Kategorie-Archiv: Alltag

Quo vadis, Catalunya? Quo vadis, España?

Vor meinem Balkon ziehen Hunderte Demonstranten vorbei. „Demokratie“, „Freiheit für Katalonien“ steht auf ihren Bannern und rufen sie dem über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber entgegen. Die Menschenmassen ziehen auf mehreren Straßen in Richtung Plaça Universitat (300 Meter von meiner Wohnung entfernt), wo sich inzwischen Tausende eingefunden haben müssen.

Wo führt das hin? In ganz Katalonien wurde Generalstreik ausgerufen. Letzte Woche, noch vor dem Referendum, wurde er schon angekündigt. Er sollte sich vor allem gegen die zentralistische Regierung Spaniens wenden und dem Verlangen der Katalanen nach mehr autonomer Selbstverwaltung Nachdruck verleihen. Gestern Abend aber, einen Tag nach dem verheerenden, gewalttätigen Vorgehen der Nationalpolizei gegen Wähler (es gab an die 900 Verletzte), hieß es in den Meldungen immer öfter, der Streik soll nun eine Kundgebung gegen die Gewaltausschreitungen sein. Immer mehr Institutionen haben die Gewalt im Zusammenhang mit dem Referendum der Katalanen am Sonntag öffentlich verurteilt. Auch kirchliche Institutionen, mehrere Bischöfe Kataloniens, sowie die Äbte der beiden bedeutendsten katalanischen Klöster Montserrat und Poblet.

Madrid hat den Bogen überspannt. Natürlich stand das Referendum auf nicht-legalem Boden. Das spanische Verfassungsgericht hat es mit mehreren Urteilen verboten. Aber kann man einem inzwischen derart starken Interesse des größten Teils der katalanischen Bevölkerung nur mit brutaler Gewalt begegnen? Hat man in dem Konflikt zwischen Katalonien und Spanien inzwischen jeden gesunden Menschenverstand und Dialogbereitschaft verloren? Gesellschaftliches Leben funktioniert doch nur im Dialog, im Diskutieren, aufeinander Hören und sich miteinander Auseinandersetzen. Gäbe uns die Demokratie nicht eine Menge Werkzeug in die Hand, miteinander einen gerechten Staat und eine gerechte Gesellschaft zu schaffen?

Wir Mitglieder der beiden deutschsprachigen Kirchengemeinden in Barcelona konnten in den letzten Tagen schöne, aufbauende und bereichernde Tage erleben – nicht nur wir Deutschen in Barcelona unter uns, sondern auch mit den Katalanen und Spaniern vor Ort, und mit Gästen aus dem Ausland. Am Freitag kam die Blaskapelle „EI g’spuit“ der Musikschule Eichstätt nach Barcelona gereist. 37 Musikerinnen und Musiker, Trachtlerinnen und Trachtler. Genau vor einem Jahr traten sie schon beim traditionellen Oktoberfest der deutschen Gemeinde auf. Es war ein voller Erfolg. Der Besuch demonstrierte, wie bereichernd es sein kann, wenn verschiedene Kulturen sich begegnen. Das hat sich in Barcelona rumgesprochen. Valldoreix, eine Vorstadtgemeinde von Barcelona, hat deshalb die Blaskapelle zu ihrem traditionellen Straßenfest am Samstag auch eingeladen. Und am Sonntag war dann wieder das ökumenische Oktoberfest in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Das Fest begann mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Erntedankfest, das von der Blaskapelle und dem gemeindeübergreifenden Kirchenchor gestaltet wurde. Danach gab es im herrlichen Gemeindegarten Weißwürste, Schweinsbraten, Kartoffelsalat, genauso wie katalanische Butifarra und spanische Tortilla. Trotz anfänglichem Regen war der Garten voll mit Gemeindemitgliedern, Freunden und Gästen.

Blaskapelle „EI g spuit“ in barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Das Tor der Gemeinde stand weit offen. So konnten wir auch sehen, was sich vor der Kirchenmauer abspielte: Gegenüber der evangelischen Gemeinde ist ein Stadtteiltreff, das von 9 bis 20 Uhr als Wahllokal für das „verbotene“ Referendum diente. Hunderte von Menschen hielten sich den ganzen Tag vor dem Wahllokal auf. Sie verteidigten das Lokal vor möglichen Einschreiten der Guardia Civil oder der Policía Nacional. Diese dachten – in unserem Fall – aber Gott sei Dank nicht daran. Nur zwei bis drei Polizisten schoben vor der Menschenmenge Dienst. Sie beobachteten in aller Ruhe das Geschehen und unterhielten sich mit Passanten. Es war den ganzen Tag völlig friedlich. Helfer von der Gemeinde brachten den Polizisten Kaffee und Kuchen. Katalanische Wähler und Bürger kamen auf unser Fest und erfreuten sich an den deutschen und bayerischen Köstlichkeiten.

Wir durften am Sonntag einen Tag der Begegnung und der Freude erleben. Natürlich war die „causa catalana“ Thema Nummer Eins. Und auch unter den Deutschsprachigen gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Gegensätzliche Positionen werden heiß miteinander diskutiert. Auch unter den „Deutschen“ verlaufen die Gespräche oft mehr auf der emotionalen als auf der rationalen Ebene. Aber es wird diskutiert, engagiert und mit Leidenschaft. Auch mit den Katalanen und Spaniern auf der Straße. Und das ist gut, finde ich. Nur so kommen wir zusammen, lernen uns gegenseitig kennen und vielleicht auch verstehen. Nur so können wir vielleicht einen möglichen, einen für alle gerechten Weg in die Zukunft finden. Bleibt nur zu hoffen, dass endlich auch die spanische Nationalregierung und die katalanische Autonomieregierung anfangen wirklich miteinander zu sprechen und zu verhandeln. Dass es endlich wieder um die Menschen und das Allgemeinwohl geht, und nicht allein um Macht und Autorität. Was ich diese Tage in Barcelona erlebe, macht mir Sorgen. Es könnte sehr schlimm ausgehen. Es macht mir aber auch Hoffnung. Ich vertraue auf die Vernunft der Menschen. Es könnte etwas großartiges Neues entstehen. Und ich bete darum.

„Ein Missionar geht nicht in Pension“

Comboni-Missionar Josef Gerner ist seit 1996 in Uganda tätig. Sein erster Einsatz in dem ostafrikanischen Land hatte er bereits von 1971 bis 1976. Anschießend arbeitete er bis 1986 in Kenia. Es folgten Stationen in Innsbruck und Bamberg. Derzeit ist Die Diözese Eichstätt hat bereits mehrere seiner Projekte in Uganda unterstützt hat.

Trotz seiner 82 Jahre ist Pater Josef Gerner MCCJ in Uganda noch immer unverzichtbar. Insgesamt ist der dort schon 26 Jahre aktiv. Kaum einer kennt Ostafrika so gut wie er.

Der gebürtige Meckenhausener pflegt zwar intensiv die Verbindungen in die Heimat, dennoch kann er es sich nur schwer vorstellen, nicht in Uganda zu wirken. Das Land und die Leute sind ihm ans Herz gewachsen. Im Video-Interview sagt er: „Ein Missionar geht nicht in Pension“.


Im Heimaturlaub berichtet er den Verantwortlichen im Referat Weltkirche über seine Aktivitäten und die nächsten anstehenden Projekte. Dazu gehört der Bau eines neuen Pfarrhauses für seine neue Pfarrei, in der er neben einem einheimischen Priester die pastorale Verantwortung trägt und sich sehr darum bemüht, die Grundlagen für eine gute Entwicklung der Pfarrei zu legen.

Zuletzt erhielt er 2012 und 2014 für den Bau von Kirchen aus Eichstätt Zuschüsse über 15.000 €. Die Gebäude sind für ihn aber nur die notwendige Infrastruktur, um die frohe Botschaft unseres christlichen Glaubens den Menschen zu verkünden, die nach den schweren Jahren des Bürgerkrieges nach Orientierung für sich und ihre Kinder suchen.

Barcelona nach dem Attentat: „Verleih uns Frieden, Herr“

Der Chorgesang geht unter die Haut. „Da pacem dominum – Verleih uns Frieden, Herr“ in der Vertonung von Arvo Pärt. Die Diakone richten für die Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein auf den Altar. Erzbischof Kardinal Joan Josep Omella hat am dritten Tag nach dem Terror-Anschlag auf der berühmten Flaniermeile Las Ramblas von Barcelona in die Basilika Sagrada Familia zu einem Gottesdienst für den Frieden eingeladen. Der weltberühmte Sühnetempel von Antoni Gaudi war gedrängt voll. Alle politischen Vertreter Spaniens, Kataloniens und der Stadt Barcelona – egal welcher politischen Ausrichtung – waren gekommen. Auch das spanische Königspaar und der portugiesische Staatspräsident. Mit rund 50 Bischöfen und Priestern sitze ich im Altarraum. In einer fast nicht mehr überbietbaren Eindringlichkeit legen wir unser flehentliches Bitten auf den Altar: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.“

Was können wir tun, im Angesicht solch einer Tragödie? Über 600 Meter fuhr der Terrorist gezielt im Zick-Zack-Kurs mitten in die Menschenmenge und riss 15 Passanten grausam in den Tod, mehr als 100 Menschen erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Geschockt hält die ganze Welt den Atem an. Nach den unbegreiflichen Attentaten in Paris, London, Nizza, Brüssel und Berlin nun jetzt auch in der Touristen-Hochburg Barcelona derselbe unmenschliche Angriff auf die Menschheit. Auch wenn man es schon längst befürchtet hat, hat doch jeder gehofft, dass es nicht eintreffen würde. Der internationale Terror kennt keine Grenzen mehr. Und vor allem völlig Unschuldige sollen anscheinend getroffen werden, damit die Welt im Innersten getroffen und aus ihren Angeln gehoben wird.

Was suchen diese Gewalttäter – zum Teil noch nicht mal erwachsen – die immer ungehemmter Waffen auf andere richten? Was wollen sie erreichen? Was geht ihnen ab in ihrem Leben? Was ist die Ursache ihrer blinden Wut und ihres grenzenlosen Hasses? Wollen sie nicht auch leben? Meinen sie mit diesem Blutvergießen sich und der Welt Leben zu geben? Indem sie anderen, völlig Unschuldigen, das Leben grausam entreißen?

Ich weiß es nicht. Niemand gibt mir und der Welt darauf eine Antwort – nicht einmal mein Glaube. Die einzige Antwort, die gegeben werden kann, ist die Antwort, die die Barcelonesen gaben: zu helfen. Beizustehen, aufzuhelfen, zu halten, zu trösten, mitzutrauern, in den Arm zu nehmen. Dem Verletzten und Trauernden zu zeigen, Du bist nicht allein, ich bin bei Dir.

Und, auch unser Gott reagiert auf die Grausamkeiten der Welt mit derselben Antwort: Er fährt nicht mal schnell gewaltig drein, vernichtet die Terroristen und erstickt kurzerhand alles Böse im Keim. Gott ist einfach da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. An der Seite der Verwundeten, Getöteten und Trauernden. Einer von ihnen, von uns.

Deshalb legen wir all unser Hoffen auf Frieden in seine Hand:

Da pacem, Domine, / in diebus nostris, / quia non est alius / qui pugnet pro nobis, / nisi tu Deus noster. – Verleih uns Frieden gnädiglich, / Herr Gott, zu unsern Zeiten. / Es ist doch ja kein andrer nicht, / der für uns könnte streiten, / denn du, unser Gott, alleine.

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„Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“

Rückblick auf die Caritas-Asylberatung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eichstätt

Gut 2.650 Asylbewerbern aus 26 Nationen hat die Caritas in der Dependance der Erstaufnahme-einrichtung im Gebäude der früheren Realschule Maria Ward am Residenzplatz in Eichstätt geholfen. Drei Mitarbeitende der Kreisstelle Eichstätt haben seit November 2014 über 1.660 Männer und fast 300 Frauen – meistens in mehreren Gesprächen jeweils – direkt beraten. Viele von ihnen lebten mit Kindern in der Unterkunft, die Ende Juli geschlossen wird. Soweit die Zahlen von Eva Dengler. Sie ist seit Ende 2016 – als die Schließung bereits absehbar war – als einzige Caritasberaterin in der Unterkunft verblieben.

Die Lebensgeschichten hinter den Zahlen sind für die Sozialpädagogin allerdings prägender: „Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“, bringt die Eichstätterin ihre Erfahrungen auf den Punkt. Dazu zählen ebenso Erlebnisse von Menschen, die ihr bei der Beratung vom Tod eines Angehörigen am Vortag im Boot auf dem Mittelmeer berichteten, wie Ängste von Afghanen vor Ablehnungen und Abschiebungen.

Menschen aus Afghanistan waren Eva Dengler zufolge im vergangenen Jahr mit Abstand die am meisten beratene Bevölkerungsgruppe in der Erstaufnahmeeinrichtung. „Ihre Furcht davor, in ein Land voller Gewalt abgeschoben zu werden, war auch bei uns ständig spürbar“, so Eva Dengler. Hier ähneln die Erfahrungen der Caritas-Mitarbeitenden in dieser Unterkunft denen ihrer Kolleginnen und Kollegen der dezentralen Asylberatung. Diese hatten dazu geführt, dass sich der Caritasverband Eichstätt im März mit einer öffentlichen Stellungnahme dafür aussprach, zumindest derzeit keine afghanischen Asylsuchenden abzuschieben. Darin sehen sich die Eichstätter Verantwortlichen nun durch eine aktuelle Warnmeldung des Deutschen Caritasverbandes bestätigt: „Afghanistan ist ein Land, in dem von Monat zu Monat die Zahl der toten und verletzten Zivilisten auf ein neues Rekordniveau steigt. Abschiebungen setzen die Menschen unüberschaubaren Risiken aus und sind deshalb nicht zu verantworten“, teilte Caritas-Präsident Dr. Peter Neher vergangene Woche mit.

„Natürlich geht einem vieles selbst unter die Haut“, bekennt Eva Dengler. Und wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit dem Schicksal von zu Tode gekommenen Bootsflüchtlingen konfrontiert wurde, „dann kann man allenfalls dadurch helfen, dass man zuhört und einfach da ist“. In der Regel ist es in den Beratungen aber darum gegangen, die geflüchteten Menschen möglichst sachlich über ihre Möglichkeiten zu informieren und entsprechende Hilfen einzuleiten. In manchen Fällen ging das recht schnell: „zum Beispiel, wenn wir sie in unsere Caritas-Kleiderkammer in der Weißenburger Straße schickten“, so Eva Dengler. Lange dauerten oft hingegen Unterstützungen für medizinische Hilfen. „Einmal vermittelten wir eine Frau mit einer Risikoschwangerschaft nach München in eine Klinik. Nach einem Kaiserschnitt musste dann auch noch das geborene Kind operiert werden. Hierbei waren unzählige Gespräche mit Ärzten, der Regierung von Oberbayern und anderen nötig: zum Beispiel darüber, dass die Frau zunächst auch dort ihr Taschengeld aus Eichstätt ausbezahlt bekam und schließlich, dass sie wieder nach Eichstätt zurückkommen konnte, was sie wollte“, schildert die Caritasberaterin einen Fall. Viel Ausdauer forderten auch Verfahrensberatungen: „Um die Asylsuchenden auf ihre Anhörungen beim Bundesamt vorzubereiten, haben wir mit vielen spezielle Trainings durchgeführt. Dabei regten wir sie unter anderem an, ihre Verfolgungserfahrungen zu ihrem Vorteil möglichst detailliert zu schildern, auch wenn dies persönlich unangenehm war“, so die Sozialpädagogin. In einigen Fällen hat sie sogar mit dem Handy gemachte Bilder von einem Fotografen nachbearbeiten lassen, damit diese ein besseres Beweismittel darstellten.

„Transfer“ meistgenutztes Wort

Das meistgenutzte Wort in der Unterkunft ist nach Erfahrung der Caritasmitarbeiterin „Transfer“ gewesen. „Einige konnten es kaum abwarten, in eine dezentrale Unterkunft zu kommen – zum Teil auch, weil sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht selbst kochen dürfen. Vielfach kamen für den Transfer allerdings die Bescheide nicht rechtzeitig an, was immer wieder zu Unmut führte“, erzählt Eva Dengler. „Es gab aber auch Leute, die in Eichstätt bleiben wollten, weil sie hier in kurzer Zeit Anschluss an die Bevölkerung gefunden hatten – zum Beispiel im Sportverein – und die über ihren Transfer dann traurig waren.“ Wie andere hat auch Eva Dengler die Erstaufnahmeeinrichtung am Residenzplatz durchaus als Vorzeigeobjekt für Flüchtlingsunterkünfte schätzen gelernt: „von den kurzen Wegen in Eichstätt über ein tolles ehrenamtliches Engagement, besondere Projekte wie Extra-Schulklassen für die Bewohner, eine große Spendenbereitschaft von zum Beispiel Fahrrädern und Koffern und vielfältige Kooperationen verschiedener Gruppierungen“, deutet sie einige Punkte an.

In diesem Jahr kamen die am meisten beratenen Flüchtlinge in der Unterkunft aus Nigeria, die allerdings kaum eine Bleibeperspektive haben. Eine gute Chance auf eine Zukunft in Deutschland hat hingegen der 19-jährige Abdulrahman aus Somalia, einer der letzten von der Caritas beratenen Asylsuchenden in der Einrichtung am Residenzplatz. Er ist auch einer derjenigen, die dort am längsten untergebracht waren: Schon seit über einem Jahr ist er mit seinem Vater und einer Schwester dort. Diese haben bereits ihre Asyl-Anerkennung bekommen, Abdulrahman wartet noch darauf. „In Somalia waren wir von radikal-islamistischen Gruppen bedroht, weil mein Vater für die Regierung arbeitete“, berichtet der junge Mann. Da der Vater dialysepflichtig ist und zudem kaum deutsch spricht, sind die drei froh, nicht getrennt worden zu sein. Abdulrahman spricht bereits recht gut deutsch. Hierfür hat sich seine Teilnahme am Sprachunterricht in der Erstaufnahmeeinrichtung sowie an der Berufsschule gelohnt. In den letzten Wochen, die Eva Dengler noch in der Einrichtung ist, will der junge Mann gemeinsam mit ihr Initiativen in die Wege leiten, um seine Mutter und Geschwister aus Somalia nachzuholen. Dann hofft er, bald einen Beruf erlernen zu können: „Arzt werden ist mein Traum, aber auch Krankenpfleger wäre toll. Ich möchte gerne anderen Menschen helfen“, so der junge Somalier.

Als Patin weiterhin engagiert 

Eva Dengler wird ab August für den Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas-Kreisstelle Eichstätt arbeiten. „Die Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung waren für mich sehr prägend, aber jetzt möchte ich beruflich in einen anderen Bereich Einblick bekommen, der mich auch sehr interessiert.“ Ehrenamtlich wird die Eichstätterin aber auch in der Flüchtlingsarbeit tätig bleiben, indem sie einen jungen afghanischen Asylbewerber als Patin betreut.

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken