Alle Beiträge von Ottmar Breitenhuber

Ottmar Breitenhuber, Priester der Diözese Eichstätt, ist seit September 2011 Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen Gemeinde St. Albertus Magnus in Barcelona. Davor war er zehn Jahre Pfarrer in Ingolstadt, St. Augustin, und acht Jahre Regionaljugendpfarrer im Landkreis Eichstätt. Schon immer hat ihn die weltumspannende Vielfalt der katholischen Kirche fasziniert. Nach einem Studienaufenthalt in Salamanca (Spanien) unternahm er Reisen in verschiedenste Länder Lateinamerikas.

Von Fernweh und Heimweh oder: Was uns leben lässt

Wieder daheim. Nach sieben Jahren in der Auslandsseelsorge bin ich wieder daheim angekommen. Zumindest vorerst. In Pietenfeld, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Heimatort Tauberfeld, feiere ich mit der Dorfgemeinde und einer Reisegruppe aus unserer Auslandsgemeinde in Barcelona eine heilige Messe. Wir feiern das Fest der beiden Apostelfürsten Peter und Paul (die zwei wichtigsten Gründergestalten unserer Kirchengeschichte, die in ihrer Persönlichkeit vielleicht nicht unterschiedlicher hätten sein können, der eine traditionell und eher ängstlich, der andere weltgewandt und nach vorne drängend). Dem Gottesdienst schließt sich ein fröhlicher bayrischer Abend an, selbstverständlich mit einer zünftigen Brotzeit, mit Blasmusik und Volkstanz.

In meiner Zeit als Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona war es zu einer guten Tradition geworden, einmal im Jahr eine „Bayernfahrt“ zu unternehmen. Unsere Ziele waren aber weniger die berühmten Sehenswürdigkeiten des schönen Bundeslandes, sondern vielmehr die Schönheiten „meiner“ Heimat. Meine Freunde aus Barcelona interessierten sich dafür, woher ich komme, wo meine Familie lebt und wer meine Freunde sind. Und ich freute mich andererseits, ihnen „meine“ Heimat zeigen zu dürfen, die Orte und Menschen, die mein Leben geprägt haben. Gleichzeitig kamen natürlich auch unzählige Freunde aus der „alten Heimat“ mich in der „neuen Heimat“ besuchen. Rasch waren die 1500 Kilometer zwischen alter und neuer Heimat nur noch einen „Katzensprung“ voneinander entfernt und nicht nur mein Horizont war um ein Vielfaches erweitert worden.

„Ottmar, das machst du!“ Der Personalchef der Diözese stimmte sofort zu, ja er ermutigte mich, als ich mit der Idee zu ihm kam, für eine bestimmte Zeit in die Auslandsseelsorge zu gehen. „Und wenn du dann nach einigen Jahren mit deinen Erfahrungen wieder zurück kommst, wird das auch irgendwie für uns eine Bereicherung sein.“ Auf eine derartige Offenheit und einen solchen Weitblick war ich gar nicht gefasst. Aber er hat recht: Was mich persönlich bereichert, wird letztlich auch andere irgendwie bereichern.

Vielleicht war es zunächst Fernweh, was mich hinaus in die große weite Welt lockte. Fernweh allein kann es aber nicht gewesen sein. Es muss vielmehr auch eine Sehnsucht nach Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten, nach dem Andern gewesen sein. Denn auch ich bin plötzlich ganz neu angefragt, meine Überzeugungen und meine Visionen, genauso wie meine Wurzeln und meine Herkunft. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue, konkrete Bedeutung. Neues kennenlernen bedeutet gleichzeitig sich selber kennenlernen. Fremdes schätzen lernen setzt voraus, mich selber zu schätzen, das was mich in Vergangenheit geprägt und wachsen lassen hat.

„Herr, wo wohnst du? – Kommt und seht!“ Es ist das Interesse am Andern und gleichzeitig die Bereitschaft, sich dem Andern zu zeigen. Das und nur das ermöglicht Begegnung. Das und nur das lässt uns wachsen und leben.

