Archiv der Kategorie: Asien

Die Grabeskirche in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Grabeskirche im Heiligen Land ist seit 25. März für Pilger geschlossen, das Klosterleben geht aber weiter. Ein Situationsbericht über das Leben der Franziskaner an der Grabeskirche zu Zeiten von Covid-19 .

„Die Gemeinschaft der Franziskaner in der Grabeskirche besteht aus 11 Brüdern“, sagt Bruder Salvador Rosas Flores, der Guardian (Hausleiter) des Konvents der Franziskaner in der Grabeskirche. „Obwohl keine Pilger mehr da sind, halten wir unseren Rhythmus des Gebets und der Brüderlichkeit aufrecht. Unser Gebetsanliegen in dieser Zeit ist die Bitte an unseren Herrn Jesus Christus, uns in dieser schwierigen Situation beizustehen, mit der die ganze Welt konfrontiert ist, und sich um uns zu sorgen.“

Selbst in dieser besonderen Zeit halten sich die Franziskaner und die anderen anwesenden christlichen Gemeinschaften in der Grabeskirche weiterhin an die Regeln des Status Quo und feiern ihre Liturgien im Grab, auf Golgatha und an allen anderen heiligen Orten in der Grabeskirche. „Unter uns, den Franziskanern, gibt es sieben Priester, und jeder von uns feiert täglich mindestens eine Messe, insgesamt also sieben Messen am Tag, die normalerweise von Pilgergruppen gefeiert werden: eine feierliche Messe vor der Ädikula, vier im Grab und zwei auf Golgatha.“ Obwohl sie nur wenige sind, treffen sich die Franziskaner weiterhin, um den täglichen Rhythmus des Gebets zu beizubehalten, einschließlich der Vesper, der täglichen Prozession und des Nachtoffiziums.

Gebet in der Grabeskirche. Foto: Custodia di Terra Santa

Die Anliegen während der Gebetszeiten sind vielfältig. „Zum einen diejenigen, die uns von Pilgern und Wohltätern anvertraut wurden,“ fährt Bruder Salvador fort „und zum anderen ist es in dieser außergewöhnlichen Zeit unser Hauptanliegen, für alle Länder der Welt zu beten, die unter dem Coronavirus leiden.“ Ein einziges Anliegen, das aber viele Nuancen enthält: Der Hauptgedanke ist die Eindämmung der Ausbreitung des Virus, aber wir beten auch für die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, die Patienten und die Regierungen, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen, ohne die wirtschaftlichen Probleme und die Schwierigkeiten der Arbeiter und ihrer Familien zu vergessen.

Die Unsicherheit der globalen Situation erzeugt auch unterschiedliche Gefühle in der Gemeinschaft, aber unser unerschütterliches Vertrauen in den Herrn ist unser Fundament. „Wir sind immer aufmerksam hinsichtlich aller aktuellen Probleme“, sagt Bruder Salvador, „aber für Covid-19 sind wir es noch mehr. Dafür gibt es zwei Gründe: Wir leben in einer Region, in der immer mehr Menschen krank werden, und vor allem kommen wir aus verschiedenen Teilen der Welt: Europa, dem Nahen Osten, Nordamerika und Lateinamerika, wo die Infektionen immer mehr zunehmen und die Probleme größer werden.“

Technik und soziale Medien sind auch grundlegende Werkzeuge für die Franziskaner in der Grabeskirche. Dank ihnen können sie die Beziehungen und Kontakte zum Ausland am Leben erhalten: zu den verschiedenen Franziskanerprovinzen, ihren Herkunftsländern und ihren Familien. „Wir kennen die Bedingungen aller und versuchen sicherzustellen, dass es niemandem an Unterstützung und Ermutigung fehlt. Vor allem versuchen wir, unsere Freunde über Verhaltensweisen zu informieren, von denen wir wissen, dass sie anderswo erfolgreich waren und die wir natürlich auch befolgen. Der Herr wird uns helfen.“

Update, am 25. März wurde die Grabeskirche für Pilger geschlossen

Nach der Entwicklung der Lage im Heiligen Land geben die Brüder der Grabeskirche bekannt, dass die Liturgien der drei Gemeinschaften (die Griechisch-Orthodoxen, die Lateiner und die Armenier) regulär weitergeführt werden. Aus Sicherheitsgründen und um das Risiko der Verbreitung der COVID-19-Infektion zu vermeiden, wird die Anzahl der Teilnehmer an den Feierlichkeiten auf nur wenige Personen begrenzt und die Basilika ist nur während der Liturgien zugänglich.

