Alle Beiträge von Oleksandr Petrynko

Dr. Oleksandr Petrynko (geboren 1976 in Ternopil / Ukraine) ist griechisch-katholischer Priester und Rektor des Collegium Orientale (COr) in Eichstätt. Als Kollegiat des COr promovierte er im Fach Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Dissertation "Der jambische Weihnachtskanon des Johannes von Damaskus" wurde 2010 vom Aschendorff Verlag veröffentlicht.

Ostereier erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine

Bei uns im Bistum Eichstätt endet die Osterzeit mit dem Pfingstfest, und zuallerletzt mit dem Fronleichnamsfest. So ist es auch in allen Ländern mit dem Christentum westlicher Tradition. Anders ist es bei den östlich-byzantinischen Christen, den Orthodoxen und den Griechisch-Katholischen: Sie feiern das Osterfest und somit den Osterfestkreis, einschließlich Pfingsten, etliche Tage – manchmal sogar Wochen – später. So ist es in allen Ländern, zum Beispiel in Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Georgien, Russland und auch der Ukraine, die den christlichen Glauben durch die Missionare aus der oströmischen Hauptstadt – Konstantinopel, heute Istanbul – oder mittelbar von dort aus seinerzeit empfingen. Der Grund für die auseinandergehenden Ostertermine liegt in den verschiedenen Kalendern, dem julianischen im Osten und dem gregorianischen im Westen, die den Ostertermin unterschiedlich berechnen. Der Abstand zwischen den beiden Osterterminen kann unterschiedlich ausfallen. Das Hochfest der Auferstehung Jesu Christi kann auf den gleichen Sonntag fallen, wie es in diesem Jahr sein wird (16. April 2017), oder mehrere Wochen betragen. Der größte Abstand kann fünf Wochen sein, was im vergangenen Jahr der Fall war. Da fiel der orthodoxe Ostersonntag auf den 1. Mai.

Für das gemeinsame Zeugnis der Christen ist dies natürlich verheerend. Deshalb riefen bereits mehrere Päpste Christen in aller Welt zur gemeinsamen Feier des Osterfestes auf. Papst Franziskus steht in dieser guten Tradition und bestätigte die Bereitschaft und große Offenheit der katholischen Kirche in dieser Frage (vgl. FAZ, 13.06.2015). In der Tat wäre in diesem ökumenischen Bereich zwischen den Orthodoxen und Katholischen viel möglich und erreichbar im Unterschied zu allen anderen theologischen bzw. jurisdiktionellen Fragen.

In praktischer Hinsicht ergeben sich aus dieser Zwei-Kalender-Situation aber auch interessante Möglichkeiten für Christen, das Osterfest zweimal und in verschiedenen Traditionen zu feiern bzw. zu erleben. Sehr intensiv habe ich dies 2016 auf einer Dienstreise erleben dürfen, ja müssen. Nach dem fünften Ostersonntag in Eichstätt bin ich beim Landen in Kiew fünf Wochen zurückgeworfen worden, und zwar mitten in die Karwoche im byzantinischen Ritus. Die Umstellung war nicht leicht. Ja, sie war mit Schmerz verbunden, mit dem Schmerz, dass die Christen sich nicht einig sind.

Allukrainische Ostereierausstellung

Eine Genugtuung war für mich jedoch die sogenannte Allukrainische Ostereierausstellung auf dem Sophienplatz in Kiew. Ich war von ihr so begeistert, dass ich sie gleich zweimal besichtigte. Die Ausstellung hatte zum Ziel, österliche Kunstwerke von Künstlern aus allen Regionen der Ukraine zu zeigen und die Bevölkerung auf das Osterfest einzustimmen.

Bekanntlich sind Ostereier beliebte und treffende Symbole sowie Kennzeichen des Osterfestes und des Glaubens an die Auferstehung in Ost und West. In einem Gebet zur Segnung der Osterspeisen ist dies wunderbar zusammengefasst: „Segne, o Gott, auch die Ostereier, damit sie uns zum Zeichen dafür werden, dass dein Sohn und unser Herr Jesus Christus das Felsengrab gesprengt hat und auferstanden ist!“

Hinter dieser erstrangigen Symbolik hat sich für mich auch noch eine andere Dimension der Ostereier in dieser Ausstellung in Kiew erschlossen. Die ausgestellten Ostereier gaben nicht nur ein Sinnbild für das kommende Leben und die Auferstehung. Sie erzählten vielmehr vom Leben der Menschen in der heutigen Ukraine. Die ausgestellten Kunstwerke, in Größe eines menschlichen Körpers, stammen aus verschiedensten Ecken der Ukraine und berichten in ihren Motiven vieles. Sie verraten, was die Menschen in der Ukraine beschäftigt. Sie erzählen davon, was sie schmerzt in dieser Zeit des Krieges, und was sie freut, wenn sie in die Zukunft schauen. Die Ostereier am Sophienplatz geben – so meine ich – einem jeden von uns einerseits einen sehr guten Einblick in den Reichtum und die Vielfalt der Begabungen. Ferner und vor allem aber bezeugen sie die europäische Einstellung der Ukrainer und der Ukrainerinnen, ja aller in der Ukraine lebenden Menschen.

Frieden zwischen den Religionen

Die vielfältige Palette der Motive auf den Ostereiern reicht von traditionell gemalten Ikonen bis hin zu Darstellungen abstrakter und impressionistischer Art. Es finden sich hier Abbildungen des Schmerzes wegen der Krimannexion oder des Krieges im östlichen Teil der Ukraine. Es gibt jedoch überwältigend viele künstlerisch ausgeführte Aufrufe zu Frieden, Liebe, Versöhnung und Bewahrung der Schöpfung. Es war dort sowohl das typisch Ukrainische anzutreffen, wie blau-gelbe Töne der ukrainischen Fahne und farbenprächtige Bestickungen der Trachtenhemden, als auch das Universale: Frieden zwischen den Religionen, Abrüstung der Atomwaffen und Ähnliches.

Es war das Besondere wie das Allgemeine zu sehen, das Märchenhafte genauso wie das ganz Realistische. Die Ostereier der Allukrainischen Ostereierausstellung erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine, was sie bewegt, wie sie sich mit den Menschen in Eichstätt und in der ganzen Welt verbunden fühlen, und zwar durch ihre Ideenwelt und durch die Träume von einem guten, menschlichen, friedlichen Miteinander; unter anderem auch mit der großen Hoffnung auf ein immer am gleichen Sonntag zu feierndes gemeinsames Osterfest.

Einige Fotos und Kurzvideos, die ich von der Ausstellung mitgebracht habe, mögen Euch, liebe Leser/innen, an der wunderschönen Ostereierausstellung direkt teilnehmen lassen, die mich persönlich so tief berührt hat.

„Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“

Von Johann Wolfgang von Goethe soll das Wort stammen: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“. Mit diesem Spruch hat er – denke ich – noch besser auf den Punkt gebracht, was auch ein ostslawisches Sprichwort besagt: „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“. In den letzten Adventstagen auf dem Weg zum Weihnachtsfest ist mir dies nochmals ganz bewusst geworden.

Unser Seminaristenchor hat in diesem Jahr einige deutschsprachige Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen. Beim Einüben dieser Weihnachtsgesänge wurde mir immer bewusster, was ich durch mein Auslandsstudium in Eichstätt immer wieder verspürte, aber darüber im Grunde genommen nie richtig nachdachte. Der geistliche Gehalt eines Textes erschließt sich auf eine besondere Weise, wenn der Text in einer erlernten Fremdsprache gelesen, gebetet, gesungen oder meditiert wird. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass gut bekannte Texte aus der Heiligen Schrift und der Liturgie – in Fremdsprachen vorgetragen – sich plötzlich neu zeigen. Wenn ich die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament in deutscher Sprache höre, entdecke ich etwas Neues und denke oft: Das habe ich so auf Kirchenslawisch bzw. Ukrainisch noch nie gehört. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das gelesene und gehörte Wort in der Muttersprache nicht immer mit ausreichender Konzentration vernommen wird. Das Zuhören und Lesen in einer Fremdsprache ist womöglich eher durch Wissbegierde ausgezeichnet und scheint mir somit gesammelter zu sein.

Auch beim Singen unserer ostkirchlichen Gesänge in unserer Heilig-Geist-Kapelle, in der die Gottesdienste hauptsächlich in deutscher Sprache gefeiert werden, ergeht es mir oft so. Schlagartig komme ich auf einen Gedanken, werde von einer blitzartigen Idee geradezu überwältigt oder bleibe einfach bei einem Wort oder Ausdruck hängen. Ich denke mir bzw. frage mich dann zugleich: Das war mir doch in der Muttersprache gut bekannt, warum habe ich dies bisher nie so gesehen oder verstanden?

In solchen Augenblicken, wenn sich das gelesene oder gehörte Wort plötzlich neu erschließt und ganz lebendig wird, wird man wirklich mit großer, innerer Freude und Zufriedenheit erfüllt. Denn als aufnehmender und meditierender Mensch geht man an die Inhalte der Texte und Lieder aus verschiedensprachigen Perspektiven heran, aus so vielen Blickrichtungen, wie viele Sprachen ich beherrsche. Wahrscheinlich ist gerade diese Erfahrung in den eingangs zitierten Sprichworten in Worte gefasst: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“.

Auch im Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Wortes Gottes, bzw. seiner Geburt, die wir als Christen in diesen Tagen feiern, kommen die beiden Sprüche zum Tragen. Gott lässt nicht nur uns reifen und uns durch das Erlernen von Fremdsprachen wieder und wieder Mensch werden, sondern er geruhte in seiner Liebe zu den Menschen selber Mensch zu werden. Er hat unsere Sprache gelernt. Er hat die Sprache unseres Fleisches und Blutes gelernt und ist Mensch geworden, um uns zu verstehen und sich uns ganz und gar verständlich zu machen.

In der Freude über das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des wahren Menschen, der durch die Menschwerdung unsere Sprache spricht, grüßen wir vom Collegium Orientale alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK mit einem ukrainischen Weihnachtslied in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Michael Grill (München), die mich unter anderem zu diesem kleinen Impuls angeregt hat: „Himmel und Erde singen, jubilieren … (Satz: o. Nezhankivskyy / R. Stetsyk; Chor des Collegium Orientale)“

Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!

Von Bienen Solidarität lernen

Bienen sind wichtige Insekten in der Natur und im Leben der Menschen. Sie werden seit jeher von Menschen geschätzt als Honigproduzenten, als Bestäuber der Kulturpflanzen und auch als Erzeuger von Heilmitteln wie Propolis. So lange es Menschen gibt und sie Honig essen, beschäftigen sie sich mit Bienen. Besonders faszinierend dabei ist, dass Bienen – vergleichbar mit Menschen – in Völkern, den Bienenvölkern, leben. Diese werden jeweils nur von einer einzigen Anführerin, der Königin, regiert.

Auch meine Familie in der Ukraine hat, seit ich denken kann, ein paar Bienenhäuser mit mehreren Bienenfamilien. Es war für uns Kinder immer spannend, den Opa in besonderer Kleiderausrüstung zu beobachten, wie er sich um seine Bienen kümmerte. Im Sommer suchte er immer wieder nach einer zweiten Bienenkönigin in einem Volk, um zu verhindern, dass die Hälfte der Bienen von diesem Volk sich selbstständig macht und wegfliegt. Sehr interessant war es für uns zu beobachten, wie der Großvater seine Bienen für den Winter fütterte, wie er Honig schleuderte und wie wir als erste von den Waben voller Honig eine Probe nehmen durften, aber auch wie er trauerte, wenn irgendeines der Völker von einer Krankheit befallen worden war. Nicht nur einmal wurde ich von Bienen gestochen: Es tat zwar weh, aber auf den Honig wollte ich deswegen trotzdem nicht verzichten.

Die biblischen Bücher des Alten Testamentes nehmen unterschiedlich akzentuierten Bezug auf Bienen. Wenn es beispielsweise um die feindlich gesinnten Eroberer ging, so wurden sie mit gereizten Bienen und deren Angriffs- und Stechlust verglichen (Dtn 1,44, Jes 7,18-20, Ps 118,12). Unübersehbar und geradezu sprichwörtlich ist der Fleiß und die Nützlichkeit dieser kleinen Tiere: „Klein unter den geflügelten Tieren ist die Biene, und doch bringt sie den besten Ertrag ein“ (Sir 11,3). Ein Mahnwort an die Faulenzer, das zugleich als Lob der kleinen, jedoch fleißigen Biene erscheint: „Gehe zur Biene, und lerne, wie arbeitsam sie ist, sie macht ihre Arbeit wie eine ehrenhafte, deren Erzeugnisse Könige und Privatleute zur Gesundheit verwenden, willkommen ist sie für alle und erwartet; auch wenn sie in der Kraft schwach ist, weil sie die Weisheit achtet, hat sie es so weit gebracht. Wie lange, Fauler, bleibst du liegen?“ (Spr 6,8f., LXX).

Unsere christliche Überlieferung hat das Positive aus den Bienengleichnissen übernommen und so haben Bienen bei uns einen eher positiven Ruf. Besonders vorbildlich war der Fleiß der Bienen in den geistlichen Unterweisungen der Mönchsväter. Die Bienen galten ihnen als vernünftige und kluge Geschöpfe in der Tierwelt, weil sie ein geordnetes gemeinschaftliches Leben führen, eine Aufgabeverteilung innerhalb ihres Bienenvolkes kennen und weil sie nach einem bestimmten Plan ihre Waben bilden. Gerade deshalb erkannten manche alte Denker darin ein Vorbild für den idealen Staat und der heilige Ambrosius von Mailand (+397) verglich die Kirche mit einem Bienenkorb.

Bienen-Solidarität: Foto: Oleksandr Petrynko
Bienen-Solidarität: Foto: Oleksandr Petrynko

Alles, was ich persönlich von den Bienen wusste und nun hier beschrieben habe, war nur eine schöne Theorie, bis ich Anfang Oktober 2015 in meinem Urlaub in Georgien das Bienenleben nochmal ganz bewusst erlebt habe. Die Fotos von diesem Erlebnis habe ich in einer alten Höhlenstadt Vardzia in Westgeorgien, nahe der Grenze zur Türkei gemacht. In einer Pause kaufte ich mir eine Waldmeisterlimonade (auf dem Foto grün im Glas, auf einem roten Tisch serviert). Sehr schnell und plötzlich waren mehrere Bienen und Wespen da. Eine der Bienen landete direkt in der Limonade und tat mir leid, als sie darin mehrere Kreisbewegungen machte. Sie schaffte dann doch herauszukommen, zwar nur langsam, aber letztlich kletterte sie bis an den oberen Rand des Glases. Und hier ist das Faszinierende passiert: Plötzlich setze sich eine der herumfliegenden Bienen auf den gleichen Rand hinter die nasse „süße“ Artgenossin und begann die verunglückte Biene abzusaugen, bis sie wieder fliegen konnte. Ich war für eine Weile außer mir vor Staunen. Denn nicht die Limonade auf der Freundin-Biene zog sie an, denn im Glas war ja viel mehr davon, sondern die Freundin selbst, die in Not geraten war. Da die Aktion relativ langsam verlief, konnte ich mit meinem Handy mehrere Bilder machen, die ich gerne mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, teilen möchte. Die Bilder zeigen Ihnen ein paar georgische Bienen, die nach wissenschaftlichen Untersuchungen den längsten Rüssel unter den Bienennationen auf der Erde haben, ihre georgische Heimat Vardzia und vor allem ein Beispiel ihres sozialen Verhaltens und ihrer Solidarität untereinander. Dies ist etwas, was die Menschen und gerade wir Christen von Bienen lernen können.

Eichstätt summt | Grußwort von Schirmherr Christoph Wölfle, Regens des Priesterseminars Eichstätt

Chrisamweihe in der Armenisch-Apostolischen Kirche

Besondere Erfahrung einer umfassenden kirchlichen Gemeinschaft

Ende September führte mich mein diesjähriger Urlaub – im 100. Gedenkjahr an den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich – auf eine neuntägige Pilger- und Studienreise in die heutige Republik Armenien. Die Reise wurde von der armenisch-apostolischen (orthodoxen) Gemeinde von München zusammen mit einer Reiseagentur in Armenien organisiert, wobei die geistliche Seite hervorragend berücksichtigt wurde. Ein seltener Höhepunkt unserer Pilgerreise war die Weihe des heiligen Myron (Chrisamöl) durch den Katholikos aller Armenier, Karekin II. in Etschmidazin, nahe der Hauptstadt Yerevan gelegen, eine größere Stadt und der kirchliche Muttersitz der orthodoxen Armenier weltweit.

Im Christentum spielen wohlriechende Öle eine ganz besondere Rolle. Noch im Alten Testament gibt es genaue Anleitungen, wie das Salböl für Priester und vor allem Könige herzustellen sei. Im Neuen Testament wurde Jesus mit wertvollem Nardenöl gesalbt (Mk 14,3-9, Mt 26,6-13, Lk 7,36-50, Joh 12,1-8). Der Titel „Christus“ ist die griechische Übersetzung für das hebräische „Messias“ bzw. „Maschiach“ und bedeutet auf Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt zu sein, bedeutet von Gott erwählt und für etwas Besonderes bestimmt sein. Wir Christinnen und Christen, die wir auch diesen Titel tragen dürfen, erfahren die Salbung im Sakrament der Taufe und der Firmung, und werden dort zu Priestern, Königen und Propheten gesalbt. Leider ist uns diese besondere Erwählung später kaum noch bewusst; mit Salbung verbinden wir meistens – wenn überhaupt – das Sakrament der Krankensalbung. Bei allen kirchlichen Salbungen werden allerdings die Öle sorgfältig vorbereitet und in einem besonderen Gottesdienst feierlich geweiht.

In der Armenischen-Apostolischen Kirche ist die Ölweihe etwas ganz Besonderes: Im Unterschied zu den bei uns gewohnten alljährlichen Chrisamweihen am Gründonnerstag, weihen die Armenier die heiligen Öle nur jedes siebte Jahr und zusätzlich noch dann, wenn ein neuer Katholikos (Kirchenoberhaupt) gewählt wird. Im Jahr seiner Wahl darf der neu gewählte Katholikos das heilige Myron zusätzlich weihen, besonders in den Fällen, wenn sichtlich zu wenig Myron vorrätig ist, und durch die Verteilung der Öle über seine Bischöfe an alle Pfarrgemeinden seine Kommuniongemeinschaft mit ihnen ausdrückt. Dieses geweihte Öl wird dann für die Myronsalbung (= Firmung), für die Bischofs- und Priesterweihen sowie auch für die Einweihung einer neuen Kirche und die Wasserweihen verwendet.

Für die Armenier, sowohl die Gläubigen als auch die weniger kirchlich Gebundenen, ist die Myronweihe ein wichtiges Fest und wird feierlicher als Ostern oder Weihnachten gefeiert. Mit großem Aufwand wird es vorbereitet, was auch in diesem Jahr am Sonntag, 27. September, sehr deutlich zum Ausdruck kam: Ein großes Aufgebot von Polizei, die Anwesenheit des Staatspräsidenten, aufsehenerregende Anzeigen zum Fest auf den Straßen und in den Medien. Dazu kommen kirchlicherseits hochrangige Vertreter verschiedener Kirchen wie der römisch-katholische Vertreter Leonardo Kardinal Sandri, Präfekt der Ostkirchenkongregation, der melkitische Patriarch Gregorios III. und der Patriarch der armenisch-katholischen Kirche Grigor Petros XX. sowie der griechisch-orthodoxe Patriarch Theodoros II. von Alexandrien.

Smartphone-Aufnahme der Chrisamweihe in Etschmidazin (Oleksandr Petrynko)

Aber auch der Gottesdienst zu dieser besonderen Ölweihe ist etwas Besonderes: Im Vorfeld und bei der liturgischen Feier der Weihe müssen viele eherne Regeln beachtet und eingehalten werden. So muss das Öl, das für die Weihe zubereitet wird, 40 Tage lang gekocht werden, währenddessen ununterbrochen bestimmte Gebete gesprochen werden. Die Grundsubstanz ist wie bei den meisten orientalischen Düften das Olivenöl. Dazu kommen 40 Pflanzenöle und -düfte von armenischen Bergblumen – dies alles nach einem alten Rezept, das früher nur dem Katholikos sowie einem sehr engen Kreis von Priestern bekannt war und von Generation zu Generation überliefert wird. Bei dem Raum im Eingangsbereich zur Hl. Gajane-Kirche, in dem das zu segnende Öl gekocht wurde, durften wir uns kurz aufhalten und schon vor der Weihe den intensiven und wohlriechenden Duft des Öles genießen.

Für mich persönlich war die gesamte Weihe, die außerhalb der Eucharistie am späteren Sonntagnachmittag mit Tausenden von Pilgern stattfand, ein besonderes Erlebnis in jeder Hinsicht. Was ich besonders schön fand, war, dass dabei die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und in ihrer Verbindung mit Christus – als dem Haupt seiner Kirche – sichtbar geworden ist. Auf mehrfache Weise wurde diese horizontale und vertikale Verbindung innerhalb der Gemeinschaft der Getauften sichtbar: So mussten bei der Weihe zwölf Bischöfe aus bestimmten Teilen der armenischen Kirche anwesend sein, die die Weihehandlung unter dem Vorstand des Katholikos und im gemeinsamen Gebet der Versammelten vollzogen. Unter den zwölf Bischöfen, die einem römisch-katholischen Christen aufgrund der mittelalterlichen Beeinflussung (im 12 Jh., in der Zeit der Kreuzzüge) aus der Westkirche an den zugespitzten Mitren sehr bekannt vorkommen dürften, müssen die Oberhäupter bzw. bischöflichen Vertreter aus den drei anderen mehr oder weniger selbst verwalteten armenischen Teilkirchen von Kilikien (heute mit dem Sitz im Libanon), Jerusalem und Konstantinopel (Istanbul) anwesend sein.

Das lange Weihegebet nach den Psalmen und mehreren Lesungen aus den Evangelien, das durch den Katholikos unter Assistenz von den zwölf Bischöfen feierlich und gesungen vorgetragen wird, bildet mit ihrer starken Symbolkraft den Kernpunkt der Weihe und lässt die innere Verbindung der armenischen Kirche und ihre Vereinigung mit Christus, dem Gründer unseres Glaubens, auf eine wunderbare Weise erfahren. Im ersten Teil des Gebetes werden die Reste des alten Öles des Katholikos von Etschmiadzin und der von den armenischen Bischöfen aus dem Libanon, Jerusalem und Konstantinopel mitgebrachten Öle in das frisch gekochte Öl dazugegeben und vermischt, und zwar als Zeichen dafür, dass sie untereinander verbunden sind und dass sie auch Anteil haben an dem von ihren Vorgängern geweihten Öl. Auch nach der Weihe nehmen die Bischöfe von dem frischgeweihten Öl mit und verteilen dies an alle Gemeinden, in denen mit diesem Öl getauft und gefirmt wird.

Im zweiten Teil des Gebetes wird ein altehrwürdiges und verehrtes Kreuz in das Öl eingetaucht und es wird damit gesegnet als Hinweis auf den gekreuzigten Herrn Jesus Christus, den Bringer des Heils für uns Menschen. Darauf wird die heilige Lanze gebracht, mit der Jesus am Kreuze durchstochen werden sollte, die also den Herrn selber berührte und uns in seiner Seite die Quelle des lebenspendenden Blutes und Wassers öffnete. Sie soll der Apostel Thaddäus, der zusammen mit dem Apostel Bartholomäus als die Apostel Armeniens gelten, auf seiner Mission nach Armenien mitgebracht haben. So kommt die ehrwürdige Lanze, die sonst in der patriarchalen Schatzkammer von Etschmiadzin aufbewahrt wird, zum gottesdienstlichen Einsatz, indem sie genauso wie zuvor das Kreuz in das Öl kreuzweise eingetaucht wird. Zum Schluss wird das Öl auch auf gleiche Weise wie vorher mit einer Reliquie – mit dem Reliquiar in Form eines Armes – des heiligen Gregor des Erleuchters Armeniens (+ 331) gesegnet, sowohl das Öl als auch anschließend das um den Weihealtar und das geweihte Myron versammelte Volk.

Die Kontinuität des Glaubens von Christus bis auf den heutigen Tag wird in der armenischen Kirche auf diese beeindruckende Weise sichtbar. Außerdem heißt es bei den armenischen Christen: Wer an diesem heiligen Öl teilhat, es besitzt und davon in der Pfarrei bei der Sakramentenspendung Gebrauch macht, ist in der Gemeinschaft der Kirche und mit ihrem Herrn und Erlöser Jesus Christus verbunden.