Kategorie-Archiv: Bewegung

Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Bolivien – Evo Morales und die Kirche

Ende Oktober 2014 hat Papst Franziskus den linksgerichteten bolivianischen Präsident Evo Morales am „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom begrüßt. Morales war einer der Hauptredner des Treffens und wurde später vom Papst zu einem privaten Gespräch empfangen. Bereits 2010 hatte der damalige Papst Benedikt XVI. ihm im Vatikan eine Privataudienz gewährt. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Morales, wie die Mehrheit seiner Landsleute, katholisch, zumindest getauft und nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Wie aber steht er politisch zur Kirche?

Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org
Boliviens Präsident Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org

 

Evo Morales stammt aus dem Hochland, aus einem Indianerdorf in den Anden, also nicht aus einer Stadt. Bis heute sind dort – trotz Kirche – viele religiöse Bräuche von den ehemaligen Indianerkulturen und -religionen geprägt. Oft ist es einfach ein Synkretismus, also eine Vermischung verschiedener Religionen.

Morales war Vorsitzender (und ist es immer noch!) der Kokabauern-Gewerkschaften. Diese haben ihn gleichsam auf den Thron gehoben. Dazu kam auch, dass er sich vehement für die Indianer einsetzte, was sicherlich gut war und ist. Viele haben ihn gewählt, weil „er einer von uns ist”, das heißt, endlich ein Indianer als Präsident. Politische Programme interessieren in Bolivien wenig und sind auch kaum bekannt. Es spielt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vieles aufgrund von Gefühlen und nicht von Kriterien und Argumenten ab.

Seine politischen Freunde, Vorbilder und Ziehväter sind Fidel Castro und Hugo Chavez (ehemaliger Staatspräsident Venezuelas). Es ist also eine linke, kommunistische Politik und Partei, die das Sagen hat. Morales‘ Partei nennt sich MAS (Movimiento al socialismo = Bewegung hin zum Sozialismus). Doch welche Art von Sozialismus ist das oder hat er im Kopf?

Sein Problem ist, dass er zu sehr ideologisch vom Kommunismus geprägt und gefangen ist. Von daher kommt sicherlich auch seine ständige Abneigung gegen die katholische Kirche. Dies wird verstärkt durch die dunklen Seiten der Eroberung durch die Spanier, bei der die Kirche auch wirklich nicht immer gut agiert hat: Kreuz und Schwert! Positives in der Geschichte sieht Evo Morales natürlich nicht oder kennt es einfach auch nicht, zum Beispiel das gesellschaftliche Konzept der Jesuitenreduktionen (Siedlungen für die indigene Bevölkerung), die heute zum Weltkulturerbe gehören. (Ich war 26 Jahre in Concepcion tätig, einer der ehemaligen Jesuitenreduktionen, von Franziskanern restauriert). Auch was die Kirche seit den Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) an Positivem für die Armen und die Indianer getan hat und tut, kennt oder schätzt Evo Morales nicht. Kirche ist für ihn einfach “Kolonisation” und deshalb muss sie verschwinden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die katholische Kirche immer eine kritische Haltung – auch öffentlich – gegenüber politischen Missbräuchen gewahrt und zum Ausdruck gebracht. Auch in Zeiten der Diktaturen! Natürlich tut sie dies auch gegenüber Evo Morales und seiner Regierung (auch da gibt es Missbräuche). Da die MAS so gut wie die ganze starke Opposition ausgeschaltet hat, ist fast nur noch die Kirche als “Opposition” geblieben, und ist damit Ziel so mancher Attacken. Die Angriffe richten sich meistens gegen die „Jerarcos“ (Hierarchie-Bischöfe). So versucht man, einen Keil zwischen die Basis und die kirchliche Führung zu treiben. Das geht so weit, dass sogar eine Art national-katholische Kirche gefördert wird. Als Zeichen der Abgrenzung von der Kirche hat man beim Vaterlandstag in Sucre (offizielle Hauptstadt Boliviens) während der Messe im Dom, an der normalerweise immer auch die politische Führungspersönlichkeiten teilgenommen hatten, auf dem Platz einen eigenen Wortgottesdienst mit den Anführern verschiedener Sekten und Präsident Evo Morales organisiert – und ohne die Kirche!