Wir möchten versichern, dass die Gebete der drei Gemeinschaften in der Grabeskirche fortgesetzt und intensiviert werden. Wir beten für das Ende der Pandemie, für die Genesung der Kranken, für den Schutz des medizinischen Personals, für die Weisheit der Politiker. Wir beten für das ewige Heil derjenigen, die ihr Leben verloren haben.

Gebet des Kustos des Heiligen Landes in Corona-Krisen-Zeiten

Heiliger Antonius, wir haben uns in dieser Zeit um dich versammelt, in der die Virusinfektion die ganze Welt befällt, die Länder, aus denen wir kommen und in denen wir dienen. Wir danken dir demütig, dass du uns schützt, zusammen mit unserem seraphischen Vater, dem Heiligen Franziskus, und der Kustodie und ihren Mitgliedern immer Gutes getan hast.

Prozession um das Heilige Grab. In normalen Zeiten versammeln sich sonst hunderte von Pilgern am Grab Christi. In der Zeit von Covid-19 sind es aber nur mehr die Brüder des Konventes, die stellvertretend für die Pilger beten und singen. Bild von Custodia di Terra Santa.
Prozession um das Heilige Grab: In normalen Zeiten versammeln sich hunderte von Pilgern am Grab Christi. In der Zeit von Covid-19 sind es aber nur noch die Brüder des Konventes, die stellvertretend für die Pilger beten und singen. Foto: Custodia di Terra Santa.

Heiliger Antonius, die Kustodie des Heiligen Landes ist dir und unserem seraphischen Vater zu Dank verpflichtet, für das Gute, das du im Laufe der Jahrhunderte zu unseren Gunsten getan hast, sowohl für unsere geistige Gesundheit als auch für die Erhaltung der Orte unserer Erlösung. Für all dies danken wir Gott und dir, die ihr euch für uns einsetzt.

Unser lieber Patron, überschütte uns weiterhin mit dem Segen, den du aus dem Herzen des Jesuskindes ziehst, das du liebevoll in deinen Armen hältst. Gib uns durch ihn die Gnade, dass wir, die wir uns der besonderen Ehre bewusst sind, als Hüter der Geburtsstelle und des Grabes Jesu ausgewählt worden zu sein, uns weiterhin bemühen werden, unserer Berufung in würdiger Weise zu entsprechen.

Heiliger Antonius, mit aller Dankbarkeit unseres Herzens vertrauen wir uns dir noch einmal an: Das haben unsere Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte getan; dies ist, was der Heilige Vater von uns gewollt hat, als er dich als Schutzpatron der Kustodie des Heiligen Landes ausgewählt hat.

(Übersetzung des Blogbeitrags: Br. Dr. Johannes Roth OFM, Vize-Kommissar des Heiligen Landes)

Mehr zum Thema:
Deutsche Franziskanerprovinz

Palmsonntagskollekte für das Heilige Land per Überweisung statt in den Klingelbeutel

Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling

Haben diese vier Tage in Jordanien wirklich genügt, um ein umfassendes Bild von der Lage der Flüchtlinge in Jordanien zu bekommen?

Nein definitiv nicht, schließlich gibt es nicht den typischen Flüchtling und die allgemeine Lage. Aber dennoch kann man ein paar grundlegende Feststellungen treffen, einiges konnten wir, meine Kolleginnen und Kollegen aus vier bayerischen Bistümern, in der Zeit lernen.

Wichtigste Voraussetzung für diesen Lernprozess war die gute Vorbereitung der Reise durch die Caritas Jordanien. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seit 1967 in Jordanien tätig, sie werden dabei tatkräftig von Caritas international mit Sitz in Freiburg unterstützt. Caritas international hat die weltkirchlichen Fachstellen der bayerischen Bistümer deshalb eingeladen, ihre Fachleute bei einer Reise zu begleiten, damit wir in Deutschland kompetent über die globale Dimension von Flucht und Migration Auskunft geben können, als Teil unseres Auftrags, durch das „Globale Lernen“ weltweite Zusammenhänge unseren Bürgerinnen und Bürgern zu erschließen. Ich bin sehr froh, dass mit mir auch Frau Dr. Cordula Klenk mitgekommen ist, sie ist die Flüchtlingsreferentin des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Eichstätt.

Und dann sitzt man in Zarqa, einer Stadt im Großraum von Amman, auf dem Fußboden. Ein dünner Teppich schützt vor der relativen Kälte von gefühlten sechs bis acht Grad, die in diesen Tagen in Jordanien herrscht. Die Wände sind nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Mir sitzt ein Mann von ungefähr 35 Jahren gegenüber, seine Tochter sitzt an seiner Seite. Die Ehefrau und drei weitere Kinder bekommen wir nicht zusehen. Er erzählt von seinem Dorf zwischen Damaskus und Aleppo, dort lebte er mit seinen Eltern, Geschwistern und seiner Frau, bis eines Tages im Jahr 2012 ein Angriff aus der Luft sein Haus zerstörte. Von einem politischen Engagement erzählt er nichts. Er war Lehrer an einer weiterführenden Schule für arabische Literatur. Man merkt seine Liebe zur Literatur, er hat seinen Beruf geliebt. Ich würde ihn als einen introvertierten intellektuellen Feingeist beschreiben. Hier in Jordanien darf er aber leider nur als Tagelöhner am Bau arbeiten, darum geht er täglich an eine Kreuzung und dort werden dann kurzfristig Arbeitskräfte für einen Tag angeheuert. Planen lässt sich mit so einem unsichererem Einkommen nicht. Sicherlich ist das nicht einfach, wenn die Rolle des Mannes als Versorger der Familie so karikiert wird. Ich frage ihn ganz direkt, wann er das letzte Mal ein Buch lesen konnte. Er sagt, dass er seit sieben Jahren keine arabische Literatur mehr lesen konnte. Mir schießt der Spruch in den Kopf, dass der Mensch nicht nur vom Brot alleine lebt. Was kann man da tun, wie kann man helfen?

Schnell versuche ich mich an die statistischen Zahlen zu erinnern, die wir am Morgen bei der Caritas erfahren hatten: über 650.000 Syrer sind als Flüchtlinge hier registriert. Über 80 Prozent dieser Flüchtlinge leben aber nicht in den aus den Medien bekannten Flüchtlingslagern, sondern sie sind über das gesamte Land und besonders über den Ballungsraum Amman verstreut vereinzelt untergebracht. Die jordanische Statistikbehörde geht von insgesamt 1,3 Millionen Syrern und von rund 300.000, davon knapp 68.000 registrierten, Irakern in Jordanien aus.

Die Caritas Jordanien hat 12 Beratungsstellen für syrische Flüchtlinge eingerichtet, es gibt u.a. Bildungsprogramme, Nachmittagsunterricht, Anti-Mobbing Kurse für Mütter und Kinder und ein “cash program”. Einige dieser Einrichtungen in Zarqa, Amman und Salt konnten wir auch selbst besuchen. Echt klasse, wie gut die Kirche oder genauer die Caritas hier hilft. Für das nächste Jahr haben wir einen Info-Abend zum Thema in Eichstätt schon vereinbart.

Aber wir erfahren noch von ganz anderen Schicksalen: Besonders die Flüchtlinge aus dem Irak sind rechtlich und wirtschaftlich wesentlich schlechter gestellt als die Syrer. Und sie haben auch alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Fast genauso dramatisch ist die Lage der Migranten aus Ägypten.

