Alle Beiträge von Hans Eigner

Bruder Hans Eigner wurde 1956 in Laibstadt (Heideck) im mittelfränkischen Landkreis Roth geboren. Nach Abschluss eines Studiums als Bauingenieur und zweijähriger Arbeit in einem Ingenieurbüro in Stuttgart war er ab 1984 gut drei Jahre als Missionar auf Zeit in Kariobangi, einem Elendsviertel von Nairobi/Kenia tätig. Nach weiteren zwei Jahren Tätigkeit als Bauingenieur in Deutschland trat er in das Noviziat der Comboni-Missionare in Mellatz ein und legte 1990 seine Profess ab. Von 1998 bis 2005 war er erneut in Kenia, aber auch für bestimmte Projekte in befreiten Gebieten des Sudan im Einsatz. Seit 2014 ist er im Südsudan tätig.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund – ein Friedenszentrum im Südsudan

Der junge Staat Südsudan hat eigentlich nicht angefangen ein Staat zu sein.  Die schweren Kämpfe vor wenigen Wochen in Juli haben wieder gezeigt, dass dieses Land ein Eldorado von Krieg-Machern, prinzipienlosen Opportunisten und machthungrigen Politikern ist. Ich komme gerade zurück aus einem der Flüchtlingscamps. Versorgung, Hygiene und Hunger sind schlimm. Größer aber sind der Ärger, die erfahrene Willkür und die Perspektivlosigkeit. Auch wir spüren das. Schon am Eingang des Camps, wo Regierungssoldaten uns hindern und nicht verstehen können, dass wir Menschen helfen und mit ihnen beten, die es doch besser gar nicht gäbe.

Flüchtlingscamp im Südsudan

Die Politiker in diesem Land haben nicht verstanden, dass jeder Mensch zum Leben ein Minimum an Sicherheiten braucht. Es kann und darf nicht sein, dass das, was man/frau sich tagsüber mühevoll erarbeitet hat, nachts dem Raub und Diebstahl ausgesetzt ist. Die Regierung hat nicht ansatzweise einen Sinn für einen Rechtsstaat und für das Gemeinwohl entwickelt. Gesetzlosigkeit und militärische Arroganz bestimmen das Bild der Hauptstadt Juba. So ist es verständlich, dass die Menschen sich mehr auf ihren Stamm als auf die Regierung verlassen. Das Ergebnis ist ein Land, das entlang der Stammeslinien zerfällt. Die Elite an der Macht hält sich dabei maßlos schadlos.

In diesem Kontext haben die 46 Orden im Land entschieden, ein Zentrum zur Förderung des Friedens und der Behandlung von Traumata in Kit nahe der Hauptstadt Juba zu erstellen. Das „Good Shepherd Peace Center“ wird am 15. Oktober eingeweiht und wird menschliche und spirituelle Werte fördern, die so sehr in den Jahren der Kriege gelitten haben. Das Zentrum setzt genau da an, woran das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte und mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung. Mit den Kriegsveteranen, die arrogant sind und den korrupten Politikern, für die niemand etwas zählt, der nicht zu ihrem Stamm oder Intrigen-Club gehört, ist kein „Staat“ zu machen. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan vorschlagen. Bei allem Dunklen finden sich immer wieder Menschen, die nicht der Rauigkeit der Gesellschaft zum Opfer gefallen sind. Sie sind wie Blumen unter den Dornen und ich freue mich über die Würde, die sie ausstrahlen. Sie helfen mir selbst in meinem Missionarsein und sie sind Anknüpfungspunkte für eine bessere Gesellschaft. Sie zu fördern ist oberstes Ziel.

Good Shepherd Peace Center   img_4366

Die Leitung des Zentrums werden Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten und es werden regelmäßig Exerzitien für Ordensleute und Laien angeboten werden.

