Alle Beiträge von Peter Esser

Peter Esser ist Pressereferent beim Caritasverband für die Diözese Eichstätt. Er studierte Journalistik, Politikwissenschaft und Theologie in Eichstätt und Bogotá. Der mit einer Kolumbianerin verheiratete Journalist reist etwa alle drei Jahre nach Kolumbien. Diese Aufenthalte nutzt er auch für Besuche sozialer Projekte und für journalistische Arbeiten.

Coronakrise und Flüchtlingskinder

Die Coronakrise ist zwar eine weltweite Problematik, hat allerdings nicht zu mehr Weitblick im Sinne von mehr Themenvielfalt geführt. Im Gegenteil: Die Probleme von geflüchteten Menschen sind zum Beispiel weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten. Dabei haben gerade diese Menschen wegen der Krise einen besonders schweren Stand. Vielleicht ermöglicht es zumindest der Weltflüchtlingstag am 20. Juni, den Blick hierauf etwas zu weiten. Um die Situation von Asylbewerbern im Bistum Eichstätt in der Coronazeit ein wenig  zu beleuchten, habe ich mit Angela Müller, Mitarbeiterin der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas-Kreisstelle Eichstätt und Sprecherin für diesen Bereich beim Caritasverband der Diözese, gesprochen.

Dezentrale Unterbringung im Vorteil

„Da geflüchtete Menschen oft auf beengtem Raum leben müssen, ist es für sie eine besondere Herausforderung, Kontakte zu vermeiden und Abstandsgebote einzuhalten“, erfährt Angela Müller. Umso erleichterter ist sie, dass bei den Beratungen der Caritas im Bistum Eichstätt bisher nur wenige Fälle von Ansteckung mit Corona bei Asylbewerbern bekannt geworden sind, im Landkreis Eichstätt sogar noch gar kein Fall. Gerade bei dieser Problematik zeigt sich ein großer Vorteil der dezentralen Unterbringung vieler hier. „Es kommt erstens nicht so schnell zu Ansteckungen und zweitens, wenn dies passiert, nicht zu Masseninfektionen, die es ja jetzt in mehreren größeren Unterkünften in Deutschland gegeben hat“, erklärt die Caritas-Sprecherin einen Vorteil der dezentralen Lösung, die allerdings grundsätzlich von politischen Entscheidungsträgern für die Zukunft nicht favorisiert wird.

Die Coronakrise hat für die geflüchteten Menschen zahlreiche Nachteile mit sich gebracht, vor allem für das schulische Lernen der Kinder. In den Wohncontainern ist kein WLAN möglich, und sich den ganzen Stoff über mobile Daten herunterzuladen, ist für die Leute zu teuer. Ferner haben viele nicht nur keinen geeigneten Raum zum Lernen, sondern auch keinen Computer zur Verfügung. „Wir haben versucht, in einigen Fällen über die 150 Euro Gutschein-Regelung der Bundesregierung für bedürftige Schüler zur Anschaffung von entsprechenden Geräten etwas zu verbessern, aber trotz Nachfragen bei mehreren Behörden nicht erfahren, wo dieses Geld abgerufen werden kann“, so die Caritasberaterin. „Gott sei Dank haben wir für einige immerhin von Schulen Computer ausleihen können.“

Neben mangelnder technischer Ausrüstung ist natürlich aber auch die menschliche Unterstützung beim Lernen der Kinder zu Hause eine besondere Herausforderung für Flüchtlingsfamilien: „Wenn schon deutsche Eltern hier ihre Probleme haben, kann man sich vorstellen, wie es Eltern anderer Sprache und Kultur dabei ergehen muss. Und da ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ja bisher nicht die Unterkünfte betreten dürfen und die wenigsten Familien Anspruch auf eine Notbetreuung haben, sind sie, was das Homeschooling betrifft, wirklich abgehängt“, spricht die Caritasberaterin Klartext. Und viele Fortschritte, welche die Flüchtlingskinder beim Erlernen der deutschen Sprache durch Spielen mit deutschen Kindern gemacht haben, sind durch das Gebot der Kontaktvermeidung nun wieder gefährdet.

