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Ein selbstgemachtes Wunder

Der Ort Barhanpur in Indien litt jahrelang unter einer schweren Dürre. Doch das Dorf löste die Situation aus eigener Kraft. Ein Modell, dem viele Kommunen des Subkontinents angesichts des Klimawandels folgen könnten.

Den Tag, als der Regen wieder fiel und das Wasser aus den Pumpen sprudelte, wird Nitin Laxman Kajabe nie vergessen. Es war der Tag, an dem eines der wildesten Feste begann, die man im Dorf Barhanpur je gefeiert hatte. Kajabe schmückte sein Haus mit bunten Lichtern, und seine Mutter bereitete ein Festmahl vor. Seine Freunde tanzten auf den Straßen, und während die Männer und Frauen im Ort satt und müde einschliefen, wurde ihnen bewusst, dass sie am nächsten Tag mit weniger Sorgen aufwachen würden.

Barhanpur: Fast alle leben von der Landwirtschaft

Barhanpur ist ein kleines Dorf im westindischen Bundesstaat Maharashtra. 1.000 Menschen wohnen hier, fast alle leben von der Landwirtschaft. Auf den ersten Blick sieht Barhanpur aus wie eine ganz normale indische Ortschaft: Die reicheren Bauern leben in Hütten aus Stein, die ärmeren in Wellblechhäusern. Auf den ungeteerten Straßen suchen ein paar Ziegen nach Futter. Kehren die Männer abends von den Feldern heim, spielen sie in der roten Abendsonne gerne Karten.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes Barhanpur passen ihre Landwirtschaft an den Klimawandel an und machen sie widerstandsfähiger für Dürreperioden. Foto: Florian Kopp/MISEREOR

Aber: Das unscheinbare Barhanpur könnte zu einem Vorbild für tausende andere Dörfer in Indien werden. Denn wer hierhin kommt, sieht und hört, wie man sich auf dem Land effektiv auf die wohl größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte vorbereiten kann: den Klimawandel. Der Besucher lernt, was eine Dorfgemeinschaft gemeinsam erreichen kann, wenn sie an einem Strang zieht. Wenn ein selbstgemachtes Wunder das Leben eines ganzen Dorfes verändert.

Plötzlich blieb der Regen aus

Um die Geschichte zu erzählen, lädt Kajabe, 23, in sein bescheidenes Häuschen ein. Nur wenig Tageslicht dringt dort hinein, dafür bleibt die sengende Hitze draußen. Es war im Jahr 2013, als der Regen zur Monsunzeit ausblieb. In weiten Teilen Indiens kam es zu einer schweren Dürre, die drei Jahre andauern sollte. Hunderte Menschen starben in der Hitzewelle, aus Verzweiflung nahmen sich allein im Bundesstaat Maharashtra fast 10.000 Bauern das Leben. Die überforderte Regierung schickte Züge mit Wassertanks in die betroffenen Gebiete – doch längst nicht alle Dörfer erhielten ausreichend Unterstützung.

Auch in Barhanpur war die Versorgungslage schlecht. Kam ein Lkw mit einem Wassertank ins Dorf, prügelten sich die Bewohner um einen guten Platz in der Warteschlange. Morgens, noch bevor die Sonne aufging, machten sich die Frauen des Dorfes auf den Weg zur nächsten Quelle.

Doch das bisschen Wasser, das sie Stunden später nach Hause schleppten, reichte längst nicht aus – schon gar nicht für ihre Landwirtschaft. Es war die Zeit, in der Barhanpur nur noch als das „Kein-Wasser-Dorf“ in der Region bekannt war.

Kein Wasser, keine Landwirtschaft, keine Jobs, keine Hochzeit

„Praktisch alle Felder lagen brach”, erinnert sich der Bauer, „wir konnten überhaupt nichts mehr anbauen.” Stattdessen mussten er und die anderen Landwirte sich als Tagelöhner auf Baustellen in den Millionenstädten Pune und Aurangabad durchschlagen. Sie schliefen in aus Lumpen zusammengezimmerten Zelten. Wenn es ihnen zu heiß oder stickig wurde, legten sie sich ins Freie.

