Kategorie-Archiv: Alltag

Was würde Christus an meiner Stelle tun?

Wie häufig komme ich an einen Punkt, an dem ich nicht weiß, was ich machen soll: Wie der Person helfen, die mit einem Problem zu mir kommt, das mir zunächst unlösbar zu sein scheint? Welche Antwort auf eine Frage geben, die ich nicht im Griff habe? Wie um Entschuldigung oder um Verzeihung bitten im Falle eines Missverständnisses von mir, wie einen Ärger oder Zorn über eine Ungerechtigkeit zu überwinden…? Das sind nur einige der Situationen, die ich täglich erlebe. Und ich nehme an, dass es vielen von euch so ähnlich ergeht.

Stellt euch vor, da habe ich nun einen Schlüssel gefunden, der mir hilft: das Wort des chilenischen Jesuitenpaters Alberto Hurtado, der 1952 mit 51 Jahren gestorben ist, nachdem er Chile ein Leben lang mit seiner sozial-revolutionären Botschaft auf den Spuren Jesu aufgewühlt hatte. Bei allen Problemen, die auf ihn zukamen, fragte er immer: Was würde Christus an meiner Stelle tun?

Als ich vor fast 50 Jahren in Chile ankam, hörte ich von ihm reden. Die einen hielten ihn für einen kommunistischen Pfaffen und die anderen für einen Heiligen…Im Jahr 1995 wurde er selig und dann 2005 heilig gesprochen, so sehr verehrte ihn das Volk: San Alberto Hurtado.

Am 23. Oktober 2005 wurde P. Alberto Hurtado von Papst Benedikt XVI. heilig gesprochen. Foto: www.jesuitas.cl

Ich frage mich jetzt oft: Was würde Jesus, mein Meister, an meiner Stelle antworten oder tun? Dabei ist ja auch noch das WIE wichtig. Jeden Tag versuche ich, diesen Meister besser zu verstehen und bespitzle ihn, so gut ich kann. Dabei lache ich manchmal über mich und meine Schwächen. Ich weiß inzwischen ja auch, dass es dabei nicht um eine Nachahmung oder einen Abklatsch von Jesus geht, sondern in seinem Sinne und in seinem Geiste liebevoll kreativ zu denken und zu handeln. Vor allem, wenn die Bittsteller ungelegen kommen.

Liebe Freunde, ihr könnt euch vorstellen, wie dankbar ich immer bin für alle, die mir bei diesem Dienst in verschiedenster Form beistehen. Zu denen gehört ihr.

Bei manchen unserer Projekte fühle ich mich in die Anfänge der siebziger Jahre in Chile zurückversetzt. Die Zeit, in der die Siedler mit uns ihre Kindergärten aufgebaut und Geld gesammelt haben. Das ist in Chile heute kaum noch möglich. In dem installierten neoliberalen Wirtschaftssystem, in dem jeder kämpft, um selbst vorwärts zu kommen, im dauernden Konkurrenzkampf mit anderen, ist es für die Pobladores sehr schwer, sich zu organisieren, um ihre Probleme miteinander zu lösen. Dagegen ist das heute die Politik in Bolivien: dass sich alle beteiligen und wachsen in der Lösung ihrer Probleme. Der Staat unterstützt die Initiativen, die dem Allgemeinwohl dienen. Höchstes Ziel des bolivianischen Grundgesetzes ist: „Ein gutes Leben für alle Bolivianer“, Arm und Reich. Ein gutes Leben für alle Menschen zu erreichen. Ich bin mir sicher, dass dies der Traum Gottes für die Menschheit ist. Dafür war Jesus bereit, alles aufs Spiel zu setzen und sein Leben zu geben.

Ein selbstgemachtes Wunder

Der Ort Barhanpur in Indien litt jahrelang unter einer schweren Dürre. Doch das Dorf löste die Situation aus eigener Kraft. Ein Modell, dem viele Kommunen des Subkontinents angesichts des Klimawandels folgen könnten.

Den Tag, als der Regen wieder fiel und das Wasser aus den Pumpen sprudelte, wird Nitin Laxman Kajabe nie vergessen. Es war der Tag, an dem eines der wildesten Feste begann, die man im Dorf Barhanpur je gefeiert hatte. Kajabe schmückte sein Haus mit bunten Lichtern, und seine Mutter bereitete ein Festmahl vor. Seine Freunde tanzten auf den Straßen, und während die Männer und Frauen im Ort satt und müde einschliefen, wurde ihnen bewusst, dass sie am nächsten Tag mit weniger Sorgen aufwachen würden.

Barhanpur: Fast alle leben von der Landwirtschaft

Barhanpur ist ein kleines Dorf im westindischen Bundesstaat Maharashtra. 1.000 Menschen wohnen hier, fast alle leben von der Landwirtschaft. Auf den ersten Blick sieht Barhanpur aus wie eine ganz normale indische Ortschaft: Die reicheren Bauern leben in Hütten aus Stein, die ärmeren in Wellblechhäusern. Auf den ungeteerten Straßen suchen ein paar Ziegen nach Futter. Kehren die Männer abends von den Feldern heim, spielen sie in der roten Abendsonne gerne Karten.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes Barhanpur passen ihre Landwirtschaft an den Klimawandel an und machen sie widerstandsfähiger für Dürreperioden. Foto: Florian Kopp/MISEREOR

Aber: Das unscheinbare Barhanpur könnte zu einem Vorbild für tausende andere Dörfer in Indien werden. Denn wer hierhin kommt, sieht und hört, wie man sich auf dem Land effektiv auf die wohl größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte vorbereiten kann: den Klimawandel. Der Besucher lernt, was eine Dorfgemeinschaft gemeinsam erreichen kann, wenn sie an einem Strang zieht. Wenn ein selbstgemachtes Wunder das Leben eines ganzen Dorfes verändert.

Plötzlich blieb der Regen aus

Um die Geschichte zu erzählen, lädt Kajabe, 23, in sein bescheidenes Häuschen ein. Nur wenig Tageslicht dringt dort hinein, dafür bleibt die sengende Hitze draußen. Es war im Jahr 2013, als der Regen zur Monsunzeit ausblieb. In weiten Teilen Indiens kam es zu einer schweren Dürre, die drei Jahre andauern sollte. Hunderte Menschen starben in der Hitzewelle, aus Verzweiflung nahmen sich allein im Bundesstaat Maharashtra fast 10.000 Bauern das Leben. Die überforderte Regierung schickte Züge mit Wassertanks in die betroffenen Gebiete – doch längst nicht alle Dörfer erhielten ausreichend Unterstützung.

Auch in Barhanpur war die Versorgungslage schlecht. Kam ein Lkw mit einem Wassertank ins Dorf, prügelten sich die Bewohner um einen guten Platz in der Warteschlange. Morgens, noch bevor die Sonne aufging, machten sich die Frauen des Dorfes auf den Weg zur nächsten Quelle.

Doch das bisschen Wasser, das sie Stunden später nach Hause schleppten, reichte längst nicht aus – schon gar nicht für ihre Landwirtschaft. Es war die Zeit, in der Barhanpur nur noch als das „Kein-Wasser-Dorf“ in der Region bekannt war.

Kein Wasser, keine Landwirtschaft, keine Jobs, keine Hochzeit

„Praktisch alle Felder lagen brach”, erinnert sich der Bauer, „wir konnten überhaupt nichts mehr anbauen.” Stattdessen mussten er und die anderen Landwirte sich als Tagelöhner auf Baustellen in den Millionenstädten Pune und Aurangabad durchschlagen. Sie schliefen in aus Lumpen zusammengezimmerten Zelten. Wenn es ihnen zu heiß oder stickig wurde, legten sie sich ins Freie.

Doch noch eine weitere Sorge plagte Kajabes Familie: Seine Eltern fanden einfach keine Ehefrau

für ihren Sohn. Genauso, wie viele andere Familien im Dorf. In Indien wird auch heute noch die Mehrzahl der Ehen arrangiert; einer möglichen Hochzeit gehen zunächst Gespräche der Eltern voraus. Die Kajabes empfingen Familien aus anderen Dörfern mit Tee und Gebäck, doch alle Gespräche scheiterten. „Niemand wollte, dass seine Tochter jeden Tag so viel Wasser von so weit her schleppen muss, wenn im eigenen Dorf zu wenig davon da ist”, sagt Kajabes Mutter, Shama Laxman. Kein Wasser, keine Hochzeit.

Der Klimawandel ist deutlich spürbar in Indien

In Indien ist gut zu beobachten, dass sich wegen des Klimawandels die landwirtschaftlichen Anbauzeiten verändern, Regen häufiger ausbleibt und Perioden mit starker Hitze zunehmen. Eine Studie der Universität Berkeley hat 2017 den Zusammenhang zwischen Klimawandelfolgen und der Selbstmordrate indischer Bauern festgestellt: So soll die Klimaerwärmung in den vergangenen 30 Jahren fast 60.000 verzweifelte indische Bauern in den Suizid getrieben haben.

Die Anpassung an den Klimawandel muss jetzt beginnen. Doch auf Hilfe vom Staat könnten die Bauern in Indien kaum hoffen, sagt der Dorfvorsteher von Barhanpur, Balasaheb Yadav. Spricht man ihn auf die Hilfe durch Behörden an, zeigt er auf den Boden. „Der Weg, auf dem wir gerade stehen, müsste laut staatlichen Beschlüssen und Dokumenten schon zweimal geteert sein”, sagt er. Doch wegen Korruption und Vetternwirtschaft sei es eben immer noch ein unbefestigter Feldweg.

Probleme eigenständig lösen

In der Zeit der Not wuchs daher in Barhanpur die Überzeugung, selbst handeln zu müssen. Dafür nahm Ortsvorsteher Yadav im Herbst 2015 Kontakt mit Sozialarbeitern der Caritas Indien auf, einer Partnerorganisation des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR. Die Caritas Indien unterstützt im Rahmen des Projekts JEEVAN – People Led Empowerment (PLE) – Dorfgemeinschaften dabei, Probleme möglichst eigenständig zu lösen. „Jeevan” ist Hindi und bedeutet auf Deutsch „Leben“, People-Led Empowerment heißt übersetzt: „Die Bürger ermächtigen sich selbst.”

So brachten Mitarbeiter der Caritas zunächst rund ein Dutzend Dorfbewohner mit dem Bus zu einem Lehrgang in das Dorf Hiware Bazar, das in ganz Indien für sein Wasserspeichersystem bekannt ist. Die Sozialarbeiter stellten zudem Kontakt zu Ingenieuren und Experten her. Gemeinsam entwickelten sie erste Zeichnungen des neuen Barhanpur.

Im Januar 2016 trafen sich die Bauern am kleinen Tempel in der Mitte des Dorfes. Manche der Bewohner hatten Bedenken, doch Yadav hielt – so berichtet er später – die für ihn wichtigste Rede seines Lebens: Er spricht davon, wie wichtig Gemeinschaftssinn ist, dass sie hart werden arbeiten müssen, aber dass letztendlich das ganze Dorf gewinnen werde. Bei der Abstimmung heben 40 Männer die Hand, die mitmachen wollen. „Das hat mir gereicht“, sagt Yadav. „Ich wusste, die anderen würden nachziehen.“

Gemeinsam Anpacken – Frauen wie Männer

Nur wenig später beginnen die Arbeiten: Als die ersten Gräben tatsächlich gezogen sind, schließen sich immer mehr Dorfbewohner an. „Zum Schluss hat das ganze Dorf angepackt”, sagt Yadav. Selbst in der Nacht schufteten die Dorfbewohner. Die Männer schaufelten, die Frauen trugen die Erde in großen Körben auf ihren Köpfen davon und sorgten für Verpflegung.

Um die großen Steine transportieren zu können, legten die Bauern ihre Ersparnisse zusammen und mieteten ein paar größere Maschinen. Die Caritas Indien half dabei, weitere Sponsoren zu finden. Sieben Bauern spendeten außerdem Land für die Anlagen. Ganze 37 Gräben standen nur fünf Monate später bereit, Regenwasser aufzufangen und in die Brunnen der Bauern zu leiten – und das System funktionierte.

Das Wasser brachte viele Veränderungen

Seitdem das Wasser reichlich aus den Pumpen fließt, hat sich viel geändert im Dorf: Während sich Bauern früher mit einer Ernte zufrieden geben mussten, können sie heute zweimal pro Jahr Feldfrüchte einbringen. Selbst Weizen, der besonders viel Wasser verbraucht, wird mittlerweile rund um Barhanpur angebaut.

Und auch privat hat sich für Bauer Kajabe vieles zum Besseren gewendet. Neben ihm sitzt seine Frau Rajeshvari Nitin, auf ihrem Schoß die kleine Ringu Ninge Kisbye, die vor acht Monaten geboren wurde. Die 21-Jährige holt ein dickes Buch hervor – ihr Hochzeitsalbum. Als ihre Eltern gesehen hätten, dass sich im Dorf etwas tut, hätten sie einer Ehe zugestimmt, sagt sie. „Ich bin heute besser mit Wasser versorgt als in meinem alten Dorf.”

Privat schmieden die beiden längst neue Pläne: Rajeshvari Nitin will Lehrerin werden. Abends, wenn das Kind schläft, sitzt sie für einen College-Abschluss über Hindi- und Englischbüchern. Zweimal fährt sie dafür jede Woche zu Kursen in die Großstadt Aurangabad. „Wäre die Wassersituation noch immer so schlecht wie früher, hätte ich diese Möglichkeit nicht“, sagt sie. „Dann wäre ich damit beschäftigt, ständig Wasser zu holen.”

Auch im Dorf hat man sich neue Ziele gesteckt – das sieht, hört und spürt man, wenn man eine der Dorfversammlungen besucht, die nun regelmäßig stattfinden. Sie ist zur festen Institution in Barhanpur geworden. Bürgermeister Yadav erläutert bereits seine neuen Ideen: Eine Kanalisation soll verhindern, dass die Abwässer im Dorf stehen. Zudem soll der Weg zur nahegelegenen Landstraße endlich geteert werden. Dafür will er zwar auch Geld vom Staat beantragen, aber er fordert die Bewohner auf, selbst mit anzupacken. Jeder der anwesenden Männer hebt bei der Abstimmung die Hand.

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Geteiltes Leid ist halbes Leid – Mitleiden ist besser als Mitleid

In meinem missionarischen Leben habe ich oft das Wort „Mitleid“ gehört, aber auch viel wahrhaftiges und manchmal auch ohnmächtiges Mitleiden erfahren. Mitleid ist eine schnelle und recht menschliche Reaktion. Mitleiden geht tiefer und fordert den „ganzen“ Menschen. In diesem Zusammenhang ist mir klargeworden, dass zum „Leben in Fülle“ auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mitleiden gehören.

Gelingendes Leben wird uns nicht nur in der Werbung vorgespielt, sondern ein jeder und eine jede von uns hat eine konkrete Vorstellung davon. Das ist: Wohlstand, langes, genussvolles und schönes Leben ohne Schmerz und Leid, Friede und Frohsein und vieles mehr. Auch für Christen ist gelingendes Leben eines der Versprechen Jesu. Mit den Worten: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10) stellt Jesus den zentralen Kern seiner Heil schaffenden Botschaft vor. Dies ist ein Satz in der Bibel, der Hoffnung aufkeimen lässt und gleichzeitig, insbesondere in unserer Zeit, missverstanden werden kann. Denn das Leben im Überfluss ist nicht notwendigerweise ein Leben in Fülle.

Ich gehe davon aus, dass Jesus selbst mit seinem Leben diesen Satz verkörpert hat. Ein Leben in Fülle zu versprechen und es selber nicht zu verwirklichen wäre ja seltsam? Wenn wir aber auf das Leben Jesu schauen, dann stellen wir fest und wissen, dass sein Leben alles andere als ein Sommernachtstraum war. Es war ein Leben der Hingabe, des Mitfühlens und des Mitleidens. Wir nennen ihn auch den guten Hirten, der sich empathisch der Menschen annimmt und sich selbstlos ihnen hingibt. Sehe ich auf das Kreuz – in meinem Zimmer oder in einer Kirche – dann spüre ich, dass Jesus für mich und meine Sünden leidet, aber viel mehr sehe ich im Kreuz die Botschaft der Nachfolge, nämlich so zu werden wie er ist. Was heißt dann Leben in Fülle?

Kreuzweg in Kariobangi (Elendsviertel von Nairobi) – Oben: 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen; unten: medizinische Caritas. Foto: hans Eigner

Zur Fülle des Lebens gehören offensichtlich eine grenzüberschreitende Liebe, eine Fähigkeit und Bereitschaft zur Hingabe und eine Beziehung schaffende Empathie. Also eine Fähigkeit zum Mitleiden im guten Sinn (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Geteiltes Leid ist halbes Leid sagt das Sprichwort. Geteilte Freud ist doppelte Freud.

Nur schade, dass wir oft an uns selber leiden und so nicht viel „Mit-Leidens-Kapazität“ für den oder die andere bleibt. Das blockiert uns und notwendende Hilfe geschieht nicht. Außerdem erleben wir nur selten das Glück des „Lebens in Fülle“. Victor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat Hingabe und Lebenssinn unmittelbar in Beziehung gesetzt. Die Welt wird besser, wenn wir weniger an uns selber leiden, sondern mit der Not und den Schicksalen anderer mitleiden. Ein „Leben in Fülle“ stellt sich dann als Freude ein und wir erfüllen die erste Christenpflicht, nämlich: glücklich zu sein.

Brasilien: Krise, Hoffnung und Nächstenliebe

“Verständen wir den Wert und die Würde der Nächstenliebe, wir würden uns auf nichts anderes mehr verlegen”. (Teresa von Avila)

In Brasilien ist Hochsommer und Regenzeit mit Temperaturen zwischen 35°C und 40°C bei uns in Mato Grosso. Um die Jahreswende werden viele Aktionen für die Menschen in den Armenvierteln organisiert. Der Glaube und das Vertrauen in Gott sind Grund zur Freude und Hoffnung trotz der größten Krise und den vielen Probleme, die Brasilien erschütern.

Brasilien steckt seit drei Jahren in einer seiner größten Krisen mit Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Millionen Menschen wurden in die Armut geworfen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40%, jeder zweite Studienabgänger findet keinen Job. Im Jahre 2016 fielen 3,6 Millionen Brasilianer in die extreme Armut und erhöhten die Gesamtzahl auf 22 Millionen. Die hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut sind verantwortlich für eine zunehmende Auswanderung von Jugendlichen in die USA, Kanada, Australien und Europa.

Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich und Brasilien, einst 6. Wirtschaftsnation der Welt, ruchte auf Platz 9 ab. Das monatliche Durschschnittseinkommen fiel um 2,5% und betrug im vergangenem Jahr R$ 1.976,00 (umgerechnet 560 Euro). Die ungleiche Verteilung des Einkommens hat zugenommen, 71.000 Brasilianer verfügen über 22% des Gesamteinkommens bzw. die reichsten 5% der Bevölkerung besitzen 28% des Gesamteinkommens. Auf Grund der zunehmenden Armut haben auch Gewalt und Kriminalitäat extrem zugenommen. Mehr als 60.000 Menschen wurden 2016 ermordet. Brasilien ist gefährlicher als Regionen mit Krieg und Terrorismus. In Rio de Janeiro haben die Behörden die Kontrolle verloren und stark bewaffnete kriminelle Drogenbanden liefern sich fast täglich schwere Gefechte. Fast 100 Polizisten wurden bereits ermordet. Schwerbewaffnete Militärs unterstützen die Polizei im täglichen Kampf gegen die Drogenbanden.

Eine Anakonda überquert die Straße – nicht die größte Gefahr in Brasilien. Foto: Manfred Göbel

Verantwortlich für das Chaos ist die genzenlose Korruption, die alle Bereiche erfasst (Parlament, Regierung, Justiz, Polizei und Unternehmer). Ein junger mutiger Richter und ein paar junge Staatsanwälte kämpfen gegen die Korruption mit einigen Erfolgen, doch wie lange? Das Chaos hat auch die öffentlichen Dienste erreicht, die Komunen, Länder und Bund sind pleite. Folgen sind schlecht funktionierende Gesundheitsdienste, Schulen, Universitäten, Sicherheit. Viele Krankenhäuser leiden unter Materialmangel, einige schließen.

Doch die jüngst veröffentlichen Zahlen zur Inflation (2,46% gegenüber 10,71% in 2016) und Leitzins (7% gegenüber 14,24% in 2016) und die Prognose eines Wirtschaftswachstum von 0,5% sowie eines leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahl lassen auf ein Ende der Rezession hoffen. Die politische Lage bleibt jedoch instabil mit einem Präsidenten, der wegen Korruption durch den Generalbundesanwalt angeklagt ist, und einem Parlament, in dem mehr als 40% der Abgeordneten in Korruptionskandale verwickelt sind.

Unsere Welt scheint auch aus den Fugen geraten zu sein. Die Konflikte nehmen zu, man versteht sich nicht mehr. Die Liebe und der Frieden werden von Hass und Krieg verdrängt. Wie konnte es so weit kommen? Die Intelligenz arbeitet ohne das Herz, doch nur wenn beide zusammenarbeiten, hat die Liebe eine Chance. “Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Die Liebe hört niemals auf”.(1 Kor 13,1-13).

Buch über Pater Nazareno

Kürzlich wurde eine Biografie des Märtyrers Pater Nazareno Lanciotti in Jauru vorgestellt. Er war italienischer Priester aus Rom und ein sehr guter Freund. Es nahmen ca. 4.000 Menschen an der Buchvorstellung teil (Stadt- und Landkreis haben nur 9.000 Einwohner), darunter auch der Bischof, Bürgermeister, Stadträte und Landtagsabgeordnete. Ich wurde als Vertreter der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und als Freund von Pater Nazareno eingeladen und hielt auch eine Ansprache.

Buchvorstellung in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Pater Nazareno wurde am 11. Februar 2001 beim Abendessen im Pfarrhaus in Anwesenheit von zehn Personen, darunter zwei Ärzte, ein italienischer Enwticklungshelfer und einige Jugendliche, von zwei maskierten und bewaffneten Banditen niedergeschossen. Am 22. Februar 2001 starb er nach einem schmerzvollen Leiden. Am 8. Februar aßen wir beide noch zu Abend in Cuiaba und ich hätte auch am 11. Februar in Jauru sein sollen, verschob jedoch die Reise um einen Tag. Er wollte mit mir und den Ärzten über die Verbesserung des Gesundheitsdienstes und Leprakontrolle sprechen. Jauru hat eine sehr hohe Leprarate (240 Leprakranke/100.000 Einwohner).

Kirche in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Bischof Dom Jose von der Diözese Caceres erwähnte in seiner Ansprache das soziale und spirituelle Engagement von Pater Nazareno, das viele störte und Motiv für seinen Tod war. Der Bischof ist auch ein begeisteter Verfechter der Lepraarbeit der DAHW. Seine Diözese liegt im Grenzgebiet zu Bolivien mit hoher Leprarate. Jauru liegt rund 400 km westlich von Cuiaba. Das Buch von Pater Nazareno gibt es in italienischer und portugiesischer Version, und wurde vor zwei Jahren vom italienischen Schriftsteller Ivaldo Riva in Italien veröffentlicht.

DAHW Brasilien

Die DAHW, für die ich seit 1979 in Brasilien tätig bin, hat ein Büro in der Stadt Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais eröffnet, das von Dr. Reinaldo Bechler geleitet wird. Er tritt meine Nachfolge an, da ich ab Januar 2019 in Rente gehe. Im kommenden Herbst bin ich in Deutschland und werde auch in Absprache mit der DAHW einige Gruppen besuchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die unsere Arbeit unterstützen und Gottes Segen für 2018.

(Auszug aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung

Mit den Jahren, so stelle ich fest, gestaltet sich meine religiöse Wahrnehmung und gerade an Weihnachten wird mir deutlich, wie schön und hilfreich unser Glaube ist. Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. So zeigt Gott wie wichtig wir ihm sind und so will er das Göttliche in uns zur Geltung bringen. Das sind die Güte, die Freundlichkeit, die Barmherzigkeit, die Versöhnungsbereitschaft, die Liebe und so vieles mehr. Diese Werte sind wie ein Leitfaden für unser Leben.

Bei alledem weiß ich natürlich nur zu gut, dass in dieser Welt elend viel gelitten wird. Menschen hungern und werden erniedrigt. Sie sind Kriegen, der Brutalität und der Verachtung ausgesetzt. Kinder werden geboren und sterben bald darauf. Auch im Privaten, in den Familien, in den Altersheimen wird viel gelitten und oft kommen Menschen an ihre Grenzen. Aus diesem Grund können wir manchmal an keinen Gott (mehr) glauben und fragen: „Wo ist Gott? Warum greift er nicht ein?“. Hinter dieser Frage versteckt sich aber, dass wir einen allmächtigen Gott wollen. Einen, der eingreift. Natürlich so, wie wir es gerne hätten.

Dabei kommt Gott uns in einem Stall entgegen. Ohnmächtig auf dem ersten Blick. Zwischen Ochs und Esel kommt er in einer kalten Krippe zur Welt. Seine Botschaft ist: Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung. Er leidet mit einem jeden Menschen mit und seine Menschenfreundlichkeit steckt an. Er zeigt eine tiefe Ehrfurcht vor jedem Leben und sagt: „Was du einem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast Du mir getan“. Jesus lebt uns vor, was wirkliches Menschsein ist. Indem wir seinem Beispiel folgen, bekommt unser Leben einen Sinn. Aus diesem Grund haben wir alle, wenn wir ihn ernst nehmen, seit seiner Geburt eine Mission: Nämlich mitzuwirken, dass jeder Mensch auf dieser Erde ein Mensch sein oder werden kann. Der Kranke, der Alte, der Flüchtling, der Hungernde und, und, und…. Gott will durch uns wirken. Das ist das Geheimnis und macht einen jeden und jede von uns zum Bringer des Heils. In Anlehnung an ein Gebet von Albert Schweitzer könnte man (theologisch wohl nicht ganz richtig) sagen: „Gott verändert nicht die Welt. Gott verändert Menschen und Menschen verändern die Welt“.