Kategorie-Archiv: Besuch

Bildung und Kleinkredite für Frauen im Senegal

Die Resonanz auf das Alphabetisierungsprojekt für Frauen, das die Katholische Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Eichstätt seit Jahren in der Partnerdiözese Tambacounda im Senegal mitträgt, ist so groß, dass sich der Verband für seine Weiterführung entschlossen hat. Das Projekt umfasst die Begleitung und Fortführung der bisherigen Maßnahme in 40 Dörfern und den Neubeginn in 50 Dörfern. Ungefähr 3600 Frauen in der Region der Stadt Koumpentoum werden damit unterstützt. Dreimal pro Woche werden sie von Lehrern unterrichtet. Die ersten Hürden sind schon überwunden, nämlich die Einrichtung eines Büros für den Koordinator Bernard Seck und die Ausbildung der Lehrer. Beides wurde von der KLB vorfinanziert.

Die zweite Phase des Projektes hat im Januar dieses Jahres begonnen, nachdem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das 75 Prozent der Kosten übernimmt, seine Zustimmung gegeben hatte. Bei unserem Besuch vor Ort vor wenigen Wochen wurde der Vertrag, der drei Jahre laufen soll, von den beiden Vertragspartnern unterzeichnet. Auf senegalesischer Seite ist das die Organisation ASDI Tamba (L´Assocition Sénégalaise pour le développement intégré), vertreten durch den Geschäftsführer Bernard Seck. Auf deutscher Seite ist es der ILD, der ländliche Entwicklungsdienst der Landvolkbewegung, vertreten durch Geschäftsführer Lothar Kleipass.

Der Finanzplan für das Projekt umfasst die Bezahlung der Lehrer und Lehrbücher, die Beschaffung von fünf Motorrädern für die Supervisoren und das Gehalt des Koordinators. Zudem ist ein großer Posten vorgesehen für die Kleinkreditaufnahme für Frauen, die sich damit eine Existenz aufbauen können. So soll das wichtigste Ziel des Projektes, nämlich eine spürbare, nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation der Familien, erreicht werden.

Natürlich wurde bei unserem Besuch auch gefeiert. Rund 800 Frauen kamen im Dorf Patoulane zusammen und erwarteten uns schon am Dorfplatz. Eine Trommelgruppe animierte sie unentwegt zu temperamentvollen Tanzeinlagen. Jedes Dorf versuchte sich möglichst gut in Szene zu setzen. In verschiedenen Theatervorführungen wurde die Wichtigkeit der Fördermaßnahmen veranschaulicht. Dorfchef, Bürgermeister und Religionsführer würdigten den Einsatz der Frauen. Sogar eine Abgeordnete des senegalesischen Parlaments fand lobende Worte für das Projekt. Auch wir kamen zu Wort und betonten, dass wir keine Geschenke bringen, sondern ihnen partnerschaftlich helfen wollen, ihre Situation persönlich und wirtschaftlich messbar zu verbessern.

Zum Abschluss gab es ein gemeinsames Essen. Auf vielen Feuerstellen hatten die Frauen in großen Kesseln Reis und Gemüse mit ein bisschen Fleisch gekocht. Es wurde auf flachen Schüsseln verteilt und in kleinen Tischgemeinschaften mit der Hand gegessen.

Als Fazit unserer Reise können wir feststellen, dass die senegalesischen Frauen mit sehr großem Einsatz zu Werke gehen und wir auf eine erfolgreiche Durchführung des Projektes vertrauen können.

Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!

Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors – ein Besuch bei den Christen im Irak

Der Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, Archimandrit Dr. Thomas Kremer, hat im März 2016 zusammen mit Prof. Dr. Karl Pinggéra (Marburg) die christlichen Gemeinden im Irak, näherhin in der Autonomen Region Kurdistan, besucht. Einige seiner Eindrücke hält er in diesem Beitrag fest.

Ruhig ist es auf der Terrasse von Mor Mattai, kein Geräusch ist zu hören. Der Blick schweift in die Ferne, die Ebene liegt zu unseren Füßen. Es ist Frühling. Die Felder stehen in saftigem Grün, die Sonne scheint hell und klar. Kornkammer Mesopotamien, uraltes Kulturland. Alles wirkt so friedlich, so harmlos, so in Ordnung, wo doch von Ordnung und Friede die Rede nicht sein kann. Unser Blick schweift vorbei an Ninive hinüber nach Mossul, Hochburg des sogenannten „Islamischen Staates“, der gar nicht verdient „Staat“ genannt zu werden und „islamisch“ eigentlich auch nicht. Da unten stehen sie, die Schergen islamistischer Söldner aus allen Landen, kaum drei Kilometer entfernt. Da irgendwo verläuft auch die Front zwischen den Feldern. In der Ebene kleine Städte, ehemals christlich. Heute sind sie verlassen, überrannt nicht nur von wütenden Kriegern, sondern vor allem vom Hass und der Verstocktheit derer, für die Respekt und Achtung des anderen und seiner Kultur Fremdworte sind. Da stehen wir nun, in dem syrisch-orthodoxen Kloster, das, so erzählt die Geschichte, 363 gegründet, sich klammert an den Berghang des Jebel Maqlub, sich im Innern in Höhlen in ihn auch eingrub, um sich untrennbar mit diesem Land zu vereinen. Mehr als eineinhalb Jahrtausende ist hier der Lobpreis Christi erklungen, in seiner eigener aramäischen Sprache. Über allem schwebt heute gespenstische Ruhe: Ist es die Ruhe vor dem nächsten Ansturm des Wahnsinns? Die Totenruhe der geplünderten Städte, die hinaufsteigt? Die Angststarre derer, die geblieben sind und doch nicht wissen, wann vielleicht auch sie Hals über Kopf weglaufen müssen, eine der ältesten christlichen Stätten verlassend?!

