Kategorie-Archiv: Afrika

Leben im „vergessenen Senegal“

Zum siebten Mal war ich in den vergangenen Wochen in Zusammenhang mit der Partnerschaft zwischen KLB Diözese Eichstätt und „Landvolkbewegung“ MARCS der Diözese Tambacounda im Senegal unterwegs. Viele fragen mich, wie es in dem westafrikanischen Land aussieht, wie die Menschen dort leben.

Der Senegal – eine ehemalige französische Kolonie – ist etwa halb so groß wie Deutschland und liegt im äußersten Westen Afrikas im Übergang der Sahelzone zu den Tropen. Das Klima ist stark vom Wechsel zwischen Trocken- und Regenzeit geprägt. Momentan schwanken die Temperaturen in der Region Tambacounda zwischen 16 Grad in der Nacht und 37 Grad tagsüber. Jetzt ist Trockenzeit – sie geht von November bis April.

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Die Landschaft auf dem Gebiet der Diözese Tambacounda im Südosten Senegals hat steppenartigen Charakter und bietet, nach unseren Vorstellungen, wenig Möglichkeiten für landwirtschaftliche Nutzung. In der Regenzeit können Hirse, Erdnüsse, Manjok, Baumwolle und ein wenig Reis angebaut werden. Ausnahmen sind Gebiete wo künstliche Bewässerung möglich ist, z. B. Flussniederungen. Hier können Bananen und andere Südfrüchte kultiviert werden. Ein Problem ist, dass Infrastrukturen wie z. B. Teerstraßen, Strom und Wasserleitung weitestgehend fehlen. Die Region Tambacounda wird deswegen auch das „vergessene Senegal“ genannt.

Senegal belegt einen der hinteren Plätze im Ranking der Menschlichen Entwicklung (HDI) der Vereinten Nationen. Die Armut ist unübersehbar. Schon bei der Landung in der Hauptstadt Dakar sieht man Wellblechhütten, fliegende Händler und überall den Versuch, zu überleben. Im Hinterland ist es nicht viel anders. Das Land ist stark abhängig von Krediten der Industrie- und Erdölländer sowie von Entwicklungshilfe – auch aus Deutschland. Auch die Kirche hilft: 2009 war der Senegal Schwerpunktland der Sternsinger-Aktion, 2011 Beispielland der missio-Kampagne.

Die meisten der rund 12 Millionen Senegalesen leben irgendwie von der Landwirtschaft: Rund 70 Prozent der Erwerbstätigen sind – so die offizielle Statistik – im Agrarsektor tätig, obwohl nur zwölf Prozent der Fläche landwirtschaftlich nutzbar sind. Aufgrund von Dürreperioden kann das Land die Ernährung seiner Bevölkerung nicht sicherstellen. Kurz vor der Erntezeit besteht jedes Jahr die Gefahr einer Hungersnot. Wenn die Ernte schlecht ausfällt, kann das verheerende Folgen haben. Auch der Klimawandel macht sich vor allem durch Ausbreitung der Wüsten in Norden bemerkbar.

Übrigens der Name des Landes und des gleichnamigen Flusses an der Grenze zu Mauretanien im Norden kommt von der bedeutendsten Umgangssprache, dem Wolof: „Sunugal“ bedeutet „Unser Boot“, wie ich aus einem missio-Heft erfahren habe. Die „Piroge“ ist das typische Boot in Form eines „Einbaums“ bzw. in die Länge gezogene Nussschalen. Täglich fahren die Fischer der Küstenregion damit aufs Meer. Der Fischfang ist heute das wichtigste Exportgut Senegals, wobei die Fangrechte für Hochseefischerei an Japan und Südkorea verkauft sind. Seit internationale Tanker das Meer „leer“ fischen, geht der Ertrag aus dem Fischfang drastisch zurück. Die Überfischung führt zu Arbeitslosigkeit und Emigration. Betroffen sind vor allem die Kleinfischer und ihre Familien. In Pirogen brechen junge Senegalesen auf und hoffen, in Europa ein besseres Leben zu finden. Dass viele dabei ihr Leben auf das Spiel setzten oder bei der Überfahrt ertrinken, hindert andere nicht daran, viel Geld an Schlepperbanden zu zahlen, um den gleichen Weg zu riskieren. Deshalb fällt der Name Senegal auch immer wieder in den Berichten über Schiffbrüche vor Lampedusa.

Migrationen sind in der Sahelzone, wo noch viele Menschen nomadisch leben, ein traditioneller Bestandteil der Kultur. Doch für die zunehmende Abwanderung nach Europa gibt es andere Gründe. Senegals Bauernpräsident Samba Gueye hat einst die Folgen der Politik der Europäischen Union gegenüber sein Land so beschrieben: „Wir haben Erdnüsse exportiert, das wurde uns kaputtgemacht. Wir exportierten Fisch, der wurde uns weggefangen. Nun exportieren wir eben Menschen.“ Da ist was dran. Es zeigt aber letztendlich auch, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Mehr zum Thema: Gottesdienst im Senegal

Eine Reise nach Nigeria

Seit dem 17. Januar bin ich auf Heimatbesuch in Nigeria. Ich bin bei 5 Grad in München gestartet und nach dem Flug über Paris bei 31 Grad in Lagos gelandet. Übernachtet habe ich bei meinem Landsmann und Mitbruder Rev. Fr. Jonathan Okafor, der ebenfalls aus meiner Heimatstadt Ututu stammt und als Missionar in Lagos tätig ist. Am nächsten Tag ging es weiter mit dem Bus nach Umuahia, eine Bischofsstadt mit rund 80.000 Einwohnern. Für die 600 Kilometer lange Busfahrt von Lagos nach Umuahia brauchten wir 11 Stunden. Mit einem Inlandflug dauert es hingegen nur 45 Minuten. Da ich aber vorsichtshalber seit 1996 in Nigeria nicht mehr geflogen bin, sind mir diese 11 Stunden angenehmer als 45 Minuten Panik in der Luft.

Meine Heimatpfarrkirche St. Paul's Parish Church Ututu: Hier wurde ich am 21.7.1990 zum Priester geweiht, als erster Priester des damals am 1. 7. 1990 für die Diözese Umuahia neu konsekrierten Diözesanbischofs Dr. Lucius Ugorji.
Meine Heimatpfarrkirche St. Paul’s Parish Church Ututu: Hier wurde ich am 21.7.1990 zum Priester geweiht, als erster Priester des damals am 1. 7. 1990 für die Diözese Umuahia neu konsekrierten Diözesanbischofs Dr. Lucius Ugorji.

In Umuahia habe ich wieder bei einem Mitbruder in seinem Pfarrhaus übernachtet. Dem Ortsbischof Dr. Lucius Ugorji überreichte ich Messstipendien vom Ingolstädter Messbund. Danach fuhr ich dann endlich nach Ututu. Die Gemeinde Ututu hat ungefähr 20.000 Einwohner (genaue Statistiken gibt es nicht), die auf 19 Dörfer leben. Mein Dorf heißt Ukwuakwu Ututu und dort verbringe ich meistens meinen Urlaub mit meinen drei Schwestern sowie mit Neffen und Nichten.

Dieses Jahr ist es aber anders. Weil ich den Heimatbesuch zur Vorstellung meines jüngsten Buches „The Denial of Catholic Funeral Rites and Irregular Marriage in Igboland“ nutze, bin ich jedes Wochenende in einer anderen Pfarrei. So habe ich zum Beispiel eine Messe in der Mater Dei Cathedral Umuahia mit Dompfarrer Dr. Pascal Opara konzelebriert. Dort stieß das Buch bei den Gläubigen auf große Begeisterung. Nun bin ich zu Hause und genieße die Natur, das einheimische Essen, die Gesellschaft meiner Familienangehörigen und vor allem die Ruhe von der Arbeit.

