Alle Beiträge von Peter Esser

Peter Esser ist Pressereferent beim Caritasverband für die Diözese Eichstätt. Er studierte in Eichstätt und Bogotá. Der mit einer Kolumbianerin verheiratete Journalist reist etwa alle zwei Jahre nach Kolumbien. Diese Aufenthalte nutzt er auch für Besuche sozialer Projekte und für journalistische Arbeiten.

Aus dem Krieg in eine neue Heimat

In diesem Blog „Weitblick“ berichten in der Regel Menschen aus dem Bistum Eichstätt über ihre Erfahrungen in fernen Ländern. Viele Menschen aus diesen Ländern begegnen uns freilich mittlerweile auch mitten in Eichstätt. Seit vergangenem Jahr sind dies vor allem Asylbewerber, die in der Erstaufnahmeeinrichtung in der früheren Realschule Maria Ward untergebracht sind. So kann auch ein Besuch in dieser Einrichtung „Weitblick“ ermöglichen.

Flüchtlingsfamilie in Eichstätt
Die syrische Familie Almoustafa in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Eichstätt. Foto: Peter Esser

Bei einem Besuch dort treffe ich Familie Almoustafa. Sie ist erleichtert. Heute hat sie den Bescheid bekommen, nach über vier Monaten endlich aus der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in eine neue Unterkunft im Süden Bayerns umziehen zu können. Nicht, dass es der fünfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie in Eichstätt schlecht ergangen wäre. Ganz im Gegenteil: „Es gefällt uns hier sehr gut und auch die Bewohner sind ganz nett“, sagt mir die derzeit alleinerziehende Mutter Maysoun. Auch in der Einrichtung selbst – in der rund 200 Flüchtlinge untergebracht sind – hatte die Familie vergleichsweise Glück. Während viele andere zusammen mit ihnen fremden Menschen in einem ehemaligen Klassenzimmer leben müssen, blieb ihre Privatsphäre gewahrt. Zwar teilt Maysoun ihr Wohn- und Schlafraum mit drei Töchtern, einem Sohn und einem Schwiegersohn, „aber in arabischen Ländern leben die Leute ja ohnehin meistens noch bei den Eltern, wenn sie verheiratet sind“, sagt sie.

Jahrelang ohne Schule

Dass sie trotz guter Erfahrungen in Eichstätt froh ist, jetzt wegziehen zu können, liegt vor allem an ihrer Sorge um die Bildung der Kinder. Bereits seit mehreren Jahren gehen diese nicht zur Schule. Und dabei sind sie zum Lernen hochmotiviert. Die zehnjährige Tochter Rama zeigt mir auf, was sie in mehrmals wöchentlich stattfindenden Deutschkursen in Maria-Ward bereits gelernt hat: „Das ist die Nase, das der Mund, hier sind die Ohren und Haare“, beschreibt sie ihr Gesicht, und zählt anschließend noch auf Deutsch bis 20.

Jetzt, wo die syrische Familie kurz vor der Anerkennung als Asylbewerber steht, sind alle hoffnungsvoll, bald ein geregeltes Leben beginnen zu können. Dann fehlt nur noch, dass auch der Ehemann und Vater nach Deutschland nachziehen kann, der seit zwei Jahren in Saudi-Arabien lebt. Mit ihm steht Ehefrau Maysoun per Handy nahezu täglich in Kontakt. Caritas-Flüchtlingsberater Mathias Schmitt sagt zu, sich für die Zusammenführung der Familie einzusetzen.

Ende einer Fluchtodyssee

Wenn die Familie schließlich vereint in einem neuen Zuhause sein wird, geht für sie eine mehrjährige Fluchtodyssee zu Ende. Durch den Krieg im Heimatland wurde ihr Haus zerstört, eine Tochter musste sogar in der Schule einen Angriff miterleben. Maysoun Almoustafa flüchtete mit ihren Kindern nach Ägypten. Sie hoffte, von dort zu ihrem Mann nach Saudi-Arabien zu gelangen. Da das nicht klappte, entschloss sie sich zur Flucht nach Europa. Wie viele andere, war die Familie in einem kleinen Boot nach Italien unterwegs. „Wenn wir gewusst hätten, wie beengt das wird und dass wir dort Leute sterben sehen würden, hätten wir das nicht gemacht“, gesteht die syrische Frau. Jetzt ist sie freilich froh, fast alles durchgestanden zu haben. Während sie mit ihren Kindern die Koffer packt, besorgt ihr Caritasberater Schmitt Zugtickets und Reisepläne für ihre Fahrt in ein neues Zuhause am nächsten Tag. Auch er zeigt sich erleichtert: „Für die Familie hat das alles schon sehr lange gedauert. Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass hier ankommende Kinder vier Monate lang nicht in die Schule gehen“, erklärt er. „Doch das ist natürlich auf die große Anzahl an Asylbewerbern zurückzuführen, auf die vielen Krisenherde weltweit, aber auch auf noch ungeklärte Zuständigkeiten bei den Behörden, sodass vieles nicht so schnell geht, wie man sich das wünscht.“

Knüpfen am Netzwerk für Flüchtlinge

Nachdem ich mich von der Familie verabschiedet habe, werfe ich einen Blick in die Turnhalle der ehemaligen Schule. Laut und stimmungsvoll geht es dort zu. Rund 30 Flüchtlinge spielen Basketball. Geleitet wird die Sportstunde vom 18-jährigen Ehrenamtlichen Daniel Krasselt. Zweimal in der Woche bieten er und oft auch andere Helfer Basket-, Fuß-, Feder- oder Volleyball für Asylbewerber an. Daniel hielt vor kurzem in der Schule ein Referat über die Terrorgruppe IS. Das hinterließ Spuren bei ihm und er entschloss sich, für Flüchtlinge bei uns konkret etwas zu tun, „denn die brauchen ja mal eine Abwechslung“.

Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser
Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser

Sportstunden für Erwachsene sowie auch für Kinder sind ein Baustein innerhalb eines Angebots, das die Caritas-Fachkräfte Mathias Schmitt, Eva Dengler und Christine Pietsch mit Ehrenamtlichen aufgebaut haben. Ganz wesentlich sind für die Alltagsarbeit die sogenannten flexiblen Helfer. „Sie können wir jederzeit anrufen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Kinderbett zu organisieren. Dann setzen diese sich mit ihren Freunden und Bekannten in Verbindung“, berichtet Eva Dengler. Gewinnen konnten die Caritasmitarbeiter zudem einige Paten. Diese kümmern sich speziell um eine Person oder Familie. „Die Paten organisieren zum Beispiel für kranke oder behinderte Flüchtlingskinder Termine beim Arzt und fahren auch mit ihnen dorthin“, so die Caritas-Sozialberaterin. Um Sprachbarrieren zu überwinden, konnte mittlerweile ein Kreis ehrenamtlicher Dolmetscher aufgebaut werden. Im Aufbau befindet sich zudem laut Eva Dengler eine Gruppe Ehrenamtlicher zur Begleitung schwangerer Flüchtlingsfrauen. „Sehr engagiert ist zudem unsere Fahrradgruppe: Studenten kommen einmal in der Woche in unsere Einrichtung, verleihen Fahrräder oder reparieren solche mit den Asylbewerbern. Das findet großen Anklang, auch wenn die Verständigung manchmal schwierig ist.“

Jugend in Brasilien – ein Blick hinter die WM-Fassade

Seit mehreren Jahren unterstützt die Mitarbeiterschaft der Caritas-Zentrale Eichstätt und der ihr angeschlossenen Beratungsstellen im Bistum ein Hilfsprogramm zugunsten von Straßenkindern und anderen benachteiligten jungen Menschen in Recife/Brasilien. Vor zwei Jahren starteten Jugendliche innerhalb dieses vom Hilfswerk Caritas international geförderten Programms ein besonders anschauliches Projekt: Sie wurden zu Fotoreportern ausgebildet, erforschten mit der Kamera ihre Umgebung und dokumentierten, welche Missstände sie berühren: zum Beispiel Müllhalden und Umweltverschmutzung in ihren Vierteln, Wohnungslosigkeit, Armut und Drogenproblematik. Die Fotografie diente so dazu, die Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen für ihre Lebensbedingungen zu verändern und dadurch für soziale Themen in ihrer Gesellschaft sowie auch im Ausland zu sensibilisieren.

Aus dieser Arbeit entstand eine Wanderausstellung, die bereits in verschiedenen Städten in Deutschland zu sehen war – in den vergangenen Wochen bei uns im Diözesanjugendhaus Schloss Pfünz. Anlass, sie hierher zu holen war zum einen die Projektpartnerschaft der Eichstätter Caritas mit der Caritas in Brasilien. Zum anderen diente die Ausstellung als eine Initiative unseres Caritasverbandes innerhalb der bundesweiten Caritas-Jahreskampagne unter dem Motto „Weit weg ist näher, als du denkst“.

Das Projekt wurde im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien durchgeführt. Die Macher wollten damit die Vor- und Nachfreude (vor allem aus deutscher Sicht) über dieses Großereignis sicherlich nicht vermiesen. Doch die Ausstellung zeigt, wie sich jenseits der „WM-Fassade Brasilien“ junge benachteiligte Menschen in schwierigen Lebenslagen – unter anderem aus „Favelas“ (Armenvierteln) – kritisch mit ihrer eigenen schwierigen Lebenswelt auseinandersetzen. Brasilien wird als Land der Gegensätze dargestellt: Dass es inzwischen zu einer Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, wurde zum Beispiel mit fotografierten Hochhäusern deutlich gemacht. Im Vordergrund standen aber Bilder über soziale Problematiken: von der Familie, die keine Bleibe findet, über die Arbeit der Müllersammler bis zum drogenabhängigen Jungen. Es waren aber auch schlicht einfallsreiche Bilder dabei, die auf persönliche Vorlieben der jungen Menschen in ihrem Alltag aufmerksam machten. Ein Nachwuchsreporter fotografierte zum Beispiel seine Trompete als Schattendarstellung.

So hatten wir Freude an einer sozial wie künstlerisch ansprechendende Ausstellung. Danke an Caritas international, dass wir sie in Pfünz haben konnten. Dank vor allem aber den neuen jungen Fotoreporter in Brasilien dafür, dass sie uns durch ihre Bilder und ihr Engagement diesen „Weitblick“ ermöglichten.

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Hilfe zum Ausstieg aus der Prostitution

Auf einer privaten Reise nach Kolumbien habe ich die Möglichkeit, ein beeindruckendes Hilfsprogramm von Ordensschwestern kennenzulernen, die betroffenen Frauen einen Weg zu neuem Leben sowie würdiger und fairer Arbeit ermöglichen. Dafür bin ich bei den Schwestern und in einer Fabrik in Bogotá zu Besuch.

Direktorin Schwester Rosaura Patiño  und Mitarbeiterin Olga Lucia Camelo bei der Endkontrolle der Kleidungsstücke. Foto: Peter Esser
Direktorin Schwester Rosaura Patiño und Mitarbeiterin Olga Lucia Camelo bei der Endkontrolle der Kleidungsstücke. Foto: Peter Esser

In der großen Werkhalle der Fabrik „Creaciones Miquelina“ rattern Nähmaschinen. Rund 200 Frauen produzieren hier Kleidung. Ich gehe an zahlreichen „Werktätigen“ vorbei bis zum Arbeitsplatz von Alicia Gomez Quintero (36). Sie bringt gerade die Kapuze an einer Jacke an. Die Schneiderin war bis vor einigen Jahren Prostituierte in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. „Ich lebte mit vielen Problemen auf der Straße, war drogenabhängig. Schon mit 14 Jahren ging ich auf den Strich“, erzählt sie mir. Ihr Lebenspartner ließ sie mit zwei Töchtern allein. Ein Pfarrer informierte sie über das Hilfsprogramm der Hermanas Adoratrices (Schwestern der Anbetung) „Ciudadela María Micaela“. Hier erhielt sie psychologische Hilfe, dann absolvierte sie in der Schneiderei eine halbjährige Ausbildung. Eine ihrer Töchter machte auf der Schule der Ordensgemeinschaft ihr Abitur. „Mein Traum wäre es, eine eigene kleine Fabrik für Schlafanzüge zu errichten“, sagt Alicia Gomez Quintero und sieht sich noch nicht am Ende ihrer Karriere. Vor allem zeigt sie sich aber dankbar, dass sich ihr Leben mit Hilfe der Ordensfrauen zum Guten wendete.

