Alle Beiträge von Isidor Vollnhals

Dompropst Isidor Vollnhals ist Generalvikar der Diözese Eichstätt.

Exit im Glauben: als Willibald sich für „leave“ entschied

„Niemand ist eine Insel“ – England schon, in seiner ganzen Geschichte! Und doch kamen aus England die Missionare zu uns, auf den Kontinent. Willibald und seine Gefährten sind Menschen eines „Exit“ – eines Herausgehens aus ihrem Land. Willibald hätte mit „leave“ gestimmt: mit „verlassen“, aber anders als die Brexit-Befürworter! Die eigene Heimat, die Insel verlassen, um auf den Kontinent zu gehen, um „aufzubrechen im Glauben“.

Nicht „remain“, nicht unter sich bleiben auf der Insel, war das Motiv, sondern: „leave“ – verlassen, die Heimat, die Insel, um zu evangelisieren; auf Wunsch des Papstes in unserer Heimat. Alle Missionare von der Insel – angelsächsische, irische, schottische – gaben damit dankbar zurück, was sie selber als Geschenk bekommen hatten: die beglückende Erfahrung, dass der Glaube an Christus zur Weitergabe drängt. Aufbrechen und reisen, das war damals alles andere als bequem für Willibald und Gefährten. Statt der heute schnellen Fahrt mit dem „EuroStar“ durch den Channel-Tunnel war die Überfahrt damals eher vergleichbar heutigen Flüchtlingsbooten. Doch, Willibald brach auf im Glauben, weil er eine Botschaft hatte und diese Botschaft leben wollte.

Und auch das, was er vorfand, schreckte ihn nicht: nur ein kleines Marienkirchlein fand er vor, keine Stadtverwaltung und auch kein Ordinariat! Auch das Zusammenleben mit den indigenen Stämmen, den Bajuwaren, Franken, Schwaben – es war nicht einfacher als in der heutigen transkontinentalen Völkerwanderung; die gleichen Probleme mit: Sprache, Mentalität, Kulturen; überkommene Glaubensreste, mit heidnischen Kulten vermischt. Willibald, der Missionar, er führte geduldig, über Jahrzehnte, zusammen, und machte damit deutlich: Die Kirche Jesu Christi ist kein Club von Einheimischen, die unter sich bleiben wollen. Kirche ist Gemeinschaft, über jede soziale, abstammungsmäßige Schranke hinweg! Die Kirche Jesu Christi kennt keine Fremden; in Jesus Christus sind alle zur Einheit und zur Gemeinschaft berufen. Ein Getaufter, der sich abschotten will, der sein Gruppen-Ego bedienen und sich auf eine eigene Insel zurückziehen will, der hat das Evangelium nicht verstanden. Und einer solchen Haltung muss auch jeder Verkünder des Evangeliums entgegentreten – so wie es Willibald auch bei unseren Vorfahren immer getan hat. Über vier Jahrzehnte hat Willibald hier standgehalten, er ist als erster Bischof „geblieben“.

„Remain – bleiben“: im biblischen Verständnis, besonders im Johannes-Evangelium, heißt das für jeden Getauften: bei Jesus bleiben, mit ihm in innerer Verbindung stehen – „Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch“!

„Aufbrechen im Glauben“: Wie steht es überhaupt mit der Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, ausgetretene Pfade zu verlassen? Haben wir, so sagen wache Beobachter, in unserer Gesellschaft heute nicht eine ganz andere Bewegung? Überzogene, ja, irrationale Ängste machen sich breit und führen zum Rückzug vieler in private Sicherung und Abschottung, wegen vermeintlicher Bedrohung durch alles, was fremd ist. Willibald und die Glaubensboten kamen als Fremde zu Fremden, allein mit der Botschaft, dass alle in Jesus Christus eine Gemeinschaft werden können. Eine Gemeinschaft, die Eigenheiten und Unterschiede nicht einebnet, sondern nutzen will zum Wohl aller. Aufzugeben, zu verlassen haben wir freilich, im Sinne Jesu, das Kreisen um uns selbst, um unser Ego, das sich gerne, sich selbst genügend, auf eine Insel zurückziehen möchte.

