Alle Beiträge von Klara Beck

Klara Beck aus der Pfarrei St. Walburga, Nürnberg-Eibach, hat im Juni 2015 ihr Abitur gemacht. Seit Anfang September lebt sie in der Arche "La Borie Noble", einem Selbstversorgerhof in den Cevennen (Südfrankreich) und leistet dort einen Friedensdienst, organisiert von EIRENE e.V., dem Internationalen Christlichen Friedensdienst.

Borie Noble: Frankreich abseits des EM-Rummels

Der Winter auf der Borie Noble ist überstanden, meine Ängste, dass er sehr lang, kalt und einsam sein würde, sind nicht wahr geworden. Vom Holzsägen hatte ich zwar irgendwann genug, aber der Winter war hier, wie in Deutschland, sehr mild und dadurch hielt sich die Arbeit in Grenzen. Ab und an habe ich ein warmes Bad vermisst und mir gewünscht, einfach die Heizung aufzudrehen anstatt Feuer zu machen, aber dafür ist das warme Zimmer, hat man dann mal den Ofen eingeschürt, umso gemütlicher.

Das warme Baden habe ich nachgeholt, als ich im Januar eine Woche zu Hause war, um Familie, Freunde und Nürnberg wiederzusehen. Den Luxus, den ein ganz normales Reihenhaus im Winter zu bieten hat, wusste ich zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Außerdem habe ich mich – zu meinem Erstaunen – sehr gefreut, einfach wieder in Deutschland zu sein. Als ich aus dem TGV von Paris nach Augsburg ausstieg, hatte ich das Gefühl wieder zu Hause zu sein – merkwürdig, da ich noch nie zuvor in Augsburg war. Ich habe festgestellt, dass es stimmt: Man muss erst weggehen, um zu schätzen zu wissen, wo man herkommt. Beruhigend war außerdem das Gefühl, in Nürnberg noch alles an seinem Platz zu finden: Meine Eltern, einige meiner Freunde, meine Gemeinde.

Momentan ist die Borie Noble denke ich so schön wie nie im Jahr: Die ganze Natur geht auf, überall blühen wilde oder angebaute Blumen in allen Farben, die Bäume sind so strahlend hellgrün, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe. Vor ein paar Wochen haben die Vögel zu Beginn des Frühlings gesungen, inzwischen beginnen die Grillen den Frühsommer anzukündigen. Die Klänge, die mich hier den ganzen Tag begleiten, sind die Bäume, die Vögel, die Grillen und der kleine Fluss, der im Tal fließt. Zu Beginn des Frühlings habe ich meine Hängematte aufgehängt und viel meiner Freizeit damit verbracht, darin zu liegen, die Bewegungen der Bäume in Wind zu betrachten und den Vögeln zuzuhören.

Zu dieser Zeit im Jahr merke ich noch intensiver als zuvor, wie einem hier, in der Abgeschiedenheit, alle Sinne aufgehen! Dadurch, dass ich nur eine begrenzte Anzahl an Gesichtern täglich sehe, kein Internet und Fernsehen habe und nicht von Schriftzügen und Werbung umgeben bin, nehme ich die Informationen, die ich bekomme, viel besser auf. Ich schaue jedem Menschen, der mir begegnet, ins Gesicht, ich nehme die Natur mit ihren Gerüchen, Geräuschen, Farben und Formen viel tiefer wahr. Ich bin nach innen und außen viel offener, wachsamer. Wenn ich in einer Stadt bin, merke ich, wie ich erst eine gewisse Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit habe. Es sind zu viele Geräusche, Gesichter, Informationen, bis sich meine Sinne ein Stück weit verschließen und ich den normalen, schützenden „Tunnelblick“ entwickle. Zurück auf der Borie Noble höre ich erst wieder für einen Moment die Stille und atme in der unverschmutzten Luft tief durch.

Ab Januar waren wir hier nur eine kleinere Gruppe, weil keine Besucher kamen. Dadurch war es sehr ruhig und wir vier „longstagaire“ – Langzeitfreiwillige – sind ein eingespieltes Team geworden. Ich habe großes Glück, dass wir Freiwillige uns so gut verstehen, das ist wirklich wichtig, wenn man relativ isoliert in einer kleinen Gruppe lebt. Um Ostern herum setzte dann wieder mehr Trubel ein, es kamen mehr Freiwillige, außerdem meine und Rebeccas Familie, wir haben die Osterfeier vorbereitet und man konnte sich endlich wieder mehr draußen aufhalten.

