Kategorie-Archiv: Asien

Der Libanon und die Situation der syrischen Flüchtlinge

Die Situation im Libanon wird mit der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge aus Syrien jeden Tag schwieriger. Es sieht bereits ähnlich aus wie im Jahr 1975, als der Zustrom von palästinensischen Flüchtlingen in den Libanon die Sicherheitslage destabilisierte und zu einem fünfzehn Jahre lang dauernden Bürgerkrieg führte. Aber heute ist die Gefahr auch deshalb sehr groß, weil die große Zahl der syrischen Flüchtlinge die libanesische Identität gefährdet. Geschätzt wird, dass bis 2015 rund vier Millionen syrische Flüchtlinge Schutz im Libanon suchen werden. Dies entspricht der Einwohnerzahl des Libanon. Derzeit schätzt die libanesische Regierung der Zahl der syrischen Flüchtlinge auf ca. 1,5 Millionen, das entspricht einem Drittel des libanesischen Volkes. Aus dieser hohen Zahl folgen viele Probleme:

  • Die Bevölkerung hat sich in vielen Städten und Dörfern mehr als verdoppelt.
  • Eine sehr hohe Belastung für die Lebensqualität und den Arbeitsmarkt, die Infrastruktur und die öffentlichen Dienste.
  • Der Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen den libanesischen und syrischen Flüchtlingen ist dramatisch.
  • Eine zunehmende Gewaltkultur: Die Zahl der festgenommenen Syrer beträgt heute bereits 17% der gesamten Insassen in libanesischen Gefängnissen. Die Ursache dafür ist, dass die Vertriebenen fast keine Arbeit finden können.
  • Äußerst schlimm ist der Gesundheitszustand von Vertriebenen: Die steigende Zahl der Vertriebenen und die damit verbundenen Lebens- und Wohnbedingungen hat sehr negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Statistiken der internationalen Hilfsorganisation Amel Association, die in ihren 24 Zentren und drei mobilen Kliniken etwa 90 000 Patienten pro Jahr betreut, zeigen folgendes:

  • Bis zu 47% der Patienten sind an Hautkrankheiten erkrankt unter anderem an Leishmaniose (Orientbeule, Kala Azar – eine Infektionskrankheit die weltweit in warmen Ländern vorkommt – in Europa zum Beispiel im Mittelmeerraum). Die Erreger werden von Sandmücken übertragen. Menschen und Tiere – wie Hunde – können erkranken).
  • 27% leiden an Krankheiten des Verdauungssystems und Darms.
  • 19% leiden an Erkrankungen der Atemwege.
  • 19% leiden an Unterernährung, vor allem Kinder.
  • 2% leiden an Infektionskrankheiten: Masern, Gelbsucht und Typhus.
  • 13% leiden an psychischen Erkrankungen als Folge von Trauma und Verdrängung.
  • Viele Menschen leiden zusätzlich an Krankheiten in Folge von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch von Frauen.

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon leiden an chronischen Krankheiten und sind nicht in der Lage, eine Behandlung zu bezahlen. Die Hilfsorganisationen sagen, dass es bereits ca. 300 Nierenversagen gibt, 200 Fälle von Thalassämie – darunter 150 Kinder – und zusätzlich ca. fünfhundert Fälle von Krebs.

Die libanesische Regierung, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge und die vielen medizinischen Hilfsorganisationen entschuldigen sich, nicht alle dieser Fälle behandeln zu können, da dafür einfach das Geld fehlt und die Kosten sehr hoch sind. Die Föderation der Hilfsorganisationen im Libanon sagt, dass die Anzahl der chronischen Krankheiten unter den Flüchtlingen sehr gefährlich ist und es schnellst möglichst einer internationalen Finanzierung unter großer Beteiligung der Regierungen bedarf.

Eine bezahlbare Behandlung von chronischen Krankheiten durch die libanesische Regierung und die Hilfsorganisationen besteht derzeit nur für die Dialyse und Thalassämie. Die Kosten dafür sind von Wohlfahrtsverbänden und Wohltätern, aber auch nur für eine begrenzte Zeit bezahlt. Das Hauptproblem ist, dass die internationalen und lokalen Gremien die chronischen Krankheiten nicht wahrnehmen und den Großteil ihres Budgets für andere Krankheiten aufwenden.

Von der Kommission der Geberländer wurde der Finanzbedarf für das Jahr 2014 auf 1,9 Milliarden Dollar geschätzt, davon sind bis jetzt einschließlich dieses Monats nur 13% finanziert. Zusätzlich verschlimmern sich die Leiden mit dem ständigen Zustrom von neuen Flüchtlingen.

Der wöchentliche Bericht des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge zeigt, dass offiziell die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon 1.044.000 Menschen erreicht hat und der Libanon das Land in der Welt ist, in dem in Bezug auf die Bevölkerung die höchste Konzentration von Flüchtlingen und Vertriebenen besteht.

Rund die Hälfte der Vertriebenen mieten Wohnungen und teilen oft kleine und bescheidene Unterkünfte mit anderen Familien, wobei eine sehr große Überbelegung herrscht. Vierzig Prozent leben in fragilen Umgebungen, wie zum Beispiel in Zelten, in informellen Siedlungen und Garagen  oder Arbeitsstätten und unfertigen Gebäuden.

Deutschland versucht den syrischen Flüchtlingen im Libanon zu helfen. Im Mai ist der zwölfte Flug aus humanitären Gründen vom Libanon nach Deutschland im Rahmen des deutschen Programms für Flüchtlinge erfolgt. Damit wurden 259 Vertriebene und Flüchtlinge nach Deutschland gebracht. Damit steigt die Zahl der Vertriebenen, die im Rahmen dieses Programms nach Deutschland gebracht wurden auf 2.555. Die Bundesregierung hat zwei Sonderprogramme mit insgesamt 10.000 Plätzen aufgelegt, um syrische Flüchtlinge gezielt nach Deutschland zu holen. Auch fast alle Bundesländer starteten eigene kleinere Aufnahmeprogramme.

Mehr zum Thema: Dr. Gerhard Gradl, Arzt für Allgemeinmedizin aus Nürnberg-Moorenbrunn, berichtet über seinen Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon.

Shalom-Preisträgerin kämpft für indigene Bevölkerung

Lory Obal, Shalom-Preisträgerin des Jahres 2014 kommt am Mittwoch, 22. Mai, nach Eichstätt. Sie wird, wie in den letzten Jahren alle Preisträger/innen, im Haus unseres langjährigen Mitglieds, der 81jährigen Margarete Müller, wohnen. Wir, Studentinnen und drei Eichstätter Bürgerinnen, die derzeit aktiv im AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sind, werden hier in den kommenden Tagen unseren Stützpunkt haben.

Christin Lory Obal engagiert sich seit 1984 für die indigene Bevölkerung. Die studierte Religionspädagogin und Erziehungswissenschaftlerin ist Gründerin und Präsidentin des ausgezeichneten Projektes ICON, des Netzwerk Interkultureller Organisationen für Solidarität und Frieden auf den Philippinen.

In Tampakan auf Mindanao befinden sich einige der größten Abbaugebiete für Gold und Kupfer in ganz Südostasien. Dies führt häufig zu Landraub durch multinationale Konzerne und teilweise blutigen Auseinandersetzungen zu Lasten der indigenen Bevölkerung. Lory Obal war 28 Jahre lang Mitarbeiterin des Bistums Kidapawan. Seither ist sie leitend tätig für mehrere Nichtregierungsorganisationen in den Bereichen Menschenrechte, Gerechtigkeit, Frieden und Umweltschutz. Seit 2004 ist sie Generalsekretärin von AGENDA (Alliance for Genuine Development)

Das Netzwerk ICON erarbeitet innerhalb lokaler Strukturen Mechanismen der Konfliktlösung, zum Beispiel im Dorfentwicklungsrat. Monatlich finden Treffen von Nichtregierungsorganisationen, Kommunen und staatlichen Stellen statt. In wöchentlichen Radioprogrammen, Broschüren und in einem monatlichen Newsletter wird über die friedensbildenden Maßnahmen gesprochen. Persönlichkeiten aus Kirche, Wissenschaft, Medien und Kommunen führen einen Dialog mit Armee und Rebellengruppen in den Konfliktgebieten. In übergemeindlichen Foren sprechen sie über Friedensabkommen.

