Kategorie-Archiv: Europa

Ein lebendiges Projekt von Renovabis

Renovabis habe ich in den letzten 20 Jahren gleich aus zwei Perspektiven kennengelernt: als Stipendienempfänger in meiner Studentenzeit in Eichstätt und als Mitbetreuer der „lebendigen Projekte“, der Stipendiaten von Renovabis, in meiner Aufgabe als Vizerektor und Rektor des Collegium Orientale. Wenn ich Renovabis höre, sehe ich „grün“ und spüre spontan und dankbar einen frischen Wind des Heiligen Geistes. Ich denke dabei an die grüne Farbe des Logos von Renovabis, die für mich wie keine andere zu diesem Hilfswerk der deutschen Katholiken passt. In den östlichen Kirchen der byzantinischen Tradition, woher ich komme, wird diese Farbe für das Pfingstfest verwendet und ist für das Wirken des Heiligen Geistes reserviert. Grün bedeutet Leben, neuer Anfang, Entfaltung, Gedeihen.

So steht das Grün bei Renovabis in meinen Augen nicht nur für die Ausgießung des Heiligen Geistes, sondern auch für seine jährliche Hauptspendenaktion an Pfingsten. Sie steht zugleich für den partnerschaftlichen Umgang von Renovabis mit den Partnerländern und -kirchen, in denen und für die seine Projekte zur Förderung des Lebens, des kirchlichen und des sozialen Miteinanders, durchgeführt werden. Das Leben spenden, das Leben ermöglichen – das ist die eigentliche Eigenschaft des Heiligen Geistes, des Lebensspenders, wie es im großen Credo heißt. Er spendet das Leben, er macht alles neu und lebendig, wie das junge Grün auf den Feldern im Frühjahr und wie alles, was auf Erden wächst. So steht es Renovabis gut an, diese Farbe in ihrem Logo zu führen, denn nur ein grüner Hintergrund erklärt den Namen „Renovabis – Du erschaffst alles neu“ und beleuchtet dessen Arbeit am besten.

Es war kein Fehler und es war schön, als „Grünschnabel“ nach Deutschland zum Studium zu kommen und dabei von Renovabis als Student und Stipendiat betreut worden zu sein. Und ich bin dankbar und stolz darauf, als Stipendiaten-Alumnus zu den Gewächsen des Hauses Renovabis dazuzugehören und auch derzeit einer seiner Partner zu sein.

In diesem Jahr feiert die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen im Mittel- und Osteuropa, das Bischöfliche Hilfswerk Renovabis, seinen 25. Geburtstag. Rektor Petrynko vertrat das COr beim diesjährigen Renovabis-Kongress und der Feier des 25jährigen Jubiläums in der Katholischen Akademie Berlin vom 26.-28.09.2018. Zum Jubiläum gratulieren wir allen Freunden, Mitarbeitern und Spendern von Renovabis und wünschen in Dankbarkeit von ganzem Herzen: Auf viele Jahre – Eις πολλα ετη მრავალჟამიერ  На многая літа – Ad multos annos!

„Reine Seele trifft aufrichtigen Mann“ oder was man in fünf Tagen in Albanien alles lernen kann

Vier Lektionen habe ich kürzlich bei einer Reise mit dem bischöflichen Hilfswerk für Osteuropa, Renovabis, das in diesen Tagen sein 25 jähriges Bestehen feiert, lernen dürfen. Die Überschrift wird sich allerdings erst am Ende aufklären.

Folter politischer Gegner bis hin zu ihrer Liquidierung und das absolute Verbot der Religionen gehören zur Geschichte Albaniens. Wie jedes Land, das solch ein dunkles Kapitel geschrieben hat, tut es sich schwer mit einem würdigen Umgang mit den Opfern und deren Nachkommen. Auch die fachliche Aufarbeitung fällt nicht leicht. Gut das Justitia & Pax vor Ort den Verfall wichtiger Mahnmahle verhindert. Kein leichter Kontext für Renovabis. Aber dank der guten Projektpartner gelingt es, Versöhnung und soziale Verantwortung zu entwickeln.

Lektion 1: Gute Partner und ein vertrauensvoller Umgang sind immer wichtig.

