Kategorie-Archiv: Afrika

Christliche Werte: Zündstoff oder warme Luft?

Im Blick auf die veränderte Gesellschaftliche Situation verweisen Bundeskanzlerin und Landrat in Ihren Ansprachen zum Neuen Jahr auf die christlichen Werte und wenn rechts-populistische Gruppierungen von den Werten des Abendlandes sprechen, dann meinen sie nichts anderes als diese.

Seit wenigen Wochen bin ich zurück aus dem Südsudan. Ich fahre auf Straßen, die ich nicht gebaut habe, lebe in einem Haus wozu ich vor vielen Jahren beim Bau nur ein wenig beigetragen habe. Es gibt eine Heizung, Krankenversorgung und so vieles mehr. So viele Bequemlichkeiten finde ich vor und nehme sie nicht einfach selbstverständlich. Ich lebe gewissermaßen auf dem Erbe meiner Vorfahren und eigentlich nicht schlecht.

Möglicherweise ist es auch so mit den sogenannten christlichen Werten. Wir sind gewohnt, dass das Gemeinwohl funktioniert, eine Abmachung gehalten wird, Recht und Ordnung eingehalten werden. Die soziale Verantwortung des Staates steht außer Zweifel. Die Glaubwürdigkeit ist ein großes Ideal.

Also alles geerbt? Eine alte Bauernregel, genauer gesagt Goethe, schreibt. „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

Wahrscheinlich ist es notwendig, die christlichen Werte immer wieder neu zu buchstabieren und in die Zeit zu übersetzen. Nichts ist selbstverständlich und auf Dauer. Wenn die christlichen Werte nicht immer wieder neu erworben werden – um im Bild der Bauernregel zu bleiben –, dann wird es sie nicht mehr geben. Dann sind sie Muster ohne Wert.

Was aber sind die christlichen Werte? Viele Jahre habe ich Afrika verbracht. Extrem waren die vergangenen drei Jahre mit kriegerischen und militärischen Auseinandersetzung geprägt von Hassreden, Misstrauen und teilweise menschlicher Verrohung. Das ist das Erbe der Menschen im Südsudan nach vielen Jahren Krieg und jetzt Stammeskriegen. Die Fähigkeit zur Rache ist ein Wert, der das Überleben sichert. Nächstenliebe bis hin zur christlich geforderten Feindesliebe ist eine Utopie und passt eigentlich nicht in das Denken. Bei aller Frömmigkeit und Religiosität ist das wahrhaft Christliche nur bei einzelnen, nicht aber in der Gesellschaft aufgebrochen. Das macht den missionarischen Einsatz mühsam, aber umso mehr „Not-wendend“.

So habe ich oft die Abwesenheit der christlichen Werte erfahren und bin zur Überzeugung gekommen, dass nur sie eine bessere Gesellschaft schaffen können. Wüsste ich einen besseren Glauben, dann würde ich diesen hier vorschlagen. Jesus Christus stellt das „Allzu Menschliche“ auf den Kopf und zeigt einen Weg aus dem Teufelskreis des Misstrauens, des Hassens, der Angst, der Eifersucht und des Zukurzgekommenseins.

Christliche Werte sind ein großes Erbe und verweisen mich auf mein persönliches Bekenntnis zum wahrhaft Christlichen. „Jede Generation muss Christus neu entdecken“ sagt Bischof Gregor Maria in der Jahresschlussandacht. Gesellschaftlich relevant werden die Werte in dem Maße, wie ich sie persönlich umsetze und mein Leben danach gestalte. Deshalb habe ich über die Voraussetzungen nachgedacht, wie die Werte in mir und Dir wachsen können. Wenn ich hier ein paar Gedanken bringe, dann aus meiner Erfahrung (gewissermaßen ohne Gewähr).