Der Besuch in Mor Mattai steht symptomatisch für das, was man erleben kann, wenn man heute zu den Christen im Irak aufbricht: ein Leben am Rande des Abgrunds, das aber voll ist von Hoffnung und einem Tatendrang, bei dem nicht immer klar ist, ob es wirklich Zuversicht oder auch Trotz ist, der zum Neuaufbau antreibt. Viele Christen haben das Land längst verlassen. Die andern konzentrieren sich auf einige Orte. Sicher, in Bagdad sind manche geblieben, es ist ja die Hauptstadt. Doch die meisten sind in Erbil, dem Zentrum der Autonomen Region Kurdistan. Oder um genauer zu sein: in Ainkawa, einem in sich geschlossenen Vorort nördlich der Stadt, selbst schon zur eigenen Stadt geworden. Hier wohnen nur Christen. Der Begriff des Ghettos wäre zu vorbelastet und auch zu negativ besetzt. Und doch lebt man unter sich, Christen verschiedener Bekenntnisse, die „Ökumene des Blutes“ schweißt sie zusammen. Den Einheimischen mangelt es nicht an Geld, die Häuser sind bestens in Schuss. Für die vielen freilich, die geflüchtet sind, Zehntausende aus Mossul und den eroberten christlichen Orten der Ebene, die meisten von ihnen syrisch-katholisch, ists freilich bitter, das Erbland der Väter in 30 oder 50 Kilometer Entfernung verwüstet zu wissen und selbst in Containern zu darben, demütig auszuharren in Blechbüchsen, die wie Karawanen von einem Kriegsschauplatz dieser Erde weiterziehen zum nächsten.

Immerhin professionell eingerichtet sind sie und gut auch versorgt, nicht nur mit dem Brot allein, das der Tod wahren menschlichen Lebens ist. An einem Abend werden wir eingeladen ins Flüchtlingscamp Mar Elia. Der Apostolische Nuntius, Bischof Alberto Ortega Martín, macht seinen Antrittsbesuch im Norden des Landes. Sehr praktisch, so ist alles bereitet und wir brauchen bloß seinen Fußstapfen zu folgen, um überall offene Türen zu finden. Im Camp Mar Elia empfängt uns Pfarrer Douglas al-Bazi. Er war in den Händen des IS, doch ist ihm entronnen: ein Mann voller Tatendrang. Unermüdlich müht er sich um die vielen inlandsvertriebenen Christen, baut Camps auf, reist ins Ausland, sammelt Geld, vermittelt Exil, besonders im Osten Europas. Unter dem Vielem, was mich an ihm faszinierte, ist eines besonders zu nennen: Er hat den ganzen Menschen im Blick, Leib und Seele vereint, darin offenbart sich sein wahrhaft christlicher Geist. Zum Konzept seiner Camps gehört zunächst und vor allem ein Kirchengebäude: Ort der Zuflucht, der Hoffnung, des Trostes – sicherer Anker in Zeiten des Sturms, so wie zugleich Bischöfe und Priester als geistliche Väter Zuflucht und Heimat der vertriebenen Seelen sind. Professionelle Behandlung der Traumatisierten und Betreuung der Kinder nach einem wohldurchdachten, anspruchsvollen pädagogischen Konzept in Kindergärten und Schulen sind sichergestellt: Hier werden Menschen nicht bloß irgendwie halbherzig versorgt, hier wird einer Generation vermittelt, dass es Zukunft gibt, für sie, und zwar in ihrem eigenen Land. Die selbst bereiteten Speisen schmeckten köstlich, und zu Ehren der Gäste wurden Tänze aufgeführt. Die Kinder hatten ihren Spaß und die Erwachsenen auch. Das Leben geht weiter, auch am Rande des Abgrunds, und es ist viel zu kurz und zu wertvoll, um sich die Freude daran stehlen zu lassen.

Einer, der wie kaum ein anderer vieles bewegt, war auch mit dabei: Erzbischof Bashar Warda, das Oberhaupt der katholischen Chaldäer in Erbil. Mit 46 ist er noch jung, über fünf Jahre schon leitet er das Geschick seiner Kirche vor Ort, ein Mann, der an die Zukunft der Christen glaubt. Er predigt mit Überzeugung vom Bleiben und begeistert viele, schenkt den Menschen stets neuen Mut. Er ist aber auch ganz ein Mann des Konkreten, ein begnadeter Organisator seiner Projekte: neue Kirchen ließ er entstehen, baute ein Zentrum mit Priesterseminar, kirchlicher Kurie und Wohneinheiten für vertriebene und alte Priester, und er steht überall zur Seite, wo es in den Camps an irgendetwas mangelt. Er ist ein Mann unserer Zeit, der es auch versteht, die kurdische Regierung für die Sache der Christen zu gewinnen, die schon Millionen in seine Projekte gesteckt hat. Das jüngste Vorhaben ist die Katholische Universität Erbil. Am 8. Dezember 2015 gegründet, ist der Campus gerade im Entstehen begriffen. Nun werden zahlreiche Hektar Ackerland am Rande der Stadt verwandelt in ein Zentrum der Bildung – professionell und mit hoch gesteckten Zielen.

Es ist erstaunlich, doch beschreiben diese Eindrücke die Grundstimmung Ainkawas. Trübsal und Resignation trifft man nur selten, obschon an Gründen dafür Mangel nicht herrschte. Man hat den Eindruck, ein jeder versucht, das Beste in seiner Lage zu tun, konzise und stets das Ziel vor Augen. Von dem orientalischen Phlegma, das den Dingen ihre Patina anhaften und die Menschen gleichgültig erscheinen lässt, ist kaum etwas zu spüren. Dafür aber gibt es viele Idealisten, deren Taten es wert sind, sich dem Gedächtnis der Menschheit einzuprägen. Einer von ihnen ist P. Nageeb Michaeel OP. Er ist ein echter Büchernarr, liebt seine Handschriften wie eigene Kinder und schläft gar bei ihnen. Er war es, der den Ernst der Lage witterte und aus Mossul rettete, was einer allein retten kann: die Bibliothek der Dominikaner mit ihren kostbaren Schätzen, mit Schubkarren und einer alten Camionnette im letzten Augenblick in Sicherheit gebracht. Großartige Bauten können die Christen des Orients nicht vorweisen, keine Dome und Kathedralen wie hierzulande. Ihr kulturelles Gedächtnis lebt in den Büchern, in den Manuskripten vergangener Jahrhunderte, welche die Poesie der großen syrischen Dichter auffangen, ein Florilegium poetisch-symbolischer Theologie, wie es nur von Menschen gepflückt werden kann, für die die Schönheit der Worte Ersatz ist für den Mangel an Farbe in der Kargheit der Wüste. „Centre Numérique des Manuscrits Orientaux Dominicains“ steht stolz an der primitiven Behausung von P. Nageeb im Erdgeschoss eines unvollendet gebliebenen Hotels. Dort arbeitet er unermüdlich mit seinem Team, katalogisiert, digitalisiert und restauriert auf höchstem Niveau. Absurde Nostalgie in Zeiten größerer Not? Keinesweg. Der Mensch braucht Identität, und P. Nageeb rettet, was christliches Leben im Irak immer schon ausmachte.

So gehen auch wir den Spuren der Geschichte nach und fahren nach Mor Mattai, nach Alqosh mit seinen Klöstern Rabban Hormizd und Notre Dame des Semences, begegnen dem Archidiakon Emanuel Youkhana von der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk, dem Leiter des „Christian Aid Program Nohadra-Iraq“, und besuchen auch das Heiligtum der Jesiden in Lalesh. Mesopotamien: Land der Aramäer, Assyrer, Chaldäer. Die Völker von einst gibt es nicht mehr, doch die Christen von heute lassen die Erinnerung an sie weiterleben, wenn sie sich selbst nach ihnen benennen. Anachronistisch mag man das nennen. Und auch wenns so ist, dann ist wie in allem doch auch etwas Wahres daran: dass nämlich die irakischen Christen zutiefst ihrem Lande verbunden sind, gleichsam mit ihm verwachsen seit den ersten Tagen der Christen. Sie wollen nicht bloß Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors. Sie wollen leben und das Leben der anderen fördern, wollen lebendiger Teil einer modernen irakischen Gesellschaft sein, Teil ihres Landes, das in seiner langen Geschichte immer schon verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen miteinander zu vereinen vermochte. Die neue Katholische Universität in Erbil-Ainkawa ist vielleicht das sprechendste Zeichen der Hoffnung, dass es Zukunft gibt in diesem Land – auch für die Christen.

Wenige Tage und doch eine Fülle von Eindrücken. Nur ungern bestieg ich die Maschine nach Ankara, Istanbul und weiter nach München. Gerne wäre ich noch geblieben. Die Gastfreundschaft der Iraker ist großartig, ihre Herzlichkeit anrührend, Ainkawa, ja auch Alqosh und Dohuk sind Orte, in denen man bleiben möchte. Zuhause bei Freunden, Schicksalsgenossen, denn wem könnte das Schicksal anderer Christen je gleichgültig sein. Und dennoch: Es war Mor Mattai, das sich mir am tiefsten ins Herz gegraben hat. Shawki Sham‘un, ein junger syrisch-katholischer Christ aus Baghdeda, hat uns dorthin begleitet. Auf der Terrasse des Klosters hält er mit dem Feldstecher Ausschau. Vor ihm ein Hügel und dahinter ebenjenes Baghdeda, seine Heimat. So nah, ein Fußweg von zwei Stunden vielleicht, und doch unerreichbarer als eine verlassene Insel im Ozean. Auch er gehört zu denen, die am 6. August 2014 Hals über Kopf weglaufen mussten. Wann er je seine Heimat wiedersehen wird, ist ungewiss. Und was er dann wiederfinden wird, wenn der Weg über den Hügel noch einmal frei wird… Die Christen im Irak sind traumatisiert, und doch lebt die Hoffnung in ihnen weiter. Im Diwan des Klosters begegnet uns später die Familie des Shamshono Jakob Matti. Auch sie mussten fliehen, aus Bartilla in der Ebene, und wohnen heute in Zako. Ob sie noch einmal zurückkehren oder für immer den Irak verlassen werden? Ja, sie wollen zurück, wenn ihnen internationaler Schutz gewährt wird, zurück in ihre Heimat, denn wenn sie sich erst in alle Welt zerstreut haben, ist ihre Kultur und ihr Erbe für immer verloren. Und so bleibt, wer bleiben kann. Der Bischof und die sechs Mönche von Mor Mattai harren aus am Rande des Abgrunds und strahlen die beeindruckende Zuversicht aus, dass der IS die letzten beiden Kilometer zu ihnen nie überwinden werde. Und die kurdischen Peschmerga versichern uns, sie hätten die Lage völlig im Griff.