Dass diese Botschaft zu allen Zeiten verstanden wurde, das zeigt die Meditation eines Mannes, der über 700 Jahre nach Willibald ebenfalls in England lebte. Es ist der anglikanische Priester John Donne; er galt als einer der gewandtesten Prediger seiner Zeit. Er starb im Jahr 1631 als Dekan von St. Paul’s in London.

Zwei Wendungen aus dem Werk Donnes fanden Eingang in die Populärkultur, nämlich das sprichwörtliche „Niemand ist eine Insel“, das Thomas Merton und Johannes Mario Simmel als Buchtitel wählten, und „Wem die Stunde schlägt“ als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt, sie schlägt dir selbst.“ (aus: Wikipedia, John Donne).

„No man is an island – Niemand ist eine Insel, in sich ganz“ – leave or remain – verlassen oder bleiben: Willibald verließ die Insel, ging aufs Festland und blieb, bis ihm die Stunde schlug in Eichstätt. Leave and remain – loslassen, aufbrechen und bleiben: Willibald lädt uns ein, den anderen Weg zu gehen – Aufbrechen im Glauben!

Dieser Blogbeitrag basiert auf der Predigt von Generalvikar Isidor Vollnhals bei der Pontifikalvesper zum Tag der Mitarbeiter(innen) im Rahmen der Willibaldswoche am 6. Juli 2016 im Eichstätter Dom

Star Wars und Pfingsten

Zwei Meter hoch, furchterregend, so steht er in der kleinen Olympiahalle in München: Darth Vader, die Verkörperung des Bösen, in der Ausstellung „Star Wars Identities“, ab Pfingstsamstag (14. Mai). Der Filmemacher George Lucas schafft in „Star Wars“ eine Welt von mythischer Strahlkraft, mit dem „Kampf zwischen Hell und Dunkel, Vater und Sohn, Natur und Technik, West und Ost“. Der Autor bediente sich ganz bewusst „der großen Erzählungen unserer Kultur, reicherte sie mit Westernelementen und einem Schuss asiatischer Spiritualität – und schuf so ein postmoderne Epos von bleibender Faszination“. (Star Wars – Der Mythos unserer Zeit, Philosophie magazin, Sonderausgabe 5. November 2015).

Die aktuelle Ausstellung „Star Wars Identities“ in München konfrontiert den Besucher mit diesen Fragen. Angesichts des acht Meter langen interstellaren Raumschiffes („podracer“) und entlang an rund 200 Exponaten kann man an interaktiven Stationen, mit Kopfhörer und Armband, 10 Fragen zur eigenen Identität beantworten:

Etwa: Mit welchen Genen bin ich auf die Welt gekommen und wie wurde ich erzogen? Wie werde ich beeinflusst? Welche Werte vertrete ich? Wie würde ich mich in Gefahrensituationen verhalten? Auf welcher Seite stehe ich: auf der guten oder auf der dunklen Seite der Macht?

Das Armband speichert meine Entscheidungen an den Stationen und sagt mir am Ende, ob nicht doch die dunkle Seite der Macht, also Darth Vader, meine Identität bestimmt!

Sollte man das vielleicht eine säkulare Gewissenserforschung nennen, angesichts der Faszination des Bösen?

„Die Macht des Bösen banne weit“, so singt die Kirche im Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus – Komm Schöpfer Geist“!

Doch wie soll das gehen: das Böse in der Welt, in uns, bannen?

Leben heißt: sich entscheiden! In Star Wars wird dies erlebbar an Anakin und Luke Skywalker. Beide, Vater und Sohn, müssen wählen, zwischen der dunklen und der lichten Seite.

„Verführerisch ist der Ruf der dunklen Seite, denn sie verspricht grenzenlose Macht. Der junge Anakin Skywalker (der Vater) verfällt ihr und wird so zu Darth Vader. Der Seelenkampf zwischen Gut und Böse ist eine existenzielle Grundfrage, die Philosophen von Augustinus bis Heidegger umtrieb. Entscheidend bleibt dabei der Umgang mit ureigensten Ängsten. Wie Meister Yoda weiß: Furcht ist der Pfad zur dunkeln Seite“ (Philosophie magazin, S. 53). Luke Skywalker, der Sohn, widersagt und widersteht der dunklen Macht.

Manches in den Star Wars-Filmen erinnert an den Apostel Paulus – etwa die Lichtschwerter. Im Römerbrief (13,12) heißt es: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.

Die „Waffen des Lichts“ beim Apostel Paulus sind keine Lichtschwerter und auch keine Laserwaffen! Die Waffen im Kampf von Getauften und Gefirmten, so sagt Paulus, sind von anderer Art. Er beschreibt das schön im Epheser-Brief (6, 11-20):

„Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf zu beten! Betet jederzeit im Geist, seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich.“

„Das Schwert des Geistes – gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“: Das ist nicht die „Force“ in Star Wars („eine Kraft, die alles durchwaltet und mit deren Hilfe ganze Raumschiffe durch reine Konzentration aus dem Sumpf gezogen werden können“).

Die „Force“, die Kraft des Heiligen Geistes – sie ist allgegenwärtig, unsichtbar, lebendigmachend. Und diese Kraft ist an ihren Früchten zu erkennen: „Die Früchte des Geistes sind Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22).

Die Kraft des Heiligen Geistes: Das ist nicht der Wille, die Kontrolle über die Welt zu gewinnen, sie ist vielmehr die Fähigkeit, im Einklang mit dem Schöpfergeist von innen heraus die Welt zu gestalten und so zum echten Skywalker, zum „Himmmelsgeher“ zu werden!

„Veni Creator Spiritus – Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“!

Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes ist Absage an Darth Vader. Pfingsten ist Befähigung zum Widerstand gegen eine dunkle Identität in uns:

„Die Macht des Bösen banne weit,
schenk deinen Frieden allezeit.
Erhalte uns auf rechter Bahn,
dass uns kein Unheil schaden kann! “ (Gotteslob 342,5)

Video: Was feiern wir an Pfingsten?

„Generation Beziehungsunfähig“ contra „Der unbesiegbare Sommer in uns“

Zwei neue Bücher liegen vor mir: Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“ (vor der Veröffentlichung schon in 2. Auflage) und Nina Ruges „Der unbesiegbare Sommer in uns (in neuer, 4. Auflage).

Michael Nast, „Sprachrohr seiner Generation“ (so sein Verlag), dem bei seinen Lesungen (meist im Audimax der Unis) junge urbane Singles zu Tausenden lauschen, hat seinen Netz-Artikel zu einem Buch mit gleichem Titel ausgebaut. Der literaturbewanderte 40-jährige Single, Buchhändler aus Köpenick, spricht seinem zu 90 Prozent weiblichen Publikum aus der Seele. Mit der Formel „Ich kann nicht, ich bin beziehungsunfähig“, legt er ein Bekenntnis ab über seine emotionale Unzulänglichkeit. Zu kompliziert sei das zeitgenössische Ich, um sich einem Leben in Partnerschaft auszusetzen. Die „Flexibilisierungslogik der Arbeitswelt“ verlange ein entsprechend kühles Kalkulieren auch im Privatleben. Es bleibe eine Unzufriedenheit von immer nur potenziell einander Liebenden. Und diese bilden die Anhängerschaft dieses „charismatischen Wanderpredigers der Beziehungsunfähigkeitslehre“, eines „Suchenden, der zu Suchenden spricht“ (ZEIT 18.02.16). Für ihn ist am Ende immer „das System“ schuld an der emotionalen Verkorkstheit der jungen Erwachsenen.

Nasts Lösungen? Die Ehe als herkömmliche Antwort, als Beziehungsform, die „ja religiös geprägt“ sei drohe sich aufzulösen. Man wage dafür keinen Einsatz mehr, weil man Verletzungen vermeiden wolle. Gegen diesen Egotrip verweist Nast auf den Schriftsteller Jonathan Franzen: „Mein Herz sagt es mir, und mein gesunkenes Maß an Selbstsucht liefert verlässliche Beweise dafür“. Es sei die Liebe, die den Impuls auslöst, ein „besserer Mensch zu werden“ und damit „die Selbstsucht zu überwinden“.

Neue Anfänge lägen in uns, mit ihnen beginne die Veränderung, so endet Nasts Buch.

Neue Anfänge – wie das aussehen könnte, das zeigt Nina Ruge in ihrem sehr persönlichen Buch „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Die bekannte TV-Moderatorin versteht ihr Buch als „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“. Die ehemalige Studienrätin für Biologie und Deutsch sieht sich als „Mitglied der modernen Wissensgesellschaft“ und ist zugleich dankbar, dass sie „die tiefe Bewusstheit für das Geschenk des Lebens“ entdeckt hat. „Seit mehr als 40 Jahren befinde ich mich auf einem anderen Weg. Ich preise das Geschenk unseres Verstandes und trainiere mich zugleich in einem neuen Bewusstsein“. Nach der Angstphase ihrer Kindheit und nach der Pubertät erfuhr sie die Kraftquelle in sich selbst, die durch Worte nicht erreichbar ist, weil sie auf einer anderen Ebene als der des Verstandes wohnt. „Letztlich haben alle Religionen das zum Ziel: uns die Tür zu dem zu öffnen, was der Verstand nicht zu fassen weiß“. Jenen Ort intensiver Kraft nennt sie den unbesiegbaren Sommer, nach der Metapher von Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter entdeckte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Solches Entdecken, das ständiges Üben erfordert, ist eine „mühsame Reise ins Innere der Liebe“. „Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“

In Ruges Reiseführer ist besonders bemerkenswert das Kapitel 13 (S. 167 – 181), mit der Überschrift: WAS IST LIEBE – UND WENN JA, WIE VIELE?) Und als Untertitel:
„Ihr seid das Licht für die Welt“ (Mt. 5,15).

Angesichts einer Riesenpalette verschiedener Spielarten von Liebe auf dem Markt der Gefühle im 21. Jahrhundert fragt Ruge nach einem „Quell für Liebe, und wenn ja – wo entspringt er?“ Die „Erretter – Liebesvorstellungen der Hollywood- und TV-Schmonzetten“ (à la Pretty Woman und Rosamunde Pilcher) sind für Ruge „großartige Lehrstücke darüber, was die Essenz der Liebe gerade nicht sein kann“.

Gibt es, so fragt sie, vielleicht Formen von Liebe, die weniger in Abhängigkeit von außen stehen. Und sie antwortet: „Vielleicht solche, die aus uns selbst kommen. Zum Beispiel die, von der uns das Johannesevangelium erzählt? Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.

„Die Scarlett-Julia-Liebe hat mit der Bibel-Liebe nichts zu tun, oder? Jawohl, dieser Meinung bin ich (weitgehend)“. Ein starkes Bekenntnis von Nina Ruge – und sie belegt es aus ihren Erfahrungen mit Menschen –„ich fürchte, es sind nicht so sehr viele -, die tun alles mit Liebe.“

In solchen Menschen finde das Ego einfach keinen Nährboden! Und sie verweist auf Meister Eckhart (der vor 700 Jahren auch in Köln gepredigt hatte): „Der wahrhaft Liebende liebt Gott in allem und findet Gott in allem.“

Und Nina Ruge fragt weiter, „was uns denn überhaupt liebesfähig macht, im Sinne von Johannes und Meister Eckhart natürlich“.

„Durch den unbesiegbaren Sommer in uns“, also „aus dem klaren und permanenten Bewusstheit für das Wunder des Lebens in uns und um uns herum“, lautet die Antwort. „Diese Bewusstheit ist nicht Liebe. Aber aus ihr heraus sprudelt sie.“

Ruge nennt diese Bewegtheit im Anklang an den Zen-Buddhismus ihr Satori, eine Art befristete Erleuchtung, empfunden als Befreiung vom Ich und vom Diktat der Zeiten. Von Gotteserfahrung mag sie nicht sprechen, „weil die Vokabel zu verquer aufgeladen ist“.

Aus dieser Erfahrung entstehe eine „unerschöpfliche, unzerstörbare Liebe zu allem, was ist“. Wer in diesem Bewusstsein lebt, der fragt nicht: „Wo kriege ich Liebe her?“, weil er weiß, dass diese Frage einer der größten Irrtümer überhaupt über die Liebe ist.

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„Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“ (Nina Ruge). Foto: Patrick Marty / cc0-gemeinfrei / pixabay.com/pfarrbriefservice.de

1:0 für Nina Ruge, mit Gruß an Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“!

„Wenn wir sie vermessen wollen, die Liebe unseres Partners, dann verlieren wir uns.“

„Wenn keiner den anderen retten muss, verlieren Liebesgeschichten ihren tragischen Charakter.“

„Wo wir den starken Quell der Liebe in uns selbst entdecken, dann, ja dann wird Liebe zwischen zwei Menschen auf einer ganz anderen Ebene möglich.“

Und wie öffnet sich für Nina Ruge das Portal zum unbesiegbaren Sommer in uns? Indem wir ein Bewusstsein für die Heiligkeit und Kraft des Seins als zweite Wahrnehmungsebene in den Alltag einbeziehen.

