Kategorie-Archiv: Allgemein

Geteiltes Leid ist halbes Leid – Mitleiden ist besser als Mitleid

In meinem missionarischen Leben habe ich oft das Wort „Mitleid“ gehört, aber auch viel wahrhaftiges und manchmal auch ohnmächtiges Mitleiden erfahren. Mitleid ist eine schnelle und recht menschliche Reaktion. Mitleiden geht tiefer und fordert den „ganzen“ Menschen. In diesem Zusammenhang ist mir klargeworden, dass zum „Leben in Fülle“ auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mitleiden gehören.

Gelingendes Leben wird uns nicht nur in der Werbung vorgespielt, sondern ein jeder und eine jede von uns hat eine konkrete Vorstellung davon. Das ist: Wohlstand, langes, genussvolles und schönes Leben ohne Schmerz und Leid, Friede und Frohsein und vieles mehr. Auch für Christen ist gelingendes Leben eines der Versprechen Jesu. Mit den Worten: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10) stellt Jesus den zentralen Kern seiner Heil schaffenden Botschaft vor. Dies ist ein Satz in der Bibel, der Hoffnung aufkeimen lässt und gleichzeitig, insbesondere in unserer Zeit, missverstanden werden kann. Denn das Leben im Überfluss ist nicht notwendigerweise ein Leben in Fülle.

Ich gehe davon aus, dass Jesus selbst mit seinem Leben diesen Satz verkörpert hat. Ein Leben in Fülle zu versprechen und es selber nicht zu verwirklichen wäre ja seltsam? Wenn wir aber auf das Leben Jesu schauen, dann stellen wir fest und wissen, dass sein Leben alles andere als ein Sommernachtstraum war. Es war ein Leben der Hingabe, des Mitfühlens und des Mitleidens. Wir nennen ihn auch den guten Hirten, der sich empathisch der Menschen annimmt und sich selbstlos ihnen hingibt. Sehe ich auf das Kreuz – in meinem Zimmer oder in einer Kirche – dann spüre ich, dass Jesus für mich und meine Sünden leidet, aber viel mehr sehe ich im Kreuz die Botschaft der Nachfolge, nämlich so zu werden wie er ist. Was heißt dann Leben in Fülle?

Kreuzweg in Kariobangi (Elendsviertel von Nairobi) – Oben: 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen; unten: medizinische Caritas. Foto: hans Eigner

Zur Fülle des Lebens gehören offensichtlich eine grenzüberschreitende Liebe, eine Fähigkeit und Bereitschaft zur Hingabe und eine Beziehung schaffende Empathie. Also eine Fähigkeit zum Mitleiden im guten Sinn (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Geteiltes Leid ist halbes Leid sagt das Sprichwort. Geteilte Freud ist doppelte Freud.

Nur schade, dass wir oft an uns selber leiden und so nicht viel „Mit-Leidens-Kapazität“ für den oder die andere bleibt. Das blockiert uns und notwendende Hilfe geschieht nicht. Außerdem erleben wir nur selten das Glück des „Lebens in Fülle“. Victor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat Hingabe und Lebenssinn unmittelbar in Beziehung gesetzt. Die Welt wird besser, wenn wir weniger an uns selber leiden, sondern mit der Not und den Schicksalen anderer mitleiden. Ein „Leben in Fülle“ stellt sich dann als Freude ein und wir erfüllen die erste Christenpflicht, nämlich: glücklich zu sein.

Brasilien: Krise, Hoffnung und Nächstenliebe

“Verständen wir den Wert und die Würde der Nächstenliebe, wir würden uns auf nichts anderes mehr verlegen”. (Teresa von Avila)

In Brasilien ist Hochsommer und Regenzeit mit Temperaturen zwischen 35°C und 40°C bei uns in Mato Grosso. Um die Jahreswende werden viele Aktionen für die Menschen in den Armenvierteln organisiert. Der Glaube und das Vertrauen in Gott sind Grund zur Freude und Hoffnung trotz der größten Krise und den vielen Probleme, die Brasilien erschütern.

