Alle Beiträge von Peter Esser

Peter Esser ist Pressereferent beim Caritasverband für die Diözese Eichstätt. Er studierte in Eichstätt und Bogotá. Der mit einer Kolumbianerin verheiratete Journalist reist etwa alle zwei Jahre nach Kolumbien. Diese Aufenthalte nutzt er auch für Besuche sozialer Projekte und für journalistische Arbeiten.

Papst Franziskus als Brückenbauer in Kolumbien

Papst Franziskus wird vom 6. bis 11. September Kolumbien besuchen. Der Papst hatte versprochen, dies zu tun, sobald der Friedensprozess mit der bisherigen Guerilla-Organisation FARC zu einem guten Ende gekommen ist. Laut den Vereinten Nationen haben die rund 7.000 Kämpfer vor kurzem ihre Waffen vollständig abgegeben. Der Papstbesuch soll nun Mut machen, im Land einen dauerhaften und umfassenden Friedensprozess in Gang zu setzen. Im Grunde setzt das Oberhaupt der katholischen Kirche damit ein ähnliches Zeichen wie es bereits im vergangenen Jahr die Osloer Verleiher des Friedensnobelpreises an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos gesetzt hatten. Beide machen deutlich: Die von so vielfältigem Unfrieden geprägte heutige Welt hat ein Interesse daran, dass ein von einer Geschichte der Gewalt geprägtes Land zeigt, dass es einen Weg zum Frieden einschlagen kann. Hierzu zu ermutigen ist zweifellos gut und wichtig.

Nicht zu euphorisch sein

Freilich darf man nicht zu euphorisch sein, denn das Land steht erst am Anfang eines weiten und schwierigen Weges zum Frieden. Wie sehr es gespalten ist, hatte schließlich erst im vergangenen Jahr die knappe Ablehnung des Friedensabkommens mit den FARC durch die Bevölkerung deutlich gemacht. Viele sind skeptisch. Und die Herausforderungen an Politik und Gesellschaft sind immens. Zum einen geht es nun darum, die derzeit in sogenannten „Friedenscamps“ untergebrachten früheren Rebellen einerseits vor Gegnern zu schützen und sie andererseits in Gesellschaft und Arbeitsleben zu integrieren sowie ihnen Bildung zu ermöglichen.

Gleiches gilt aber auch für die Millionen durch den jahrezehntelangen internen Krieg vertriebenen Menschen. Sie sowie andere Opfer müssen entschädigt werden und eine Wahrheitskommission muss die Verbrechen aufarbeiten können. Um der Drogenproblematik Herr zu werden, gilt es, Alternativen zum Coca-Anbau zu entwickeln. Soziale Ungleichheit, Armut und Korruption müssen abgebaut werden. Ganz wesentlich ist der Aufbau von demokratischen Gemeindestrukturen, in welche die bisherigen FARC-Kämpfer einbezogen werden. Ob und wie dies gelingen kann, wird in Kürze übrigens in einer politikwissenschaftlichen Forschungsarbeit eines kolumbianischen Promotionsstudenten an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersucht werden.

Frieden wird es zudem nicht geben, wenn es dem Staat nicht gelingt, die Gewalt aller bewaffneten Akteure zu beenden. Die Caritas in Kolumbien sieht derzeit nicht von ungefähr als größtes Hindernis die fehlende Präsenz des Staates in weiten Teilen des Landes und die deshalb anhaltende Gewalt durch bewaffnete Gruppen, die in das Machtvakuum stoßen, das der Abzug der FARC hinterlassen hat.

An der Seite der Armen

Angesichts der großen Herausforderungen zeigen die kolumbianischen Organisatoren des Papstbesuches mit dem Motto und gleichnamigen Lied zum bevorstehenden Ereignis „Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) durchaus eine realistische Einschätzung.

„Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) lautet das Motto des Papstbesuches. Quelle: www.cec.org.co

Papst Franziskus macht unterdessen auch in Kolumbien durch die Auswahl der Orte seines Besuches einmal mehr deutlich, worauf es ihm – außer einem eigenen Beitrag zur Versöhnung – vor allem für sich und die Kirche ankommt: an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Eine Station wird ein Kinderheim in Medellin sein. In dieser Stadt bekannten sich vor fast 50 Jahren bei einer kirchengeschichtlich bedeutsamen lateinamerikanischen Bischofsversammlung die Kirchenführer dieses Kontinents zur „Option für die Armen“. Und dementsprechend steht für den Papst  anschließend zum sozusagen wegweisenden Abschluss des Kolumbienbesuchs eine Begegnung mit Armen in Cartagena auf dem Programm. Dabei will Franziskus die Grundsteine von Häusern für Obdachlose segnen.

Dass der Papst dies ausgerechnet in der Küstenstadt Cartagena tut, ist bezeichnend. Denn wie kaum eine andere Stadt in Kolumbien steht die attraktive Touristenmetropole mit ihrer Festung und ihren historischen Schutzmauern symbolhaft für die Spaltung von Wohlhabenden und Armen, von Teilhabenden und Ausgegrenzten. Als ich vor einigen Jahren selbst dort war, sagte mir der seinerzeitige Caritasdirektor im zuständigen Erzbistum: „Hier in Cartagena gibt es zwei Städte: eine Stadt innerhalb der Mauern und einen größeren Teil außerhalb, in dem die arme Bevölkerung lebt. Die Besucher sehen vor allem die Stadt innerhalb der Mauern – und die andere Seite in der Regel nicht.“ Ich durfte hingegen auf dieser anderen Seite außerhalb der Mauern ein interessantes sozial-caritatives Gemeinschaftsprojekt kennenlernen: In fünf Randvierteln errichteten und erneuerten traditionell arme Menschen gemeinsam mit hinzugekommenen Binnenflüchtlingen – die durch gewaltsame Vertreibung Heimat und Besitz verloren hatten –  über 200 Kleinhäuser. Zunächst hatte zwischen beiden Gruppen oft Missgunst geherrscht. Bei dem Bauprojekt arbeiteten sie aber dann Hand in Hand für das Gemeinwohl: Einige formten Steine, andere mischten Beton, weitere richteten die Wände auf, wiederum andere setzten die Dächer – je nach ihren Fähigkeiten. Nahezu alle waren beteiligt. Wer nicht mitbaute, engagierte sich beim gemeinsamen Organisieren oder Kochen für alle. So lernten sich von verschiedenen Schicksalen geprägte Menschen kennen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten und halfen sich gegenseitig. In der Stadt der Mauern wurden Mauern überwunden.

Präsident Santos hat Papst Franziskus bescheinigt, er baue Brücken, nicht Mauern. In diesem Sinn kann man sich nur wünschen: Möge der Papst für Cartagena und ganz Kolumbien im weiteren Friedensprozess zu einem Brückenbauer werden.

 

 

„Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“

Rückblick auf die Caritas-Asylberatung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eichstätt

Gut 2.650 Asylbewerbern aus 26 Nationen hat die Caritas in der Dependance der Erstaufnahme-einrichtung im Gebäude der früheren Realschule Maria Ward am Residenzplatz in Eichstätt geholfen. Drei Mitarbeitende der Kreisstelle Eichstätt haben seit November 2014 über 1.660 Männer und fast 300 Frauen – meistens in mehreren Gesprächen jeweils – direkt beraten. Viele von ihnen lebten mit Kindern in der Unterkunft, die Ende Juli geschlossen wird. Soweit die Zahlen von Eva Dengler. Sie ist seit Ende 2016 – als die Schließung bereits absehbar war – als einzige Caritasberaterin in der Unterkunft verblieben.

Die Lebensgeschichten hinter den Zahlen sind für die Sozialpädagogin allerdings prägender: „Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“, bringt die Eichstätterin ihre Erfahrungen auf den Punkt. Dazu zählen ebenso Erlebnisse von Menschen, die ihr bei der Beratung vom Tod eines Angehörigen am Vortag im Boot auf dem Mittelmeer berichteten, wie Ängste von Afghanen vor Ablehnungen und Abschiebungen.

Menschen aus Afghanistan waren Eva Dengler zufolge im vergangenen Jahr mit Abstand die am meisten beratene Bevölkerungsgruppe in der Erstaufnahmeeinrichtung. „Ihre Furcht davor, in ein Land voller Gewalt abgeschoben zu werden, war auch bei uns ständig spürbar“, so Eva Dengler. Hier ähneln die Erfahrungen der Caritas-Mitarbeitenden in dieser Unterkunft denen ihrer Kolleginnen und Kollegen der dezentralen Asylberatung. Diese hatten dazu geführt, dass sich der Caritasverband Eichstätt im März mit einer öffentlichen Stellungnahme dafür aussprach, zumindest derzeit keine afghanischen Asylsuchenden abzuschieben. Darin sehen sich die Eichstätter Verantwortlichen nun durch eine aktuelle Warnmeldung des Deutschen Caritasverbandes bestätigt: „Afghanistan ist ein Land, in dem von Monat zu Monat die Zahl der toten und verletzten Zivilisten auf ein neues Rekordniveau steigt. Abschiebungen setzen die Menschen unüberschaubaren Risiken aus und sind deshalb nicht zu verantworten“, teilte Caritas-Präsident Dr. Peter Neher vergangene Woche mit.

