle und die Rauchgaben bedeuten die sich mühenden Menschen, die ihre guten Werke vollziehen, Gott preisen und untereinander friedlich leben, was im aufsteigenden und Gott wohlgefälligen Wohlgeruch des Weihrauchs zum Ausdruck kommen soll. Die Ketten werden während der Liturgie beeindruckend gesegnet und dankbar besungen: Sie stehen für die Treue und ungebrochene Zuneigung Gottes zu seinen Geschöpfen.

Auf diese Weise versuchen die syrischen Christen in ihrer Liturgie nicht nur die Dreifaltigkeit zu deuten und zu verstehen, sondern zeichnen mit ihrem Weihrauchritus eine ganze Kosmologie und die darin beinhaltete Heilshandlung Gottes. Das Besondere dabei ist, dass es dabei wunderbar zum Ausdruck kommt: Unsere Welt hat ihren sicheren Halt im Himmel; es ist ihr eine unverlierbare Hoffnung geschenkt, und zwar durch die Treue der drei Personen, besonders des menschgewordenen Sohnes Gottes, die sich beständig um uns Menschen kümmern. Der deutsche Text der Segnung der Ketten lautet:

Der Priester steht dem Rauchfassträger gegenüber und legt Weihrauch auf. Dann ergreift er eine der Ketten des Rauchfasses und segnet sie: „Ich, ein schwacher und demütiger Sünder, bekenne und sage: Heilig ist der ♱ Heilige Vater.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die nächste äußere und die mittlere Ketten und segnet sie: „Heilig ist der ♱ Heilige Sohn.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die letzte Kette und segnet sie: „Heilig ist der lebendige ♱ Heilige Geist, …“ und er beräuchert den Altar, das Evangelium und das Volk. Dabei fährt er fort: „… der den Weihrauch seines sündigen Dieners heiligt und Mitleid hat mit unseren Seelen und den Seelen unserer Väter, Brüder, Schwestern und Lehrer und der Verstorbenen und aller im Glauben entschlafenen Kinder der heiligen Kirche in beiden Welten von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Gemeinde: „Amen.“

Eine gesegnete Pfingstzeit und einen reichen Segen des dreifaltig-einen Gottes wünscht Ihnen allen das Collegium Orientale!