Kategorie-Archiv: Alltag

Gewalt und unmenschliche Haftbedingungen in Brasilien

Gestern bekam ich einen Anruf. Es ging um eine Rebellion im Männergefängnis von Goiânia (1.900 Insassen mit nur 850 Haftplätzen). Zwei rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich nicht nur auf der Straße, sondern auch hinter Gitter. Das Resultat: 5 Tote, mehr als 50 Verletzte, 150 Gefangene wurden mit nur der kurzen Hose am Leib in ein anderes Gefängnis verlegt. Verzweifelte Familienangehörige versuchten blieben ohne Nachricht von ihren Söhnen oder Ehemännern.

Die Situation in Brasiliens Haftanstalten ist angespannt, und das nicht erst seit den blutigen Gefängnisrevolten im Dezember 2016 in Manaus und Boa Vista im Norden des Landes. In den vergangenen Wochen gab es weitere Aufstände in Rio Grande do Sul, Paraíba, São Paulo, Rio Grande do Sul, Paraíba, Rio de Janeiro – die Liste ist lang.
Die Gefängnisseelsorge, in der ich über zwei Jahrzehnte in Brasilien tätig bin, klagt seit Jahren die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen an. Jedes einzelne ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. 25 Jahre nach dem Massaker von Carandiru in São Paulo, bei dem offiziell 111 Gefangene getötet wurden, hat sich im brasilianischen Straffvollzug nichts verändert. Im Gegenteil: Es wurde schlimmer. In Manaus wurden 56 Gefangene, im Boa Vista 33 bei den Revolten getötet.

Die Medien geben den rivalisierenden Drogenbanden die Schuld. Aber wir von der Gefängnisseelsorge sehen andere Gründe. Es ist ein fadenscheiniges Argument, die derzeitige Gewalt in den Gefängnissen einfach auf die rivalisierenden Drogenbanden zu schieben. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Denn die organisierten Drogenbanden sind nur ein Produkt der unmenschlichen Haftbedingungen und der repressiven Politik der Regierung. Masseninhaftierungen, das selektive Strafsystem, unterdrückende Drogenpolitik, Folter und verzögerte und langwierige Gerichtsverfahren sind die wahren Ursachen der Gefängnisrevolten: 40 bis 70 Prozent der Gefangenen befinden sich über Monate oder sogar Jahre in Untersuchungshaft.

Der brasilianische Staat hat jüngst ein Sicherheitsprogramm vorgestellt, von dem wir nicht erwarten, dass sich die Situation im Strafvollzug ändern wird. Im Gegenteil: Jahrelanges Wegschauen und ausschließlich repressive Politik kann man nicht in kürzester Zeit mit einen Notprogramm rückgängig machen. Noch dazu mit Vorschlägen, die unserer Meinung nach die aktuelle unterdrückende und selektive Strafpolitik verstärken.

Auf der Agenda der Gefängnisseelsorge stehen vor allem die folgenden Richtlinien, um die Situation in den Gefängnissen zu ändern, die Haftentlassungen und den Straferlass möglich zu machen und die gemeinschaftlichen Praktiken der friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Wir setzen uns für folgende Maßnahmen ein: Aussetzung jeglicher Investitionen in den Bau von neuen Gefängnisgebäuden; eine Einschränkung der vorläufigen Festnahmen; die Verkürzung der Strafzeiten und eine Entkriminalisierung im Bereich der Drogenpolitik; die Erweiterung der Garantien im Strafvollzug und Öffnung der Gefängnisse für die Gesellschaft; ein absolutes Verbot der Privatisierung des Gefängnissystems; die Bekämpfung der Folter sowie die Entmilitarisierung der Polizeieinheiten und der öffentlichen Verwaltung.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch ein Interview mit Adveniat geführt.

Rückkehr aus Kenia in die Konsumwelt

Zum zwölften Mal durfte ich 2016 Weihnachten in Kenia feiern, was wirklich ein wunderbares Geschenk war. Es war wohl für etliche Jahre auch das letzte Mal, da ich 2017/2018 neue Aufgaben übernehmen soll und nach einigen Monaten in Rom nach Deutschland zurückkehre. Ich weiß noch nicht, was mich erwartet oder was aus diesem Plan werden wird.

