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Coronakrise und Flüchtlingskinder

Die Coronakrise ist zwar eine weltweite Problematik, hat allerdings nicht zu mehr Weitblick im Sinne von mehr Themenvielfalt geführt. Im Gegenteil: Die Probleme von geflüchteten Menschen sind zum Beispiel weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten. Dabei haben gerade diese Menschen wegen der Krise einen besonders schweren Stand. Vielleicht ermöglicht es zumindest der Weltflüchtlingstag am 20. Juni, den Blick hierauf etwas zu weiten. Um die Situation von Asylbewerbern im Bistum Eichstätt in der Coronazeit ein wenig  zu beleuchten, habe ich mit Angela Müller, Mitarbeiterin der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas-Kreisstelle Eichstätt und Sprecherin für diesen Bereich beim Caritasverband der Diözese, gesprochen.

Dezentrale Unterbringung im Vorteil

„Da geflüchtete Menschen oft auf beengtem Raum leben müssen, ist es für sie eine besondere Herausforderung, Kontakte zu vermeiden und Abstandsgebote einzuhalten“, erfährt Angela Müller. Umso erleichterter ist sie, dass bei den Beratungen der Caritas im Bistum Eichstätt bisher nur wenige Fälle von Ansteckung mit Corona bei Asylbewerbern bekannt geworden sind, im Landkreis Eichstätt sogar noch gar kein Fall. Gerade bei dieser Problematik zeigt sich ein großer Vorteil der dezentralen Unterbringung vieler hier. „Es kommt erstens nicht so schnell zu Ansteckungen und zweitens, wenn dies passiert, nicht zu Masseninfektionen, die es ja jetzt in mehreren größeren Unterkünften in Deutschland gegeben hat“, erklärt die Caritas-Sprecherin einen Vorteil der dezentralen Lösung, die allerdings grundsätzlich von politischen Entscheidungsträgern für die Zukunft nicht favorisiert wird.

Die Coronakrise hat für die geflüchteten Menschen zahlreiche Nachteile mit sich gebracht, vor allem für das schulische Lernen der Kinder. In den Wohncontainern ist kein WLAN möglich, und sich den ganzen Stoff über mobile Daten herunterzuladen, ist für die Leute zu teuer. Ferner haben viele nicht nur keinen geeigneten Raum zum Lernen, sondern auch keinen Computer zur Verfügung. „Wir haben versucht, in einigen Fällen über die 150 Euro Gutschein-Regelung der Bundesregierung für bedürftige Schüler zur Anschaffung von entsprechenden Geräten etwas zu verbessern, aber trotz Nachfragen bei mehreren Behörden nicht erfahren, wo dieses Geld abgerufen werden kann“, so die Caritasberaterin. „Gott sei Dank haben wir für einige immerhin von Schulen Computer ausleihen können.“

Neben mangelnder technischer Ausrüstung ist natürlich aber auch die menschliche Unterstützung beim Lernen der Kinder zu Hause eine besondere Herausforderung für Flüchtlingsfamilien: „Wenn schon deutsche Eltern hier ihre Probleme haben, kann man sich vorstellen, wie es Eltern anderer Sprache und Kultur dabei ergehen muss. Und da ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ja bisher nicht die Unterkünfte betreten dürfen und die wenigsten Familien Anspruch auf eine Notbetreuung haben, sind sie, was das Homeschooling betrifft, wirklich abgehängt“, spricht die Caritasberaterin Klartext. Und viele Fortschritte, welche die Flüchtlingskinder beim Erlernen der deutschen Sprache durch Spielen mit deutschen Kindern gemacht haben, sind durch das Gebot der Kontaktvermeidung nun wieder gefährdet.

Persönliche Beratung wieder möglich

Doch nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen befinden sich in der Coronakrise immer wieder in schwierigen Situationen. „Wenn es um Anträge geht, haben die Behörden den Asylbewerbern vor der Krise zumindest teilweise beim Ausfüllen oder Verstehen geholfen. In den letzten Monaten mussten die Anträge zur Kontaktvermeidung aber vollständig ausgefüllt zugestellt werden“, erzählt mir Angela Müller. Immerhin können Betroffene bei solchen Problemen seit kurzem wieder nach Anmeldung persönlich zur Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas kommen, um sich helfen zu lassen. „Am Telefon ist so etwas nur schwer möglich“, ist die Erfahrung der Caritasberaterin. Auch für Geflüchtete mit psychosozialen Problemen ist bei ihr zum Beispiel wieder ein direktes Gespräch möglich. Ansonsten wird aber auch noch bei der Caritas zur Sicherheit die telefonische Beratung bevorzugt.

