Alle Beiträge von Johanna Schrödel

Johanna Schrödel ist Studentin der Psychologie und vertritt den BDKJ als Vorstandsmitglied auf Dekanats- und Diözesanebene. Im Rahmen ihres Studiums verbringt sie ein Auslandssemester in Lima und studiert dort an der Universität „San Ignacio de Loyola“.

Glaube im Alltag der Peruaner

„Jesus te amo“, „ Jesus – mi corazon”, „Regalo de Dios“ (Jesus ich liebe dich, Jesus – mein Herz, Geschenk Gottes) Zahlreiche Aufkleber mit Aufschriften wie diesen findet man überall in Lima. Der Rosenkranz am Rückspiegel des Autos gehört schon fast zur Standardausstattung jedes Taxifahrers und vor Weihnachten findet man in meinem Stadtteil überall Plakate mit der Aussage „Weihnachten beginnt im Herzen Jesus“.

Glaube ist hier im Alltag und in der Öffentlichkeit wesentlich präsenter als bei uns. Die meisten Stadtteile tragen den Namen eines Heiligen, genauso wie zahlreiche Schulen und öffentliche Einrichtungen. Über 80% der Peruaner sind katholisch und man stellt sich bei dem Gedanken an Peru oder Südamerika die Menschen wesentlich gläubiger und auch traditioneller in ihrer Religion vor als bei uns.

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Zu dem Bild mit den Toritos und dem Kreuz: Das findet man so auf zahlreichen Dächern in der Gegend um Cusco und dem Süden Perus. Der Stier steht wohl zum einen für die spanischen Eroberer, dass es zwei sind für die andinische Dualität. Gleichzeitig ist die Darstellung ein Symbol für die Einheit der Familie und soll in Verbindung mit dem Kreuz Glück und Segen für diese bringen. Die Darstellung der Maria findet man so in fast allen Kirchen mit einem dreieckigen weiten Mantel in Verbindung zur Pachamama.

Doch gerade unter den jungen Menschen in der Stadt scheint sich die Krise der katholischen Kirche auch hier in Peru abzuzeichnen – wenn vielleicht auch nicht ganz so stark wie bei uns. Unter meinen Mitstudierenden und peruanischen Freund/innen habe ich sehr wenige Personen gefunden, für die ihre Religionszugehörigkeit mehr bedeutet als vielleicht der Besuch von Gottesdiensten zu Familienfeiern aus Tradition – wenn überhaupt.

Kirche wird als etwas Großelterliches empfunden, manchmal vielleicht noch in der Elterngeneration verortet. Wenn man erzählt, dass der Glaube an Gott eine persönliche Bedeutung hat und dass „katholisch“ nicht nur eine leere Angabe auf dem Papier ist, wird man teilweise genauso ungläubig angeschaut wie bei uns.

Die viermal wöchentlich stattfindende Messe in der Kapelle meiner Universität wird vielleicht von 15 Studierenden besucht und auch in den regulären Gottesdiensten in der Stadt ist der Altersdurchschnitt eher hoch. Trotzdem kommen mir die Gottesdienste hier wesentlich lebendiger vor als bei uns und es ist keine Seltenheit, dass während der Messe applaudiert oder zur Musik mitgewippt wird.

Das ganze Jahr hindurch finden zahlreiche religiöse Feste statt, die meist von pompösen Prozessionen begleitet werden, wobei viele von ihnen an Feierlichkeiten erinnern, wie sie auch in Spanien begangen werden – vor allem die Semana Santa, die Osterwoche.  Gleichzeitig leben viele Bräuche andiner Naturreligionen und der Inkazeit im katholischen Glauben fort. So wird z.B. die Darstellung der „Mutter Gottes“ oft mit der der Pachamama, der „Mutter Erde“ vermischt, die in der Andenregion für die Menschen immer noch eine sehr große Bedeutung hat.

In manchen Kirchen findet man sogar Darstellungen der Stufen des Inkalebens, die durch Schlange, Kondor und Puma repräsentiert werden. Auch die kirchlichen Feste werden vermischt, wie z.B. das Inti Raymi in Cusco, das zu  Ehren der Sonne gefeiert und mit dem Johannesfest am 24. Juni verbunden wird.

Schön also, dass man auch im Bereich des Glaubens hier in Peru viel Neues entdecken kann und es aber gleichzeitig doch genug Gemeinsamkeiten gibt, um sich in der katholischen Kirche „auf der anderen Seite der Welt“ heimisch fühlen zu können.

Lima – die Stadt der Gegensätze

Lima ist keine typisch „schöne“ Stadt –  eher laut, schmutzig, chaotisch und fast das ganze Jahr von einer Dunstglocke umhüllt. Trotzdem habe ich in dem halben Jahr, das ich nun hier lebe, viel erlebt und habe einiges über die peruanische Kultur sowie die Lebens- und Arbeitsweise gelernt und wahrscheinlich noch viel mehr über meine eigene Kultur.

Man bekommt in Lima schnell das Gefühl, dass hier eine sehr strikte Trennung zwischen Arm und Reich herrscht – auch wenn beides räumlich sehr eng beieinander liegt – und während sich in den wohlhabenden Stadtteilen Fast-Food-Kette an Fast-Food-Kette reiht und man alle 20m einem Süßigkeiten- oder Eisverkäufer begegnet, freut man sich in den Randbezirken von Lima über fließendes Wasser und die kleinen Bodegas, in denen man das Nötigste kaufen kann. Auch Bildung ist extrem abhängig vom Geldbeutel der Eltern und der Name der Universität bestimmt zu großen Teilen den späteren Berufserfolg. In einem Kurs zur Personalauswahl beispielsweise, den ich an der Uni besucht habe, wurde uns immer wieder erläutert, Absolventen welcher Privatuniversitäten man für bessere Positionen einstellen könne und welche lieber gleich auszusortieren seien.

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An der Uni, an der ich studiere, liegen die Studiengebühren – je nach Einkommen der Eltern weiter ansteigend – bei einem Mindestbeitrag von 1400 Soles (ca.370 Euro) im Monat. Die meisten Studierenden leben dafür während des Studiums noch zu Hause bei ihrer Familie und ziehen meistens erst (wenn überhaupt) zur Hochzeit oder nach Erreichen finanzieller Unabhängigkeit aus. Allgemein habe ich den Eindruck, dass Familie hier eine sehr viel größere Bedeutung hat als bei uns, oft leben mehrere Generationen unter einem Dach und wenn nicht, so besuchen sich die Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen und was noch alles so dazugehört, ziemlich oft oder treffen sich bei den Großeltern.

Viele Studierende an meiner Uni äußern sich oft eher negativ über Menschen, die in ärmeren Stadtteilen leben oder an öffentlichen Universtäten studieren und deklarieren alles mit Armut konnotierte als „gefährlich“. Tatsächlich ist Kriminalität kein unbedeutendes Problem, vor allem bewaffnete Überfälle passieren häufig. Trotzdem denke ich, man sollte es sich nicht ganz so einfach machen und alles in die gleiche Schublade stecken. Solange man sich an bestimmte Regeln hält (z.B. nicht alleine Taxi fahren, nachts einsame Straßen meiden oder seine Wertsachen nicht offen vor sich herzutragen) lernt man auch ziemlich schnell damit umzugehen.

Was man außerdem in Peru ziemlich schnell lernt ist Geduld. Egal ob im Supermarkt, bei der Bank oder im Bus  – man hat das Gefühl, alles dauert unglaublich lange. Und wenn man sich mit einem peruanischen Freund verabredet, kann es schon mal sein, dass man 2 Stunden wartet. Ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, ist es allerdings auch ziemlich schwer einzuschätzen, wie lange man braucht. Für die Strecke von meinem Wohnheim zur Uni bin ich beispielsweise je nach Verkehrslage zwischen 25 Minuten und mehr als 1 ½ Stunden unterwegs. Dementsprechend gibt es auch keinen Fahrplan, sondern kleine Busse, sogenannte „Mikros“, die man an der Straße anhält und in denen immer ein Busfahrer sowie ein Fahrkartenverkäufer (der gleichzeitig die Haltestellen ausruft und die Tür öffnet, wenn jemand aussteigen möchte) mitfahren. Wenn der Bus allerdings zu voll ist um die Tür zu schließen, stört es auch niemanden mit offener Tür zu fahren, genauso wenig wie mitten auf der Straße auszusteigen. Es scheint aber, als wäre das Einhalten von Regeln und Gesetzen ohnehin nicht so wichtig, was wohl leider auch an der Unzuverlässigkeit und hohen Bestechlichkeit der Polizei liegt. Vor allem die Teilnahme am Straßenverkehr ist deshalb oft lebensgefährlich (überholt wird z.B. von beiden Seiten und eine grüne Fußgängerampel bedeutet nur, dass die Fahrer von links gerade rot haben, nicht aber, dass man keine kreuzenden Autos zu befürchten hat).

Aber trotz Chaos – oder vielleicht gerade deswegen – kommt mir das Leben hier in Lima auch wesentlich lebhafter vor als in Deutschland. Die vielen Straßenverkäufer preisen lautstark ihre Produkte an, Autos hupen, der Busfahrer fängt an die Musik aus dem Radio lautstark mitzusingen, oder die Menschen in der Bar stehen plötzlich auf und fangen an Salsa zu tanzen. So viel gefühlte Lebensfreude kann richtig ansteckend sein und einem selbst die schlechten Tage ziemlich schnell wieder aufheitern. Der manchmal vorhandene Mangel an deutscher Effizienz und Pünktlichkeit wird somit durch peruanisches Temperament und Herzlichkeit wieder ausgeglichen und macht einem dann doch gar nicht mehr so viel aus.