Lory Obals Einsatz ist eng mit der katholischen Kirche verbunden. Schon1981 fragte sie Bischof Orlando Quevedo OMI von Kindapawan, ob sie für eine große Pfarrei als Religionspädagogin arbeiten würde. Drei Jahre später übernahm sie dort, im Zentrum der Insel Mindanao, die Verantwortung für das katholische Programm für die indigene Bevölkerung. Seit dieser Zeit ist sie mitten im Konflikt um Land. Immer wieder ist sie von Regierungstruppen oder Milizen angegriffen worden. Ureinwohner werden vertrieben oder gar getötet, ihr Land wird annektiert. Mitarbeiter der Kirche, auch enge Freunde Obals, wurden ermordet. Lory Obal schrieb in einer Mail: „Ich habe keine Angst um mein Leben. Ich werde von einem Gefühl der Hoffnung und der Kraft Gottes begleitet.“ Wenn man das nicht mehr habe, müsse man aufhören.

Der Shalompreis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Mit dem jährlich verliehenen Shalompreis werden Einzelpersonen oder Gruppen ausgezeichnet, die sich in vorbildlicher Weise, oft unter erheblichen persönlichen Risiken für die Wahrung der Menschenrechte, den weltweiten Frieden oder für Unterdrückte einsetzen. Der Preis versteht sich als ideelle Anerkennung und als praktische materielle Unterstützung gleichermaßen.

Das Preisgeld wird ausschließlich aus Spenden verschiedener Träger, Organisationen und Privatpersonen zusammengetragen. Es fließt direkt in ein oder mehrere Projekte, die die Preisträger/innen vorschlagen und über die sie weiterhin berichten. Der Preis soll nicht nur eine Anerkennung für die Leistung der Ausgezeichneten sein, sondern darüber hinaus auch dazu beitragen, gefährdete Verteidiger von Frieden und  Menschenrechten zu schützen und andere zu ermutigen, sich zu engagieren.

Seit der Gründung des AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, 1981, fanden und finden sich immer wieder Studenten und Studentinnen sowie Eichstätter Bürgerinnen, die die rein ehrenamtliche Arbeit ermöglichen.

Mehr zum Thema: Gegen Ausbeutung und Zerstörung

Die feierliche Verleihung des Shalompreises 2014 findet am Samstag, 24. Mai, um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz Eichstätt statt. Im Rahmen der Shalomwoche ist am Donnerstag, 22. Mai, um 19.00 Uhr, im Filmstudio im Alten Stadttheater Eichstätt der Film „Lola“ aus den Philippinen zu sehen. Alle Termine der Shalomwoche auf der Website des AK-Shlalom.

Die Wahlen für den Wandel in Indien

Mein Heimatland Indien wählt. Insgesamt 814 Millionen Inder sind zur Bestimmung der 543 Abgeordneten des Unterhauses aufgerufen. Die größte demokratische Wahl der Welt hat am 7. April begonnen und dauert noch bis 12. Mai. Ich bin kein Politikexperte und schreibe hier als Bürger, der seine Informationen aus verschiedenen Zeitungsartikeln, Gesprächen und Debatten im Fernsehen hat.