Wir verlassen den Diwan und treten in der Kirche mit Vater Jakob an das Grab des Gründers Mor Mattai und an das Grab des großen Gregorios Bar Hebräus. Wir beten gemeinsam mit den Worten, die uns gleichermaßen vertraut sind, die Worte Jesu, in seiner eigenen Sprache: „Wa-shebuq lan chaubain wa-chtohain, aikano d-of chnan shbaqn l-chayobain…“ Welch eigenen Klang entfalten diese Worte aus dem Vaterunser an diesem Ort: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ Ein anrührender Augenblick, der erklärender Worte nicht bedarf. Christliche Präsenz im Nahen Osten ist mehr als die Sache persönlichen Glaubens. Christentum ist kulturprägend und kulturbildend. Es hat die Kraft, Frieden zu stiften in einem Landstrich, zu dessen Identität immer auch religiöse Pluralität gehörte. Es gibt viele gute Gründe dafür, darauf zu hoffen, dass Christen dort weiterhin Zukunft haben werden.

Die Kraft der Stille – Ein Besuch im Kloster Poblet

Es regnet in Strömen und es weht ein furchtbar kalter Wind. Und dann ist auch noch der Gastpater gerade nicht da, als ich zehn Tage nach Ostern an der Pforte der Zisterzienserabtei Poblet klopfe. Wie schon ein paarmal in den vergangenen Jahren, will ich mich für ein paar Tage dem Trubel und dem Alltagsstress der Großstadt entziehen. Ich gönne mir in der „großen Stille“ dieses mittelalterlichen Klosters im Hinterland Neukataloniens wieder einmal bewusst Zeit für Gebet und Reflexion. Ohne mich vorher anzumelden, bin ich in aller Früh einfach losgefahren. Der Gastpater sei gerade nicht im Haus und komme erst am Nachmittag wieder zurück, klärt mich der Bruder an der Pforte auf. Ich solle mich doch nach 15 Uhr wieder melden.


Zur Mitte kommen

So, nun stehe ich also vor verschlossenen Klostertüren im kalten, windigen Regen. Was mache ich jetzt? Warum bin ich überhaupt der pulsierenden Weltstadt Barcelona mit dem angenehmen und sonnigen Mittelmeerklima entflohen? Um wieder die Mitte zu finden. Um alles Oberflächliche, Störende und Ablenkende vergessen zu können, damit der tiefe Sinn wieder durchdringen kann. Aber das eigentliche Zentrum von Poblet, die Klosterkirche, ist ja offen, täglich von 5 bis 20 Uhr. Also trete ich in den gewaltigen romanischen Kirchenraum. Zunächst einmal, um endlich dem scheußlichen Regen zu entfliehen. Ein mächtiges, dunkles Kirchenschiff empfängt mich. Auch hier ist es eiskalt. Aber die Kälte ist nicht so unangenehm wie draußen im Regen, hier in der Kirche hat die Kälte eher etwas Befreiendes. Befreiend ist vor allem auch die Stille. Eine kleine Schülergruppe steht neben dem Altarraum unter den Hochgräbern der katalanischen Könige, mucksmäuschenstill, der Reiseführer spricht seine Erklärungen beinahe im Flüsterton. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die wuchtigen und schlichten Säulen ragen kräftig nach oben und tragen in außergewöhnlicher Höhe das runde Tonnengewölbe. Immer mehr richtet sich das schmale, hohe und lange Kirchenschiff vor mir auf. Alles führt nach oben und nach vorne. Kein Schmuck, keine Dekoration lenkt den Blick ab – absolute Schlichtheit. Alles führt zum Zentrum, zum Altar, zur Mensa in der Mitte des Altarraums. Fünf kleine Kerzen brennen auf dem Altar – sie stehen für die fünf Wundmale des Auferstanden, wie man mir später erklärt. Daneben steht die Osterkerze, auch sie brennt. Ich kenne keine Kirche, die mich mit ihrer Schlichtheit, mit ihrer stillen und tiefen Aussagekraft mehr fasziniert als die Klosterkirche von Poblet. Ich setze mich in die erste Bank. Sofort wird es auch in mir still. Jetzt kann ich da sein. Einfach da sein. In SEINER Gegenwart.

Das Knurren meines Magens holt mich aus dem stillen Gebet in die körperliche Wirklichkeit zurück. Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Stunden vergangen sind. Ich verlasse die Kirche, um neben meiner Seele auch meinem Magen das, was ich ihm schulde, zu geben. Der Regen hat aufgehört. In der Kloster-Cafetería steht ein „menú de los monjes“ auf der Speisenkarte, das Menü, wie es gleichzeitig auch den Mönchen im Refektorium serviert wird. Ich bestelle es mir, und natürlich auch eine copa des kräftigen Rotweins aus den klostereigenen Weingärten. Punkt 15 Uhr ruft mich Frater Borgan, der Gastbruder, auf meinem Mobiltelefon an. Wir kennen uns von meinen früheren Besuchen. Natürlich könne ich wieder ein paar Tage im Kloster verbringen. Und schon stehe ich mit meiner kleinen Tasche in der Pforte und werde von dem jungen Klostermann freundlich lächelnd empfangen. Er führt mich gleich in eines der schlichten Gästezimmer. Angenehme Wärme empfängt mich.

