Alle Beiträge von Ottmar Breitenhuber

Ottmar Breitenhuber, Priester der Diözese Eichstätt, ist seit September 2011 Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen Gemeinde St. Albertus Magnus in Barcelona. Davor war er zehn Jahre Pfarrer in Ingolstadt, St. Augustin, und acht Jahre Regionaljugendpfarrer im Landkreis Eichstätt. Schon immer hat ihn die weltumspannende Vielfalt der katholischen Kirche fasziniert. Nach einem Studienaufenthalt in Salamanca (Spanien) unternahm er Reisen in verschiedenste Länder Lateinamerikas.

Quo vadis, Catalunya? Quo vadis, España?

Vor meinem Balkon ziehen Hunderte Demonstranten vorbei. „Demokratie“, „Freiheit für Katalonien“ steht auf ihren Bannern und rufen sie dem über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber entgegen. Die Menschenmassen ziehen auf mehreren Straßen in Richtung Plaça Universitat (300 Meter von meiner Wohnung entfernt), wo sich inzwischen Tausende eingefunden haben müssen.

Wo führt das hin? In ganz Katalonien wurde Generalstreik ausgerufen. Letzte Woche, noch vor dem Referendum, wurde er schon angekündigt. Er sollte sich vor allem gegen die zentralistische Regierung Spaniens wenden und dem Verlangen der Katalanen nach mehr autonomer Selbstverwaltung Nachdruck verleihen. Gestern Abend aber, einen Tag nach dem verheerenden, gewalttätigen Vorgehen der Nationalpolizei gegen Wähler (es gab an die 900 Verletzte), hieß es in den Meldungen immer öfter, der Streik soll nun eine Kundgebung gegen die Gewaltausschreitungen sein. Immer mehr Institutionen haben die Gewalt im Zusammenhang mit dem Referendum der Katalanen am Sonntag öffentlich verurteilt. Auch kirchliche Institutionen, mehrere Bischöfe Kataloniens, sowie die Äbte der beiden bedeutendsten katalanischen Klöster Montserrat und Poblet.

Madrid hat den Bogen überspannt. Natürlich stand das Referendum auf nicht-legalem Boden. Das spanische Verfassungsgericht hat es mit mehreren Urteilen verboten. Aber kann man einem inzwischen derart starken Interesse des größten Teils der katalanischen Bevölkerung nur mit brutaler Gewalt begegnen? Hat man in dem Konflikt zwischen Katalonien und Spanien inzwischen jeden gesunden Menschenverstand und Dialogbereitschaft verloren? Gesellschaftliches Leben funktioniert doch nur im Dialog, im Diskutieren, aufeinander Hören und sich miteinander Auseinandersetzen. Gäbe uns die Demokratie nicht eine Menge Werkzeug in die Hand, miteinander einen gerechten Staat und eine gerechte Gesellschaft zu schaffen?

Wir Mitglieder der beiden deutschsprachigen Kirchengemeinden in Barcelona konnten in den letzten Tagen schöne, aufbauende und bereichernde Tage erleben – nicht nur wir Deutschen in Barcelona unter uns, sondern auch mit den Katalanen und Spaniern vor Ort, und mit Gästen aus dem Ausland. Am Freitag kam die Blaskapelle „EI g’spuit“ der Musikschule Eichstätt nach Barcelona gereist. 37 Musikerinnen und Musiker, Trachtlerinnen und Trachtler. Genau vor einem Jahr traten sie schon beim traditionellen Oktoberfest der deutschen Gemeinde auf. Es war ein voller Erfolg. Der Besuch demonstrierte, wie bereichernd es sein kann, wenn verschiedene Kulturen sich begegnen. Das hat sich in Barcelona rumgesprochen. Valldoreix, eine Vorstadtgemeinde von Barcelona, hat deshalb die Blaskapelle zu ihrem traditionellen Straßenfest am Samstag auch eingeladen. Und am Sonntag war dann wieder das ökumenische Oktoberfest in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Das Fest begann mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Erntedankfest, das von der Blaskapelle und dem gemeindeübergreifenden Kirchenchor gestaltet wurde. Danach gab es im herrlichen Gemeindegarten Weißwürste, Schweinsbraten, Kartoffelsalat, genauso wie katalanische Butifarra und spanische Tortilla. Trotz anfänglichem Regen war der Garten voll mit Gemeindemitgliedern, Freunden und Gästen.

Blaskapelle „EI g spuit“ in barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Das Tor der Gemeinde stand weit offen. So konnten wir auch sehen, was sich vor der Kirchenmauer abspielte: Gegenüber der evangelischen Gemeinde ist ein Stadtteiltreff, das von 9 bis 20 Uhr als Wahllokal für das „verbotene“ Referendum diente. Hunderte von Menschen hielten sich den ganzen Tag vor dem Wahllokal auf. Sie verteidigten das Lokal vor möglichen Einschreiten der Guardia Civil oder der Policía Nacional. Diese dachten – in unserem Fall – aber Gott sei Dank nicht daran. Nur zwei bis drei Polizisten schoben vor der Menschenmenge Dienst. Sie beobachteten in aller Ruhe das Geschehen und unterhielten sich mit Passanten. Es war den ganzen Tag völlig friedlich. Helfer von der Gemeinde brachten den Polizisten Kaffee und Kuchen. Katalanische Wähler und Bürger kamen auf unser Fest und erfreuten sich an den deutschen und bayerischen Köstlichkeiten.

Wir durften am Sonntag einen Tag der Begegnung und der Freude erleben. Natürlich war die „causa catalana“ Thema Nummer Eins. Und auch unter den Deutschsprachigen gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Gegensätzliche Positionen werden heiß miteinander diskutiert. Auch unter den „Deutschen“ verlaufen die Gespräche oft mehr auf der emotionalen als auf der rationalen Ebene. Aber es wird diskutiert, engagiert und mit Leidenschaft. Auch mit den Katalanen und Spaniern auf der Straße. Und das ist gut, finde ich. Nur so kommen wir zusammen, lernen uns gegenseitig kennen und vielleicht auch verstehen. Nur so können wir vielleicht einen möglichen, einen für alle gerechten Weg in die Zukunft finden. Bleibt nur zu hoffen, dass endlich auch die spanische Nationalregierung und die katalanische Autonomieregierung anfangen wirklich miteinander zu sprechen und zu verhandeln. Dass es endlich wieder um die Menschen und das Allgemeinwohl geht, und nicht allein um Macht und Autorität. Was ich diese Tage in Barcelona erlebe, macht mir Sorgen. Es könnte sehr schlimm ausgehen. Es macht mir aber auch Hoffnung. Ich vertraue auf die Vernunft der Menschen. Es könnte etwas großartiges Neues entstehen. Und ich bete darum.

Barcelona nach dem Attentat: „Verleih uns Frieden, Herr“

Der Chorgesang geht unter die Haut. „Da pacem dominum – Verleih uns Frieden, Herr“ in der Vertonung von Arvo Pärt. Die Diakone richten für die Eucharistiefeier die Gaben Brot und Wein auf den Altar. Erzbischof Kardinal Joan Josep Omella hat am dritten Tag nach dem Terror-Anschlag auf der berühmten Flaniermeile Las Ramblas von Barcelona in die Basilika Sagrada Familia zu einem Gottesdienst für den Frieden eingeladen. Der weltberühmte Sühnetempel von Antoni Gaudi war gedrängt voll. Alle politischen Vertreter Spaniens, Kataloniens und der Stadt Barcelona – egal welcher politischen Ausrichtung – waren gekommen. Auch das spanische Königspaar und der portugiesische Staatspräsident. Mit rund 50 Bischöfen und Priestern sitze ich im Altarraum. In einer fast nicht mehr überbietbaren Eindringlichkeit legen wir unser flehentliches Bitten auf den Altar: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.“

Was können wir tun, im Angesicht solch einer Tragödie? Über 600 Meter fuhr der Terrorist gezielt im Zick-Zack-Kurs mitten in die Menschenmenge und riss 15 Passanten grausam in den Tod, mehr als 100 Menschen erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Geschockt hält die ganze Welt den Atem an. Nach den unbegreiflichen Attentaten in Paris, London, Nizza, Brüssel und Berlin nun jetzt auch in der Touristen-Hochburg Barcelona derselbe unmenschliche Angriff auf die Menschheit. Auch wenn man es schon längst befürchtet hat, hat doch jeder gehofft, dass es nicht eintreffen würde. Der internationale Terror kennt keine Grenzen mehr. Und vor allem völlig Unschuldige sollen anscheinend getroffen werden, damit die Welt im Innersten getroffen und aus ihren Angeln gehoben wird.

Was suchen diese Gewalttäter – zum Teil noch nicht mal erwachsen – die immer ungehemmter Waffen auf andere richten? Was wollen sie erreichen? Was geht ihnen ab in ihrem Leben? Was ist die Ursache ihrer blinden Wut und ihres grenzenlosen Hasses? Wollen sie nicht auch leben? Meinen sie mit diesem Blutvergießen sich und der Welt Leben zu geben? Indem sie anderen, völlig Unschuldigen, das Leben grausam entreißen?

Ich weiß es nicht. Niemand gibt mir und der Welt darauf eine Antwort – nicht einmal mein Glaube. Die einzige Antwort, die gegeben werden kann, ist die Antwort, die die Barcelonesen gaben: zu helfen. Beizustehen, aufzuhelfen, zu halten, zu trösten, mitzutrauern, in den Arm zu nehmen. Dem Verletzten und Trauernden zu zeigen, Du bist nicht allein, ich bin bei Dir.

Und, auch unser Gott reagiert auf die Grausamkeiten der Welt mit derselben Antwort: Er fährt nicht mal schnell gewaltig drein, vernichtet die Terroristen und erstickt kurzerhand alles Böse im Keim. Gott ist einfach da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. An der Seite der Verwundeten, Getöteten und Trauernden. Einer von ihnen, von uns.

Deshalb legen wir all unser Hoffen auf Frieden in seine Hand:

Da pacem, Domine, / in diebus nostris, / quia non est alius / qui pugnet pro nobis, / nisi tu Deus noster. – Verleih uns Frieden gnädiglich, / Herr Gott, zu unsern Zeiten. / Es ist doch ja kein andrer nicht, / der für uns könnte streiten, / denn du, unser Gott, alleine.

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Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.

In den verborgenen Gassen Barcelonas – Unterwegs mit einem ehemaligen Obdachlosen

La Rambla dels Caputxins

Wir treffen uns vor dem Liceu, der Oper Barcelonas. Das herrliche Jugendstilgebäude liegt direkt an den Ramblas und hat eine eigene Metro-Station. Über zwei Millionen Touristen schlendern angeblich monatlich auf der berühmten Flaniermeile hier vorbei. Heute drängen sich zwischen den Italienern und Japanern in buntem Freizeitlook auch Herrschaften der katalanischen Highsociety in feiner Abendrobe. Es ist Prämiere von Mozarts „La Flauta Magica“. Obwohl er nur 20 Meter neben mir steht, entdecke ich ihn erst nach einer halben Minute Ausschau, Juan Gonejero. Am Liceu, an der Oper, wollte er sich mit mir treffen, „weil hier die verrückten und gegensätzlichen Welten Barcelonas wie nirgend anderswo aufeinander prallen“. Der 54-jährige Spanier möchte mir „sein“ Barcelona zeigen. Seit gut zwei Jahren ist er professioneller Stadtführer und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Nachfrage nach seinen Führungen ist steigend. Aber nicht nur, weil die Zahl der Touristen in Barcelona ständig ansteigt, Juan zeigt seinen Kunden neben den berühmten Sehenswürdigkeiten der katalanischen Mittelmeermetropole auch noch was ganz anderes: Die unsichtbare Welt der Penner, Obdachlosen, Junkies und Bettler. Über fünf Jahre hat Juan in dieser Welt gelebt – und überlebt, dank „Chiringuito de Dios“ – der Obdachlosen-Tafel

des Deutschen Wolfgang Striebinger – und „Hidden City Tours“ – Stadtführungen von ehemaligen Obdachlosen, einer Initiative der Engländerin Lisa Grace.

Carrer dels tres Llits

Als erstes führt er mich in die Carrer dels tres Llits, in die „Gasse der drei Löwen“. Sie führt direkt von der Plaça Reial hinein ins Zentrum der mittelalterlichen Altstadt. Der „Königliche Platz“ gilt als das „Wohnzimmer Barcelonas“ und als „i-Pünktchen“ bei einem Altstadtbummel mit Spaziergang über die Ramblas. Die heutige Anlage des rechteckigen Platzes stammt aus dem Jahr 1848 und ist napoleonischen Stadtplänen nachempfunden. Der herrliche Brunnen im Zentrum, die von Antoni Gaudí entworfenen Laternen und die Palmen geben dem Ort sein unverwechselbares, südländisches Flair. Egal ob bei Tag oder bei Nacht, der Platz wird rund um die Uhr von Müßiggängern, Touristen und vielen anderen Gestalten heimgesucht. Einen großen Gewinn aus dieser ununterbrochenen Bevölkerung ziehen auch die unzähligen Restaurants und Cafés unter den kühlen Arkaden an den vier Seiten. Dazwischen – ein Jazzfan darf natürlich nicht vergessen, darauf hinzuweisen – der weltberühmte Jazzclub „Jamboree“, in dem sich die Musiker der lokalen und weltweiten Jazzszene die Klinke reichen.

Und gerade 50 Meter neben diesem Highlight der Sehenswürdigkeiten Barcelonas, eben in der „Drei-Löwen-Gasse“, dahin zog es Juan ein- bis zweimal täglich, als er noch auf der Straße lebte. Die „Missionarinnen der Barmherzigkeit“, die Schwestern der heiligen Mutter Theresa von Kalkutta unterhielten hier jahrelang ihre Obdachlosen-Tafel. Ohne diese Einrichtungen, wie es sie von unterschiedlichen Institutionen in allen Vierteln Barcelonas gibt, hätten die meisten Wohnsitzlosen keine Überlebenschance. Über 200 Essen gaben sie täglich aus. Vor einigen Jahren sind die Schwestern in das ehemalige Kloster Sant Augusti im Stadtteil „Raval“ umgezogen, dort ist die Not noch größer.

La Rambla de Santa Mònica

Auf dem Weg zurück zu den Ramblas kommen wir an dem Fünf-Sterne-Restaurant „Los Caracoles“ vorbei. Juan und ich können durch einen Fensterschlitz sehen, wie in der Küche gerade die berühmten Schnecken des Hauses gebrutzelt werden. Bevor uns aber das Wasser im Mund zusammen läuft, drängt mein Stadtführer weiter, er will mir eine Filiale der CaixaBank, der bekanntesten „Volksbank“ Kataloniens, zeigen. Bankautomat und Eingang liegen an einem kleinen Platz, unmittelbar neben der hochbelebten Rambla de Santa Mònica. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die Geld abheben wollen, zieht es in die geschützte Ecke und in den Vorraum der Bank, auch zahlreiche dunkle Gestalten lümmeln sich hier herum. Dort kann man den Leuten direkt „auf die Pelle rücken“, erklärt mir Juan, und so gibt dann fast jeder, nachdem er sich einige Hundert Euro gezogen hat, ein oder auch mal zwei Euro an den aufdringlichen Bettler ab. Außerdem ist der Vorraum ein idealer Schlafplatz, besonders in den kalten Wintermonaten. Die Tür lässt sich sogar von Innen zusperren.

Carrer de Lancaster

Wir überqueren die Ramblas und dringen in die dunklen Gassen des Raval ein, des seit Jahrhunderten verrufensten Viertels von Barcelona. Bis heute ist in der Stadt der Migrantenanteil nirgends so hoch wie hier. Arabische Schlachtereien, pakistanische Telefonläden und afrikanische Shops mit Plastikramsch aller Art unmittelbar nebeneinander. Angeblich bis zu 30 000 Migranten jährlich musste der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten aufnehmen. Außerdem konzentriert sich hier auch das „Rotlichtmilieu“.

Gerade knapp 50 Meter haben wir die Ramblas hinter uns gelassen, da stoßen wir an der Rückseite des Teatre Principal auf die Carrer de Lancaster, wo bis vor Kurzem noch öffentliche Toiletten-Kabinen standen. Hier erzählt mir Juan die Geschichte von Mario, den er einmal in einer der Kabinen mit einer Überdosis gefunden hat. Durch einen sofort herbeigerufenen Notarzt konnte der Drogenabhängige gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Ob Mario heute noch lebt, weiß Juan nicht, er hat schon jahrelang keinen Kontakt mehr in die Szene.

Plaça de Blanquerna

Wir kommen an die Plaça de Blanquerna, und damit an das Museu Maritim, das sich in den mittelalterlichen Schiffswerften, den Drassanes, befindet. Von dem kleinen, unspektakulären Platz führt eine unauffällige Tür in das Rückgebäude des Museums, man könnte vermuten es wäre der Hintereingang. Hier ist das „Baluar“, klärt mich Juan auf, Barcelonas größter „Pick-Saal“. Unter ärztlicher Aufsicht können sich dort Junkies ihr Heroin spritzen. Das nötige Werkzeug und die professionelle medizinische Betreuung wird ihnen in der Einrichtung der Generalitat de Catalunya, der katalanischen Landesregierung, zur Verfügung gestellt – natürlich hygienisch sauber. Ohne diese Anlaufstelle für die Drogenabhängigen gäbe es sicher noch weit mehr Drogentote in der Stadt.

Carrer de l’Hort de Sant Pau

Nur einen Steinwurf weiter, stehen wir vor Sant Pau del Camp – meiner Lieblingskirche. Im Jahr 911 wird das Benediktinerkloster zum ersten Mal erwähnt, damals stand es auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt. Heute ist es das einzige Kirchengebäude in Barcelona, das noch weitgehend in seinem ursprünglichen romanisch-mozarabischer Baustil erhalten geblieben ist. Auch Picasso hat sich oft stundenlang in dem wunderschönen kleinen Kreuzgang aufgehalten und sich inspirieren lassen. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig an Werktagen in der kleinen Pfarrgemeinde die Messe gefeiert. Östlich des ehemaligen Klostergeländes schließt sich der „Garten des hl. Paulus“ an, dieser wird begrenzt von den Gebäuden des Konservatoriums und der „Guardia Civil“, der staatlichen Landpolizei. Trotz dieser kirchlichen und polizeilichen Nachbarschaft ist der „Hort de Sant Pau“ bis heute – vor allem in Abend- und Nachstunden – ein bekannter Platz für „Drücker“ und Drogenhändler. Tagsüber sind vor allem die bürgerlichen Schrebergärten und der Kinderspielplatz neben der Kirchenmauer belebt. Kinder, Eltern, Kleingärtner, Kirchenbesucher, Touristen, Drogenjunkies und -händler, Polizisten und Musikstudenten tummeln sich in einem Umkreis von gerade mal 150 Meter.

Carrer de l’Aurora

Einen ganz besonderen Ort möchte mir Juan vor Abschluss der Tour noch zeigen: In Mitten von abgerissenen und halb eingefallenen Häusern, versteckt hinter schmutzigen, dunklen Gassen, eine kleine, grüne Oase – neben der „Gasse des Sonnenaufgangs“. Eine Freifläche, die durch den Abriss mehrerer Gebäuden entstanden war, wurde in Eigeninitiative von Nachbarn, Migranten, Hausbesetzern und Obdachlosen als Garten und kleiner Park hergerichtet. Sofas, Tische und Stühle aus dem Sperrmüll, liebevoll zwischen Blumenbeeten und Wegen aufgestellt, laden zum Verweilen ein. Die hohen Häuserwände sind mit bunten Graffiti bemalt. An einer großen weißen Fläche an einer der Hauswände werden sonntags Filme projiziert, sagt Juan. Eine scheinbar perfekte, friedliche Oase in Mitten eines sozialen Chaos – wenn nicht an der Hauswand direkt neben dem Eingang zu dieser Oase das Graffiti-Denkmal an den Tod von J. A. Benitez wäre. Das Bild erinnert an den 50-Jährigen, der im Jahre 2013 an dieser Stelle ums Leben kam, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen worden war.

Carrer d’Espalter

Die letzte Station auf meiner Tour mit Juan ist der „Chiringuito de Dios“, die „Suppenküche Gottes“. In der engen Gasse „Espalter“, zwischen einem pakistanischen Handyladen und der supermodernen, neuen FilmoTeca, liegt die kleine Obdachlosen-Tafel, die für Juan zur Endstation in seinem Leben auf der Straße wurde. Der Schwabe Wolfgang Striebinger hat die Tafel vor über 20 Jahren gegründet. Inzwischen wird sie von einem eingetragenen Verein verwaltet, der Wolfgang als Geschäftsführer angestellt hat. In drei Schichten werden fünf Tage in der Woche zwischen 60 und 80 Essen ausgegeben, Frühstück und Abendessen. Donnerstagmittag gibt es eine riesige Paella, gestiftet vom Starkoch eines Fünf-Sterne-Hotels am Strand. Außerdem können sich täglich an die 30 Familien Obst, Salat, Brot, Nudeln und allerlei anderer verpackter Lebensmitteln abholen, das dem Chiringuito von Supermärkten überlassen worden ist. Drei bis fünf feste Mitarbeiter hat Wolfgang, ehemalige Obdachlose. Sie „schmeißen den Laden“ ehrenamtlich, dafür können sie kostenlos in einer Wohnung neben dem Chiringuito wohnen. Vor gut sechs Jahren kam Juan hierher. Der Chiringuito hat ihm das Leben gerettet, ist er überzeugt. Hätte er diese Chance damals nicht ergriffen, dann hätte er es wahrscheinlich nie mehr weg von der Straße, zurück in eine gesicherte Existenz, geschafft.

Und im Chiringuito de Dios war es schließlich auch, wo vor zwei Jahren die junge Engländerin Lisa Grace auf den Deutsch-Spanier aufmerksam wurde. Lisa war gerade dabei eine eigene Firma zu gründen, „Hidden City Tours“, und suchte dafür die richtigen Leute. Nach einer professionellen Schulung durch Historiker und Stadtkenner sollen ehemalige Obdachlose ihre ganz eigene Art von Stadtführungen anbieten. Ein Projekt, das in manchen Großstädten Europas bereits seit Jahren gut funktioniert und ankommt. Und auch in der von Touristen überfüllten Stadt Barcelona kann sich die Firmengründerin Lisa nun vor lauter Nachfrage fast nicht mehr retten. Lisa hat eine Marktlücke entdeckt und Juan seine Leidenschaft: Den Menschen „seine“ Stadt zeigen.

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Barcelona. Was mir Juan aber in drei Stunden gezeigt hat, das habe ich in all den fünf Jahren nicht gesehen. Mir tun meine Füße weh vom vielen Laufen, und mir brummt mein Kopf von der Hitze der Abendsonne und vom aufmerksamen Zuhören. Wir setzen uns auf die Terrasse einer Bar und bestellen uns was zum Trinken. Es geht auf Mitternacht zu, als ich endlich meinen Heimweg antrete. Juan hätte noch die ganze Nacht hindurch faszinierende Geschichten aus seinem spannenden Leben erzählen können. Geschichten eines Menschen, der es geschafft hat, und der deshalb heute furchtbar stolz und dankbar ist.