Kategorie-Archiv: Besuch

Eine Reise nach Nigeria

Seit dem 17. Januar bin ich auf Heimatbesuch in Nigeria. Ich bin bei 5 Grad in München gestartet und nach dem Flug über Paris bei 31 Grad in Lagos gelandet. Übernachtet habe ich bei meinem Landsmann und Mitbruder Rev. Fr. Jonathan Okafor, der ebenfalls aus meiner Heimatstadt Ututu stammt und als Missionar in Lagos tätig ist. Am nächsten Tag ging es weiter mit dem Bus nach Umuahia, eine Bischofsstadt mit rund 80.000 Einwohnern. Für die 600 Kilometer lange Busfahrt von Lagos nach Umuahia brauchten wir 11 Stunden. Mit einem Inlandflug dauert es hingegen nur 45 Minuten. Da ich aber vorsichtshalber seit 1996 in Nigeria nicht mehr geflogen bin, sind mir diese 11 Stunden angenehmer als 45 Minuten Panik in der Luft.

Meine Heimatpfarrkirche St. Paul's Parish Church Ututu: Hier wurde ich am 21.7.1990 zum Priester geweiht, als erster Priester des damals am 1. 7. 1990 für die Diözese Umuahia neu konsekrierten Diözesanbischofs Dr. Lucius Ugorji.
Meine Heimatpfarrkirche St. Paul’s Parish Church Ututu: Hier wurde ich am 21.7.1990 zum Priester geweiht, als erster Priester des damals am 1. 7. 1990 für die Diözese Umuahia neu konsekrierten Diözesanbischofs Dr. Lucius Ugorji.

In Umuahia habe ich wieder bei einem Mitbruder in seinem Pfarrhaus übernachtet. Dem Ortsbischof Dr. Lucius Ugorji überreichte ich Messstipendien vom Ingolstädter Messbund. Danach fuhr ich dann endlich nach Ututu. Die Gemeinde Ututu hat ungefähr 20.000 Einwohner (genaue Statistiken gibt es nicht), die auf 19 Dörfer leben. Mein Dorf heißt Ukwuakwu Ututu und dort verbringe ich meistens meinen Urlaub mit meinen drei Schwestern sowie mit Neffen und Nichten.

Dieses Jahr ist es aber anders. Weil ich den Heimatbesuch zur Vorstellung meines jüngsten Buches „The Denial of Catholic Funeral Rites and Irregular Marriage in Igboland“ nutze, bin ich jedes Wochenende in einer anderen Pfarrei. So habe ich zum Beispiel eine Messe in der Mater Dei Cathedral Umuahia mit Dompfarrer Dr. Pascal Opara konzelebriert. Dort stieß das Buch bei den Gläubigen auf große Begeisterung. Nun bin ich zu Hause und genieße die Natur, das einheimische Essen, die Gesellschaft meiner Familienangehörigen und vor allem die Ruhe von der Arbeit.

Die Zahl der Seminaristen hat sich verdoppelt

Ututu liegt 130 Kilometer südlich von Umuahia (Hauptstadt des Bundeslandes Abia State). Die meisten Menschen hier sind Kleinbauer, deren Ertrag aus der Landwirtschaft gerade zum Überleben reicht. Andere wiederum sind Lehrer unterschiedlicher Schulstufen. Die Jugendlichen wandern in die Großstädte ab und kommen regelmäßig zu Gemeinschaftsfeiern, wie Beerdigungen, Eheschließungen oder zu Weihnachten zurück. Dies hat zur Folge, dass nur noch die älteren Menschen und die Schulkinder zu sehen sind, die aber die Dorfgemeinschaft aufrechthalten.

Am vergangenen Wochenende war ich in Enugu, 215 Kilometer nordöstlich von Umuahia. Enugu, Hauptstadt des gleichnamigen Bundeslandes, ist auch Bischofssitz. Hier wurde mein Buch den Priesteramtskandidaten im Bigard Memorial Seminary und in zwei Pfarreien vorgestellt. In diesem Priesterseminar habe ich von 1986 bis 1990 Theologie studiert. Bei meinem ersten Besuch letzte Woche habe ich festgestellt, dass sich die Zahl der Seminaristen seitdem verdoppelt hat. Momentan gibt es hier über 1000 Seminaristen aus den Bistümern Enugu, Onitsha, Awka, Awgu, Nsukka, Abakaliki und Nnewi.

Mehr zum Thema: Die Kirche in Nigeria – Die Herausforderungen und Möglichkeiten

Gottesdienst im Senegal

Wenn man es gewohnt ist, den Gottesdienst in einem barocken Gotteshaus wie in meiner Pfarrgemeinde St. Willibald in Deining zu besuchen, dann ist ein Gottesdienst im Senegal – wo ich gerade unterwegs bin – schon ein besonderes Erlebnis. Als Glocke dient hier eine Lastwagenfelge, die mit dem Hammer „geläutet“ wird. Die Kirche ist eine “idyllische“ Strohhütte mit Wellblechdach. Der Altar ist ein einfacher Holztisch, die Bänke Baumstämme von Palmen.

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Uns Europäern fallen gleich die farbenfrohen Kleider der Frauen auf, oft noch mit einem Kind auf dem Rücken. Der Ablauf des Gottesdienstes ist natürlich der gleiche wie bei uns, aber die Atmosphäre ist entspannter. Der Gesang, oft von Trommeln begleitet, ist mächtig, er kann auch in „ wilden“ Tanz übergehen. Die Predigt muss oft in die Stammessprachen übersetzt werden, da der Pfarrer nur französisch spricht. Der Friedensgruß wird ausgiebig zelebriert. Nach dem Gottesdienst geht die Feier weiter – mit Gesang und Tanz. Es ist eben anders, aber man fühlt sich im Glauben verbunden.

Das Christentum gelangte bereits mit der Ankunft der ersten portugiesischen Entdecker in den Senegal. Während der Kolonialzeit (1895-1960) haben die Franzosen, ausgehend von ihrer  „Auslandsseelsorge“, versucht, die noch nicht islamisierten Völker zu missionieren. Heute sind knapp 5 Prozent der Senegalesen Christen (meist Katholiken), mehr als 90 Prozent bekennen sich zum Islam. Für die 643 000 Katholiken sind derzeit 817 Ordensschwestern, 312 Diözesanpriester, 134 Ordenspriester, 146 Ordensbrüder in sieben Diözesen tätig (diese Zahlen habe ich von missio). Die Ortskirchen im Senegal sind auf die finanzielle Solidarität der Weltkirche angewiesen. So auch die Diözese Tambacounda, mit der die KLB Diözese Eichstätt eine Partnerschaft unterhält.

Soweit ich das bisher beobachten konnte, ist das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen im Allgemein von gegenseitigem Respekt geprägt. Die gemeinsame Sorge um die Nöte der Menschen prägt das Miteinander der Religionsgruppen in diesem Land. Vielleicht können auch andere Länder vom hiesigen „Dialog des Lebens“ etwas lernen.

Mehr zum Thema: Rund 250.000 Euro zur Förderung eines Alphabetisierungsprojektes – Bericht über den Projektbesuch, an dem auch Michael Graml von der KLB Diözese Eichstätt teilnimmt (auf Französisch)

Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Besuch aus Benin

Benin liegt in West-Afrika. Auf der Weltkarte erscheint die ehemalige französische Kolonie als ein schmales Land mit kleinem Kopf, eingeklemmt zwischen dem noch kleineren Staat Togo und dem großen Nigeria. Seit 1960 ist Benin von Frankreich unabhängig – und nimmt sein Geschick selbst in die Hand. Jedenfalls versucht das für afrikanische Verhältnisse eher kleine Land im Konzert der mehr und mehr globalisierten Welt seinen eigenen Weg zu gehen. Und das mit Stolz. Jedes Land hat guten Grund, stolz zu sein auf sein eigenes Volk. Auch Benin. Das sagte mir schon vor Jahren mein alter Studienfreund Pascal N’Koué aus Natitingou in Benin. Er ist heute Erzbischof von Parakou in seiner Heimat. Ich durfte manches von ihm lernen.

Heute ist aber ein anderer Bischof aus Benin zu Besuch in Eichstätt: Victor Agbanou, geboren im Jahr 1945, ist Bischof von Lokossa. Soeben hat er mit unserem Bischof Gregor Maria Hanke OSB einen festlichen Gottesdienst im Eichstätter Dom gefeiert. Bischof Victor spricht gut Deutsch. Die Sprache ist ihm aus eigenen Studientagen in Deutschland erhalten geblieben. Zum Bischof geweiht wurde er durch seinen großen Landsmann Kardinal Bernardin Gantin (1922 – 2008) im Jahr des großen Jubiläums 2000. Der freundlich zurückhaltende Gast aus Benin öffnet sich im Gespräch. Er erzählt Bischof Hanke und uns vom Referat Weltkirche von seinem Land und von der Kirche in Benin.

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Politisch ist Benin eine Präsidialrepublik. Die Korruption in der öffentlichen Verwaltung macht den Menschen zu schaffen. Der westafrikanische Staat hat heute ca. 10 Millionen Einwohner.  Etwas weniger als die Hälfte davon sind Christen; neben den Katholiken gibt es eine Vielzahl von evangelischen und evangelikalen Denominationen. Bischof Victor sagt: „Bei uns schießt fast jeden Tag eine neue Kirche aus dem Boden“. Neben dem massiven Vordringen des Islams gehört die Koexistenz mit den vielen ganz neuen christlichen Gruppen zu den Herausforderungen, denen sich die katholische Kirche zu stellen hat. Auch der Anteil der Naturreligionen ist in Benin noch relativ hoch. Der Bischof erzählt, viele der neuen „Kirchen“, die von Predigern aus den USA gegründet werden, reduzierten den christlichen Glauben auf eine rein individuelle Gottesbeziehung und auf die religiöse Feier. Der soziale Aspekt des Christseins, der Ruf zur gesellschaftlichen Mitverantwortung, das Mitbauen an einer sozial gerechten Gesellschaft nach den Maßstäben des Evangeliums falle nahezu gänzlich weg. Dies und die Zerspaltung in viele kleine voneinander unabhängige Gruppierungen mindere insgesamt die Kraft des Christentums in Benin. Trotzdem kann die katholische Kirche einen wertvollen Beitrag für das Land leisten. So werden zum Beispiel die kirchlichen Schulen nicht nur von katholischen Christen besucht. Auch viele andere Menschen in Benin schicken Kinder und Jugendliche gerne auf katholische Schulen. Kirche, Bildung und Wertevermittlung, das gehört in Benin zusammen.

Im Bistum Lokossa leben heute ca. 142.500 katholische Christen. Die etwa 170 Diözesanpriester müssen oft weite Wege zurücklegen, um die Dörfer zu erreichen. „Ohne unsere Katechisten wäre die Glaubensvermittlung undenkbar“, sagt Bischof Victor. Vielleicht können wir ihm ein wenig bei der Ausbildung der Katechisten helfen. Der Glaube ist ja ein großes Geschenk. Ein Geschenk Gottes, das uns hilft, das Leben zu verstehen und die Welt mit den Augen dessen zu sehen, der sie geschaffen hat und alles Leben bejaht. Ein Geschenk, zu dessen Weitergabe wir Christen berufen sind. Bischof Victor, danke für Deinen Besuch.