In der kleinen Stadt Shelqet in der Diözese Sapa setzt die Kirche auf Unterstützung kleinbäuerlicher Familien und hilft bei Produktion und Vermarktung regionaler Produkte. Hier besuchte die RENOVABIS-Gruppe eine kleine Milchfarm, die mit Unterstützung des Hilfswerks traditionellen Feta-Käse produziert: (v.r.n.l.) Sabine Slawik, Stellvertretende Vorsitzende des KDFB Bayern und im KDFB Bundesverband, Shkelzen Marku, Produktionsmanager der Diözese, Gerhard Rott, Weltkirche-Referent der Diözese Eichstätt, Käseproduzentin Adelina, Tome Preku, Leiter der Stiftung „Partnerschaft für Entwicklung“ und Bischof Simon Kulli der Diözese Sapa. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Renovabis fördert und begleitet fachlich ein Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raums in der Diözese Sape. Für viele jüngere Menschen gibt es praktisch keine echte Perspektive. Darum verlassen sie – oft mit schwerem Herzen – ihre Heimat. Die kargen Böden, ein ungünstiges Klima und Landparzellen, die zu klein geschnitten wurden nach dem Ende des Kommunismus, sind zum Leben zu wenig. In Zusammenarbeit mit albanischen Fachleuten hat der junge Bischof von Sape, Simon Kulli, ein tolles Projekt auf die Beine gestellt. Es umfasst Gemüseanbau, Imkerei, sanften Tourismus, Weinproduktion und Viehwirtschaft samt Käseproduktion. Viele Menschen stehen so auf eigenen Beinen, sie haben wieder „den Geruch von Menschen“, so hat es ein Imker selbst beschrieben, als er voller Stolz seinen Honig anbot, der ihm wieder ein würdiges Leben ermöglicht. Toll gemacht Renovabis! Vergleichbares passiert auch in vielen geförderten Berufsbildungszentren, zum Beispiel in Shkodra bei den Salesianern Don Boscos oder in Lehza bei den Ordensmännern der Kongregation der Rogationisten.

Lektion 2: Wenn sich der Staat seiner Verantwortung nicht stellt, ist die Kirche mit Rat und Tat an der Seite der Armen und begreift die Ressourcen, die vor Ort gegeben sind, als wichtigen Bestandteil zur Lösungen de Herausforderungen.

Schwester Christine und Schwester Michaela gehören dem Orden der Spirituellen Weggemeinschaft an. Ihr Kloster ist nach der Mutter der Barmherzigkeit benannt und es wird bei aller Professionalität der 25 Mitarbeitenden auch in diesem Geiste geführt. Es vergehen keine 15 Minuten, ohne dass Schwester Christine nicht ihre Ausführungen unterbrechen muss, weil ein Notfall oder ein dringender Anruf ihre volle Aufmerksamkeit einfordern.

Fröhliches Miteinander der RENOVABIs-Gruppe mit den Schwestern Christina (6.v.l.) und Michaela (lks.)  im kleinen Kloster und Sozialzentrum in Dobrac bei Shkodra/Albanien: Zusammen mit einer aufgeweckten Jugendgruppe, die die Schwestern wöchentlich leiten, erfuhr die Gruppe von den Hoffnungen und Träumen der jungen Menschen, die die Gäste aus Bayern mit einem traditionellen albanischen Abend mit Essen, Tanz und Musik überraschten. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Da das albanische Gesundheitssystem nur funktioniert, wenn man über genügend Geld verfügt, um die Privatbehandlung zu bezahlen, kommen viel Nachbarn in Not hierher. Es sind Muslime und Christen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus den Bergen an den Stadtrand gezogen sind. Dort mussten die Männer als Hirten und Bauern Verantwortung tragen, hier aber „versiffen“ sie. So deutliche Worte wählt Schwester Christine immer, wenn sie über die Folgen von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Depression spricht. Die Schwestern heilen aber nicht nur Wunden, sie packen mit an und schaffen Perspektiven. Unter ihrer Anleitung bauen die Männer eine Straße, Mülltonnen wurden flächendeckend aufgestellt und regelmäßig erfolgt die Entsorgung. Soweit ein ganz normales Projekt engagierter Schwestern. Aber als Schwester Christine und Schwester Michaele mit uns in kleinen Gruppen zu sehr armen Familien fahren, die z.T. in der sogenannten Blutrache leben und wir uns bemühen, diesen sehr eigenartigen Lebenskompass zu begreifen, fehlen mir die Bezugspunkte. Das bleibt mir fremd und unverständlich.

Besuch im Berufsschulzentrum „Shkolla e mesme profesionale – Shen Jozefi Punetor“ in Rreshen, Diözese Sapa: Hier unterstützt das Bistum Sapa und RENOVABIS eine von einem italienischen Orden begründete Berufsschule für rund 320 Schüler, die in den Bereichen Spenglerei, Elektrotechnik, Automechanik sowie bald auch im Gastronomiesektor ausgebildet werden. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Lektion 3: Man kann nur lernen, was man lernen kann. Manches kapiert man nicht so einfach.

Das Zusammenleben von Christen – vorwiegend Katholiken – und Muslimen ist in Albanien auf den ersten Blick sehr unproblematisch. Sicher liegt das auch daran, dass beide Konfessionen während des Kommunismus Seite an Seite schwer gelitten haben. „Es spielt keine Rolle, wer der richtige Gott ist, es gibt einen Gott und das zählt“, sagt eine Gesprächspartnerin. Vermutlich trägt auch die liberale, moderne Auslegung des Islam viel dazu bei.  Auch religionsverbindende Eheschließungen sind eine Realität. Auf unsere Nachfrage lädt man uns ein, mitzukommen und anzuschauen, wie das geht. Da könnten wir vielleicht etwas lernen. Am wichtigsten ist aber der Respekt, den man sich gegenseitig entgegen bringt. Bestes Beispiel ist diese Anekdote: Als ein muslimischer Gelehrter zu seinem gerade verstorbenen Onkel kommt, sieht er zu der christlichen Ordensschwester, die den Mann in den Tod begleitet und dabei im Arm gehalten hat, als er noch nicht da war und sagt zu ihr: „Du hast eine reine Seele“, worauf diese erwidert: „Und du bist ein aufrichtiger Mann.“

Lektion 4: Albanien als Mitglied der Europäischen Union hat uns etwas zu bieten: eine Perspektive der friedlichen, konstruktiven Kooperation mit dem Islam. Das könnte mehr wert sein als ein paar Prozente in der Handelsbilanz.

Von Fernweh und Heimweh oder: Was uns leben lässt

Wieder daheim. Nach sieben Jahren in der Auslandsseelsorge bin ich wieder daheim angekommen. Zumindest vorerst. In Pietenfeld, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Heimatort Tauberfeld, feiere ich mit der Dorfgemeinde und einer Reisegruppe aus unserer Auslandsgemeinde in Barcelona eine heilige Messe. Wir feiern das Fest der beiden Apostelfürsten Peter und Paul (die zwei wichtigsten Gründergestalten unserer Kirchengeschichte, die in ihrer Persönlichkeit vielleicht nicht unterschiedlicher hätten sein können, der eine traditionell und eher ängstlich, der andere weltgewandt und nach vorne drängend). Dem Gottesdienst schließt sich ein fröhlicher bayrischer Abend an, selbstverständlich mit einer zünftigen Brotzeit, mit Blasmusik und Volkstanz.

In meiner Zeit als Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona war es zu einer guten Tradition geworden, einmal im Jahr eine „Bayernfahrt“ zu unternehmen. Unsere Ziele waren aber weniger die berühmten Sehenswürdigkeiten des schönen Bundeslandes, sondern vielmehr die Schönheiten „meiner“ Heimat. Meine Freunde aus Barcelona interessierten sich dafür, woher ich komme, wo meine Familie lebt und wer meine Freunde sind. Und ich freute mich andererseits, ihnen „meine“ Heimat zeigen zu dürfen, die Orte und Menschen, die mein Leben geprägt haben. Gleichzeitig kamen natürlich auch unzählige Freunde aus der „alten Heimat“ mich in der „neuen Heimat“ besuchen. Rasch waren die 1500 Kilometer zwischen alter und neuer Heimat nur noch einen „Katzensprung“ voneinander entfernt und nicht nur mein Horizont war um ein Vielfaches erweitert worden.

„Ottmar, das machst du!“ Der Personalchef der Diözese stimmte sofort zu, ja er ermutigte mich, als ich mit der Idee zu ihm kam, für eine bestimmte Zeit in die Auslandsseelsorge zu gehen. „Und wenn du dann nach einigen Jahren mit deinen Erfahrungen wieder zurück kommst, wird das auch irgendwie für uns eine Bereicherung sein.“ Auf eine derartige Offenheit und einen solchen Weitblick war ich gar nicht gefasst. Aber er hat recht: Was mich persönlich bereichert, wird letztlich auch andere irgendwie bereichern.