Und noch eines durften wir lernen: die jordanische Gesellschaft hat es geschafft, die vielen Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus insgesamt 57 (!) Ländern so in die Gesellschaft zu integrieren, dass ein friedliches Zusammenleben ohne Angst vor Überfremdung gelingt. Das ist eine ganz besondere Leistung, schließlich macht die Zahl der Zugewanderten – einschließlich der vielen Palästinenser, die in Jordanien Zuflucht fanden – etwa die Hälfte der Einwohnerzahl des Landes aus. Kann man bei den vergleichsweise niedrigeren Zahlen in Deutschland und Europa sagen, unser Boot ist voll?

Zurück nach Zarqa: Am gleichen Abend kann ich am Rande eines Gespräches mit dem apostolischen Administrator des lateinischen Patriachats von Jerusalem, Erzbischof Pizzaballa, und dem Patriarchalvikar des Lateinischen Patriarchates von Jerusalem für Jordanien, Weihbischof Shomali, anregen, dass sich die Caritas um die Einrichtung einer kleinen Bibliothek bemühen wird, damit auch die geistige Dimension der Flüchtlinge nicht ganz vergessen wird. Ein kleiner Beitrag – vielleicht?

Liegt Plankstetten wirklich in Indien?

Natürlich liegt das manchmal als „grünes Kloster“ bezeichnete Benediktinerkloster Plankstetten nicht in Indien, schon gar nicht im bergigen Nordosten Indiens. Aber in der vergangenen Woche hat der Missionsfranziskaner Bruder Collinsius Wanniang bei seiner Tour durch das Bistum Eichstätt, die er im Rahmen der von missio-München und dem Referat Weltkirche organisierten Kampagne zum außerordentlichen Monat der Weltmission machte, diesen Vergleich oft gehört.

Faktisch sind das natürlich zwei komplett unterschiedliche Welten. Die Heimat von Bruder Collin, wie er dort genannt wird, ist eher von der Präsenz protestantischer Christen geprägt als von Hindus. Das mit Hilfe des päpstlichen Missionswerkes missio gebaute Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada ist erst fünf Jahre alt, also kein Vergleich zum altehrwürdigen Plankstetten, das in der katholischen Oberpfalz liegt.

Dennoch gibt es da etwas, was beide Orte verbindet. Es ist die klare Ausrichtung an der Sorge um das gemeinsame Haus, die Bewahrung der göttlichen Schöpfung, die die Benediktiner hier und die Franziskaner dort verbindet. Bei einem Vortrag in Plankstetten hat Br. Collin dies auch klar herausgearbeitet. Bereits am Nachmittag hatte er zusammen mit Bruder Richard den Staudenhof besichtigt und dabei viel gelernt. Die Vitalität des Bodens zu fördern, so erklärte es Bruder Richard, ist die Ausgangsüberlegung. Aufmerksam hörte sein indischer Gesprächspartner zu, die Systematik, mit der hier gearbeitet wird, war für ihn nämlich Neuland.

Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ
Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ

Aber mit Stolz erzählte er von den Fortschritten, welche die Franziskaner im Nordosten Indiens bei der Generierung eines Bewusstseins für die Zusammenhänge in den natürlichen Kreisläufen machen. Erster Schritt sind die Gebete in der Natur, extra wurde dafür ein Kreuz aufgestellt.

Dabei musste ich an das Holzkreuz auf dem Hüttenlagerplatz Almosmühle denken, der zum Jugendhaus Schloss Pfünz gehört. In den Sommermonaten werden dort viele Morgenimpulse, Andachten und Lagergottesdienste gefeiert. Für viele Kinder ist es die erste liturgische Feier in ihrem Leben, die sie nicht in einer Kirche erleben. Dabei gibt es deutliche Parallelen zur Arbeit der Missionare in Indien. Die Unmittelbarkeit der Natur führt zu einem Gefühl der Verbundenheit mit ihr, der Verantwortung für sie. Liegt also nun Orlang Hada im Altmühltal?

