Kategorie-Archiv: Eurasien

Heiliges Grab aus Eichstätt wird in der Ukraine nachgebaut

Die Eichstätter Version des Heiligen Grabes in der Heilig-Kreuz-Kirche steht nun auch in der Ukraine: Im Marienwallfahrtsort Zarvanytsja entstand in den letzten Jahren eine Kopie. Die Idee dazu hatte der Metropolit von Ternopil, Vasyliy Semenyuk, vor längerer Zeit. Der Plan war die heiligen Stätten von Jerusalem in der Ukraine nachzubauen und sie für die Verehrung in der Ukraine zugänglich zu machen.

Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt

Bei den Planungen entschied man sich das Heilige Grab von Eichstätt der jetzigen Version in Jerusalem vorzuziehen. Beim Eichstätter Bau handelt es sich nämlich um eine Kopie des ursprünglicheren Zustands – das Heilige Grab in Jerusalem erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder Renovierungen, die sich auch in veränderter äußeren Gestalt des widerspiegelten. Das Heilige Grab in der Eichstätter Heilig-Kreuz-Kirche ist ein leicht verkleinerter, sonst aber detailgetreuer Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem, wie es im 12. Jahrhundert ausgesehen hat. Der Bau ist aufgrund seiner Genauigkeit und seines guten Zustandes einzigartig.

Parallele zwischen Eichstätt und Zarvanytsja

Der Grund für den Bau einer Kopie des Heiligen Grabes war sowohl in Eichstätt (1166) als auch in der Ukraine (2014-2018) der gleiche: die heiligen Stätten des Lebens, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht reisen oder pilgern können, in die Heimat zu bringen und auf diese Weise das geistliche Leben und die Frömmigkeit zu fördern. Nach wie vor ist es so, und wird wohl aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage noch lange sein, dass es für viele Gläubige – orthodox oder katholisch – in der Ukraine nicht möglich, nicht erschwinglich ist, ins Heilige Land zu reisen.

Wie die Idee entstand

Bei einem der Besuch des Collegium Orientale im Jahr 2013 erzählten Rektor Paul Schmidt und Vizerektor Oleksandr Petrynko dem Erzbischof Semenyuk und seinem Begleiter, dem Wallfahrtsrektor von Zarvanytsja, Volodymyr Firman, von dem Heiligen Grab in Eichstätt. Dabei stand die Geschichte der Entstehung des Hl. Grabes in Eichstätt und seine gottesdienstlich Verwendung im Mittelpunkt. Nach der Besichtigung des Grabes haben die beiden Gäste für dieses Modell Feuer gefangen. Dieses Grab sollte auch in der Ukraine stehen. Rektor Paul Schmidt vermittelte die Zeichnungen vom Diözesanbauamt, wofür die Architekten in der Ukraine vor Ort sehr dankbar waren. Die Architekten haben einige Monate später die ehemalige Kapuziner nochmals besucht, um sich das Realbild des Grabes vor Augen führen zu lassen und auch die letzten Messungen vorzunehmen, bevor es in der Ukraine dann konkret an die Planungen und den Bau ging.

Der Marienwallfahrtsort Zarvanytsja

Die Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt steht in Zarvanytsja. Der Ort entwickelte sich zum größten Marienwallfahrtsort in der Westukraine. Seine Gründung geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Ein Mönch aus dem Höhlenkloster in Kiew, der wie viele seiner Mitbrüder vor der Mongoleninvasion auf der Flucht in den Westen war, machte einen Rast im Wald: Am heutigen Ort des Dorfes Zarvanytsja. In einem Traum erschien ihm die Gottesmutter und teilte ihm mit, dass dies ein besonderer Gnadenort ist. Vom Schlafe erwacht, ließ er sich mit einigen Mitmönchen hier nieder und erbaute hier über der Quelle eine Marienkapelle mit einer Marienikone, vor der in den nachfolgenden Zeiten und bis heute viele Menschen Heilungen erfuhren und erfahren.

Nachdem die ukrainische griechisch-katholische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 von den Sowjets verboten wurde, wirkten viele Gemeinden in den Untergrund. Einer der Untergrundpriester war auch Vasyliy Semenyuk, der mit vielen Gläubigen nachts heimlich kleinere Wallfahrten in den Wald von Zarvanytsja durchführte. Auf diese Weise bewahrte dieser geschichtliche Ort der Volksfrömmigkeit auch in der kirchenfeindlichen Zeit der Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1990 hatte sich Semenyuk – als Rektor des Seminars und auch als Erzbischof von Ternopil – des Wallfahrtsortes angenommen, baute die Stätte wieder auf und erweiterte sie nun durch das „ukrainische Jerusalem“.