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Das Projekt in Kit ist 15 Kilometer entfernt von Juba und verkehrsmäßig gut angebunden. Auf dem ehemaligen Land der Comboni-Missionare, heute unter dem Bischof, hat das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für rund 120 Personen einen idealen Platz gefunden. Das Zentrum liegt am Fluss Kit, kurz bevor er in den Nil mündet. Die Gegend ist landschaftlich sehr ansprechend und friedlich, obgleich dort viel Schlimmes in den Jahren des Krieges (nach 1983) zwischen dem Norden und dem Süden passiert ist. Kit war für viele Jahre die Kampfeslinie zwischen der Südsudanesischen Befreiungsarmee und der damaligen Regierung von Khartum, die Juba immer besetzt hatte. So wird mit Gottes Hilfe an einem Ort des Krieges der Friede keimen, der eine wahrhaft menschliche Entwicklung möglich macht. Möge Gott seinen Segen dazu geben.

Eine ganz andere Mission

Als mein Vater im Sterben lag, informierte ich meinen Provinzial hier im Südsudan und ich war überrascht von seinem spontanen Vorschlag, doch sofort nach Hause zu fliegen. „Das ist jetzt deine Mission und zwar eine besondere“. Diese Worte hat er mir noch mit auf den Weg gegeben.

Es hat interessanterweise nicht lange gedauert und ich war bei meinem Vater. Die ganze Reise, quasi unerreichbar, habe ich mich gefragt, ob ich ihn noch lebend antreffen würde. Bei ihm angekommen, waren dann seine ersten Worte: „Gott sei Lob und Dank“. Vielleicht hat er auf den Sohn gewartet, der, neben den anderen vieren, in unerreichbarer Entfernung lebt?

Neun Tage konnte ich noch meinen Vater begleiten und mithelfen, ihn zu pflegen. Er wollte nicht mehr ins Krankenhaus. Das Herz war sehr, sehr schwach und sein Atem schwer. In diesen Tagen habe ich eine neue und tiefere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Darüber bin ich froh und dankbar.

Mein Vater war kein besonders frommer Mann. Eher ein Mann mit Prinzipien. Es war für ihn klar, dass man sonntags in die Kirche geht und zu Tisch betet. Das tiefere Beten, so habe ich den Eindruck, hat er mit seiner Hoffnung auf den Himmel gelernt. Es wird für mich immer in Erinnerung bleiben, wie er in seinen letzten Tagen um das Gebet verlangt und gebeten hat. Wegen seines schweren Atems hat er kaum mehr mitbeten können. Die Luft hat dann gerade noch gereicht für: „jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Dann war er schon wieder völlig ermattet. In diesen Tagen habe ich meine besondere Mission entdeckt. Der Sonntagabend (24. April), der Tage seins Todes, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Auch fühle ich mich ihm jeden Sonntagabend besonders nahe.

Über die vergangenen Jahre hat mein Vater durch sein Hobby für sich und für uns alle in der Familie „Neue Welten“ und „tiefere Schichten des Lebens“ erschlossen. Er war Landkreis-weit bekannt für seine sehr großen Sammlungen von Fossilen, Rosenkränzen, Frömmigkeitsartikel, Sterbe- und Andachtsbildchen. Durch diese Dinge wurde ihm klar, dass das Leben in einem größeren Zusammenhang steht; weit über den Tod hinaus. Das hat ihm Hoffnung und Zuversicht gegeben und geholfen, dem Abschied vom Leben mit aufrechtem Sinn und Gottvertrauen entgegenzusehen.

Mein Vater war stolz auf das, was er alles gesammelt hat. Ich selbst habe mich zunehmend darüber gefreut, wie er sich mehr und mehr in die Reihe derer einbetten konnte, die schon im Himmel einen Platz für immer gefunden haben. In diesem Zusammenhang ist mir auch der Wert von Sterbebildchen bewusst geworden.

Bei der Beerdigung wurde dann das Lied: „Wir sind nur Gast auf Erden“ gesungen und ich habe mir gedacht wie wahr doch diese Worte sind.

Für mich heißt das: Mit leichtem Gepäck, mit froher Gesinnung und der Hoffnung, dass sich hinter dem Dunkel des Todes etwas Großes auftut, durch das Leben zu schreiten. Denn es wird maximal die Zeit einer Generation dauern, bis auch ich meinem Vater folgen werde.

