Alle Beiträge von Manfred Göbel

Manfred Göbel, gebürtig aus Eichstätt, ist seit 1979 als Entwicklungshelfer und Krankenpfleger für die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Brasilien tätig. Er koordiniert die Projekte der DAHW in Brasilien. Über seine Arbeit hat er das Buch “Größer als Furcht ist die Liebe. Mein Einsatz gegen Lepra” im Herderverlag veröffentlicht.

Brasilien: Krise, Hoffnung und Nächstenliebe

“Verständen wir den Wert und die Würde der Nächstenliebe, wir würden uns auf nichts anderes mehr verlegen”. (Teresa von Avila)

In Brasilien ist Hochsommer und Regenzeit mit Temperaturen zwischen 35°C und 40°C bei uns in Mato Grosso. Um die Jahreswende werden viele Aktionen für die Menschen in den Armenvierteln organisiert. Der Glaube und das Vertrauen in Gott sind Grund zur Freude und Hoffnung trotz der größten Krise und den vielen Probleme, die Brasilien erschütern.

Brasilien steckt seit drei Jahren in einer seiner größten Krisen mit Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Millionen Menschen wurden in die Armut geworfen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40%, jeder zweite Studienabgänger findet keinen Job. Im Jahre 2016 fielen 3,6 Millionen Brasilianer in die extreme Armut und erhöhten die Gesamtzahl auf 22 Millionen. Die hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut sind verantwortlich für eine zunehmende Auswanderung von Jugendlichen in die USA, Kanada, Australien und Europa.

Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich und Brasilien, einst 6. Wirtschaftsnation der Welt, ruchte auf Platz 9 ab. Das monatliche Durschschnittseinkommen fiel um 2,5% und betrug im vergangenem Jahr R$ 1.976,00 (umgerechnet 560 Euro). Die ungleiche Verteilung des Einkommens hat zugenommen, 71.000 Brasilianer verfügen über 22% des Gesamteinkommens bzw. die reichsten 5% der Bevölkerung besitzen 28% des Gesamteinkommens. Auf Grund der zunehmenden Armut haben auch Gewalt und Kriminalitäat extrem zugenommen. Mehr als 60.000 Menschen wurden 2016 ermordet. Brasilien ist gefährlicher als Regionen mit Krieg und Terrorismus. In Rio de Janeiro haben die Behörden die Kontrolle verloren und stark bewaffnete kriminelle Drogenbanden liefern sich fast täglich schwere Gefechte. Fast 100 Polizisten wurden bereits ermordet. Schwerbewaffnete Militärs unterstützen die Polizei im täglichen Kampf gegen die Drogenbanden.

Eine Anakonda überquert die Straße – nicht die größte Gefahr in Brasilien. Foto: Manfred Göbel

Verantwortlich für das Chaos ist die genzenlose Korruption, die alle Bereiche erfasst (Parlament, Regierung, Justiz, Polizei und Unternehmer). Ein junger mutiger Richter und ein paar junge Staatsanwälte kämpfen gegen die Korruption mit einigen Erfolgen, doch wie lange? Das Chaos hat auch die öffentlichen Dienste erreicht, die Komunen, Länder und Bund sind pleite. Folgen sind schlecht funktionierende Gesundheitsdienste, Schulen, Universitäten, Sicherheit. Viele Krankenhäuser leiden unter Materialmangel, einige schließen.

Doch die jüngst veröffentlichen Zahlen zur Inflation (2,46% gegenüber 10,71% in 2016) und Leitzins (7% gegenüber 14,24% in 2016) und die Prognose eines Wirtschaftswachstum von 0,5% sowie eines leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahl lassen auf ein Ende der Rezession hoffen. Die politische Lage bleibt jedoch instabil mit einem Präsidenten, der wegen Korruption durch den Generalbundesanwalt angeklagt ist, und einem Parlament, in dem mehr als 40% der Abgeordneten in Korruptionskandale verwickelt sind.

Unsere Welt scheint auch aus den Fugen geraten zu sein. Die Konflikte nehmen zu, man versteht sich nicht mehr. Die Liebe und der Frieden werden von Hass und Krieg verdrängt. Wie konnte es so weit kommen? Die Intelligenz arbeitet ohne das Herz, doch nur wenn beide zusammenarbeiten, hat die Liebe eine Chance. “Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Die Liebe hört niemals auf”.(1 Kor 13,1-13).

