Kategorie-Archiv: Bewegung

Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.

Von wegen dolce vita: Vielseitige Aufgaben auf Belmonte

Was macht den Alltag im Internationalen Schönstattzentrum auf Belmonte aus? Den geistlichen Rahmen des Tages bilden die Heilige Messe, die wir meist in der Frühe in Italienisch feiern, der Rosenkranz bzw. donnerstags die eucharistische Anbetung und gegen 21 Uhr der Abendsegen, zu dem ich meist zum persönlichen Tagesabschluss ins Heiligtum gehe und in den ich alle einschließe.

Die wöchentliche Predigt in der Fremdsprache bleibt weiterhin eine Herausforderung und Mühe, die ich dank einer pensionierten Lehrerin, die mir meist wöchentlich zwei Stunden Unterricht gibt, und einer Frau von Schönstatt, die meine Predigtentwürfe korrigiert, einigermaßen meistere.

Dann gilt es das Leben und die Arbeit auf Belmonte zu organisieren und am Laufen zu halten: von der Pflege des riesigen Parks bis hin zum kleinen Fuhrpark, von der Sakristei und dem Heiligtum bis zur Casadell’Alleanza, von der Buchhaltung bis zur Terminkoordination.

Die große Baustelle des Domus Pater Kentenich, die wir im kommenden Frühsommer einigermaßen abzuschließen hoffen, gilt es immer wieder mitzudenken, den künftigen Betrieb in den Blick zu nehmen und in die Planungen einzubringen, die laufenden Arbeiten zu kontrollieren und die Verbindung mit dem Architekten in Deutschland zu halten, mit den Arbeitern in Kontakt zu bleiben.

Ich bin sehr dankbar, dass in diesem Bereich Pfarrer i.R. Georg Egle, der nach Eintritt in den Ruhestand dreieinhalb Jahre hier auf Belmonte lebte und arbeitete (sozusagen mein „Vorläufer“, wie er sich selbst immer wieder bezeichnet) noch weiterhin mitschafft, der seit Jahrzehnten mit dem Projekt und auch mit den Einzelheiten der Bauten hier auf Belmonte vertraut ist und der fast monatliche für eine Woche hier vor Ort mithilft.

Im Blick auf den künftigen Pilger- und Tagungsbetrieb gilt es Kontakte zu knüpfen, einen Geschäftsführer und weitere MitarbeiterInnen zu suchen, Ideen für den Hausablauf zu entwickeln… Wir hoffen, im Jubiläumsjahr 2014, in dem die Bewegung 100 Jahre alt wird, den Bau soweit fertig zu haben, dass wir es schon für die ersten Pilger nutzen können.

In die Schönstatt-Bewegung hinein gilt es in mehrfacher Hinsicht tätig zu sein: da steht die Visions- und Öffentlichkeitsarbeit ganz oben an, denn ein Projekt, das bereits 1965 begonnen hat, aber ausverschiedenen Gründen erst in diesen Jahren verwirklicht werden kann, muss immer und immer neu in den Herzen der Verantwortlichen wie der ganzeninternationalen Bewegung zum Brennen gebracht werden. Da ist die Mitarbeit in der wachsenden italienischen Bewegung gefragt, die alle freien Kräfte braucht und sich für mich besonders in der Mitsorge für die Priester und natürlich in der Sorge für das Leben im und um das Heiligtum verwirklicht. Und nicht zuletzt in der eigenen Priestergemeinschaft, dem Schönstatt-Institut Diözesanpriester, der die Trägerschaft von Belmonte übertragen ist, gilt es verantwortlich mitzuarbeiten.

In Zukunft soll Belmonte das „Gesicht Schönstatts im Herzen der Weltkirche“ sein. Einer so vielfältigen und vielgestaltigen weltweiten Bewegung. Das kann keine Person für sich allein, das kann auch keine der vielen Teilgemeinschaften für sich allein (wir sprechen da von „Gliederungen“), das kann, wenn überhaupt, nur in einem Miteinander gelingen von den verschiedenen Berufungen innerhalb der Schönstatt-Bewegung, die quer aus vielen Nationen und  Kulturen kommen. Dafür will ich innerhalb der internationalen Familie werben und Menschen gewinnen. Es gilt aber auch, nach Möglichkeiten schon jetzt Kontakte zu knüpfen hinein in Pfarrei und Diözese (wir gehören hier zwar zur Stadt Rom, aber schon nicht mehr zum Bistum Rom), aber auch zum Vatikan und zu kulturellen und gesellschaftlichen Kreisen.

Der Maidan in Kiew – Fotoimpressionen

Ivan Kupar, ehemaliger Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt aus Transkarpatien/Südwestukraine, war mehrere Male auf dem Maidan in Kiew. Er hat eine Fotodokumentation zum Thema „Maidan in Kiew: friedliche Organisation, Aufgabenverteilung und Zusammenhalt der Demonstranten“ erstellt.

Eine Auswahl seiner Bilder hat er mir zugesandt und zur Veröffentlichung hier im Blog freigegeben. Es sind Aufnahmen von der Versorgung der Maidan-Teilnehmer mit Wasser, Essen, Tee; von der medizinischen Versorgung der Verletzten und Kranken. Gezeigt werden auch Aufräumarbeiten nach den nächtlichen Angriffen der bewaffneten Polizei, Barrikadenbau aus Straßenpflastersteinen und Reifen, die letzteren zum Verbrennen, um eine dunkle Rauchwolke zu erwirken und die klare Sicht der Polizeileute auf den Maidan zu verhindern. Auch Blutspuren eines Ermordeten, umgeben von Pflastersteinen – in der Mitte mit einem Holzkreuz, damit niemand drauf tritt – sind zu sehen.

Vielleicht können diese Bilder manchen der prorussischen Journalisten überzeugen, dass die unbewaffneten Demonstranten ganz normale Menschen sind, die für ihre und unsere Menschenwürde standen und bisher noch stehen (in größter Lebensgefahr!), und dass sie keine Nazis beziehungsweise Faschisten sind, wie sie offiziell von der russischen Seite genannt und leider viel zu oft von russlandfreundlichen Medien – auch in Deutschland – ungeprüft bezeichnet werden.

Mehr zum Thema:

Ukraine – ein Grenzland versinkt in grenzenlosem Leid

Eine der dominierenden etymologischen Deutungen des Landesnamens „Ukrajina“ = Ukraine, der zum ersten Mal schriftlich im 12. Jahrhundert bezeugt ist, heißt Grenzgebiet oder Grenzland. Geschichtlich und geografisch gesehen bringt diese Bezeichnung das Schicksal des Landes und seiner Einwohner trefflich auf den Punkt. Es liegt an der Grenze zwischen der westlichen und östlichen Mentalität; durch sie geht eindeutig eine sprachliche Grenze zwischen den zwei slawischen Sprachen Ukrainisch und Russisch, in vielen Teilen der Ukraine gemischt. Nicht zuletzt liegen die Grenzen der christlichen Konfessionen (katholisch und orthodox) nirgendwo so nah beieinander wie in der Ukraine. Deshalb ist hier auch die größte unierte Kirche zu Hause, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die zweitgrößte in der katholischen Welt.

Diese Slideshow erfordert aktiviertes JavaScript.

In der jüngsten Geschichte zeigt sich die Ukraine als Grenzgebiet in den gesellschaftspolitischen Belangen. Das Land, nach mehreren Versuchen endlich seit 1991 ein unabhängiger Staat, existiert zwischen zwei größeren geopolitischen Blöcken, der Europäischen Union und der Russischen Föderation. Beide Nachbarn sind sehr unterschiedlich im Denken, im Sprechen und im Handeln, gestalten ganz unterschiedlich ihre gesellschaftlichen Prozesse. Die westlichen Nachbarn sind demokratisch und freiheitsliebend. Die östlichen bevorzugen bzw. dulden einen autoritären und gebieterischen Regierungsstil. Alle Nachbarn haben freilich ihr Interesse an der Ukraine. Aber auch die Ukraine, meine Heimat, will sich als junger Staat behaupten und ihrerseits mit allen an sie grenzenden Nachbarn gute Kontakte unterhalten und in Frieden leben. Doch das war ihr öfter und wird ihr besonders heute nicht gegönnt, besonders vom östlichen Nachbarn, der ihr militärisch und zahlenmäßig überlegen ist, jedoch – wie es aus den aktuellen Ereignissen hervorgeht – wohl nur militärisch und zahlenmäßig.