Lebendige Stille

Da bin ich also wieder, in „meinem“ Poblet. Aber was ist es, das mich immer wieder hierher zieht? Warum brauche ich Poblet? Was ist es, das mich hier durch- und aufatmen lässt? Warum finde ich genau hier etwas von der Kraft, die mich leben lässt? Ist es allein die berührende Stille? Die ehrwürdige Eleganz der mittelalterlichen Gebäuden? Der Charme einer längst vergangenen Welt? Vielleicht sogar nur eine Wunsch- oder Traumwelt? Um halb sieben darf ich es wieder erleben, was ich in Poblet vor allem suche, mehr als die faszinierenden Klosteranlagen: das gemeinschaftliche Chorgebet der Mönche. Knapp zwanzig Klosterbrüder haben sich in ihren weißen Kutten des Zisterzienserordens im Chorgestühl versammelt. Der Kantor stimmt in einem klaren Tenor an. Die Mönche stimmen ein. Mir ist, als ob der Gesang aus der unendlichen Tiefe dieses heiligen Ortes entspringt. Als ob er schon immer da gewesen wäre, geheimnisvoll verborgen zwischen den romanischen Säulen und Kirchenschiffen, seit über 800 Jahren, ein immerwährender Lobgesang Gottes. Und die Mönche rufen den Lobgesang nur aus seiner Verborgenheit, stimmen mit ein. Auch wir Gäste dürfen mit einstimmen. Wir haben in den Kirchenbänken Platz genommen. Vorsichtig wage ich es, mich an das Gebet der Mönche „anzuhängen“. Es geht, auch wenn mir das Katalanische und die Musik manchmal fremd sind. Das ist es, was ich hier suche: Eine Gebetsgemeinschaft, an deren bewährter geistlicher Tradition ich für eine kurze Zeit „andocken“ kann. Die Mönche geben mir keinen Kurs in benediktinischer Spiritualität. Sie zeigen mir nicht, wie „man“ betet. Sie tun es einfach. Für sich. Auf ihre Art, wie es Mönche seit dem 6. Jahrhundert tun, und wie es Christen auf ähnliche Art und Weise schon immer getan haben. Und ich darf mich hineinschwingen, anhängen an dieses ewige Gebet. Ich muss nichts machen, nichts produzieren, ich muss nichts können und nichts beweisen. ich brauche mich nur aufmerksam hineinhorchen. Nur da sein. Das Gebet, die Gegenwart, ER nimmt mich mit.

Ja, es sind vor allem die Menschen, die ich hier in der Abtei Poblet suche. Nicht allein das Gebet der Mönche. An ihr Leben möchte ich mich ein wenig anhängen, an ihre Gemeinschaft. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere leben hier zusammen: Katalanen, Spanier, Lateinamerikaner, Handwerker, Akademiker, Mönche ohne bestimmte Berufsausbildung. Die strenge Disziplin erlaubt es, dass so unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Persönlichkeiten gut zusammen leben. Die Klosterregel hilft, dass die Differenzen nicht zum Nachtteil werden, sondern zur Bereicherung des einzelnen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das Gemeinschaftsleben der Mönche von „außen“ betrachte, auch wenn ich ein paar Tage innerhalb der Klostermauern verbringen darf und manche Mönche auch schon persönlich kennengelernt habe. Im Alltag ist das konkrete Leben miteinander in jeder Gemeinschaft eine nicht immer einfache Herausforderung. Da darf sich keiner etwas vormachen. Trotzdem meine ich, dass die Mönche mit ihrem jahrhunderte alten Lebensstil einen Weg gefunden haben, sich nicht allein von Individualismus, Macht und Prestige bestimmen zu lassen, sondern von Miteinander und Füreinander. Einen Weg, der zu einem wirklichen und konkreten Frieden führt. Einen Frieden mit sich, den andern und mit Gott.

Von Stille und Musik, Dunkel und Licht, Ruhe und Leben

Immer fasziniert mich in Poblet am meisten der Abschluss der Komplet, des klösterlichen Nachtgebetes. Während des ganzen Gebetes brennt kein Licht in der Kirche, weder elektrisches Licht noch Kerzenlicht. Allein durch die wenigen und kleinen Fenster hoch oben unter dem Gewölbe dringt noch etwas Abendschimmer in den Kirchenraum. Nach dem Schlussgebet entzündet ein Mönch drei schlanke Kerzen, die mitten auf dem Altar stehen, direkt unter dem großen schwebenden Kreuz. Dann stimmen die Mönche das „Salve Regina“ an. Die Mönche von Poblet singen es nach einer ganz eigenen Melodie, angeblich seit dem Jahr 1218. Ein unvergleichlicher Gesang, wie aus einer anderen Welt. Kirche und Musik, Licht und Dunkelheit, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, alles wird eins.

Schon am zweiten Tag meines Aufenthalts in der Zisterzienserabtei haben sich die Regenwolken langsam verzogen. Bei meiner Abreise schließlich – dieses mal leider schon am dritten Tagzeigten sich ein tiefblauer Himmel und eine herrlich strahlende Sonne. Gestärkt von der „Kraft der Stille“ konnte ich wie die Jünger nach ihrer „Tabor-Erfahrung“ wieder zurückkehren in die Herausforderungen meines alltäglichen Trubels.

„Deutschland soll sich für Versöhnung in Syrien und Irak einsetzen“

Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan

Seine Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan, das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, hat vom 21. bis 24. November die Diözese Eichstätt besucht. In diesem Rahmen führte Archimandrit Dr. Thomas Kremer, Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, am 23. November 2015 das nachfolgende Interview mit dem Patriarchen.