Weihnachten in Kenia. Bild: Samuel Ng'ang'a Njoroge, Diözese Runden/Kenia
Weihnachten in Kenia. Bild: Samuel Ng’ang’a Njoroge, Diözese Runden/Kenia

Vielleicht stellen sich ja auch die zwei Jungen Männer, die auf dem Bild vor dem neugeborenen Christkind knien, die Frage, was aus diesem Kind werden wird? Es könnten zwei Pokot sein, die Milch in einer Kürbisflasche mitgebracht haben und sich mit der Familie über das Kind freuen. Ehrlich gesagt habe ich fast ein wenig Angst, in die „Konsumwelt“ zurückzukehren, wo das Wesentliche so leicht verloren geht. Wie ich schon oft geschrieben habe, leben die Pokot ein sehr einfaches Leben, wo der Luxus manchmal darin besteht, ein Bett mit Matratze zu haben und Tisch und Stühle. Natürlich hat sich vieles getan in unserer Gegend. Leute mit Ausbildung, die vielleicht eine Anstellung als Lehrer oder Krankenpfleger erhalten haben, richten sich auch anders ein. Aber für die meisten Pokot ist das Leben noch immer sehr existentiell und unkompliziert.

Zurzeit bin ich noch immer in Chelopoy, der Filiale der Pfarrei Amakuriat tätig. Inzwischen ist unser Pfarrer nach nur einem Jahr nach Nairobi versetzt worden und da ich bald auch die Pfarrei verlassen werde ist nun P. Maciej der Pfarrer in Verantwortung für die ganze Pfarrei. Wir organisieren unsere Pastoral weitgehend unabhängig voneinander, wenngleich wir monatliche Treffen haben in denen wir unsere Arbeit abgleichen. Die drei kenianischen Mitbrüder, die Anfang 2016 zu Diakonen geweiht wurden, sind nun alle Priester.

Priesterweihe beim Volk der Pokot in Kenia. Foto: P. Hubert Grabmann
Priesterweihe beim Volk der Pokot in Kenia. Foto: P. Hubert Grabmann

Nicht nur die Primizen, sondern auch die Priesterweihen fanden jeweils in den Pfarreien der Weihekandidaten statt. So war besonders die Weihe von Abraham Sireu ein unvergessliches Ereignis für unsere Christen in Amakuriat. Etwa 4000 Leute kamen von den umliegenden Pfarreien und deren Außenstationen hier zusammen, um den ersten Pokot-Comboni-Missionar und zweiten Pokot-Priester zu feiern. Es war eine Menge zu organisieren, da alle Leute wegen der Entfernung Übernachtung brauchten. Bis vier Uhr morgens kamen Busse an und mussten Leute zu den verschiedenen Schulen gebracht werden, wo sie dann zum Teil auf dem blanken Boden oder auf Bastmatten schliefen. Trotz der einfachen Unterbringung war die Feier sehr schön und beeindruckte nicht nur unsere Katholiken.

Ende August durfte ich auch an der Silbernen Ordensprofess einer unserer Schwestern von Chelopoy teilnehmen. Die Schwestern feiern ihre Professen jedes Jahr am selben Tag, deshalb kommen natürlich viele Jubilare zusammen. Zu dem Gottesdienst kamen dann auch mehr als 150 Priester und drei Bischöfe aus den Pfarreien und Diözesen Kenias, in denen die Schwestern arbeiten.

Im Juli kam der Regen glücklicherweise noch rechtzeitig zurück für viele unserer Bauern, so dass die Ernte nicht ganz so schlecht war. Aber natürlich sind die Gegenden auch innerhalb unserer Pfarrei ziemlich unterschiedlich. In den Bergen hatten sie gute Ernte, während in den tieferen Lagen der Regen trotzdem nicht genug war und der Mais sehr klein ausfiel dieses Jahr. Im Nordosten Kenias herrscht gerade auch eine verheerende Dürre, an der viele Menschen zu leiden haben. In Amakuriat war der Regen ziemlich gut, während Kacheliba sehr wenig ernten konnte.