„Natürlich geht einem vieles selbst unter die Haut“, bekennt Eva Dengler. Und wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit dem Schicksal von zu Tode gekommenen Bootsflüchtlingen konfrontiert wurde, „dann kann man allenfalls dadurch helfen, dass man zuhört und einfach da ist“. In der Regel ist es in den Beratungen aber darum gegangen, die geflüchteten Menschen möglichst sachlich über ihre Möglichkeiten zu informieren und entsprechende Hilfen einzuleiten. In manchen Fällen ging das recht schnell: „zum Beispiel, wenn wir sie in unsere Caritas-Kleiderkammer in der Weißenburger Straße schickten“, so Eva Dengler. Lange dauerten oft hingegen Unterstützungen für medizinische Hilfen. „Einmal vermittelten wir eine Frau mit einer Risikoschwangerschaft nach München in eine Klinik. Nach einem Kaiserschnitt musste dann auch noch das geborene Kind operiert werden. Hierbei waren unzählige Gespräche mit Ärzten, der Regierung von Oberbayern und anderen nötig: zum Beispiel darüber, dass die Frau zunächst auch dort ihr Taschengeld aus Eichstätt ausbezahlt bekam und schließlich, dass sie wieder nach Eichstätt zurückkommen konnte, was sie wollte“, schildert die Caritasberaterin einen Fall. Viel Ausdauer forderten auch Verfahrensberatungen: „Um die Asylsuchenden auf ihre Anhörungen beim Bundesamt vorzubereiten, haben wir mit vielen spezielle Trainings durchgeführt. Dabei regten wir sie unter anderem an, ihre Verfolgungserfahrungen zu ihrem Vorteil möglichst detailliert zu schildern, auch wenn dies persönlich unangenehm war“, so die Sozialpädagogin. In einigen Fällen hat sie sogar mit dem Handy gemachte Bilder von einem Fotografen nachbearbeiten lassen, damit diese ein besseres Beweismittel darstellten.

„Transfer“ meistgenutztes Wort

Das meistgenutzte Wort in der Unterkunft ist nach Erfahrung der Caritasmitarbeiterin „Transfer“ gewesen. „Einige konnten es kaum abwarten, in eine dezentrale Unterkunft zu kommen – zum Teil auch, weil sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht selbst kochen dürfen. Vielfach kamen für den Transfer allerdings die Bescheide nicht rechtzeitig an, was immer wieder zu Unmut führte“, erzählt Eva Dengler. „Es gab aber auch Leute, die in Eichstätt bleiben wollten, weil sie hier in kurzer Zeit Anschluss an die Bevölkerung gefunden hatten – zum Beispiel im Sportverein – und die über ihren Transfer dann traurig waren.“ Wie andere hat auch Eva Dengler die Erstaufnahmeeinrichtung am Residenzplatz durchaus als Vorzeigeobjekt für Flüchtlingsunterkünfte schätzen gelernt: „von den kurzen Wegen in Eichstätt über ein tolles ehrenamtliches Engagement, besondere Projekte wie Extra-Schulklassen für die Bewohner, eine große Spendenbereitschaft von zum Beispiel Fahrrädern und Koffern und vielfältige Kooperationen verschiedener Gruppierungen“, deutet sie einige Punkte an.