Ein weiteres Problem ist die Gewährung eines besonderen Schutzes für  Risikogruppen unter den Asylbewerbern: Aufgrund des Platzproblems in vielen Unterkünften, in denen sich Betroffene häufig Zimmer, Bad und Küche mit anderen teilen müssen, ist das kaum möglich.

Vermehrt helfen

Dass auch geflüchtete Menschen Einschränkungen aufgrund der Coronakrise in Kauf nehmen müssen, stellt Angela Müller nicht in Frage. Dennoch könnten Gesellschaft und Politik etwas tun, um ihnen in einer besonders schwierigen Lage zu helfen. Von der Gesellschaft wünscht sie sich unmittelbar nach der Krise ein verstärktes ehrenamtliches Engagement, um den Kindern in ihren Unterkünften beim Lernen vermehrt zu helfen, Verpasstes wieder aufzuholen. Oder auch, dass sich Leute finden, die mit ihnen einfach ab und zu draußen spielen, womit Freude am Leben und Deutschlernen Hand in Hand gehen. Von der Politik fordert die Caritasberaterin, dass vor allem in größeren Unterkünften gesonderte Räume mit entsprechender technischer Ausrüstung ermöglicht werden, um für die Kinder ein besseres Homeschooling zu realisieren. Besonders wichtig ist das natürlich dann, wenn es noch zu einer zweiten Coronawelle kommt. Diese würde freilich die ganze Bevölkerung vor neue Herausforderungen stellen, wäre insbesondere aber eine zusätzliche  Belastung für geflüchtete Menschen: weltweit sowieso, aber auch für die bei uns lebenden Asylbewerber.

Gastprofessor in „little Vatican“

Was haben die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, die oscarprämierte US-Schauspielerin Susan Sarandon und der Eichstätter Diözesanpriester Marco Benini gemeinsam? Allen dreien ist die Catholic University of America (CUA) in Washington vertraut. Die beiden Frauen studierten an der Hochschule, die von der katholischen Bischofskonferenz der USA getragen wird. Liturgiewissenschaftler Benini ist seit knapp einem Jahr Gastprofessor an der CUA. Während dort gerade Semesterferien sind, nutzt der gebürtige Ingolstädter im Heimaturlaub die Gelegenheit, sich in Ruhe wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu widmen oder Vorlesungen vorzubereiten.

Zurück in Pfraunfeld

Dass er die Chance bekam, an der renommierten CUA zu lehren, sei „das Beste, was mir hätte passieren können“, stellt der 37-Jährige im Gespräch mit der Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt fest. Benini hat in Eichstätt und Rom Theologie studiert. 2015 schloss er seine Doktorarbeit ab, 2018 seine Habilitationsschrift. Zugleich war er seit 2012 Kaplan in Raitenbuch und Pfraunfeld, wo er kürzlich wieder einmal einen Gottesdienst hielt und sich über das Wiedersehen freute.

Das Angebot, Gastprofessor in den USA zu werden, bekam Benini bei einer wissenschaftlichen Tagung in Belgien. Als er dort einen Vortrag hielt, saß der Dekan der CUA im Publikum, „so hat sich der Kontakt entwickelt“. Mit Zustimmung des Eichstätter Bischofs lehrt der Liturgiewissenschaftler nun an der School of Theology and Religious Studies. Dort hat er es in den Vorlesungen mit weit mehr Studierenden zu tun als in Eichstätt. So habe er zum Beispiel ein Seminar über Buße und Krankensalbung für 28 Diakone gegeben, erzählt Benini. Während des Pastoralkurses stehen für angehende Priester in den USA nämlich noch Vorlesungen an, während deutsche Weihekandidaten das Studium in dieser Phase schon hinter sich haben. Umgekehrt würden US-Priesteramtskandidaten schon von Studienbeginn an Pfarreien zugeordnet, um am Wochenende Praxiserfahrung zu sammeln, berichtet er.

Seine Adressaten sind aber nicht nur Theologiestudenten. Er gibt auch theologische Einführungsseminare für fachfremde Studierende. So spricht er an der „Nursing school“, an der angehende Krankenschwestern eine akademische Ausbildung erhalten, über die Krankensalbung, oder er gibt in einem Basismodul zur Bibel Einblick in die Heilige Schrift. Ganz gleich, für welches Fach man sich an der CUA auch einschreibt – Vorlesungen in Theologie sind obligatorisch. „Wissensvermittlung im Licht des christlichen Glaubens“ gibt die Homepage der Hochschule als Ziel aus: „Wir leben unseren Glauben an der Katholischen Universität. Wir bieten unseren Studenten Zugang zu den Sakramenten.“

1889 hatte die amerikanische Vollversammlung der Bischöfe die Erlaubnis aus Rom erwirkt, eine katholische Universität zu errichten. War doch der Katholikenanteil in der Neuen Welt wegen der vielen Einwanderer aus Europa stark gestiegen. Aber sie seien von den gebürtigen Amerikanern misstrauisch beäugt und als „papstgesteuert“ betrachtet worden, erzählt Benini. Dass in den Kirchen US-Flaggen hängen, gehe auf diese Zeit zurück. Es sei ein Zeichen der Loyalität gewesen. Einen Imagegewinn für die katholische Kirche habe letztlich aber erst das Zweite Vatikanische Konzil gebracht. Und die Tatsache, dass mit John F. Kennedy erstmals ein katholischer Präsident ins Weiße Haus einzog.

Rund 20 Prozent der US-Amerikaner sind heute katholisch. „Grundsätzlich muss man sich die USA viel religiöser vorstellen als Deutschland“, berichtet Benini. Der durchschnittliche Kirchenbesuch liege bei 30 Prozent. Und im Baseballstadion, in das die Kollegen ihn mitgeschleppt haben, erklinge „God bless America“.

Katholisches Zentrum

An der CUA schlägt das Herz des katholischen Amerika. „Little Vatican“ wird das weitläufige Unigelände genannt, auf dem Klöster und viele katholische Organisationen ihren Hauptsitz haben. Es gibt mehrere Priesterseminare, in denen Studierende aus vielen US-Bistümern gemeinsam leben. Dominiert wird der Campus von der Basilika der Unbefleckten Empfängnis, deren Bau 1920 begann. Das Gotteshaus ist die größte katholische Kirche Nordamerikas und eine der zehn größten weltweit. „Riesig“ beschreibt sie Benini, der dort jeden Samstag die Beichte hört und staunt, wie viele Menschen zum Gottesdienst kommen. Sechs Heilige Messen finden allein werktags statt.

Dr. Marco Benini. Foto: Gabi Gess

In Washington, wo er in einem Priesterhaus auf dem Campus mit 20 Geistlichen lebt, möchte Benini zumindest das kommende Semester noch als Gastprofessor wirken. Wie klein die Welt ist, hatte der junge Eichstätter Diözesanpriester bereits bei seiner Ankunft festgestellt: Der Benediktiner, der ihn vom Flughafen abholte, kannte das Eichstätter Kloster St. Walburg. Als nun eine Amerikanerin dort Äbtissin wurde, „da hat er mir das gleich berichtet“, lacht Benini. Ein andermal unterhielt er sich mit einem Professorenkollegen, der früher Regens in Milwaukee war. „Er erinnerte mich an einen Vorgänger namens Michael Heiß. Der 1890 verstorbene spätere Erzbischof von Milwaukee war der berühmteste Sohn der Pfarrei Pfahldorf bei Eichstätt.

Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid – Mitleiden ist besser als Mitleid

In meinem missionarischen Leben habe ich oft das Wort „Mitleid“ gehört, aber auch viel wahrhaftiges und manchmal auch ohnmächtiges Mitleiden erfahren. Mitleid ist eine schnelle und recht menschliche Reaktion. Mitleiden geht tiefer und fordert den „ganzen“ Menschen. In diesem Zusammenhang ist mir klargeworden, dass zum „Leben in Fülle“ auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mitleiden gehören.

Gelingendes Leben wird uns nicht nur in der Werbung vorgespielt, sondern ein jeder und eine jede von uns hat eine konkrete Vorstellung davon. Das ist: Wohlstand, langes, genussvolles und schönes Leben ohne Schmerz und Leid, Friede und Frohsein und vieles mehr. Auch für Christen ist gelingendes Leben eines der Versprechen Jesu. Mit den Worten: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10) stellt Jesus den zentralen Kern seiner Heil schaffenden Botschaft vor. Dies ist ein Satz in der Bibel, der Hoffnung aufkeimen lässt und gleichzeitig, insbesondere in unserer Zeit, missverstanden werden kann. Denn das Leben im Überfluss ist nicht notwendigerweise ein Leben in Fülle.

Ich gehe davon aus, dass Jesus selbst mit seinem Leben diesen Satz verkörpert hat. Ein Leben in Fülle zu versprechen und es selber nicht zu verwirklichen wäre ja seltsam? Wenn wir aber auf das Leben Jesu schauen, dann stellen wir fest und wissen, dass sein Leben alles andere als ein Sommernachtstraum war. Es war ein Leben der Hingabe, des Mitfühlens und des Mitleidens. Wir nennen ihn auch den guten Hirten, der sich empathisch der Menschen annimmt und sich selbstlos ihnen hingibt. Sehe ich auf das Kreuz – in meinem Zimmer oder in einer Kirche – dann spüre ich, dass Jesus für mich und meine Sünden leidet, aber viel mehr sehe ich im Kreuz die Botschaft der Nachfolge, nämlich so zu werden wie er ist. Was heißt dann Leben in Fülle?

Kreuzweg in Kariobangi (Elendsviertel von Nairobi) – Oben: 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen; unten: medizinische Caritas. Foto: hans Eigner

Zur Fülle des Lebens gehören offensichtlich eine grenzüberschreitende Liebe, eine Fähigkeit und Bereitschaft zur Hingabe und eine Beziehung schaffende Empathie. Also eine Fähigkeit zum Mitleiden im guten Sinn (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Geteiltes Leid ist halbes Leid sagt das Sprichwort. Geteilte Freud ist doppelte Freud.

Nur schade, dass wir oft an uns selber leiden und so nicht viel „Mit-Leidens-Kapazität“ für den oder die andere bleibt. Das blockiert uns und notwendende Hilfe geschieht nicht. Außerdem erleben wir nur selten das Glück des „Lebens in Fülle“. Victor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat Hingabe und Lebenssinn unmittelbar in Beziehung gesetzt. Die Welt wird besser, wenn wir weniger an uns selber leiden, sondern mit der Not und den Schicksalen anderer mitleiden. Ein „Leben in Fülle“ stellt sich dann als Freude ein und wir erfüllen die erste Christenpflicht, nämlich: glücklich zu sein.

Brasilien: Krise, Hoffnung und Nächstenliebe

“Verständen wir den Wert und die Würde der Nächstenliebe, wir würden uns auf nichts anderes mehr verlegen”. (Teresa von Avila)

In Brasilien ist Hochsommer und Regenzeit mit Temperaturen zwischen 35°C und 40°C bei uns in Mato Grosso. Um die Jahreswende werden viele Aktionen für die Menschen in den Armenvierteln organisiert. Der Glaube und das Vertrauen in Gott sind Grund zur Freude und Hoffnung trotz der größten Krise und den vielen Probleme, die Brasilien erschütern.

Brasilien steckt seit drei Jahren in einer seiner größten Krisen mit Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Millionen Menschen wurden in die Armut geworfen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40%, jeder zweite Studienabgänger findet keinen Job. Im Jahre 2016 fielen 3,6 Millionen Brasilianer in die extreme Armut und erhöhten die Gesamtzahl auf 22 Millionen. Die hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut sind verantwortlich für eine zunehmende Auswanderung von Jugendlichen in die USA, Kanada, Australien und Europa.

Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich und Brasilien, einst 6. Wirtschaftsnation der Welt, ruchte auf Platz 9 ab. Das monatliche Durschschnittseinkommen fiel um 2,5% und betrug im vergangenem Jahr R$ 1.976,00 (umgerechnet 560 Euro). Die ungleiche Verteilung des Einkommens hat zugenommen, 71.000 Brasilianer verfügen über 22% des Gesamteinkommens bzw. die reichsten 5% der Bevölkerung besitzen 28% des Gesamteinkommens. Auf Grund der zunehmenden Armut haben auch Gewalt und Kriminalitäat extrem zugenommen. Mehr als 60.000 Menschen wurden 2016 ermordet. Brasilien ist gefährlicher als Regionen mit Krieg und Terrorismus. In Rio de Janeiro haben die Behörden die Kontrolle verloren und stark bewaffnete kriminelle Drogenbanden liefern sich fast täglich schwere Gefechte. Fast 100 Polizisten wurden bereits ermordet. Schwerbewaffnete Militärs unterstützen die Polizei im täglichen Kampf gegen die Drogenbanden.

Eine Anakonda überquert die Straße – nicht die größte Gefahr in Brasilien. Foto: Manfred Göbel

Verantwortlich für das Chaos ist die genzenlose Korruption, die alle Bereiche erfasst (Parlament, Regierung, Justiz, Polizei und Unternehmer). Ein junger mutiger Richter und ein paar junge Staatsanwälte kämpfen gegen die Korruption mit einigen Erfolgen, doch wie lange? Das Chaos hat auch die öffentlichen Dienste erreicht, die Komunen, Länder und Bund sind pleite. Folgen sind schlecht funktionierende Gesundheitsdienste, Schulen, Universitäten, Sicherheit. Viele Krankenhäuser leiden unter Materialmangel, einige schließen.

Doch die jüngst veröffentlichen Zahlen zur Inflation (2,46% gegenüber 10,71% in 2016) und Leitzins (7% gegenüber 14,24% in 2016) und die Prognose eines Wirtschaftswachstum von 0,5% sowie eines leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahl lassen auf ein Ende der Rezession hoffen. Die politische Lage bleibt jedoch instabil mit einem Präsidenten, der wegen Korruption durch den Generalbundesanwalt angeklagt ist, und einem Parlament, in dem mehr als 40% der Abgeordneten in Korruptionskandale verwickelt sind.

Unsere Welt scheint auch aus den Fugen geraten zu sein. Die Konflikte nehmen zu, man versteht sich nicht mehr. Die Liebe und der Frieden werden von Hass und Krieg verdrängt. Wie konnte es so weit kommen? Die Intelligenz arbeitet ohne das Herz, doch nur wenn beide zusammenarbeiten, hat die Liebe eine Chance. “Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Die Liebe hört niemals auf”.(1 Kor 13,1-13).

Buch über Pater Nazareno

Kürzlich wurde eine Biografie des Märtyrers Pater Nazareno Lanciotti in Jauru vorgestellt. Er war italienischer Priester aus Rom und ein sehr guter Freund. Es nahmen ca. 4.000 Menschen an der Buchvorstellung teil (Stadt- und Landkreis haben nur 9.000 Einwohner), darunter auch der Bischof, Bürgermeister, Stadträte und Landtagsabgeordnete. Ich wurde als Vertreter der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und als Freund von Pater Nazareno eingeladen und hielt auch eine Ansprache.

Buchvorstellung in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Pater Nazareno wurde am 11. Februar 2001 beim Abendessen im Pfarrhaus in Anwesenheit von zehn Personen, darunter zwei Ärzte, ein italienischer Enwticklungshelfer und einige Jugendliche, von zwei maskierten und bewaffneten Banditen niedergeschossen. Am 22. Februar 2001 starb er nach einem schmerzvollen Leiden. Am 8. Februar aßen wir beide noch zu Abend in Cuiaba und ich hätte auch am 11. Februar in Jauru sein sollen, verschob jedoch die Reise um einen Tag. Er wollte mit mir und den Ärzten über die Verbesserung des Gesundheitsdienstes und Leprakontrolle sprechen. Jauru hat eine sehr hohe Leprarate (240 Leprakranke/100.000 Einwohner).

Kirche in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Bischof Dom Jose von der Diözese Caceres erwähnte in seiner Ansprache das soziale und spirituelle Engagement von Pater Nazareno, das viele störte und Motiv für seinen Tod war. Der Bischof ist auch ein begeisteter Verfechter der Lepraarbeit der DAHW. Seine Diözese liegt im Grenzgebiet zu Bolivien mit hoher Leprarate. Jauru liegt rund 400 km westlich von Cuiaba. Das Buch von Pater Nazareno gibt es in italienischer und portugiesischer Version, und wurde vor zwei Jahren vom italienischen Schriftsteller Ivaldo Riva in Italien veröffentlicht.

DAHW Brasilien

Die DAHW, für die ich seit 1979 in Brasilien tätig bin, hat ein Büro in der Stadt Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais eröffnet, das von Dr. Reinaldo Bechler geleitet wird. Er tritt meine Nachfolge an, da ich ab Januar 2019 in Rente gehe. Im kommenden Herbst bin ich in Deutschland und werde auch in Absprache mit der DAHW einige Gruppen besuchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die unsere Arbeit unterstützen und Gottes Segen für 2018.

(Auszug aus dem Weihnachtsbrief 2017)