Brasilien steckt seit drei Jahren in einer seiner größten Krisen mit Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Millionen Menschen wurden in die Armut geworfen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40%, jeder zweite Studienabgänger findet keinen Job. Im Jahre 2016 fielen 3,6 Millionen Brasilianer in die extreme Armut und erhöhten die Gesamtzahl auf 22 Millionen. Die hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut sind verantwortlich für eine zunehmende Auswanderung von Jugendlichen in die USA, Kanada, Australien und Europa.

Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich und Brasilien, einst 6. Wirtschaftsnation der Welt, ruchte auf Platz 9 ab. Das monatliche Durschschnittseinkommen fiel um 2,5% und betrug im vergangenem Jahr R$ 1.976,00 (umgerechnet 560 Euro). Die ungleiche Verteilung des Einkommens hat zugenommen, 71.000 Brasilianer verfügen über 22% des Gesamteinkommens bzw. die reichsten 5% der Bevölkerung besitzen 28% des Gesamteinkommens. Auf Grund der zunehmenden Armut haben auch Gewalt und Kriminalitäat extrem zugenommen. Mehr als 60.000 Menschen wurden 2016 ermordet. Brasilien ist gefährlicher als Regionen mit Krieg und Terrorismus. In Rio de Janeiro haben die Behörden die Kontrolle verloren und stark bewaffnete kriminelle Drogenbanden liefern sich fast täglich schwere Gefechte. Fast 100 Polizisten wurden bereits ermordet. Schwerbewaffnete Militärs unterstützen die Polizei im täglichen Kampf gegen die Drogenbanden.

Eine Anakonda überquert die Straße – nicht die größte Gefahr in Brasilien. Foto: Manfred Göbel

Verantwortlich für das Chaos ist die genzenlose Korruption, die alle Bereiche erfasst (Parlament, Regierung, Justiz, Polizei und Unternehmer). Ein junger mutiger Richter und ein paar junge Staatsanwälte kämpfen gegen die Korruption mit einigen Erfolgen, doch wie lange? Das Chaos hat auch die öffentlichen Dienste erreicht, die Komunen, Länder und Bund sind pleite. Folgen sind schlecht funktionierende Gesundheitsdienste, Schulen, Universitäten, Sicherheit. Viele Krankenhäuser leiden unter Materialmangel, einige schließen.

Doch die jüngst veröffentlichen Zahlen zur Inflation (2,46% gegenüber 10,71% in 2016) und Leitzins (7% gegenüber 14,24% in 2016) und die Prognose eines Wirtschaftswachstum von 0,5% sowie eines leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahl lassen auf ein Ende der Rezession hoffen. Die politische Lage bleibt jedoch instabil mit einem Präsidenten, der wegen Korruption durch den Generalbundesanwalt angeklagt ist, und einem Parlament, in dem mehr als 40% der Abgeordneten in Korruptionskandale verwickelt sind.

Unsere Welt scheint auch aus den Fugen geraten zu sein. Die Konflikte nehmen zu, man versteht sich nicht mehr. Die Liebe und der Frieden werden von Hass und Krieg verdrängt. Wie konnte es so weit kommen? Die Intelligenz arbeitet ohne das Herz, doch nur wenn beide zusammenarbeiten, hat die Liebe eine Chance. “Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Die Liebe hört niemals auf”.(1 Kor 13,1-13).

Buch über Pater Nazareno

Kürzlich wurde eine Biografie des Märtyrers Pater Nazareno Lanciotti in Jauru vorgestellt. Er war italienischer Priester aus Rom und ein sehr guter Freund. Es nahmen ca. 4.000 Menschen an der Buchvorstellung teil (Stadt- und Landkreis haben nur 9.000 Einwohner), darunter auch der Bischof, Bürgermeister, Stadträte und Landtagsabgeordnete. Ich wurde als Vertreter der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und als Freund von Pater Nazareno eingeladen und hielt auch eine Ansprache.