Mission: Vom Helfen zur wahrhaftigen Hilfe

Die Hitze in den vergangenen Wochen war fast unerträglich und es war schwer, erholenden Schlaf zu finden. Nicht nur die Menschen mit weißer Haut hatten ihre Probleme, auch die Einheimischen klagten über Hitzeausschlag und Abgeschlagenheit. Hier im Südsudan ist die politische Lage weiter sehr angespannt und viele Menschen hungern aufgrund der Dürre und wegen des totalen Wertverlusts der Währung. So frage ich mich als Missionar, wie man wahrhaftig helfen kann in einem Land, in dem die Hilfe pro Kopf weltweit am höchsten ist.

Eine Lesung aus der Apostelgeschichte in der vergangenen Woche hat mich bewegt, wieder einmal über das Thema „Mission“ und die Beziehung zum Nächsten nachzudenken, was für einen Missionar gar nicht so abwegig sein sollte.

Apostelgeschichte 3,1-10. In jenen Tagen, Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf.
Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln. Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen. Petrus und Johannes blickten ihn an, und Petrus sagte: Sieh uns an!

Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen.
Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!
Und er faßte ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben.

Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Über Mission konnte man die vergangenen 30 Jahre bis in die jüngere Geschichte hinein kaum mehr reden. Mission war fast eine „NO-GO-Zone“. Es war gewissermaßen ein Synonym für Kulturzerstörung in den Fußstapfen des Kolonialismus. Dagegen habe ich in den vergangen Jahren bei Besuchen in Schulen und Gemeinden in Süddeutschland festgestellt, dass das Wort „Mission“ durchaus wieder „salonfähig“ geworden ist. Nicht, weil sich ein Bewusstseinswandel ergeben hätte, sondern vielmehr weil das Wort „Mission“ von verschiedenen Institutionen übernommen worden ist. Fast jede Firma spricht heute von einer Mission und jeder, der was auf sich hält, hat eine Mission.

Hier im Südsudan ist das Wort Mission allgegenwärtig. Insbesondere die UNMISS, die „United Nation Mission in South Sudan“ ist überall sichtbar. Die UN-Mission im Südsudan ist derzeit die größte MISSION der Vereinten Nationen auf der Welt. Die Herrschenden nehmen die UNMISS als Besatzungsmacht wahr, während viele von der UN direkt oder indirekt leben. Mit ungeheurem Aufwand wird versucht, die unsichere Lage im Land zu stabilisieren und über das Welternährungsprogramm (WFP) werden viele Menschen „am Leben“ erhalten, vor allem die, die in großen Lagern zusammengepfercht leben. Es ist kein Geheimnis, dass nur 20 Prozent des Aufwandes der UN bei den Menschen ankommt, der Rest bleibt im Apparat stecken. In diesem Land jagt eine Notlage die andere und man frägt sich, wo das hinführen soll?

Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner
Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner

Die Lesung aus der Apostelgeschichte definiert Mission anders, auch anders als wir Mission normalerweise definieren und wahrnehmen.
Petrus und Johannes gehen wie gewohnt in den Tempel und dort sitzt – wie immer – ein Bettler. Eine Situation, an die sich alle Beteiligten schon gewöhnt haben. Möglicherweise hat der Bettler sein Gesicht nach unten geneigt, und die Hände nach oben – er will ja auch nicht erkannt werden. Und wahrscheinlich schauen die Vorbeiziehenden auch kaum nach unten, denn in eine echte Beziehung mit dem Bettler wollen sie eigentlich gar nicht treten. Das Gebet im Tempel ist ja nur ein kleiner Teil des strengen Tagesprogramms und die Zeit läuft.
So bleibt die Situation so, wie sie ist und immer war. Auf keiner Seite ändert sich was. Der Bettler bleibt ein Bettler, der Almosengeber ein Almosengeber.