In diesem Jahr kamen die am meisten beratenen Flüchtlinge in der Unterkunft aus Nigeria, die allerdings kaum eine Bleibeperspektive haben. Eine gute Chance auf eine Zukunft in Deutschland hat hingegen der 19-jährige Abdulrahman aus Somalia, einer der letzten von der Caritas beratenen Asylsuchenden in der Einrichtung am Residenzplatz. Er ist auch einer derjenigen, die dort am längsten untergebracht waren: Schon seit über einem Jahr ist er mit seinem Vater und einer Schwester dort. Diese haben bereits ihre Asyl-Anerkennung bekommen, Abdulrahman wartet noch darauf. „In Somalia waren wir von radikal-islamistischen Gruppen bedroht, weil mein Vater für die Regierung arbeitete“, berichtet der junge Mann. Da der Vater dialysepflichtig ist und zudem kaum deutsch spricht, sind die drei froh, nicht getrennt worden zu sein. Abdulrahman spricht bereits recht gut deutsch. Hierfür hat sich seine Teilnahme am Sprachunterricht in der Erstaufnahmeeinrichtung sowie an der Berufsschule gelohnt. In den letzten Wochen, die Eva Dengler noch in der Einrichtung ist, will der junge Mann gemeinsam mit ihr Initiativen in die Wege leiten, um seine Mutter und Geschwister aus Somalia nachzuholen. Dann hofft er, bald einen Beruf erlernen zu können: „Arzt werden ist mein Traum, aber auch Krankenpfleger wäre toll. Ich möchte gerne anderen Menschen helfen“, so der junge Somalier.

Als Patin weiterhin engagiert 

Eva Dengler wird ab August für den Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas-Kreisstelle Eichstätt arbeiten. „Die Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung waren für mich sehr prägend, aber jetzt möchte ich beruflich in einen anderen Bereich Einblick bekommen, der mich auch sehr interessiert.“ Ehrenamtlich wird die Eichstätterin aber auch in der Flüchtlingsarbeit tätig bleiben, indem sie einen jungen afghanischen Asylbewerber als Patin betreut.

Krankenhilfe für Heimatvertriebene in Kolumbien

„Zusammen sind wir Heimat“ heißt die Jahreskampagne der Caritas in ganz Deutschland. Sie soll zum Beispiel das Zusammenleben mit Flüchtlingen fördern, die ihre Heimat verließen und sich nach einer neuen in Deutschland sehnen. Doch das Phänomen „Flucht aus der Heimat“ gibt es auch in vielen anderen Teilen der Welt, etwa in Kolumbien. Einen Gesundheitsdienst für vor allem Heimatvertriebene in diesem Land unterstützen verschiedene Caritas-Sozialstationen aus dem Bistum Eichstätt – im Sinne „Kirchliche ambulante Krankenhilfe hier für dergleichen dort“.

Ihre Heimat hat sie verloren. „Ich bin mit meinen Geschwistern vor der Guerilla geflohen. Man hat meine Eltern umgebracht und unser Haus angezündet“, erzählt Maria Murillo Mosqueda. Sie kommt aus dem Chocó, einem Gebiet in Kolumbien, in dem die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten besonders unter der Gewalt bewaffneter Gruppen gelitten hat. Jetzt sitzt sie mit einem ihrer drei kleinen Kinder in der Krankenstation der Ordensgemeinschaft Hermanas de la Doctrina Cristiana (Schwestern der christlichen Lehre) in Los Robles, einem Armenviertel am Rand der Hauptstadt Bogotá. Viele, die in dieses Viertel geflüchtet sind, gehören zu den Millionen Menschen, die durch Gewalt und Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Vom Friedensprozess in Kolumbien, in den viele Hoffnungen setzen, erwartet Maria Murillo Mosqueda nicht viel: „Also ich habe Zweifel.“

Offenes Ohr für Sorgen

Den Gesundheitsdienst sucht die Frau nicht nur wegen der medizinischen Versorgung gerne auf, wenn ihre Kinder zum Beispiel Fieber haben. „Hier sprechen sie mit einem“, schätzt sie auch die menschliche Zuwendung der Ordensschwestern sowie ihrer Mitarbeitenden. Ihnen schütten im Wartesaal viele Patienten aus Los Robles und zunehmend auch aus benachbarten Vierteln ihr Herz über ihre vielfältigen Sorgen aus. Luz Mery Palacio, die den Ordensschwestern freitags für den allgemeinärztlichen Dienst ihr kleines Häuschen zur Verfügung stellt, hat heute zum Beispiel ein offenes Ohr für eine Patientin, die ihr mitteilt, dass ihre farbigen Kinder im Kindergarten nicht akzeptiert seien. Andere Probleme der Hilfesuchenden reichen von den Traumata, die sie durch Gewalt und Flucht erlebten, über Schwierigkeiten in prekären Arbeitsverhältnissen bis hin zu  unhygienischen Wohnverhältnissen in zum Teil einfachen Holz- und Wellblechhütten.

In die Krankenstation, die eine von zwei Gesundheitsdiensten in dem kaum überschaubaren Randgebiet von Bogotá ist, kommen Menschen aller Generationen, vor allem aber Kinder. „Ihre wesentlichen Krankheiten sind Magenbeschwerden, Grippe, Durchfall, Atemwegsinfektionen, Fehlernährung und auch Allergien“, informiert Krankenschwesterhelferin Liliana Trilleras Diaz. Der 67-jährige Arzt Pedro Arturo Aldana Gracia untersucht heute auch mehrere Erwachsene mit zu hohem Blutdruck. Dass sich ihr Alltagsstress auf die Gesundheit auswirkt, erlebt er immer wieder. „Die Leute leben aus dem Nichts heraus. Es gibt viel Depression und Seelenangst. Oft brauchen sie nicht so sehr Medikamente, sondern eine menschliche Unterstützung, die sie in den staatlichen Diensten nicht bekommen“, so der Arzt. Er empfindet es als Berufung, seine letzten Berufsjahre im Dienst an armen und vertriebenen Menschen zu verbringen.

Solidarisch für Kollegen

Sozial Bedürftige haben in Kolumbien zwar ein Recht auf eine staatlich subventionierte Gesundheitsversorgung. Doch viele halten unter anderem lange Wartezeiten und -schlangen sowie Kosten für den Bus von diesen entfernt liegenden Diensten ab und suchen lieber das Angebot der Ordensschwestern auf. Auch wenn sie hier für die Sprechstunde rund 1,25 Euro entrichten müssen. „Wir verlangen diese Gebühren, damit nicht alles geschenkt wird. Das gehört für uns zur Würde des Patienten“, erklärt Schwester Isabel Hervas Sanchez. Wenn jemand das Geld nicht hat, wird er dennoch behandelt. Möglich ist dies sowie der Gesundheitsdienst überhaupt durch Spenden. Zu diesen tragen seit kurzem auch einige Caritas-Sozialstationen im Bistum Eichstätt bei. Sie unterstützen das Projekt nach dem Motto „Solidarische kirchliche ambulante Gesundheitshilfe“. Manche haben direkte Zuschüsse geleistet, andere auch Mitarbeiter-Spendenaktionen durchgeführt.

Neben dem allgemeinmedizinischen Dienst freitags bieten die Ordensschwestern auch einige Male im Jahr Gesundheitsaktionen in einer Schule an, bei denen viele Menschen vor allem zahn- und augenärztlich untersucht – und oft danach in ein nahegelegenes ordenseigenes Basisgesundheitszentrum zu eingehenderen Behandlungen überwiesen werden. Diese Aktionen möchten die Schwestern ausweiten. Zudem streben sie an, ein größeres Haus anzumieten, um ihren Dienst noch besser leisten zu können: in einem Raum, der mehr Platz für persönliche Gespräche, aber etwa ebenso für Ernährungsberatung oder eine Kinderspielecke bietet. So sollen Hilfesuchende durch ihre Gesundheitshilfe auch ein Stück weit Geborgenheit in der neuen Heimat erfahren.

Hörfunksendung von Radio K1 und Spendenkonto zum Projekt

Lebensperspektive durch Betania in Kolumbien

„Das Textilhandwerk gefällt mir sehr. Ich lerne, wie man Stoffe verarbeitet, mit den entsprechenden Maschinen umgeht und neue Kleidungsstücke entwirft.“ Begeistert demonstriert mir die 28-jährige Angela Salazar im Haus Betania in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, was sie im Schneiderkurs gelernt hat. Auf einer privaten Reise habe ich die Sozialeinrichtung für alleinstehende Mütter der Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ vor kurzem besucht, die ich seit viele Jahre gemeinsam mit der Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche unterstütze. Angela Salazar lebt seit einem Jahr in Betania, inzwischen mit einem acht Monate alte Töchterchen.