Es bleibt abzuwarten, was demnächst passiert, da sich Kuba und Nordamerika annähern und Venezuela finanziell am Abgrund steht. Da wird es auch schwieriger für Evo Morales. Doch ob dies etwas in seiner Einstellung zur Kirche ändert, ist fraglich.

Quo vadis, Ukraine?

Seit letztem Jahr und noch mehr in den letzten Monaten kann die Ukraine als „ein Land der Tränen in Europa“ bezeichnet werden. Die „Revolution der Würde“ (wie der Euromaidan in der Ukraine rückblickend genannt wird – A.d.R.*), die Proteste im ganzen Land, das brutale Vorgehen der Janukowitsch-Polizei und die Todesfälle am Maidan-Platz in Kiew, der Konflikt mit Russland um die Halbinsel Krim, der „inoffizielle Krieg“ mit Russland in der Ostukraine, Tausende Tote und zahlreiche Flüchtlinge – dies alles ist die Realität der heutigen Ukraine, in der eine neue Generation heranwächst und sich gesellschaftlich formiert. Sie ist die Zukunft der Ukraine, und daher ist es überaus wichtig für sie, sowie für alle Ukrainer, die gegenwärtigen Geschehnisse im christlichen Geist einzuordnen und manche Seite der heutigen ukrainischen Geschichte auch positiv zu betrachten. Aus meiner Sicht entwickelten sich aus den letzten Ereignissen auch positive Aspekte für die Zukunft des Landes, unter anderem:

  • eine klare Entscheidung der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer für die Werte der Demokratie und Freiheit;
  • das Gefühl der Würde und des Bewusstseins, ein eigenes Volk zu sein;
  • die Relativierung der unterschiedlichen Sprachen für die Einheit der Ukraine;
  • ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in den Krisensituationen.

Die Erfahrung der Menschlichkeit und des Eintretens füreinander hat für die Gesellschaft in der Ukraine weitreichende Folgen. Die Ukrainer zeigen gegenwärtig ein großes Maß an Selbstorganisation, der gegenseitigen Hilfe und des Altruismus. Dies bemerken auch viele Menschen, die aufmerksam die heutige Situation in der Ukraine beobachten. Beispielhaft ist das kurze Zitat der Lemberger Journalistin Tetiana Sliysarschuk vom Medienportal „Zaxid.net“, die den Einsatz ihrer Mitbürger so beschreibt: „Der Freiwillige ist ein Phänomen der „Revolution der Würde“ und eine unentbehrliche Hilfe […]. Der Enthusiasmus und der Erfindungsreichtum der Ukrainer im Hinterland machen einen großen Eindruck“.

Seit dem Anfang der „Revolution der Würde“, den Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine unterstützen die Ukrainer einander mit einem beispielhaften Engagement. Es geht nicht nur um die große finanzielle Unterstützung der freiwillig Engagierten, die von unzähligen Menschen guten Willens erbracht wird, sondern auch um die breite Basis für die „Revolution der Würde“, die auf diese Weise sichtbar wird. Man kann in diesen Tagen besonders bemerken, wie das konkrete menschliche Leben geschätzt wird. Die Menschen in der Ukraine kümmern sich um die Familien der Verstorbenen am Maidan genauso wie um die Angehörigen der Opfer der Kämpfe und um die hunderttausend Binnen-Flüchtlinge.

Die ukrainischen Kirchen spielen momentan im Prozess dieser neuen Menschlichkeit auch eine wichtige Rolle: Sie möchten dem eigenen Volk in diesen schweren Stunden seiner Geschichte beistehen und versuchen mit verschiedenen sozialen Projekten die Gesellschaft zu unterstützen. Darüber hinaus sind viele Priester der verschiedenen ukrainischen Kirchen als Militärkapläne tätig, um die Zivillisten und die Soldaten in der Ostukraine geistlich zu betreuen. Im Blick auf die zurück liegenden Monate kann man sagen: Durch die Ereignisse seit dem Beginn der „Revolution der Würde“ haben die Ukrainer die Gesellschaft und den Alltag für sich selbst reorganisiert und befinden sich heute in einer Phase gelebter Solidarität.