Die Einweihung des Heiligen Grabes

Am 27. August wurde die Kopie des Heiligen Grabes in Zarvanytsja eingeweiht. Dieses Datum wurde von der Erzepsrchie Ternopil-Zboriv bewusst ausgewählt: der Vorabend des 28. Augustes, Hochfestes der Entschlafung Mariens (Himmelfahrt Mariens nach dem julianischen Kalender). An diesem Marienfest im Sommer wallfahren viele Gläubigen nach Zarvanytsja. Die Einweihung hat eine sehr positive Resonanz hervorgerufen, so dass am Nachmittag und Abend der Einweihung ca. 55.000 bis 60.000 Pilger vor Ort waren – eine unvergessliche und bewegende Atmosphäre!

Die Einweihung hat das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Patriarch und Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, im Beisein von einigen Bischöfen und ca. 100 Priestern und Diakonen vorgenommen. Nach einer Marienandacht in der Hauptkirche und der Prozession zur eigentlichen Stätte des „ukrainischen Jerusalems“ wurde die Segnung des Grabes und der gesamten Stätte liturgisch vollzogen. Daran schlossen sich die Eucharistiefeier und die Lichterprozession mit Fürbitten und Gesängen an. Die Seminaristen von Ternopil übernahmen die gesangliche Gestaltung.

Der Großerzbischof Sviatoslav ging in seiner Predigt bei der Einweihung auf das Thema „Pilgern nach Jerusalem“ ein. Wie ein roter Faden zog sich dabei der Gedanke, dass die Menschen nach Jerusalem im Heiligen Land, aber auch zum ukrainischen Jerusalem pilgern, um um Frieden zu beten und ihn als die kostbarste Gabe von Gott zu erlangen. Ob das israelische Volk von damals, ob die die Völker von heute im Heiligen Land oder die ukrainischen Pilger in Zarvanytsja – sie alle pilgern nach Jerusalem mit ihren persönlichen Sorgen und den Sorgen der Menschheit zu beten und Frieden zu erlangen.

Als ein besonderer und hoher Gast war der derzeitige Kustos der Franziskaner im Heiligen Land, Francesco Patton, in Begleitung von zwei Mitbrüdern dabei. Er hat einen Stein aus der Grabeskirche in Jerusalem mitgebracht, der als Reliquie an der Heiligen Stätte in der Ukraine eingebaut wird.

Aus Eichstätt waren bei der Einweihung Domkapitular Wolfgang Hörl, der Bischof Gregor Maria Hanke OSB offiziell vertrat, sowie die Leitung und Studenten des Collegium Orientale vor Ort in der Ukraine. Nach der Einweihung wurde der offizielle Gruß von Bischof Hanke von Domkapitular Hörl mit Übersetzung ins Ukrainische vorgetragen. Darin wurde die Botschaft vom leeren Grab für den Glauben betont, die uns von der Auferstehung und dem Sieg über dem Tod zeugt. Die Errichtung des Heiligen Grabes von Jerusalem in der Ukraine nach der Vorlage von Eichstätt sei ein positives Zeichen der guten Beziehungen und Verbindung zwischen dem Bistum Eichstätt mit seinem Collegium Orientale und der gesamten ukrainischen griechsch-katholischen Kirche.

Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.

Advent und Weihnachten im Heiligen Land

Vom Ort der Berufung des Apostels Andreas, dem wunderbaren Seeufer des Sees Genezareth, sende ich adventliche Grüße in die Heimat.

Ufer des Sees Genezareth. Foto: Andrea Krebs

 

Advent und Weihnachten im Heiligen Land, was man sich darunter vorstellt und was wir hier vorfinden, mag sich unterscheiden.

Zunächst wird deutlich, dass es hier sozusagen keinen Advent im Land gibt. Sogar Ikea, wo wir gern für vertraute Einkäufe hin pilgern, hat hier nichts Weihnachtliches im Sortiment.