Buch über Pater Nazareno

Kürzlich wurde eine Biografie des Märtyrers Pater Nazareno Lanciotti in Jauru vorgestellt. Er war italienischer Priester aus Rom und ein sehr guter Freund. Es nahmen ca. 4.000 Menschen an der Buchvorstellung teil (Stadt- und Landkreis haben nur 9.000 Einwohner), darunter auch der Bischof, Bürgermeister, Stadträte und Landtagsabgeordnete. Ich wurde als Vertreter der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und als Freund von Pater Nazareno eingeladen und hielt auch eine Ansprache.

Buchvorstellung in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Pater Nazareno wurde am 11. Februar 2001 beim Abendessen im Pfarrhaus in Anwesenheit von zehn Personen, darunter zwei Ärzte, ein italienischer Enwticklungshelfer und einige Jugendliche, von zwei maskierten und bewaffneten Banditen niedergeschossen. Am 22. Februar 2001 starb er nach einem schmerzvollen Leiden. Am 8. Februar aßen wir beide noch zu Abend in Cuiaba und ich hätte auch am 11. Februar in Jauru sein sollen, verschob jedoch die Reise um einen Tag. Er wollte mit mir und den Ärzten über die Verbesserung des Gesundheitsdienstes und Leprakontrolle sprechen. Jauru hat eine sehr hohe Leprarate (240 Leprakranke/100.000 Einwohner).

Kirche in Jauru. Foto: Manfred Göbel

Bischof Dom Jose von der Diözese Caceres erwähnte in seiner Ansprache das soziale und spirituelle Engagement von Pater Nazareno, das viele störte und Motiv für seinen Tod war. Der Bischof ist auch ein begeisteter Verfechter der Lepraarbeit der DAHW. Seine Diözese liegt im Grenzgebiet zu Bolivien mit hoher Leprarate. Jauru liegt rund 400 km westlich von Cuiaba. Das Buch von Pater Nazareno gibt es in italienischer und portugiesischer Version, und wurde vor zwei Jahren vom italienischen Schriftsteller Ivaldo Riva in Italien veröffentlicht.

DAHW Brasilien

Die DAHW, für die ich seit 1979 in Brasilien tätig bin, hat ein Büro in der Stadt Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais eröffnet, das von Dr. Reinaldo Bechler geleitet wird. Er tritt meine Nachfolge an, da ich ab Januar 2019 in Rente gehe. Im kommenden Herbst bin ich in Deutschland und werde auch in Absprache mit der DAHW einige Gruppen besuchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die unsere Arbeit unterstützen und Gottes Segen für 2018.

(Auszug aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken

Chaostage in Brasilien – Präsidentin suspendiert

Brasilien erlebt turbulente Tage. Heute wurde Staatspräsidentin Dilma Rousseff vorläufig für 180 Tage von ihrem Amt suspendiert. Der Senat hat dies mit 55 zu 22 Stimmen entschieden, um mögliche Amtsverfehlungen der ersten Frau, die es an die Spitze des brasilianischen Staates geschafft hat, juristisch untersuchen zu lassen. Die Nachricht von Rousseffs Suspendierung erreicht mich in Eichstätt, wo ich gerade auf Heimatbesuch bin. Es hatte sich aber bereits in den letzten Monaten abgezeichnet, dass es so kommen würde.

Rousseff soll mit Bilanztricks versucht haben, das Defizit im Staatshaushalt zu verringern, um somit ihre Chancen bei den Präsidentschaftswahlen 2014 zu verbessern. Sie wurde nach der Fußball-WM für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Das Amtsenthebungsverfahren wird nicht mit Korruptionsvorwürfen begründet, obwohl die Präsidentin auch immer wieder in Verbindung gebracht wurde mit dem größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobrás. Schließlich saß sie jahrelang im Aufsichtsrat und war Präsidentin des Konzerns.