Unsere Schulen bekommen Gott sei Dank Mittagessen von der Welthungerhilfe. Leider geht hier sehr viel verloren wegen der Bestechlichkeit der Behörden etc. Andererseits gibt es in noch sehr vielen unserer Dörfer weder Kindergarten noch Schule. Wir arbeiten daran, solche Situationen zu identifizieren und den Kindern wenigstens einen Kindergartenplatz mit einer warmen Mahlzeit zu ermöglichen. Schulen und Kindergarten brauchen aber auch Wasser, wenn sie etwas kochen wollen. Manchmal bringen die Mütter oder die Kinder selber Wasser mit in die Schule. Aber oft kommt das Wasser von einem Damm oder Wasserloch, das gegen Ende der Trockenzeit immer schmutziger wird und irgendwann austrocknet. So ist auch der Brunnenbau ein weiterer Schwerpunkt, an dem wir neben der Pastoral arbeiten. 2017 möchten wir, wenn möglich, fünf Brunnen bohren, von denen jeder etwa 15.000 Euro kostet. Die Dörfer sollen 10% der Kosten selber tragen, der Rest soll dann von Organisationen, Freunden und anderen Quellen gedeckt werden. Um diese Vorhaben zu begleiten und um sicherzustellen, dass die Lehrer an den Schulen auch wirklich unterrichten, ist es unumgänglich, die Dörfer regelmäßig zu besuchen.

Was die Pfarrarbeit angeht, so arbeiten wir daran, die Seelsorge in den Teilpfarreien weiter voranzubringen. Wir haben festgestellt, dass es uns in Dörfern an Katholiken fehlt, die in irgendeiner Weise ausgebildet sind; oft können auch nicht einmal die Vorstände schreiben oder lesen. So möchten wir 2017 unsere Wortgottesdienstleiter und Katecheten verstärkt zu besonderen Fortbildungen schicken und auch die Vorsitzenden der Teil-Pfarrgemeinderäte und katholischen Vereinigungen über ihre Aufgaben mehr aufklären. Da ich ziemlich lange brauche, meine 30 Außenstationen in der Chelopoy Filiale zu besuchen, haben die Freikirchen und Sekten leichtes Spiel und verunsichern unsere Leute sehr. Oftmals reden sie schlecht über die Katholische Kirche, sprechen ihr sogar den Status einer Kirche ab und werben mit ihren Keyboards und Lautsprechern auch immer wieder einige unserer Leute einfach ab. Es ist wichtig präsent zu sein, gute Seelsorge zu machen und auch in humaner und sozialer Weise tätig zu sein. Die Priesterweihe von Abraham war sicher ein wichtiges Ereignis, das unseren Christen viel neue Kraft gegeben hat. So hoffen wir, dass es gut weitergehen wird und unsere Pfarrei langsam weiterwächst.

Ich werde wahrscheinlich im Juni nach Deutschland kommen. Ich bin dann auch gerne bereit in Schulen oder in Pfarreien über Kenia zu erzählen. Scheut euch nicht, mich zu kontaktieren.

Nochmals möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die sich Sorge um unsere Arbeit machen und uns unterstützen. Möge es euch Gott vergelten.

Christliche Werte: Zündstoff oder warme Luft?

Im Blick auf die veränderte Gesellschaftliche Situation verweisen Bundeskanzlerin und Landrat in Ihren Ansprachen zum Neuen Jahr auf die christlichen Werte und wenn rechts-populistische Gruppierungen von den Werten des Abendlandes sprechen, dann meinen sie nichts anderes als diese.

Seit wenigen Wochen bin ich zurück aus dem Südsudan. Ich fahre auf Straßen, die ich nicht gebaut habe, lebe in einem Haus wozu ich vor vielen Jahren beim Bau nur ein wenig beigetragen habe. Es gibt eine Heizung, Krankenversorgung und so vieles mehr. So viele Bequemlichkeiten finde ich vor und nehme sie nicht einfach selbstverständlich. Ich lebe gewissermaßen auf dem Erbe meiner Vorfahren und eigentlich nicht schlecht.

Möglicherweise ist es auch so mit den sogenannten christlichen Werten. Wir sind gewohnt, dass das Gemeinwohl funktioniert, eine Abmachung gehalten wird, Recht und Ordnung eingehalten werden. Die soziale Verantwortung des Staates steht außer Zweifel. Die Glaubwürdigkeit ist ein großes Ideal.

Also alles geerbt? Eine alte Bauernregel, genauer gesagt Goethe, schreibt. „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

Wahrscheinlich ist es notwendig, die christlichen Werte immer wieder neu zu buchstabieren und in die Zeit zu übersetzen. Nichts ist selbstverständlich und auf Dauer. Wenn die christlichen Werte nicht immer wieder neu erworben werden – um im Bild der Bauernregel zu bleiben –, dann wird es sie nicht mehr geben. Dann sind sie Muster ohne Wert.