Die Zahl der Seminaristen hat sich verdoppelt

Ututu liegt 130 Kilometer südlich von Umuahia (Hauptstadt des Bundeslandes Abia State). Die meisten Menschen hier sind Kleinbauer, deren Ertrag aus der Landwirtschaft gerade zum Überleben reicht. Andere wiederum sind Lehrer unterschiedlicher Schulstufen. Die Jugendlichen wandern in die Großstädte ab und kommen regelmäßig zu Gemeinschaftsfeiern, wie Beerdigungen, Eheschließungen oder zu Weihnachten zurück. Dies hat zur Folge, dass nur noch die älteren Menschen und die Schulkinder zu sehen sind, die aber die Dorfgemeinschaft aufrechthalten.

Am vergangenen Wochenende war ich in Enugu, 215 Kilometer nordöstlich von Umuahia. Enugu, Hauptstadt des gleichnamigen Bundeslandes, ist auch Bischofssitz. Hier wurde mein Buch den Priesteramtskandidaten im Bigard Memorial Seminary und in zwei Pfarreien vorgestellt. In diesem Priesterseminar habe ich von 1986 bis 1990 Theologie studiert. Bei meinem ersten Besuch letzte Woche habe ich festgestellt, dass sich die Zahl der Seminaristen seitdem verdoppelt hat. Momentan gibt es hier über 1000 Seminaristen aus den Bistümern Enugu, Onitsha, Awka, Awgu, Nsukka, Abakaliki und Nnewi.

Mehr zum Thema: Die Kirche in Nigeria – Die Herausforderungen und Möglichkeiten

Gottesdienst im Senegal

Wenn man es gewohnt ist, den Gottesdienst in einem barocken Gotteshaus wie in meiner Pfarrgemeinde St. Willibald in Deining zu besuchen, dann ist ein Gottesdienst im Senegal – wo ich gerade unterwegs bin – schon ein besonderes Erlebnis. Als Glocke dient hier eine Lastwagenfelge, die mit dem Hammer „geläutet“ wird. Die Kirche ist eine “idyllische“ Strohhütte mit Wellblechdach. Der Altar ist ein einfacher Holztisch, die Bänke Baumstämme von Palmen.

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Uns Europäern fallen gleich die farbenfrohen Kleider der Frauen auf, oft noch mit einem Kind auf dem Rücken. Der Ablauf des Gottesdienstes ist natürlich der gleiche wie bei uns, aber die Atmosphäre ist entspannter. Der Gesang, oft von Trommeln begleitet, ist mächtig, er kann auch in „ wilden“ Tanz übergehen. Die Predigt muss oft in die Stammessprachen übersetzt werden, da der Pfarrer nur französisch spricht. Der Friedensgruß wird ausgiebig zelebriert. Nach dem Gottesdienst geht die Feier weiter – mit Gesang und Tanz. Es ist eben anders, aber man fühlt sich im Glauben verbunden.

Das Christentum gelangte bereits mit der Ankunft der ersten portugiesischen Entdecker in den Senegal. Während der Kolonialzeit (1895-1960) haben die Franzosen, ausgehend von ihrer  „Auslandsseelsorge“, versucht, die noch nicht islamisierten Völker zu missionieren. Heute sind knapp 5 Prozent der Senegalesen Christen (meist Katholiken), mehr als 90 Prozent bekennen sich zum Islam. Für die 643 000 Katholiken sind derzeit 817 Ordensschwestern, 312 Diözesanpriester, 134 Ordenspriester, 146 Ordensbrüder in sieben Diözesen tätig (diese Zahlen habe ich von missio). Die Ortskirchen im Senegal sind auf die finanzielle Solidarität der Weltkirche angewiesen. So auch die Diözese Tambacounda, mit der die KLB Diözese Eichstätt eine Partnerschaft unterhält.

Soweit ich das bisher beobachten konnte, ist das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen im Allgemein von gegenseitigem Respekt geprägt. Die gemeinsame Sorge um die Nöte der Menschen prägt das Miteinander der Religionsgruppen in diesem Land. Vielleicht können auch andere Länder vom hiesigen „Dialog des Lebens“ etwas lernen.

Mehr zum Thema: Rund 250.000 Euro zur Förderung eines Alphabetisierungsprojektes – Bericht über den Projektbesuch, an dem auch Michael Graml von der KLB Diözese Eichstätt teilnimmt (auf Französisch)