Buchvorstellung in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Pater Nazareno wurde am 11. Februar 2001 beim Abendessen im Pfarrhaus in Anwesenheit von zehn Personen, darunter zwei Ärzte, ein italienischer Enwticklungshelfer und einige Jugendliche, von zwei maskierten und bewaffneten Banditen niedergeschossen. Am 22. Februar 2001 starb er nach einem schmerzvollen Leiden. Am 8. Februar aßen wir beide noch zu Abend in Cuiaba und ich hätte auch am 11. Februar in Jauru sein sollen, verschob jedoch die Reise um einen Tag. Er wollte mit mir und den Ärzten über die Verbesserung des Gesundheitsdienstes und Leprakontrolle sprechen. Jauru hat eine sehr hohe Leprarate (240 Leprakranke/100.000 Einwohner).

Kirche in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Bischof Dom Jose von der Diözese Caceres erwähnte in seiner Ansprache das soziale und spirituelle Engagement von Pater Nazareno, das viele störte und Motiv für seinen Tod war. Der Bischof ist auch ein begeisteter Verfechter der Lepraarbeit der DAHW. Seine Diözese liegt im Grenzgebiet zu Bolivien mit hoher Leprarate. Jauru liegt rund 400 km westlich von Cuiaba. Das Buch von Pater Nazareno gibt es in italienischer und portugiesischer Version, und wurde vor zwei Jahren vom italienischen Schriftsteller Ivaldo Riva in Italien veröffentlicht.

DAHW Brasilien

Die DAHW, für die ich seit 1979 in Brasilien tätig bin, hat ein Büro in der Stadt Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais eröffnet, das von Dr. Reinaldo Bechler geleitet wird. Er tritt meine Nachfolge an, da ich ab Januar 2019 in Rente gehe. Im kommenden Herbst bin ich in Deutschland und werde auch in Absprache mit der DAHW einige Gruppen besuchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die unsere Arbeit unterstützen und Gottes Segen für 2018.

(Auszug aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Eine ganz andere Mission

Als mein Vater im Sterben lag, informierte ich meinen Provinzial hier im Südsudan und ich war überrascht von seinem spontanen Vorschlag, doch sofort nach Hause zu fliegen. „Das ist jetzt deine Mission und zwar eine besondere“. Diese Worte hat er mir noch mit auf den Weg gegeben.

Es hat interessanterweise nicht lange gedauert und ich war bei meinem Vater. Die ganze Reise, quasi unerreichbar, habe ich mich gefragt, ob ich ihn noch lebend antreffen würde. Bei ihm angekommen, waren dann seine ersten Worte: „Gott sei Lob und Dank“. Vielleicht hat er auf den Sohn gewartet, der, neben den anderen vieren, in unerreichbarer Entfernung lebt?

Neun Tage konnte ich noch meinen Vater begleiten und mithelfen, ihn zu pflegen. Er wollte nicht mehr ins Krankenhaus. Das Herz war sehr, sehr schwach und sein Atem schwer. In diesen Tagen habe ich eine neue und tiefere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Darüber bin ich froh und dankbar.

Mein Vater war kein besonders frommer Mann. Eher ein Mann mit Prinzipien. Es war für ihn klar, dass man sonntags in die Kirche geht und zu Tisch betet. Das tiefere Beten, so habe ich den Eindruck, hat er mit seiner Hoffnung auf den Himmel gelernt. Es wird für mich immer in Erinnerung bleiben, wie er in seinen letzten Tagen um das Gebet verlangt und gebeten hat. Wegen seines schweren Atems hat er kaum mehr mitbeten können. Die Luft hat dann gerade noch gereicht für: „jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Dann war er schon wieder völlig ermattet. In diesen Tagen habe ich meine besondere Mission entdeckt. Der Sonntagabend (24. April), der Tage seins Todes, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Auch fühle ich mich ihm jeden Sonntagabend besonders nahe.

Über die vergangenen Jahre hat mein Vater durch sein Hobby für sich und für uns alle in der Familie „Neue Welten“ und „tiefere Schichten des Lebens“ erschlossen. Er war Landkreis-weit bekannt für seine sehr großen Sammlungen von Fossilen, Rosenkränzen, Frömmigkeitsartikel, Sterbe- und Andachtsbildchen. Durch diese Dinge wurde ihm klar, dass das Leben in einem größeren Zusammenhang steht; weit über den Tod hinaus. Das hat ihm Hoffnung und Zuversicht gegeben und geholfen, dem Abschied vom Leben mit aufrechtem Sinn und Gottvertrauen entgegenzusehen.

Mein Vater war stolz auf das, was er alles gesammelt hat. Ich selbst habe mich zunehmend darüber gefreut, wie er sich mehr und mehr in die Reihe derer einbetten konnte, die schon im Himmel einen Platz für immer gefunden haben. In diesem Zusammenhang ist mir auch der Wert von Sterbebildchen bewusst geworden.

Bei der Beerdigung wurde dann das Lied: „Wir sind nur Gast auf Erden“ gesungen und ich habe mir gedacht wie wahr doch diese Worte sind.

Für mich heißt das: Mit leichtem Gepäck, mit froher Gesinnung und der Hoffnung, dass sich hinter dem Dunkel des Todes etwas Großes auftut, durch das Leben zu schreiten. Denn es wird maximal die Zeit einer Generation dauern, bis auch ich meinem Vater folgen werde.

Borie Noble: Frankreich abseits des EM-Rummels

Der Winter auf der Borie Noble ist überstanden, meine Ängste, dass er sehr lang, kalt und einsam sein würde, sind nicht wahr geworden. Vom Holzsägen hatte ich zwar irgendwann genug, aber der Winter war hier, wie in Deutschland, sehr mild und dadurch hielt sich die Arbeit in Grenzen. Ab und an habe ich ein warmes Bad vermisst und mir gewünscht, einfach die Heizung aufzudrehen anstatt Feuer zu machen, aber dafür ist das warme Zimmer, hat man dann mal den Ofen eingeschürt, umso gemütlicher.

Das warme Baden habe ich nachgeholt, als ich im Januar eine Woche zu Hause war, um Familie, Freunde und Nürnberg wiederzusehen. Den Luxus, den ein ganz normales Reihenhaus im Winter zu bieten hat, wusste ich zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Außerdem habe ich mich – zu meinem Erstaunen – sehr gefreut, einfach wieder in Deutschland zu sein. Als ich aus dem TGV von Paris nach Augsburg ausstieg, hatte ich das Gefühl wieder zu Hause zu sein – merkwürdig, da ich noch nie zuvor in Augsburg war. Ich habe festgestellt, dass es stimmt: Man muss erst weggehen, um zu schätzen zu wissen, wo man herkommt. Beruhigend war außerdem das Gefühl, in Nürnberg noch alles an seinem Platz zu finden: Meine Eltern, einige meiner Freunde, meine Gemeinde.

Momentan ist die Borie Noble denke ich so schön wie nie im Jahr: Die ganze Natur geht auf, überall blühen wilde oder angebaute Blumen in allen Farben, die Bäume sind so strahlend hellgrün, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe. Vor ein paar Wochen haben die Vögel zu Beginn des Frühlings gesungen, inzwischen beginnen die Grillen den Frühsommer anzukündigen. Die Klänge, die mich hier den ganzen Tag begleiten, sind die Bäume, die Vögel, die Grillen und der kleine Fluss, der im Tal fließt. Zu Beginn des Frühlings habe ich meine Hängematte aufgehängt und viel meiner Freizeit damit verbracht, darin zu liegen, die Bewegungen der Bäume in Wind zu betrachten und den Vögeln zuzuhören.

Zu dieser Zeit im Jahr merke ich noch intensiver als zuvor, wie einem hier, in der Abgeschiedenheit, alle Sinne aufgehen! Dadurch, dass ich nur eine begrenzte Anzahl an Gesichtern täglich sehe, kein Internet und Fernsehen habe und nicht von Schriftzügen und Werbung umgeben bin, nehme ich die Informationen, die ich bekomme, viel besser auf. Ich schaue jedem Menschen, der mir begegnet, ins Gesicht, ich nehme die Natur mit ihren Gerüchen, Geräuschen, Farben und Formen viel tiefer wahr. Ich bin nach innen und außen viel offener, wachsamer. Wenn ich in einer Stadt bin, merke ich, wie ich erst eine gewisse Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit habe. Es sind zu viele Geräusche, Gesichter, Informationen, bis sich meine Sinne ein Stück weit verschließen und ich den normalen, schützenden „Tunnelblick“ entwickle. Zurück auf der Borie Noble höre ich erst wieder für einen Moment die Stille und atme in der unverschmutzten Luft tief durch.

Ab Januar waren wir hier nur eine kleinere Gruppe, weil keine Besucher kamen. Dadurch war es sehr ruhig und wir vier „longstagaire“ – Langzeitfreiwillige – sind ein eingespieltes Team geworden. Ich habe großes Glück, dass wir Freiwillige uns so gut verstehen, das ist wirklich wichtig, wenn man relativ isoliert in einer kleinen Gruppe lebt. Um Ostern herum setzte dann wieder mehr Trubel ein, es kamen mehr Freiwillige, außerdem meine und Rebeccas Familie, wir haben die Osterfeier vorbereitet und man konnte sich endlich wieder mehr draußen aufhalten.

Ostern wird hier einerseits sehr christlich begangen, andererseits wird auch als Ende des Winters gefeiert, das hier viel mehr Auswirkungen auf das ganze Leben hat als in der Stadt. Am Gründonnerstag gab es eine kleine Zeremonie zur Fußwaschung. Dabei hat jeder die Füße seines Nachbarn oder seiner Nachbarin gewaschen, es wurde gesungen, Texte gelesen und in der Runde Brot und Wein geteilt. Samstagabend war die eigentlich Osterzeremonie mit vielen Lieder und Texten, einem „Partage“ (ich habe dafür immer noch keine adäquate Übersetzung gefunden: im Rahmen eines kleinen Rituals teilt – wer will – seine Antwort auf eine persönliche Frage) zur Frage „Welche Saat möchte ich in mir aufgehen sehen?“ und einem Theater. Dieses zeigte die eher düsteren Persönlichkeiten der Ostergeschichte: Herodes, Pontius Pilatus, den Hohepriester – von mehreren engagées gut und interessant umgesetzt! Als kleine, positive Abschlussszene spielten die drei deutschen Eirene-Freiwilligen Lara, Rebecca und ich die Frauen, die das leere Grab finden und dem Engel begegnen. Das Proben – auf Französisch natürlich – und das Verkleiden als jüdische Frauen mit langen Röcken und großen weißen Tüchern um die Köpfe haben mit viel Spaß gemacht! Am Sonntag gab es dann Festessen mit Buffet, zu dem alle eingeladen waren, etwas beizutragen.

Allgemein habe ich Ostern tatsächlich viel mehr erlebt als in den Jahren zuvor. In denen habe ich zwar manche der Gottesdienste besucht und teilweise auch mitgestaltet, aber nie so gelebt und gefeiert wie hier. Die Freude und der Aufbruch, die von diesem Fest ausgehen – einerseits von christlicher Seite, andererseits das Ende des Winters – sind viel leichter zu erleben und greifbarer.

Inzwischen hat der Sommer Einzug gehalten, ich arbeite viel im Garten, ein Kalb wurde geboren… Bei meinen Arbeiten mache ich inzwischen genau das, was ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Die Hälfte der Zeit habe ich inzwischen feste, eher selbstständige Tätigkeiten: Einen Tag für die Gemeinschaft kochen, zwei Tage die Woche melken, meine Wäsche machen und seit Februar mit Rebecca zusammen die Hühner betreuen. Dafür muss ich sie füttern, ausmisten, die Eier einsammeln und kleine Reparaturen am Hühnerstall vornehmen, was mir alles viel Spaß macht. Mit den Hühnern haben wir auch endlich einen kleinen Sektor, in dem Rebecca und ich Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten können. Es ist zwar kein großer Aufgabenbereich, für mich aber trotzdem wichtig.

Die andere Hälfte meiner Woche helfe ich dort, wo es gebraucht wird, in den verschiedenen Sektoren mit. Im Moment bin ich viel im Garten, wo wir zum Beispiel vor ein paar Wochen mehrere tausend Zwiebeln gesteckt haben. Ich habe aber in letzter Zeit auch beispielsweise auf dem Bauernhof mit Kartoffeln gelegt, in der Bäckerei für eine große Lieferung Kuchen gebacken, den Kleiderfundus entrümpelt, Zimmer gekalkt, Holz für den Brennofen der Töpferei gemacht und vieles mehr …

Bei meiner Entsendeorganisation Eirene haben alle Freiwilligen in den Mitte ihres Dienstes ein Zwischenseminar, bei dem es darum geht, den Friedensdienst bisher zu reflektieren, eventuelle Probleme zu besprechen und zu überlegen, was man in den letzten Monaten noch erreichen oder ändern möchte. Ich hatte mein Seminar vor etwa einem Monat in der Nähe von Grenoble in einer anderen Arche nach Lanza del Vasto, St. Antoine. Dazu kamen alle Eirene-Freiwilligen aus Belgien und Frankreich, insgesamt 13. Im Programm, das wir viel selbst mitgestalten konnten, standen – neben dem oben schon Erwähnten –  beispielsweise auch der Terror in Frankreich und Belgien, unsere persönliche Entwicklung seit Dienstbeginn, Mitarbeit im Garten der Arche St. Antoine, Einzelgespräche mit meiner Betreuerin und mehr. Ich habe mich sehr gefreut, die anderen Freiwilligen von Eirene wiederzusehen und hatte großen Spaß in der Woche. Manche der Einheiten haben mir geholfen, verschiedene Aspekte meines Lebens auf der Borie Noble klarer zu sehen, und haben mir Ideen und Motivation mit in die letzten Monate gegeben. Das Seminar hat auch mein Gefühl verstärkt, von Eirene gut durch mein Auslandsjahr begleitet zu werden.

Für meine letzten dreieinhalb Monate auf der Borie Noble habe ich vor allem vor, den Sommer hier in Südfrankreich voll genießen, mich noch mehr im Garten zu engagieren und Pläne für nach dem Jahr zu machen. Ich weiß aber jetzt schon, dass ich die Lebensweise und die Natur hier sehr vermissen und traurig sein werde zu fahren.

Jamala, Herr der Ringe und die Ukraine

Was könnte der Sieg von Jamala beim ESC 2016 noch alles bedeuten?

#Eurovision 2016, #Ukraine, #Jamala: Unter diesen Stichwörtern erscheint in der Internet-Suche als Erstes der Text des Liedes in Englisch und Deutsch, das beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat:

When strangers are coming
They come to your house
They kill you all
And say
We’re not guilty

We could build a future
Where people are free
To live and love
The happiest time

Wenn Fremde kommen
Kommen sie zu eurem Haus
Sie töten euch alle
Und sagen
Wir tragen keine Schuld

Wir könnten eine Zukunft erschaffen
Wo die Menschen frei sind
Zu leben und zu lieben
Die glücklichste Zeit

Das Lied Jamalas, einer Krimtartarin aus der Ukraine, ist ein sehr persönliches Lied. Es berührt den Hörer wegen des persönlichen Schicksals von Jamalas Urgroßmutter, auf dessen Grundlage das Lied entstanden ist. Trotz der Kürze des Liedes lässt der Text wegen seiner aktuellen Brisanz den Hörer tief in die Geschehnisse von damals eintauchen. Das Lied handelt von der Vertreibung der ethnischen Krimtataren im Jahre 1944 von der Krim nach Zentralasien im Rahmen der stalinistischen Säuberungen, unter denen die Ukraine mehrmals zu leiden hatte. So gab es neben der Verschleppung der Krimtartaren auch den Holodomor, die künstlich hervorgebrachte Hungersnot in der Ukraine, in der Millionen sterben mussten.

Erich Maria Remark schrieb einst: „Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik“ (Der schwarze Obelisk). Man vergisst die Zahlen leicht, wenn man die Namen nie gekannt hat. Eine ukrainische Dichterin, Lina Kostenko, hat dazu einmal tiefgehend und treffend geschrieben: „Alles muss vergehen, weil sonst nichts entstehen kann. Aber wenn dein Vater vergeht … tut es weh“. So hat Jamala ihre persönliche Familiengeschichte besungen, sie der Welt erzählt und damit den unbekannten Opfern ein Gesicht – und einen Namen – gegeben. Die Welt hat ihr zugehört.

Der ESC fand in diesem Jahr am Pfingstwochenende statt und so kann gesagt werden, es ereignete sich von neuem ein kleines Pfingstwunder: Jamala hat Englisch und Tatarisch gesungen und die Zuhörer konnten sie und ihre Botschaft in den verschiedenen Ländern verstehen. Im Vorfeld des ESC 2016 wurde Jamala von Journalisten gefragt, was ein eventueller Sieg für sie bedeuten würde. Jamala antwortete ganz spontan: Dann würde ich mich von allen verstanden wissen. Und dies ist auch zur Freude vieler eingetreten.

Durch Jamalas Lied wurde nicht nur dem Schmerz einer einzigen ukrainischen Familie eine Stimme gegeben, sondern das Leid der ganzen Ukraine gehört. Und hierbei wurde nicht nur das Leid aus der Vergangenheit, sondern die heutige Tragödie – das Vertreiben ganzer Dörfer, Städte und Gebiete – wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch wenn der Fokus der Medien zurzeit verständlicherweise auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet ist, geht der Krieg im Osten der Ukraine weiter, mit täglichen Meldungen über Verwundete, Vermisste und Tote. So starben zum Beispiel gestern sieben Menschen: Sieben Tote bedeuten sieben betroffene Familien, Eltern, Eheleute, Kinder und Freunde …

In dieser für ihr Heimatland schwierigen Zeit hat Jamala der Ukraine eine Stimme verliehen, um durch ihr Lied die in der Geschichte geschehene Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu benennen. In ihrem Lied trug sie jedoch auch die Hoffnung auf eine Zukunft weiter, eine menschenwürdige und friedliche Zukunft, besonders für ihr Land und dessen Nachbarn, bewohnt von Menschen mit redlichen und friedlichen Herzen.

Jamala und die ganze Ukraine sowie alle, die für sie gestimmt haben, freuen sich über ihren Sieg. Aber hat dieser Sieg beim ESC 2016 sonst noch eine Bedeutung?

Die Buchserie von Tolkien (v. a. „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) wird oft als das beste literarische Werk des 20. Jahrhunderts bezeichnet, unter anderem weil ihr Autor selbst im Ersten Weltkrieg war und aus persönlichen Erfahrungen und einer besonderen Hoffnung schreibt. Einige Gedanken aus seinen Werken können auch einen neues Licht auf den ukrainischen Konflikt werfen.

Für Jamala: „Es ist nutzlos, Rache zu erfüllen mit Rache; es heilt nichts“ (Frodo in Die Rückkehr des Königs). Im 21. Jahrhundert, da es noch so viele Kriege in der Welt gibt, ist jeder dazu berufen, auf seine Weise die Botschaft des Friedens weiterzugeben und zu verbreiten. Die Familie der Sängerin  bewahrt die Erinnerungen an die furchtbare Vergangenheit, die sie besingt. Das Lied ist jedoch nicht vom Gefühl und Wunsch der Rache motiviert, sondern ihr Inhalt verweist auf die Zukunft, die schön und friedlich erhofft wird. Die Wahl Jamalas spricht für die Gesellschaft und die jungen und älteren Generationen: Die Zuhörer sind keine oberflächlichen Menschen, sie sind empfänglich auch für die tiefsten Empfindungen der Seele und für die ernsten Dinge eines menschlichen Lebens; vielleicht auch besonders sensibilisiert durch die humanitären Migrationskatastrophen unserer Zeit. Für die Sängerin ist der Sieg somit eine zufriedenstellende und befreiende Erfahrung, dass auch ernste und authentische Lieder heutzutage Gehör finden.

