Alle Beiträge von Richard Ulrich

Richard Ulrich ist Geschäftsführer des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt und leitet den Fachausschuss Eine-Welt im Kolping-Diözesanverband Eichstätt.

„Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

So oder so ähnlich haben es unsere Gesprächspartner auf jüdischer und palästinensischer Seite während der Reise des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt in das Heilige Land immer wieder betont. Zuerst muss der Mensch in den Blick genommen werden, vor jeder Zuordnung zu einer nationalen oder religiösen Gruppe. Und viele unserer Gesprächspartner arbeiten genau daran.

In der Dormitio-Abtei, eine deutschsprachige Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem, sprachen wir mit Pater Nikodemus Schnabel. Pater Nikodemus (geboren 1978 in Stuttgart) ist derzeit Prior-Administrator der Benediktinergemeinschaft vom Berg Zion und in Tabgha. Sichtlich gestresst durch den Ende April anstehenden Besuch von Außenminister Sigmar Gabriel nahm er sich trotzdem viel Zeit für das Gespräch. Sehr persönlich schilderte er seine Situation als junger Benediktinermönch in Israel und Palästina und sprach über das Friedenspotenzial der Religionen. In seinem sehr lesenswerten Buch „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“, das er für einige Teilnehmer auch signierte, geht er darauf besonders ein.

Im Saint Louis French Hospital, direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt gegenüber dem Neuen Tor, sprachen wir mit Schwester Monika, der Leiterin. Das Krankenhaus wurde 1851 vom französischen Konsulat gegründet und dem lateinischen Patriarchen zur Verfügung gestellt. Heute verfügt es über mehr als 60 Betten und betreut Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung, aber auch chronisch kranke, ältere Menschen nach Schlaganfällen und Koma-Patienten. Bei der Aufnahme und Behandlung macht es keinen Unterschied zwischen Palästinensern und Israelis, Juden, Christen und Muslimen. Das christliche Haus, das in das Gesundheitssystem Jerusalems eingebunden ist, befolgt die jüdischen und muslimischen Speisegesetzte, damit Patienten aller religiösen Bekenntnisse dort leben können. Es werden Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, in der sie und ihre Familien vor der belastenden Situation von Krankheit, Sterben und Tod stehen, betreut und gepflegt. Durch ihre Arbeit versuchen die Mitarbeiter Zeugnis abzulegen von der unantastbaren Würde und dem Wert des menschlichen Lebens. Seit vielen Jahren arbeiten neben lokalen Mitarbeitern auch viele junge Menschen aus der ganzen Welt als Freiwillige mit. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgabenbereiche, kümmern sich um die tägliche Pflege und Versorgung der Patienten oder werden je nach Berufsausbildung oder Qualifikation als Krankenschwester/-pfleger eingesetzt.

In Bethanien, dem biblischen Ort, an dem Lazarus und seine Schwestern Maria und Martha lebten, besuchten wir Schwester Martha. Die russisch-orthodoxe Nonne leitet dort eine Mädchenschule und ein Internat. Wir erfuhren von ihrer Arbeit mit den Kindern und den Schwierigkeiten, die die israelische Sperranlage („Mauer“) für sie verursacht. So ist ihr traditioneller Fußweg über den Ölberg zu ihrem Mutterkloster Maria Magdalena nicht mehr begehbar. Die meisten ihrer Schülerinnen sind muslimisch. Die Schülerinnen und ihre Eltern kommen über die Lehrer, Schwestern und Mitschüler in Dialog mit Christen und so können Brücken über die Grenzen der Religionen hinweg entstehen.

Spannend war der Besuch bei dem Jesuitenpater David Neuhaus in Westjerusalem. David Neuhaus, Sohn deutscher Juden, wurde in Südafrika geboren. Im Alter von 15 Jahren siedelte er nach Israel um, mit 26 Jahren konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben. Er ist Patriarchalvikar für die Hebräisch sprechenden Katholiken und kümmert sich um die katholischen Migranten in Israel. Wir lernten seine Einrichtung kennen, in der er sich um Babys und Kinder von Migranten kümmert, die sonst unter unsäglichen Bedingungen „verwahrt“ werden. Der israelische Staat kümmert sich um Kinder erst ab dem 3. Lebensjahr, davor ist alles privat finanziert, was sich Migrantinnen nicht leisten können. So wurde vor kurzem die erste katholische Kirche in Tel Aviv für diese Bevölkerungsgruppe gegründet.

Teil I: „Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Der Autor im Interview mit Radio K1

„Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Diesen Appell richtete ein griechisch katholischer Priester aus Zababdeh im Westjordanland an uns. Mit den lebendigen Steinen meint er die noch verbliebenen, wenigen Christen im Heiligen Land, die dringend Unterstützung brauchen. Nicht die toten Steine oder das leere Grab in Jerusalem sollten wir besuchen, sondern die Christen brauchen das Gefühl nicht vergessen zu sein, in einer für sie zunehmend schwieriger werdenden Situation. Wir – das war eine 25 köpfige Reisegruppe des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt, die vom 17. April bis zum 26. April in Israel und Palästina unterwegs war. Besucht wurden freilich auch die klassischen Pilgerorte am See Genezareth, in Nazareth, Betlehem und Jerusalem. Der Schwerpunkt der Fahrt lag aber eindeutig in der Begegnung mit palästinensischen Christen und anderen Brückenbauern in diesem konfliktbeladenen Umfeld. Diese Begegnungen ermöglichte uns Connie Kimberger, die über ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem vielfältige Kontakte aufgebaut hat.

Beim Besuch des Flüchtlingslagers in Jenin wurden wir im Freedom Theater, einer palästinensischen Kulturinitiative, mit dem Film „Arnas Children“ hart mit der Realität des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern konfrontiert. Der Film zeigt wie palästinensische Jungen hier im Flüchtlingslager aufwachsen, durch die Erfahrungen von Demütigung, Zerstörung und Gewalt sich radikalisieren und schließlich ihr Leben im Kampf verlieren und von ihren Angehörigen als Märtyrer angesehen werden.

Der Tenor vieler Gespräche war, dass die Menschen hier trotz all der Konflikte noch nicht aufgegeben haben; dass es trotz des vielen Hasses auf beiden Seiten auch Menschen gibt, die für Versöhnung und Frieden, Freundschaft und Verständigung beten und arbeiten und in denen die Hoffnung noch immer brennt. Dabei wurde deutlich, wie wichtig sie uns als Brückenbauer zwischen Juden und Palästinenser sehen, auch hier bei uns in Deutschland z.B. im Kontakt mit jüdischen und muslimischen Gemeinden.

Ein Höhepunkt war das Gespräch mit Frau Prof. Dr. Sumaja Farhat-Naser. Sie sprach ausführlich mit uns über ihre Arbeit und Bemühung für eine Erziehung der Menschen, insbesondere von Frauen hin zu einer gewaltfreien Konfliktlösung und einem Dialog zwischen den Völkern und Religionen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem im Jahr 2000 den Friedenspreis der Stadt Augsburg.

Aber auch ganz praktische Versöhnungsarbeit lernten wir kennen. Im Beit Afram Altenheim in Taybeh betreuen junge Menschen des brasilianischen Ordens „Filhos de Maria“ 24 alte Menschen und werden dabei vom Ritterorden vom Heiligen Grab finanziell unterstützt. Auch das Caritas Baby Hospital in Betlehem, das trotz seines Namens nicht Teil des Caritasverbandes ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Hier werden Kinder und Babys unabhängig von Religion und finanziellem Vermögen der Eltern behandelt und versorgt. Ärzte und Sozialarbeiter arbeiten auch präventiv mit den Müttern der Kinder und versuchen, einen Raum zu schaffen, an dem sie sich jenseits aller Politik und Konflikte ganz auf die Heilung konzentrieren können.

Ein ganz anderes Projekt ist das „Tent of nations“ von Daoud Nassar. Seit über hundert Jahren gehört seiner Familie ein Stück Land südlich von Betlehem. Doch durch die wachsenden israelischen Siedlungen, die sich wie ein Gürtel um ihn legen, fühlt Daoud Nassar sich und sein Eigentum bedroht. Seit den 1990er Jahren kämpft er vor Gericht gegen die Annektierung seines Gebietes durch den Staat Israel. Jedoch kämpft er nicht mit Gewalt, sondern durch friedlichen Widerstand und mit Hilfe internationaler freiwilliger Helfer und Kontakte. Das Zelt der Nationen, ein Projekt, das von ihm gestartet wurde, hat das Ziel, Begegnungen und Dialog zwischen jungen Menschen zu fördern. Sein Motto: Wir weigern uns Feinde zu sein.

Teil II: „Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

Der Autor im Interview mit Radio K1

Partnerschaft Kolping Eichstätt-Peru

Seit fast 30 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem Kolping-Nationalverband Peru und dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt. Vom 14. bis 29. August sind wir – eine Reisegruppe von zwölf Personen aus dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt – zu Besuch bei den Partnern in Südamerika. Ziel der Reise ist es, die Kontakte zu unseren peruanischen Kolpingschwestern und -brüdern zu verstärken und auszubauen.

Erster Station war Cajamarca im Nordwesten des Landes. Die Stadt, einst Residenz des Inkaherrschers Atahualpa, ist für seine barocken Kirchengebäude, heißen Quellen und Inkabäder bekannt. Nach einem Stadtrundgang ging es mit dem Bus über einen 3950 Meter hohen Pass nach Bambamarca. Alle Kolpingfamilien der Umgebung waren mit Abordnungen erschienen, um uns zu begrüßen. In einem Umzug mit Musik um den Marktplatz wurden wir in das Pfarrheim geführt zu einer feierlichen Zeremonie mit Tanz- und Gesangseinlagen.


Von Bambamarca aus besuchten wir eine Kolpingfamilie in Chalapampa Bajo. Das Kolpingwerk unterstützt und begleitet wichtige Projekte in dem Dorf. Der Erlös aus den Projekten kommt in eine gemeinsame Kasse. Angefangen hat es mit dem Aufbau einer kleinen Schafzucht. Jetzt wird auch eine Cuyzucht (Meerscheinchenzucht) betrieben. Aktuell ist die  Wasserversorgung das größte Problem. Das Grundwasser ist zum Teil durch die umliegenden Minen verseucht und das Regenwasser reicht nicht aus. Mehr Wassertanks würden hier helfen. Spannend war der Besuch bei einer der Frauen zu Hause, wie sie lebt, kocht und arbeitet. Es ist schon bewundernswert, was diese Frauen alles leisten.

Weitere Besuche führten uns zu Kolpingfamilien in San Juan de Lacamaca, Miraflores und Capuli. In Machaypongo Bajo erwarteten uns die Familien vor dem Haus im Gras sitzend. Das besondere hier ist eine große Meerschweinchenzucht mit manchmal über 500 Tieren. Ein Cuy (aus dem Quechua Quwi für Meerschweinchen) lebt drei Monate und bringt rund 25 Soles Erlös. In San Antonio trafen wir uns im Rohbau einer Kirche, deren Bau von der dortigen Kolpingfamilie unterstützt wurde. Einige Mitglieder sind in politischen Gremien tätig. So begrüßte uns auch der Bürgermeister vor Ort.

Auf fast 3000 Höhenmeter leben die Mitglieder der Kolpingfamilie San Isidro Labrador, benannt nach dem Heiligen ihrer Kapelle. Die Mitglieder der noch jungen Kolpingfamilie versorgen sich weitgehend selbst mit dem Anbau von Mais und Kartoffeln und der Kleintierzucht. Das größte Problem ist auch hier die Wasserversorgung. Es gibt zwar ein Wasserreservoir, aber das gehört der Nachbargemeinde. Die Wasserverschmutzung durch den Bergbau ist hier ebenfalls ein sehr wichtiges Thema.

Über abenteuerliche Wege gelangten wir zu einer weiteren Kolpingsfamilie in der Nähe von Bambamarca. Dazu gehört eine Gruppe von taubstummen Menschen. Die Menschen dort sind von staatlichen und anderen Organisationen weitgehend allein gelassen. Umso wichtiger ist für sie die Kolpinggemeinschaft, um Unterstützung zu bekommen.

Ereignisreiche Tage in Bagua

Am Sonntag, 21. August, waren wir Gäste bei der zentralen Aufnahmefeier neuer Kolpingmitglieder in der Pfarrkirche in Bagua in der Provinz Amazonas. Pfarrer Don Magno hielt eine Katechese mit Gruppenarbeit zur Papstenzyklika „Amoris Laetitia“. Im Gottesdienst versprachen die 21 Neumitglieder, dass sie den Zielen des Kolpingwerkes verbunden bleiben wollen.

Am Nachmittag fuhren wir am Rio Maranon, einem der beiden großen Quellflüsse des Amazonas entlang, überquerten ihn mit einer abenteuerlichen Seilbahnfahrt und wanderten zu einem Wasserfall hinauf. Am Abend trafen wir uns noch im Pfarrheim mit der Kolpingfamilie Virgen de Fatima, einer Frauengruppe aus der Stadt Bagua.

Am zweiten Tag in Bagua ging es wieder hinauf auf ca. 800 Meter Höhe zur Kolpingfamilie San Isidro de Labrador. Der Vorsitzende, der auch der Bürgermeister ist, zeigte uns mit Stolz das neue Projekt: den Aufbau einer Fischzucht. Am Abend besuchten wir die Kolpingfamilie Virgen de Primavera in einem Vorort von Bagua. In diesem Armenviertel bessern vor allem die Frauen das Familieneinkommen durch Sammeln, Trennen und Verkaufen von Kompost und Wertstoffen auf. Stolz zeigten sie uns ihre aus Plastikmüll gefertigten Kleider, Taschen und Hüte. Bei einem Wettbewerb für recycelte Kleidung haben sie dafür schon einen Preis bekommen. Dank des Einsatzes der Kolpingfamilie erhielten sie auch den Preis für das sauberste Stadtviertel in Bagua. Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Länder und Kolpingfamilien, was mit dem Singen der Bagua- und Bayernhymne endete.

Auf dem Programm der letzten Etappe unserer Reise stehen Besuche bei Kolpingfamilien

der Region Loreto in Nordosten Perus.

Mehr zum Thema:

  • Ausführliches Reisetagebuch mit vielen Bildern und weitere Informationen zu Kolping Peru
  • Video: Verband lebt von Verbindung – Kolping Partnerschaft mit Peru