Was aber sind die christlichen Werte? Viele Jahre habe ich Afrika verbracht. Extrem waren die vergangenen drei Jahre mit kriegerischen und militärischen Auseinandersetzung geprägt von Hassreden, Misstrauen und teilweise menschlicher Verrohung. Das ist das Erbe der Menschen im Südsudan nach vielen Jahren Krieg und jetzt Stammeskriegen. Die Fähigkeit zur Rache ist ein Wert, der das Überleben sichert. Nächstenliebe bis hin zur christlich geforderten Feindesliebe ist eine Utopie und passt eigentlich nicht in das Denken. Bei aller Frömmigkeit und Religiosität ist das wahrhaft Christliche nur bei einzelnen, nicht aber in der Gesellschaft aufgebrochen. Das macht den missionarischen Einsatz mühsam, aber umso mehr „Not-wendend“.

So habe ich oft die Abwesenheit der christlichen Werte erfahren und bin zur Überzeugung gekommen, dass nur sie eine bessere Gesellschaft schaffen können. Wüsste ich einen besseren Glauben, dann würde ich diesen hier vorschlagen. Jesus Christus stellt das „Allzu Menschliche“ auf den Kopf und zeigt einen Weg aus dem Teufelskreis des Misstrauens, des Hassens, der Angst, der Eifersucht und des Zukurzgekommenseins.

Christliche Werte sind ein großes Erbe und verweisen mich auf mein persönliches Bekenntnis zum wahrhaft Christlichen. „Jede Generation muss Christus neu entdecken“ sagt Bischof Gregor Maria in der Jahresschlussandacht. Gesellschaftlich relevant werden die Werte in dem Maße, wie ich sie persönlich umsetze und mein Leben danach gestalte. Deshalb habe ich über die Voraussetzungen nachgedacht, wie die Werte in mir und Dir wachsen können. Wenn ich hier ein paar Gedanken bringe, dann aus meiner Erfahrung (gewissermaßen ohne Gewähr).

  • Als erstes habe ich erkannt, dass die Gebote Gottes in Wirklichkeit Angebote Gottes sind. Angebote zu einem besseren Leben.
  • Gelten-Wollen, Haben-wollen und wie Gott-Sein-Wollen bestimmen entscheidend unser Menschsein. Sie sind eine Reflektion der Versuchungen Jesu und die Einfallstore für unsere Sünden und unser Falsch-Verhalten. Sie zu erkennen und an ihnen zu arbeiten ist unsere erste Christenpflicht. Als Gewinn stellt sich eine innere Freiheit ein.
  • Und zuletzt die Bereitschaft zur Wandlung. Sie ist auch Zentrum und Inhalt einer jeden Heiligen Messe. Christus will nicht unseren „Kirchenzehnt“. Er will uns ganz: also 100% statt 10%. Und gerade diese Wandlung fällt uns so schwer und bleibt ein lebenslanger Prozess. Aber nur die Fähigkeit und Offenheit zur Wandlung lässt uns in unserem „Menschwerden“ (Weihnachten = Gott wird Mensch) vorankommen und zum glücklichen Menschen werden. Dann wird der Glaube eine Therapie für mich und meine Mitmenschen und die Kirche wird zum Lazarett, wie es Papst Franziskus fordert.

Christliche Werte wachsen mit dem Interesse und der Liebe zum Glauben. Wir Christen bestimmen welchen Klang, Farbe und Kraft sie für den einzelnen und die Gesellschaft haben. Wir entscheiden, ob sie Zündstoff oder leere Floskeln sind. Wir müssen sie erkennen und vor allem in den Alltag umsetzen; nicht nur vorsichtig und diplomatisch, sondern, wenn nötig, auch radikal und ungeteilt. Wir sind die Hände, die Füße und das Herz Gottes. Hier und heute. Denn:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Gebet aus dem 14. Jh.

 

„Friede beginnt mit einem Lächeln“

„Wir können nicht alle große Dinge tun, aber wir können kleine Dinge mit großer Liebe tun.“ (Mutter Teresa)

Beim Rückblick auf dieses „Jahr der Barmherzigkeit“ war die Heiligsprechung Mutter Teresas ein besonderer Höhepunkt für mich, denn es sind viele Erinnerungen wach geworden an die persönliche Begegnung mit Mutter Teresa im November 1988. Das war während meiner Studienzeit, als ich im Mariannhiller Konvent wohnte. Zwei Tage lang durfte ich sie begleiten. Ich werde diese Erlebnisse nie vergessen. Von ihr stammt auch der Satz „Friede beginnt mit einem Lächeln“.

Sicher habt Ihr von der schlimmen Trockenheit in Südafrika gehört. Gott sei Dank hatten wir im November etwa 90 ml Regen, aber viele Staudämme im Land sind fast leer. Unser Klipfontein Damm hat nur 12% Wasser und die Wasserversorgung in der Stadt ist schon seit Monaten abgeschnitten. Das Wasser wird in Tankfahrzeugen in die Stadt gebracht und in 5000 Liter Wassertanks gespeichert. Die Leute können sich in Flaschen, Eimern oder Kanistern aller Größe das Wasser holen, das sie für den täglichen Bedarf nötig haben.

Viele Haushalte haben ein Bohrloch. Wir im Konvent und in der Schule gehören auch zu den Glücklichen. Ansonsten wäre es sehr schwierig, unsere Schule mit 412 Schülern weiter zu führen. Trotz der Dürre ist die Natur ein Wunderwerk, denn der Frühling ließ sich nicht aufhalten.

Wir hatten ein gelungenes Jahr mit vielen Aktivitäten. Meine 30 Erstklässler halten mich in Schwung. Diesmal machten etwa die Hälfte der Kinder sehr gute Fortschritte im Lesen und haben sich als richtige Leseratten entpuppt. Ende November hatten wir unseren „Fun Day“, Groß und Klein hatte Riesenspaß. Bei der „Schaumburg“ sahen die Kinder fast wie Schneemänner aus.

Im November erklärte ich den Kindern, dass wir für unsere Toten beten. Ich sagte, sie sollen ein Bild malen, wie sie sich den Himmel vorstellen. „Ich und Jesus – Freunde für immer!“ schrieb Khethelo oben links. Zwei große Engel bewachen die Burg, Gott und Maria schauen beim mittleren Fenster heraus und im Wagen vorne sitzt Jesus mit Khethelo’s Kopf auf seiner Schulter. Das fand ich einfach toll! Ich hoffe, Ihr könnt die Einzelheiten etwas erkennen.

Von der politischen Lage im Lande seid Ihr ja durch die Medien gut oder vielleicht sogar besser als wir informiert. Korruption ist an der Tagesordnung. Das für Reparaturen vorgesehene Geld verschwindet einfach und es ist nichts da, um die Wasserversorgung sicherzustellen, um die Schlaglöcher auf den Straßen zu beseitigen, um das Stromnetz zu verbessern oder um das Feuerwehrauto einsatzbereit zu halten. Das verursacht Ärger unter den Bürgern, zumal bekannt ist, dass Bürgermeister und Gemeinderäte fürstlich entlohnt werden. An den Universitäten wird demonstriert, gestreikt und vieles unsinnig und brutal zerstört. Die Schäden laufen in die Millionen.

Eine schreckliche Tragödie schockierte unsere Stadt und die ganze Umgebung. In Swart Mfolozi, das eine Fahrstunde entfernt auf dem Land liegt, wurden bei einem Raubüberfall in einem Supermarkt zwei Männer erschossen, einer davon der Vater zweier kleiner Kinder. Der andere war der Schwiegervater. Sie arbeiteten zusammen im Familiengeschäft. Zum Glück konnten die Täter geschnappt werden, einer hat sich selber im Gefängnis erhängt.

Im August konnte Sr. Perpetua in einem feierlichen Gottesdienst ihre Erstprofeß ablegen. Ihre Familie kam von Johannesburg angereist. In der gleichen Feier wurde das 65-jährige Profeßjubiläum unserer fast 97-jährigen Sr. Sola begangen. Zwei Kandidatinnen warten auf die Einkleidung und zwei junge Frauen üben sich in das Ordensleben ein. So hoffen wir auf eine gute Zukunft.

Im Juli durfte ich mit den Schwestern vom Kostbaren Blut in Mariannhill Jubiläum feiern, denn Sr. Winfried feierte ihr 60-jähriges Jubiläum. Mit den Schwestern dort bin ich seit meinem Studium noch immer freundschaftlich verbunden.

In meinen Exerzitien im September in Durban erlebte ich etwas Besonderes. Ich war morgens früh unterwegs zur Pfarrkirche, von wo aus man einen herrlichen Blick auf das Meer hat. Es war kühl und bewölkt und ein Rudel Affen kam die Straße herunter. Ich ging näher, um sie etwas zu beobachten. Eine Affenmutter saß ganz lange mit ihrem Neugeborenen auf der Mauer; das Kleine war noch ganz nass. Weil es so kalt war, hat es mir richtig leidgetan.

In der Pfarrei bin ich weiterhin aktiv im Vinzentiusverein, als Kommunionhelferin und jeden zweiten Sonntag fahre ich zum Familienrosenkranz in die Mischlingssiedlung. Zurzeit habe ich eine sehr eifrige Kindergruppe, die kommt schon gelaufen, wenn sie das Auto sehen.

Mit einem Bild von „meiner“ Krippe wünsche ich Euch und uns allen:
Möge das Licht der Heiligen Nacht unser Leben erleuchten,
damit es auch in unserem Herzen hell und fröhlich werde.
Möge die Liebe Gottes uns umgeben,
damit wir geborgen sind und die Hoffnung nie verlieren.
Möge der Friede Gottes unser Herz erfüllen,
damit auch von unserem Leben Zeichen des Friedens ausgehen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch gnadenreiche Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr 2017!

An der Krippe begegnen wir uns

Jesus, das Kind in der Krippe, das wir anbeten, sagt uns: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ich komme gerade aus Bolivien zurück. Diesmal hat mich unser Freund Klaus Sperlich (81) von Cristo Vive Europa begleitet, der uns zusammen mit dem Göttinger Freundeskreis schon seit über 40 Jahren unterstützt. Er hat miterlebt, was hier gewachsen ist. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie froh und dankbar ich bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen wir vor Ort in ihren verschiedenen Nöten und Bedürfnissen durch eure Solidarität zu einem würdigeren Leben verhelfen können.

Bei unserer Sitzung des Teams der Leiter unserer verschiedenen Dienste der Fundacion Cristo Vive Bolivia lasen wir das Tagesevangelium, in dem Jesus freudig ausruft: „Vater, ich preise dich, dass du den Kleinen dieser Welt geoffenbart, was du den Weisen und den Mächtigen verborgen hast.“ (Lukas 20, 21-24)

Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen
Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen

Beim Austausch über diese Botschaft sagte Tilme, die Leiterin der Kindertagesstätte Chaskaya, der Elternschule und der Poliklinik Tirani: „Bei diesem Wort Jesu denke ich an mich. Ich bin als kleines Kind in Tirani aufgewachsen, war verachtet und habe schrecklich viel gelitten. Wenn ich heute ein trauriges, hungerndes, leidendes Kind sehe, sehe ich in ihm die kleine Tilme und tue alles, was mir möglich ist, ihm beizustehen. Das habe ich von Jesus gelernt.”
Alle im Team kannten Tilmes Geschichte und waren betroffen von ihren Worten. Ihre Eltern waren bekannt als Alkoholiker, die oft vor aller Augen die Bergstraße hoch torkelten oder betrunken am Wegrand saßen. Auch ich habe sie noch so gesehen. Eine ihrer Tanten in Tirani hat Tilme großgezogen und zur Schule geschickt. Nach ihrem Schulabschluss konnte sich niemand vorstellen, dass sie es schaffen würde, an die Staatsuniversität zu kommen und Pädagogik zu studieren.

Sie war gerade am Ende ihres Studiums, als unsere Schwester Mercedes im Februar 2007 in die Bergsiedlung Tirani zog, um das Leben der Menschen dort zu teilen. Sie lernte Tilme kennen, die Quetchua sprach, und ihr zunächst als Freiwillige half. Während Mercedes mit den Müttern zu arbeiten begann, die auf ihren kleinen Feldern Blumen anbauten, um sie in der Stadt zu verkaufen, bemerkte sie, dass die Frauen oft ihre Kinder vernachlässigten. Tilme, die den Leuten ja bekannt war, stand Mercedes bei, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Daraufhin stellten die Verantwortlichen der Siedlung ein altes, verlassenes Gebäude für den Dienst zur Verfügung. Bald konnte begonnen werden, Kinder darin aufzunehmen und zu betreuen, während die Mütter auf dem Acker arbeiteten oder zum Verkauf der Blumen in die Stadt hinuntergingen. Schnell kamen immer mehr Kinder und wir beschlossen Tilme anzustellen, zusammen mit Karina, einer jungen Psychologin, da wir mit Mercedes sahen, wie viele Probleme die Kinder mitbrachten, dass in deren Familien häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verrohung und materielles Elend herrschte. Gleichzeitig sah das kleine Team, dass sie nicht fertig wurden mit den rund 50 Kindern und beschlossen, junge Mütter gegen ein kleines Entgelt einzuladen, ihnen zu helfen.