Engagement seit 40 Jahren

Die Schwestern zeigen Frauen wie Alicia in vielen Ländern Wege aus der Prostitution auf. In Kolumbien tun sie das seit genau 40 Jahren. Seit Anfang an dabei ist Schwester Ofelia Rivera. Sie sucht gemeinsam mit einem Helferteam betroffene Frauen im Rotlichtmilieu auf und bietet ihnen an, das Hilfsprogramm kennenzulernen. „Die Situation hat sich verschlechtert. Jetzt fangen immer mehr jüngere Frauen an“, beobachtet sie. In den vergangenen Jahrzehnten sind immer mehr Bordelle in Bogotá aus dem Boden geschossen und die „Geschäfte auf der Straße“ sind unüberschaubar. Entschieden wendet sich Ofelia dagegen, Prostitution als Arbeit anzuerkennen. Sie verweist auf eine Studie, nach der sich rund 80 Prozent von befragten betroffenen Frauen in Kolumbien aus sozialer Not prostituieren. „Das Einzige, was sie brauchen, ist eine richtige Arbeit, um so schnell wie möglich aussteigen zu können“, erfährt Schwester Ofelia immer wieder.

Viele der Frauen sind vom Land in die Stadt geflüchtet, um dort bessere Lebensbedingungen zu suchen oder auch aufgrund des internen Krieges zwischen Guerilla, paramilitärischen Gruppen und dem Militär. Dort landen sie meistens in Holz- und Blechhütten der Armenviertel und stehen erst einmal vor dem Nichts. Viele Frauen treibt es so in die Prostitution.

Solcher Frauen nehmen sich im Hilfsprogramm zunächst eine Psychologin, eine Sozialarbeiterin, bei Bedarf auch eine Rechtsanwältin und ein Arzt, an. Kinder werden im Kindergarten und in der Schule der Einrichtung betreut. Die Frauen können zwischen verschiedenen Ausbildungen wählen: Neben der Schneiderei werden etwa auch Lehren im Friseur- und Bäckerhandwerk sowie im Gastronomiewesen angeboten. „In unserem Haus gehen täglich etwa 1.000 Menschen ein und aus in Fabrik, Werkstätten, Kindergarten und Schule“, gibt mir Direktorin Schwester Rosaura Patiño einen Eindruck von der Größe des Programms. Dieses wird vom Hilfswerk „Caritas international“ und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert.

Zumindest Mindestlohn gezahlt

Nicht ohne Stolz erwähnt die Schwester, dass die Schneiderei wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht: „Wir stellen monatlich zwischen 5.000 und 6.000 Kleidungsstücke her.“ Ein Großteil wird nach England verkauft, doch die Frauen produzieren auch für einheimische Schulen, Krankenhäuser und Firmen. Dass alle Angestellten in der Fabrik zumindest den staatlich festgesetzten Mindestlohn mit Sozialleistungen erhalten, ist für die leitende Ordensschwester selbstverständlich. Höherqualifizierte vermitteln die Schwestern auch an andere Unternehmen. Wiederum andere machen sich selbstständig: Frauen, die im Gastronomiewesen ausgebildet wurden, gründen zum Beispiel eigene Restaurants.

In der Schneiderei schätzen viele, dass sie immer wieder einmal Neues tun können. Die 44-jährige siebenfache Mutter Olga Lucia Camelo ist zum Beispiel jetzt zur letzten Station der Produktionskette gewechselt. Während Schwester Rosaura Patiño und ich bei ihr sind, überprüft Olga gerade eine Jacke auf Falten und Nähte. Dabei entdeckt sie noch einen kleinen losen Faden und beseitigt ihn: „Das hier ist die Endkontrolle der Kleidungsstücke. Von unseren Augen hängt ab, wie das hier rausgeht“, sagt sie mir und freut sich über ihre neue verantwortungsvolle Aufgabe.

Spenden erbeten

Die Anzahl der begünstigten Frauen in dem Hilfsprogramm ist gestiegen: Im Jahr 2012 wurde 580 Frauen psychologisch und sozial sowie durch Ausbildung geholfen, 2013 waren es 615. Die Zahl der in Arbeit Vermittelten erhöhte sich von 209 auf 303. Spenden tragen dazu bei, das Programm zu sichern, weiter zu verbessern sowie noch mehr Frauen zu helfen. Die monatlichen Kosten für eine Sozialarbeiterin betragen rund 1.100 Euro. Eine gute Industrie- und Spezialnähemaschine kostet etwa 2.000 Euro. Der Caritasverband Eichstätt bittet unter dem Stichwort „Frauen in Kolumbien“ um Unterstützung auf folgendes Caritaskonto in Eichstätt: LIGA Bank: Konto-Nr . 107 617 313, BLZ 750 903 00, IBAN DE94 7509 0300 0107 6173 13

Radio K1-Beitrag zum Thema

Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá