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Johannes der Täufer: Mahner, Kritiker und Wegweiser

Wer mag schon gerne Menschen mit erhobenem Zeigefinger? Diese Geste erinnert uns an unsere Kindheit und weckt möglicherweise unangenehme Gefühle.

Johannes der Täufer (rechts im Bild) auf Jesus weisend. Foto: Geraldo Hoffmann

Viele Darstellungen in der Kunst zeigen Johannes den Täufer mit einem überdimensionalen Zeigefinger. An dieser Person und seinem Finger will ich ein paar Gedanken festmachen, die mich bewegen. Johannes ist mein Taufname, auch wenn ich von den meisten Menschen „Hans“ genannt werde. Nur mein Vater hat mich immer wieder mit Johannes angesprochen.

Drei Überlegungen bringe ich mit diesem Namen in Verbindung. Prophetie mit dem Aufruf zur Umkehr, Kritik am Bürgerlichen und das Verwiesen-Sein auf Gott hin.

  • Johannes war ein Mahner und hat zur Umkehr aufgerufen. Die Umkehr war sein Lebensprogramm. Er wohl ein unbequemer Mensch, zumindest auf dem ersten Blick. Der Blick auf die Geschichte zeigt uns, dass es in der Natur des Menschen zu liegen scheint, dass er, wenn sich die Möglichkeit ergibt, Macht ausübt und diese missbraucht, die Wahrheit zu seinen Gunsten verdreht und Unfriede streut, um von seinen Schwächen abzulenken. Johannes hat das Verhalten der Mächtigen – in seinem Fall König Herodes Antipas – kritisiert und das mit dem Leben bezahlt. Ein Prophet lebt offensichtlich gefährlich.
    Erst über die Jahre habe ich gelernt, dass eine Haltung der ständigen Umkehr auch ein Segen für mein Leben ist. Lange habe ich die Sünde nur als Vergehen gegen meinen Nächsten und somit auch gegen Gott angesehen. Nicht weniger schwerwiegend ist, dass die Sünde eine Verfehlung gegen mich selbst und meine Entwicklung zum ganzen Mensch-Sein verhindert. Die Sünde macht den Menschen klein. Johannes aber war groß. Moralisch und somit auch menschlich.
  • Für mich verkörpert Johannes auch die Kritik am Establishment. Sein Auftreten zeigt deutlich, dass ihm das Gut-Bürgerliche zuwider war. Er tauscht das bequeme Leben gegen die Wüste und macht klar, dass es ihm um Werte und nicht um Besitz und Wohlstand geht. Sein hageres Auftreten zeigt auch, dass er frei von sich selbst war. Wie würde er wohl heute auftreten?

    Johannes der Täufer – Dekenfresko in der Kirche St. Johannes in Rebdorf bei Eichstätt. Foto: Geraldo Hoffmann
  • Als Drittes ist mir der übergroße Zeigefinger bei Johannes immer mehr aufgefallen. Dieser verweist auf Jesus Christus, von dem er sagt, dass er nicht einmal wert ist, seine Schuhriemen zu lösen. Nicht er will groß sein, sondern Jesus Christus. Nur er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie oft sind wir als Missionare in Gefahr, mit unserer Arbeit – draußen in der weiten Welt – im Mittelpunkt zu stehen? Dabei muss man noch gar nicht unter einem Messias-Komplex leiden. Informationen und Berichte aus krisengeschüttelten Orten wirken dann oft wie eine Kriegsberichterstattung. Und stellen wir uns selbst nicht in die Mitte, so sind es manchmal Bewunderer oder Verehrer, die ihren Teil zur Überhöhung der Person beitragen. Ich erinnere mich an eine ordensinterne Studie vor wenigen Jahren mit dem Titel: Ratio Missionis (= der Grund unserer Mission). Dabei war ein wichtiger Gesichtspunkt die Unterscheidung unserer Arbeit in die Missio Mea (meine Mission) und die Missio Dei (die Mission Gottes). Letztere ist die Mission, durch die das Kommen des Reiches Gottes verheißen ist. Darum beten wir in jedem „Vater unser“.Auf Gott verweisen und selbst auf Gott verwiesen sein, das sind zwei Haltungen, die Missionare und alle Arbeiter der Kirche am besten in ihre Arbeit aufnehmen. Den Kopf, wie Johannes, riskieren dabei die wenigsten, vielleicht den Kragen, aber ihre Verkündigung und ihr Einsatz wird wahrhaftig.

Geistlicher Impuls: Johannes auf Jesus weisend

Das tanzende Ei und das Geheimnis von Gemeinschaft

Ich traute meinen Augen nicht. Ich war völlig fasziniert, als ich es zum ersten mal sah, und ich bin es bis heute: Da tanzt doch glatt auf dem Wasserstrahl eines Brunnens ein Ei! Wie kann das gehen? Warum fällt das Ei nicht runter? Manchmal handelt es sich um ein wirklich großes Ei, eher von einem Straußen als von einer Henne – auf einem gerade mal fingerbreiten Wasserstrahl!

„L’ou com balla – Das tanzende Ei“

Tanzendes Ei an einem Brunnen in Barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

In den Tagen um Fronleichnam kann man dieses einzigartige Schauspiel in zahlreichen Kreuzgängen der Altstadt Barcelonas bestaunen. Zum Beispiel in der gotischen Kathedrale oder im Real Monasterio von Pedralbes. Und ein Brunnen ist schöner geschmückt als der andere. Ich bin jedes mal fasziniert und schau dem Phänomen gebannt zu. Wie das Ei da auf dem dünnen Wasserstrahl tänzelt! Sich um die eigene Achse dreht! Mal rasend schnell, mal langsam! Aufsteigt, absteigt! Wie das Wasser auf das Ei prallt und in alle Richtungen spritzt! Einen Kelch formt, der trägt! Einer Blüte gleich. Und drunter das Wasserbecken eines mittelalterlichen Brunnens, mit bunten, lebendigen Blumen geschmückt! Herrlich!

Angeblich kennt man die Tradition des „l’ou com balla“ in Barcelona schon seit dem 13. Jahrhundert. Niemand konnte mir aber bisher weder den Hintergrund erklären noch eine offizielle Bedeutung sagen. Für mich ist das Ganze einfach ein Bild. Ich sehe in der Mitte das Ei. Das neue Leben. Geballtes Leben am Anfang, bevor es schlüpft. Ich sehe, wie es tanzt, wie es sich rasend dreht, wie es hüpft und fällt – welche Kraft in ihm steckt und mit welcher Kraft es bewegt wird. Und ich sehe das Wasser, den Strahl. Dieses erfrischende Element, ohne dem es kein Leben gäbe auf unserer Erde. Ich sehe, wie es trägt, obwohl es doch so fein und zerbrechlich ist. Wie es spritzt. Sich vergießt, über den ganzen Brunnen sich verteilt. Die Blumen und Blüten benetzt. Sie wie mit feuchtem Tau erfrischt und sie lebendig hält.

Dieses faszinierende Schauspiel ist für mich ein Bild für das Leben. Ein Bild für den Kreislauf des Lebens. Neues Leben, die ganze Kraft, die Energie, die in diesem geballten Ei steckt, wird in Bewegung gesetzt. Und von diesem tanzenden Ei aus verteilt sich das lebendige Wasser auf alles drumherum.

