Borie Noble: Frankreich abseits des EM-Rummels

Der Winter auf der Borie Noble ist überstanden, meine Ängste, dass er sehr lang, kalt und einsam sein würde, sind nicht wahr geworden. Vom Holzsägen hatte ich zwar irgendwann genug, aber der Winter war hier, wie in Deutschland, sehr mild und dadurch hielt sich die Arbeit in Grenzen. Ab und an habe ich ein warmes Bad vermisst und mir gewünscht, einfach die Heizung aufzudrehen anstatt Feuer zu machen, aber dafür ist das warme Zimmer, hat man dann mal den Ofen eingeschürt, umso gemütlicher.

Das warme Baden habe ich nachgeholt, als ich im Januar eine Woche zu Hause war, um Familie, Freunde und Nürnberg wiederzusehen. Den Luxus, den ein ganz normales Reihenhaus im Winter zu bieten hat, wusste ich zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Außerdem habe ich mich – zu meinem Erstaunen – sehr gefreut, einfach wieder in Deutschland zu sein. Als ich aus dem TGV von Paris nach Augsburg ausstieg, hatte ich das Gefühl wieder zu Hause zu sein – merkwürdig, da ich noch nie zuvor in Augsburg war. Ich habe festgestellt, dass es stimmt: Man muss erst weggehen, um zu schätzen zu wissen, wo man herkommt. Beruhigend war außerdem das Gefühl, in Nürnberg noch alles an seinem Platz zu finden: Meine Eltern, einige meiner Freunde, meine Gemeinde.

Momentan ist die Borie Noble denke ich so schön wie nie im Jahr: Die ganze Natur geht auf, überall blühen wilde oder angebaute Blumen in allen Farben, die Bäume sind so strahlend hellgrün, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe. Vor ein paar Wochen haben die Vögel zu Beginn des Frühlings gesungen, inzwischen beginnen die Grillen den Frühsommer anzukündigen. Die Klänge, die mich hier den ganzen Tag begleiten, sind die Bäume, die Vögel, die Grillen und der kleine Fluss, der im Tal fließt. Zu Beginn des Frühlings habe ich meine Hängematte aufgehängt und viel meiner Freizeit damit verbracht, darin zu liegen, die Bewegungen der Bäume in Wind zu betrachten und den Vögeln zuzuhören.

Zu dieser Zeit im Jahr merke ich noch intensiver als zuvor, wie einem hier, in der Abgeschiedenheit, alle Sinne aufgehen! Dadurch, dass ich nur eine begrenzte Anzahl an Gesichtern täglich sehe, kein Internet und Fernsehen habe und nicht von Schriftzügen und Werbung umgeben bin, nehme ich die Informationen, die ich bekomme, viel besser auf. Ich schaue jedem Menschen, der mir begegnet, ins Gesicht, ich nehme die Natur mit ihren Gerüchen, Geräuschen, Farben und Formen viel tiefer wahr. Ich bin nach innen und außen viel offener, wachsamer. Wenn ich in einer Stadt bin, merke ich, wie ich erst eine gewisse Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit habe. Es sind zu viele Geräusche, Gesichter, Informationen, bis sich meine Sinne ein Stück weit verschließen und ich den normalen, schützenden „Tunnelblick“ entwickle. Zurück auf der Borie Noble höre ich erst wieder für einen Moment die Stille und atme in der unverschmutzten Luft tief durch.

Ab Januar waren wir hier nur eine kleinere Gruppe, weil keine Besucher kamen. Dadurch war es sehr ruhig und wir vier „longstagaire“ – Langzeitfreiwillige – sind ein eingespieltes Team geworden. Ich habe großes Glück, dass wir Freiwillige uns so gut verstehen, das ist wirklich wichtig, wenn man relativ isoliert in einer kleinen Gruppe lebt. Um Ostern herum setzte dann wieder mehr Trubel ein, es kamen mehr Freiwillige, außerdem meine und Rebeccas Familie, wir haben die Osterfeier vorbereitet und man konnte sich endlich wieder mehr draußen aufhalten.

