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WM in Brasilien: Maré ist überall

„In etwas mehr als zwei Monaten startet die Fußball-WM in Rio de Janeiro. Nach wie vor hat Brasilien jedoch Probleme, die Sicherheit im Land zu gewährleisten. Nun schickt die Regierung 2.700 Elitesoldaten in die Armenviertel.“ So begann ein kürzlich veröffentlichter Artikel im „Spiegel“. Durch die Fußball-Weltmeisterschaft rücken Brasilien und die Menschen dort immer mehr in den Mittelpunkt der Medien. Leider gibt es nicht nur gute Nachrichten aus dem schönen tropischen Brasilien.

Die Aktionen der sogenannten Befriedungspolizei hat im Armenviertel Maré in der WM-Stadt Rio de Janeiro in 15 Tagen 16 Tote gefordert, 162 Menschen wurden verhaftet. Noch dazu wurde dieser Polizeieinsatz von den Behörden als „Operação São Francisco“ getauft. Die lokalen Zeitungsberichte darüber lesen sich wie ein Kriegsbericht: „Laut Bericht der Polizei gab es 36 Zusammenstöße zwischen Polizei und Kriminellen, das Ergebnis waren 16 getötete Verdächtige und acht Verletzte. Die verschiedenen Polizeieinheiten, aus 1.500 Männern bestehend, haben in 15 Minuten den Favelakomplex Maré gestürmt.“

Die „Operação São Francisco“ begann im März und soll bis 31. Juli dauern. Insgesamt werden 2.700 Polizisten aus verschiedensten Spezialeinheiten eingesetzt. Der Favelakomplex Maré besteht aus 15 Favelas, in denen ca. 130.000 Menschen wohnen. Was wird nach dem 31. Juli dort geschehen oder klarer gesagt: Wie geht es nach der WM weiter?

Jahrzehnte lang wurden diese Armenviertel von der brasilianischen Regierung ignoriert. Es wurde dort nichts investiert, weder in soziale Einrichtungen, Schulen, Gesundheitsversorgung noch in Straßenbau, Wasserversorgung und Abwassersysteme etc… Mit den Jahren wurden diese Viertel das Terrain von kriminellen Drogenbanden oder Milizgruppen, die auf ihre Art die „Bevölkerung“ beschützten, für die Gesundheitsversorgung ihrer Mitglieder und für die allgemeine Infrastruktur in den Favelas sorgten.

Nun versucht der Staat im Blick auf die WM hart dagegen einzugreifen, um die Kontrolle in diesen besetzten Stadtvierteln wieder zu bekommen. Interessant ist, dass dies hauptsächlich nur in den Vierteln rund um die WM-Austragungsstätten versucht wird. Aber das Phänomen dieser kriminell besetzten Stadtviertel findet man in ganz Brasilien. Die Bevölkerung ist über diese sogenannten Befriedungsaktionen des Staates geteilter Meinung. Einerseits werden die brutalen und intern streng geregelten Bandengruppen vertrieben, wobei es sich dabei nur um eine Migration in eine andere Gegend handelt. Andererseits werden die Favelas von äußerst gewaltbereiten und korrupten Polizeieinheiten besetzt. Die versprochenen sozialen Verbesserungen seitens der Regierungen nach so einer Befriedungsaktion sind oftmals nur Vorzeigeobjekte für die internationale Presse.

Für die Menschen in Maré sind die Polizisten wie auch die Drogenbosse eine Bedrohung, zum Beispiel hat Alexandre Costa damit Erfahrung: Seine beiden Söhne wurden kürzlich in der Favela „Baixa do Sapateiro“ verhaftet und zum 21. Polizeirevier gebracht. Dieser willkürlichen Verhaftung lag weder ein richterlicher Beschluss vor noch sonst ein Verdacht auf kriminelle Machenschaften. Dass die beiden Söhne junge schwarze Bewohner der Favela sind, ist Grund genug, um bei der Polizei als Verdächtige eingestuft zu werden. Nach Tagen konnte der Vater sie ausfindig machen, schließlich wurden sie aus der Haft entlassen. Seine Aussage: „Wir haben kein Geld für einen Anwalt. Sie (die Polizei) stürmen einfach unsere Häuser auf der Suche nach Drogen und Waffen – ohne richterlichen Beschluss.“ Alexandre Costa ist ein einfacher Hilfsarbeiter. Er sagte, dass seine Söhne keinen Kontakt zu den Drogenbanden in Maré haben. Die Geschichte der Söhne von Alexandre Costa ist leider kein Einzelfall. Er hatte noch Glück, denn er fand seine Söhne in den total überfüllten Gefängniszellen. Andere verschwinden einfach so wie Amarildo, ein einfacher Arbeiter, Vater und Ehemann. Dieser wurde beim Nachhauseweg von der Polizei entführt und gefoltert. Bis jetzt ist sein Leichnam unauffindbar, obwohl man die verdächtigen Polizisten bereits verhaftet hat.

Die Reaktion gegen die steigende Gewalt in Brasilien sind Massenverhaftungen. Sie werden als magisches Mittel vor allem gegen die kleinen Drogendealer eingesetzt. Laut Justizministerium hat sich zwischen 2005 und 2010 die Zahl der Verurteilten wegen der Drogendelikte verdreifacht. Das im Jahr 2006 verabschiedete neue Drogengesetz sollte eigentlich das Gegenteil bewirken, aber der Begriff „Drogenhändler“ wird dabei sehr weit interpretiert. Es reichen nur wenige Gramm Drogen, um als Drogenhändler eingestuft zu werden. So sind die vielen verhafteten Drogenhändler meistens kleine Straßendealer, die ohne jeglichen juristischen Beistand jahrelang in Haft verbringen müssen, während die Hintermänner kaum zur Verantwortung gezogen werden.

Rund 600.000 Menschen sind in Brasilien in Haft. So steht Brasilien heute weltweit an vierter Stelle mit den meisten Haftinsassen, gleich nach den USA (2,28 Millionen), China (1,64 Millionen) und Russland 680.200. Brasilien hat 274 Häftlinge pro 100.000 Einwohner, in Bayern lag diese Rate 2009 bei 98 Häftlingen pro 100.000 Einwohner. Wenn die Gefängnisse eine effektive Lösung zur Verringerung der Gewalt wären, dann müsste Brasilien schon lange eines der friedlichsten Länder sein.

Wer Lust hat kann sich einige Fotos ansehen, die die Wirklichkeit in diesen Favelas in Rio de Janeiro wiedergeben, und dies ohne Zensur.

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Palmsonntag in einem Flüchtlingslager in Südsudan

Heute ist Palmsonntag und ich war wieder in einem der beiden Flüchtlingscamps in Juba. Mit ein paar Bildern will ich euch teilhaben lassen, wie es hier liturgisch und auch sonst zugeht. Heute war es wieder heiß und weil es in der Nacht geregnet hat, auch verdammt schwül. Die Ministranten haben mir fast Leid getan, so ist ihnen der Schweiß heruntergelaufen. Die Regenzeit fängt langsam an und die Menschen in den Flüchtlingscamps leiden vor allem an der schlechten sanitären Situation. Viele Latrinen laufen über und der Geruch mischt sich mit dem von getrocknetem Fisch.

Die Palmsonntagsprozession durch das Camp war sehr bewegend. Viele haben teilgenommen, auch wenn sicher nicht alle davon Christen waren. Die Flüchtlinge, fast alle aus dem Stamm der Nuer, die noch bis Mitte Dezember nur wenige Meter oder Kilometer von Camp (also in der Stadt Juba) gelebt haben, haben durch eine Genozid ähnliche Attacke von Seiten der Regierung viele aus ihrer Verwandtschaft verloren und fühlen sich erniedrigt. Die Parallele zu Jesu Leidensweg liegt nahe. Auch er wurde erniedrigt und hat in der Annahme und Hingabe seine Größe gezeigt und den Weg unserer Erlösung eingeschlagen. Nur ist unter den Flüchtlingen die Wut, die Angst und der Hass zu groß, um Jesu Beispiel (als Volksstamm) zu folgen. Der Einzelne mag das durchaus versuchen. Aber es ist nicht leicht. Der Weg der Versöhnung hier wird lange brauchen und es gibt noch keine Anzeichen, dass erste Schritte gemacht werden.

Der Maidan in Kiew – Fotoimpressionen

Ivan Kupar, ehemaliger Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt aus Transkarpatien/Südwestukraine, war mehrere Male auf dem Maidan in Kiew. Er hat eine Fotodokumentation zum Thema „Maidan in Kiew: friedliche Organisation, Aufgabenverteilung und Zusammenhalt der Demonstranten“ erstellt.

Eine Auswahl seiner Bilder hat er mir zugesandt und zur Veröffentlichung hier im Blog freigegeben. Es sind Aufnahmen von der Versorgung der Maidan-Teilnehmer mit Wasser, Essen, Tee; von der medizinischen Versorgung der Verletzten und Kranken. Gezeigt werden auch Aufräumarbeiten nach den nächtlichen Angriffen der bewaffneten Polizei, Barrikadenbau aus Straßenpflastersteinen und Reifen, die letzteren zum Verbrennen, um eine dunkle Rauchwolke zu erwirken und die klare Sicht der Polizeileute auf den Maidan zu verhindern. Auch Blutspuren eines Ermordeten, umgeben von Pflastersteinen – in der Mitte mit einem Holzkreuz, damit niemand drauf tritt – sind zu sehen.

Vielleicht können diese Bilder manchen der prorussischen Journalisten überzeugen, dass die unbewaffneten Demonstranten ganz normale Menschen sind, die für ihre und unsere Menschenwürde standen und bisher noch stehen (in größter Lebensgefahr!), und dass sie keine Nazis beziehungsweise Faschisten sind, wie sie offiziell von der russischen Seite genannt und leider viel zu oft von russlandfreundlichen Medien – auch in Deutschland – ungeprüft bezeichnet werden.

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Weihnachten einmal anders: Unterwegs am Rio Negro mitten im Amazonas

Im November und Dezember besuchte ich den Bundesstaat Amazonas, um die Situation in den dortigen Gefängnissen besser kennen zu lernen. Am Ende dieser Missionsreise verbrachte ich zehn Tage in der schönen Stadt São Gabriel da Cachoeira am Oberen Rio Negro mitten im Amazonas-Regenwald.

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Sehr beeindruckt hat mich eine Weihnachtsfeier mit dem Tucano-Volk. Die Kirche in dieser Region hat ein indigenes Gesicht. Die überwiegende Mehrheit der rund 18 000 Bewohner dieser Gemeinde sind Indigenen aus 20 verschiedenen Ethnien. Viele dieser Menschen wachsen zweisprachig auf. Zweisprachiger Gottesdienste – in Portugiesisch und Tucano – sind keine Seltenheit vor allem in den kleinen Anrainergemeinden. In der Gemeinde Towa (über drei Bootstunden dem Rio Negro aufwärts) fand eine Feier der Eucharistie mit Taufe, Heirat und Abitur-Zeremonie statt. Die Menschen am großen Fluss geben Zeugnis einer lebendigen Kirche, die sehr an die Basisgemeinden im Sinne der Befreiungstheologie erinnern.

Das Bistum São Gabriel da Cachoeira ist fast so groß wie Italien, allerdings dünn besiedelt: nur knapp 95 000 Menschen leben hier. Fast alle von ihnen sind katholisch, allerdings gibt es nur eine handvoll Priester, die sie betreuen. Bischof Edson Damian hatte mich zu einer Weihnachtsfeier auf einer Fazenda da Esperança („Hof der Hoffnung“) eingeladen, wo sich 28 Männer aller Altersgruppen von der Drogen- und Alkoholsucht erholen.

Sehr bewegend war auch eine Feier auf einer Polizeistation im Grenzgebiet: 42 Männer und zwei Frauen (Brasilianer und Kolumbianer) saßen zu dem Zeitpunkt dort ein. Auch die Angehörigen der Gefangenen waren gekommen, um gemeinsam mit den Mitarbeitern der Gefängnispastoral zu singen, beten und über die Bedeutung der Geburt Jesu für uns heute zu reflektieren.

Die Geburt Jesu in einem Gefängnis zu feiern, mit den Häftlingen, mit den ausgeschlossenen Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und wenig Aussicht auf eine Rückkehr in diese Gesellschaft haben, ist unheimlich beeindruckend. Im Gefängnis leuchtet der hoffnungsvolle Stern von Bethlehem noch stärker.

Die Ufer des Rio Negro sind atemberaubend, geprägt von einer üppigen Natur und von herzlichen Menschen. Diese Reise verstärkte meinen Traum, eines Tages in dieser Region zu arbeiten.

Für die einen das Christkind, für die anderen die Dreikönige

Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Matthäus 2,11b

Weihnachten, Heiligabend, Christkind, Geschenke – diese Begriffe gehören untrennbar zusammen. Bei uns in Deutschland. In sehr, sehr vielen Ländern unserer Erdkugel ist das aber ganz anders. Zum Beispiel in Spanien, oder genauer gesagt Katalonien, wovon ich erzählen kann.

Weihnachten: Natürlich feiert man die Geburt Jesu auch in der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Aber nicht nicht so sehr wie in Deutschland und in anderen nordeuropäischen Ländern am 25. Dezember und in der vorausgehenden Nacht, sondern vor allem am 6. Januar mit dem Fest der Epiphanie Christi (Erscheinung des Herrn), in Spanien bekannt als „la Fiesta de los Reyes Magos“, also der Heiligen Drei Könige. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass in Spanien das Christentum von Anfang an der byzantinischen Ostkirche sehr nahe stand. Diese feierte die Menschwerdung Gottes schon immer nicht wie die lateinische Westkirche am 25. Dezember, sondern am 6. Januar.

Deshalb kommt in Spanien am Heiligabend auch kein Christkind, um den Kindern Geschenke unter den Christbaum zu legen (der Christbaum wird übrigens auch erst in den letzten Jahren immer mehr von den Ländern nördlich der Alpen abgeschaut). Christkind, das kennen die Spanier gar nicht. Sie kennen vielleicht einen „Papa Noel“. Aber der ist eindeutig eine Kopie des amerikanischen Weihnachtsmannes, der nachweislich mehr mit dem hl. Nikolaus verwandt ist als mit dem Christkind.

Heißt das dann, die Kinder Spaniens – und die Erwachsenen – gehen am Heiligabend leer aus? Gar keine Weihnachtsgeschenke? Ja! An dem für fast jeden Deutschen „heiligen“ Abend sind in Spanien die Geschäfte offen wie immer, bis 22 Uhr. Für die meisten geht das Leben und die Arbeit weiter wie an jedem anderen Tagen auch. Am 25. Dezember, am Weihnachtsfeiertag, kommt man dann aber doch etwas zur Ruhe und zum Feiern. Dieser Tag ist ein klassischer Familien- und Besuchstag. Da sind die Straßen den ganzen Tag wie ausgestorben und die unzähligen Bars und Restaurants bleiben geschlossen. – Gut, viele von den Stammkneipen haben für eine kurze Zeit geöffnet. Spanien ohne seine Bars, das geht überhaupt nicht!

Und was ist jetzt mit Geschenken? Natürlich gibt es zu dem frohen Fest der Geburt Jesu auch Geschenke. Vor allem für die Kinder. Die werden aber nicht vom Christkind gebracht (das in Spanien ja nicht existiert!), sondern von den „Reyes“, den „Königen“. Und ist ja irgendwie auch logisch. Am Dreikönigsfest feiern wir Christen, dass Gott auf Erden als Mensch unter Menschen, uns ganz gleich, erschienen ist. Überall auf Erden, in allen Teilkirchen des Christentums, wird diese Botschaft am 6. Januar mit der Geschichte des Besuchs der drei Weisen aus dem Morgenland erzählt. Der Evangelist Matthäus berichtet ausdrücklich davon, wie die Weisen dem Kind drei Geschenke brachten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und deshalb werden in Spanien den Kindern die Geschenke auch von den Königen gebracht.

Das Ganze ist aber ein Mordsspektakel: In Barcelona zum Beispiel kommen die königlichen Herren am Vorabend des Dreikönigsfestes mit dem Schiff im Hafen angefahren. Vom Bürgermeister und hunderten Schaulustigen werden sie freudig begrüßt. Dann ziehen sie in einem kilometerlangen Konvoi durch die Stadt. Auf ca. 20 bunt geschmückten Wägen sind die Könige mitsamt ihrem Hofstaat verteilt. Den Umzug kann man sich ein wenig vorstellen wie den Karnevalsumzug in Köln. Jeder der Wägen ist phantasievoll geschmückt. Oft werden Themen der Tagespolitik in lustiger Art und Weise aufs Korn genommen. Zu Tausenden säumen die Menschen die Straßenränder und die Kinder sammeln in Tüten die Süßigkeiten, die ihnen von den Wägen herunter zugeworfen werden.

An der Placa Jaume angekommen, werden die Dreikönige mit ihrem Gefolge nochmal vom Bürgermeister und anderen wichtigen Vertretern der Gesellschaft empfangen. Jetzt ist aber vor allem der Zeitpunkt gekommen, dass die Könige auf je einem Thron Platz nehmen und Audienz halten. In langen Schlangen stehen die Kinder an, um den Königen die Briefe mit ihren Wunschlisten zu überreichen. Schließlich verabschieden sich die Könige wieder. Jetzt haben sie ja allerhand zu tun, um in der folgenden Nacht die Geschenke den entsprechenden Empfängern auch richtig zuzustellen. Denn schließlich möchte doch jedes Kind in Spanien, dass am Morgen des 6. Januar vor der Wohnungstür seine langersehnten Weihnachts-Geschenke stehen.