Alle Beiträge von Oleksandr Petrynko

Dr. Oleksandr Petrynko (geboren 1976 in Ternopil / Ukraine) ist griechisch-katholischer Priester und Rektor des Collegium Orientale (COr) in Eichstätt. Als Kollegiat des COr promovierte er im Fach Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Dissertation "Der jambische Weihnachtskanon des Johannes von Damaskus" wurde 2010 vom Aschendorff Verlag veröffentlicht.

Der Heilige Geist – ein wahrer Freund

Ein Freund, auf den man sich uneingeschränkt verlassen kann?! Gibt es ihn, den wahren, echten Freund? Und was wären seine Eigenschaften?

Bei einem echten Freund denke ich an eine Person, der ich vollkommen mein Vertrauen schenken kann. Ich kann mich ihm öffnen mit all meinen Freuden und Leiden; dies gilt auch umgekehrt. Er versteht mich, nimmt mich mit, trägt mich mit und hilft mir. Wir schätzen uns gegenseitig, wir fördern und stützen uns. Doch ein wahrer Freund ist auch einer, der mir nicht nur nach dem Mund redet. Er ist auch derjenige, der mich bei allem Verständnis korrigiert, wenn nötig leitet und schützt. Er weist mich auf meine Schwächen hin und wirkt entgegenkommend, verständnisvoll, beugt Gefahren vor. Er nimmt mich in mancher Situation auch vor mir selber in Schutz, indem er mich berichtigt und mit mir versucht, meine Fehler zu korrigieren. Dies macht ihn eben als echten Freund aus. Wir kennen uns durch und durch. Im Regelfall kennt man sich in der Freundschaft besser als in der Verwandtschaft.

Eine grundlegende und noch nie da gewesene Wende im Denken und in der menschlichen Existenz vollzog unser Herr Jesus Christus dadurch, dass er uns Menschen  zu Freunden Gottes machte. „Nicht mehr Knechte nenne ich Euch, … sondern Freunde“, sagte er, der menschgewordene Gott (vgl. Joh 15,15) in seinen Abschiedsworten an seine Jünger. Diese richtete er nicht nur an die Zwölf, an die er sich damals direkt wandte, sondern auch an alle, die ihn in der Taufe angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Nicht nur die Zwölf sind seine, Gottes Freunde geworden, sondern „alle, die durch ihr Wort an mich glauben“ (Joh 17,20). Dies sagte Jesus im gleichen Augenblick auch. Und noch mehr: Jesus verspricht eine unerschütterliche Fortdauer seiner Freundschaft mit uns, in der wir zuversichtlich sein dürfen. „Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit“ (Joh 14,16f.). Dieser Beistand, der Freund, begleitet uns durch unser Leben.

Diese Aussage Jesu bildet für meine Begriffe die Grundlage für den einmütigen Zugang der West- wie auch der Ostkirchen zum Heiligen Geist. Damit ist die durch den Tod und die Auferstehung zum Guten gewandelte Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander gemeint. Gott ist ein wahrer Freund der Menschheit und der Heilige Geist ist ein Bürge dafür. Beide Charakteristika einer Freundschaft gehören dabei dazu: das Verständnisvolle und das Korrigierende, das Entgegenkommen und das, was Grenzen setzt, die liebevolle und achtsame Zuwendung, aber auch das mahnende, mitunter unangenehme Wort. Der Heilige Geist verbindet in sich diese zwei Eigenschaften, mit denen er von Jesus Christus uns gesandt und geschenkt wird. Er ist Tröster-Freund und er ist ein Freund, der uns in die Wahrheit führt, vor allem in die über uns selber.

So besingt ihn die Westkirche im Lied „Veni creator spiritus“: „Der du der Tröster wirst genannt, vom höchsten Gott ein Gnadenpfand, du Lebensbrunn, Licht, Lieb‘ und Glut, der Seele Salbung, höchstes Gut.  O Schatz, der siebenfältig ziert, o Finger Gottes, der uns führt, Geschenk, vom Vater zugesagt, du, der die Zungen reden macht.“

Auch die Ostkirche steht hier nicht nach. Aus einem ihrer kurzen – daher auch uralten – pfingstlichen Hymnen hat sie gleichsam ein Einleitungsgebet für jeden Tag gemacht und betet ihn in jedem Tagzeitengebet. In diesem wendet sie sich an den Heiligen Geist mit folgenden Worte: „Himmlischer König, Du Tröster und Geist der Wahrheit, der Du überall bist und alles erfüllst, Schatzkammer der Güter und Spender des Lebens: Komm und nimm Wohnung in uns, mach uns rein von jedem Makel, und rette, o Gütiger, unsere Seelen.“ Die inhaltlichen Parallelen zu dem westkirchlichen Liedgut sind für mich unübersehbar.

Möchtest Du Deinen Freundeskreis, falls dies noch nicht der Fall ist, um einen weiteren allmächtigen und wahren Freund erweitern? Dann verrate ich Dir einen Tipp dazu. In der Pfingstzeit ist es möglich, den Heiligen Geist, den Tröster und den Geist der Wahrheit, den wahren Freund, zu erlangen. Und dies geschieht im Gebet – im Verweilen mit ihm, was für das Entstehen einer jeden Freundschaft gilt. Und sollte der Heilige Geist bereits zu Deinen Freunden gehören, so ist die Pfingstzeit ein gut geeigneter Moment, Deine Freundschaft mit ihm zu vertiefen und seinen tröstenden und wahren Worten aufmerksam zu lauschen.

 

„Ein ständiges Kommen und Gehen“

Zumindest in kirchlichen Kreisen, aber auch darüber hinaus, höre und lese ich oft im Advent den Gruß: ‚Eine besinnliche Adventszeit!‘. Was ich jedoch täglich erfahre, ist weit davon entfernt, besinnlich zu sein; gerade wenn es auf Weihnachten zugeht. Es muss ja so viel noch erledigt werden. Gerade am Ende eines Kalenderjahres sollten die ideellen und materiellen Bilanzen stimmen und die Familie, die Freunde sowie die einem im Dienst und im Leben Anvertrauten einigermaßen zufriedenstellend versorgt worden sein. Am besten ist es natürlich, wenn alles im Arbeitsumfeld, in der Verwandtschaft und im Freundeskreis stimmt und die wichtigsten Aufgaben nicht auf die lange Bank des kommenden Jahres geschoben werden müssen. Ach ja, die Weihnachtgeschenke dürfen nicht vergessen werden und die Weihnachtspost, am liebsten immer mit ein paar persönlichen Worten, soll ja auch noch fertig werden. Dies alles erfordert viel Zeit und Kraft.

Es bedarf eines besonderen Einsatzes, und zwar über die normale Betriebsamkeit während des Jahres hinaus. Auch die Sonderschichten am Wochenende reichen oft nicht aus, um alles zu erledigen. Die Früchte davon sind Unruhe, Stress, Erkältungen und Ähnliches. Alles weit entfernt von der „schönen besinnlichen“ Adventszeit. Daraus ergibt sich für die meisten von uns ein Kommen und Gehen, ja „ein ständiges Kommen und Gehen“, wie eine deutsche Redewendung dies wunderbar auf den Punkt bringt. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen: ein Kommen und Gehen von Menschen, ein Kommen und Gehen von Gedanken, ein Kommen und Gehen wie bei jedem Hochbetrieb, ohne viel Zeit für Besinnung, Einkehr und Ruhe.

Und doch ist es vielleicht auch richtig so. Advent stammt ja vom „Kommen“, aber auch vom „Gehen“, wie die vier Adventslieder zum Ausdruck bringen, die Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, unser Chor hiermit schenken möchte. Ob „Komm, Du Heiland aller Welt“, „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ oder „Es kommt ein Schiff geladen“ aus der westlichen kirchlichen Tradition oder das Adventskondakion „Die Jungfrau geht heute“ der Byzantiner, alle vier Lieder beinhalten ein Kommen, ein Gehen, eine gewisse Unruhe, eine Erwartung.

Dank dieser adventlichen Unruhe gewinnt die Weihnachtszeit ihre familiärere und gemütliche Atmosphäre. Denn das Ereignis der Geburt Christi, das bald gefeiert wird und auf das wir in der Adventszeit mit großen Schritten zugehen, bringt alles zum Stehen und zum Staunen, zur „Stillen Nacht“ und zum Stehen vor der Krippe im Lied „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“. Vor der ruhenden Betrachtung und der rastenden Bewunderung des Weihnachtsfestes muss vieles in Bewegung gesetzt werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum die Adventszeit turbulent sein muss: damit die Weihnachtszeit besinnlich sein kann.

Eine erfolgreiche und gesegnete Adventszeit wünscht Ihnen das Collegium Orientale mit den vier Liedern zum Advent! Und es macht nichts, wenn Sie sich diese erst in der Weihnachtszeit anhören können!

Ostereier erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine

Bei uns im Bistum Eichstätt endet die Osterzeit mit dem Pfingstfest, und zuallerletzt mit dem Fronleichnamsfest. So ist es auch in allen Ländern mit dem Christentum westlicher Tradition. Anders ist es bei den östlich-byzantinischen Christen, den Orthodoxen und den Griechisch-Katholischen: Sie feiern das Osterfest und somit den Osterfestkreis, einschließlich Pfingsten, etliche Tage – manchmal sogar Wochen – später. So ist es in allen Ländern, zum Beispiel in Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Georgien, Russland und auch der Ukraine, die den christlichen Glauben durch die Missionare aus der oströmischen Hauptstadt – Konstantinopel, heute Istanbul – oder mittelbar von dort aus seinerzeit empfingen. Der Grund für die auseinandergehenden Ostertermine liegt in den verschiedenen Kalendern, dem julianischen im Osten und dem gregorianischen im Westen, die den Ostertermin unterschiedlich berechnen. Der Abstand zwischen den beiden Osterterminen kann unterschiedlich ausfallen. Das Hochfest der Auferstehung Jesu Christi kann auf den gleichen Sonntag fallen, wie es in diesem Jahr sein wird (16. April 2017), oder mehrere Wochen betragen. Der größte Abstand kann fünf Wochen sein, was im vergangenen Jahr der Fall war. Da fiel der orthodoxe Ostersonntag auf den 1. Mai.

Für das gemeinsame Zeugnis der Christen ist dies natürlich verheerend. Deshalb riefen bereits mehrere Päpste Christen in aller Welt zur gemeinsamen Feier des Osterfestes auf. Papst Franziskus steht in dieser guten Tradition und bestätigte die Bereitschaft und große Offenheit der katholischen Kirche in dieser Frage (vgl. FAZ, 13.06.2015). In der Tat wäre in diesem ökumenischen Bereich zwischen den Orthodoxen und Katholischen viel möglich und erreichbar im Unterschied zu allen anderen theologischen bzw. jurisdiktionellen Fragen.

In praktischer Hinsicht ergeben sich aus dieser Zwei-Kalender-Situation aber auch interessante Möglichkeiten für Christen, das Osterfest zweimal und in verschiedenen Traditionen zu feiern bzw. zu erleben. Sehr intensiv habe ich dies 2016 auf einer Dienstreise erleben dürfen, ja müssen. Nach dem fünften Ostersonntag in Eichstätt bin ich beim Landen in Kiew fünf Wochen zurückgeworfen worden, und zwar mitten in die Karwoche im byzantinischen Ritus. Die Umstellung war nicht leicht. Ja, sie war mit Schmerz verbunden, mit dem Schmerz, dass die Christen sich nicht einig sind.

Allukrainische Ostereierausstellung

Eine Genugtuung war für mich jedoch die sogenannte Allukrainische Ostereierausstellung auf dem Sophienplatz in Kiew. Ich war von ihr so begeistert, dass ich sie gleich zweimal besichtigte. Die Ausstellung hatte zum Ziel, österliche Kunstwerke von Künstlern aus allen Regionen der Ukraine zu zeigen und die Bevölkerung auf das Osterfest einzustimmen.

Bekanntlich sind Ostereier beliebte und treffende Symbole sowie Kennzeichen des Osterfestes und des Glaubens an die Auferstehung in Ost und West. In einem Gebet zur Segnung der Osterspeisen ist dies wunderbar zusammengefasst: „Segne, o Gott, auch die Ostereier, damit sie uns zum Zeichen dafür werden, dass dein Sohn und unser Herr Jesus Christus das Felsengrab gesprengt hat und auferstanden ist!“

Hinter dieser erstrangigen Symbolik hat sich für mich auch noch eine andere Dimension der Ostereier in dieser Ausstellung in Kiew erschlossen. Die ausgestellten Ostereier gaben nicht nur ein Sinnbild für das kommende Leben und die Auferstehung. Sie erzählten vielmehr vom Leben der Menschen in der heutigen Ukraine. Die ausgestellten Kunstwerke, in Größe eines menschlichen Körpers, stammen aus verschiedensten Ecken der Ukraine und berichten in ihren Motiven vieles. Sie verraten, was die Menschen in der Ukraine beschäftigt. Sie erzählen davon, was sie schmerzt in dieser Zeit des Krieges, und was sie freut, wenn sie in die Zukunft schauen. Die Ostereier am Sophienplatz geben – so meine ich – einem jeden von uns einerseits einen sehr guten Einblick in den Reichtum und die Vielfalt der Begabungen. Ferner und vor allem aber bezeugen sie die europäische Einstellung der Ukrainer und der Ukrainerinnen, ja aller in der Ukraine lebenden Menschen.

Frieden zwischen den Religionen

Die vielfältige Palette der Motive auf den Ostereiern reicht von traditionell gemalten Ikonen bis hin zu Darstellungen abstrakter und impressionistischer Art. Es finden sich hier Abbildungen des Schmerzes wegen der Krimannexion oder des Krieges im östlichen Teil der Ukraine. Es gibt jedoch überwältigend viele künstlerisch ausgeführte Aufrufe zu Frieden, Liebe, Versöhnung und Bewahrung der Schöpfung. Es war dort sowohl das typisch Ukrainische anzutreffen, wie blau-gelbe Töne der ukrainischen Fahne und farbenprächtige Bestickungen der Trachtenhemden, als auch das Universale: Frieden zwischen den Religionen, Abrüstung der Atomwaffen und Ähnliches.

Es war das Besondere wie das Allgemeine zu sehen, das Märchenhafte genauso wie das ganz Realistische. Die Ostereier der Allukrainischen Ostereierausstellung erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine, was sie bewegt, wie sie sich mit den Menschen in Eichstätt und in der ganzen Welt verbunden fühlen, und zwar durch ihre Ideenwelt und durch die Träume von einem guten, menschlichen, friedlichen Miteinander; unter anderem auch mit der großen Hoffnung auf ein immer am gleichen Sonntag zu feierndes gemeinsames Osterfest.

Einige Fotos und Kurzvideos, die ich von der Ausstellung mitgebracht habe, mögen Euch, liebe Leser/innen, an der wunderschönen Ostereierausstellung direkt teilnehmen lassen, die mich persönlich so tief berührt hat.

„Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“

Von Johann Wolfgang von Goethe soll das Wort stammen: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“. Mit diesem Spruch hat er – denke ich – noch besser auf den Punkt gebracht, was auch ein ostslawisches Sprichwort besagt: „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“. In den letzten Adventstagen auf dem Weg zum Weihnachtsfest ist mir dies nochmals ganz bewusst geworden.

Unser Seminaristenchor hat in diesem Jahr einige deutschsprachige Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen. Beim Einüben dieser Weihnachtsgesänge wurde mir immer bewusster, was ich durch mein Auslandsstudium in Eichstätt immer wieder verspürte, aber darüber im Grunde genommen nie richtig nachdachte. Der geistliche Gehalt eines Textes erschließt sich auf eine besondere Weise, wenn der Text in einer erlernten Fremdsprache gelesen, gebetet, gesungen oder meditiert wird. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass gut bekannte Texte aus der Heiligen Schrift und der Liturgie – in Fremdsprachen vorgetragen – sich plötzlich neu zeigen. Wenn ich die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament in deutscher Sprache höre, entdecke ich etwas Neues und denke oft: Das habe ich so auf Kirchenslawisch bzw. Ukrainisch noch nie gehört. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das gelesene und gehörte Wort in der Muttersprache nicht immer mit ausreichender Konzentration vernommen wird. Das Zuhören und Lesen in einer Fremdsprache ist womöglich eher durch Wissbegierde ausgezeichnet und scheint mir somit gesammelter zu sein.

Auch beim Singen unserer ostkirchlichen Gesänge in unserer Heilig-Geist-Kapelle, in der die Gottesdienste hauptsächlich in deutscher Sprache gefeiert werden, ergeht es mir oft so. Schlagartig komme ich auf einen Gedanken, werde von einer blitzartigen Idee geradezu überwältigt oder bleibe einfach bei einem Wort oder Ausdruck hängen. Ich denke mir bzw. frage mich dann zugleich: Das war mir doch in der Muttersprache gut bekannt, warum habe ich dies bisher nie so gesehen oder verstanden?

In solchen Augenblicken, wenn sich das gelesene oder gehörte Wort plötzlich neu erschließt und ganz lebendig wird, wird man wirklich mit großer, innerer Freude und Zufriedenheit erfüllt. Denn als aufnehmender und meditierender Mensch geht man an die Inhalte der Texte und Lieder aus verschiedensprachigen Perspektiven heran, aus so vielen Blickrichtungen, wie viele Sprachen ich beherrsche. Wahrscheinlich ist gerade diese Erfahrung in den eingangs zitierten Sprichworten in Worte gefasst: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“.

Auch im Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Wortes Gottes, bzw. seiner Geburt, die wir als Christen in diesen Tagen feiern, kommen die beiden Sprüche zum Tragen. Gott lässt nicht nur uns reifen und uns durch das Erlernen von Fremdsprachen wieder und wieder Mensch werden, sondern er geruhte in seiner Liebe zu den Menschen selber Mensch zu werden. Er hat unsere Sprache gelernt. Er hat die Sprache unseres Fleisches und Blutes gelernt und ist Mensch geworden, um uns zu verstehen und sich uns ganz und gar verständlich zu machen.

In der Freude über das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des wahren Menschen, der durch die Menschwerdung unsere Sprache spricht, grüßen wir vom Collegium Orientale alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK mit einem ukrainischen Weihnachtslied in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Michael Grill (München), die mich unter anderem zu diesem kleinen Impuls angeregt hat: „Himmel und Erde singen, jubilieren … (Satz: o. Nezhankivskyy / R. Stetsyk; Chor des Collegium Orientale)“

Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!