  • Als erstes habe ich erkannt, dass die Gebote Gottes in Wirklichkeit Angebote Gottes sind. Angebote zu einem besseren Leben.
  • Gelten-Wollen, Haben-wollen und wie Gott-Sein-Wollen bestimmen entscheidend unser Menschsein. Sie sind eine Reflektion der Versuchungen Jesu und die Einfallstore für unsere Sünden und unser Falsch-Verhalten. Sie zu erkennen und an ihnen zu arbeiten ist unsere erste Christenpflicht. Als Gewinn stellt sich eine innere Freiheit ein.
  • Und zuletzt die Bereitschaft zur Wandlung. Sie ist auch Zentrum und Inhalt einer jeden Heiligen Messe. Christus will nicht unseren „Kirchenzehnt“. Er will uns ganz: also 100% statt 10%. Und gerade diese Wandlung fällt uns so schwer und bleibt ein lebenslanger Prozess. Aber nur die Fähigkeit und Offenheit zur Wandlung lässt uns in unserem „Menschwerden“ (Weihnachten = Gott wird Mensch) vorankommen und zum glücklichen Menschen werden. Dann wird der Glaube eine Therapie für mich und meine Mitmenschen und die Kirche wird zum Lazarett, wie es Papst Franziskus fordert.

Christliche Werte wachsen mit dem Interesse und der Liebe zum Glauben. Wir Christen bestimmen welchen Klang, Farbe und Kraft sie für den einzelnen und die Gesellschaft haben. Wir entscheiden, ob sie Zündstoff oder leere Floskeln sind. Wir müssen sie erkennen und vor allem in den Alltag umsetzen; nicht nur vorsichtig und diplomatisch, sondern, wenn nötig, auch radikal und ungeteilt. Wir sind die Hände, die Füße und das Herz Gottes. Hier und heute. Denn:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Gebet aus dem 14. Jh.

 

„Friede beginnt mit einem Lächeln“

„Wir können nicht alle große Dinge tun, aber wir können kleine Dinge mit großer Liebe tun.“ (Mutter Teresa)

Beim Rückblick auf dieses „Jahr der Barmherzigkeit“ war die Heiligsprechung Mutter Teresas ein besonderer Höhepunkt für mich, denn es sind viele Erinnerungen wach geworden an die persönliche Begegnung mit Mutter Teresa im November 1988. Das war während meiner Studienzeit, als ich im Mariannhiller Konvent wohnte. Zwei Tage lang durfte ich sie begleiten. Ich werde diese Erlebnisse nie vergessen. Von ihr stammt auch der Satz „Friede beginnt mit einem Lächeln“.

Sicher habt Ihr von der schlimmen Trockenheit in Südafrika gehört. Gott sei Dank hatten wir im November etwa 90 ml Regen, aber viele Staudämme im Land sind fast leer. Unser Klipfontein Damm hat nur 12% Wasser und die Wasserversorgung in der Stadt ist schon seit Monaten abgeschnitten. Das Wasser wird in Tankfahrzeugen in die Stadt gebracht und in 5000 Liter Wassertanks gespeichert. Die Leute können sich in Flaschen, Eimern oder Kanistern aller Größe das Wasser holen, das sie für den täglichen Bedarf nötig haben.

Viele Haushalte haben ein Bohrloch. Wir im Konvent und in der Schule gehören auch zu den Glücklichen. Ansonsten wäre es sehr schwierig, unsere Schule mit 412 Schülern weiter zu führen. Trotz der Dürre ist die Natur ein Wunderwerk, denn der Frühling ließ sich nicht aufhalten.

Wir hatten ein gelungenes Jahr mit vielen Aktivitäten. Meine 30 Erstklässler halten mich in Schwung. Diesmal machten etwa die Hälfte der Kinder sehr gute Fortschritte im Lesen und haben sich als richtige Leseratten entpuppt. Ende November hatten wir unseren „Fun Day“, Groß und Klein hatte Riesenspaß. Bei der „Schaumburg“ sahen die Kinder fast wie Schneemänner aus.

Im November erklärte ich den Kindern, dass wir für unsere Toten beten. Ich sagte, sie sollen ein Bild malen, wie sie sich den Himmel vorstellen. „Ich und Jesus – Freunde für immer!“ schrieb Khethelo oben links. Zwei große Engel bewachen die Burg, Gott und Maria schauen beim mittleren Fenster heraus und im Wagen vorne sitzt Jesus mit Khethelo’s Kopf auf seiner Schulter. Das fand ich einfach toll! Ich hoffe, Ihr könnt die Einzelheiten etwas erkennen.

Von der politischen Lage im Lande seid Ihr ja durch die Medien gut oder vielleicht sogar besser als wir informiert. Korruption ist an der Tagesordnung. Das für Reparaturen vorgesehene Geld verschwindet einfach und es ist nichts da, um die Wasserversorgung sicherzustellen, um die Schlaglöcher auf den Straßen zu beseitigen, um das Stromnetz zu verbessern oder um das Feuerwehrauto einsatzbereit zu halten. Das verursacht Ärger unter den Bürgern, zumal bekannt ist, dass Bürgermeister und Gemeinderäte fürstlich entlohnt werden. An den Universitäten wird demonstriert, gestreikt und vieles unsinnig und brutal zerstört. Die Schäden laufen in die Millionen.

Eine schreckliche Tragödie schockierte unsere Stadt und die ganze Umgebung. In Swart Mfolozi, das eine Fahrstunde entfernt auf dem Land liegt, wurden bei einem Raubüberfall in einem Supermarkt zwei Männer erschossen, einer davon der Vater zweier kleiner Kinder. Der andere war der Schwiegervater. Sie arbeiteten zusammen im Familiengeschäft. Zum Glück konnten die Täter geschnappt werden, einer hat sich selber im Gefängnis erhängt.

Im August konnte Sr. Perpetua in einem feierlichen Gottesdienst ihre Erstprofeß ablegen. Ihre Familie kam von Johannesburg angereist. In der gleichen Feier wurde das 65-jährige Profeßjubiläum unserer fast 97-jährigen Sr. Sola begangen. Zwei Kandidatinnen warten auf die Einkleidung und zwei junge Frauen üben sich in das Ordensleben ein. So hoffen wir auf eine gute Zukunft.

Im Juli durfte ich mit den Schwestern vom Kostbaren Blut in Mariannhill Jubiläum feiern, denn Sr. Winfried feierte ihr 60-jähriges Jubiläum. Mit den Schwestern dort bin ich seit meinem Studium noch immer freundschaftlich verbunden.

In meinen Exerzitien im September in Durban erlebte ich etwas Besonderes. Ich war morgens früh unterwegs zur Pfarrkirche, von wo aus man einen herrlichen Blick auf das Meer hat. Es war kühl und bewölkt und ein Rudel Affen kam die Straße herunter. Ich ging näher, um sie etwas zu beobachten. Eine Affenmutter saß ganz lange mit ihrem Neugeborenen auf der Mauer; das Kleine war noch ganz nass. Weil es so kalt war, hat es mir richtig leidgetan.

In der Pfarrei bin ich weiterhin aktiv im Vinzentiusverein, als Kommunionhelferin und jeden zweiten Sonntag fahre ich zum Familienrosenkranz in die Mischlingssiedlung. Zurzeit habe ich eine sehr eifrige Kindergruppe, die kommt schon gelaufen, wenn sie das Auto sehen.

Mit einem Bild von „meiner“ Krippe wünsche ich Euch und uns allen:
Möge das Licht der Heiligen Nacht unser Leben erleuchten,
damit es auch in unserem Herzen hell und fröhlich werde.
Möge die Liebe Gottes uns umgeben,
damit wir geborgen sind und die Hoffnung nie verlieren.
Möge der Friede Gottes unser Herz erfüllen,
damit auch von unserem Leben Zeichen des Friedens ausgehen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch gnadenreiche Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr 2017!

Mobiler Einsatz in Äthiopien

Zum zweiten Mal war ich im November in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist, mit rund 100 Millionen Einwohnern, ein Vielvölkerstaat mit 80 verschiedenen Volksgruppen, eine Mischung aus afrikanischer, südafrikanischer und arabischer Kultur. Das Land war einst Vorbild für Afrika, jetzt droht es auseinanderzubrechen. Es leidet unter immer wiederkehrenden Hungersnöten – ausgelöst durch Missmanagement, Willkür und durch ausbleibende oder klimatisch geänderte Regenzeiten.

Wir (d.h. das Team von Humedica) waren im Sudwesten Äthiopiens bei den Volkstämmen der Kara (rund 1500 Angehörige) und Hamer (rund 40.000) im Einsatz. Es sind zwei der vielen Stämmen am Fluss Omo, die u.a. an den Folgen der wirtschaftlichen Interessen leiden. Ziel des Einsatzes war die gesundheitliche Versorgung (Malaria, Parasiten, Tbc, Augen- und Atemwegserkrankungen,…) im Rahmen mobiler Kliniken (mit Jeep und Ausrüstung in die Dörfer) und Schulungen in den Bereichen Ernährung und Hygiene. Hier ein Rückblick.

Tszalu (in der Karasprache: Hallo)

Bereits bei der Einreise haben wir Kontakt mit dem Ausnahmezustand, der seit Oktober andauert und auch für die Abschaltung der sozialen Medien zuständig ist, was den Kontakt nach Hause sehr erschwert. Die zweitägige Fahrt mit dem Jeep in das Einsatzgebiet am Omo ist erlebnisreich:

  • Frauen und Kinder schleppen gelbe 25 Liter Kanister am Rücken; das ist die Wasserversorgung aus dem jeweils nächstgelegenen Fluss; teilweise gehen sie kilometerweit an der Straße entlang, um den Tagesbedarf daheim zu sichern.
  • Lastwagen und ihre Container liegen neben der Piste, die auf Sand und Steinen die abschüssigen Wege nicht schafften.
  • Kamel-, Ziegen- und Rinderherden behindern nicht nur einmal die Fahrt und zwingen uns zum Ausweichen oder Halt.
  • Teilweise wird die Piste zur Rutschpartie – in jetzt trockenen aber im Unterbau noch feuchten Flussläufen, die überquert werden müssen; der letzte Regen ist noch nicht so lange her.
  • Geier fliegen hoch am Himmel und halten Ausschau nach Tieren, die es nicht mehr geschafft haben – auf der Piste oder in der Steppe.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages kommen wir an und verteilen uns in den Zelten, die neben dem ehemaligen Missionshaus aufgestellt sind. Das Haus dient uns als Lager, Küche und Gemeinschaftsraum. Wir sind rund ein Kilometer vom größten Kara-Dorf  (Dus) entfernt. Hier gibt es einen offiziellen Gesundheitsposten (Steinhaus mit zwei Zimmern). Er ist nicht besetzt – nach einer sechswöchigen oder im Glücksfall sechsmonatigen Ausbildung will keiner für rund 35 Euro im Monat im Busch allein als Gesundheitshelfer weitab der sogenannten Zivilisation tätig sein. Ein Kontakt zum/zur Medizinmann/-frau im Dorf konnte bisher nicht hergestellt werden. Die Zusammenarbeit mit ihm und die Einbindung der traditionellen Medizin sind auch ein Ziel des Gesamtprojektes hier, neben der gesundheitlichen Versorgung und dem Bau einer neuen Gesundheitsstation mit mehr Möglichkeiten.

Am ersten Abend werden wir ins Dorf gerufen: Ein Junge ist nicht mehr erweckbar, Fieber, Schleimausfluss aus dem Mund, Husten, Blick nur nach einer Seite: Ist es ein Infekt mit Krampfanfall oder Malaria mit Beteiligung des Gehirns? Der Malariatest ist negativ – trotzdem entscheiden wir uns für eine Malariatherapie – am nächsten Tag geht es ihm vorübergehend besser: Er hat überlebt! Einen weiteren Tag später schicken wir ihn ins Krankenhaus, da eine weitere Verbesserung ausbleibt und er jetzt Chancen hat, den vier bis fünfstündigen Transport zu überstehen und er dort eine weitere Therapie erhalten kann. Mit ihm schicken wir eine junge Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte und weiter blutet. Wir versorgen sie mit einem Medikament, das die Blutung vermindert. Glücklicherweise habe ich das mitgenommen.

Der erste Einsatzort liegt am Omo-Fluß neben dem neuangelegten Feld der Dorfgemeinschaft. Dieses Feld wurde über die „Straße“ hinweg angelegt, so dass ein Weiterkommen mit dem Wagen nicht möglich ist – also findet die Behandlung im Schatten zweier Bäume statt. Matten werden ausgebreitet, die Kisten für die Apotheke werden bereitgestellt, eine Stelle für Verbände bestimmt. An anderer Stelle richten wir die Untersuchungsplätze für die Ärzte und Übersetzer ein. Auf der Ladeklappe des einen Geländewagens ist die Registratur: die Namen der Patienten werden mit der teils verschiedenen Schreibweise auf den Karteikarten versucht, in Einklang zu bringen. Einer der Fahrer schickt von den dann wartenden Patienten den jeweils nächsten zum freiwerdenden Untersuchungsplatz. Ansonsten würden sich hier Trauben von Kindern und Patienten um den Arztplatz bilden und die Untersuchung wäre unmöglich. Schweigepflicht und Datenschutz sind Fremdwörter! Mit unseren fünf Sinnen, Stethoskop, Ohrenspiegel, Thermometer, Urinproben und Malariatest untersuchen und diagnostizieren wir – und wir kommen schätzungsweise zu 80% auf die gleichen Ergebnisse wie mit unseren technikgestützten und juristisch geforderten Maßnahmen zu Hause. Die Patienten gehen dann zur Apotheke, wo die Medikamente aus den Kisten heraus verabreicht werden, die Salben aufgetragen und die Verbände gemacht werden.

Wir arbeiten an verschiedenen Orten. Einer davon ist Korcho – ein Ort, an dem Safaritouristen regelmäßig Halt machen. Die Menschen bemalen sich, um gegen Geld fotografiert zu werden. Normalerweise sind es rituelle Zeichnungen auf den Körpern, die nur zu bestimmten Festtagen aufgetragen werden. Sind die Touris wieder weg, wird von vielen Karas hier das Geld in Alkohol umgesetzt – mit den Folgen von Streitigkeiten und Verletzten. Andererseits trifft dies natürlich nicht für alle zu und es ist auch zu beobachten, dass in diesem Dorf der für uns sogenannte Standard schon höher ist. Zwei Seiten des Eindringens unserer modernen Welt in eine traditionelle.

Ein anderes Erlebnis dieser „Konfrontation“: Ein Mädchen hat so starke Karies, dass alle Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung nicht helfen. Im Dorf gibt es einen Heiler/Medizinmann, der für Knochen und Zähne zuständig ist. Wir suchen den Kontakt, haben aber das Problem, das das Mädchen schreit und sich massiv gegen die Behandlung wehrt – so kann der Heiler nicht arbeiten. Es wird eine Kurznarkose gemacht und der Medizinmann zieht in einer nur ganz kurz dauernden Aktion (Schnitt und Aushebeln) den Zahn – in den nächsten Tagen wird eine weitergehende Zusammenarbeit vereinbart. Besser kann es nicht laufen!

Der Fluss Omo – die Lebensader hier im Sudwesten Äthiopiens – schlängelt sich durch die Landschaft. In der Nacht, wenn der Mond der Erde am Nächsten steht und besonders groß erscheint, erleben wir einen beeindruckenden Mondaufgang. Er kommt hinter den Bergen hervor, leuchtet über der Tiefebene und spiegelt sich im Fluss.

Genauso beeindruckend sind so manche Behandlungssituationen: Unter schattengebenden Bäumen (40 Grad) auf einer Decke sitze ich – vor mir die Patienten, hinter mir frischgeborene Ziegen, die an mir rumschnuppern – und schräg vor mir der Älteste des Dorfes, der die Behandlung beobachtet und nach Abschluss der Behandlung mit mir ein Plauschen hält: Wie alt ich sei – knappe sechzig können wegen meiner hellen Haare nicht stimmen – und ob die mitbehandelnde Ärztin meine Frau sei. Acht Ziegen will er wohl für sie bieten und sie als Zweit- oder Drittfrau erwerben.

Was bleibt, außer den tiefen Eindrücken von Landschaft und einer anderen Kultur?

  • Die Gewissheit, einigen Menschen in ihren Krankheiten geholfen zu haben
  • Eine deutsche Schwester wird dauerhaft da sein und sich der medizinischen Versorgung annehmen, wenn möglich in Zusammenarbeit mit den einheimischen Medizinkundigen und ab und zu unterstützt von einem medizinischen Team aus der Heimat (wie unseres).
  • Wir werden versuchen, die Qualität des Wassers zu testen, ob die Reinigungsmaßnahmen vor Ort effektiv sind und somit Krankheiten wirklich verhindert werden können
  • Für uns (alle) selbst die Erkenntnis, dass unser Wissen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nur sehr relativ sind, und dass wir uns auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist.

Barmherzige Schwestern aus Nigeria

Das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit geht nun zu Ende, aber Barmherzigkeit kennt kein Ende. Schon gar nicht für uns „Töchter Mariens, Mutter der Barmherzigkeit“ (Barmherzige Schwestern – wie wir in Deutschland genannt werden). Unser Ordensname ist Programm.

Vielleicht haben Sie mich oder eine meiner Mitschwestern in blauer Kutte in Eichstätt oder in einer anderen Stadt schon gesehen und gefragt: Wer sind diese Schwestern? Und was machen sie?

Ich lebe seit Oktober 2012 hier in Eichstätt bei den Schwestern der Congregatio Jesu in Eichstätt. Zurzeit studiere ich Pflegewissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Unser Orden, Daughters of Mary Mother of Mercy (DMMM) , wurde 1961 in Nigeria gegründet. Der damalige Bischof der Diözese Umuahia in Abia, Anthony Gogo Nwedo, suchte Hilfe, um sein junges Bistum zu evangelisieren. Er wollte unter anderem auch Schulen, Krankenhäuser und Waisenhäuser errichten. Da es für diese Aufgabe keine Orden vor Ort gab, wurde ein eigener Orden gegründet, der 1994 als Kongregation päpstlichen Rechts anerkannt wurde.

Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM
Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM

Zurzeit hat der Orden über 1.000 Schwestern, 82 Novizinnen und 90 Postulantinnen unter anderem auch in Deutschland, Belgien, Italien, Schweden, England, Österreich und in den USA. Unser Mutterhaus ist in Nigeria (unsere General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike hat ihre Ausbildung in Bonn absolviert) und wir sind auch in weiteren afrikanischen Ländern präsent. Wir leben nach den drei Gelübden des Gehorsams, der Armut und der ehelosen Keuschheit. Nächstenliebe, Demut, Gebet, Buße und Hingabe an den Willen Gottes machen den Geist unserer Ordensgemeinschaft aus.

General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM
General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM

Durch unser Tun und unsere Lebensweise wird die Barmherzigkeit Gottes den Menschen vermittelt. Als Ausdruck unserer Berufung in der Nachfolge Jesu sind wir tätig in der Fürsorge der Armen und Bedürftigen in Krankenhäusern, Heimen, Waisenhäusern, Altenheimen und bei Obdachlosen sowie in der Seelsorge und der Vorbereitung der Erstkommunionkinder in der Pfarrgemeinde und auch der jungen Frauen für das Familienleben. Beruflich sind wir hauptsächlich Krankenschwestern und/oder Hebammen, Altenpflegerinnen, Ärztinnen, Kindererzieherinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen in verschiedenen Ebenen.

In Nigeria, einem Land in dem rund 180 Millionen Menschen aus 250 ethnischen Gruppen leben, besucht ein großer Teil der Kinder im Schulalter keine Schule. Die Analphabeten-Quote beträgt bei Männern 30 Prozent, bei Frauen sogar rund 50 Prozent. Zum einen sind die Schulgebühren sehr hoch, zum anderem müssen viele Kinder für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Deshalb ist es unserem Orden sehr wichtig, in diesen Bereich tätig zu werden, denn ohne Bildung ist ein erfolgreicher Einstieg in das Berufsleben kaum möglich. Mit unseren Schulen unterstützen wir vor allem die armen Kinder.

Nigeria ist in erster Linie aufgrund seiner vielen Rohstoffe ein reiches Land. Aber dieser Reichtum ist auf Wenige konzentriert. Etwa zwei Drittel der Menschen in Nigeria leben in extremer Armut. Als Folge davon stranden viele Kinder heimat-, eltern- und obdachlos in den Slums und Straßen der Städte wie Lagos, Kano, Ibadan und Abuja. Auch diese Menschen unterstützen wir durch unsere Arbeit. Allein unser Orden unterhält vier Waisenkinderheime.

Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM
Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM

In Deutschland sind wir überwiegend im Krankenhausbereich tätig und legen hier durch unser Wirken Zeugnis für unseren Glauben ab. Mit unserem Gehalt unterstützen wir wiederum unsere Einrichtungen in Nigeria. Unsere Einrichtungen in Nigeria werden hauptsächlich durch Spenden und durch die Arbeit der Barmherzigen Schwestern im Ausland finanziert.

Es gibt auch die „Barmherzigen Brüder“, die Sons of Mary Mother of Mercy (SMMM). Auch sie sind hier in Deutschland in mehreren Diözesen tätig.

Geschwisterlichkeit über Kontinente hinweg

Der Kolpingverband in der Diözese Eichstätt hat eine Partnerschaft mit dem Kolping-Nationalverband Togo besiegelt.

„Wenn man Freud und Leid miteinander teilt, wächst man zusammen“. Dieses Zitat  des Seligen Adolph Kolping ist das Leitmotiv der neuen Partnerschaft zwischen Kolping Togo und Eichstätt. Zur Feier am Freitag, 16. September, kam eine vierköpfige Delegation aus Togo, um den Auftakt der Partnerschaft zu würdigen. Bischof Gregor Maria Hanke stand dem Festgottesdienst im Dom vor, der musikalisch von Kirchenchor Woffenbach gestaltet wurde.

„Akpe kaka loo“ – so sagt man in Togo „Danke“. Und der Dank, dass man partnerschaftlich verbunden sein darf, prägte die Feierlichkeiten. Bischof Gregor Maria griff in seiner Predigt auf den Apostel Paulus und dessen Bilder von der Einheit der an Christus Glaubenden zurück. Die Geschwisterlichkeit, die Paulus mit den Gliedern eines Leibes vergleicht, wirkt der Gefahr der Ghettoisierung einzelner Gruppen in der Kirche entgegen, so der Bischof. Das vertonte Motto des Kolpingtages in Köln „Wer Mut zeigt, macht Mut“, vorgetragen vom Kirchenchor Woffenbach und begleitet von Domorganist Martin Bernreuther, wies ebenso wie das Kolpinglied allen Gottesdienstbesuchern den Weg der angestrebten christlichen Geschwisterlichkeit. Als Zeichen der christlichen Verbundenheit brachten Kolping-Diözesanvorsitzende Eva Ehard aus  Spalt und die Vorsitzende des Nationalverbands Togo, Marie-Thérèse Awoussah, je eine Stola aus Deutschland und Togo zu Bischof Gregor Maria, der diese segnete. Künftig werden die Präsides hier in Bayern und Westafrika bei Gottesdiensten die Stola des jeweiligen Partners umlegen und die Verbundenheit so sinnenfällig zum Ausdruck bringen.

Den Festzug vom Dom zum Kolpinghaus begleitete die Möckenloher Blaskapelle, die im weiteren Verlauf des Abends noch zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen sollte.

Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt und dem Kolping-Nationalverband Togos. Foto: Ewald Kommer
Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt und dem Kolping-Nationalverband Togos. Foto: Ewald Kommer

Im Kolpinghaus wurde dann tatsächlich in vielen Sprachen gesprochen. Nicht nur in Ewe, einer von vielen Menschen in Togo gesprochenen Sprache, sondern auch in Französisch wurden die Gäste begrüßt. Kolping-Diözesanvorsitzende Eva Ehard war nicht die Einzige, die sich freute, ihre Sprachkenntnisse anwenden zu können. Auch stellvertretende Landrätin Tanja Schorer-Dremel (MdL) und Peter Schwab vom Internationalen Kolpingwerk ehrten die Delegation aus Togo durch Grußworte in der offiziellen Landessprache. Oberbürgermeister Andreas Steppberger hielt sich mit fremden Sprachen zurück, versprach aber dafür, sich für die Partnerschaftsreise im kommenden Jahr in das westafrikanische Land zu interessieren. Für das Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt dankte – in Vertretung von Prälat Dr. Christoph Kühn, der später zur Versammlung stieß und die Unterzeichnung der Urkunde „notariell“ begleitete – Gerhard Rott, der auch Vorsitzender der Kolpingsfamilie Eichstätt und somit Hausherr ist, für die Erweiterung der im Bistum gepflegten Partnerschaften der Gemeinden und Verbände. Landtagsabgeordnete und Oberbürgermeister hatten inhaltlich die Aspekte der Bildung und des praktischen Tuns bei Kolping als unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung und zum Erhalt des Friedens in einer Gemeinschaft, auch der großen Weltgemeinschaft, hervorgehoben.

In seinem Grußwort betonte der togolesische Kolping-Nationalpräses, Dieudonné Agbeko, wie wichtig für sein Land die spirituelle Brücke zu den deutschen Brüdern und Schwestern sei. Natürlich freue man sich auch über die materielle Unterstützung, die sowohl vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit als auch aus Spendengeldern der Kolpingsfamilien komme, so der Nationalpräses. „Als Volk Gottes sind wir Brüder und Schwestern, die sich auf Augenhöhe begegnen und einander mit unterschiedlichen Gaben beschenken“. Damit knüpfte er nahtlos an Diözesanvorsitzende Ehard an, die aus einer Broschüre des anderen Eichstätter Partnerverbandes, nämlich Peru, zitierte: „Keiner ist so arm, dass er nicht etwas geben könnte, keiner ist so reich, dass er nicht etwas empfangen müsste“.

Bei der Unterzeichnung der kunstvoll gestalteten Partnerschaftsurkunde durch die Vorsitzende des Nationalverbands, Marie-Thérèse Awoussah, Nationalpräses Dieudonné Agbeko, Diözesanvorsitzende Eva Ehard und Diözesanpräses Monsignore Dr. Stefan Killermann, spürte man im Kolpinghaus den bedeutsamen Augenblick durch die feierliche Gespanntheit der Anwesenden, unterbrochen nur durch das Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Anschließend konnten sich alle Gäste an einer bayerischen Brotzeit erfreuen, begleitet von den zünftigen Klängen der Blaskapelle. Eine besondere Freude bereitete Dirigent Dominik Harrer den Kolpingern, als die Möckenloher das Kolpinglied intonierten. Mit Standing Ovations quittierten die Anwesenden diese Hommage an den Gesellenvater und Seligen Adolph Kolping.

Die Vorstellung des Lebens in Togo und der Arbeit des Kolping-Nationalverbandes übernahm dessen Nationalsekretär Laurent Tay, der auch als Dolmetscher für die Reisegruppe fungierte. In den Kolpingsfamilien Togos werden viele ganz praktische Projekte umgesetzt, die das Leben verbessern. So finden Schulungen vor Ort auf dem Feld statt, in denen die Bauern lernen, durch eigene Kompostbereitung zur Düngung und Bodenverbesserung, die Erträge auf umweltverträgliche und nachhaltige Weise zu steigern. Neben diesen Landwirtschaftskursen werden die Menschen in der Fischzucht ebenso unterstützt wie beim Aufbau eigener Aktivitäten zur Sicherung des Lebensunterhalts: Das reicht vom eigenen Friseurladen bis hin zur genossenschaftlich geführten Fahrradwerkstatt.

Was wäre ein Festabend ohne die Ehrung verdienter Menschen: So bekam ein Dreigestirn der Kolpingsfamilie Woffenbach, der Keimzelle der Togo-Partnerschaft im Diözesanverband Eichstätt, aus den Händen von Frau Ehard die Dankurkunde mit Medaille. Diese Ehrung wurde auch Diözesanpräses Dr. Killermann für seine spirituelle Leitung des Verbandes zuteil. Heinz-Jürgen Adelkamp, Vorsitzender der Woffenbacher Kolpingsfamilie, dankte allen, die durch ihr Engagement zur Lebendigkeit der Partnerschaft beitragen und die Ausweitung auf die diözesane Ebene ermöglicht haben. Ebenfalls geehrt wurde der Vorsitzende der Kolping-Bildungsstätte und stellvertretende Vorsitzende der Kolpingsfamilie Eichstätt, Willi Reuder. Er, so Diözesanvorsitzende Ehard, unternimmt alles, um für die Zusammenkünfte im Kolpinghaus einen wohnlichen und gemütlichen Rahmen zu schaffen, so dass sich alle wohlfühlen können. Eine Ehrung ganz anderer Art nahm Edi Babiel, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Beilngries, entgegen: Die Beilngrieser traten bei der Deutschen Kolping-Fußballmeisterschaft in Eppingen mit mehreren Mannschaften an und erzielten bei der Jugend die Vize-Meisterschaft.

Nach weiteren schwungvollen Orchesterstücken klang der Abend mit vielen Gesprächen und der Vorfreude auf kommende Begegnungen mit einem kraftvollen „Treu Kolping – Kolping treu“ aus.

Radio k1: Kolping-Diözesanverband Eichstätt feiert neue Partnerschaft mit Togo