Vielleicht war es zunächst Fernweh, was mich hinaus in die große weite Welt lockte. Fernweh allein kann es aber nicht gewesen sein. Es muss vielmehr auch eine Sehnsucht nach Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten, nach dem Andern gewesen sein. Denn auch ich bin plötzlich ganz neu angefragt, meine Überzeugungen und meine Visionen, genauso wie meine Wurzeln und meine Herkunft. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue, konkrete Bedeutung. Neues kennenlernen bedeutet gleichzeitig sich selber kennenlernen. Fremdes schätzen lernen setzt voraus, mich selber zu schätzen, das was mich in Vergangenheit geprägt und wachsen lassen hat.

„Herr, wo wohnst du? – Kommt und seht!“ Es ist das Interesse am Andern und gleichzeitig die Bereitschaft, sich dem Andern zu zeigen. Das und nur das ermöglicht Begegnung. Das und nur das lässt uns wachsen und leben.

Heiliges Grab aus Eichstätt wird in der Ukraine nachgebaut

Die Eichstätter Version des Heiligen Grabes in der Heilig-Kreuz-Kirche steht nun auch in der Ukraine: Im Marienwallfahrtsort Zarvanytsja entstand in den letzten Jahren eine Kopie. Die Idee dazu hatte der Metropolit von Ternopil, Vasyliy Semenyuk, vor längerer Zeit. Der Plan war die heiligen Stätten von Jerusalem in der Ukraine nachzubauen und sie für die Verehrung in der Ukraine zugänglich zu machen.

Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt

Bei den Planungen entschied man sich das Heilige Grab von Eichstätt der jetzigen Version in Jerusalem vorzuziehen. Beim Eichstätter Bau handelt es sich nämlich um eine Kopie des ursprünglicheren Zustands – das Heilige Grab in Jerusalem erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder Renovierungen, die sich auch in veränderter äußeren Gestalt des widerspiegelten. Das Heilige Grab in der Eichstätter Heilig-Kreuz-Kirche ist ein leicht verkleinerter, sonst aber detailgetreuer Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem, wie es im 12. Jahrhundert ausgesehen hat. Der Bau ist aufgrund seiner Genauigkeit und seines guten Zustandes einzigartig.

Parallele zwischen Eichstätt und Zarvanytsja

Der Grund für den Bau einer Kopie des Heiligen Grabes war sowohl in Eichstätt (1166) als auch in der Ukraine (2014-2018) der gleiche: die heiligen Stätten des Lebens, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht reisen oder pilgern können, in die Heimat zu bringen und auf diese Weise das geistliche Leben und die Frömmigkeit zu fördern. Nach wie vor ist es so, und wird wohl aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage noch lange sein, dass es für viele Gläubige – orthodox oder katholisch – in der Ukraine nicht möglich, nicht erschwinglich ist, ins Heilige Land zu reisen.

Wie die Idee entstand

Bei einem der Besuch des Collegium Orientale im Jahr 2013 erzählten Rektor Paul Schmidt und Vizerektor Oleksandr Petrynko dem Erzbischof Semenyuk und seinem Begleiter, dem Wallfahrtsrektor von Zarvanytsja, Volodymyr Firman, von dem Heiligen Grab in Eichstätt. Dabei stand die Geschichte der Entstehung des Hl. Grabes in Eichstätt und seine gottesdienstlich Verwendung im Mittelpunkt. Nach der Besichtigung des Grabes haben die beiden Gäste für dieses Modell Feuer gefangen. Dieses Grab sollte auch in der Ukraine stehen. Rektor Paul Schmidt vermittelte die Zeichnungen vom Diözesanbauamt, wofür die Architekten in der Ukraine vor Ort sehr dankbar waren. Die Architekten haben einige Monate später die ehemalige Kapuziner nochmals besucht, um sich das Realbild des Grabes vor Augen führen zu lassen und auch die letzten Messungen vorzunehmen, bevor es in der Ukraine dann konkret an die Planungen und den Bau ging.