Natürlich habe ich Bruder Collin den Lagerplatz gezeigt und obwohl es schon Dunkel wurde hat er ein paar Fotos gemacht. Derartige Zelt- oder Hüttenlager gibt es in seinem Ökospiritualitätszentrum zwar (noch) nicht, aber auch dort hat man die Kinder als wichtige Multiplikatoren erkannt. Darum soll durch den Bau einer Schule sichergestellt werden, dass die nächste Generation schon von Kindesbeinen an lernt, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Es war für mich wirklich spannend zu beobachten, wie man eigentlich immer eine Art funktionales Äquivalent bei einem Projekt findet, das so weit weg durchgeführt wird, in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Es geht also nicht darum, voneinander gedankenlos abzuschreiben, sondern voneinander zu lernen, warum welche Dinge wie gemacht werden. Darum wird es nie eine Kopie Plankstettens in Indien geben müssen, aber es gibt auch dort Menschen, die sich für eine geistige Begründung der Ökologie bemühen. Schließlich benötigt die Menschheit für die Überwindung der gegenwärtigen Krise nicht nur klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Leider stoßen nämlich die Argumente der Wissenschaftler oft nicht auf die nötige Resonanz, solange Gier, Gleichgültigkeit und Egoismus die Hauptantriebsfedern der Menschheit sind. Unumwunden geben die Naturwissenschaftler auch zu, dass sie nicht wissen, wie sie diesen kulturellen und spirituellen Wandel erwirken können.

Vielleicht geht dieser Wandel ja von Zentren wie dem Kloster in Plankstetten, dem Hüttenlagerplatz Almosmühle oder dem Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada aus. Der Boden wäre jedenfalls bereitet und die Saat ist gesät.

Mehr zum Thema:
Missio-Aktion 2019: Das andere Indien
Indien: Der Fluch der Entwicklung

Indien: Der Fluch der Entwicklung

Neun der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in Indien. Trotzdem gibt es noch Regionen mit weitgehend intakter Natur, besonders im Nordosten. Aber auch dort heißt es oft: Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Umwelt. Steht also den Wald- und Berg­völkern eine ähnliche Zukunft bevor wie den Menschen in Delhi, Mumbai und Kalkutta? Und wenn der Abbau von Tropenholz schnelles Geld verspricht – warum sollten sich die Menschen dann um den Schutz der Natur kümmern?

  Gut muss Es geschmeckt haben, das Picknick hier am Fluss. Denn die Teller, auf denen eben noch ein kleiner Berg Reis mit scharfer Soße lag, sind leer gegessen. Gerade rechtzeitig, denn der Reisebus lässt seinen Motor anspringen. Fertig machen zur Weiterfahrt. Noch schnell ein paar Fotos gemacht fürs Internetprofil, und dann geht dieser Ausflug in die Natur auch schon wieder zu Ende. Die jungen Menschen aus der Großstadt, schick gekleidet in karierten Hemden, blauen Jeans oder farbenfrohen Stoffkleidern, kehren wieder heim in die Stadt, in der sie leben und das Geld verdienen, das ihnen am freien Tag einen Ausflug ins Grüne ermöglicht.

Als sich die Staubwolke, die der Bus auf der ungeteerten Straße hinter sich herzieht, langsam in Luft auflöst, bleibt vor allem eines zurück: ein Berg aus Papp- und Plastiktellern, achtlos weggeworfen nach dem schnellen Mittagessen.  

Es ist schon so: Der moderne Mensch zerstört genau das, was er liebt. Das gilt auch hier im Nordosten von Indien, an der kleinen Brücke von Umsiang. Hier gibt es noch unberührte Natur, frische Luft, und freie Sicht auf Gottes schöne Schöpfung – alles, was in Indiens Megacities mit ihren Müllbergen und den Wolken von Smog kaum noch zu finden ist.

Mit wachsendem Wohlstand entsteht in Indien eine Mittelschicht, die sich Kon­sum und Tourismus nach westlichem Vorbild leisten kann. Aber damit wächst eben auch der Müll. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb man für die friedliche Gegend hier am Fluss Schlimmes befürchten muss.