Ostern wird hier einerseits sehr christlich begangen, andererseits wird auch als Ende des Winters gefeiert, das hier viel mehr Auswirkungen auf das ganze Leben hat als in der Stadt. Am Gründonnerstag gab es eine kleine Zeremonie zur Fußwaschung. Dabei hat jeder die Füße seines Nachbarn oder seiner Nachbarin gewaschen, es wurde gesungen, Texte gelesen und in der Runde Brot und Wein geteilt. Samstagabend war die eigentlich Osterzeremonie mit vielen Lieder und Texten, einem „Partage“ (ich habe dafür immer noch keine adäquate Übersetzung gefunden: im Rahmen eines kleinen Rituals teilt – wer will – seine Antwort auf eine persönliche Frage) zur Frage „Welche Saat möchte ich in mir aufgehen sehen?“ und einem Theater. Dieses zeigte die eher düsteren Persönlichkeiten der Ostergeschichte: Herodes, Pontius Pilatus, den Hohepriester – von mehreren engagées gut und interessant umgesetzt! Als kleine, positive Abschlussszene spielten die drei deutschen Eirene-Freiwilligen Lara, Rebecca und ich die Frauen, die das leere Grab finden und dem Engel begegnen. Das Proben – auf Französisch natürlich – und das Verkleiden als jüdische Frauen mit langen Röcken und großen weißen Tüchern um die Köpfe haben mit viel Spaß gemacht! Am Sonntag gab es dann Festessen mit Buffet, zu dem alle eingeladen waren, etwas beizutragen.

Allgemein habe ich Ostern tatsächlich viel mehr erlebt als in den Jahren zuvor. In denen habe ich zwar manche der Gottesdienste besucht und teilweise auch mitgestaltet, aber nie so gelebt und gefeiert wie hier. Die Freude und der Aufbruch, die von diesem Fest ausgehen – einerseits von christlicher Seite, andererseits das Ende des Winters – sind viel leichter zu erleben und greifbarer.

Inzwischen hat der Sommer Einzug gehalten, ich arbeite viel im Garten, ein Kalb wurde geboren… Bei meinen Arbeiten mache ich inzwischen genau das, was ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Die Hälfte der Zeit habe ich inzwischen feste, eher selbstständige Tätigkeiten: Einen Tag für die Gemeinschaft kochen, zwei Tage die Woche melken, meine Wäsche machen und seit Februar mit Rebecca zusammen die Hühner betreuen. Dafür muss ich sie füttern, ausmisten, die Eier einsammeln und kleine Reparaturen am Hühnerstall vornehmen, was mir alles viel Spaß macht. Mit den Hühnern haben wir auch endlich einen kleinen Sektor, in dem Rebecca und ich Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten können. Es ist zwar kein großer Aufgabenbereich, für mich aber trotzdem wichtig.

Die andere Hälfte meiner Woche helfe ich dort, wo es gebraucht wird, in den verschiedenen Sektoren mit. Im Moment bin ich viel im Garten, wo wir zum Beispiel vor ein paar Wochen mehrere tausend Zwiebeln gesteckt haben. Ich habe aber in letzter Zeit auch beispielsweise auf dem Bauernhof mit Kartoffeln gelegt, in der Bäckerei für eine große Lieferung Kuchen gebacken, den Kleiderfundus entrümpelt, Zimmer gekalkt, Holz für den Brennofen der Töpferei gemacht und vieles mehr …

Bei meiner Entsendeorganisation Eirene haben alle Freiwilligen in den Mitte ihres Dienstes ein Zwischenseminar, bei dem es darum geht, den Friedensdienst bisher zu reflektieren, eventuelle Probleme zu besprechen und zu überlegen, was man in den letzten Monaten noch erreichen oder ändern möchte. Ich hatte mein Seminar vor etwa einem Monat in der Nähe von Grenoble in einer anderen Arche nach Lanza del Vasto, St. Antoine. Dazu kamen alle Eirene-Freiwilligen aus Belgien und Frankreich, insgesamt 13. Im Programm, das wir viel selbst mitgestalten konnten, standen – neben dem oben schon Erwähnten –  beispielsweise auch der Terror in Frankreich und Belgien, unsere persönliche Entwicklung seit Dienstbeginn, Mitarbeit im Garten der Arche St. Antoine, Einzelgespräche mit meiner Betreuerin und mehr. Ich habe mich sehr gefreut, die anderen Freiwilligen von Eirene wiederzusehen und hatte großen Spaß in der Woche. Manche der Einheiten haben mir geholfen, verschiedene Aspekte meines Lebens auf der Borie Noble klarer zu sehen, und haben mir Ideen und Motivation mit in die letzten Monate gegeben. Das Seminar hat auch mein Gefühl verstärkt, von Eirene gut durch mein Auslandsjahr begleitet zu werden.

Für meine letzten dreieinhalb Monate auf der Borie Noble habe ich vor allem vor, den Sommer hier in Südfrankreich voll genießen, mich noch mehr im Garten zu engagieren und Pläne für nach dem Jahr zu machen. Ich weiß aber jetzt schon, dass ich die Lebensweise und die Natur hier sehr vermissen und traurig sein werde zu fahren.

Einfach und achtsam leben – Freiwilligendienst in Südfrankreich

Die Arche „Borie Noble“ ist eine Lebensgemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einfach und gewaltfrei zu leben. Sie liegt in Südfrankreich, 100 Kilometer von Montpellier entfernt, ein wenig in den Bergen. Neben dem Gemüsegarten und dem Bauernhof mit Kühen gibt es eine Hühnerzucht, eine Bäckerei und eine Käserei. Die Arche-Gemeinschaft besteht seit den 60er Jahren, Spiritualität und Religion spielen im Alltag eine wichtige Rolle.

Der Tag beginnt und endet zum Beispiel mit einem gemeinsamen Gebet, im Sommer im Freien, im Winter im Gemeinschaftssaal. Nach dem Morgengebet um 8.30 Uhr werden die Arbeiten für den Tag verteilt, wobei jeder Tag mit den „pluches“ (von frz. Eplucher = schälen) beginnt. Das bedeutet, dass alle Freiwilligen gemeinsam in der Küche das Gemüse fürs Mittagessen schnippeln, was in der Regel ziemlich gesellig ist. Wenn alles vorbereitet ist, bleibt der Koch des Tages alleine in der Küche, und die anderen Arbeiten beginnen. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, wenn das Wetter und die Temperaturen es zulassen, draußen unter einer wunderschönen, uralten Kastanie – ansonsten in der Küche. Nach der Mittagspause, in der ich hier tatsächlich des Öfteren Siesta halte, werden die Arbeiten des Morgens für etwa zwei Stunden fortgesetzt. Nach ein wenig freier Zeit wird der Tag mit dem Abendgebet um halb acht offiziell beendet. Im Sommer wird abends draußen um ein Feuer gebetet, was ich sehr genossen habe – und worauf ich mich jetzt schon wieder freue!

Vormittags wird hier einmal die Stunde die Glocke geläutet zum „rappell“, das bedeutet so viel wie Erinnerung, „sich-ins-Gedächtnis-rufen“. Dafür legen alle für einen Moment die Arbeit wieder, es wird sehr still, und jeder kommt zur Ruhe und besinnt sich seiner selbst und seiner Umgebung. Diese Momente sind mir hier bald sehr wertvoll geworden.

An diesen Tagesrhythmus hatte ich mich nach etwa einem Monat sehr gut eingewöhnt. Dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um mich körperlich an das Essen, das Klima und die Arbeit zu gewöhnen. Während ich im ersten Monat oft sehr müde war, hatte ich danach neue Kraft. Das war wohl auch der Moment, an dem ich das Gefühl hatte, tatsächlich angekommen zu sein.

Der Rhythmus der Borie Noble

Auch die Woche und das Jahr haben hier einen besonderen Rhythmus. Freitag ist hier beispielsweise traditionell ein Tag der Stille und des Fastens. Das habe ich schon ein paar Mal zum Anlass genommen, mir einen Schweigetag zu machen – eine sehr interessante und gute Erfahrung. Samstag ist ein kleiner Festtag, mittags gibt es Pizza, Apfelsaft und Wein (alles keineswegs selbstverständlich hier) und abends wird getanzt, Kreistänze aus aller Welt. Sonntag ist der einzige Tag der Woche, an dem kein einziges Mal die Glocke geläutet wird, wie sonst zum Essen, zu den Gebeten, zum „rappell“. Das heißt, es gibt keine einzige fixe Zeit, keinen vorgegeben Rhythmus. Nach der Woche mit ihren vielen festen Zeiten genieße ich es sehr, einfach zu tun, wonach mir der Kopf steht. Außer wenn man melken oder gießen muss, ist der Sonntag hier nämlich auch tatsächlich frei, ganz anders als in den letzten Schuljahren, wo es immer noch etwas zu lernen oder vorzubereiten gab. Das ist fantastisch!

Der Jahresrhythmus wird gegeben durch die vier großen Feste, die zu den Sonnwenden oder Tag-und-Nacht-Gleichen stattfinden: Weihnachten, Ostern, St. Jean (also Sankt Johannes) und St. Michel (also Sankt Michael). Die Feste markieren auch die Jahreszeiten. St. Michel wurde drei Wochen nach meiner Ankunft gefeiert, als Ende des Sommers und Erntedank. Dabei sind alle weiß angezogen, es gibt Texte, Lieder, Gebete, eine Zeremonie, viel gutes Essen und natürlich Tanz. Im Advent gab es jeden Samstagabend eine kleine Feier, bei der jede Woche ein Stück mehr die Krippe dekoriert wurde.

Meine Arbeit

Bis in den Herbst gab es viel Arbeit im Garten, da ich mitten in der Erntezeit angekommen bin. Das große Holzmachen im Wald beschäftigte uns im ganzen Winter. Im Moment gibt es vor allem viele kleine Dinge in der Küche und im Haus zu tun. Inzwischen ist es meine feste Aufgabe, einmal die Woche für die Gemeinschaft zu kochen – das ist ziemlich abenteuerlich für mich, schließlich sind wir meistens um die 25 Personen. Es macht aber auch wahnsinnig Spaß und ist meine zweitliebste Arbeit hier. Meine Lieblingsarbeit ist allerdings das Melken, was ich vier Tage in der Woche im Wechsel mit Rebecca, meiner Mit-Freiwilligen, mache. Dabei finde ich es schön, dass man die Kühe tatsächlich im Laufe der Zeit kennen und lieben lernt und eine gewisse Beziehung zu ihnen aufbaut. Außerdem helfe ich Salate und Tomaten in den Gewächshäusern aufziehen.

Bei all den Arbeiten hier lerne ich unglaublich viele neue, nützliche Fertigkeiten, das macht mir sehr viel Freude. Rebecca und ich haben im Gang zwischen unseren Zimmern eine Liste hängen, auf die wir alles schreiben, was wir hier zum ersten Mal machen – sie beinhaltet zum Beispiel Kühe von Hand melken, Sauerkraut kochen und einen Tag schweigen – die Liste ist schon fast zwei Seiten lang. Und sie ist noch lange nicht beendet!

Meine Freizeit und meine Mitmenschen

Meine Freizeit, also Abende und Wochenenden, verbringe ich mit den anderen „stagiaires“, den Freiwilligen. Außer einem Trupp von momentan sechs „longstagiaires“, die länger bleiben, gibt es hier auch viele Besucher, die nur zwischen einer Woche und einem Monat hier sind. Daraus ergeben sich immer wieder interessante Gespräche und Geschichten. Der schnelle Wechsel an Menschen kann aber auch ermüdend sein. Umso wichtiger ist die Gemeinschaft mit denjenigen, die länger hier leben. Die „engagées“, die festen Bewohner, treffe ich vor allem beim gemeinsamen Mittagessen, bei den Gebeten und bei gemeinsamen Arbeiten. Entgegen meiner Befürchtungen im Vorfeld laufe ich in keiner Weise Gefahr, einsam zu sein. Es fällt mir im Gegenteil manchmal schwer, mir Zeit für mich zu nehmen.

Im Alltag spreche ich viel Deutsch (mit Rebecca), Englisch (mit Freiwilligen, die kein Französisch können) und Französisch, was zu Beginn ein großes Chaos in meinem Kopf ergeben hat. Inzwischen habe ich gelernt, schnell zwischen den drei Sprachen zu wechseln. Allerdings gibt es vor allem in Französisch auch noch viel Spielraum nach oben, und ich lerne jeden Tag dazu.

Die Borie Noble liegt sehr abgeschieden, umgeben von wunderschöner Natur, die ich in meiner Freizeit gerne erkunde. Dabei findet man immer wieder tolle Trampelpfade und Plätze, wie ein kleiner Wasserfall oder die Quelle, aus der die Borie Noble ihr Wasser bekommt. Die Kehrseite der Abgeschiedenheit ist, dass man nur schwer in die nächste Stadt kommt. Ich fahre oft am Samstag mit dem Bus dorthin. Das ist dann auch die Gelegenheit, Internet und Handy zu benutzen – hier habe ich weder W-LAN noch Handyempfang. Das macht zwar die Kommunikation mit alten Freunden und der Familie schwieriger, ist aber ansonsten sehr angenehm. Ich merke, wie viel mehr ich im Hier und Jetzt lebe, seit ich so wenig Technik nutze.