Wie gelingt das Nina Ruge?

„Wenn ich nachfühle, mit welcher Bestimmtheit ich meine Umwelt betrachte (und sei es die Rose in meiner Badezimmer-Vase), dann weiß ich auch, wie es um meine Portale in Richtung unbesiegbarer Sommer steht. Keine liebevolle Bestimmtheit – kein offenes Tor. Ein Seismograph mit Namen Herzlichkeit.“

Kennen wir das nicht von Ignatius von Loyola? „Gebet liebender Aufmerksamkeit“ nennt er das in seinen geistlichen Übungen.

In den Schlusssätzen ihres Liebeskapitels spricht Nina Ruge vom „gravierenden Irrtum unserer Zeit, dass Liebe auf wenige Menschen zu beschränken sei und vor allem, dass sie auf der Haben-Seite verbucht wird. Es geht darum, Liebe zu GEBEN, umfassend und immer, mal mit hoher Frequenz, mal mit niedriger“.

Nina Ruges „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“ – eine dringende Lesempfehlung für die „Generation Beziehungsunfähig“!

Michael Nast, Generation Beziehungsunfähig, Edel Verlag (14,95 Euro)

Nina Ruge, Der unbesiegbare Sommer in uns, Kailash Verlag (17,99 Euro)

Terrorismus und Weihnachten – Bethlehem contra Religionsfanatismus

Jürgen Habermas zu den Terroranschlägen in Paris: Der Dschihad benütze zwar religiöse Muster, habe aber nichts von einer Religion. Der Dschihad sei eine „absolut moderne Reaktionsweise auf Lebensumstände der Entwurzelung“ (Süddeutsche Zeitung vom 23.11.15).

Mit dem gleichen Begriff ENTWURZELUNG beschreibt die jüdische Philosophin Simone Weil (1909-1943) die geistige Situation der 20er und 30er Jahre. Simone Weil, in Paris geboren, in ihrer Jugend für die Weltrevolution kämpfend, als Arbeiterin bei Renault die Entwurzelung der Arbeiterklasse erfahrend, erkennt hellsichtig die Gefahr des Faschismus („die Deutschen, 1933 ein Volk von Entwurzelten“). 1943, mit 34 Jahren, stirbt sie im englischen Exil („ich liebe den katholischen Glauben, aber nicht die Kirche“).

Ihr letztes Werk „DIE VERWURZELUNG“ erscheint mit einem Vorwort von Albert Camus. Darin schreibt sie:
„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Verwurzelung. Foto:  Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de
Verwurzelung. Foto: Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de

„O radix Jesse – O Wurzel Jesse“ –so singt die Liturgie der Kirche in der  „O-Antiphon“ zur Vesper am 19. Dezember: „O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!“

Ein Bild der unerschütterlichen Hoffnung: ein umgeschlagener Baum, seine Wurzelkraft bleibt, er treibt immer wieder neu aus! „Kommen wird der Sproß aus der Wurzel Isai“, so zitiert der Apostel Paulus (im Römerbrief 15,12) den Propheten Jesaja (11,1).

Weihnachten sagt: Verwurzelt sein in der „Wurzel Jesse“, im Kind von Bethlehem: das erfüllt das „wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“ (S. Weil).

Durch dieses Kind von Bethlehem verwurzelt sein in Gott – das ist auch heute das Heilmittel gegen die Krankheit der Entwurzelung. Verwurzelung in Gott geschieht aber nicht in religiösen Gewaltfantasien – Bethlehem ist die Antwort auf den absurden Terror in Paris –, sondern in der Liebe.

„Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (so in der 2.Lesung der Christmette aus dem Titusbrief 3,4).“Es herrscht das Absurde, aber die Liebe errettet“ (Albert Camus). Im Vorwort zu „DIE VERWURZELUNG“ bestätigt Camus Simone Weils „Antiterror-Programm“: „Es scheint mir unmöglich zu sein, sich eine Wiedergeburt Europas vorzustellen, welche die von Simone Weil definierten Forderungen unberücksichtigt ließe.“