Vor einigen Jahren hatte sie in der Stadt San José de Guaviare etwa 400 Kilometer südöstlich von Bogotá Furchtbares erlebt: „Es gab Massaker mit vielen gewaltsamen Gruppen der Paramilitärs, Guerilla und anderer Banden. Mein Bruder verschwand im Alter von 13 Jahren spurlos, was für mich besonders hart war. Und ich hatte viele familiäre Probleme“, erzählt sie mir. Sie wurde alkohol- und drogenabhängig. Eine Ausbildung hat Angela Salazar nie absolviert. Neben ihr im Schneiderkurs sitzen und werkeln die 20-jährige Laura Camila, die erst seit drei Wochen mit ihrem Baby in Betania wohnt, und die 30-jährige Mary Luz Susa Martinez, die bereits seit elf Jahren in der Einrichtung ist und ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Angela Salazar konnten auch sie nicht mehr in ihren Familien leben. Eine der beiden gesteht mir, dass sie missbraucht wurde.

In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung. Foto: Peter Esser
In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung.
Foto: Peter Esser

Hilfe durch psychosoziale Begleitung und Bildung

Dass die drei Frauen sowie derzeit zehn weitere in Betania wohnende alleinerziehende Mütter mittlerweile neuen Lebensmut schöpfen, verdanken sie einer Vielzahl an Hilfen in Betania: zum Großteil der Betreuung durch das Team einer Psychologin, Sozialarbeiterin und Ernährungsberaterin, auch dem Kurs in der Schneiderei. Beides wird vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke finanziell gefördert. Dass die Frauen von Anfang an und sogar noch mehrere Monate nach ihrem Auszug aus der Einrichtung durch das psychosoziale Team begleitet werden, kann nach Überzeugung der Ordensoberin Marlén Pulido in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: So können sie als Persönlichkeiten gestärkt und mit ihren Kindern ein stabileres Leben anfangen.

Seit zwei Jahren koordiniert Schwester Sandra Lopez die verschiedenen Hilfeprogramme. Wie sie mir mitteilt, hat das Team der drei Fachkräfte erheblichen Anteil daran, dass etwa die Hälfte der jährlich rund 60 Mütter in der Einrichtung im Durchschnitt nach einem Jahr wieder in ihre alte Familie zurückkehrt oder ein neues Familienleben beginnt sowie ebenfalls rund die Hälfte eine Arbeit aufnimmt. Zu Letzterem trägt freilich wesentlich bei, dass die Frauen während ihrer Zeit in Betania den Schulabschluss nachholen -, an der Ausbildung in der Schneiderei, dem Angebot „Computer“ eines Ehrenamtlichen und den Werkstätten Friseurhandwerk und Maniküre/Pediküre teilnehmen können, die von Bürgern in Bogotá unterstützt werden.

Eine Schneiderin lehrt interessierte Frauen zum Beispiel, Röcke und Blusen, Kissen, Etuis für Handys, aber auch Kinder- und Sportkleidung zu produzieren. Der Verkauf von selbst hergestellten Produkten wird in neue Materialien für die Schneiderei reinvestiert. Aus dem seit gut zwei Jahren angebotenen Kurs hat es mittlerweile eine Frau geschafft, eine Festanstellung in einem Textilbetrieb zu bekommen. Mehrere andere haben sich selbstständig gemacht und arbeiten für Betriebe und Privatleute von zu Hause aus. Dies tun viele durchaus gerne, weil sie so bei den Kindern bleiben können, wie die Schwestern mir sagen. Angela Salazar träumt davon, später eine eigene Textilfabrik zu gründen. Nicht alle im Kurs haben solche Ziele. Laura Camilia stellt sich beruflich anderes vor, „aber ich mache in der Schneiderei gerne mit, weil ich merke, dass ich dadurch Stress abbauen kann.“

Wie viele in Kolumbien sehnen sich auch die Ordensschwestern und die ihnen anvertrauten alleinstehenden Mütter danach, dass der derzeit in Kolumbien stattfindende Friedensprozess zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation FARC erfolgreich verläuft. Auf die eigene Arbeit hat sich dieser bisher allerdings offenbar noch nicht ausgewirkt. Viele Frauen, welche Hilfe in Betania suchen, sind wie Angela Salazar auch Opfer politischer Gewalt sowie Vertreibung. „Und es kommen jetzt auch etliche, die Drogen, zum Beispiel Marihuana oder Kokain, konsumieren“, berichtet mir Schwester Sandra. Auch müsse sich Betania in Kürze vermutlich minderjähriger alleinstehender Mütter annehmen. Um sie kümmerten sich zwar grundsätzlich staatliche Einrichtungen. „Doch diese sind zum Teil überbelegt“, hat die Schwester erfahren.

Neue Kinderkrippe geplant

Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will. Foto: Peter Esser
Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will.
Foto: Peter Esser

Ein weiterer Trend, den sie beobachtet, ist, dass inzwischen mehrere alleinstehende Mütter, die Betania verlassen haben, oder auch solche, die nie dort gewohnt haben, die Dienste der Einrichtung wahrnehmen. Auch jenen, die nicht in der Instituion wohnen möchten, wollen die Schwestern Chancen eröffnen. Ein Nachteil für diese Mütter ist allerdings, dass sie ihre Kinder zu Hause lassen müssen. Denn die derzeitige Kinderkrippe, von der ein Teil zudem keine Belüftungsanlage hat und der andere in einem Kellerraum liegt, bietet für sie keinen Platz.  Daher planen die Ordensschwestern, eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen zu errichten. Die Kosten von kalkulierten rund 18.000 Euro sollen – wie für andere Initiativen auch – durch eine Kofinanzierung unterschiedlicher Geldgeber aufgebracht werden. Dabei hoffen sie auch auf Unterstützung aus Eichstätt.

Wer für dieses Projekt oder andere Anliegen in Betania spenden will, kann dies auf folgendes Konto der Diözese Eichstätt tun:
Liga Bank, Eichstätt
IBAN: DE96 7509 0300 0007 6030 02
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Skepsis und Hoffnung vor der Abstimmung über den Friedensprozess in Kolumbien

“Ich zweifele daran. Es wird keinen Frieden geben“, sagt mir Maria Murillo Mosqueda, die ich bei einem Besuch in einer von Ordensschwestern geleiteten Krankenstation in einem Armenviertel am Rande der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá treffe. Die Frau stammt aus dem westlichen Departamento Chocó – ein Gebiet, in dem sich verschiedene bewaffnete Gruppen im jahrzehntelangen internen Krieg besonders heftig bekämpft haben. Betroffen ist vor allem die Zivilbevölkerung, die immer wieder zwischen die Fronten geraten ist. „Ich bin mit meinen Geschwistern vor der Guerilla geflohen. Man hat meine Eltern getötet und unser Haus verbrannt“, erzählt mir die Mutter von mittlerweile drei Kindern. Kein Wunder, dass sie kein Vertrauen in den derzeit in Kolumbien stattfindenden Friedensprozess hat. Auch andere Patienten, mit denen ich mich im Wartesaal der Krankenstation unterhalte, fürchten, dass die Gewalt kein Ende haben wird, wie sie mir sagen. Und für ihre Befürchtung spricht natürlich nicht nur aufgrund ihrer eigenen Schicksalserlebnisse viel. Dafür spricht auch die lange andauernde Geschichte der Gewalt in ihrem Land: Mehr als 220.000 Menschenleben forderte der Krieg nach offiziellen Angaben in den letzten 50 Jahren – wahrscheinlich sind es wesentlich mehr. Über sechs Millionen Menschen wurden durch Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben, seit diese Binnenflüchtlinge in den Achtzigerjahren erstmals registriert worden sind.

Die Begegnung mit einer Ordensschwester in einer Krankenstation am Rande von Bogotá tut der aus ihrer Heimatregion Chocó vertriebenen Mutter Maria Murillo-Mosqueda gut. An Frieden in Kolumbien glaubt sie allerdings nicht. Foto: Peter Esser
Die Begegnung mit einer Ordensschwester in einer Krankenstation am Rande von Bogotá tut der aus ihrer Heimatregion Chocó vertriebenen Mutter Maria Murillo-Mosqueda gut. An Frieden in Kolumbien glaubt sie allerdings nicht. Foto: Peter Esser

Die Stimmung schwankt

Doch trotz vieler Zweifel erlebe ich auf meiner Reise nach Kolumbien: Die Stimmung im Land schwankt durchaus. Es gibt auch viel Hoffnung. So erscheint es etwa Dr. Pedro Arturo Aldana Gracia, dem Arzt der Krankenstation, welche die vertriebenen Menschen nun als Patienten aufsuchen, „wunderbar, dass wir diesen Friedensprozess haben“. Zwar glaubt auch er nicht, dass der Prozess selbst die Realität ändern wird und „dass der Krieg wiederkehren wird, wenn die Ungleichheiten in der Gesellschaft nicht beseitigt werden“. Für einen dauerhaften Erfolg müssten Taten folgen. Doch viele sehen es wie er allein schon als eine ungeheuere Chance, dass die kolumbianische Bevölkerung am 2. Oktober über ein in fast vier Jahren ausgehandeltes historisches Abkommen abstimmen darf – und damit unter anderem darüber, ob die größte Guerillaorganisation des Landes FARC ihre Waffen niederlegt oder nicht. Wie ich erfahre, gibt es Bürgerinnen und Bürger, die geplante Reisen verschieben möchten, um diese Abstimmungschance wahrnehmen zu können. Allein das zeigt, dass sich viele der hohen Bedeutung dieses Ereignisses sehr wohl bewusst sind.