Ostern wird hier einerseits sehr christlich begangen, andererseits wird auch als Ende des Winters gefeiert, das hier viel mehr Auswirkungen auf das ganze Leben hat als in der Stadt. Am Gründonnerstag gab es eine kleine Zeremonie zur Fußwaschung. Dabei hat jeder die Füße seines Nachbarn oder seiner Nachbarin gewaschen, es wurde gesungen, Texte gelesen und in der Runde Brot und Wein geteilt. Samstagabend war die eigentlich Osterzeremonie mit vielen Lieder und Texten, einem „Partage“ (ich habe dafür immer noch keine adäquate Übersetzung gefunden: im Rahmen eines kleinen Rituals teilt – wer will – seine Antwort auf eine persönliche Frage) zur Frage „Welche Saat möchte ich in mir aufgehen sehen?“ und einem Theater. Dieses zeigte die eher düsteren Persönlichkeiten der Ostergeschichte: Herodes, Pontius Pilatus, den Hohepriester – von mehreren engagées gut und interessant umgesetzt! Als kleine, positive Abschlussszene spielten die drei deutschen Eirene-Freiwilligen Lara, Rebecca und ich die Frauen, die das leere Grab finden und dem Engel begegnen. Das Proben – auf Französisch natürlich – und das Verkleiden als jüdische Frauen mit langen Röcken und großen weißen Tüchern um die Köpfe haben mit viel Spaß gemacht! Am Sonntag gab es dann Festessen mit Buffet, zu dem alle eingeladen waren, etwas beizutragen.

Allgemein habe ich Ostern tatsächlich viel mehr erlebt als in den Jahren zuvor. In denen habe ich zwar manche der Gottesdienste besucht und teilweise auch mitgestaltet, aber nie so gelebt und gefeiert wie hier. Die Freude und der Aufbruch, die von diesem Fest ausgehen – einerseits von christlicher Seite, andererseits das Ende des Winters – sind viel leichter zu erleben und greifbarer.

Inzwischen hat der Sommer Einzug gehalten, ich arbeite viel im Garten, ein Kalb wurde geboren… Bei meinen Arbeiten mache ich inzwischen genau das, was ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Die Hälfte der Zeit habe ich inzwischen feste, eher selbstständige Tätigkeiten: Einen Tag für die Gemeinschaft kochen, zwei Tage die Woche melken, meine Wäsche machen und seit Februar mit Rebecca zusammen die Hühner betreuen. Dafür muss ich sie füttern, ausmisten, die Eier einsammeln und kleine Reparaturen am Hühnerstall vornehmen, was mir alles viel Spaß macht. Mit den Hühnern haben wir auch endlich einen kleinen Sektor, in dem Rebecca und ich Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten können. Es ist zwar kein großer Aufgabenbereich, für mich aber trotzdem wichtig.

Die andere Hälfte meiner Woche helfe ich dort, wo es gebraucht wird, in den verschiedenen Sektoren mit. Im Moment bin ich viel im Garten, wo wir zum Beispiel vor ein paar Wochen mehrere tausend Zwiebeln gesteckt haben. Ich habe aber in letzter Zeit auch beispielsweise auf dem Bauernhof mit Kartoffeln gelegt, in der Bäckerei für eine große Lieferung Kuchen gebacken, den Kleiderfundus entrümpelt, Zimmer gekalkt, Holz für den Brennofen der Töpferei gemacht und vieles mehr …

Bei meiner Entsendeorganisation Eirene haben alle Freiwilligen in den Mitte ihres Dienstes ein Zwischenseminar, bei dem es darum geht, den Friedensdienst bisher zu reflektieren, eventuelle Probleme zu besprechen und zu überlegen, was man in den letzten Monaten noch erreichen oder ändern möchte. Ich hatte mein Seminar vor etwa einem Monat in der Nähe von Grenoble in einer anderen Arche nach Lanza del Vasto, St. Antoine. Dazu kamen alle Eirene-Freiwilligen aus Belgien und Frankreich, insgesamt 13. Im Programm, das wir viel selbst mitgestalten konnten, standen – neben dem oben schon Erwähnten –  beispielsweise auch der Terror in Frankreich und Belgien, unsere persönliche Entwicklung seit Dienstbeginn, Mitarbeit im Garten der Arche St. Antoine, Einzelgespräche mit meiner Betreuerin und mehr. Ich habe mich sehr gefreut, die anderen Freiwilligen von Eirene wiederzusehen und hatte großen Spaß in der Woche. Manche der Einheiten haben mir geholfen, verschiedene Aspekte meines Lebens auf der Borie Noble klarer zu sehen, und haben mir Ideen und Motivation mit in die letzten Monate gegeben. Das Seminar hat auch mein Gefühl verstärkt, von Eirene gut durch mein Auslandsjahr begleitet zu werden.

Für meine letzten dreieinhalb Monate auf der Borie Noble habe ich vor allem vor, den Sommer hier in Südfrankreich voll genießen, mich noch mehr im Garten zu engagieren und Pläne für nach dem Jahr zu machen. Ich weiß aber jetzt schon, dass ich die Lebensweise und die Natur hier sehr vermissen und traurig sein werde zu fahren.

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