Eure Seligkeit, man spricht vielfach vom Reichtum der christlichen Traditionen des Orients. Den Gläubigen in Deutschland fällt es oft schwer, die Besonderheiten der einzelnen Traditionen zu unterscheiden. Sie sind der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Könnten Sie einen Eindruck vom Reichtum der Tradition Ihrer Kirche geben?

Patriarch Younan: Wenn wir von der Syrisch-katholischen Kirche sprechen, sprechen wir vom syrischen Erbe des Patriarchats von Antiochien – ein reiches Erbe, das aber noch immer in vielem unentdeckt ist, da die Römisch-katholische Kirche stets den Kontakt mit den Kirchen der byzantinischen Tradition stärker gepflegt hat, mit denen sie ja auch bis 1054 verbunden war. Wir dagegen sind bereits seit dem 5. bzw. 6. Jh. von den großen Zentren der römischen und byzantinischen Kirche abgeschlagen. Wir lebten unter muslimischer Herrschaft und wir wurden dadurch in vielem gebremst, etwa in Fragen der liturgischen Erneuerung, der Ikonographie, und wir waren in gewisser Weise gettoisiert. Wir konnten kaum mehr tun, als das zu bewahren, was wir aus den ersten Zeiten des Christentums geerbt haben. Dazu zählen die Texte so bekannter Väter wie Ephräm dem Syrer und Jakob von Sarug und anderer, die in syrischer Sprache geschrieben haben und der west- wie der ostsyrischen Tradition angehören. Diese Kirchen wurden durch die soziokulturelle Situation ins Abseits gedrängt, da wir stets unter Bedrohungen gelebt haben und in die Berge oder die Wüste abgedrängt wurden. Immer wieder wurden unsere Kirchen und Klöster aufgrund der jeweiligen Situation aufgegeben und zerstört. Der Westen hat im Allgemeinen eine unzureichende Kenntnis unseres spirituell-liturgischen Erbes. Dieses ist vor allem für seine Einfachheit bekannt. Es gab nie die großen theologischen Entwürfe wie im Westen und in der byzantinischen Kirche, doch wir blieben stets den Ursprüngen eng verbunden. Heute beginnt die Gesamtkirche glücklicherweise, sich für das syrische Erbe zu interessieren. Als syrische Kirchen – dazu gehören die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die maronitische, aber auch die chaldäische und assyrische Kirche sowie die syro-malabarische und syro-malankarische Tradition Indiens – besitzen wir ein reiches spirituell-liturgisches Erbe, dessen Kennzeichen stets die Einfachheit ist.

: Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr
Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr

Die Kirchen syrischer Tradition verwenden bis heute nahezu dieselbe Sprache, die Jesus Christus selbst gesprochen hat. Hat die Verwendung und die Verwurzelung in der semitischen Tradition eine besondere Bedeutung für Ihre Kirche?

Patriarch Younan: Die syrische Sprache betrachten wir als einen großen Schatz. Uns ist es gelungen, sie zu bewahren trotz aller Hindernisse, die uns entgegengetreten sind. Wir haben sie in unserer Liturgie bewahrt. Aber leider kennen sie nicht mehr alle Gläubigen, abgesehen von denen, die in Gegenden wie dem Nordirak, dem Tur Abdin oder in der Gegend von Ma’alula lebten und leben, die bis heute einen aramäischen Dialekt sprechen. Leider konnten wir sie aufgrund der Umstände, die uns von den Regierungen auferlegt wurden, in den großen Städten als gesprochene Sprache nicht lebendig erhalten, wohin viele unserer Gläubigen aufgrund sozioökonomischer Gründe hinziehen mussten. Die Politik in Syrien, im Irak und in der Türkei, wo unsere Syrisch-katholische Kirche ihre Wurzeln hat, hat uns nicht gestattet, in unserer Sprache zu kommunizieren, so dass sie heute im Wesentlichen auf die Liturgie beschränkt ist und von Priestern und Mönchen beherrscht wird, die sie studieren. Leider sind wir Christen nicht mehr so sehr in unserer Sprache verwurzelt, so dass nur noch wenige Christen die Sprache Christi und der Gottesmutter sprechen. Anderen Religionen gelingt es besser, ihre Ursprungssprache zu bewahren, wenn wir an das Arabische und Hebräische denken. Vielleicht hatten wir die Vorstellung, dass die Universalkirche nicht an ein spezielles Gebiet und eine Sprache gebunden sei.

Kommen wir jetzt zur derzeitigen Lage. Können Sie uns beschreiben, wie sich heute die Situation der Gläubigen Ihrer Kirche angesichts der vielen aktuellen Probleme darstellt?

Patriarch Younan: Die Situation unserer Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen zusammen mit ihrem Klerus ist derzeit sehr bewegt und steht vor der Gefahr einer regelrechten Auslöschung, des Verschwindens, denn die beiden Länder, in denen unsere Kirche seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, Syrien und Irak, leiden unter einem brudermörderischen Krieg, einem konfessionellen Bürgerkrieg. Was wir erleben, ist ein äußerst gewalttätiger Krieg. Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört, viele archäologische Monumente, Kirchen und Klöster. Unsere Kirche hat ebenso wie die syrisch-orthodoxe, die chaldäische und assyrische viele Beschädigungen hinnehmen müssen, vieles liegt in Ruinen. Die wesentliche Frage ist: Wie können wir unsere Gläubigen und Kleriker überzeugen, im Land unserer Vorfahren verwurzelt zu bleiben, sowohl in Syrien wie im Irak, und für die Zukunft eine hoffnungsvolle Vision zu entwickeln. In der Praxis versagt selbst diese optimistische Vision vielfach. So stehen wir vor der Tatsache, dass es einen verstärkten Exodus der Christen gibt, insbesondere seit dem vergangenen Jahr und der Entwurzelung von mehr als 140.000 Christen aus Mossul und der Ebene von Niniveh. Sie hoffen, zu ihren Dörfern und Ländereien zurückkehren zu können, während bis auf den heutigen Tag diese terroristischen Banden, die sich „Daesch“ oder „Islamischer Staat“ nennen, immer noch die Herrschaft über diejenigen Gebiete ausüben, wo die Christen in einer relativen Freiheit leben konnten. Ähnliches gilt auch für Dörfer in Syrien, etwa im Nordosten Syriens oder nordöstlich von Homs, wo ebenso das Überleben unserer Christen ernsthaft bedroht ist. So ist die Kirche immer wieder herausgefordert, auf die Bedürfnisse unserer Gläubigen und Gemeinden zu reagieren. Es geht nicht nur um die grundlegende humanitäre Versorgung der Menschen, sondern darum, wie man sie inspirieren kann, Zuversicht angesichts der Zukunft zu gewinnen.

Darf ich Sie angesichts der schwierigen Lage nach den ökumenischen Beziehungen unter den christlichen Kirchen fragen: Arbeiten die Kirchen der verschiedenen Konfessionen im Vorderen Orient zusammen, um die Probleme gemeinsam zu lösen und die christlichen Gemeinden zu retten?

Patriarch Younan: Wissen Sie, Papst Franziskus hat einen Satz geprägt, der sehr ausdrucksstark ist, wenn er davon spricht, dass unsere christliche Berufung und die Botschaft unseres Glaubens darin besteht, dass die Christen heute an der „Ökumene des Blutes“ teilhaben. Das heißt, dass im Vorderen Orient den Christen aller Kirchen, der orthodoxen, katholischen und protestantischen, diese barbarische, terroristische Bedrohung bewusst ist und alle Kirchen Märtyrer und Bekenner des Glaubens zu verzeichnen haben. Sie alle müssen Unterdrückung und Gefängnis ertragen. Was den geschwisterlichen Umgang miteinander anbelangt, hat dies die Kirchen einander näher gebracht. Die Kirchenführer werden nicht müde, sich zu versammeln, um diejenigen, die die politische Macht besitzen, zu ersuchen, ihre Politik zu ändern und den Frieden im Vorderen Orient zu fördern, insbesondere um den Christen zu helfen, fest in ihren Heimatländern verwurzelt zu bleiben. Was unsere beiden Kirchen syrischer Tradition anbelangt, die orthodoxe und die katholische, kann ich sagen, dass wir in bestem Kontakt stehen. Wir hatten noch nie eine Zeit eines solch wahren ökumenischen Kontaktes zwischen unseren Kirchen. Wir, Orthodoxe wie Katholiken, betrachten uns als eine syrische Kirche mit einem orthodoxen und einem katholischen Zweig. Mit der Wahl des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim haben sich diese Kontakte sowohl in der Qualität wie in der Quantität intensiviert. Wir treffen uns oft, sprechen regelmäßig miteinander und beraten uns gegenseitig in der Frage, wie wir dieser entsetzlichen Situation unserer syrischen Kirchen begegnen sollen. Mehrfach haben wir im Irak und in Syrien gemeinsam Flüchtlinge und ihre Helfer besucht, um sie mit Zuversicht und Hoffnung zu erfüllen. Dabei denken wir auch beständig darüber nach, wie sich unsere Kirchen noch mehr als in der Vergangenheit näher kommen können, auch um die Pastoral unserer beiden Kirchen sowohl im Vorderen Orient wie auch in der Diaspora stärker zu koordinieren.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie in guter Zusammenarbeit mit der Syrisch-orthodoxen Kirche den Gemeinden in ihrer Heimat bei ihrem Überlebenskampf helfen, aber ebenso auch diejenigen als Gemeinden sammeln, die in die Diaspora gegangen sind.

Patriarch Younan: Auch hier zeigt sich, dass die Gläubigen uns oft in der Frage einer wahren Ökumene voraus sind. Deshalb hindern wir unsere Gläubigen in keiner Weise daran, wenn sie ihre christliche Berufung in Gemeinschaft mit der Syrisch-orthodoxen Kirche leben möchten, da wo wir keine kirchlichen Strukturen besitzen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Trennung rein nominal gewesen ist und nichts mit der Substanz unseres christlichen Glaubens zu tun hat. Wir gehen sogar so weit, gemeinsam an der Eucharistie teilzunehmen. Ich nehme keinerlei Anstoß daran, wenn man die Kommunion in einer syrisch-orthodoxen Kirche empfängt, um unsere Einheit im Glauben und in den Sakramenten zu bezeugen. Ich selbst kann diese Position nicht teilen, dass man zunächst die volle Kirchengemeinschaft verwirklicht haben müsse, um die Kommunion teilen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, dass in unseren beiden Liturgien die eine wahre Eucharistie gefeiert wird, warum sollten wir uns dessen enthalten, die Kommunion in dieser selben Liturgie zu empfangen, in der die eucharistische Gegenwart des Herrn wahrhaftig ist?! Ich habe es selbst schon praktiziert, auch einige Bischöfe, sicher nicht wenige Priester und wir empfinden kein Problem dabei. Wir sind die einzigen Schwesterkirchen, die diese Überzeugung teilen, dass uns nichts wirklich Substantielles trennt außer den historischen Umständen, die leider zur Trennung geführt haben, als sich ein Teil der Orthodoxen mit dem Heiligen Stuhl von Rom wiedervereinigt hat. Wir sind an den Punkt gekommen, das Vergangene zu überwinden. Wir bleiben nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern müssen in die Zukunft schauen, da wir alle vor die Herausforderung gestellt sind, zu überleben. Das fordert unsere Aufmerksamkeit, und dem geben wir die Priorität.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese große ökumenische Vision! Mit Ihrer Offenheit können Sie anderen Patriarchen und Bischöfen ein wunderbares Beispiel geben.