Der Marienwallfahrtsort Zarvanytsja

Die Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt steht in Zarvanytsja. Der Ort entwickelte sich zum größten Marienwallfahrtsort in der Westukraine. Seine Gründung geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Ein Mönch aus dem Höhlenkloster in Kiew, der wie viele seiner Mitbrüder vor der Mongoleninvasion auf der Flucht in den Westen war, machte einen Rast im Wald: Am heutigen Ort des Dorfes Zarvanytsja. In einem Traum erschien ihm die Gottesmutter und teilte ihm mit, dass dies ein besonderer Gnadenort ist. Vom Schlafe erwacht, ließ er sich mit einigen Mitmönchen hier nieder und erbaute hier über der Quelle eine Marienkapelle mit einer Marienikone, vor der in den nachfolgenden Zeiten und bis heute viele Menschen Heilungen erfuhren und erfahren.

Nachdem die ukrainische griechisch-katholische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 von den Sowjets verboten wurde, wirkten viele Gemeinden in den Untergrund. Einer der Untergrundpriester war auch Vasyliy Semenyuk, der mit vielen Gläubigen nachts heimlich kleinere Wallfahrten in den Wald von Zarvanytsja durchführte. Auf diese Weise bewahrte dieser geschichtliche Ort der Volksfrömmigkeit auch in der kirchenfeindlichen Zeit der Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1990 hatte sich Semenyuk – als Rektor des Seminars und auch als Erzbischof von Ternopil – des Wallfahrtsortes angenommen, baute die Stätte wieder auf und erweiterte sie nun durch das „ukrainische Jerusalem“.

Die Einweihung des Heiligen Grabes

Am 27. August wurde die Kopie des Heiligen Grabes in Zarvanytsja eingeweiht. Dieses Datum wurde von der Erzepsrchie Ternopil-Zboriv bewusst ausgewählt: der Vorabend des 28. Augustes, Hochfestes der Entschlafung Mariens (Himmelfahrt Mariens nach dem julianischen Kalender). An diesem Marienfest im Sommer wallfahren viele Gläubigen nach Zarvanytsja. Die Einweihung hat eine sehr positive Resonanz hervorgerufen, so dass am Nachmittag und Abend der Einweihung ca. 55.000 bis 60.000 Pilger vor Ort waren – eine unvergessliche und bewegende Atmosphäre!

Die Einweihung hat das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Patriarch und Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, im Beisein von einigen Bischöfen und ca. 100 Priestern und Diakonen vorgenommen. Nach einer Marienandacht in der Hauptkirche und der Prozession zur eigentlichen Stätte des „ukrainischen Jerusalems“ wurde die Segnung des Grabes und der gesamten Stätte liturgisch vollzogen. Daran schlossen sich die Eucharistiefeier und die Lichterprozession mit Fürbitten und Gesängen an. Die Seminaristen von Ternopil übernahmen die gesangliche Gestaltung.

Der Großerzbischof Sviatoslav ging in seiner Predigt bei der Einweihung auf das Thema „Pilgern nach Jerusalem“ ein. Wie ein roter Faden zog sich dabei der Gedanke, dass die Menschen nach Jerusalem im Heiligen Land, aber auch zum ukrainischen Jerusalem pilgern, um um Frieden zu beten und ihn als die kostbarste Gabe von Gott zu erlangen. Ob das israelische Volk von damals, ob die die Völker von heute im Heiligen Land oder die ukrainischen Pilger in Zarvanytsja – sie alle pilgern nach Jerusalem mit ihren persönlichen Sorgen und den Sorgen der Menschheit zu beten und Frieden zu erlangen.

Als ein besonderer und hoher Gast war der derzeitige Kustos der Franziskaner im Heiligen Land, Francesco Patton, in Begleitung von zwei Mitbrüdern dabei. Er hat einen Stein aus der Grabeskirche in Jerusalem mitgebracht, der als Reliquie an der Heiligen Stätte in der Ukraine eingebaut wird.

Aus Eichstätt waren bei der Einweihung Domkapitular Wolfgang Hörl, der Bischof Gregor Maria Hanke OSB offiziell vertrat, sowie die Leitung und Studenten des Collegium Orientale vor Ort in der Ukraine. Nach der Einweihung wurde der offizielle Gruß von Bischof Hanke von Domkapitular Hörl mit Übersetzung ins Ukrainische vorgetragen. Darin wurde die Botschaft vom leeren Grab für den Glauben betont, die uns von der Auferstehung und dem Sieg über dem Tod zeugt. Die Errichtung des Heiligen Grabes von Jerusalem in der Ukraine nach der Vorlage von Eichstätt sei ein positives Zeichen der guten Beziehungen und Verbindung zwischen dem Bistum Eichstätt mit seinem Collegium Orientale und der gesamten ukrainischen griechsch-katholischen Kirche.

Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.

Daheim in meiner Bar

Man kennt mich dort nicht nur, man weiß auch längst, was ich will. Ohne lange auf meine Bestellung zu warten, schenkt Jesús sofort ein Bier ein und stellt es mir auf den Tresen. Ich bin in meiner Stammkneipe. Für mich ist es die „Barça-Bar“, auch wenn über dem Eingang in großen Lettern steht „XAICA – BAR RESTAURANT PIZZERIA“. „Barça-Bar“, weil die Wände des Lokals in den Farben des berühmten Fußballclubs Barcelonas gestrichen sind und weil auf den über einem Duzend Fernsehbildschirmen fast ausschließlich Fussball läuft. Es ist keine besondere Bar, und schon gleich gar kein besonderes Restaurant, und es hat auch rein gar nichts mit einer italienischen Pizzeria zu tun. Aber es ist ganz einfach das meiner Wohnung am nächsten liegende Lokal. Ich brauche nur die Straße vor meiner Haustür überqueren und ein paar Meter in die nächste Gasse gehen. Touristen verirren sich in meine Barça-Bar ganz selten, obwohl sie keine 200 Meter von der Plaça Catalunya entfernt liegt. Dafür ist sie viel zu uninteressant und unauffällig. Auch ist die Speisenkarte nicht wirklich auf Touristen ausgerichtet. Es sind eher die einfachen Arbeiter, Alleinstehende, Arbeitslose und Rentner, nicht selten auch Obdachlose, die zum Stammpublikum meiner Barça-Bar gehören. In den benachbarten Szenen-Lokalen, die inzwischen auch hier im einst verrufenen Viertel Raval wie Pilze aus dem Boden schießen, könnten sie sich ein Essen gar nicht leisten. Und wenn’s mal auch für das einfache Tagesmenü nicht reicht, dann schlägt die immer lustige Köchin Beatriz halt schnell mal für 2 Euro 50 eine Tortilla ein.

Barça-Bar. Foto: Ottmar Breitenhuber

Es ist auch nicht nur des Essens wegen, weshalb die Gäste meine Barça-Bar aufsuchen. Es ist die Gesellschaft, es sind die Leute. Man kennt sich, auch wenn man nicht viel voneinander weiß. In der Barça-Bar können wir über alles reden und es gibt immer einen, der einem zuhört. Meist sind es nicht die großen Themen, vielmehr Alltägliches, Oberflächliches oder auch Belangloses. Aber trotzdem, es sind unsere Themen, das was uns gerade beschäftigt. Doch es muss auch nicht immer gesprochen werden, viele sitzen oft schweigend an ihrem Platz, vor einem Bier, essen in Ruhe vor sich hin, stieren auf den Bildschirm – und wissen trotzdem, sie sind nicht allein.

Wir sind schon ein buntes Häufchen: Die beiden Kellner Pau und Jesús sind Spanier, der eine aus Barcelona, der andere aus Galizien. In der Küche arbeitet Thai aus Vietnam – alle nennen ihn aber nur „el chino“ – und die Pizzen bäckt keiner besser als Beatriz aus der Dominikanischen Republik. Auf der anderen Seite der Theke sind es auch fast immer die selben: ein frühpensionierter Bankangestellter, ein von seiner Frau verlassener Bauarbeiter, eine vereinsamte Witwe, ein obdachloser Nigerianer, der sich mit Alteisensammeln über Wasser hält, ein deutscher Pfarrer, der keine Lust auf einen Abend allein hat, und so weiter. Lauter völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, die verglichen miteinander vielleicht nicht gegensätzlicher sein können.

Und was führt uns hier zusammen? Trotz der niedrigen Preise könnten wir das, was wir zum Essen und Trinken brauchen, im benachbarten 24 Stunden geöffneten Supermarkt billiger haben. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein! Es sind die Menschen, die sich hier begegnen wollen. Wir sitzen hier nebeneinander, mehr oder weniger zufällig, treffen uns, hören einander unsere Geschichten erzählen, richten uns dabei vielleicht ein wenig gegenseitig auf, stärken uns – und fühlen uns ganz einfach daheim in meiner Barça-Bar.