Die Probleme gingen schon los im Wahlkampf, als die Präsidentin ein Brasilien präsentierte, das es in Wirklichkeit nicht mehr gab. Nach der Wahl wurde klar, dass Brasilien eigentlich in einer schweren wirtschaftlichen Krise steckt und die Zentralregierung den Haushalt schwer überzogen hatte ohne Genehmigung des Kongresses. Und laut Verfassung wird das mit Impeachment (Amtsenthebung) bestraft. Zuerst muss die Abgeordnetenkammer dem Bundessenat die Genehmigung zur Eröffnung eines Impeachment-Verfahrens geben. Und das ist Geschehen. Der Senat hat heute entschieden, dass das Impeachment-Verfahren jetzt beginnt. Jetzt wird untersucht, ob sie wirklich schuldig ist oder nicht. Erst nach Abschluss dieses Prozesses, wenn ihre Schuld nachgewiesen wird, verliert sie ihr Amt und ihre politischen Rechte. Sie darf dann für acht Jahre nicht mehr gewällt werden oder öffentliche Ämter begleiten.

Ausschlaggebend waren ihr schwieriges Verhältnis zu den Kongressabgeordneten und die rasche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Brasilien. Das Land hat inzwischen 11 Millionen Arbeitslose, viele Bundesstaaten und Kommunen können ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, die öffentlichen Dienste funktionieren mangelhaft und die Kriminalität hat extrem zugenommen. Viele Jugendlichen sehen keine Zukunft mehr in Brasilien wollen das Land verlassen.

Laut Umfragen ist die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage für das Impeachment. Die Mehrheit hat auch die Suspendierung der Präsidentin heute auf den Straßen gefeiert. Man erhofft sich jetzt, dass die neue Regierung – die vom bisherigen Vize-Präsidenten Michael Temer angeführt wird – möglichst schnell die Kreditwürdigkeit Brasiliens wiederherstellt und die sozialen und wirtschaftlichen Probleme angeht durch die notwendigen Reformen. Er muss mit einer sehr starken Opposition der Anhänger Dilmas rechnen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen wie die der Landlosen (MST) haben bereits angedroht, dass sie das Land stilllegen werden und der neuen Regierung keine ruhige Minute geben werden. Temer steht unter Druck, er muss Erfolg haben, weil sonst sich die Stimmung gegen ihn wenden wird. Auch Temer hat Probleme mit der Justiz aufgrund des Petrobrás-Skandals, so dass die Situation weiterhin undurchsichtig ist.

Die Präsidentin bezeichnet das Amtsenthebungsverfahren als „Putsch“, was vom Obersten Bundesgericht entschieden widersprochen wird. Die Bundesrichter sagen, dass sich das Verfahren strickt an die Verfassung gehalten hat (die Mehrheit der Bundesrichter wurde von ex-Präsidenten Lula da Silva und von Dilma ernannt). Ein Politikwissenschaftler der Universität Rio der Janeiro sieht in dem Gerede vom „Putsch“ ein Versuch, die Anhänger von Lula und Dilma mobil zu halten. Es ist eine große Frage, wie diese sich in den nächsten Tagen verhalten werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Drohungen nicht wahrnehmen und das Land nicht in ein totales Chaos stürzen.

Brasilien ist auch nach der heutigen Entscheidung gespalten und die Spaltung geht quer durch die Gesellschaft und durch die Familien. Wenn Temer Erfolg hat, wird sich die Situation sehr schnell zu seinen Gunsten ändern, andernfalls wird er der Nächste sein, der fällt. Brasilien kommt dann nicht zu Ruhe und die Probleme werden noch zunehmen. Die Brasilianer sagen „Gott ist ein Brasilianer“. Und da sie ein sehr starkes religiöses Empfinden und großes Gottvertrauen haben, hoffen sie, dass Brasilien seinen Weg findet und am Ende die Brasilianer sich wieder zusammenfinden.

Radio K1: Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken

Brasilien im Krieg gegen die Tigermücke Aedes Aegypti

Seit Jahrzenten kämpft Brasilien gegen die Virus-Erkrankung “Dengue-Fieber”, die von der Stechmücke Aedes Aegypti übertragen wird. Die Erkrankung ist ein weltweites Gesundheitsproblem, vor allem in tropischen und subtropischen Regionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich zwischen 50 Millionen und100 Millionen Personen in 100 Ländern in allen Erdteilen – außer in Europa – infiziert werden. Rund 550.000 Menschen müssen im Krankenhaus behandelt werden und rund 20.000 sterben.

In Brasilien erkrankten im Jahr 2015 mehr als 1,6 Millionen Menschen an Dengue, 843 sind an den Folgen der Krankheit gestorben. Es gibt vier Arten von Dengue, die meistens ohne größere Probleme verlaufen mit Symptomen wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, die nach etwa sieben Tagen abheilen. Die Krankheit kann aber auch zu einer hämorragischen Dengue werden mit hohem Todesrisiko.

Überascht wurden die brasilianischen Gesundheitsbehörden im vergangenen Jahr durch das Auftreten eines neuen Virus, dem Zika-Virus, bisher unbekannt in Brasilien. Der Zika-Virus wurde 1947 bei Affen in Uganda festgestellt und ab 1951 bei Menschen in Asien, Afrika und Ozeanien. Die Übertragung erfolgt auch durch die Mücke Aedes Aegypti. Doch in den vergangenen Wochen kamen Meldungen vom Forschungsinstitut Osvaldo Cruz in Rio de Janeiro, dass man den Zika-Virus auch im Speichel und Urin nachgewiesen hat. Es wird auch vom Nachweis des Zika-Virus in Blutproben, Muttermilch und Spermatozoiden berichtet, eine mögliche Übertragung konnte jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Hauptüberträger bleibt der Aedes Aegypti. Obwohl eine Zika-Infizierung bei mehr als 80% der Infizierten symptomlos verläuft, kann es bei schwangeren Frauen schwere Folgen für die Neugeborenen haben. Der Zika-Virus ist mit hoher Wahrscheinlichkeit verantwortlich für Mikrozephalie bei Neugeborenen (Fehlbildungen bei Schädel und Gehirn).

Die WHO schätzt, dass ca vier Millionen Menschen in Lateinamerika an Zika erkranken werden, davon 1,5 Milionen in Brasilien. Aktuell stehen 4.107 Patienten unter Mikrozephalie-Verdacht in Brasilien (Zahl ändert sich täglich), 508 Fälle wurden bereits bestätigt, aber nur bei 67 Fällen wurde der Zika-Virus nachgewiesen. Bei weiteren 80 Todesfälle wird der Zusamenhang noch untersucht. Die Region Nordosten ist mit 82% der Fälle am meisten betroffen. Zika verbreitet sich fünf mal schneller als Dengue und 21 Bundesstaaten meldeten bereits Fälle von Mikrozephlie. Wegen der schnellen Verbreitung des Zika-Virus und der Zunahme von Mikrozephalie bei Neugeborenen hat die brasilianische Regierung Sondermaßnahmen zur Bekämpfung des Aedes Aegypti angeordnet und die WHO den Zika-Virus als Weltgefahr eingestuft.

Die Stechmücke Aedes Aegypti ist auch für die Übertragung des Virus Chicungunya veranwortlich, einer fieberhaften Erkrankung, die meistens harmlos verläuft. 2015 wurden in Brasilien 7.823 Fälle von Chikungunya-Fieber in 84 Städten registriert.

Brasilen rüstet sich im Kampf gegen die Mosquitos (Stechmücken). Es gibt zwei Arten von Mosquitos: Pernilongos oder Culex Quinquefasciatus und Aedes Aegypti.

Schmutziges Wasser dient als Brutstellen des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil
Schmutziges Wasser dient als Brutstelle des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil

Pernilongos sind nur halb so gross wie der Aedes Aegypti, ca 3-4mm, stechen in der Dämmerung und hauptsächlich nachts, um Blut zu saugen. Sie legen ihre Eier in schmutziges kontaminiertes Wasser, wie z.B. Abwasser. Ohne Wasser überleben die Eier nicht. Die Symptome bei Pernilongos sind Juckreiz und Hautrötung. Sie können auch die Wurmerkrankung Filariose (elefantiase) übertragen, die als nicht epidemische Krankheit eingestuft wird.

Der Aedes Aegypti ist fast doppelt so gross wie der Pernilongo, 5-7mm, und unterscheidet sich auch in der Hautfarbe: Er hat einen schwarzen Körper und Flügel. Er fliegt in niedriger Höhe, ohne den typischen Sum-Sum-Lärm der Pernilongos, ist wesentlich schneller und hauptsächlich morgens von neuen bis 13 Uhr aktiv. Er legt seine Eier in normales Wasser, hauptsächlich Regenwasser, Wassertümpel, Blumengefäse mit Wasser, Wasserdepots, die nicht abgedeckt sind, Swimmingpools, die nicht entsprechend versorgt werden, alte Autoreifen und nicht entsorgter Müll auf leerstehendem Grundstücke usw. Doch letzte Meldungen informieren über Nachweis von Larven des Aedes Aegypti in schmutzigem Abwasser.

Die Eier können bis zu 18 Monate in einem trockenen Ambiente überleben und bei Kontakt mit Wasser wieder aktiv werden. “Aedes Aegypte” sticht mit “lokaler Betäubung”, so dass der Stich unbemerkt bleibt, auch ohne Hautsymptome wie beim Pernilongo. Doch die Folge kann eine Übertragung von Zika, Chikungunya und Dengue sein, mit teilweise schweren Folgen wie hämorragische Dengue oder Mikrozephalie.

Verantwortlich für die jährlich steigende Zahl von Dengue und jetzt Zika und Chikungunya sind vor allem die prekären sanitären Anlagen (Abwasser- und Müllentsorgung, schlecht funktionierende Wasserdepots, leerstehende Grundstücke, die häufig als Müllablagerung dienen, Baustellen, die vielen Straßenlöcher mit Wasserpfützen, defekte Wasserabflüsse in Wohnhäusern und Wohnungen usw.) und eine wenig kooperationsbereite Bevölkerung im Kampf gegen den Aedes Aegypti. Hinzu kommen chaotische Zustände in der Gesundheitsversorgung. Viele Komunen sind finanziell überfordert, auch die Wirtschafts- Finanz- und politische Krise verschärft die Situation. Der Staat Amazonas wird bis Ende März seinen Haushalt für 2016 ausgegeben haben. Im Mato Grosso sind 90% der Städte pleite und wissen nicht, wie sie die Versorgung der Bevölkerung garantieren können. Viele Krankenhäuser sind total überfordert und teilweise herrschen extrem chaotische Zustände.

Soldaten gegen Mosquitos

Die brasilianische Bundesregierung hat für 2016 einen Betrag von 1,27 Millarden Reais (rund 300 Millionen Euro) zur Bekämpfung des Aedes Aegypti zur Verfügung gestellt und dieser Betrag soll noch erhöht werden. Es geht um die Ausbildung von Gesundheitsagenten, Aufklärung der Bevölkerung und Spritzaktionen gegen den Aedes Aegypti. Alle Gebäude und Grundstücke sollen systematisch abgesucht und die vorgefundenen Brutstellen des Aedes Aegypti vernichtet werden. Mit Unterstützung des Militärs – mehr als 220.000 Soldaten – sollen über drei Millionen Haushalte nach möglichen Brutstellen der Stechmücke abgesucht werden.

Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil
Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil

Hochkonjunktur hat die Industrie für Schutzmittel gegen Stechmücken. Die Preise sind erheblich gestiegen und trotzdem fehlt manchmal das Produkt. Es gibt Schutzmittel in Form von Sprays oder Lösungen, die vier bis zehn oder mehr Stunden wirken. Ein kleines Fläschen mit ca. 100 ml kostet in Cuiabá 25 Euro. Da bleiben die Armen auf der Strecke, da sie das Geld dafür nicht haben.

Ein weiteres Schutzmittel ist das Mosquitonetz. Das Olympische Komitee in Rio de Janeiro will eine eine Milliarde Reais für die Installierung von Moskitonetzen in den Olympiastadien ausgeben.

Auf jeden Fall ist der Zika-Virus eine Herausforderung für die brasilianischen Behörden und fordert eine schnelle Lösung, um die Folgen wie Mikrozephalie in Grenzen zu halten.Von Panik in der Bevölkerung kann man nicht sprechen. Große Sorge gilt den schwangeren Frauen und viele Frauen wollen vorerst auf eine Schwangerschaft verzichten. Eine Reihe von Freunden und Bekannten erkrankten an Zika-Virus, jedoch ohne größere Probleme. Viele Brasilianer können zwischen Zika und Dengue unterscheiden, und Dengue ist seit Jahrzenten bekannt.

Das Zika-Problem grassiert hauptsächlich in den Armenvierteln, wo häufig Abwassersystem und Müllentsorgung nicht funktionieren und die Menschen oft wochenlange Wartezeiten auf eine ärztliche Untersuchung in Kauf nehmen müssen. Hinzu kommt, dass der Zika-Virus eines von vielen Problemen ist, wie hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Krankenversorgung, zunehmende brutale Gewalt und vielem mehr.

Doch er bietet auch eine Chance: Zika wird das Bewusstsein der Bevölkerung für bessere sanitäre Einrichtungen und Müllentsorgung und auch die Kooperationsbereitschaft im Kampf gegen den Aedes Aegypti stärken.

Brasilien steckt tief in der Krise

Ich sitze bei fast 40° an meinem Schreibtisch, die Klimaanlage rattert gegen die Hitze. Brasilien, das vor kurzem noch wirtschaftlich aufstrebende Schwellenland mit sehr guten Prognosen für die Zukunft, wird von einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise erschüttert. Regierungsmitglieder, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsbosse sind in den größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes verwickelt. Der halbstaatliche Ölkonzern Petrobrás, eine der größten Ölfirmen weltweit, musste Milliarden Verluste verbuchen und bangte zeitweise um seine Existenz. Während weltweit die Benzinpreise fallen, steigen sie in Brasilien.

Fehlgeschlagene Wirtschafts- und Finanzpolitik, Strafverfolgung von einflussreichen Politikern und Wirtschaftsbossen haben das Vertrauen ausländischer Investoren beträchtlich beeinflusst und große Investitionen blieben aus. Die fünftgrößte Wirtschaftsnation der Welt fällt auf Position acht zurück.

Die Folge war und ist noch ein Ansteigen der Inflation auf derzeit über 10%, der Arbeitslosigkeit auf (offiziell) 8,7 % – bei Jugendlichen sogar auf 16%. Brasilien registrierte 2015 ein negatives Wachstum von 3,1%. Die Armut, die in den letzten Jahren rückgängig war, stieg wieder an. 50% der Ärmsten müssen mit 13% des Bruttosozialproduktes auskommen. Beim Index für menschliche Entwicklung verschlechtert sich Brasilien um 1,9% und belegt Rang 75 von 188 Ländern.

Die negative wirtschaftliche Entwicklung hat die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre neutralisiert und die sozialen Probleme verschärft. Sozialleistungen werden gestrichen, Gesundheitsprogramme befinden sich in der Krise, den Kommunen geht das Geld aus, es sind Rückschläge im Kampf gegen Abholzung und Rodung zu verzeichnen.

Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp
Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp

Obwohl Brasilien 12% des Trinkwassers unseres Planeten besitzt, hat der Klimawandel in den letzten Jahren zu einem bedrohlichen Wassermangel vor allem in der Region Südosten (in den Bundesstaaten São Paulo, Espírito Santo, Minas Gerais und Rio de Janeiro) verursacht und zu drastischen Rationierungsmaßnahmen für mehr als 80 Millionen Menschen geführt. Einige Wasserspeicher in dieser Region operieren unter dem Minimum und laufen Gefahr auszutrocknen.

Gewalt und Kriminalität sind eine ständige Bedrohung und Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Obwohl Brasilien in keinen Krieg verwickelt ist, ist die Sicherheitslage prekärer als in manchen Kriegsländern. Laut UNO-Bericht belegt Brasilien den 11. Platz unter den unsichersten Ländern weltweit, mehr als 55.000 Brasilianer verloren ihr Leben im vergangenen Jahr durch Gewalt. Städte wie São Luís in Maranhão und Cuiabá im Mato Grosso zählen zu den gefährlichsten in Brasilien.

Gewaltige Gesundheitsprobleme

Brasilien führt weiterhin die Leprastatistik mit 31.000 Neuerkrankungen jährlich an, betroffen sind davon auch mehr als 2000 Kinder. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Norden, Nordosten und Zentralwesten, wobei die Bundesstaaten Mato Grosso mit 3000 Neuerkrankungen und Maranhão mit 3400 Neuerkrankungen die Leprastatistik anführen. Die brasilianische Regierung investiert viel in die Lepraarbeit, unterstützt nationale Kampagnen, vor allem auch in Schulen, fördert Forschung und die Ausbildung von Fachkräften. Sie schätzt die Leprahilfswerke als wichtige Partner im Kampf gegen die Krankheit.

Tuberkulose mit 70.000 Neuerkrankungen, Dengue-Fieber mit 588.000 neuen Fällen, Malaria, Leishmaniose, und viele andere Erkrankungen belasten die Gesundheitsdienste der Kommunen. Schnell wird Lepra als Gesundheitsproblem vergessen. Es ist Aufgabe der Leprahilfswerke, Lepra nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn viele Länder von der Eliminierung der Lepra sprechen, haben wir den Kampf noch lange nicht gewonnen. Es besteht die Gefahr, dass Lepra plötzlich wieder verstärkt auftritt, wenn wir im Kampf gegen Lepra nachlassen.

Mehr zum Thema: