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Jamala, Herr der Ringe und die Ukraine

Was könnte der Sieg von Jamala beim ESC 2016 noch alles bedeuten?

#Eurovision 2016, #Ukraine, #Jamala: Unter diesen Stichwörtern erscheint in der Internet-Suche als Erstes der Text des Liedes in Englisch und Deutsch, das beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat:

When strangers are coming
They come to your house
They kill you all
And say
We’re not guilty

We could build a future
Where people are free
To live and love
The happiest time

Wenn Fremde kommen
Kommen sie zu eurem Haus
Sie töten euch alle
Und sagen
Wir tragen keine Schuld

Wir könnten eine Zukunft erschaffen
Wo die Menschen frei sind
Zu leben und zu lieben
Die glücklichste Zeit

Das Lied Jamalas, einer Krimtartarin aus der Ukraine, ist ein sehr persönliches Lied. Es berührt den Hörer wegen des persönlichen Schicksals von Jamalas Urgroßmutter, auf dessen Grundlage das Lied entstanden ist. Trotz der Kürze des Liedes lässt der Text wegen seiner aktuellen Brisanz den Hörer tief in die Geschehnisse von damals eintauchen. Das Lied handelt von der Vertreibung der ethnischen Krimtataren im Jahre 1944 von der Krim nach Zentralasien im Rahmen der stalinistischen Säuberungen, unter denen die Ukraine mehrmals zu leiden hatte. So gab es neben der Verschleppung der Krimtartaren auch den Holodomor, die künstlich hervorgebrachte Hungersnot in der Ukraine, in der Millionen sterben mussten.

Erich Maria Remark schrieb einst: „Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik“ (Der schwarze Obelisk). Man vergisst die Zahlen leicht, wenn man die Namen nie gekannt hat. Eine ukrainische Dichterin, Lina Kostenko, hat dazu einmal tiefgehend und treffend geschrieben: „Alles muss vergehen, weil sonst nichts entstehen kann. Aber wenn dein Vater vergeht … tut es weh“. So hat Jamala ihre persönliche Familiengeschichte besungen, sie der Welt erzählt und damit den unbekannten Opfern ein Gesicht – und einen Namen – gegeben. Die Welt hat ihr zugehört.

Der ESC fand in diesem Jahr am Pfingstwochenende statt und so kann gesagt werden, es ereignete sich von neuem ein kleines Pfingstwunder: Jamala hat Englisch und Tatarisch gesungen und die Zuhörer konnten sie und ihre Botschaft in den verschiedenen Ländern verstehen. Im Vorfeld des ESC 2016 wurde Jamala von Journalisten gefragt, was ein eventueller Sieg für sie bedeuten würde. Jamala antwortete ganz spontan: Dann würde ich mich von allen verstanden wissen. Und dies ist auch zur Freude vieler eingetreten.

Durch Jamalas Lied wurde nicht nur dem Schmerz einer einzigen ukrainischen Familie eine Stimme gegeben, sondern das Leid der ganzen Ukraine gehört. Und hierbei wurde nicht nur das Leid aus der Vergangenheit, sondern die heutige Tragödie – das Vertreiben ganzer Dörfer, Städte und Gebiete – wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch wenn der Fokus der Medien zurzeit verständlicherweise auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet ist, geht der Krieg im Osten der Ukraine weiter, mit täglichen Meldungen über Verwundete, Vermisste und Tote. So starben zum Beispiel gestern sieben Menschen: Sieben Tote bedeuten sieben betroffene Familien, Eltern, Eheleute, Kinder und Freunde …

In dieser für ihr Heimatland schwierigen Zeit hat Jamala der Ukraine eine Stimme verliehen, um durch ihr Lied die in der Geschichte geschehene Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu benennen. In ihrem Lied trug sie jedoch auch die Hoffnung auf eine Zukunft weiter, eine menschenwürdige und friedliche Zukunft, besonders für ihr Land und dessen Nachbarn, bewohnt von Menschen mit redlichen und friedlichen Herzen.

Jamala und die ganze Ukraine sowie alle, die für sie gestimmt haben, freuen sich über ihren Sieg. Aber hat dieser Sieg beim ESC 2016 sonst noch eine Bedeutung?

Die Buchserie von Tolkien (v. a. „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) wird oft als das beste literarische Werk des 20. Jahrhunderts bezeichnet, unter anderem weil ihr Autor selbst im Ersten Weltkrieg war und aus persönlichen Erfahrungen und einer besonderen Hoffnung schreibt. Einige Gedanken aus seinen Werken können auch einen neues Licht auf den ukrainischen Konflikt werfen.

Für Jamala: „Es ist nutzlos, Rache zu erfüllen mit Rache; es heilt nichts“ (Frodo in Die Rückkehr des Königs). Im 21. Jahrhundert, da es noch so viele Kriege in der Welt gibt, ist jeder dazu berufen, auf seine Weise die Botschaft des Friedens weiterzugeben und zu verbreiten. Die Familie der Sängerin  bewahrt die Erinnerungen an die furchtbare Vergangenheit, die sie besingt. Das Lied ist jedoch nicht vom Gefühl und Wunsch der Rache motiviert, sondern ihr Inhalt verweist auf die Zukunft, die schön und friedlich erhofft wird. Die Wahl Jamalas spricht für die Gesellschaft und die jungen und älteren Generationen: Die Zuhörer sind keine oberflächlichen Menschen, sie sind empfänglich auch für die tiefsten Empfindungen der Seele und für die ernsten Dinge eines menschlichen Lebens; vielleicht auch besonders sensibilisiert durch die humanitären Migrationskatastrophen unserer Zeit. Für die Sängerin ist der Sieg somit eine zufriedenstellende und befreiende Erfahrung, dass auch ernste und authentische Lieder heutzutage Gehör finden.

Für die Ukraine: „Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der sonst alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen: die Stadt der Menschen…“ (Faramir in Die zwei Türme). Für die Ukrainer ist derzeit sehr wichtig, nicht zu vergessen, warum man kämpft und wen man verteidigen will. Solange man für seine Heimat und für seine Verwandten kämpft, ist das meiner Meinung nach gerecht und auch verpflichtend. Es darf jedoch nicht einfach einen Krieg um eines Krieges selbst willen und ein Blutvergießen aus rachesucht geben. Der Krieg darf insbesondere nicht zu einem Geschäft werden. Wenn wir wirklich den christlichen Frieden wollen, dann ist das Ziel berechtigt, von Gott gesegnet und es wird auch erreicht werden. Jamala geht uns mit ihrem Aufruf zum Frieden unter den Menschen als Vorbild voran!

Für die Eurovision-Show: „Es geht nichts über das Suchen, wenn man etwas finden will. Zwar findet man bestimmt etwas, wenn man sucht, aber es ist nicht immer das, was man gesucht hat“  (Thorin Eichenschild in Der Hobbit). Da der ESC vor allem eine Pop-Show genannt wird, weil es dem populus, also dem Volk bzw. uns allen gefallen sollte, ist es nicht sehr einfach ein Lied auszusuchen, das allen gefallen könnte. Wenn Jamals Lied dieses Jahr gewonnen hat, d. h. mit einer ziemlich schwierigen Melodie und schon gar keiner „Pop-Melodie“, mit einer Harmonie ethnisch-lokalen Kolorits, mit einer solchen schwierigen und tiefen Vorgeschichte und dementsprechenden Worten, kann das allein schon ein Zeichen sein, dass die Zuhörerschaft wächst und reift, nicht nur was ihre Anzahl angeht, sondern auch die Mentalität und die Wahrnehmung. Vieleicht hat man etwas Anderes gesucht; vieleicht hat man aber auch genau das Richtige gefunden, wonach man ursprünglich gar nicht gesucht hat.

Für die Welt:Wir können nicht entscheiden, wie viel Zeit uns gegeben wird […]. Aber wir können uns entscheiden, was wir mit dieser Zeit anfangen wollen(Gandalf  in Die Gefährten). Die Zeit vergeht, die Generationen ändern sich. Das Einzige, was sich nicht ändert, ist, dass die Menschen kämpfen und zwar immer und nur untereinander. Anstatt diesen Ring des Todes, des Bösen, der Kriege, der Sünde zu zerstören oder zumindest eindämmen zu wollen, will man den Ring immer noch behalten, ja erweitern. Aus diesem Grund ist der Mensch bereit, seinen Bruder zu töten. Auf verschiedene Weise zeigt sich das überall in der Welt, nicht nur in der Ukraine. Der Sieg Jamalas ist deshalb wichtig, weil er zum Gesinnungswandel aufruft, zur Bereitschaft von uns allen, „eine Zukunft zu erschaffen, wo die Menschen frei sind, zu leben und zu lieben…“. Das meinte Tolkien auch, als er schrieb: „Die Welt ist wahrlich voller Gefahren, und es gibt viele dunkle Orte auf ihr; doch noch immer gibt es vieles Schöne, und obwohl heute in allen Landen Liebe mit Leid vermengt ist, wird das Schöne vielleicht um so größer“  (Haldir in Die Gefährten).

Die Vergangenheit soll man nie vergessen, aber wir nähern uns der Zukunft mit der Geschwindigkeit von 3600 Sek/Stunde, und die Zukunft ändert sich, während wir „unterwegs“ sind. Es kommt nun auf uns an, was unsere Kinder erleben werden: „Doch es ist nicht unsere Aufgabe, alle Zeiträume der Welt zu lenken, sondern das zu tun, wozu wir fähig sind, um in den Jahren Hilfe zu leisten, in die wir hineingeboren sind, das Übel in den Feldern auszumerzen, die wir kennen, damit jene, die später leben, einen sauberen Boden zu bestellen haben“ (Gandalf in Die Rückkehr des Königs).

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Gemeinschaftliches Leben.

Basis des gemeinschaftlichen Lebens ist eine fundierte spirituelle Tradition mit Regeln und Strukturen, die man spürt, auf die man sich einlässt und die unsichtbar wirken. Wie ich es im Benediktinerkloster Tabgha erlebe, kümmert man sich nicht so persönlich um den Einzelnen, sondern gibt jedem Lebensraum, Aufgaben und die Möglichkeit, sich und seine Gaben einzubringen.

Es kommt auch zu Mängeln und Verletzungen, die alle spüren und miteinander aushalten, aber durch das gemeinsame Leben stabilisiert sich das etwas. Besonders das Zusammenkommen fünfmal am Tag vor Gott bewirkt eine eigene Dynamik, gibt manchen Psalmen Aktualität. Man kann sich mittendrin einsam fühlen, aber man ist es nicht wirklich. Das gleichen Einzelne durch persönliche Gesten aus. Die Steuerung gemeinschaftlicher Anlässe stabilisiert den Einzelnen in der Gesamtheit, die stets im Wandel ist. Leitung spielt eine starke Rolle, denn sie ist für die Gesamtheit und für den Einzelnen verantwortlich.

Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs
Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs

Als Teil des gemeinschaftlichen Lebens bringe ich mein Wesen, meine Zeit, meinen menschlichen Umgang, meine Gaben, Fehler und Verletzungen ein und präge das Miteinander. Deshalb ist ein Versöhntsein mit sich selbst und Heilwerden in Christus und durch andere wichtig, weil ich als Teil das Ganze mitpräge.

Das gemeinschaftliche Leben hier unterscheidet sich aus meiner Perspektive schon sehr vom Familienleben, wo man offener und direkter kommuniziert. Besonderer Teil des gemeinschaftlichen Lebens hier ist, dass Tabgha Priorat von der Dormitio in Jerusalem ist und viel Austausch in beide Richtungen stattfindet. Es ist ein richtiges Geschenk nach Jerusalem zu kommen und dort zu Hause zu sein. Diese Erfahrung haben meine Kinder auch gemacht.

Kann denn eine Mutter ihre Kinder vergessen?

Die Frage steht immer im Raum: Was sagen deine Kinder, dass du so lange fort bist? Und oft höre ich im Geist mit, was nicht ausgesprochen wird. Selbstverständlich haben wir Sehnsucht! Alle Kinder waren schon zu Besuch, sind berührt von dem Ort, zum Teil etwas verunsichert von den strengen, klösterlichen Strukturen. Sie finden mich hier in einem anderen Kontext.

Aber wir sind uns einig: Den Mut, hierher zu gehen, alles zu verlassen, um vor Gott meine Trauer auszuhalten und in ihm einen neuen Lebensabschnitt zu begründen, ist eine originelle und konsequente Fortführung dessen, was ich mit meinem Mann gelebt habe. Wir wünschen uns wieder örtliche Nähe, wenn ich auf neue Weise gefunden habe, was mir verloren ging.

Mein Hiersein bereichert in einer besonderen Art unsere Familienbande, ist wie eine Horizonterweiterung mit der Gewissheit: Die Mama ist an einem Heiligen Ort. Was mich sehr gefreut hat, als ich kurz in Deutschland war: Meine Enkelkinder haben kein bisschen gefremdelt und durch die neuen Medien sind wir viel in Kontakt.

Mit mancher Träne ließ ich die Kinder ihre Wege gehen, als es an der Zeit war und bin dankbar über die Freiheit, die sie mir nun zurückgeben. Unsere Familiendynamik ist: lebendig, spontan, interessiert aneinander, füreinander da und in Freiheit gestaltete, herzliche Liebesbande.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die Trauer klopft an die Tür.

Entkommen kann man ihr nicht, besonders hier, wo man ohne große Ablenkung sich selbst ausgesetzt ist. Mal streift sie einen wie eine Katze, mal steht sie an der Tür wie eine Bettlerin und will herein. Sie gibt sich nur selten ehrlich zu erkennen. Würde sie sichtbar kommen, könnte ich sie erkennen. Aber sie wird ausgelöst von mitmenschlichen Banalitäten, die die innere Stabilität ins Wanken bringen und unerwartet einen dunklen Raum eröffnen. Da steht man nun, leicht geneigt sich dem Selbstmitleid zu ergeben.

Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs
Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs

Was ich lerne: Der Trauer oder Traurigkeit Aufmerksamkeit zu schenken, sie auszuhalten und zu versuchen, herauszufinden, was sie mir eigentlich sagen will. Denn sie hat eine Botschaft, keine „Weltschmerz-leg-Dich-ins-Bett-Botschaft“, sondern sie spricht von Realitäten, die angenommen werden wollen: Vom Alleinsein, von der Einsamkeit, dem Übriggebliebensein, von verloren gegangenem Lebenssinn. Sie fragt mich, wer ich eigentlich bin, wozu ich hier bin, was ich eigentlich auf der Welt will. Unter ihrem Mantel bringt sie dunkle Gefühle mit, die lahm legen wollen. Ich lerne, ihr nicht die Tür zuzuschlagen, sondern mit der Trauer zu kooperieren, sie quasi auf einen Kaffee einzuladen, ihr Raum und Zeit zu geben. Ich schaue sie an, ich höre ihr zu, lasse mich aber nicht gängeln, von dem was sie im Koffer hat und auspacken will: Selbstmitleid, Beschuldigung, Ärger, Wut.

Weil sie immer wieder kommt, in verschiedenen Verkleidungen. lerne ich, ihr aktiv und kreativ zu begegnen: Ich stehe auf, koche einen Tee, gehe raus, schwimme, bete, nähe, spreche mit jemanden und sage ihr auf diese Weise: auf Wiedersehen (für heute). Ich hoffe, dass ich mit der Zeit ihre Botschaft immer besser verstehe und in Liebe die Wahrheit annehmen kann: Dass ich einsam, allein und manchmal übrig bin, anders als alle um mich herum.

Ich weiß: Gottes Liebe umfasst mein Sein und seine persönliche Liebe und Nähe füllt mit Leben, wo ich Mangel spüre. Ein Hauch seiner Liebe langt, dass ich wieder fröhlich werde. Und dann ist sie auch wieder weg, die Trauer, wie ein Blütenblatt im Wind.

Soror in Seculo (Schwester in der Welt)

Im „liturgischen“ Tabgha lebe ich mit fünf Mönchen, oft kommen die Brüder von Jerusalem, dann wird es im Oratorium ganz dunkel wegen der schwarzen Habite. Am Gottesdienst um 7 Uhr nehmen die sechs philippinischen Schwestern teil. Besucher sind in der Mehrzahl Priester und Ordensleute, besonders in der Winterzeit, in der der Gastbetrieb eher ruht. Oft bin ich die einzige „Andere“, was gelegentlich ein deutliches Unbehagen in mir auslöst. Denn in der katholischen Kirche versteht man unter besonderer Christus-Nachfolge gern, Priester oder Ordenschrist zu sein. Dass die Ehe ein sehr lebendiger Ort gestalteter Liebe zu Gott und dem Nächsten sein kann, der dem Leben dient, indem man der Welt geliebte Menschen schenkt, die die Zukunft mittragen, ist eher unterbelichtet. Ich schätze es sehr, dass es Klöster gibt und achte jeden, der sein Leben auf diese besondere Weise Gott zur Verfügung stellt, muss aber für mich selbst immer wieder feststehen darin, dass ich als getaufte Christin, quasi „Soror in Seculo“, als „Schwester in der Welt“, wie es die Heilige Elisabeth ausdrückte, Gott meine Antwort auf seinen Anruf gebe. Ich führe keinen Titel, erfahre keine Ehrung aufgrund meiner äußeren Erscheinung, bin einfach nur das, was ich bin. Bei Jesus selbst bin ich in bester Gesellschaft, er war auch „nur“ er selbst. Nicht, dass mich irgendjemand jemals zweitklassiger behandelt hätte. Im Gegenteil, ich empfinde Respekt, Achtung und Wohlwollen. Es ist einfach das Dasein in einem anderen Umfeld, das mir helfen kann, herauszufinden, was ich bin und was nicht. Bisher habe ich herausgefunden, dass ich eine vollwertige Christin ohne Ordensstand bin:)

Arabische Freunde. Jüdische Freunde.

Man darf sie leider nicht in einem Satz zusammenfassen, das geht nicht. Ich liebe sie von Herzen, die arabischen Mitarbeiter, meist Christen, die hier ihre Arbeit tun: Zuhad, und Rodaina in der Küche, Aosayma und Adel in Laden und Verwaltung, Nizar, der weit mehr ist als ein Hausmeister und außerdem fließend deutsch spricht, Munir und Murat im Kiosk, die Mädels im Souvenirshop. Von manchen weiß ich, wo und wie sie wohnen, kenne ihre Familien und weiß um die warmherzige, liebenswürdige Gemeinschaft in ihren Familien. Man meint, der halbe Ort sei miteinander verwandt. Der größte Teil aller Freizeit ist den gegenseitigen Familienbesuchen gewidmet.

Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs
Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs

Die Zusammenarbeit empfinde ich sehr angenehm, wir kochen verschieden, lernen gern voneinander, arbeiten aufeinander zu und schmecken gegenseitig unsere Gerichte ab. Dabei bleiben wir fröhlich verschieden. Habe ich mal ein Problem und spreche mit Nizar oder Zuhad, so wird es schnell verschwindend klein und wir lachen zusammen. Ein Tipp von Zuhad: “Don’t think about it, it was yesterday, that is past!” Man sitzt hier gern und oft zu einer arabischen Kaffeepause zusammen und erzählt sich leichte und lustige Banalitäten. Diese Kaffeepausen sind nach außen vielleicht Zeitschinder, haben aber eine hohe mitmenschliche Qualität und stabilisieren Gemeinschaft.

Auch in Beith Noah habe ich bei den kleinen Nähprojekten mit den Behinderten wunderbare engagierte arabische und jüdische Menschen kennengelernt, die sich mutig und mit Hingabe dafür einsetzen, dass Menschen mit Behinderung wertvolle Menschen sind mit einem Recht auf Lebensqualität und Förderung. Dabei sind die religiösen Hintergründe ganz unterschiedlich. Tabgha ist einer der wenigen Orte des Landes, wo die Verschiedenheit respektvoll gelebt wird.

Ich mag die Menschen hier gern, diese unbeschwerte und vom Herzen gesteuerte Mentalität. Mit einer liebenswürdigen, jüdischen Freundin und ihrem Mann durch den – für unsere Verhältnisse – schmutzigen Suk zu gehen und im quirligen Durcheinander energisch-fröhlicher Verhandlungen für einen guten Preis einzukaufen, und danach zu einem Treffen jüdischer Künstlerinnen zu gehen, die miteinander malen, macht mich glücklich.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Sieben Monate USA: Blizzard und Wahlkampf

Ich kann gar nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin schon mehr als sieben Monate in den USA. In der Schule ist die Zeit immer so langsam vergangen, sogar ein einziger Schultag kam mir wie eine Ewigkeit vor. Hier habe ich bereits viel erlebt und wunderbare Menschen getroffen. Ich liebe es einfach hier zu sein.

Mitte Januar habe ich zum ersten Mal einen Au-Pair-Abschied miterlebt: Drei meiner engen Freunde sind innerhalb von einer Woche zurück in ihre Heimat gegangen. Das war sehr hart für mich… Ich wusste, dass neue Au-Pairs als Ersatz kommen, aber wir waren befreundet und haben uns jeden Tag getroffen. Die gute Nachricht ist, dass die neuen Au-Pairs auch sehr nett sind. In meinem Freundeskreis sind wir jetzt zwei Deutsche und vier Südafrikanerinnen. Zusammen haben wir unter anderem einen Tagesausflug zu den Great Falls (Montana) unternommen, um uns besser kennen zu lernen. Stundenlang sind wir am Potomac-Fluss entlang gelaufen und haben jede Menge Bilder gemacht.

Zwei Wochen später hatten wir einen Blizzard. Der Wintersturm „Jonas“ brachte Unmengen von Schnee an die US-Ostküste. Am Anfang dachte ich, dass die Leute hier übertreiben, aber Washington DC ist für Schneefall schlecht gerüstet. Einmal hat es geschneit, der Schnee ist noch nicht einmal liegen geblieben und die Schule für meine Gastkinder begann mit zwei Stunden Verspätung – unglaublich! Der Supermarkt um die Ecke war halb ausgeräumt, Brotregale waren leer, Gemüse ausverkauft, sogar Mikrowellenpopcorn und heiße Schokolade gab es nicht mehr. Am Freitagabend wurde erwartet, dass der Blizzard am schlimmsten ist, deshalb hatten meine Gastkinder schulfrei. Ich fand das komisch, weil es erst gegen 16 Uhr angefangen hat zu schneien.

Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, habe ich erst gesehen, wieso man so übervorsichtig war: Es waren etwa 85 cm Schnee gefallen und es hat immer noch geschneit. Das hätte ich nie und nimmer gedacht. Bei so einem Wetter bleibt man natürlich nicht daheim, wir sind alle Schlitten fahren gegangen. Durchgefroren und mit nassen Klamotten gingen danach zu einer Freundin, um uns aufzuwärmen. Das Schlittenfahren haben wir an den folgenden Tagen wiederholt. Besonders meinen südafrikanischen Freunden gefiel der Blizzard, denn es war das erste Mal, dass sie Schnee wirklich miterlebt haben.

Am Valentinstag bin ich mit zwei Freundinnen nach Chicago geflogen. Wir haben dort das kälteste Wochenende des Jahres erwischt (-18 Grad). Im Schichtenoutfit besichtigten wir die Stadt. Mein Highlight war die Aussicht aus einem Restaurant im obersten Stock eines Wolkenkratzers auf Chicago und den Michigansee.

Mitte Februar besuchte ich einen Wochenendkurs über die Wahlen und das Wahlsystem in den USA. Bei mir blieb vor allem der Eindruck hängen, dass das System des Wahlkollegs unfair ist. Die US-Bürger wählen den Präsidenten nicht direkt, sondern über 538 Wahlmänner. In diesem sogenannten „electoral college“ ist jeder einzelne Bundesstaat vertreten – wie stark, das hängt von seiner Präsenz in den beiden Kammern des US-Kongresses ab. Das Minimum liegt bei drei wie im Falle von Alaska. Die meisten Wahlmänner und -frauen hat zurzeit Kalifornien mit 55, gefolgt von New York (31) und Florida (27).

Normalerweise sollten die Wahlmänner- und -frauen nach dem Wunsch ihres Bundestaates wählen, aber das Komische ist, dass sie das nicht müssen. Das ganze Prinzip geht zurück auf die Anfängen der USA, als es noch kein Telefon oder Internet gab und Informationen mittels Brief und Pferd übermittelt wurden. Geschockt hat mich vor allem zu hören, dass man eigentlich nur 21,91% der Wählerstimmen braucht, um die Mehrheit im Electoral College zu erlangen und damit die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Denn das Prinzip lautet „The winner takes it all“ (Der Gewinner bekommt alles). Das heißt: Die Wahlmänner-Stimmen des jeweiligen Staates werden komplett jenem Kandidaten zugeordnet, der im Staat die meisten Wählerstimmen erhalten hat.

Die beiden stärksten Kandidaten zurzeit sind die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner Donald Trump. Clintons Kampagne wendet sich gegen das transpazifische Freihandelsabkommen und die XL-Pipelines (die Öl aus Teersanden von Kanada nach Texas pumpen sollen) und sie will die Steuern auf Kapitalgewinne erhöhen. Trump hingegen will die Steuern reformieren auf 0%, 10%, 20% und 25%. Er will Behandlungsprogramme für Menschen mit psychischen Problemen als Reaktion auf Waffentragödien erweitern und eine Mauer zur mexikanischen Grenze bauen.

Meine Professorin beim Wochenendkurs meinte, Trump sei ein nicht ernstzunehmender Kandidat. Sie ist Freiwählerin, also weder Anhängerin der Republikaner noch der Demokraten, und achtet mehr auf die Wahlprogramme der Kandidaten.

Das war es für den Moment aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mir geht es sehr gut und ich freue mich auch schon auch den bevorstehen Besuch meiner Mutter und meines Bruders. Ich vermisse sie sehr!

„Generation Beziehungsunfähig“ contra „Der unbesiegbare Sommer in uns“

Zwei neue Bücher liegen vor mir: Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“ (vor der Veröffentlichung schon in 2. Auflage) und Nina Ruges „Der unbesiegbare Sommer in uns (in neuer, 4. Auflage).

Michael Nast, „Sprachrohr seiner Generation“ (so sein Verlag), dem bei seinen Lesungen (meist im Audimax der Unis) junge urbane Singles zu Tausenden lauschen, hat seinen Netz-Artikel zu einem Buch mit gleichem Titel ausgebaut. Der literaturbewanderte 40-jährige Single, Buchhändler aus Köpenick, spricht seinem zu 90 Prozent weiblichen Publikum aus der Seele. Mit der Formel „Ich kann nicht, ich bin beziehungsunfähig“, legt er ein Bekenntnis ab über seine emotionale Unzulänglichkeit. Zu kompliziert sei das zeitgenössische Ich, um sich einem Leben in Partnerschaft auszusetzen. Die „Flexibilisierungslogik der Arbeitswelt“ verlange ein entsprechend kühles Kalkulieren auch im Privatleben. Es bleibe eine Unzufriedenheit von immer nur potenziell einander Liebenden. Und diese bilden die Anhängerschaft dieses „charismatischen Wanderpredigers der Beziehungsunfähigkeitslehre“, eines „Suchenden, der zu Suchenden spricht“ (ZEIT 18.02.16). Für ihn ist am Ende immer „das System“ schuld an der emotionalen Verkorkstheit der jungen Erwachsenen.

Nasts Lösungen? Die Ehe als herkömmliche Antwort, als Beziehungsform, die „ja religiös geprägt“ sei drohe sich aufzulösen. Man wage dafür keinen Einsatz mehr, weil man Verletzungen vermeiden wolle. Gegen diesen Egotrip verweist Nast auf den Schriftsteller Jonathan Franzen: „Mein Herz sagt es mir, und mein gesunkenes Maß an Selbstsucht liefert verlässliche Beweise dafür“. Es sei die Liebe, die den Impuls auslöst, ein „besserer Mensch zu werden“ und damit „die Selbstsucht zu überwinden“.

Neue Anfänge lägen in uns, mit ihnen beginne die Veränderung, so endet Nasts Buch.

Neue Anfänge – wie das aussehen könnte, das zeigt Nina Ruge in ihrem sehr persönlichen Buch „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Die bekannte TV-Moderatorin versteht ihr Buch als „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“. Die ehemalige Studienrätin für Biologie und Deutsch sieht sich als „Mitglied der modernen Wissensgesellschaft“ und ist zugleich dankbar, dass sie „die tiefe Bewusstheit für das Geschenk des Lebens“ entdeckt hat. „Seit mehr als 40 Jahren befinde ich mich auf einem anderen Weg. Ich preise das Geschenk unseres Verstandes und trainiere mich zugleich in einem neuen Bewusstsein“. Nach der Angstphase ihrer Kindheit und nach der Pubertät erfuhr sie die Kraftquelle in sich selbst, die durch Worte nicht erreichbar ist, weil sie auf einer anderen Ebene als der des Verstandes wohnt. „Letztlich haben alle Religionen das zum Ziel: uns die Tür zu dem zu öffnen, was der Verstand nicht zu fassen weiß“. Jenen Ort intensiver Kraft nennt sie den unbesiegbaren Sommer, nach der Metapher von Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter entdeckte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Solches Entdecken, das ständiges Üben erfordert, ist eine „mühsame Reise ins Innere der Liebe“. „Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“

In Ruges Reiseführer ist besonders bemerkenswert das Kapitel 13 (S. 167 – 181), mit der Überschrift: WAS IST LIEBE – UND WENN JA, WIE VIELE?) Und als Untertitel:
„Ihr seid das Licht für die Welt“ (Mt. 5,15).

Angesichts einer Riesenpalette verschiedener Spielarten von Liebe auf dem Markt der Gefühle im 21. Jahrhundert fragt Ruge nach einem „Quell für Liebe, und wenn ja – wo entspringt er?“ Die „Erretter – Liebesvorstellungen der Hollywood- und TV-Schmonzetten“ (à la Pretty Woman und Rosamunde Pilcher) sind für Ruge „großartige Lehrstücke darüber, was die Essenz der Liebe gerade nicht sein kann“.

Gibt es, so fragt sie, vielleicht Formen von Liebe, die weniger in Abhängigkeit von außen stehen. Und sie antwortet: „Vielleicht solche, die aus uns selbst kommen. Zum Beispiel die, von der uns das Johannesevangelium erzählt? Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.

„Die Scarlett-Julia-Liebe hat mit der Bibel-Liebe nichts zu tun, oder? Jawohl, dieser Meinung bin ich (weitgehend)“. Ein starkes Bekenntnis von Nina Ruge – und sie belegt es aus ihren Erfahrungen mit Menschen –„ich fürchte, es sind nicht so sehr viele -, die tun alles mit Liebe.“

In solchen Menschen finde das Ego einfach keinen Nährboden! Und sie verweist auf Meister Eckhart (der vor 700 Jahren auch in Köln gepredigt hatte): „Der wahrhaft Liebende liebt Gott in allem und findet Gott in allem.“

Und Nina Ruge fragt weiter, „was uns denn überhaupt liebesfähig macht, im Sinne von Johannes und Meister Eckhart natürlich“.

„Durch den unbesiegbaren Sommer in uns“, also „aus dem klaren und permanenten Bewusstheit für das Wunder des Lebens in uns und um uns herum“, lautet die Antwort. „Diese Bewusstheit ist nicht Liebe. Aber aus ihr heraus sprudelt sie.“

Ruge nennt diese Bewegtheit im Anklang an den Zen-Buddhismus ihr Satori, eine Art befristete Erleuchtung, empfunden als Befreiung vom Ich und vom Diktat der Zeiten. Von Gotteserfahrung mag sie nicht sprechen, „weil die Vokabel zu verquer aufgeladen ist“.

Aus dieser Erfahrung entstehe eine „unerschöpfliche, unzerstörbare Liebe zu allem, was ist“. Wer in diesem Bewusstsein lebt, der fragt nicht: „Wo kriege ich Liebe her?“, weil er weiß, dass diese Frage einer der größten Irrtümer überhaupt über die Liebe ist.

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„Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“ (Nina Ruge). Foto: Patrick Marty / cc0-gemeinfrei / pixabay.com/pfarrbriefservice.de

1:0 für Nina Ruge, mit Gruß an Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“!

„Wenn wir sie vermessen wollen, die Liebe unseres Partners, dann verlieren wir uns.“

„Wenn keiner den anderen retten muss, verlieren Liebesgeschichten ihren tragischen Charakter.“

„Wo wir den starken Quell der Liebe in uns selbst entdecken, dann, ja dann wird Liebe zwischen zwei Menschen auf einer ganz anderen Ebene möglich.“

Und wie öffnet sich für Nina Ruge das Portal zum unbesiegbaren Sommer in uns? Indem wir ein Bewusstsein für die Heiligkeit und Kraft des Seins als zweite Wahrnehmungsebene in den Alltag einbeziehen.

Wie gelingt das Nina Ruge?

„Wenn ich nachfühle, mit welcher Bestimmtheit ich meine Umwelt betrachte (und sei es die Rose in meiner Badezimmer-Vase), dann weiß ich auch, wie es um meine Portale in Richtung unbesiegbarer Sommer steht. Keine liebevolle Bestimmtheit – kein offenes Tor. Ein Seismograph mit Namen Herzlichkeit.“

Kennen wir das nicht von Ignatius von Loyola? „Gebet liebender Aufmerksamkeit“ nennt er das in seinen geistlichen Übungen.

In den Schlusssätzen ihres Liebeskapitels spricht Nina Ruge vom „gravierenden Irrtum unserer Zeit, dass Liebe auf wenige Menschen zu beschränken sei und vor allem, dass sie auf der Haben-Seite verbucht wird. Es geht darum, Liebe zu GEBEN, umfassend und immer, mal mit hoher Frequenz, mal mit niedriger“.

Nina Ruges „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“ – eine dringende Lesempfehlung für die „Generation Beziehungsunfähig“!

Michael Nast, Generation Beziehungsunfähig, Edel Verlag (14,95 Euro)

Nina Ruge, Der unbesiegbare Sommer in uns, Kailash Verlag (17,99 Euro)