Ohne die Hilfe der vielen Freunden der Organisation Cristo Vive hätten wir das nicht bezahlen können. In kurzer Zeit bemerkten wir, dass mehrere dieser Frauen das Zeug hatten, ihre Schulausbildung zu beenden und eventuell sogar eine Kindergärtnerinnenausbildung zu machen. So hatten wir nach einem Jahr sechs Frauen, die halbtags bei uns mitarbeiteten und halbtags ihre Ausbildung in einem uns befreundeten Institut begannen. Zunächst finanziert mit Spenden von Cristo Vive Europa, später von der Organisation Niños de la Tierra.

Indessen half uns das Schweizer „Notnetz Sankt Petrus“ aus Embrach zunächst auf dem Grundstück, das uns die Siedler zugewiesen haben, für unsere Gemeinschaft ein Haus zu bauen, in dem jetzt die Freiwilligen wohnen. Danach entstand das Gemeindezentrum, das gleichzeitig als Kapelle und Gemeindehaus dient.

Im Jahr 2010 begeisterten sich unsere Luxemburger Freunde, uns in Tirani beizustehen und die inzwischen notwendig gewordene Kindertagesstätte Chaskalla zu bauen, sowie die Ausbildung von weiteren Frauen zu finanzieren. Heute sind es im neuen Gebäude 120 Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren, die liebevoll von den sieben Müttern – inzwischen ausgebildete Kindergärtnerinnen – betreut werden. Vier junge deutsche Freiwillige stehen ihnen bei. Zwei Mütter, ausgebildete Köchinnen, sorgen für ein gutes Essen für alle.

Im alten Gebäude werden indessen um die 60 Schulkinder und Jugendliche begleitet mit Hausaufgabenbetreuung, Spielen und kultureller Förderung. Schwester Mercedes, die den ganzen Aufbauprozess begleitet hat, überraschte uns vor drei Jahren mit dem Vorschlag, Tilme die Verantwortung für diesen Dienst zu übergeben. Nicola Wiebe, die damalige Geschäftsführerin von Fundación Cristo Vive Bolivia, ließ sich darauf ein und wir konnten in diesen Jahren nur über Tilmes Einsatz staunen. Zeugen dieser Leistung sind auch die „Niños de la Tierra“, die nach dem Bau der Kindertagesstätte Chaskalla für fünf Jahre die laufenden Kosten für die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und der Poliklinik tragen.
Am Ende unserer Versammlung erzählte uns Tilme an jenem Tag, dass ihre Eltern nach Jahrzehnten wieder zusammenleben und immer weniger trinken würden, nachdem sie gemerkt hätten, welch wichtige Aufgabe ihre Tochter in Tirani habe. Übrigens wurde auch mir bei meinem Besuch eines Abends in der Elternschule gesagt, dass viele Eltern in Tirani weniger Alkohol trinken, seit wir dort arbeiten und ihre Kinder “wacher” geworden sind.

Wie ihr seht, werde ich immer reich beschenkt mit ermutigenden Erfahrungen in Chile, Bolivien und Peru. Aber wie noch nie zuvor fühlen wir uns im Dienst des Reiches Gottes vom Papst Franziskus gestärkt. Der Papst hatte Anfang November rund 200 Vertretern der Volksbewegungen der Armen aus 69 Ländern nach Rom eigeladen und sie mit den Worten ermutigt: 1) Steht auf gegen die Knechtschaft des Geldes (des Kapitals), 2) seid solidarisch, 3) belebt die Demokratie neu, 4) seid nüchtern und bescheiden, flieht der Bestechung.

Wir bleiben als seine Jüngerinnen und Jünger auf Jesu Spuren. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2017 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.