Für die Ukraine: „Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der sonst alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen: die Stadt der Menschen…“ (Faramir in Die zwei Türme). Für die Ukrainer ist derzeit sehr wichtig, nicht zu vergessen, warum man kämpft und wen man verteidigen will. Solange man für seine Heimat und für seine Verwandten kämpft, ist das meiner Meinung nach gerecht und auch verpflichtend. Es darf jedoch nicht einfach einen Krieg um eines Krieges selbst willen und ein Blutvergießen aus rachesucht geben. Der Krieg darf insbesondere nicht zu einem Geschäft werden. Wenn wir wirklich den christlichen Frieden wollen, dann ist das Ziel berechtigt, von Gott gesegnet und es wird auch erreicht werden. Jamala geht uns mit ihrem Aufruf zum Frieden unter den Menschen als Vorbild voran!

Für die Eurovision-Show: „Es geht nichts über das Suchen, wenn man etwas finden will. Zwar findet man bestimmt etwas, wenn man sucht, aber es ist nicht immer das, was man gesucht hat“  (Thorin Eichenschild in Der Hobbit). Da der ESC vor allem eine Pop-Show genannt wird, weil es dem populus, also dem Volk bzw. uns allen gefallen sollte, ist es nicht sehr einfach ein Lied auszusuchen, das allen gefallen könnte. Wenn Jamals Lied dieses Jahr gewonnen hat, d. h. mit einer ziemlich schwierigen Melodie und schon gar keiner „Pop-Melodie“, mit einer Harmonie ethnisch-lokalen Kolorits, mit einer solchen schwierigen und tiefen Vorgeschichte und dementsprechenden Worten, kann das allein schon ein Zeichen sein, dass die Zuhörerschaft wächst und reift, nicht nur was ihre Anzahl angeht, sondern auch die Mentalität und die Wahrnehmung. Vieleicht hat man etwas Anderes gesucht; vieleicht hat man aber auch genau das Richtige gefunden, wonach man ursprünglich gar nicht gesucht hat.

Für die Welt:Wir können nicht entscheiden, wie viel Zeit uns gegeben wird […]. Aber wir können uns entscheiden, was wir mit dieser Zeit anfangen wollen(Gandalf  in Die Gefährten). Die Zeit vergeht, die Generationen ändern sich. Das Einzige, was sich nicht ändert, ist, dass die Menschen kämpfen und zwar immer und nur untereinander. Anstatt diesen Ring des Todes, des Bösen, der Kriege, der Sünde zu zerstören oder zumindest eindämmen zu wollen, will man den Ring immer noch behalten, ja erweitern. Aus diesem Grund ist der Mensch bereit, seinen Bruder zu töten. Auf verschiedene Weise zeigt sich das überall in der Welt, nicht nur in der Ukraine. Der Sieg Jamalas ist deshalb wichtig, weil er zum Gesinnungswandel aufruft, zur Bereitschaft von uns allen, „eine Zukunft zu erschaffen, wo die Menschen frei sind, zu leben und zu lieben…“. Das meinte Tolkien auch, als er schrieb: „Die Welt ist wahrlich voller Gefahren, und es gibt viele dunkle Orte auf ihr; doch noch immer gibt es vieles Schöne, und obwohl heute in allen Landen Liebe mit Leid vermengt ist, wird das Schöne vielleicht um so größer“  (Haldir in Die Gefährten).

Die Vergangenheit soll man nie vergessen, aber wir nähern uns der Zukunft mit der Geschwindigkeit von 3600 Sek/Stunde, und die Zukunft ändert sich, während wir „unterwegs“ sind. Es kommt nun auf uns an, was unsere Kinder erleben werden: „Doch es ist nicht unsere Aufgabe, alle Zeiträume der Welt zu lenken, sondern das zu tun, wozu wir fähig sind, um in den Jahren Hilfe zu leisten, in die wir hineingeboren sind, das Übel in den Feldern auszumerzen, die wir kennen, damit jene, die später leben, einen sauberen Boden zu bestellen haben“ (Gandalf in Die Rückkehr des Königs).