In der „Heimat der Wolken“

Wer die Brücke von Umsiang überquert, gelangt in den Bundestaat Meghalaya hinüber. „Heimat der Wolken“ bedeutet der Name im Sanskrit, den man sich 1972 ausdachte, als die Völker der Khasi und der Garo einen eigenen Bundesstaat innerhalb der großen Nation Indien erhielten. Zu dieser Region gehören einige der wenigen noch übrig gebliebenen Regenwaldgebiete Indiens. Durch das feuchte Monsunklima wird das Dorf Cherrapunji zum Ort mit der größten Regenmenge weltweit.

Der Brite Rudyard Kipling ließ 1895 eine Geschichte seines legendären „Dschungelbuches“ in den Garo Hills spielen. Sie erzählt von wilden Elefanten und einer sagenumwobenen Tier- und Pflanzenwelt. Auch die Völker der Khasi und der Garo kennen bis heute viele Legenden – wie diejenige vom Hahn, der jeden Morgen die Sonne zurückbringt, nachdem sie am Abend zuvor verschwunden ist.

Aber auch wenn Touristiker und Werbeleute solche Geschichten gerne vermarkten und Meghalaya als Sehnsuchtsort für moderne Großstädter anpreisen – für Märchen bleibt hier eigentlich keine Zeit. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF sind bereits zwei Drittel der Waldflächen verschwunden – abgeholzt, verbrannt, verbaut.

Dabei wäre die traditionelle Lebensweise der Khasi und Garo seit Urzeiten darauf ausgelegt, der Natur nur gerade soviel abzuringen, wie für ein gutes Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft notwendig ist. „Wir nennen das jhum cultivation“, sagt Diana Mary Jarain, während sie ihr kleines Feld zeigt. „Dort drüben wachsen Reis und Yams, daneben Süßkartoffeln.“ Demnächst wird Senf angebaut. „Auch Wassermelonen wachsen hier ganz gut.“

Möglich ist das nur, weil ihre Familie die Fläche gerodet und das getrocknete Holz abgebrannt hat. Die Asche bleibt liegen und macht die Erde fruchtbar. Das reicht etwa drei, vier Jahre, dann zieht man weiter und der Boden darf wieder zuwuchern. Bis zum nächsten Mal. Aber heutzutage wächst die Bevölkerung, die Landflächen werden knapper, die Böden bekommen immer weniger Zeit zur Erholung.

Während Frau Jarain erzählt, schleppen drei Burschen einige Säcke Holzkohle heran. Sie haben sie in den vergangenen Wochen aus den abgehackten Ästen hergestellt und wollen sie verkaufen. Etwa 500 Rupien (6,30 Euro) werden sie für einen großen Sack einnehmen. „Aber nur, wenn das Holz schön hart ist und gut brennen kann“, sagt Ferio, einer der drei. „Sonst gibt es nur 300 Rupien.“

Es ist hier ganz normal, dass die drei Jungen arbeiten, während ihre Tante Diana ihnen sagt, was zu tun ist. Die Khasi sind eine „matrilineare Gesellschaft“, das heißt: Die Erbfolge geht über die Frauen der Familie, offiziell gehört ihnen meist auch das Land. Selbst der Name „Khasi“ bedeutet: „Von einer Mutter geboren“.

Aber was jetzt? In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Khasi-Männer Landbesitz gesichert, und machen Geschäfte zum Beispiel mit Bergbau-Unternehmen, Zementfabrikanten oder Kohlehändlern. In einigen Hügeln wird Uran abgebaut, anderswo graben sich die Menschen so genannte „Rattenlöcher“ ins Gestein und suchen nach wertvoller Steinkohle.

Dabei ist doch der Schutz von Umwelt und Natur fest in der indischen Verfassung verankert. Gesetze sollen saubere Flüsse und abgasfreie Luft garantieren, und das Holz der Regenwälder vor Axt und Säge bewahren. „Verbote werden nichts bringen“, sagt der Franziskanerbruder Collinsius Wanniang. Denn wovon sollen die Menschen dann leben? Die Mission der Franziskaner hat sich auf einigen Hügeln des kleinen Dorfes Orlong Hada niedergelassen.

Vorbild: Franz von Assisi und sein „Sonnengesang“

Im „Zentrum für Ökospiritualität“ suchen die Ordensbrüder nach neuen Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Bewahrung der Schöpfung – ganz im Sinne des heiligen Franz von Assisi, ihres Namenspatrons. Er war es, der bereits im 13. Jahrhundert seinen „Sonnengesang“ schrieb und darin die Wunder der Natur, von „Bruder Sonne“ bis „Schwester Mond“, bestaunte.

Doch die Franziskaner wissen, dass es nicht nur bei der spirituellen Idee bleiben darf. Ganz konkrete Maßnahmen sind gefordert. Bruder Collinsius Wanniang sagt: „Wenn wir den Menschen keine Alternativen bieten, um ihr Einkommen zu sichern, dann wird unsere Mutter Natur immer in Gefahr bleiben.“ Weil dann Landrechte billig verscherbelt werden, Bäume für schnellen Profit geschlagen und die Böden ausgelaugt werden.

Darum haben die Ordensmänner jetzt zum Beispiel Gummibäume angepflanzt. Aus deren Rinde tropft ein Saft, den man abzapfen, pressen, trocknen und zu Kautschuk verarbeiten kann. Naturkautschuk ist ein begehrter Rohstoff für die Industrie auf der ganzen Welt – Autoreifen, Schuhsohlen und etwa 40 000 weitere Produkte entstehen daraus. „Seit einem Jahr stelle ich Kautschuk her“, sagt Dorfbewohner Hubert Pumah, der bei den Franziskanern Arbeit gefunden hat. Gerade hängt er einen neuen Stapel zum Trocknen auf. „Für ein Kilo bekommen wir ungefähr 95 bis 105 Rupien.“ Umgerechnet sind das nur etwa 1,20 bis 1,30 Euro, aber immerhin.

„Vielleicht ist es nicht viel, was wir tun können“, sagt Bruder Collinsius Wanniang. Aber er kennt ein Sprichwort, das er gerne benutzt: „Besser eine kleine Kerze anzünden, als sich über die Dunkelheit beklagen.“

INFO

Rund acht Millionen Ureinwohner in Indien kämpfen derzeit um ihre angestammten Lebensräume in den Wäldern und Bergen. Hintergrund ist eine Klage von Naturschutzverbänden vor dem Obersten Gerichtshof im Februar 2019. Sie forderten die Vertreibung von Waldbewohnern, die keinen Nachweis für ihr Landrecht erbringen können. Der Oberste Gerichtshof in Delhi ordnete zunächst für Juli 2019 die Umsiedlung von Ureinwohnern an, die kein verbrieftes Bleiberecht besitzen. Nun soll es jedoch im Herbst 2019 eine weitere Anhörung geben.

Naturschützer fürchten um den Rückgang der Lebensräume für bedrohte Tierarten und beschuldigen indigene Volksgruppen, die Zerstörung der Urwälder mit ihrer Lebensweise, zum Beispiel Brandrodung voranzutreiben. Ureinwohner entgegnen, dass sie das rohstoffreiche Ökosystem des Waldes schon seit Jahrtausenden erfolgreich schützen, auch gegen große Konzerne.

Indiens Forstgesetz aus dem Jahr 2006 garantiert den Bewohnern der Wälder ein Landrecht, wenn sie nachweisen können, dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in einer bestimmten Region leben. Doch von den knapp drei Millionen Anträgen auf Anerkennung der Bleiberechte wurden bislang mindestens 1,2 Millionen abgelehnt.

„Die indigenen Einwohner, unter ihnen viele Christen, gehören zu den bedrohtesten Bevölkerungsgruppen. Trotz ihrer per Gesetz gesicherten Rechte werden sie von der indischen Regierung nicht ausreichend geschützt“, sagt missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Insgesamt zählen rund 104 Millionen Menschen in Indien zu den indigenen Stammesgruppen, das sind knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen steht die katholische Kirche Indiens besonders bei.

Mehr zum Thema: Missio-Gast aus Indien stellt Nachhaltigkeitsprojekt in Bistum Eichstätt vor

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“