Daheim in meiner Bar

Man kennt mich dort nicht nur, man weiß auch längst, was ich will. Ohne lange auf meine Bestellung zu warten, schenkt Jesús sofort ein Bier ein und stellt es mir auf den Tresen. Ich bin in meiner Stammkneipe. Für mich ist es die „Barça-Bar“, auch wenn über dem Eingang in großen Lettern steht „XAICA – BAR RESTAURANT PIZZERIA“. „Barça-Bar“, weil die Wände des Lokals in den Farben des berühmten Fußballclubs Barcelonas gestrichen sind und weil auf den über einem Duzend Fernsehbildschirmen fast ausschließlich Fussball läuft. Es ist keine besondere Bar, und schon gleich gar kein besonderes Restaurant, und es hat auch rein gar nichts mit einer italienischen Pizzeria zu tun. Aber es ist ganz einfach das meiner Wohnung am nächsten liegende Lokal. Ich brauche nur die Straße vor meiner Haustür überqueren und ein paar Meter in die nächste Gasse gehen. Touristen verirren sich in meine Barça-Bar ganz selten, obwohl sie keine 200 Meter von der Plaça Catalunya entfernt liegt. Dafür ist sie viel zu uninteressant und unauffällig. Auch ist die Speisenkarte nicht wirklich auf Touristen ausgerichtet. Es sind eher die einfachen Arbeiter, Alleinstehende, Arbeitslose und Rentner, nicht selten auch Obdachlose, die zum Stammpublikum meiner Barça-Bar gehören. In den benachbarten Szenen-Lokalen, die inzwischen auch hier im einst verrufenen Viertel Raval wie Pilze aus dem Boden schießen, könnten sie sich ein Essen gar nicht leisten. Und wenn’s mal auch für das einfache Tagesmenü nicht reicht, dann schlägt die immer lustige Köchin Beatriz halt schnell mal für 2 Euro 50 eine Tortilla ein.

Barça-Bar. Foto: Ottmar Breitenhuber

Es ist auch nicht nur des Essens wegen, weshalb die Gäste meine Barça-Bar aufsuchen. Es ist die Gesellschaft, es sind die Leute. Man kennt sich, auch wenn man nicht viel voneinander weiß. In der Barça-Bar können wir über alles reden und es gibt immer einen, der einem zuhört. Meist sind es nicht die großen Themen, vielmehr Alltägliches, Oberflächliches oder auch Belangloses. Aber trotzdem, es sind unsere Themen, das was uns gerade beschäftigt. Doch es muss auch nicht immer gesprochen werden, viele sitzen oft schweigend an ihrem Platz, vor einem Bier, essen in Ruhe vor sich hin, stieren auf den Bildschirm – und wissen trotzdem, sie sind nicht allein.

Wir sind schon ein buntes Häufchen: Die beiden Kellner Pau und Jesús sind Spanier, der eine aus Barcelona, der andere aus Galizien. In der Küche arbeitet Thai aus Vietnam – alle nennen ihn aber nur „el chino“ – und die Pizzen bäckt keiner besser als Beatriz aus der Dominikanischen Republik. Auf der anderen Seite der Theke sind es auch fast immer die selben: ein frühpensionierter Bankangestellter, ein von seiner Frau verlassener Bauarbeiter, eine vereinsamte Witwe, ein obdachloser Nigerianer, der sich mit Alteisensammeln über Wasser hält, ein deutscher Pfarrer, der keine Lust auf einen Abend allein hat, und so weiter. Lauter völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, die verglichen miteinander vielleicht nicht gegensätzlicher sein können.

Und was führt uns hier zusammen? Trotz der niedrigen Preise könnten wir das, was wir zum Essen und Trinken brauchen, im benachbarten 24 Stunden geöffneten Supermarkt billiger haben. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein! Es sind die Menschen, die sich hier begegnen wollen. Wir sitzen hier nebeneinander, mehr oder weniger zufällig, treffen uns, hören einander unsere Geschichten erzählen, richten uns dabei vielleicht ein wenig gegenseitig auf, stärken uns – und fühlen uns ganz einfach daheim in meiner Barça-Bar.

Quo vadis, Catalunya? Quo vadis, España?

Vor meinem Balkon ziehen Hunderte Demonstranten vorbei. „Demokratie“, „Freiheit für Katalonien“ steht auf ihren Bannern und rufen sie dem über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber entgegen. Die Menschenmassen ziehen auf mehreren Straßen in Richtung Plaça Universitat (300 Meter von meiner Wohnung entfernt), wo sich inzwischen Tausende eingefunden haben müssen.