Das Hauptthema dieser Wahl ist die Korruption. Viele große Skandale wurden in der letzten Zeit aufgedeckt und die Menschen haben die Nase voll davon, wie Politiker der Zentralregierung und in den verschiedenen Staaten ihre Macht missbrauchen, um in die eigene Tasche zu wirtschaften. Indiens neue Antikorruptionspartei Aam Aadmi (AAP – „Partei der Normalbürger“) gewann im Dezember 2013 überraschend die Wahl im Stadtstaat Delhi und bildete dort eine Minderheitsregierung (die bereits nach zwei Monaten scheiterte – A.d.R.). Es war ein klares Zeichen gegen Korruption und der Wunsch nach einer sauberen Regierungsführung. Dieser Erfolg inspirierte die AAP, die Wahlen in ganz Indien zu bestreiten. Die Regierungskoalition mit der Kongresspartei INC (englisch Indian National Congress) als Hauptpartei – ihr Spitzenkandidat ist Rahul Gandhi – wird wegen der Korruption Stimmen einbüßen. Die BJP, eine hindu-nationalistischen Partei, und die AAP werden hinzugewinnen. Die Leute werden für den Wandel stimmen.

Die BJP war die größte Oppositionspartei im bisherigen Parlament und ist nach verschiedenen Umfragen Spitzenreiter bei diesen Wahlen. Die Prognosen geben ihr die größte Zahl der Sitze, aber nicht die Mehrheit, die es ihr ermöglichen würde, allein die Regierung zu bilden. Die nächste Regierung wird wahrscheinlich eine Koalition sein.

Die religiösen und weltlichen Minderheiten (unberührbare „Dalit“-Kaste, Stammesvölker, Unterdrückte ) freuen sich auf Besserung, sind aber auch besorgt, weil die politischen Parteien in ihren Manifesten viel versprechen, aber sehr wenig passiert, wenn die Wahlen vorbei sind. Es gab Ausschreitungen gegen Muslime im Bundestaat Gujarat, während der BJP-Kandidat Narendra Modi dort Ministerpräsident war, und es gab Angriffe gegen Christen, Beschädigung von Kirchen und christliche Einrichtungen in einigen Bundestaaten. Indien hat eine Verfassung, die den säkularen Charakter des Staates unterstreicht, aber die Minderheiten sind besorgt, dass dieser weltliche Charakter in Zukunft leiden könnte. Die Haltung der nicht-religiösen Minderheiten ist „abwarten und sehen“, ob die Wahlversprechungen erfüllt werden. Indien hat genügend Gesetze zum Schutz der Religionsausübung und -verbreitung, aber sie müssen umgesetzt werden. Das Wort „Bekehrung“ wird in einem schlechten Licht gesehen.

Die Würde und die Rechte der Frauen müssen respektiert werden. Auch das ist ein Thema, aber nicht ein sehr wichtiges bei den Wahlen. Was benötigt wird, ist nicht so sehr strengerer Gesetze, sondern eine völlig andere Denkweise. Frauen werden als minderwertig betrachtet. Mädchen werden nicht auf Augenhöhe mit den Jungen in der Familie gesehen. Schulabbrecher gibt es nicht nur bei den Armen, aber deren Zahl ist bei den Mädchen der ärmsten Schichten besonders hoch. Frauen werden oft nicht in ihrer von Gott gegebenen Würde gesehen, sondern als Objekte für billige Arbeit und Genuss.

Die katholische Bischofskonferenz Indiens hat Leitlinien für die Wahlen erlassen. Die Kirche bevorzugt keine Partei. Sie will eine gute Regierung, die die Würde aller Menschen – vor allem der Armen, Unterdrückten und Frauen – respektiert, sich für die Armen und Benachteiligten einsetzt, die Korruption bekämpft, den säkularen Charakter der indischen Verfassung bestätigt, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten schafft, den zum Christentum konvertierten Dalits die Rechte wieder gibt, die sie vor dem Übertritt genossen und die ihnen nun zu Unrecht vorenthalten werden.

Übersetzung aus dem Englischen: Geraldo Hoffmann

Partnerschaft zwichen den Diözesen Eichstätt und PoonaVideo: Ein Inder in Eichstätt