Die Ukraine ist anders geworden. Obwohl die Ukrainer fast täglich Tote zu betrauern haben und viele Menschen Not leiden, sehen sie trotzdem mit großer Hoffnung in die Zukunft. Wie oben gesagt, das letzte Jahr ist das Jahr der großen positiven Änderungen in der ukrainischen Zivilgesellschaft geworden. Die Ukraine wartet auch auf die gleichen positiven Änderungen in der eigenen Politik und will ein Land mit europäisch-demokratischen Werten sein, in dem Frieden herrscht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Euromaidan – in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt – wurde im November 2013 ausgelöst durch die Ankündigung der damaligen ukrainischen Regierung, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen.

Ökumene – ein wichtiger Auftrag für eine zeitgemäße Pastoral

Wenn man den Beginn der sogenannten „Ökumenischen Bewegung“ mit der hauptsächlich von evangelischen Christen getragenen Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 markieren will, dauerte es zunächst einige Jahrzehnte, bis die katholische Kirche sich dieser Bewegung anschließt.

Die Instruktion der Kongregation des Heiligen Offiziums in Rom stellt noch am 20. Dezember 1949 fest, dass die katholische Kirche an den ökumenischen Kongressen und anderen derartigen Tagungen nicht teilnimmt, dass aber offizielle Glaubensgespräche und eine Zusammenarbeit der Christen im sozialen Bereich nicht ausgeschlossen seien.
Im Rückblick auf diese Vorgeschichte war es ein höchst erstaunlicher und erfreulicher Vorgang, dass am 21. November 1964 das Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils verabschiedet wurde, das alle katholischen Gläubigen ermahnt, „dass sie die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen sollen“. In dem Bemühen, die Ergebnisse dieses Konzils in der konkreten Situation der Bistümer in der Bundesrepublik umzusetzen, war es nur folgerichtig, dass sich die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ im Jahre 1975 selbstverständlich auch mit dem Thema Ökumene befasste. Das Dokument dieser Synode „Pastorale Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst an der christlichen Einheit“ beschreibt nicht nur die konkrete Situation, sondern gibt auch wertvolle Anregungen für die Umsetzung des genannten Konzilsbeschlusses in den einzelnen Bistümern und in den Pfarreien.

Erinnert werden darf auch an die Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999. Die Überwindung gegenseitiger Lehrverurteilungen und die Formulierung eines gemeinsamen Bekenntnisses zwischen den Lutheranern und Katholiken war ein großer Schritt nach vorne.
Freilich haben wir die volle Einheit noch nicht. Auch das müssen wir redlicherweise sagen. Große Unterschiede gibt es nach wie vor im Kirchenverständnis und im Amtsverständnis. Ohne die Lösung der kontroversen Themen wird es eine Einheit der Kirchen nicht geben können.

Gleichwohl kann schon jetzt viel Gemeinsamkeit der Christen in der Öffentlichkeit verwirklicht werden, zum Beispiel im gemeinsamen Gebet und im gesellschaftlichen Engagement aus christlicher Motivation.

Die größten Fortschritte in der Ökumene sind derzeit wohl durch gemeinsame Glaubenserfahrungen der Kirchen zu erreichen. Papst Benedikt XVI. hat es am 21. September 2011 anlässlich seines Besuches in Deutschland im Augustinerkloster in Erfurt als zentrale ökumenische Aufgabe der Kirchen bezeichnet, sich gegenseitig zu helfen, „tiefer und lebendiger zu glauben“. Diese Aussage hat nach wie vor höchste Aktualität.

Über längere Zeit habe ich im Dienst unserer Diözese immer wieder an Gesprächen teilnehmen dürfen zwischen dem früheren Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, und dem damaligen evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, für die Freundlichkeit mit der man sich begegnet ist, für den Ernst, mit dem offene Fragen erörtert wurden, für das gemeinsame Vertrauen, dass der Heilige Geist Gottes seine Kirche auf den rechten Weg führen wird.
Ich gehe davon aus, dass unter den jetzigen Verantwortlichen in Bayern und neuerdings auch in der Bundesrepublik Deutschland, Reinhard Kardinal Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, das gute Einvernehmen weiterbesteht und so die Bemühungen für weitere Gemeinschaft fortgesetzt werden.

Die Motivation zum Engagement für die Einheit im Glauben kommt nicht aus unserer menschlichen Nähe zueinander, die Motivation ist der Auftrag Jesu selbst.
Das große Anliegen unseres Herrn Jesus Christus, „dass doch alle eins sind“ wird unseren Weg in die Zukunft motivieren.

Je mehr wir uns um die Botschaft Jesu bemühen, umso näher kommen wir einander.

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Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.