Doch noch eine weitere Sorge plagte Kajabes Familie: Seine Eltern fanden einfach keine Ehefrau

für ihren Sohn. Genauso, wie viele andere Familien im Dorf. In Indien wird auch heute noch die Mehrzahl der Ehen arrangiert; einer möglichen Hochzeit gehen zunächst Gespräche der Eltern voraus. Die Kajabes empfingen Familien aus anderen Dörfern mit Tee und Gebäck, doch alle Gespräche scheiterten. „Niemand wollte, dass seine Tochter jeden Tag so viel Wasser von so weit her schleppen muss, wenn im eigenen Dorf zu wenig davon da ist”, sagt Kajabes Mutter, Shama Laxman. Kein Wasser, keine Hochzeit.

Der Klimawandel ist deutlich spürbar in Indien

In Indien ist gut zu beobachten, dass sich wegen des Klimawandels die landwirtschaftlichen Anbauzeiten verändern, Regen häufiger ausbleibt und Perioden mit starker Hitze zunehmen. Eine Studie der Universität Berkeley hat 2017 den Zusammenhang zwischen Klimawandelfolgen und der Selbstmordrate indischer Bauern festgestellt: So soll die Klimaerwärmung in den vergangenen 30 Jahren fast 60.000 verzweifelte indische Bauern in den Suizid getrieben haben.

Die Anpassung an den Klimawandel muss jetzt beginnen. Doch auf Hilfe vom Staat könnten die Bauern in Indien kaum hoffen, sagt der Dorfvorsteher von Barhanpur, Balasaheb Yadav. Spricht man ihn auf die Hilfe durch Behörden an, zeigt er auf den Boden. „Der Weg, auf dem wir gerade stehen, müsste laut staatlichen Beschlüssen und Dokumenten schon zweimal geteert sein”, sagt er. Doch wegen Korruption und Vetternwirtschaft sei es eben immer noch ein unbefestigter Feldweg.

Probleme eigenständig lösen

In der Zeit der Not wuchs daher in Barhanpur die Überzeugung, selbst handeln zu müssen. Dafür nahm Ortsvorsteher Yadav im Herbst 2015 Kontakt mit Sozialarbeitern der Caritas Indien auf, einer Partnerorganisation des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR. Die Caritas Indien unterstützt im Rahmen des Projekts JEEVAN – People Led Empowerment (PLE) – Dorfgemeinschaften dabei, Probleme möglichst eigenständig zu lösen. „Jeevan” ist Hindi und bedeutet auf Deutsch „Leben“, People-Led Empowerment heißt übersetzt: „Die Bürger ermächtigen sich selbst.”

So brachten Mitarbeiter der Caritas zunächst rund ein Dutzend Dorfbewohner mit dem Bus zu einem Lehrgang in das Dorf Hiware Bazar, das in ganz Indien für sein Wasserspeichersystem bekannt ist. Die Sozialarbeiter stellten zudem Kontakt zu Ingenieuren und Experten her. Gemeinsam entwickelten sie erste Zeichnungen des neuen Barhanpur.

Im Januar 2016 trafen sich die Bauern am kleinen Tempel in der Mitte des Dorfes. Manche der Bewohner hatten Bedenken, doch Yadav hielt – so berichtet er später – die für ihn wichtigste Rede seines Lebens: Er spricht davon, wie wichtig Gemeinschaftssinn ist, dass sie hart werden arbeiten müssen, aber dass letztendlich das ganze Dorf gewinnen werde. Bei der Abstimmung heben 40 Männer die Hand, die mitmachen wollen. „Das hat mir gereicht“, sagt Yadav. „Ich wusste, die anderen würden nachziehen.“

Gemeinsam Anpacken – Frauen wie Männer

Nur wenig später beginnen die Arbeiten: Als die ersten Gräben tatsächlich gezogen sind, schließen sich immer mehr Dorfbewohner an. „Zum Schluss hat das ganze Dorf angepackt”, sagt Yadav. Selbst in der Nacht schufteten die Dorfbewohner. Die Männer schaufelten, die Frauen trugen die Erde in großen Körben auf ihren Köpfen davon und sorgten für Verpflegung.

Um die großen Steine transportieren zu können, legten die Bauern ihre Ersparnisse zusammen und mieteten ein paar größere Maschinen. Die Caritas Indien half dabei, weitere Sponsoren zu finden. Sieben Bauern spendeten außerdem Land für die Anlagen. Ganze 37 Gräben standen nur fünf Monate später bereit, Regenwasser aufzufangen und in die Brunnen der Bauern zu leiten – und das System funktionierte.

Das Wasser brachte viele Veränderungen

Seitdem das Wasser reichlich aus den Pumpen fließt, hat sich viel geändert im Dorf: Während sich Bauern früher mit einer Ernte zufrieden geben mussten, können sie heute zweimal pro Jahr Feldfrüchte einbringen. Selbst Weizen, der besonders viel Wasser verbraucht, wird mittlerweile rund um Barhanpur angebaut.

Und auch privat hat sich für Bauer Kajabe vieles zum Besseren gewendet. Neben ihm sitzt seine Frau Rajeshvari Nitin, auf ihrem Schoß die kleine Ringu Ninge Kisbye, die vor acht Monaten geboren wurde. Die 21-Jährige holt ein dickes Buch hervor – ihr Hochzeitsalbum. Als ihre Eltern gesehen hätten, dass sich im Dorf etwas tut, hätten sie einer Ehe zugestimmt, sagt sie. „Ich bin heute besser mit Wasser versorgt als in meinem alten Dorf.”

Privat schmieden die beiden längst neue Pläne: Rajeshvari Nitin will Lehrerin werden. Abends, wenn das Kind schläft, sitzt sie für einen College-Abschluss über Hindi- und Englischbüchern. Zweimal fährt sie dafür jede Woche zu Kursen in die Großstadt Aurangabad. „Wäre die Wassersituation noch immer so schlecht wie früher, hätte ich diese Möglichkeit nicht“, sagt sie. „Dann wäre ich damit beschäftigt, ständig Wasser zu holen.”

Auch im Dorf hat man sich neue Ziele gesteckt – das sieht, hört und spürt man, wenn man eine der Dorfversammlungen besucht, die nun regelmäßig stattfinden. Sie ist zur festen Institution in Barhanpur geworden. Bürgermeister Yadav erläutert bereits seine neuen Ideen: Eine Kanalisation soll verhindern, dass die Abwässer im Dorf stehen. Zudem soll der Weg zur nahegelegenen Landstraße endlich geteert werden. Dafür will er zwar auch Geld vom Staat beantragen, aber er fordert die Bewohner auf, selbst mit anzupacken. Jeder der anwesenden Männer hebt bei der Abstimmung die Hand.

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Shalompreis für Menschenrechtsorganisation auf den Philippinen

Am vergangenen Sonntag wurde die Shalompreis-Aktion 2017 mit einem Gottesdienst im Salesianum Rosental in Eichstätt eröffnet. Pater Johannes Haas erinnerte in seiner Predigt an all die Preisträger des seit über dreißig Jahren vergebenen Shalompreises. Er spannte den Bogen von den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerika bis in den Nahen Osten. Das Psalmwort „Gerechtigkeit und Frieden umarmen sich“, vom Salesianer Benedict Schmitz metaphorisch in einem Bild gestaltet, das den Gottesdienstbesuchern als Karte mitgegeben wurde, erinnere an die Aufgabe und die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit.

Beate Laurenti erläuterte, dass derzeit neun aktive Mitglieder den Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt bilden. Sie sind alle ehrenamtlich tätig. Das Geld, das für den Preis gesammelt wird, geht direkt in das ausgewählte Projekt.

Kathi Zöpfl vom AK Shalom stellte kurz das diesjährige Preisträgerprojekt vor. Preda – Peoples‘ Recovery, Empowerment and Development Assistance (Stiftung für die Genesung, Ermächtigung und Entwicklung der Menschen) – wurde 1974 von dem irischen Priester Shay Cullen und zwei philippinischen Bürgerrechtlern gegründet. Preda setzt sich für Opfer sexueller Gewalt ein. In Olangapo auf den Philippinen werden Kinder und Jugendliche in einem Heim aufgenommen. Traumarisierte und misshandelte Mädchen und junge Frauen erhalten psychologische und medizinische Unterstützung. Sie können einen Schulabschluss nachholen und werden mit ihren Familien wieder in Kontakt gebracht. Ein „Jail Rescue Team“ befreit Kinder und Jugendliche aus Gefängnissen und Polizeistationen. Die Kinder der Armen werden häufig unschuldig oder wegen kleinster Vergehen inhaftiert. Manche müssen Monate oder gar Jahre ohne Rechtsbeistand in engen Zellen – mit Erwachsenen zusammengepfercht – ausharren.