Wo führt das hin? In ganz Katalonien wurde Generalstreik ausgerufen. Letzte Woche, noch vor dem Referendum, wurde er schon angekündigt. Er sollte sich vor allem gegen die zentralistische Regierung Spaniens wenden und dem Verlangen der Katalanen nach mehr autonomer Selbstverwaltung Nachdruck verleihen. Gestern Abend aber, einen Tag nach dem verheerenden, gewalttätigen Vorgehen der Nationalpolizei gegen Wähler (es gab an die 900 Verletzte), hieß es in den Meldungen immer öfter, der Streik soll nun eine Kundgebung gegen die Gewaltausschreitungen sein. Immer mehr Institutionen haben die Gewalt im Zusammenhang mit dem Referendum der Katalanen am Sonntag öffentlich verurteilt. Auch kirchliche Institutionen, mehrere Bischöfe Kataloniens, sowie die Äbte der beiden bedeutendsten katalanischen Klöster Montserrat und Poblet.

Madrid hat den Bogen überspannt. Natürlich stand das Referendum auf nicht-legalem Boden. Das spanische Verfassungsgericht hat es mit mehreren Urteilen verboten. Aber kann man einem inzwischen derart starken Interesse des größten Teils der katalanischen Bevölkerung nur mit brutaler Gewalt begegnen? Hat man in dem Konflikt zwischen Katalonien und Spanien inzwischen jeden gesunden Menschenverstand und Dialogbereitschaft verloren? Gesellschaftliches Leben funktioniert doch nur im Dialog, im Diskutieren, aufeinander Hören und sich miteinander Auseinandersetzen. Gäbe uns die Demokratie nicht eine Menge Werkzeug in die Hand, miteinander einen gerechten Staat und eine gerechte Gesellschaft zu schaffen?

Wir Mitglieder der beiden deutschsprachigen Kirchengemeinden in Barcelona konnten in den letzten Tagen schöne, aufbauende und bereichernde Tage erleben – nicht nur wir Deutschen in Barcelona unter uns, sondern auch mit den Katalanen und Spaniern vor Ort, und mit Gästen aus dem Ausland. Am Freitag kam die Blaskapelle „EI g’spuit“ der Musikschule Eichstätt nach Barcelona gereist. 37 Musikerinnen und Musiker, Trachtlerinnen und Trachtler. Genau vor einem Jahr traten sie schon beim traditionellen Oktoberfest der deutschen Gemeinde auf. Es war ein voller Erfolg. Der Besuch demonstrierte, wie bereichernd es sein kann, wenn verschiedene Kulturen sich begegnen. Das hat sich in Barcelona rumgesprochen. Valldoreix, eine Vorstadtgemeinde von Barcelona, hat deshalb die Blaskapelle zu ihrem traditionellen Straßenfest am Samstag auch eingeladen. Und am Sonntag war dann wieder das ökumenische Oktoberfest in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Das Fest begann mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Erntedankfest, das von der Blaskapelle und dem gemeindeübergreifenden Kirchenchor gestaltet wurde. Danach gab es im herrlichen Gemeindegarten Weißwürste, Schweinsbraten, Kartoffelsalat, genauso wie katalanische Butifarra und spanische Tortilla. Trotz anfänglichem Regen war der Garten voll mit Gemeindemitgliedern, Freunden und Gästen.

Blaskapelle „EI g spuit“ in barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Das Tor der Gemeinde stand weit offen. So konnten wir auch sehen, was sich vor der Kirchenmauer abspielte: Gegenüber der evangelischen Gemeinde ist ein Stadtteiltreff, das von 9 bis 20 Uhr als Wahllokal für das „verbotene“ Referendum diente. Hunderte von Menschen hielten sich den ganzen Tag vor dem Wahllokal auf. Sie verteidigten das Lokal vor möglichen Einschreiten der Guardia Civil oder der Policía Nacional. Diese dachten – in unserem Fall – aber Gott sei Dank nicht daran. Nur zwei bis drei Polizisten schoben vor der Menschenmenge Dienst. Sie beobachteten in aller Ruhe das Geschehen und unterhielten sich mit Passanten. Es war den ganzen Tag völlig friedlich. Helfer von der Gemeinde brachten den Polizisten Kaffee und Kuchen. Katalanische Wähler und Bürger kamen auf unser Fest und erfreuten sich an den deutschen und bayerischen Köstlichkeiten.

Wir durften am Sonntag einen Tag der Begegnung und der Freude erleben. Natürlich war die „causa catalana“ Thema Nummer Eins. Und auch unter den Deutschsprachigen gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Gegensätzliche Positionen werden heiß miteinander diskutiert. Auch unter den „Deutschen“ verlaufen die Gespräche oft mehr auf der emotionalen als auf der rationalen Ebene. Aber es wird diskutiert, engagiert und mit Leidenschaft. Auch mit den Katalanen und Spaniern auf der Straße. Und das ist gut, finde ich. Nur so kommen wir zusammen, lernen uns gegenseitig kennen und vielleicht auch verstehen. Nur so können wir vielleicht einen möglichen, einen für alle gerechten Weg in die Zukunft finden. Bleibt nur zu hoffen, dass endlich auch die spanische Nationalregierung und die katalanische Autonomieregierung anfangen wirklich miteinander zu sprechen und zu verhandeln. Dass es endlich wieder um die Menschen und das Allgemeinwohl geht, und nicht allein um Macht und Autorität. Was ich diese Tage in Barcelona erlebe, macht mir Sorgen. Es könnte sehr schlimm ausgehen. Es macht mir aber auch Hoffnung. Ich vertraue auf die Vernunft der Menschen. Es könnte etwas großartiges Neues entstehen. Und ich bete darum.

Barcelona nach dem Attentat: „Verleih uns Frieden, Herr“

Der Chorgesang geht unter die Haut. „Da pacem dominum – Verleih uns Frieden, Herr“ in der Vertonung von Arvo Pärt. Die Diakone richten für die Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein auf den Altar. Erzbischof Kardinal Joan Josep Omella hat am dritten Tag nach dem Terror-Anschlag auf der berühmten Flaniermeile Las Ramblas von Barcelona in die Basilika Sagrada Familia zu einem Gottesdienst für den Frieden eingeladen. Der weltberühmte Sühnetempel von Antoni Gaudi war gedrängt voll. Alle politischen Vertreter Spaniens, Kataloniens und der Stadt Barcelona – egal welcher politischen Ausrichtung – waren gekommen. Auch das spanische Königspaar und der portugiesische Staatspräsident. Mit rund 50 Bischöfen und Priestern sitze ich im Altarraum. In einer fast nicht mehr überbietbaren Eindringlichkeit legen wir unser flehentliches Bitten auf den Altar: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.“

Was können wir tun, im Angesicht solch einer Tragödie? Über 600 Meter fuhr der Terrorist gezielt im Zick-Zack-Kurs mitten in die Menschenmenge und riss 15 Passanten grausam in den Tod, mehr als 100 Menschen erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Geschockt hält die ganze Welt den Atem an. Nach den unbegreiflichen Attentaten in Paris, London, Nizza, Brüssel und Berlin nun jetzt auch in der Touristen-Hochburg Barcelona derselbe unmenschliche Angriff auf die Menschheit. Auch wenn man es schon längst befürchtet hat, hat doch jeder gehofft, dass es nicht eintreffen würde. Der internationale Terror kennt keine Grenzen mehr. Und vor allem völlig Unschuldige sollen anscheinend getroffen werden, damit die Welt im Innersten getroffen und aus ihren Angeln gehoben wird.

Was suchen diese Gewalttäter – zum Teil noch nicht mal erwachsen – die immer ungehemmter Waffen auf andere richten? Was wollen sie erreichen? Was geht ihnen ab in ihrem Leben? Was ist die Ursache ihrer blinden Wut und ihres grenzenlosen Hasses? Wollen sie nicht auch leben? Meinen sie mit diesem Blutvergießen sich und der Welt Leben zu geben? Indem sie anderen, völlig Unschuldigen, das Leben grausam entreißen?

Ich weiß es nicht. Niemand gibt mir und der Welt darauf eine Antwort – nicht einmal mein Glaube. Die einzige Antwort, die gegeben werden kann, ist die Antwort, die die Barcelonesen gaben: zu helfen. Beizustehen, aufzuhelfen, zu halten, zu trösten, mitzutrauern, in den Arm zu nehmen. Dem Verletzten und Trauernden zu zeigen, Du bist nicht allein, ich bin bei Dir.

Und, auch unser Gott reagiert auf die Grausamkeiten der Welt mit derselben Antwort: Er fährt nicht mal schnell gewaltig drein, vernichtet die Terroristen und erstickt kurzerhand alles Böse im Keim. Gott ist einfach da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. An der Seite der Verwundeten, Getöteten und Trauernden. Einer von ihnen, von uns.

Deshalb legen wir all unser Hoffen auf Frieden in seine Hand:

Da pacem, Domine, / in diebus nostris, / quia non est alius / qui pugnet pro nobis, / nisi tu Deus noster. – Verleih uns Frieden gnädiglich, / Herr Gott, zu unsern Zeiten. / Es ist doch ja kein andrer nicht, / der für uns könnte streiten, / denn du, unser Gott, alleine.

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Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

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