Mit Empörung und einem totalen Unverständnis, was das Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine angeht, nehme ich persönlich die Ereignisse wahr. Auch meine Freunde, Nachbarn und Bekannte, hauptsächlich aus der West- und Zentralukraine, sowohl ukrainisch- als auch russischsprachig, reagieren genauso auf die momentane Situation in der Ukraine. Der russische Präsident zeigt durch diesen von ihm schon lange vorbereiteten und verursachten Konflikt sein wahres Gesicht. Besonders entpuppen sich dadurch sein autoritärer und rücksichtsloser Regierungsstil und seine imperialistischen Absichten und Visionen von Großrussland beziehungsweise der Wiederbelebung der UdSSR, mit denen er 1999 in Tschetschenien handelte und 2008 im Krieg gegen die Georgier vorging. Damals reagierten die Opponenten mit Waffen und lieferten ihm so den Grund, militärisch durchzugreifen und alles in seinem Sinn sehr schnell zu erledigen. Heute zeigt die Ukraine und die ukrainische Armee große Geduld, wobei sie ihre prowestlichen Werte vor der ganzen Welt hervorragend unter Beweis stellt, und erschwert somit die Erfüllung der Pläne des östlichen Nachbarn. Und doch ist die Situation sehr schlimm, so dass der russische Nachbar sein Ziel wahrscheinlich erreichen wird: zunächst die Halbinsel Krim und dann möglicherweise noch weitere Teile der Südostukraine. Zumindest ist das sein zweiter Plan, nachdem der erste mit der ganzen Ukraine gescheitert ist. Der langjährige ideologische ukrainophobe Informationskrieg hat bereits seine menschlichen Opfer gefordert und wird womöglich für Russland noch mehr Beute servieren. Sehr schade für die Ukraine – und vor allem gefährlich für die Staaten der Europäischen Union sowie für die demokratischen Abmachungen, die wieder einmal nur so viel wert sind, wie das Papier, auf dem sie verfasst sind. Die Grenzen der Ukraine sind zwar international geklärt und Russland hat sich 1994 zusammen mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien schriftlich verpflichtet, als Gegenleistung für die Abrüstung der Atomwaffen ihre Grenzen – samt der Krim als Teil der Ukraine anzuerkennen und sogar zu schützen. Doch ein Grenzland muss nach Ansicht Russlands ein Grenzland – mit unbestimmten Grenzen – bleiben, die je nach politischer Stimmung der Regierung Russlands hin oder her geschoben werden dürfen. Jetzt hat es sich der östliche Nachbar anders überlegt und zeigt, wie viel seine Unterschrift wert ist und wie ernst sie künftig zu nehmen ist.

In der blutigen und schwarzen Maidan-Woche (17.-22. Februar 2014) war ich in meiner Heimat auf einer Reise, die seit langem geplant war. Es gab keine Probleme, weder an der Grenze noch bei den Fahrten zwischen den Hauptstädten der Westukraine. Unsere Reisegruppe wurde vor den Einfahrten in die Städte und bei den Ausfahrten immer wieder kontrolliert, ob wir nicht Unruhestifter sind. Aufgrund der deutschen Kennzeichen unseres Kleinbusses und an unseren Talaren erkannte man uns von Weitem und ließ uns überall durch. Wir hatten sehr tiefgehende Gespräche über die ganze Situation. Alle waren von der Situation und von der blutigen Machtgier der Janukowitsch-Oligarchen und der antiukrainischen und somit antidemokratischen russischen Politik gegenüber der Ukraine schockiert und betroffen. Auch meine Familie habe ich besucht. Die ganze Situation hat schon schlimme Auswirkungen wirtschaftlicher und psychischer Art. Männer arbeiten nicht – oft die einzigen, die das Geld in die Familie bringen – sondern fahren wochenweise zum Demonstrieren. Die Frauen und die Kinder haben traurige und unsichere Gesichter. Momentan lassen sich viele junge Männer freiwillig zum Militärdienst einziehen. Wenn die Ärzte unser Dorf und unser Krankenhaus verließen, um freiwillig die Dienste auf dem Maidan Kiew zu übernehmen, hieß es, dass unsere Kranken vor Ort auch nicht richtig versorgt werden konnten. Das Lieblingsspiel der Jungs ist einer Umfrage zufolge das Barrikadenbauen. Das alles sind Auswirkungen der Bosheit der machtgierigen Erwachsenen.

Die Kirchengemeinde in Sykhiv, ein Stadtteil von Lemberg, hatte wie viele andere Städte auch ihre Toten zu beweinen: Tausende von Menschen waren bei der Beerdigung. Auch auf unserer Reise trauerten wir mit mehreren Angehörigen der ermordeten Demonstranten. So wurden ein Professor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg und der Ehemann einer Krankenschwester des Lemberger Priesterseminars ermordet, und auch ein Verwandter des Rektors des griechisch-katholischen Priesterseminars von Ivano-Frankivsk, der beim dem Totengedächtnis für den Verwandten vor lautem Weinen kaum singen konnte.

Man kann sich fragen, ob der Wechsel in der Regierung weiter in die Gesellschaft hinein wirkt. Ich meine, der Wechsel wirkt sich schon jetzt aus und wird sicherlich auch weiterhin tiefere Auswirkungen haben, auch wenn die Ukraine geografisch vielleicht kleiner wird. Nie waren die Ukrainer gewohnt, einen Zaren an der Spitze zu haben, der seine Leute versklavte und für dumm hielt. Und wenn es einen gab, dann war er ein Fremdherrscher und regierte von außerhalb des Territoriums. Das haben leider weder Janukowitsch noch der Kreml bisher verstanden. Keiner der Politiker, auch nicht Frau Timoschenko, wird sich ab sofort trauen können, kurz- oder langfristig krumme Wege zu gehen und nicht transparent zu handeln. Wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, werden auch die neuen Reichen, Einflussreichen und Politiker es nicht so schnell wagen, das eigene Volk auszubeuten und sich nur um ihre eigenen Taschen zu sorgen. Denn sie merken, das ukrainische Volk – ukrainischsprachig und russischsprachig – ist keine nichtdenkende Masse, sondern eine reife, verantwortungsbewusste, zielstrebige und nach Frieden verlangende Gemeinschaft. Sie will das Leben im eigenen Land und das Miteinander mit den Nachbarn – auch mit den Russen! – im Guten gestalten.

Was wir heute in der Ukraine erleben, ist der eindeutige und öffentliche Ausdruck dafür, aber auch für die innere Reife für demokratische Prozesse und westeuropäische Entwicklung. Wichtig ist, dass die westliche Demokratie und die EU uns heute unterstützen und uns helfen. Denn der heutige Kampf der Ukraine mit allen legalen Mitteln und – leider – mit bereits viel zu vielen Toten ist ein Kampf für die europäischen Werte und für den Bestand der Demokratie, auch im Westen Europas. Für die bisherige Unterstützung jeglicher Art – ökonomisch und ideell – sind wir sehr dankbar. Die Solidarität der westeuropäischen Welt mit dem Grenzland Ukraine ist grenzenlos groß. Nochmals vielen Dank dafür!

In vielerlei Hinsicht verwischen sich momentan die Grenzen in der Ukraine, besonders im persönlichen Leben der Menschen. Die Ukrainer im Westen sprechen Russisch und im russischsprachigen Osten der Ukraine wird Ukrainisch gesprochen als handfestes Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Volk. Gemeinsam trauert man um die Toten, gemeinsam ermuntert man einander in der Hoffnung auf die baldige Überwindung des Konflikts. Gemeinsam ringt man im Parlament um die Lösung. Das Gemeinsame in Ost und in West der Ukraine wird hervorgehoben. Die Gemeinsamkeiten und die Begegnung sind eben auch Stärken eines Grenzlandes!

In meinem Leben habe ich mich noch nie so viel und so intensiv für Politik und politische Nachrichten interessiert wie jetzt. Mit einem Wirrwarr von Gedanken kann ich jeden Abend nicht einschlafen und ich stehe zur Zeit immer mit dem gleichen Gedanken auf: Was gibt es nun Neues in der Ukraine, hoffentlich kein weiteres Blutvergießen. Auch im Gebet bitte ich Gott – ich bin mir sicher, in Gemeinschaft mit Millionen Menschen guten Willens – dass die Unruhen endlich ein Ende nehmen, dass die Verantwortlichen und die Verursacher von der Bosheit loslassen. In der Hoffnung, dass über allem doch die starke Hand Gottes weilt, gehe ich meinen täglichen Aufgaben nach.

Mehr zum Thema:

Nationale und kulturelle Vielfalt auf Belmonte

In meinem ersten Blogbeitrag habe ich über der Intensität des Lebens in Rom geschrieben. Was für Rom gilt, gilt ähnlich für Belmonte, wo ich seit gut einem Jahr im Internationalen Schönstattzentrum lebe. Nationale und kulturelle Vielfalt erleben wir täglich, wenn auch in einem ganz anderen Maßstab als in der italienischen Hauptstadt.

Diese Slideshow erfordert aktiviertes JavaScript.

Drei Schönstätter Marienschwestern aus Brasilien, eine tschechische Familie mit vier Kindern, das jüngste im Januar vor einem Jahr hier in Rom zur Welt gekommen, eine Sardin, die seit 45 Jahren in Rom lebt, seit September zwei Volontäre aus dem Rheingau, die im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes auf Belmonte mitleben und mitarbeiten, und ich bilden derzeit das Team  Belmonte.

Dazu kommen unter der Woche jeden Tag Arbeiter, Ingenieure und Architekten für die Baustelle: Römer und Italiener aus den unterschiedlichsten Regionen, Rumänen, Albaner und alle vierzehn Tage der leitende deutsche Architekt, manchmal mit seiner mexikanischen Frau.

Das ist bereichernd, wo die Schätze des einzelnen und der jeweiligen Kultur zum Tragen kommen kann. Das ist mühsam, wo es um das gegenseitige Verstehen geht. Das ist anstrengend, wenn unterschiedliche Arbeitskulturen aufeinander prallen und die sachlichen Notwendigkeiten für ein tieferes Kennen- und Liebenlernen des Andersartigen keinen Raum lassen. Leben intensiv.

Diese Vielfalt wird bereichert durch Pilger aus aller Welt, wenn sie in Gruppen oder einzeln zum Heiligtum der Gottesmutter von Schönstatt kommen. Dann ist es faszinierend, wie die gleiche Spiritualität, wie das Heiligtum und die Mutter dort Heimat schaffen und Gemeinschaft stiften – über so manche Sprachbarriere hinweg. Und wie sie uns als Mutter der Kirche und als Mutter Kirche in Dienst nimmt für die Sendung ihres Sohnes: hinaus, hinaus… bis an die Peripherien menschlicher Existenz, wie Papst Franziskus uns täglich neu auf’s Herz bindet. Denn eine Kirche, die um sich selbst kreist, wird krank und verfehlt  ihren  Auftrag  –  ebenso ein Schönstatt, das es dazu gibt, um „selbstlos fremdem Leben zu dienen“, der Kirche und allen Menschen. Leben intensiv.