Kategorie-Archiv: Alltag

Mobiler Einsatz in Äthiopien

Zum zweiten Mal war ich im November in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist, mit rund 100 Millionen Einwohnern, ein Vielvölkerstaat mit 80 verschiedenen Volksgruppen, eine Mischung aus afrikanischer, südafrikanischer und arabischer Kultur. Das Land war einst Vorbild für Afrika, jetzt droht es auseinanderzubrechen. Es leidet unter immer wiederkehrenden Hungersnöten – ausgelöst durch Missmanagement, Willkür und durch ausbleibende oder klimatisch geänderte Regenzeiten.

Wir (d.h. das Team von Humedica) waren im Sudwesten Äthiopiens bei den Volkstämmen der Kara (rund 1500 Angehörige) und Hamer (rund 40.000) im Einsatz. Es sind zwei der vielen Stämmen am Fluss Omo, die u.a. an den Folgen der wirtschaftlichen Interessen leiden. Ziel des Einsatzes war die gesundheitliche Versorgung (Malaria, Parasiten, Tbc, Augen- und Atemwegserkrankungen,…) im Rahmen mobiler Kliniken (mit Jeep und Ausrüstung in die Dörfer) und Schulungen in den Bereichen Ernährung und Hygiene. Hier ein Rückblick.

Tszalu (in der Karasprache: Hallo)

Bereits bei der Einreise haben wir Kontakt mit dem Ausnahmezustand, der seit Oktober andauert und auch für die Abschaltung der sozialen Medien zuständig ist, was den Kontakt nach Hause sehr erschwert. Die zweitägige Fahrt mit dem Jeep in das Einsatzgebiet am Omo ist erlebnisreich:

  • Frauen und Kinder schleppen gelbe 25 Liter Kanister am Rücken; das ist die Wasserversorgung aus dem jeweils nächstgelegenen Fluss; teilweise gehen sie kilometerweit an der Straße entlang, um den Tagesbedarf daheim zu sichern.
  • Lastwagen und ihre Container liegen neben der Piste, die auf Sand und Steinen die abschüssigen Wege nicht schafften.
  • Kamel-, Ziegen- und Rinderherden behindern nicht nur einmal die Fahrt und zwingen uns zum Ausweichen oder Halt.
  • Teilweise wird die Piste zur Rutschpartie – in jetzt trockenen aber im Unterbau noch feuchten Flussläufen, die überquert werden müssen; der letzte Regen ist noch nicht so lange her.
  • Geier fliegen hoch am Himmel und halten Ausschau nach Tieren, die es nicht mehr geschafft haben – auf der Piste oder in der Steppe.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages kommen wir an und verteilen uns in den Zelten, die neben dem ehemaligen Missionshaus aufgestellt sind. Das Haus dient uns als Lager, Küche und Gemeinschaftsraum. Wir sind rund ein Kilometer vom größten Kara-Dorf  (Dus) entfernt. Hier gibt es einen offiziellen Gesundheitsposten (Steinhaus mit zwei Zimmern). Er ist nicht besetzt – nach einer sechswöchigen oder im Glücksfall sechsmonatigen Ausbildung will keiner für rund 35 Euro im Monat im Busch allein als Gesundheitshelfer weitab der sogenannten Zivilisation tätig sein. Ein Kontakt zum/zur Medizinmann/-frau im Dorf konnte bisher nicht hergestellt werden. Die Zusammenarbeit mit ihm und die Einbindung der traditionellen Medizin sind auch ein Ziel des Gesamtprojektes hier, neben der gesundheitlichen Versorgung und dem Bau einer neuen Gesundheitsstation mit mehr Möglichkeiten.

Am ersten Abend werden wir ins Dorf gerufen: Ein Junge ist nicht mehr erweckbar, Fieber, Schleimausfluss aus dem Mund, Husten, Blick nur nach einer Seite: Ist es ein Infekt mit Krampfanfall oder Malaria mit Beteiligung des Gehirns? Der Malariatest ist negativ – trotzdem entscheiden wir uns für eine Malariatherapie – am nächsten Tag geht es ihm vorübergehend besser: Er hat überlebt! Einen weiteren Tag später schicken wir ihn ins Krankenhaus, da eine weitere Verbesserung ausbleibt und er jetzt Chancen hat, den vier bis fünfstündigen Transport zu überstehen und er dort eine weitere Therapie erhalten kann. Mit ihm schicken wir eine junge Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte und weiter blutet. Wir versorgen sie mit einem Medikament, das die Blutung vermindert. Glücklicherweise habe ich das mitgenommen.

Der erste Einsatzort liegt am Omo-Fluß neben dem neuangelegten Feld der Dorfgemeinschaft. Dieses Feld wurde über die „Straße“ hinweg angelegt, so dass ein Weiterkommen mit dem Wagen nicht möglich ist – also findet die Behandlung im Schatten zweier Bäume statt. Matten werden ausgebreitet, die Kisten für die Apotheke werden bereitgestellt, eine Stelle für Verbände bestimmt. An anderer Stelle richten wir die Untersuchungsplätze für die Ärzte und Übersetzer ein. Auf der Ladeklappe des einen Geländewagens ist die Registratur: die Namen der Patienten werden mit der teils verschiedenen Schreibweise auf den Karteikarten versucht, in Einklang zu bringen. Einer der Fahrer schickt von den dann wartenden Patienten den jeweils nächsten zum freiwerdenden Untersuchungsplatz. Ansonsten würden sich hier Trauben von Kindern und Patienten um den Arztplatz bilden und die Untersuchung wäre unmöglich. Schweigepflicht und Datenschutz sind Fremdwörter! Mit unseren fünf Sinnen, Stethoskop, Ohrenspiegel, Thermometer, Urinproben und Malariatest untersuchen und diagnostizieren wir – und wir kommen schätzungsweise zu 80% auf die gleichen Ergebnisse wie mit unseren technikgestützten und juristisch geforderten Maßnahmen zu Hause. Die Patienten gehen dann zur Apotheke, wo die Medikamente aus den Kisten heraus verabreicht werden, die Salben aufgetragen und die Verbände gemacht werden.

Wir arbeiten an verschiedenen Orten. Einer davon ist Korcho – ein Ort, an dem Safaritouristen regelmäßig Halt machen. Die Menschen bemalen sich, um gegen Geld fotografiert zu werden. Normalerweise sind es rituelle Zeichnungen auf den Körpern, die nur zu bestimmten Festtagen aufgetragen werden. Sind die Touris wieder weg, wird von vielen Karas hier das Geld in Alkohol umgesetzt – mit den Folgen von Streitigkeiten und Verletzten. Andererseits trifft dies natürlich nicht für alle zu und es ist auch zu beobachten, dass in diesem Dorf der für uns sogenannte Standard schon höher ist. Zwei Seiten des Eindringens unserer modernen Welt in eine traditionelle.

Ein anderes Erlebnis dieser „Konfrontation“: Ein Mädchen hat so starke Karies, dass alle Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung nicht helfen. Im Dorf gibt es einen Heiler/Medizinmann, der für Knochen und Zähne zuständig ist. Wir suchen den Kontakt, haben aber das Problem, das das Mädchen schreit und sich massiv gegen die Behandlung wehrt – so kann der Heiler nicht arbeiten. Es wird eine Kurznarkose gemacht und der Medizinmann zieht in einer nur ganz kurz dauernden Aktion (Schnitt und Aushebeln) den Zahn – in den nächsten Tagen wird eine weitergehende Zusammenarbeit vereinbart. Besser kann es nicht laufen!

Der Fluss Omo – die Lebensader hier im Sudwesten Äthiopiens – schlängelt sich durch die Landschaft. In der Nacht, wenn der Mond der Erde am Nächsten steht und besonders groß erscheint, erleben wir einen beeindruckenden Mondaufgang. Er kommt hinter den Bergen hervor, leuchtet über der Tiefebene und spiegelt sich im Fluss.

Genauso beeindruckend sind so manche Behandlungssituationen: Unter schattengebenden Bäumen (40 Grad) auf einer Decke sitze ich – vor mir die Patienten, hinter mir frischgeborene Ziegen, die an mir rumschnuppern – und schräg vor mir der Älteste des Dorfes, der die Behandlung beobachtet und nach Abschluss der Behandlung mit mir ein Plauschen hält: Wie alt ich sei – knappe sechzig können wegen meiner hellen Haare nicht stimmen – und ob die mitbehandelnde Ärztin meine Frau sei. Acht Ziegen will er wohl für sie bieten und sie als Zweit- oder Drittfrau erwerben.

Was bleibt, außer den tiefen Eindrücken von Landschaft und einer anderen Kultur?

  • Die Gewissheit, einigen Menschen in ihren Krankheiten geholfen zu haben
  • Eine deutsche Schwester wird dauerhaft da sein und sich der medizinischen Versorgung annehmen, wenn möglich in Zusammenarbeit mit den einheimischen Medizinkundigen und ab und zu unterstützt von einem medizinischen Team aus der Heimat (wie unseres).
  • Wir werden versuchen, die Qualität des Wassers zu testen, ob die Reinigungsmaßnahmen vor Ort effektiv sind und somit Krankheiten wirklich verhindert werden können
  • Für uns (alle) selbst die Erkenntnis, dass unser Wissen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nur sehr relativ sind, und dass wir uns auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist.

In den verborgenen Gassen Barcelonas – Unterwegs mit einem ehemaligen Obdachlosen

La Rambla dels Caputxins

Wir treffen uns vor dem Liceu, der Oper Barcelonas. Das herrliche Jugendstilgebäude liegt direkt an den Ramblas und hat eine eigene Metro-Station. Über zwei Millionen Touristen schlendern angeblich monatlich auf der berühmten Flaniermeile hier vorbei. Heute drängen sich zwischen den Italienern und Japanern in buntem Freizeitlook auch Herrschaften der katalanischen Highsociety in feiner Abendrobe. Es ist Prämiere von Mozarts „La Flauta Magica“. Obwohl er nur 20 Meter neben mir steht, entdecke ich ihn erst nach einer halben Minute Ausschau, Juan Gonejero. Am Liceu, an der Oper, wollte er sich mit mir treffen, „weil hier die verrückten und gegensätzlichen Welten Barcelonas wie nirgend anderswo aufeinander prallen“. Der 54-jährige Spanier möchte mir „sein“ Barcelona zeigen. Seit gut zwei Jahren ist er professioneller Stadtführer und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Nachfrage nach seinen Führungen ist steigend. Aber nicht nur, weil die Zahl der Touristen in Barcelona ständig ansteigt, Juan zeigt seinen Kunden neben den berühmten Sehenswürdigkeiten der katalanischen Mittelmeermetropole auch noch was ganz anderes: Die unsichtbare Welt der Penner, Obdachlosen, Junkies und Bettler. Über fünf Jahre hat Juan in dieser Welt gelebt – und überlebt, dank „Chiringuito de Dios“ – der Obdachlosen-Tafel

des Deutschen Wolfgang Striebinger – und „Hidden City Tours“ – Stadtführungen von ehemaligen Obdachlosen, einer Initiative der Engländerin Lisa Grace.

Carrer dels tres Llits

Als erstes führt er mich in die Carrer dels tres Llits, in die „Gasse der drei Löwen“. Sie führt direkt von der Plaça Reial hinein ins Zentrum der mittelalterlichen Altstadt. Der „Königliche Platz“ gilt als das „Wohnzimmer Barcelonas“ und als „i-Pünktchen“ bei einem Altstadtbummel mit Spaziergang über die Ramblas. Die heutige Anlage des rechteckigen Platzes stammt aus dem Jahr 1848 und ist napoleonischen Stadtplänen nachempfunden. Der herrliche Brunnen im Zentrum, die von Antoni Gaudí entworfenen Laternen und die Palmen geben dem Ort sein unverwechselbares, südländisches Flair. Egal ob bei Tag oder bei Nacht, der Platz wird rund um die Uhr von Müßiggängern, Touristen und vielen anderen Gestalten heimgesucht. Einen großen Gewinn aus dieser ununterbrochenen Bevölkerung ziehen auch die unzähligen Restaurants und Cafés unter den kühlen Arkaden an den vier Seiten. Dazwischen – ein Jazzfan darf natürlich nicht vergessen, darauf hinzuweisen – der weltberühmte Jazzclub „Jamboree“, in dem sich die Musiker der lokalen und weltweiten Jazzszene die Klinke reichen.

Und gerade 50 Meter neben diesem Highlight der Sehenswürdigkeiten Barcelonas, eben in der „Drei-Löwen-Gasse“, dahin zog es Juan ein- bis zweimal täglich, als er noch auf der Straße lebte. Die „Missionarinnen der Barmherzigkeit“, die Schwestern der heiligen Mutter Theresa von Kalkutta unterhielten hier jahrelang ihre Obdachlosen-Tafel. Ohne diese Einrichtungen, wie es sie von unterschiedlichen Institutionen in allen Vierteln Barcelonas gibt, hätten die meisten Wohnsitzlosen keine Überlebenschance. Über 200 Essen gaben sie täglich aus. Vor einigen Jahren sind die Schwestern in das ehemalige Kloster Sant Augusti im Stadtteil „Raval“ umgezogen, dort ist die Not noch größer.

La Rambla de Santa Mònica

Auf dem Weg zurück zu den Ramblas kommen wir an dem Fünf-Sterne-Restaurant „Los Caracoles“ vorbei. Juan und ich können durch einen Fensterschlitz sehen, wie in der Küche gerade die berühmten Schnecken des Hauses gebrutzelt werden. Bevor uns aber das Wasser im Mund zusammen läuft, drängt mein Stadtführer weiter, er will mir eine Filiale der CaixaBank, der bekanntesten „Volksbank“ Kataloniens, zeigen. Bankautomat und Eingang liegen an einem kleinen Platz, unmittelbar neben der hochbelebten Rambla de Santa Mònica. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die Geld abheben wollen, zieht es in die geschützte Ecke und in den Vorraum der Bank, auch zahlreiche dunkle Gestalten lümmeln sich hier herum. Dort kann man den Leuten direkt „auf die Pelle rücken“, erklärt mir Juan, und so gibt dann fast jeder, nachdem er sich einige Hundert Euro gezogen hat, ein oder auch mal zwei Euro an den aufdringlichen Bettler ab. Außerdem ist der Vorraum ein idealer Schlafplatz, besonders in den kalten Wintermonaten. Die Tür lässt sich sogar von Innen zusperren.

Carrer de Lancaster

Wir überqueren die Ramblas und dringen in die dunklen Gassen des Raval ein, des seit Jahrhunderten verrufensten Viertels von Barcelona. Bis heute ist in der Stadt der Migrantenanteil nirgends so hoch wie hier. Arabische Schlachtereien, pakistanische Telefonläden und afrikanische Shops mit Plastikramsch aller Art unmittelbar nebeneinander. Angeblich bis zu 30 000 Migranten jährlich musste der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten aufnehmen. Außerdem konzentriert sich hier auch das „Rotlichtmilieu“.

Gerade knapp 50 Meter haben wir die Ramblas hinter uns gelassen, da stoßen wir an der Rückseite des Teatre Principal auf die Carrer de Lancaster, wo bis vor Kurzem noch öffentliche Toiletten-Kabinen standen. Hier erzählt mir Juan die Geschichte von Mario, den er einmal in einer der Kabinen mit einer Überdosis gefunden hat. Durch einen sofort herbeigerufenen Notarzt konnte der Drogenabhängige gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Ob Mario heute noch lebt, weiß Juan nicht, er hat schon jahrelang keinen Kontakt mehr in die Szene.

Plaça de Blanquerna

Wir kommen an die Plaça de Blanquerna, und damit an das Museu Maritim, das sich in den mittelalterlichen Schiffswerften, den Drassanes, befindet. Von dem kleinen, unspektakulären Platz führt eine unauffällige Tür in das Rückgebäude des Museums, man könnte vermuten es wäre der Hintereingang. Hier ist das „Baluar“, klärt mich Juan auf, Barcelonas größter „Pick-Saal“. Unter ärztlicher Aufsicht können sich dort Junkies ihr Heroin spritzen. Das nötige Werkzeug und die professionelle medizinische Betreuung wird ihnen in der Einrichtung der Generalitat de Catalunya, der katalanischen Landesregierung, zur Verfügung gestellt – natürlich hygienisch sauber. Ohne diese Anlaufstelle für die Drogenabhängigen gäbe es sicher noch weit mehr Drogentote in der Stadt.

Carrer de l’Hort de Sant Pau

Nur einen Steinwurf weiter, stehen wir vor Sant Pau del Camp – meiner Lieblingskirche. Im Jahr 911 wird das Benediktinerkloster zum ersten Mal erwähnt, damals stand es auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt. Heute ist es das einzige Kirchengebäude in Barcelona, das noch weitgehend in seinem ursprünglichen romanisch-mozarabischer Baustil erhalten geblieben ist. Auch Picasso hat sich oft stundenlang in dem wunderschönen kleinen Kreuzgang aufgehalten und sich inspirieren lassen. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig an Werktagen in der kleinen Pfarrgemeinde die Messe gefeiert. Östlich des ehemaligen Klostergeländes schließt sich der „Garten des hl. Paulus“ an, dieser wird begrenzt von den Gebäuden des Konservatoriums und der „Guardia Civil“, der staatlichen Landpolizei. Trotz dieser kirchlichen und polizeilichen Nachbarschaft ist der „Hort de Sant Pau“ bis heute – vor allem in Abend- und Nachstunden – ein bekannter Platz für „Drücker“ und Drogenhändler. Tagsüber sind vor allem die bürgerlichen Schrebergärten und der Kinderspielplatz neben der Kirchenmauer belebt. Kinder, Eltern, Kleingärtner, Kirchenbesucher, Touristen, Drogenjunkies und -händler, Polizisten und Musikstudenten tummeln sich in einem Umkreis von gerade mal 150 Meter.

Carrer de l’Aurora

Einen ganz besonderen Ort möchte mir Juan vor Abschluss der Tour noch zeigen: In Mitten von abgerissenen und halb eingefallenen Häusern, versteckt hinter schmutzigen, dunklen Gassen, eine kleine, grüne Oase – neben der „Gasse des Sonnenaufgangs“. Eine Freifläche, die durch den Abriss mehrerer Gebäuden entstanden war, wurde in Eigeninitiative von Nachbarn, Migranten, Hausbesetzern und Obdachlosen als Garten und kleiner Park hergerichtet. Sofas, Tische und Stühle aus dem Sperrmüll, liebevoll zwischen Blumenbeeten und Wegen aufgestellt, laden zum Verweilen ein. Die hohen Häuserwände sind mit bunten Graffiti bemalt. An einer großen weißen Fläche an einer der Hauswände werden sonntags Filme projiziert, sagt Juan. Eine scheinbar perfekte, friedliche Oase in Mitten eines sozialen Chaos – wenn nicht an der Hauswand direkt neben dem Eingang zu dieser Oase das Graffiti-Denkmal an den Tod von J. A. Benitez wäre. Das Bild erinnert an den 50-Jährigen, der im Jahre 2013 an dieser Stelle ums Leben kam, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen worden war.

Carrer d’Espalter

Die letzte Station auf meiner Tour mit Juan ist der „Chiringuito de Dios“, die „Suppenküche Gottes“. In der engen Gasse „Espalter“, zwischen einem pakistanischen Handyladen und der supermodernen, neuen FilmoTeca, liegt die kleine Obdachlosen-Tafel, die für Juan zur Endstation in seinem Leben auf der Straße wurde. Der Schwabe Wolfgang Striebinger hat die Tafel vor über 20 Jahren gegründet. Inzwischen wird sie von einem eingetragenen Verein verwaltet, der Wolfgang als Geschäftsführer angestellt hat. In drei Schichten werden fünf Tage in der Woche zwischen 60 und 80 Essen ausgegeben, Frühstück und Abendessen. Donnerstagmittag gibt es eine riesige Paella, gestiftet vom Starkoch eines Fünf-Sterne-Hotels am Strand. Außerdem können sich täglich an die 30 Familien Obst, Salat, Brot, Nudeln und allerlei anderer verpackter Lebensmitteln abholen, das dem Chiringuito von Supermärkten überlassen worden ist. Drei bis fünf feste Mitarbeiter hat Wolfgang, ehemalige Obdachlose. Sie „schmeißen den Laden“ ehrenamtlich, dafür können sie kostenlos in einer Wohnung neben dem Chiringuito wohnen. Vor gut sechs Jahren kam Juan hierher. Der Chiringuito hat ihm das Leben gerettet, ist er überzeugt. Hätte er diese Chance damals nicht ergriffen, dann hätte er es wahrscheinlich nie mehr weg von der Straße, zurück in eine gesicherte Existenz, geschafft.

Und im Chiringuito de Dios war es schließlich auch, wo vor zwei Jahren die junge Engländerin Lisa Grace auf den Deutsch-Spanier aufmerksam wurde. Lisa war gerade dabei eine eigene Firma zu gründen, „Hidden City Tours“, und suchte dafür die richtigen Leute. Nach einer professionellen Schulung durch Historiker und Stadtkenner sollen ehemalige Obdachlose ihre ganz eigene Art von Stadtführungen anbieten. Ein Projekt, das in manchen Großstädten Europas bereits seit Jahren gut funktioniert und ankommt. Und auch in der von Touristen überfüllten Stadt Barcelona kann sich die Firmengründerin Lisa nun vor lauter Nachfrage fast nicht mehr retten. Lisa hat eine Marktlücke entdeckt und Juan seine Leidenschaft: Den Menschen „seine“ Stadt zeigen.

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Barcelona. Was mir Juan aber in drei Stunden gezeigt hat, das habe ich in all den fünf Jahren nicht gesehen. Mir tun meine Füße weh vom vielen Laufen, und mir brummt mein Kopf von der Hitze der Abendsonne und vom aufmerksamen Zuhören. Wir setzen uns auf die Terrasse einer Bar und bestellen uns was zum Trinken. Es geht auf Mitternacht zu, als ich endlich meinen Heimweg antrete. Juan hätte noch die ganze Nacht hindurch faszinierende Geschichten aus seinem spannenden Leben erzählen können. Geschichten eines Menschen, der es geschafft hat, und der deshalb heute furchtbar stolz und dankbar ist.

Gebet in der Klostergemeinschaft

Vor einigen Wochen war das Glockenseil hier in der Kirche der Benediktinerabtei von Tabgha (am See Genezareth in Israel) abgerissen, so dass wir selbst die Zeit zum Gebet herausfinden mussten. Umso mehr freut es mich, wenn das Glöckchen wieder fünfmal am Tag zum Gebet ruft. Das mag von außen viel erscheinen. Ich erlebe es als einen wohlklingenden Ton, der dem Tag seine Struktur gibt und der Arbeit dazwischen ihren Wert. Das gleichmäßige Miteinander-vor-Gott-treten macht deutlich, dass hier ein Ort ist, an dem man Gott dient und vor seinem Angesicht lebt.

An die 150 Psalmen, jahrtausendealter Gebetsschatz, die hier in zwei Wochen alle gebetet werden, muss ich mich gewöhnen. In meinen Ohren klingen sie stark alttestamentlich. Mit der Zeit finde ich mich in vielen angesprochenen Lebenslagen wieder und finde nur Teile der Texte sehr befremdlich, besonders wenn man bedenkt, dass wir hier von radikalen Fundamentalisten aller Religionen umgeben sind.

Ich habe das Gefühl, dass man kein besserer Mensch wird, weil man viel betet, aber ich schätze mich glücklich, an einem Ort sein zu dürfen, an dem wir miteinander versuchen, Gott auf dieser Erde einen kleinen Anteil der Ehre zu geben, die ihm gebührt und gleichzeitig einen Beitrag für Frieden in dieser Region zu leisten.

Gebet gibt der Freundschaft, die Gott uns von sich aus anbietet, eine Antwort. Die Freundschaft zu Gott miteinander zu gestalten in allen Tagesformen, die man so durchlebt, ist ein Geschenk, das in der Form nur in Gemeinschaft möglich ist. Sie ersetzt nicht die ganz persönliche Beziehung zu Gott, die jeder für sich selber pflegen muss. Die Hinwendung zu Gott im Gebet ist wie das Einatmen, die Arbeit und Begegnung mit unseren Nächsten ist wie das Ausatmen.

Borie Noble: Frankreich abseits des EM-Rummels

Der Winter auf der Borie Noble ist überstanden, meine Ängste, dass er sehr lang, kalt und einsam sein würde, sind nicht wahr geworden. Vom Holzsägen hatte ich zwar irgendwann genug, aber der Winter war hier, wie in Deutschland, sehr mild und dadurch hielt sich die Arbeit in Grenzen. Ab und an habe ich ein warmes Bad vermisst und mir gewünscht, einfach die Heizung aufzudrehen anstatt Feuer zu machen, aber dafür ist das warme Zimmer, hat man dann mal den Ofen eingeschürt, umso gemütlicher.

Das warme Baden habe ich nachgeholt, als ich im Januar eine Woche zu Hause war, um Familie, Freunde und Nürnberg wiederzusehen. Den Luxus, den ein ganz normales Reihenhaus im Winter zu bieten hat, wusste ich zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Außerdem habe ich mich – zu meinem Erstaunen – sehr gefreut, einfach wieder in Deutschland zu sein. Als ich aus dem TGV von Paris nach Augsburg ausstieg, hatte ich das Gefühl wieder zu Hause zu sein – merkwürdig, da ich noch nie zuvor in Augsburg war. Ich habe festgestellt, dass es stimmt: Man muss erst weggehen, um zu schätzen zu wissen, wo man herkommt. Beruhigend war außerdem das Gefühl, in Nürnberg noch alles an seinem Platz zu finden: Meine Eltern, einige meiner Freunde, meine Gemeinde.

Momentan ist die Borie Noble denke ich so schön wie nie im Jahr: Die ganze Natur geht auf, überall blühen wilde oder angebaute Blumen in allen Farben, die Bäume sind so strahlend hellgrün, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe. Vor ein paar Wochen haben die Vögel zu Beginn des Frühlings gesungen, inzwischen beginnen die Grillen den Frühsommer anzukündigen. Die Klänge, die mich hier den ganzen Tag begleiten, sind die Bäume, die Vögel, die Grillen und der kleine Fluss, der im Tal fließt. Zu Beginn des Frühlings habe ich meine Hängematte aufgehängt und viel meiner Freizeit damit verbracht, darin zu liegen, die Bewegungen der Bäume in Wind zu betrachten und den Vögeln zuzuhören.

Zu dieser Zeit im Jahr merke ich noch intensiver als zuvor, wie einem hier, in der Abgeschiedenheit, alle Sinne aufgehen! Dadurch, dass ich nur eine begrenzte Anzahl an Gesichtern täglich sehe, kein Internet und Fernsehen habe und nicht von Schriftzügen und Werbung umgeben bin, nehme ich die Informationen, die ich bekomme, viel besser auf. Ich schaue jedem Menschen, der mir begegnet, ins Gesicht, ich nehme die Natur mit ihren Gerüchen, Geräuschen, Farben und Formen viel tiefer wahr. Ich bin nach innen und außen viel offener, wachsamer. Wenn ich in einer Stadt bin, merke ich, wie ich erst eine gewisse Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit habe. Es sind zu viele Geräusche, Gesichter, Informationen, bis sich meine Sinne ein Stück weit verschließen und ich den normalen, schützenden „Tunnelblick“ entwickle. Zurück auf der Borie Noble höre ich erst wieder für einen Moment die Stille und atme in der unverschmutzten Luft tief durch.

Ab Januar waren wir hier nur eine kleinere Gruppe, weil keine Besucher kamen. Dadurch war es sehr ruhig und wir vier „longstagaire“ – Langzeitfreiwillige – sind ein eingespieltes Team geworden. Ich habe großes Glück, dass wir Freiwillige uns so gut verstehen, das ist wirklich wichtig, wenn man relativ isoliert in einer kleinen Gruppe lebt. Um Ostern herum setzte dann wieder mehr Trubel ein, es kamen mehr Freiwillige, außerdem meine und Rebeccas Familie, wir haben die Osterfeier vorbereitet und man konnte sich endlich wieder mehr draußen aufhalten.

Ostern wird hier einerseits sehr christlich begangen, andererseits wird auch als Ende des Winters gefeiert, das hier viel mehr Auswirkungen auf das ganze Leben hat als in der Stadt. Am Gründonnerstag gab es eine kleine Zeremonie zur Fußwaschung. Dabei hat jeder die Füße seines Nachbarn oder seiner Nachbarin gewaschen, es wurde gesungen, Texte gelesen und in der Runde Brot und Wein geteilt. Samstagabend war die eigentlich Osterzeremonie mit vielen Lieder und Texten, einem „Partage“ (ich habe dafür immer noch keine adäquate Übersetzung gefunden: im Rahmen eines kleinen Rituals teilt – wer will – seine Antwort auf eine persönliche Frage) zur Frage „Welche Saat möchte ich in mir aufgehen sehen?“ und einem Theater. Dieses zeigte die eher düsteren Persönlichkeiten der Ostergeschichte: Herodes, Pontius Pilatus, den Hohepriester – von mehreren engagées gut und interessant umgesetzt! Als kleine, positive Abschlussszene spielten die drei deutschen Eirene-Freiwilligen Lara, Rebecca und ich die Frauen, die das leere Grab finden und dem Engel begegnen. Das Proben – auf Französisch natürlich – und das Verkleiden als jüdische Frauen mit langen Röcken und großen weißen Tüchern um die Köpfe haben mit viel Spaß gemacht! Am Sonntag gab es dann Festessen mit Buffet, zu dem alle eingeladen waren, etwas beizutragen.

Allgemein habe ich Ostern tatsächlich viel mehr erlebt als in den Jahren zuvor. In denen habe ich zwar manche der Gottesdienste besucht und teilweise auch mitgestaltet, aber nie so gelebt und gefeiert wie hier. Die Freude und der Aufbruch, die von diesem Fest ausgehen – einerseits von christlicher Seite, andererseits das Ende des Winters – sind viel leichter zu erleben und greifbarer.

Inzwischen hat der Sommer Einzug gehalten, ich arbeite viel im Garten, ein Kalb wurde geboren… Bei meinen Arbeiten mache ich inzwischen genau das, was ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Die Hälfte der Zeit habe ich inzwischen feste, eher selbstständige Tätigkeiten: Einen Tag für die Gemeinschaft kochen, zwei Tage die Woche melken, meine Wäsche machen und seit Februar mit Rebecca zusammen die Hühner betreuen. Dafür muss ich sie füttern, ausmisten, die Eier einsammeln und kleine Reparaturen am Hühnerstall vornehmen, was mir alles viel Spaß macht. Mit den Hühnern haben wir auch endlich einen kleinen Sektor, in dem Rebecca und ich Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten können. Es ist zwar kein großer Aufgabenbereich, für mich aber trotzdem wichtig.

Die andere Hälfte meiner Woche helfe ich dort, wo es gebraucht wird, in den verschiedenen Sektoren mit. Im Moment bin ich viel im Garten, wo wir zum Beispiel vor ein paar Wochen mehrere tausend Zwiebeln gesteckt haben. Ich habe aber in letzter Zeit auch beispielsweise auf dem Bauernhof mit Kartoffeln gelegt, in der Bäckerei für eine große Lieferung Kuchen gebacken, den Kleiderfundus entrümpelt, Zimmer gekalkt, Holz für den Brennofen der Töpferei gemacht und vieles mehr …

Bei meiner Entsendeorganisation Eirene haben alle Freiwilligen in den Mitte ihres Dienstes ein Zwischenseminar, bei dem es darum geht, den Friedensdienst bisher zu reflektieren, eventuelle Probleme zu besprechen und zu überlegen, was man in den letzten Monaten noch erreichen oder ändern möchte. Ich hatte mein Seminar vor etwa einem Monat in der Nähe von Grenoble in einer anderen Arche nach Lanza del Vasto, St. Antoine. Dazu kamen alle Eirene-Freiwilligen aus Belgien und Frankreich, insgesamt 13. Im Programm, das wir viel selbst mitgestalten konnten, standen – neben dem oben schon Erwähnten –  beispielsweise auch der Terror in Frankreich und Belgien, unsere persönliche Entwicklung seit Dienstbeginn, Mitarbeit im Garten der Arche St. Antoine, Einzelgespräche mit meiner Betreuerin und mehr. Ich habe mich sehr gefreut, die anderen Freiwilligen von Eirene wiederzusehen und hatte großen Spaß in der Woche. Manche der Einheiten haben mir geholfen, verschiedene Aspekte meines Lebens auf der Borie Noble klarer zu sehen, und haben mir Ideen und Motivation mit in die letzten Monate gegeben. Das Seminar hat auch mein Gefühl verstärkt, von Eirene gut durch mein Auslandsjahr begleitet zu werden.

Für meine letzten dreieinhalb Monate auf der Borie Noble habe ich vor allem vor, den Sommer hier in Südfrankreich voll genießen, mich noch mehr im Garten zu engagieren und Pläne für nach dem Jahr zu machen. Ich weiß aber jetzt schon, dass ich die Lebensweise und die Natur hier sehr vermissen und traurig sein werde zu fahren.

Die Farben der Seele

In schöner kalligraphischer Handschrift las ich den Satz: „Mit der Zeit prägen deine Gedanken die Farben deiner Seele.“ Ein Satz, den man in Stille auf sich wirken lassen kann. Stille, Einsamkeit und eine nicht sehr ausgeprägte Kommunikationskultur bringen viele Gedanken hervor, die man nicht abstellen kann.

Als ich vor 16 Jahren das erste Mal der damals einzige Gast im Karmel in Wemding war und totale Stille vorfand, merkte ich, wie laut es in einem selbst sein kann, dass das Leben lautstark ohne Worte weiter pulsiert, bis man langsam leerer wird. Dieses Leererwerden hatte aber auch mit den täglichen Gesprächen mit der Mutter Oberin zu tun.

Hier nun, nach fast zwei Jahren mit viel Zeit in Abgeschiedenheit und einer stillen meditativen Arbeit in der Benediktinerabtei Tabgha, nimmt die Stille andere Züge an. Zum einen schätze ich die Zweisamkeit mit Gott und das “Bei sich selbst zu Hause sein“ mit Blick auf den See Genezareth sehr. Es ist so schön, dass ich es selbst nicht fassen kann. Zeit, in der sich ein bisschen Himmel in der Seele widerspiegelt. Desgleichen auch, wenn wir in einer Lesestunde die Spur Gottes in unserem Leben suchen, das Wort Gottes teilen oder in Gesprächen von Herz zu Herz reden.

Aber es gibt auch banale Anlässe, die andere Gedanken auslösen: Zuneigungen und Abneigungen, Rechtfertigungen, Fragen, Zukunftsängste. Wenn niemand zum klärenden Gespräch in Aussicht ist, bekommen die Gedanken ein Eigenleben und ziehen einen mit Kraft weg von sich selbst und von anderen. Schatten legen sich auf die Seele, die in den Augen zu lesen sind. Das ist natürlich und die Wege sind verschieden, wie man damit umgeht. Wenn es im Psalm heißt: „Herr, stelle eine Wache an meinen Mund …“, so können wir auch beten: Herr, stelle eine Wache an das Tor meiner Seele, dass ich dem Ankläger der Brüder und meiner selbst in den Gedanken nicht Raum gebe, denn Du bist Licht, Liebe und Weisheit und wohnst im Innersten meiner Seele.

Auf die Farben meiner Seele muss ich selbst achtgeben. Die Worte der Bergpredigt: „Richtet nicht und urteilt nicht“ sind ein gutes Hilfsmittel für eine helle Farbgebung. Aber auch das Miteinanderreden ist unabdingbar für ein glaubwürdiges Miteinander.

Bild: Blick vom Berg Arbel durchs  Taubental auf den See Genezareth. Foto: Andrea Krebs