Preda geht auch gegen die eigentliche Ursache des menschenunwürdigen Lebens vor, die Armut. Die unterstützten Familien erzielen ein Einkommen durch ökologisch angebaute Mangos. Über den fairen Handel in Deutschland erzielen sie Preise, die ein Leben in Würde ermöglichen. Hühnerzucht, Gemüse- und Bananenanbau tragen weiter zu einem unabhängigen Leben bei. Preda setzt sich besonders für die benachteiligten Frauen und Kinder ein, unterstützt die indigene Bevölkerung und ist aktiv gegen Sextourismus, Menschenhandel und Internetpornographie.

Die Menschenrechtslage in den Philippinen hat sich seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte im Mai 2016 weiter verschärft. Tausende Tote im blutigen Krieg gegen Drogen, eine durch Morde und Kriminalisierung bedrohte Zivilgesellschaft und ein Klima absoluter Straffreiheit zeichnen die Menschenrechtslage aus. Bereits ein halbes Jahr nach Dutertes Amtsantritt sind 5800 Morde an Drogenabhängigen registriert worden. 170 Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wurden in den letzten vier Jahren ermordet. Landrechtsverteidiger, die sich für die Umverteilung von Agrarland einsetzen oder gegen Bergbauprojekte kämpfen, sind besonders bedroht. Die Bergbauprojekte sind häufig mit massiver Umweltzerstörung verbunden.

Die am 11. Januar 2017 verstorbene Shalompreisträgerin Lory Obal, derer ebenso wie der ermordeten Berta Caceres aus Honduras (am 3.März 2016  ermordet) und Bischof Juan Gerardi Conedara, am 26. April 1988 ermordet, gedacht wurde, setzte sich für die Indigenen auf den Philippinen und gegen multinationale Konzerne ein, die Raubbau an der Umwelt betreiben.

Father Shay Cullen, der den Shalompreis am 6. Mai 2017 im Holzersaal der Sommerresidenz an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entgegen nehmen wird, kämpft seit den 1970er Jahren für gerechte Preise für Kleinbauern, für die Rechte von Indigenen, von Frauen und von Kindern. Das Preisgeld für den Shalompreis wird ausschließlich durch Spenden zusammengetragen. Spenden können auf das Konto der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Eichstätt bei der Volksbank Raiffeisen Bank Mitte überwiesen werden:
Kontonummer: IBAN DE34721608180109620320
Stichwort „Shalomaktion 2017“.

Shalompreis geht an israelisch-palästinensische Familienorganisation

Am Sonntag, 24. April, wurde die Shalom-Aktion 2016 im Salesianum Rosental in Eichstätt eröffnet. Hochschulseelsorger Pater Johannes Haas zelebrierte den Eröffnungsgottesdienst, der vom Chor „Kunterbunt“ musikalisch gestaltet wurde.

Der Shalompreis wird in diesem Jahr dem Parents Circle Families Forum (PCFF) in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten verliehen. Mitglieder des AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden stellten den Arbeitskreis und das Projekt im Gottesdienst vor. Sie erinnerten auch an die am 2. März 2016 ermordete Shalompreisträgerin von 2012, Berta Cáceres. Außerdem gedachte der AK Shalom seines Gründers Thomas Beutler, der in der vergangenen Woche verstarb.

Eröffnungsgottesdienst der Shalom-Aktion 2016
Eröffnungsgottesdienst der Shalom-Aktion 2016

In einer Zeit, in der aus dem Nahen Osten fast nur Nachrichten von Krieg und Terror zu lesen sind, setzen die Mitglieder von PCFF ein Zeichen für Frieden und Versöhnung. PCFF ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 600 Familien. Alle haben im langjährigen Konflikt einen nahen Angehörigen verloren. Trotz des grausamen Verlustes eines geliebten Menschen wollen die Familienangehörigen keine Rache sondern Austausch und Versöhnung.

Der Shalompreis wird am 18. Juni 2016 in Eichstätt verliehen. Eine Israelin und ein Palästinenser werden den Preis gemeinsam entgegen nehmen.

Der Shalompeis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Im AK Shalom sind derzeit 12 Mitglieder, Studierende und Bürgerinnen aus Eichstätt. Die Arbeit ist rein ehrenamtlich, das Preisgeld kommt durch Spenden zusammen. Das Referat Weltkirche des Bistums Eichstätt, die private Oswaldstiftung und der Rotary-Club Eichstätt sind institutionelle Spender. Alles andere sind Spenden von Privatleuten. Die Preisverleihung findet am 18. Juni 2016 statt.

Wer für die Aktion 2016 spenden möchte, kann das bis September tun. Die Bankverbindung lautet: Katholische Hochschulgemeinde, Konto 1 09 62 03 20 bei der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte, BLZ 721 608 18, IBAN: DE34721608180109620320, Stichwort „AK Shalom“.

Pflegebetten für Rumänien: Hilfe, die ankommt

Die Hin- und Rückfahrt nach Rumänien dauerten zusammen etwas mehr als 40 Stunden. Eigentlich eine lange Zeit, die man im Lastwagen verbringt, immer auf der Autobahn, immer geradeaus. Und doch geht die Zeit schnell vorbei. Am Dienstagmorgen um 5 Uhr startete der 15. Hilfsgüterkonvoi des Technischen Hilfswerks (THW) in Eichstätt und am Freitagmorgen, rechtzeitig zu einem Weißwurstfrühstück waren wir wieder zurück. Ein kurzer Trip, ein schneller Ausflug über drei Ländergrenzen hinweg. Und doch eine ganz intensive Zeit. An Bord unserer drei Laster: Hilfsgüter für Carei.

Seit 2001 übernimmt das THW Eichstätt regelmäßig für den deutschen Verein Rumänienhilfe Transporte nach Osteuropa. 2004 war ich zum ersten Mal mit dabei. Manche meiner Kollegen haben schon zehn oder mehr Fahrten absolviert. Es ist mittlerweile Vieles Routine. Wir wissen, welche Papiere der Zoll sehen will, wir kennen uns aus mit Autobahnmaut und Nachtfahrverbot. Die Route ist seit vielen Jahren immer die gleiche: Regensburg, Passau, Wien mit dem Wiener Bergland (wo die Lastwagen bergauf schon ordentlich stöhnen), Budapest und dann irgendwo im ungarischen Niemandsland runter von der Autobahn und dann gut 80 Kilometer Landstraße bis zum Grenzübergang und weiter ans Ziel.

Um zwei Uhr nachts erreichte unser Konvoi mit einem Sattelzug, einem Lastwagen mit Anhänger und einem Kleinlaster Carei. Wir steuerten einen großen Parkplatz gleich gegenüber dem Zentraldepot und Büro der Rumänienhilfe an. Drei meiner THW-Kameraden blieben bei den Fahrzeugen, verbrachten die Nacht dort. Zu fünft fuhren wir weiter ins Stadtzentrum. Der Verein Rumänienhilfe hat dort in einem typischen Ost-Plattenbau eine Wohnung gemietet. Nach einem Feierabendbier und einem kurzen Plausch mit Toni, der den Verein leitet, ging es in die Schlafsäcke. Wegen der Zeitumstellung (Rumänien ist eine Stunde weiter) blieb nicht allzu viel Zeit zum Schlafen.

Am Mittwochmorgen hieß es zunächst einmal: Abladen. Trotz der eisigen Temperaturen war uns allen schnell warm. Hunderte Kartons, Kinderwagen, Fahrräder und Weihnachtspakete von Hand ausladen dauert, geht in die Knochen und bringt einen ins Schwitzen. Wir hatten beim Aufladen (auch das von Hand) wirklich jeden Zentimeter an Bord genutzt. Das ist immer so eine Art Tetris-Spiel. In diese Lücke passt noch dies und jenes und da oben, auf all den Kartons, kann man noch Matratzen reinstopfen.

Wir hatten diesmal 35 Pflegebetten geladen, unter anderem aus dem Caritas-Seniorenheim St. Pius in Ingolstadt. Zwischen den Betten, die wir hochkant transportierten, war einiges an Kleinzeug geladen. Auch das musste erst einmal raus. Am Nachmittag dann waren die Wagen soweit leer und wir konnten uns an die Verteilung der Betten und von Schulmöbeln machen. Mit unserem geländegängigen 280 PS-starken Laster fuhren wir zur Schule Gheorge Bulgar in Stanislau. Maria Saitos, die Direktorin, erwartete uns bereits. Wir brachten Tische und Stühle für zwei Klassenzimmer, einige Overhead-Projektoren und mehrere Computer aus der Eichstätter Schule St. Walburg in die Schule.

Saitos zeigte sich erfreut über die Hilfe aus Deutschland und ein Blick in die Klassenzimmer machte uns deutlich, dass die bei uns ausrangierten Schulmöbel hier noch einen guten Dienst tun können. Bei den vorherigen Fahrten hatten wir immer wieder mal Schultafeln nach Rumänien gebracht. Die ersetzten uralte Schiefertafeln, und wurden genauso gebraucht und gerne angenommen wie jetzt diese Lieferung. Im Lehrerzimmer hatte Saitos mit einigen Kollegen ordentlich Essen und Trinken aufgetischt. Alle bedankten sich herzlich und luden uns ein, Wein, Kartoffelbrei, Schweinefleisch, eingelegte Gurken, Zwiebeln und vieles mehr zu probieren. Leider hatten wir nur wenig Zeit, weil die nächste Lieferung anstand. Doch wir genossen den kurzen Moment der Gastfreundschaft und machten uns dann wieder auf den Weg. Am Abend brachten wir die ersten Betten in ein Seniorenheim, dass von einer Stiftung getragen wird. Wir hatten auch hier wieder nur wenig Zeit, um uns ein Bild von der Einrichtung zu machen. Das Haus wirkte sauber und modern. Als Gastgeschenk gab es selbstgebrannten Schnaps, liebevoll in kleine Glasflaschen abgefüllt und mit Etiketten, auf denen „Danke“ in Deutsch, Rumänisch und Ungarisch stand.

Am Donnerstag steuerten wir mit den letzten Pflegebetten an Bord das städtische Altenheim von Carei an. Ein desolat wirkender Plattenbau, bei dem überall die Farbe abblätterte. Beim Abladen half und Franz-Willi, der Hausmeister. Seit vielen Jahren, so erzählte er, kommt er jeden Sommer als Erntehelfer in den Landkreis Roth. Er führte uns kurz durch den Heizungskeller, die Küche und zu den Zimmern, wo die Senioren wohnen. Vier Betten standen dort. Bis vor kurzem seien es noch sechs gewesen, erklärte der Hausmeister. Wir verabschiedeten uns und fragten ihn, was denn noch dringend benötigt würde in dem Altenheim. Franz-Willi gab sich bescheiden und sagte: „Wir brauchen einfache Schrauben und Dübel.“ Das sollten wir vom Technischen Hilfswerk im kommenden Jahr, bei der 16. Fahrt hinbekommen.

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Im Blick: Thérèse Mema, Shalom-Preisträgerin 2015

Unser Blick richtet sich auf die diesjährigen Shalom-Preisträgerin Thérèse Mema. Mit ihr auf ihr Land Kongo, auf Brennpunkte in ihrer Heimat. Wir sehen sie in ihren „brennenden Anliegen“, was ihr auf dem Herzen liegt, ihr auf der Seele lastet, ihr „unter den Nägeln brennt“. Wir sehen sie, die junge Sozialpädagogin, in ihrem Engagement für Menschen, die Opfer anderer Menschen werden, verwundet am Leib, verletzt in der Seele, vergewaltigt in ihrer Würde als Frauen, wehrlose Opfer von brutaler Gewalt: Sklaven 2015, Kinder-Soldaten, Frauen, Männer. Traumatisiert.

Thérèse eröffnet Trauma-Zentren: Räume, in denen Traumata heilen können, zerstörte Träume begraben werden, Räume für neue Träume, zaghafte Pflanzen von Erfahrungen: Leben ist mehr als Leiden, Zukunft anders als Vergangenheit, Lichtblicke jenseits von Schattenseiten.

Die Shalom-Aktion lenkt unsere Blicke auf Menschen, mit denen Thérèse Mema Wege geht – von Altem zu Neuem, von Traumata zu Träumen, klein wie Samenkörner, in denen Gottes Traum von uns Menschen leben will. Gott will nicht, dass Menschen Opfer von Menschen werden. Gott hat uns nicht als Täter geschaffen, die andere unterdrücken, beherrschen, versklaven, ausbeuten, Hoffnungen ersticken, Räume einengen, Träume zerstören.

Gott will in seinem Sohn seine Schöpfung erneuern. Paulus: „Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine Neuschöpfung: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17)

Thérèse Mema begleitet Menschen vom Altem zum Neuen, von Leben in Gewalt zu gewaltfreiem Leben, von Verwundungen zu Wunden, die ausheilen, vom Trauma zum Traum. Trauma-Zentren sind Orte, an denen Altes vergehen, Neues entstehen kann. „Orte zum Zuhören“. Herz-Orte.

Thérèse Mema, ihr Mann (links), Pater Haas und das Kreuz aus aus Kugeln von Kinder-Soldaten. pde-Foto: Geraldo Hofmann
Thérèse Mema, ihr Mann (links), Pater Haas und das Kreuz aus aus Kugeln von Kinder-Soldaten. pde-Foto: Geraldo Hofmann

In Thérèse erleben wir „jemand in Christus“. In Ihm steht sie an der Seite von Menschen, mit Ihm geht sie Wege zur Heilung. Mit dem „Heiland“ eröffnet sie heilsames Neuland. Er, der in Therese an der Seite von Menschen steht, steht heute vor uns in einem Kreuz aus Angola. Ein Kreuz aus Kugeln von Kinder-Soldaten. Erinnerung an Kindheit in Gewalt, an Kinder im Krieg. Kugeln, die töten, werden zum Kreuz, zum Zeichen für Leben. Im Gekreuzigten schreit Gott in die Welt: Nicht den Tod will ich, sondern das Leben. Nicht Gewalt, sondern gewaltfreien Umgang miteinander. Nicht Ausbeutung der Schöpfung, sondern schöpferische Entfaltung. Nicht Schuften zum Hungerlohn unter der Erde, sondern gerechten Lohn für Arbeit auf dieser Erde. Nicht Leben im Schatten, sondern Leben im Licht.

Dieses Kreuz hat Papst Benedikt gesegnet und als Zeichen für Frieden gesendet. Von Rom nach Aachen, von Eichstätt in den Kongo ist dieses Kreuz unterwegs. Über missio zur Shalom-Aktion, von der Shalom-Preisträgerin in ihre Heimat. Das Kreuz-Zeichen: ein Zeichen für Wege von altem zu neuem Leben. Ein Zeichen für die Botschaft: Wer in Christus ist, ist eine Neuschöpfung. Wer im Heiland verwurzelt ist, ist gerufen und gesandt, dazu beizutragen, dass neue Schöpfung entsteht.

(Gedanken aus der Predigt zum Shalom-Gottesdienst im Salesianum Rosenthal am Sonntag, 21. Juni 2015, in Anwesenheit von Thérèse Mema)

Thérèse Mema, links neben ihr missio Aachen-Präsident Dr. Klaus Krämer, rechts neben ihr OB Andreas Steppberger, ganz rechts Prof. Dr. Markus Eham, daneben Bischofsvikar Georg Härteis. Foto: Lukas Hanreich/AK Shalom
Thérèse Mema, links neben ihr missio Aachen-Präsident Dr. Klaus Krämer, rechts neben ihr OB Andreas Steppberger, ganz rechts Prof. Dr. Markus Eham, daneben Bischofsvikar Georg Härteis. Foto: Lukas Hanreich/AK Shalom

 

Anmerkung der Redaktion
Der Shalom-Preis, einer der renommiertesten Menschenrechtspreise in Deutschland, wurde am Samstag, 20. Juni, in Eichstätt an Thérèse Mema verliehen. Das Preisgeld kommt ausschließlich aus Spenden und fließt zu 100 Prozent in ein Projekt, das die Preisträger selbst vorschlagen. In den vergangenen Jahren kamen regelmäßig jeweils mehr als 20 000 Euro zusammen. Wer für die Aktion 2015 spenden möchte, kann das bis September tun. Die Bankverbindung lautet: Katholische Hochschulgemeinde, Konto 1 09 62 03 20 bei der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte, BLZ 721 608 18, IBAN: DE34721608180109620320, Stichwort „ShalomAktion 2015“.