Brot – das Geheimnis des Lebens

Ich war schon immer fasziniert – und bin es bis heute, mit jeder heiligen Messe mehr, von dieser kleinen, unscheinbaren Scheibe Brot. Es ist kein aufwendiges, kein besonderes Brot mit ausgefallenen Gewürzen oder seltenem Getreide. Es ist gebacken mit schlichtem Teig aus Weizenmehl. Die Ministranten bringen es in einer goldenen Schale für die Eucharistiefeier an den Altar. Mit einem großen Dankgebet halten wir es Gott hin. So wie es der Herr am letzten Abend vor seinem Tod, beim Mahl im Kreis seiner Freunde, zu seinem Abschied tat. Wir tun, was er tat. Und wir erleben, was die Jünger erlebten. Wie er das Brot bricht, es austeilt an seine Freunde. Aber nicht nur das Brot! Wir erleben, wie Jesus sich selbst austeilt. Wie er sich brechen lässt. Wie er stirbt, sich hergibt – und wie er uns damit Leben gibt.

Gottesdienst in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Foto: privat

In diesem kleinen Stück Brot und in diesem unscheinbaren Geschehen auf dem Altar bündelt und zeigt sich das ganze Geheimnis unseres Glaubens: Gott schenkt sich uns, damit wir leben. Wir Christen sind überzeugt, dass sich in diesem Brot und in dem eucharistischen Mahl, das wir miteinander feiern, das Prinzip allen Lebens bündelt und uns zeigt: Leben ist möglich und Leben entsteht, wenn Leben gegeben wird, geteilt wird, verschenkt wird. Und genau das und nichts anderes feiern wir an Fronleichnam und in jeder heiligen Messe. Deshalb kommen wir zusammen – am Fest Fronleichnam, an den Sonntagen und soweit es möglich ist manchmal sogar noch werktags – um dieses Geheimnis des Lebens und unseres Glaubens nicht zu vergessen, um es immer wieder zu erleben, zu spüren, um uns zu stärken – um leben zu können.

Und ich habe es auch wirklich oft gespürt: Wie es stärkt, aufbaut, wachsen lässt und belebt. Wie es Kraft gibt und Mut. Wie es zusammen führt, verbindet, Gegensätze überwindet und Gemeinschaft entstehen lässt. Wie Menschen sich ergänzen, bereichern, verschenken und anderen Leben schenken. Wie es ungeahntes Leben freisetzt. Wie völlig Neues entsteht.

Gemeinde – das Geheimnis von Gemeinschaft

Auch davon bin ich fasziniert, trau manchmal meinen Augen nicht und kann es fast nicht glauben: Das Geheimnis von Gemeinschaft – Gemeinde, Pfarrgemeinde, Kirche. Was ich alles in unserer kleinen Auslandsgemeinde St. Albertus Magnus erleben kann und darf: Mit den Vielen, Großen und Kleinen, die kommen und die da sind! Mit den Alteingesessenen, mit den Kindern, mit den Familien! Mit den Treuen und mit dem sogenannten festen Kern! Genauso aber auch mit denen, die sich nicht so stark binden können, aber trotzdem dazu gehören! Mit den vielen Gästen und Freunden, von denen fast ständig welche da sind und uns besuchen, und die irgendwie auch unsere Gemeinde auszeichnen! Mit unseren Schwestern und Brüdern der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde!

Gottesdienst in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Ich bin fasziniert von Kirche, von Gemeinde. Und ich bin überzeugt, das lässt uns leben. Wenigstens mich persönlich. Als Mensch, als glaubender und suchender Christ, wie auch als Priester und als Pfarrer einer Gemeinde.

Und deshalb ist es nur konsequent und unbedingt auch notwendig, dass wir uns mit dieser Überzeugung nicht zurück halten, dass wir uns mit der Feier unseres Glaubens nicht einschränken auf einen abgeschlossenen, schönen Kirchenraum. Dass wir heraustreten, mit dem innersten Kern unseres Lebens und Glaubens. IHN der Welt hinhalten, IHN ihr zeigen. Dass wir den, der uns leben lässt, hineintragen in die Stadt, in die Welt, in unseren Alltag. Dass wir uns von dem, der uns hier aufbaut, unser ganzes Leben aufbauen lassen. Und dass so unser ganzes Leben – ja, vielleicht, hoffentlich – die ganze Welt, irgendwann, zu einem einzigen und riesigen Fest wird. Zum Fest des Lebens.