Arzt Pedro Arturo Ardana Gracia hält es für „wunderbar, dass wir diesen Friedensprozess haben“ – auch wenn er nicht glaubt, dass der Prozess selbst die Realität ändern wird. Taten müssten folgen. Foto: Peter Esser
Arzt Pedro Arturo Ardana Gracia hält es für „wunderbar, dass wir diesen Friedensprozess haben“ – auch wenn er nicht glaubt, dass der Prozess selbst die Realität ändern wird. Taten müssten folgen. Foto: Peter Esser

Natürlich, Zweifel am Erfolg des Friedensprozesses sind auch dadurch berechtigt, dass andere bewaffnete Gruppen in den letzten Monaten in Regionen eingedrungen sind, die bislang die FARC kontrolliert haben – wodurch sich dort die humanitäre Lage verschlechtert hat. Befürworter des Prozesses beklagen aber auch nicht zu Unrecht eine einseitige Diskussion im Land darüber, ob nun die Verantwortlichen der FARC ins Gefängnis gehen sollen oder nicht und ob sie in Zukunft an der Politik teilhaben sollen dürfen oder nicht. Denn für die Zukunft des Landes haben Regierung und FARC im kubanischen Havanna schließlich zentrale und bisher umstrittene Punkte ausgehandelt, die aber weniger diskutiert werden: über die ländliche Entwicklungspolitik, verbesserte politische Beteiligungsmöglichkeiten, den Umgang mit Opfern der Gewalt, die Lösung des Problems des illegalen Drogenhandels und die Beendigung des bewaffneten Konflikts. Die erzielten Ergebnisse sind für den Großteil der Bevölkerung allerdings kompliziert und schwer erfassbar, sie wurden vielleicht auch oft nicht ausreichend und verständlich vermittelt. Dennoch erscheint nach meinem Eindruck auch vielen Kolumbianern allein die Tatsache, dass es zwei bisher verfeindeten Lagern gelungen ist, bei ganz schwierigen Themen zu einer Einigung zu kommen, zu Recht als bewundernswert oder zumindest anerkennungswert.

Es warten enorme gesellschaftliche Herausforderungen

Natürlich, auch nach einem erfolgreichen Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC – und mit der Bevölkerung, wenn diese am Sonntag, 2. Oktober, zustimmt – verbleiben weitere links- sowie rechtsgerichtete illegale bewaffnete Gruppen in Kolumbien und warten enorme gesellschaftliche Herausforderungen: etwa die Beseitigung von Korruption, Armut und großer sozialer Ungleichheit sowie der Schutz der so vielfach verletzten Menschenrechte. Dass sich alles schnell zum Besseren wendet, dafür geben sich die Kolumbianer keinen Illusionen hin.

Die Stimmung im Land schwankt zwischen Skepsis und Hoffnung. Doch mir scheint, dass die meisten ahnen: Ein NEIN am 2. Oktober wäre eine vertane und kaum wiederherstellbare Chance für mehr Frieden in Kolumbien, den ein JA ermöglichen kann. Dass dies so ist, bleibt in diesen Tagen vor der Abstimmung zu hoffen. Für den Tag der Abstimmung selbst bleibt zu hoffen, dass nicht nur die erforderlichen knapp 4,4 Millionen JA-Stimmen erreicht werden. Um einen dauerhaften Friedensprozess tatsächlich zu legitimieren, braucht es ein klares positives Abstimmungsverhalten der Bevölkerung. Und für die Zeit nach der Abstimmung bleibt zu hoffen, dass das Abkommen tatsächlich umgesetzt wird und an diesem Prozess alle gesellschaftlichen Akteure guten Willens teilhaben. 

Update 3.10.2016: Kein Friedensvertrag in Kolumbien – Sieg der Vergangenheit (Spiegel Online)