Diese Situation haben wir jetzt 33 Jahre im Südsudan. 1983 ist der zweite Krieg nach der Unabhängigkeit 1955 ausgebrochen. Seitdem wird von außen interveniert, aber immer nur halbherzig. Beide Seiten: Bettler und Almosengeber „profitieren“, aber es tut sich nichts. Hilfswerke, NGOs und Vereinte Nationen (UN) haben ihr Mandat mit einer ganzen Armee von „Helfern“ und Blauhelmen und garantieren für ein Heer von Mitarbeitern ein sicheres Arbeitsfeld.
Auf der anderen Seite haben wir ein Land, das sich leicht selbst ernähren könnte. Die Menschen aber haben sich an das „Handaufhalten“ gewöhnt und die Regierung nimmt ihre soziale Verantwortung nicht wahr. Hilfsmaßnahmen, die nicht herausfordern, bewirken meist das Gegenteil. Man gewöhnt sich an die „bequeme“ Hilfe von außen (wie der handaufhaltende Bettler) und macht auf niedrigstem Niveau weiter. So wurden über die Jahre die Menschen hier zum Objekt der Hilfe. Kaum wurden sie herausgefordert, ihr Leben selbst in die „Hand“ zu nehmen.
Ich will hier die Not der Menschen nicht kleinreden – im Gegenteil; in der Tat, die Probleme sind riesengroß und Hilfe ist notwendig und wichtig. Die Frage ist nur wie?

Die Zeilen in der Apostelgeschichte geben hier wirklich erleuchtende Hinweise und bringen einen Neuansatz in die Begegnung mit den Armen.

Petrus und Johannes machen Halt beim Bettler. Das unterscheidet sie von den Vorbeieilenden. Gold und Silber haben sie nicht und können es auch nicht anbieten. Aber im Namen Jesu können sie sprechen. Sie sprechen den Bettler also an und, man stelle sich vor, fassen ihn – einen Bettler – an. Und dann heißt es im Text so wunderbar: „Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher“.

Menschliche Nähe und das Vertrauen, dass Gott die bestimmende Kraft im Leben des Menschen ist, verändert auch das Leben des Bettlers. Und genau so kann und muss unsere Hilfe aussehen, die Bettler wieder zu Menschen macht, sie also aufrichtet. Wie sagt Papst Franziskus selbstkritisch: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Mit anderen Worten: Mission, die direkt zum Menschen führt ist die Ursprungsidee von Kirche. Weg also vom Projekt – hin zum Menschen.

Und wir werden feststellen: Echte Hilfe verändert nicht nur den Empfänger, sondern auch den Geber.

Festhalten an der Hoffnung

Gott will bei uns ganz unten auf Erden in aller Einfachheit ankommen; eine Erinnerung an uns, auch auf den „Boden zu kommen“.

Ich schreibe aus meiner unruhigen Situation im Südsudan in Eure auch nicht gerade ruhige Zeit. Die Welt ist aufgemischt und steht vielerorts Kopf. Ein wirklicher Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, ist anscheinend für viele Menschen in unendliche Ferne gerückt und wenn wir nicht aufpassen, dann bestimmen Unsicherheit und Angst (vor der Zukunft) unsere Gefühle; eine Mischung, die uns gar nicht weiter hilft und gut tut. Das Frohe und die Hoffnung verschwinden dann allzu leicht aus unserem Leben und die „Wüste“ bekommt Raum in uns. Wir wollen aber festhalten an der Hoffnung.

Der Bürgerkrieg hier im Land und der Terrorismus weltweit leben von der Rache. Aber wer hat schon die menschliche Größe, der Schwächere zu sein und die Spirale der Gewalt zu überwinden? Ein Mann, der beim Terroranschlag in Paris seine Frau verloren hat, sagte: „Meine Rache bekommen die Terroristen nicht, denn davon leben sie.“ Die Rache ist auch hier der Motor des Krieges.

So oft habe ich im zu Ende gehenden Jahr erlebt, dass eine Versöhnung nur schwer möglich ist. Dabei ist sie doch die einzige Alternative, damit es im Leben weitergeht. Ohne Versöhnung ist die Vergangenheit immer die Gegenwart und das Leben wird arm. Das höchste Gut in unserem Glauben ist die Versöhnung, die auf Liebe und Wahrheit aufbaut. In den Flüchtlingslagern hier am Stadtrand, wo trotz der Versorgung durch die UN nach zwei Jahren noch immer keine Perspektive zu sehen ist, stelle ich fest, dass der erste Schritt zu einer Versöhnung dann geschieht, wenn die Lage und das Leiden der Betroffenen wahrgenommen und anerkannt wird. Der Weg zum Frieden ist eben kein Kippschalter, sondern ein Prozess. Jeder will ernst genommen werden und die ausgesprochene Wahrheit, die hier oft leidvoll ist, ist Voraussetzung für jede Heilung.

Seit Mai arbeiten wir an einem Friedenszentrum in Kit nahe der Hauptstadt Juba und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum hoffentlich fertig sein. Die hier im Land tätigen Ordensgemeinschaften haben lange überlegt, was in dem vom Krieg verwüsteten und Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt ist. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeiten warten können. Aktive Friedensarbeit muss jetzt geschehen, jetzt wo so viele Menschen an den Folgen des unsinnigen Krieges leiden; denn traumatisierte und seelisch verletzte Menschen gibt es sehr viele.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich – Gott sei Dank – um die vielfältigen Notlagen. Jedoch tut kaum jemand etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung, denn das braucht Zeit, Kenntnis der Menschen und der Lage und unendliche Geduld. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren zum Teil „hausgemachten“ Problemen und ihrer Perspektivlosigkeit auseinander. Natürlich wissen wir, dass die Herausforderungen sehr groß sind: Die Feindschaft, der Hass und das Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen sind groß. Es gibt wenig Verständnis für das Gemeinwohl. Eine allgegenwärtige, militärische Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes.

Es kann nicht sein, dass Konflikte, Verachtung und Ehrenkränkung immer nur mit Waffen ausgetragen werden. Die Versöhnungskraft unseres Glaubens an Christus, auf den sich ja viele hier berufen, ist keine fromme Idee, sondern ein Ausweg, wo sich alle anderen Wege verschlossen haben. So wollen wir festhalten an der Hoffnung, die uns Weihnachten aufs Neue bringt, nämlich wahrhaft menschlich zu werden.

Das Friedensprojekt der Ordensgemeinschaften ist ca. 15 km von Juba entfernt, nahe wo der Fluss Kit in den Nil mündet. Auf dem ehemaligen Land der Comboni Missionare entsteht das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für ca. 120 Personen. Für die Finanzierung des Zentrums haben sich Bischofskonferenzen, Diözesen und Hilfswerke stark gemacht. Klassische Spenden kommen hier nicht zum Einsatz. Es war das Anliegen der Orden, alle Unterstützer/Diözesen und Hilfswerke mit in die Mission in den Süd Sudan zu nehmen und ich denke, dass das gelungen ist.
Friedensarbeit durch schulische Bildung und Gemeindebildung

Wir sind hier 50 Comboni-Missionare, kommen aus allen Teilen der Welt und sind an 10 Orten des Landes tätig. Mithilfe Eurer Spenden konnte viel geschehen und geholfen werden: Schulprojekte (Bauten, Lern- und Lehrmaterialien und Schulgelder), Hilfe in den Flüchtlingscamps, Feldhacken und Saatgut für Menschen in den unsicheren Gebieten von UNITY- und JONGLEI STATES – Nahrungsmittelhilfe, Fischernetze, Brunnen und Bau von Krankenstationen. Wichtig sind die Gemeindearbeit und der Aufbau von Pfarreien als Ausgangspunkt für all unsere sozial-caritative Arbeit sowie der Einsatz für Gerechtigkeit und Friede. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott für Eure großherzige und ehrliche Hilfe.

Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey
Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey

Ich selbst verbringe die meiste Zeit auf der großen Baustelle in Kit und anderen kleinen Projekten wie Straßenkinder „Drop in Center“, Schul-Toiletten, Regenwasserschutz für Gebäude und Anlagen etc. Zu kurz kommt die spirituelle Seite meines Missionseinsatzes. Dazu kenne ich die Stammessprachen zu wenig und auch an der Zeit fehlt es. Gern gehe ich aber in die Flüchtlingslager oder helfe ein wenig mit in der Jugendarbeit, immer im Hinblick auf Friedensförderung.

Für das Neue Jahr 2016 Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Frohsinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach Mensch. Oder besser ausgedrückt und mein Weihnachtswunsch: „Werde Mensch wie Gott, Menschwerdung nach dem göttlichen Wie“.

Mit Matatus ins Acholiland: Besuch bei Pater Gerner in Uganda

Pater Josef Gerner aus Meckenhausen, der seit vielen Jahren in Afrika tätig ist, hatte am 11. Oktober seinen 80. Geburtstag. Ich kenne ihn seit meinem Eintritt ins Missionsseminar in Neumarkt/Opf. 1968 und bin mit ihm weitläufig verwandt. Auch verdanke ihm meine Berufung zum Comboni-Missionar. Zu seinem runden Geburtstag wollte ich ihn überraschen. Zwar leben wir kaum 500 Kilometer voneinander entfernt, aber wenn man in Afrika mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bleibt viel Zeit auf der Strecke. Die Matatus (Minibusse/Sammeltaxis) fahren erst los, wenn der letzte Platz bei 50 Prozent Überladung gefüllt ist.

Den Blitzbesuch habe ich mit James Ochieng, einem Kenianer gemacht. Er wurde von P. Gerner 1982 in Kariobangi, einem Elendsviertel im Nordosten der kenianischen Hauptstadt Nairobi, getauft und hilft mir hier im Juba/Südsudan als Bauzeichner. In der Nacht zum Samstag haben wir Lira, die drittgrößte Stadt Ugandas, erreicht, wo wir bei Alberto Eisman übernachtet haben. Alberto ist Spanier und hat in Innsbruck unter P. Gerner Theologie studiert. Heute leitet er die katholische Radiostation der Diözese Lira: Radio WA. In der Frühe sind wir dann von Lira nach Opit losgefahren und waren um 8.45 Uhr vor Ort. Die Messe hatte gerade angefangen. Die Mission war dort – Mitten im Acholiland im Norden Ugandas – wegen der Rebellentätigkeit (LRA) über 15 Jahre verlassen und sieht entsprechend aus.

Wie vermutet, war P. Gerner selbst an diesem Tag voll im Apostolat. Er hat uns nicht erkannt als wir uns zwischen die Gottesdienstbesucher gedrängt haben, hat aber wahrgenommen, dass Besucher in der Kirche sind. Nach dem Gottesdienst hat möglicherweise ein Katechist P. Gerner angesprochen, dass da Fremde in der Kirche sind. Daraufhin hat er uns gebeten, vorzukommen. Erst dann hat er uns erkannt. Es war eine wirklich gelungene Überraschung und eine echt herzliche Begegnung mit dem junggebliebenen alten Mann. Niemand hat von seinem Geburtstag gewusst, der in Afrika ohnehin keine so große Rolle spielt. Natürlich war dann auch noch ein zweiter Gottesdienst im Busch und ein wenig Eile war angesagt.

Da keine Köchin für den Sonntag da war, haben Alberto und James etwas zusammengekocht und ich habe P. Gerner beim zweiten Gottesdienst begleitet. Wir hatten dann einen schönen Nachmittag und Abend mit frohem und schönem Austausch. P. Elia, sein Mitstreiter, kam auch im Laufe des Nachmittags zurück vom einer über 50 Außenstationen der Großpfarrei Opit. Zur Pfarrei gehören auch mehrere Volksschulen, eine technische Schule, eine kirchliche Sekundarschule (450 Kinder) und ein kleines Krankenhaus.

Am nächsten Morgen hat uns P. Gerner mit seinem Fahrer nach Gulu, eines der Zentren des Acholi-Volkes, gebracht. Im Gedenken an Bruder Michael Dietrich, der im August 2014 gestorben ist und unbedingt wieder nach Afrika zurück wollte, haben wir noch die Comboni-Gemeinschaft in Layibi (große Handwerkerschule) besucht. Br. Michael Dietrich stammte auch aus der Diözese Eichstätt, gebürtig aus Elbersroth bei Herrieden – wie unser Bischof Gregor Maria Hanke.

Danach war es höchste Zeit, wieder nach Juba aufzubrechen. Im Rückblick war das eine wunderbare Begegnung mit einem Mann des Glaubens und der Zuversicht mit viel Humor und gesundem Abstand zum Alltäglichen.

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