Ein Wadi Qelt, das auf Wasser wartet. Foto: Andrea Krebs

Was wir aber hier haben sind die weihnachtlichen Orte: Ort der Verkündigung in Nazareth, der Heimsuchung in Ein Kerem und der Geburt Jesu in Betlehem (Ort der Danksagung am Tempelberg am 8. Januar, was aber nur das Konfliktpotential erhöhen würde). Diese Orte miteinander aufzusuchen, wie wir es diese Woche mit den Volontären taten, und dort in der Botschaft des Evangeliums zu verweilen und es örtlich Gestalt annehmen zu lassen, ist ein Geschenk.

So führte uns der Weg durch die Wüste über Jerusalem zu den Hirtenfeldern von Betlehem. Hier sind Gebetsräume in den Höhlen, wie sie damals Mensch und Tier Heimstatt waren und auch für die Heilige Familie gastfreundliche Zuflucht und nicht in unserem Sinn ein Abgeschobenwerden in einen Stall darstellen.

Geburtsgrotte in Betlehem: Foto: Andrea Krebs

Nach einem Stadtbummel durch den glitzernd hell erleuchteten Ortskern von Betlehem trafen wir uns mit anderen deutschen Gästen, Pilgern, Schwestern, Priestern…, um für eineinhalb Stunden in der Geburtsgrotte in Betlehem das Wunder der Menschwerdung Christi zu feiern und zu meditieren. Das sind dichte Augenblicke, in die auch alle mit hineingenommen sind, die wir im Herzen tragen.

Weihnachten im Heiligen Land, das sind hier unter den Christen im Land, die nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, drei große Feste: Für uns ist am 25. Dezember Weihnachten, für die orthodoxen orientalischen Christen am 6. Januar und zehn Tage später für die armenischen Christen. So klingen die wichtigen Feste im Jahreskreis lange nach.

Foto. Andrea Krebs

Was hier besonders schön ist, sind die sprechenden prophetischen Bilder, die in der Natur erlebbar werden. Wenn nach der langen Dürre der erste Regen fällt, ist dies ein Fest, das die ganze Natur verwandelt. Noch ist der Regen spärlich, aber die Ahnung ist da und das Wissen, wie sich die Berge und Hügel in sattes Grün verwandeln, die Wadis sich mit Wasser füllen und sogar die Wüste blüht.

Hier in Tabgha, angegliedert an das monastische Leben, habe ich gelernt, dass wir uns nun in den Tagen der O-Antiphonen befinden, die letzten sieben Tage vor Weihnachten, in denen Jesus mit sieben Titeln angerufen wird, die im Alten Testament dem erwarteten Messias zugesprochen wurden.

Ich hörte einmal Abt Gregory sagen, in den Tagen der O-Antiphonen sollen alle zu Hause sein. Ein schöner Gedanke: Bei sich zu Hause sein, an dem Ort, an dem wir leben und den Herrn erwarten, wie auch immer er sich zeigt, das wünsche ich uns in den letzten Tagen des Advents.

 

Das fünfte Evangelium entdecken

Die Gemeinschaft des Collegium Orientale Eichstät unternam kürlich eine Studien- und Pilgerreise in das Heilige Land. 21 Kollegiatinnen und Kollegiaten bereisten gemeinsam mit ihrer Hausleitung und einigen Freunden biblische Orte in Israel.

Die schriftliche Quelle der christlichen Religion ist die Bibel. Insbesondere in den vier Evangelien ist das Leben und Wirken von Jesus Christus überliefert. Viele Christen sind mit den biblischen Texten und Geschichten gut vertraut. Eine besonders intensive Beschäftigung mit der Bibel findet im Theologiestudium statt. Jedoch bleiben die Erwähnung von Orten und die Schilderung von Entfernungen, Natur oder Architektur abstrakt und sind der Vorstellungskraft des Einzelnen überlassen. Deswegen ist eine Reise ins Heilige Land für junge Theologiestudenten von nicht überschätzbarem Nutzen. Sie verhilft dazu, einiges aus den Evangelien besser zu verstehen und macht die Heimat Jesu „physisch“ spürbar. Nicht umsonst wird das Heilige Land vom Kirchenvater Hieronymus als „das fünfte Evangelium“ bezeichnet.
Unsere Reise bestand aus drei Teilen. Die ersten zwei vollen Tage verbrachten wir in Galiläa, im Norden des Heiligen Landes, wo die Kindheit und Jugend Jesu vergingen und wo seine Verkündigung der Frohen Botschaft begann. Wir besichtigten die Stadt Nazareth, die Ausgrabungen der Hafenstadt Magdala, die Stadt Kapharnaum und den Berg der Seligpreisungen. Gemütliche Abende im Austausch und in Gesprächen sowie das Baden im See Genezareth sorgten für schöne Erinnerungen an Galiläa.

Vom Norden Israels begaben wir uns Richtung Süden, nach Judäa. Wie uns unser Reiseleiter erklärte, fuhren wir entlang der Route, die auch Jesus auf dem Weg nach Jerusalem benutzt haben dürfte. Unterwegs besuchten wir den Berg Tabor, auf dem der Überlieferung nach die Verklärung Jesu stattgefunden hat (Mt 17), die an der Grenze zu Jordanien liegende Stelle am Fluss Jordan, an der aller Wahrscheinlichkeit nach Johannes getauft hat (Mt 3), sowie die berühmten Ausgrabungen von Qumran, wo 1947 Lederrollen mit Bibelhandschriften entdeckt wurden. Auf der Weiterfahrt wartete noch eine Überraschung auf uns. Etwa 20 Kilometer vor Jerusalem fuhren wir ein paar hundert Meter von der Hauptstraße ab in Richtung Wüste. Unseren Augen bot sich eine beeindruckende Aussicht auf das griechisch-orthodoxe St.-Georg-Chozebit-Kloster, das an der senkrecht abfallenden Felswand einer Schlucht hängt. Das Kloster trägt den Namen seines berühmtesten Mönchs und Vorstehers Georg von Choziba, der dort im 6./7. Jh. wohnte.

Die nächsten fünf Tage verbrachten wir in Jerusalem im Paulus-Haus, außerhalb der Jerusalemer Altstadt, direkt neben dem Damaskustor. Von Jerusalem aus besichtigten wir am nächsten Tag Jericho, die erste Stadt im verheißenen Land, die das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten eroberte (Jos 6). Jericho gilt als die älteste und am tiefsten gelegene bewohnte Stadt der Welt. Im westlichen Teil Jerichos fuhren wir mit einer Seilbahn zum griechisch-orthodoxen Qarantal-Kloster, dem Kloster der Versuchungen. Der Überlieferung nach wurde an dieser Stelle Jesus nach seiner Taufe vom Satan versucht (Mt 4, 1-11). Von Jericho aus folgten wir der Küste des Toten Meeres bis nach Masada, einer Festung aus der Zeit des Königs Herodes (um 40 v. Chr.). Auf einem isolierten Tafelberg gelegen sorgt sie für beeindruckende Ausblicke auf das Tal um sich herum. Ursprünglich als Palast erbaut, diente die Anlage auch als eine Festung für Rebellen im Jüdischen Krieg gegen die Römer (1. Jh. n. Chr.). Für Entspannung am Nachmittag sorgte das Baden im Toten Meer. Dieses liegt 425 m unter dem Meeresspiegel und sein Wasser ist mit einem Salzgehalt von etwa 30 % fast zehn Mal salziger als in den Weltmeeren. Wegen der hohen Wasserdichte kann sich sogar der unerfahrenste Schwimmer ohne Mühe an der Oberfläche halten.

Während der nächsten drei Tage besichtigten wir verschiedene biblische und historische Stätten in Jerusalem, der Heimatstadt der drei Weltreligionen. Wir sahen den Ölberg mit seinen Kirchen, den Tempelberg mit der Klagemauer, die al-Aqsa Moschee und den Felsendom (nur Außenbesichtigung möglich), die Ausgrabungen der Stadt Davids und die Kirche der Auferstehung (= Grabeskirche), in der sich einige aus unserer Gruppe über Nacht einschließen ließen, um dort in Ruhe und Gebet zu verweilen. Für eine persönliche Atmosphäre bei unserer Reise sorgten Begegnungen und Gespräche mit dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem S.E. Pierbattista Pizzaballa OFM und mit den Vertretern der Armenischen Apostolischen Kirche sowie mit Bruder Simeon aus der deutschen benediktinischen Dormitio-Abtei. Unser Aufenthalt in Jerusalem endete mit der Besichtigung des ehemaligen georgisch-orthodoxen Kreuzesklosters. Der Legende nach wuchs an der Stelle des Klosters der Baum, aus dem später das Kreuz für Jesus gemacht wurde.
Auf dem Weg zur dritten ud letzten Station unserer Reise, der Stadt Bethlehem, kehrten wir in den Ort Ain Karim ein, der als Geburtsort des hl. Johannes des Täufers gilt. Hier hat Maria wahrscheinlich ihre schwangere Tante Elisabeth besucht (Lk 1,39). In Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, besichtigten wir die Geburtsbasilika mit der Geburtsgrotte und die Hirtenfelder, wo wir ukrainische und deutsche Weihnachtslieder erklingen ließen.

Das Heilige Land vom Kirchenvater Das Heilige Land wir vom Kirchenvater Hieronymus als „das fünfte Evangelium“ bezeichnet

Unsere Reise wurde durch Referate einiger Kollegiaten zu bestimmten Themen oder Orten bereichert. Besonders wertvoll und interessant waren einzelne Ausführungen und exegetische Vertiefungen von Dr. Miroslaw Lopuch, der im Fach Altes Testament promoviert. Durch seine Bibelkenntnisse hat er sich während der Reise bei unserer Gruppe den Namen „Schriftgelehrter“ verdient.
Die tägliche Eucharstiefeier, Gebete und Gesänge trugen dazu bei, dass unsere Reise ins Heilige Land zu einer Pilgerschaft wurde. Es war eine wunderbare Studienreise und Wallfahrt zugleich, die wir als eine lernende, singende und betende Gemeinschaft in harmonischer Stimmung unternommen haben.

Am letzten Abend trafen wir uns zu einer Austauschrunde zusammen. Der Rektor des Collegium Dr. Petrynko resümierte im Einklang mit dem Kirchenvater Hieronymus, dass nach unserer Reise die biblischen Texte nun neu gelesen und verstanden werden können. Und vielmehr jeder, der sie liest und betrachtet, schreibe mit seinem Leben sein eigenes, „sechstes Evangelium“.

Benediktineroblatin in Tabgha

In der Rückschau auf die zwei Jahre in der benediktinischen Gemeinschaft von Tabgha und Jerusalem, wurde mir der Wert der monastischen Lebensstruktur besonders bewusst und veranlasste mich, nach guter Vorbereitung von Pater Jonas Trageser, dem Oblatenrrektor, mich dieser Gemeinschaft als Benediktineroblatin anzuschließen. Jedes Kloster mit Oblateninstitut kann Frauen und Männer – Kleriker und Laien – als Oblaten und Oblatinnen aufnehmen in einer zum Kloster passenden Größenordnung.

In der Taufe ist jeder Christ zur Nachfolge des Herrn und zum Leben nach dem Evangelium aufgerufen. Dazu geben die Meister des geistlichen Lebens besondere Weisungen. So hat der Heilige Benedikt im 6. Jahrhundert auf dem Monte Cassino die Regel als „Schule für den Dienst des Herrn“ eingerichtet. Von ihrem Geist lasse ich mich schon länger leiten, weil sie auch im Familienalltag wertvoll ist.

Grundzüge benediktinischer Lebensgestaltung sind: Gebet, geistliche Lesung, Arbeit, Gastfreundschaft und Friede. Das Leben versteht sich als eine Begegnung mit Jesus Christus in unterschiedlicher Ausprägung.

Oblation

Andrea Krebs (Mitte) bei ihrer Oblation in Tabgha. Foto: privat
Andrea Krebs (Mitte) bei ihrer Oblation in Tabgha. Foto: privat

Am 21. Mai feierte ich in Tabgha am See Genezareth im Sonntagsgottesdienst am See meine Oblation im Kreise unserer Mönche, Mitoblaten, Gäste und Pilger. Die Oblation ist das vor Gott abgegebene und von der Kirche angenommene Versprechen, sich in Verbindung mit einem bestimmten Kloster GOTT darzubringen. Dieses handschriftliche Versprechen liest man vor allen vor, es wurde vom Prior-Administrator Pater Nikodemus Schnabel entgegengenommen und unter die Altardecke gelegt, auf der die Gaben von Brot und Wein gewandelt wurden in Leib und Blut Christi. Ein schönes Zeichen, finde ich. Unser ganzes Leben ist Wandlung und und Gabe.

In der würdigen Eucharistiefeier haben die anderen 7 anwesenden Oblatinnen und Oblaten ihr Versprechen erneuert und wir hatten neben den Pilgergruppen aus Köln liebenswerte Gäste in unserer Mitte , besonders ein befreundetes Ehepaar aus Haifa: Günther und Judith mit Freunden und meine liebe Freundin, Sr. Marie Madeleine Wagner aus dem Benediktinerkloster von Abu Gosh. Der ganze Tag war wirklich ein Festtag, mit gutem Essen, benediktinischen Gastfreundschaft und vielfältigen Begegnungen. Ich musste selbst gar nichts dafür tun, was sehr ungewohnt ist als Mutter! Ein Ausflug am Nachmittag ließ uns von einem herrlichen Plateau aus den See Genezareth, der die Form einer Harfe hat, im gleißenden Sonnenlicht bestaunen.

Was bedeutet es für mich Oblatin der Abtei Dormitio Beatae Mariae Virginis mit dem Priorat Tabgha zu sein?

Es soll mir eine Hilfe sein, beständig Gott zu suchen, indem ich das monastische Stundengebet so gut es im Alltag möglich ist, in mein Leben integriere und die „lectio divina“, den regelmäßigen meditativen Umgang mit dem Wort Gottes pflege. Ich lebe nicht viel anders als zuvor, weiß mich aber durch dieses Engagement in offizieller Weise mit der Gemeinschaft verbunden. Wir gehen einen gemeinsamen geistlichen in verschiedener Ausprägung. So hat es der heilige Benedikt in seiner Regel vor 1500 Jahren bereits vorgesehen: Die Mönche und Nonnen leben die Regel in Stabilitas vor Ort und Oblaten im gleichen Geist angebunden an ein Kloster in der Welt. So trägt man sich gegenseitig, was ich besonders beim überraschenden Tod meines Sohnes erleben durfte.

Ich bin glücklich über diesen Schritt und habe noch viel Zeit im Austausch mit den anderen Oblaten und in Anbindung an das Kloster mit den sympathischen Mönchen, den Reichtum auszuschöpfen, der darin liegt.

Zusammenfassend habe ich entschiedener Jesus Christus gewählt als meinen Weg, meine Wahrheit und mein Leben und lebe monastisch verortet als das, was ich bin: Mutter, Oma, Witwe, Lehrerin, Freundin, Schwester, Nachbarin und Begleiterin.

Gebet in der Klostergemeinschaft

Vor einigen Wochen war das Glockenseil hier in der Kirche der Benediktinerabtei von Tabgha (am See Genezareth in Israel) abgerissen, so dass wir selbst die Zeit zum Gebet herausfinden mussten. Umso mehr freut es mich, wenn das Glöckchen wieder fünfmal am Tag zum Gebet ruft. Das mag von außen viel erscheinen. Ich erlebe es als einen wohlklingenden Ton, der dem Tag seine Struktur gibt und der Arbeit dazwischen ihren Wert. Das gleichmäßige Miteinander-vor-Gott-treten macht deutlich, dass hier ein Ort ist, an dem man Gott dient und vor seinem Angesicht lebt.

An die 150 Psalmen, jahrtausendealter Gebetsschatz, die hier in zwei Wochen alle gebetet werden, muss ich mich gewöhnen. In meinen Ohren klingen sie stark alttestamentlich. Mit der Zeit finde ich mich in vielen angesprochenen Lebenslagen wieder und finde nur Teile der Texte sehr befremdlich, besonders wenn man bedenkt, dass wir hier von radikalen Fundamentalisten aller Religionen umgeben sind.

Ich habe das Gefühl, dass man kein besserer Mensch wird, weil man viel betet, aber ich schätze mich glücklich, an einem Ort sein zu dürfen, an dem wir miteinander versuchen, Gott auf dieser Erde einen kleinen Anteil der Ehre zu geben, die ihm gebührt und gleichzeitig einen Beitrag für Frieden in dieser Region zu leisten.

Gebet gibt der Freundschaft, die Gott uns von sich aus anbietet, eine Antwort. Die Freundschaft zu Gott miteinander zu gestalten in allen Tagesformen, die man so durchlebt, ist ein Geschenk, das in der Form nur in Gemeinschaft möglich ist. Sie ersetzt nicht die ganz persönliche Beziehung zu Gott, die jeder für sich selber pflegen muss. Die Hinwendung zu Gott im Gebet ist wie das Einatmen, die Arbeit und Begegnung mit unseren Nächsten ist wie das Ausatmen.