Ich möchte nun zu Frage einer möglichen Unterstützung kommen. Sie sind nach Deutschland gekommen, in ein Land, das in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit besitzt, womöglich auch Ihrer Kirche zu helfen. Ich denke insbesondere an die Position der deutschen Regierung. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, welche Unterstützung Sie sich wünschen.

Patriarch Younan: Was die deutsche Regierung anbelangt, so wünschen wir uns, dass sie sich wesentlich stärker einbringt und engagiert, um die verschiedenen Konfliktparteien miteinander zu versöhnen, sowohl in Syrien wie im Irak. Die Tatsache, dass Deutschland Abertausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat, ist eine schöne Geste von Freundschaft, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft. Aus humanitärer Sicht ist das sehr lobenswert. Wir wünschen uns, dass Deutschland noch einen Schritt weiter geht, um die wahren Ursachen für diesen massiven Exodus von Hunderttausenden Syrern zu ergründen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Patriarch Younan: Die westlichen Länder haben die Uneinigkeit und die Konflikte geschürt und nicht geholfen, die Konfliktparteien zu versöhnen und im Dialog eine demokratische Lösung zu finden und sie auf das Ideal der Menschenrechte und die wahren Ideale einer echten Demokratie zu gründen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung sich nicht darauf beschränkt, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern dass sie sich mit allen Beteiligten guten Willens zusammentut, um die Konfliktparteien zu versöhnen. Die humanitären Hilfen werden in höchstem Maße geschätzt, da sie auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen, derer, die alles verloren haben, antworten und auf die Hilfe ihrer Brüder und Schwestern in Deutschland angewiesen sind.

Erlauben Sie mir noch, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass die westeuropäischen Länder sich noch stärker darin engagieren, den Ländern des Vorderen Orients zu helfen, eine stabile Situation in Frieden und Wohlstand wieder zu erlangen, insbesondere indem der gegenseitige Respekt wiederhergestellt wird. Wenn Deutschland und Europa etwas zu sagen hat, sollten sie nicht nur die eigenen materiellen Interessen verfolgen und dabei die Prinzipien und Werte vergessen, auf denen Europa gegründet worden ist. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass ein Land, das man bezichtigen kann, eine Diktatur zu sein, immer noch viel besser ist als ein Land, das einem religiösen Totalitarismus unterliegt, d. h. dass es über alle Maßen schlecht ist, wenn die Religion in das private Leben des Einzelnen und in das öffentliche der ganzen Gesellschaft eingreift. Wenn man eine Wahl zu treffen hat, muss man die Regime wählen, die eher laizistisch sind und die Freiheit den Minderheiten und unter ihnen eben auch den Christen gewährleisten. Das, was ich mir wünsche, ist, dass Europa wahrhaft Europa ist und als Gemeinschaft von vielen Staaten, die sehr viel im internationalen Kontext zu sagen haben, seine Entscheidungen trifft und sich nicht vor allem von den Amerikanern und den Russen ihre Lösungen diktieren lässt.

Eure Seligkeit, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre klaren Worte und für dieses ausführliche Gespräch!

Erlauben Sie mir zu guter Letzt noch die Frage zu ergänzen, in welcher Weise die Diözese Eichstätt und insbesondere das Collegium Orientale seinen Beitrag leisten kann.

Ich bin dem Collegium Orientale und seinen Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich so brüderlich und mit so großer Hingabe empfangen worden bin. Ich glaube, dass das Collegium Orientale in Eichstätt eine besondere Berufung besitzt, und ich hoffe, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Europa eine immer größere Bekanntheit erlangt, damit wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, was wir mit dem Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. bekennen, dass die Kirche mit zwei Lungenflügeln atmet, dem des Ostens und dem des Westens. Und das ist wahr. Es gibt einen so großen Reichtum in beiden Teilen der Kirche, in den beiden Traditionen. Es berührt mich sehr, dass das Collegium Orientale sowohl Seminaristen wie auch Priester, die postgraduierte Studien betreiben, aufnimmt und sich dabei nicht auf die Kirchen byzantinischer Tradition beschränkt, sondern eben auch offen ist für die Kirchen syrischer Tradition. Wir freuen uns, dass im kommenden Jahr einer unserer Priester mit seinem Promotionsstudium im Collegium Orientale beginnen wird, und ich hoffe, dass wir weitere Kandidaten entsenden können, die ihre Studien der syrischen Tradition in diesem Collegium vertiefen möchten.

Vielen Dank, unsere Türen sind stets geöffnet – für Sie, für Ihre Priester und Seminaristen und für die Gläubigen Ihrer Kirche! Wir vom Collegium Orientale wünschen Ihnen die Kraft, Ihren Gläubigen auf der ganzen Welt beizustehen. Wir fühlen uns den Kirchen der syrischen Tradition mit ihrem spirituellen Reichtum aufs Engste verbunden und wünschen Ihnen und Ihrer Kirche Gottes reichen Beistand für eine gesegnete Zukunft!

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