Persönliche Beratung wieder möglich

Doch nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen befinden sich in der Coronakrise immer wieder in schwierigen Situationen. „Wenn es um Anträge geht, haben die Behörden den Asylbewerbern vor der Krise zumindest teilweise beim Ausfüllen oder Verstehen geholfen. In den letzten Monaten mussten die Anträge zur Kontaktvermeidung aber vollständig ausgefüllt zugestellt werden“, erzählt mir Angela Müller. Immerhin können Betroffene bei solchen Problemen seit kurzem wieder nach Anmeldung persönlich zur Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas kommen, um sich helfen zu lassen. „Am Telefon ist so etwas nur schwer möglich“, ist die Erfahrung der Caritasberaterin. Auch für Geflüchtete mit psychosozialen Problemen ist bei ihr zum Beispiel wieder ein direktes Gespräch möglich. Ansonsten wird aber auch noch bei der Caritas zur Sicherheit die telefonische Beratung bevorzugt.

Ein weiteres Problem ist die Gewährung eines besonderen Schutzes für  Risikogruppen unter den Asylbewerbern: Aufgrund des Platzproblems in vielen Unterkünften, in denen sich Betroffene häufig Zimmer, Bad und Küche mit anderen teilen müssen, ist das kaum möglich.

Vermehrt helfen

Dass auch geflüchtete Menschen Einschränkungen aufgrund der Coronakrise in Kauf nehmen müssen, stellt Angela Müller nicht in Frage. Dennoch könnten Gesellschaft und Politik etwas tun, um ihnen in einer besonders schwierigen Lage zu helfen. Von der Gesellschaft wünscht sie sich unmittelbar nach der Krise ein verstärktes ehrenamtliches Engagement, um den Kindern in ihren Unterkünften beim Lernen vermehrt zu helfen, Verpasstes wieder aufzuholen. Oder auch, dass sich Leute finden, die mit ihnen einfach ab und zu draußen spielen, womit Freude am Leben und Deutschlernen Hand in Hand gehen. Von der Politik fordert die Caritasberaterin, dass vor allem in größeren Unterkünften gesonderte Räume mit entsprechender technischer Ausrüstung ermöglicht werden, um für die Kinder ein besseres Homeschooling zu realisieren. Besonders wichtig ist das natürlich dann, wenn es noch zu einer zweiten Coronawelle kommt. Diese würde freilich die ganze Bevölkerung vor neue Herausforderungen stellen, wäre insbesondere aber eine zusätzliche  Belastung für geflüchtete Menschen: weltweit sowieso, aber auch für die bei uns lebenden Asylbewerber.

Mit Augenmaß und Herz für geflüchtete Menschen

Über Chancen und Risiken, Erfolge und Misserfolge bei der Integration von Asylbewerbern wird auch beim Weltflüchtlingstag am 20. Juni wieder diskutiert oder sogar gestritten werden. Zeit, um einmal vor Ort zu beobachten und zu erkunden, wie diese tatsächlich erfolgt, zum Beispiel mit einem „Weitblick“  in eine Pflegeeinrichtung: Das Caritas-Seniorenheim Gaimersheim kooperiert dafür mit Ehrenamtlichen und Berufsschulen.

„Unser Haus ist letztlich ein Spiegelbild unserer sich verändernden Gesellschaft, in der vieles in Bewegung ist.“ Mit einfachen Worten bringt Irene Stiegler, Leiterin des Caritas-Seniorenheimes Gaimersheim, mir gegenüber auf den Punkt, was jedem auffällt, der mit offenen Augen durch die Einrichtung geht. In vielen Bereichen sind Mitarbeitende unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Hautfarben tätig. Knapp 30 Menschen mit Migrationshintergrund haben Irene Stiegler zufolge in den letzten drei Jahren in der Einrichtung gewirkt. Davon sind etwa die Hälfte Asylbewerber gewesen. Im Jahr 2014 stellte die in der Flüchtlingsarbeit engagierte Gaimersheimer Ruheständlerin Brigitte Böllet der Einrichtungsleiterin erstmals ein geflüchtetes Ehepaar vor. Kurze Zeit später waren der Mann und die Frau aus Eritrea in sogenannten Ein-Euro-Jobs in dem Seniorenheim engagiert:  er als rechte Hand des Hausmeisters, sie in der Hauswirtschaft. Beide arbeiten heute fest angestellt an anderer Stelle. Sie besuchen das Seniorenheim aber immer einmal wieder: auch aus Dankbarkeit dafür, dass dieses dazu beitrug, ihnen einen erfolgreichen Integrationsweg zu ebnen.

Andere, die Frau Böllet dem Haus vermittelt – oder die Irene Stiegler mittlerweile durch eine enge Kooperation mit Berufsschulen integriert hat – streben an,  in der Altenpflege zu arbeiten: zum Beispiel der 18-jährige Mehdi Mohamed Muss  aus Somalia. Er absolviert derzeit an zwei bis drei Tagen pro Woche im Rahmen eines Berufsintegrationsjahres an der Berufsschule Ingolstadt ein Praktikum in der Pflege sowie Betreuung. Er wäscht alte Menschen, hilft ihnen beim Essen sowie bei der Tabletteneinnahme, macht mit einigen Ballspiele und liest mit anderen die Zeitung. Den Beruf Altenpfleger gibt es in seinem Heimatland nicht. Doch zu seiner Motivation, diesen Beruf ergreifen zu wollen, trägt durchaus bei, „dass bei uns alte Leute als weise Menschen geschätzt werden“, erzählt er mir. Dann führt er einen Löffel mit Suppe zum Mund einer Bewohnerin. Dass der gläubige Moslem dies in einem katholischen Seniorenheim tut, stört ihn nicht: „Das ist kein Problem, sondern vielleicht sogar interessant, weil es ein religiöses Haus ist.“

Herausforderung Deutsch

Sein größte Herausforderung sieht er selbst noch darin, die deutsche Sprache besser zu beherrschen: „Oft müssen mir die Leute Dinge zweimal sagen.“ An seinem Deutsch will er noch verstärkt arbeiten, bevor er eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beginnen möchte. Eine solche Ausbildung startet im Haus bereits im September sein 19-jähriger Kollege Samuel Emam aus Eritrea. Er macht derzeit einen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung: teils im Hausmeisterdienst, wo er im Moment Waschbecken austauscht, teils in der Betreuung alter Menschen. Bei diesen spürt er eine große Offenheit ihm gegenüber, was sicherlich auch daran liegt, „dass er ein wahnsinnig liebevoller Kerl ist“, wie mir Irene Stiegler sagt. Für seine künftige Helferausbildung macht Samuel sich derzeit neben seinem Dienst in einem Sprachkurs fit.

„Gut Deutsch zu sprechen ist einfach der Schlüssel zur Integration, auch in unserem Haus“, erklärt mir die Einrichtungsleiterin. Ihr Vorzeigebeispiel dafür ist eine Frau aus Kenia, die vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und nun als stellvertretende Bereichsleiterin in dem Seniorenheim arbeitet. So sehr sich Irene Stiegler darum bemüht, vielen geflüchteten Menschen eine Chance zu geben, so unmissverständlich stellt sie klar, wo die Grenzen sind: „Wir können nicht zum Beispiel 15 mitarbeitende Menschen im Haus haben, die schlecht Deutsch sprechen. Das würde die Bewohner sowie auch die Angehörigen überfordern. Und auch die Verantwortlichen, die dann zu viel Zeit für die Lernenden aufbringen müssten und zu wenig Ressourcen für die Bewohner und anderes hätten.“ Augenmaß sei daher bei der Integration schon nötig. Die Einrichtungsleiterin verschweigt mir auch nicht Enttäuschungen, die sie erlebt hat: „Wir hatten zum Beispiel zuletzt viel Zeit in einen hoffnungsvollen jungen Afrikaner investiert, der nach abgeschlossener Qualifizierung zum Helfer die Ausbildung zur Pflegefachkraft machen wollte. Doch er sprang dann plötzlich mit dem Argument ab, Altenpflege sei ein weiblicher Beruf.“

Für die Integration von geflüchteten Menschen ziehen Seniorenheimleiterin Irene Stiegler (links) und die Ehrenamtliche Brigitte Böllet an einem Strang. Foto: Peter Esser

Vor allem christlicher  Auftrag

Solche Erfahrungen halten Irene Stiegler jedoch nicht davon ab, sich weiterhin für die Integration von Geflüchteten zu engagieren: auch aus Eigeninteresse, um dem Pflegenotstand zu begegnen: „Da werden wir zum Teil auf diese Menschen angewiesen sein, wenngleich wir dieses Problem in erster Linie mit neuen motivierten eigenen Nachwuchskräften meistern müssen“, sagt mir die Einrichtungsleiterin. Nach wie vor sieht sie es vor allem  als christlichen Auftrag, den geflüchteten Menschen eine Chance zu geben. Da ist sie sich mit Flüchtlingshelferin Brigitte Böllet einig. Diese engagiert sich auch als Vorsitzende der Missionsgemeinschaft Gaimersheim, doch sie meint: „Wenn wir Menschen weltweit helfen, dann sollten wir auch umgekehrt die unterstützen, die zu uns nach Deutschland kommen und Hilfe brauchen.“

Probleme, so Irene Stiegler, dürften nicht unter den Tisch gekehrt werden, könnten grundsätzlich aber bewältigt werden:  „Insgesamt zeigt das gute Miteinander in unserem Haus ja auch, dass Integration klappt.“ Immer wieder erlebt die Leiterin junge geflüchtete Menschen auch als Bereicherung. Sie erzählt mir: Vor einiger Zeit habe ein Angehöriger eines Bewohners einmal beim Anblick eines mitarbeitenden Asylbewerbers im Haus zunächst zu ihr gemeint: „Was will denn der bei meiner Mutter, dunkelhäutig, jung und klein …“ Kurze Zeit später habe der Angehörige  festgestellt: „Ich habe gesehen, wie meine Mutter und der ganze Tisch gestrahlt haben, als er kam, sich zu ihnen setzte, mit ihnen redete und spielte. Die waren einfach nur glücklich. Da habe ich gesehen: Der hat einfach ein gutes Herz.“

 

Papst Franziskus als Brückenbauer in Kolumbien

Papst Franziskus wird vom 6. bis 11. September Kolumbien besuchen. Der Papst hatte versprochen, dies zu tun, sobald der Friedensprozess mit der bisherigen Guerilla-Organisation FARC zu einem guten Ende gekommen ist. Laut den Vereinten Nationen haben die rund 7.000 Kämpfer vor kurzem ihre Waffen vollständig abgegeben. Der Papstbesuch soll nun Mut machen, im Land einen dauerhaften und umfassenden Friedensprozess in Gang zu setzen. Im Grunde setzt das Oberhaupt der katholischen Kirche damit ein ähnliches Zeichen wie es bereits im vergangenen Jahr die Osloer Verleiher des Friedensnobelpreises an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos gesetzt hatten. Beide machen deutlich: Die von so vielfältigem Unfrieden geprägte heutige Welt hat ein Interesse daran, dass ein von einer Geschichte der Gewalt geprägtes Land zeigt, dass es einen Weg zum Frieden einschlagen kann. Hierzu zu ermutigen ist zweifellos gut und wichtig.

Nicht zu euphorisch sein

Freilich darf man nicht zu euphorisch sein, denn das Land steht erst am Anfang eines weiten und schwierigen Weges zum Frieden. Wie sehr es gespalten ist, hatte schließlich erst im vergangenen Jahr die knappe Ablehnung des Friedensabkommens mit den FARC durch die Bevölkerung deutlich gemacht. Viele sind skeptisch. Und die Herausforderungen an Politik und Gesellschaft sind immens. Zum einen geht es nun darum, die derzeit in sogenannten „Friedenscamps“ untergebrachten früheren Rebellen einerseits vor Gegnern zu schützen und sie andererseits in Gesellschaft und Arbeitsleben zu integrieren sowie ihnen Bildung zu ermöglichen.

Gleiches gilt aber auch für die Millionen durch den jahrezehntelangen internen Krieg vertriebenen Menschen. Sie sowie andere Opfer müssen entschädigt werden und eine Wahrheitskommission muss die Verbrechen aufarbeiten können. Um der Drogenproblematik Herr zu werden, gilt es, Alternativen zum Coca-Anbau zu entwickeln. Soziale Ungleichheit, Armut und Korruption müssen abgebaut werden. Ganz wesentlich ist der Aufbau von demokratischen Gemeindestrukturen, in welche die bisherigen FARC-Kämpfer einbezogen werden. Ob und wie dies gelingen kann, wird in Kürze übrigens in einer politikwissenschaftlichen Forschungsarbeit eines kolumbianischen Promotionsstudenten an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersucht werden.

Frieden wird es zudem nicht geben, wenn es dem Staat nicht gelingt, die Gewalt aller bewaffneten Akteure zu beenden. Die Caritas in Kolumbien sieht derzeit nicht von ungefähr als größtes Hindernis die fehlende Präsenz des Staates in weiten Teilen des Landes und die deshalb anhaltende Gewalt durch bewaffnete Gruppen, die in das Machtvakuum stoßen, das der Abzug der FARC hinterlassen hat.

An der Seite der Armen

Angesichts der großen Herausforderungen zeigen die kolumbianischen Organisatoren des Papstbesuches mit dem Motto und gleichnamigen Lied zum bevorstehenden Ereignis „Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) durchaus eine realistische Einschätzung.

„Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) lautet das Motto des Papstbesuches. Quelle: www.cec.org.co

Papst Franziskus macht unterdessen auch in Kolumbien durch die Auswahl der Orte seines Besuches einmal mehr deutlich, worauf es ihm – außer einem eigenen Beitrag zur Versöhnung – vor allem für sich und die Kirche ankommt: an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Eine Station wird ein Kinderheim in Medellin sein. In dieser Stadt bekannten sich vor fast 50 Jahren bei einer kirchengeschichtlich bedeutsamen lateinamerikanischen Bischofsversammlung die Kirchenführer dieses Kontinents zur „Option für die Armen“. Und dementsprechend steht für den Papst  anschließend zum sozusagen wegweisenden Abschluss des Kolumbienbesuchs eine Begegnung mit Armen in Cartagena auf dem Programm. Dabei will Franziskus die Grundsteine von Häusern für Obdachlose segnen.

Dass der Papst dies ausgerechnet in der Küstenstadt Cartagena tut, ist bezeichnend. Denn wie kaum eine andere Stadt in Kolumbien steht die attraktive Touristenmetropole mit ihrer Festung und ihren historischen Schutzmauern symbolhaft für die Spaltung von Wohlhabenden und Armen, von Teilhabenden und Ausgegrenzten. Als ich vor einigen Jahren selbst dort war, sagte mir der seinerzeitige Caritasdirektor im zuständigen Erzbistum: „Hier in Cartagena gibt es zwei Städte: eine Stadt innerhalb der Mauern und einen größeren Teil außerhalb, in dem die arme Bevölkerung lebt. Die Besucher sehen vor allem die Stadt innerhalb der Mauern – und die andere Seite in der Regel nicht.“ Ich durfte hingegen auf dieser anderen Seite außerhalb der Mauern ein interessantes sozial-caritatives Gemeinschaftsprojekt kennenlernen: In fünf Randvierteln errichteten und erneuerten traditionell arme Menschen gemeinsam mit hinzugekommenen Binnenflüchtlingen – die durch gewaltsame Vertreibung Heimat und Besitz verloren hatten –  über 200 Kleinhäuser. Zunächst hatte zwischen beiden Gruppen oft Missgunst geherrscht. Bei dem Bauprojekt arbeiteten sie aber dann Hand in Hand für das Gemeinwohl: Einige formten Steine, andere mischten Beton, weitere richteten die Wände auf, wiederum andere setzten die Dächer – je nach ihren Fähigkeiten. Nahezu alle waren beteiligt. Wer nicht mitbaute, engagierte sich beim gemeinsamen Organisieren oder Kochen für alle. So lernten sich von verschiedenen Schicksalen geprägte Menschen kennen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten und halfen sich gegenseitig. In der Stadt der Mauern wurden Mauern überwunden.

Präsident Santos hat Papst Franziskus bescheinigt, er baue Brücken, nicht Mauern. In diesem Sinn kann man sich nur wünschen: Möge der Papst für Cartagena und ganz Kolumbien im weiteren Friedensprozess zu einem Brückenbauer werden.

 

 

„Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“

Rückblick auf die Caritas-Asylberatung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eichstätt

Gut 2.650 Asylbewerbern aus 26 Nationen hat die Caritas in der Dependance der Erstaufnahme-einrichtung im Gebäude der früheren Realschule Maria Ward am Residenzplatz in Eichstätt geholfen. Drei Mitarbeitende der Kreisstelle Eichstätt haben seit November 2014 über 1.660 Männer und fast 300 Frauen – meistens in mehreren Gesprächen jeweils – direkt beraten. Viele von ihnen lebten mit Kindern in der Unterkunft, die Ende Juli geschlossen wird. Soweit die Zahlen von Eva Dengler. Sie ist seit Ende 2016 – als die Schließung bereits absehbar war – als einzige Caritasberaterin in der Unterkunft verblieben.

Die Lebensgeschichten hinter den Zahlen sind für die Sozialpädagogin allerdings prägender: „Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“, bringt die Eichstätterin ihre Erfahrungen auf den Punkt. Dazu zählen ebenso Erlebnisse von Menschen, die ihr bei der Beratung vom Tod eines Angehörigen am Vortag im Boot auf dem Mittelmeer berichteten, wie Ängste von Afghanen vor Ablehnungen und Abschiebungen.

Menschen aus Afghanistan waren Eva Dengler zufolge im vergangenen Jahr mit Abstand die am meisten beratene Bevölkerungsgruppe in der Erstaufnahmeeinrichtung. „Ihre Furcht davor, in ein Land voller Gewalt abgeschoben zu werden, war auch bei uns ständig spürbar“, so Eva Dengler. Hier ähneln die Erfahrungen der Caritas-Mitarbeitenden in dieser Unterkunft denen ihrer Kolleginnen und Kollegen der dezentralen Asylberatung. Diese hatten dazu geführt, dass sich der Caritasverband Eichstätt im März mit einer öffentlichen Stellungnahme dafür aussprach, zumindest derzeit keine afghanischen Asylsuchenden abzuschieben. Darin sehen sich die Eichstätter Verantwortlichen nun durch eine aktuelle Warnmeldung des Deutschen Caritasverbandes bestätigt: „Afghanistan ist ein Land, in dem von Monat zu Monat die Zahl der toten und verletzten Zivilisten auf ein neues Rekordniveau steigt. Abschiebungen setzen die Menschen unüberschaubaren Risiken aus und sind deshalb nicht zu verantworten“, teilte Caritas-Präsident Dr. Peter Neher vergangene Woche mit.

„Natürlich geht einem vieles selbst unter die Haut“, bekennt Eva Dengler. Und wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit dem Schicksal von zu Tode gekommenen Bootsflüchtlingen konfrontiert wurde, „dann kann man allenfalls dadurch helfen, dass man zuhört und einfach da ist“. In der Regel ist es in den Beratungen aber darum gegangen, die geflüchteten Menschen möglichst sachlich über ihre Möglichkeiten zu informieren und entsprechende Hilfen einzuleiten. In manchen Fällen ging das recht schnell: „zum Beispiel, wenn wir sie in unsere Caritas-Kleiderkammer in der Weißenburger Straße schickten“, so Eva Dengler. Lange dauerten oft hingegen Unterstützungen für medizinische Hilfen. „Einmal vermittelten wir eine Frau mit einer Risikoschwangerschaft nach München in eine Klinik. Nach einem Kaiserschnitt musste dann auch noch das geborene Kind operiert werden. Hierbei waren unzählige Gespräche mit Ärzten, der Regierung von Oberbayern und anderen nötig: zum Beispiel darüber, dass die Frau zunächst auch dort ihr Taschengeld aus Eichstätt ausbezahlt bekam und schließlich, dass sie wieder nach Eichstätt zurückkommen konnte, was sie wollte“, schildert die Caritasberaterin einen Fall. Viel Ausdauer forderten auch Verfahrensberatungen: „Um die Asylsuchenden auf ihre Anhörungen beim Bundesamt vorzubereiten, haben wir mit vielen spezielle Trainings durchgeführt. Dabei regten wir sie unter anderem an, ihre Verfolgungserfahrungen zu ihrem Vorteil möglichst detailliert zu schildern, auch wenn dies persönlich unangenehm war“, so die Sozialpädagogin. In einigen Fällen hat sie sogar mit dem Handy gemachte Bilder von einem Fotografen nachbearbeiten lassen, damit diese ein besseres Beweismittel darstellten.

„Transfer“ meistgenutztes Wort

Das meistgenutzte Wort in der Unterkunft ist nach Erfahrung der Caritasmitarbeiterin „Transfer“ gewesen. „Einige konnten es kaum abwarten, in eine dezentrale Unterkunft zu kommen – zum Teil auch, weil sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht selbst kochen dürfen. Vielfach kamen für den Transfer allerdings die Bescheide nicht rechtzeitig an, was immer wieder zu Unmut führte“, erzählt Eva Dengler. „Es gab aber auch Leute, die in Eichstätt bleiben wollten, weil sie hier in kurzer Zeit Anschluss an die Bevölkerung gefunden hatten – zum Beispiel im Sportverein – und die über ihren Transfer dann traurig waren.“ Wie andere hat auch Eva Dengler die Erstaufnahmeeinrichtung am Residenzplatz durchaus als Vorzeigeobjekt für Flüchtlingsunterkünfte schätzen gelernt: „von den kurzen Wegen in Eichstätt über ein tolles ehrenamtliches Engagement, besondere Projekte wie Extra-Schulklassen für die Bewohner, eine große Spendenbereitschaft von zum Beispiel Fahrrädern und Koffern und vielfältige Kooperationen verschiedener Gruppierungen“, deutet sie einige Punkte an.

In diesem Jahr kamen die am meisten beratenen Flüchtlinge in der Unterkunft aus Nigeria, die allerdings kaum eine Bleibeperspektive haben. Eine gute Chance auf eine Zukunft in Deutschland hat hingegen der 19-jährige Abdulrahman aus Somalia, einer der letzten von der Caritas beratenen Asylsuchenden in der Einrichtung am Residenzplatz. Er ist auch einer derjenigen, die dort am längsten untergebracht waren: Schon seit über einem Jahr ist er mit seinem Vater und einer Schwester dort. Diese haben bereits ihre Asyl-Anerkennung bekommen, Abdulrahman wartet noch darauf. „In Somalia waren wir von radikal-islamistischen Gruppen bedroht, weil mein Vater für die Regierung arbeitete“, berichtet der junge Mann. Da der Vater dialysepflichtig ist und zudem kaum deutsch spricht, sind die drei froh, nicht getrennt worden zu sein. Abdulrahman spricht bereits recht gut deutsch. Hierfür hat sich seine Teilnahme am Sprachunterricht in der Erstaufnahmeeinrichtung sowie an der Berufsschule gelohnt. In den letzten Wochen, die Eva Dengler noch in der Einrichtung ist, will der junge Mann gemeinsam mit ihr Initiativen in die Wege leiten, um seine Mutter und Geschwister aus Somalia nachzuholen. Dann hofft er, bald einen Beruf erlernen zu können: „Arzt werden ist mein Traum, aber auch Krankenpfleger wäre toll. Ich möchte gerne anderen Menschen helfen“, so der junge Somalier.

Als Patin weiterhin engagiert 

Eva Dengler wird ab August für den Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas-Kreisstelle Eichstätt arbeiten. „Die Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung waren für mich sehr prägend, aber jetzt möchte ich beruflich in einen anderen Bereich Einblick bekommen, der mich auch sehr interessiert.“ Ehrenamtlich wird die Eichstätterin aber auch in der Flüchtlingsarbeit tätig bleiben, indem sie einen jungen afghanischen Asylbewerber als Patin betreut.

Krankenhilfe für Heimatvertriebene in Kolumbien

„Zusammen sind wir Heimat“ heißt die Jahreskampagne der Caritas in ganz Deutschland. Sie soll zum Beispiel das Zusammenleben mit Flüchtlingen fördern, die ihre Heimat verließen und sich nach einer neuen in Deutschland sehnen. Doch das Phänomen „Flucht aus der Heimat“ gibt es auch in vielen anderen Teilen der Welt, etwa in Kolumbien. Einen Gesundheitsdienst für vor allem Heimatvertriebene in diesem Land unterstützen verschiedene Caritas-Sozialstationen aus dem Bistum Eichstätt – im Sinne „Kirchliche ambulante Krankenhilfe hier für dergleichen dort“.

Ihre Heimat hat sie verloren. „Ich bin mit meinen Geschwistern vor der Guerilla geflohen. Man hat meine Eltern umgebracht und unser Haus angezündet“, erzählt Maria Murillo Mosqueda. Sie kommt aus dem Chocó, einem Gebiet in Kolumbien, in dem die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten besonders unter der Gewalt bewaffneter Gruppen gelitten hat. Jetzt sitzt sie mit einem ihrer drei kleinen Kinder in der Krankenstation der Ordensgemeinschaft Hermanas de la Doctrina Cristiana (Schwestern der christlichen Lehre) in Los Robles, einem Armenviertel am Rand der Hauptstadt Bogotá. Viele, die in dieses Viertel geflüchtet sind, gehören zu den Millionen Menschen, die durch Gewalt und Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Vom Friedensprozess in Kolumbien, in den viele Hoffnungen setzen, erwartet Maria Murillo Mosqueda nicht viel: „Also ich habe Zweifel.“

Offenes Ohr für Sorgen

Den Gesundheitsdienst sucht die Frau nicht nur wegen der medizinischen Versorgung gerne auf, wenn ihre Kinder zum Beispiel Fieber haben. „Hier sprechen sie mit einem“, schätzt sie auch die menschliche Zuwendung der Ordensschwestern sowie ihrer Mitarbeitenden. Ihnen schütten im Wartesaal viele Patienten aus Los Robles und zunehmend auch aus benachbarten Vierteln ihr Herz über ihre vielfältigen Sorgen aus. Luz Mery Palacio, die den Ordensschwestern freitags für den allgemeinärztlichen Dienst ihr kleines Häuschen zur Verfügung stellt, hat heute zum Beispiel ein offenes Ohr für eine Patientin, die ihr mitteilt, dass ihre farbigen Kinder im Kindergarten nicht akzeptiert seien. Andere Probleme der Hilfesuchenden reichen von den Traumata, die sie durch Gewalt und Flucht erlebten, über Schwierigkeiten in prekären Arbeitsverhältnissen bis hin zu  unhygienischen Wohnverhältnissen in zum Teil einfachen Holz- und Wellblechhütten.

In die Krankenstation, die eine von zwei Gesundheitsdiensten in dem kaum überschaubaren Randgebiet von Bogotá ist, kommen Menschen aller Generationen, vor allem aber Kinder. „Ihre wesentlichen Krankheiten sind Magenbeschwerden, Grippe, Durchfall, Atemwegsinfektionen, Fehlernährung und auch Allergien“, informiert Krankenschwesterhelferin Liliana Trilleras Diaz. Der 67-jährige Arzt Pedro Arturo Aldana Gracia untersucht heute auch mehrere Erwachsene mit zu hohem Blutdruck. Dass sich ihr Alltagsstress auf die Gesundheit auswirkt, erlebt er immer wieder. „Die Leute leben aus dem Nichts heraus. Es gibt viel Depression und Seelenangst. Oft brauchen sie nicht so sehr Medikamente, sondern eine menschliche Unterstützung, die sie in den staatlichen Diensten nicht bekommen“, so der Arzt. Er empfindet es als Berufung, seine letzten Berufsjahre im Dienst an armen und vertriebenen Menschen zu verbringen.

Solidarisch für Kollegen

Sozial Bedürftige haben in Kolumbien zwar ein Recht auf eine staatlich subventionierte Gesundheitsversorgung. Doch viele halten unter anderem lange Wartezeiten und -schlangen sowie Kosten für den Bus von diesen entfernt liegenden Diensten ab und suchen lieber das Angebot der Ordensschwestern auf. Auch wenn sie hier für die Sprechstunde rund 1,25 Euro entrichten müssen. „Wir verlangen diese Gebühren, damit nicht alles geschenkt wird. Das gehört für uns zur Würde des Patienten“, erklärt Schwester Isabel Hervas Sanchez. Wenn jemand das Geld nicht hat, wird er dennoch behandelt. Möglich ist dies sowie der Gesundheitsdienst überhaupt durch Spenden. Zu diesen tragen seit kurzem auch einige Caritas-Sozialstationen im Bistum Eichstätt bei. Sie unterstützen das Projekt nach dem Motto „Solidarische kirchliche ambulante Gesundheitshilfe“. Manche haben direkte Zuschüsse geleistet, andere auch Mitarbeiter-Spendenaktionen durchgeführt.

Neben dem allgemeinmedizinischen Dienst freitags bieten die Ordensschwestern auch einige Male im Jahr Gesundheitsaktionen in einer Schule an, bei denen viele Menschen vor allem zahn- und augenärztlich untersucht – und oft danach in ein nahegelegenes ordenseigenes Basisgesundheitszentrum zu eingehenderen Behandlungen überwiesen werden. Diese Aktionen möchten die Schwestern ausweiten. Zudem streben sie an, ein größeres Haus anzumieten, um ihren Dienst noch besser leisten zu können: in einem Raum, der mehr Platz für persönliche Gespräche, aber etwa ebenso für Ernährungsberatung oder eine Kinderspielecke bietet. So sollen Hilfesuchende durch ihre Gesundheitshilfe auch ein Stück weit Geborgenheit in der neuen Heimat erfahren.

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