Alle Beiträge von Hans Eigner

Bruder Hans Eigner wurde 1956 in Laibstadt (Heideck) im mittelfränkischen Landkreis Roth geboren. Nach Abschluss eines Studiums als Bauingenieur und zweijähriger Arbeit in einem Ingenieurbüro in Stuttgart war er ab 1984 gut drei Jahre als Missionar auf Zeit in Kariobangi, einem Elendsviertel von Nairobi/Kenia tätig. Nach weiteren zwei Jahren Tätigkeit als Bauingenieur in Deutschland trat er in das Noviziat der Comboni-Missionare in Mellatz ein und legte 1990 seine Profess ab. Von 1998 bis 2005 war er erneut in Kenia, aber auch für bestimmte Projekte in befreiten Gebieten des Sudan im Einsatz. Seit 2014 ist er im Südsudan tätig.

Fastenzeit: Gott ist da

Heilfasten, Smartphone Fasten, selbst Autofasten gehen ohne religiöse Grundhaltung. Trotzdem sind solche Verhaltensänderungen gut. Grundsätzlich befreit Verzicht den Menschen; einmal von sich selbst und Überflüssigem und macht ihn offen für Neues. Loskommen von Abhängigkeiten, das kann eine Befreiung sein.

Die Fastenzeit hat gerade begonnen und wir sind aufgerufen zur Umkehr. Fasten kann dazu eine Hilfe sein. Umkehr ist nichts anderes als das Leben vor Gott transparent zu machen; vor ihm, der uns ohnehin durch und durch kennt. Oberflächlichkeit, Selbstbetrug und andere Irrwege stellen sich leicht in unserem Leben ein und das Leben wird ziellos und leer. Die Fastenzeit ist deshalb eine Einladung, an Gott mehr die Kontrolle meines Lebens abzugeben. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Mit ihm zusammen gelingt das Leben. Gnade ist, wenn ich erfahre, dass ich von ihm abhänge und nicht von Menschen und Dingen. Gott ist da.

Beim Fasten werden wir wieder mehr unserer tiefen Sehnsucht nach Glück bewusst. Da wir aber nicht erkennen, dass sie Sehnsucht von Gott stammt und nur mit ihm beantwortet werden kann, irren wir durch das Leben. Die „Welt“ wirbt mit Konsum, Selbstverwirklichung und Wellness und ist fürwahr keine Hilfe. Sollten wir deshalb nicht die „Welt“ fasten, um Gott besser wahrzunehmen? Im Psalm 16 heißt es so wunderbar: Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir. Ich sage zum Herrn: „Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.“

Fasten im Südsudan

In meiner Wahlheimat Südsudan ist Fasten ein Luxus. Es fehlt am notwendigsten. Meiner Erfahrung nach ist dort das Fasten aus religiösen Gründen nicht sehr ausgeprägt. Für die Katholiken gilt natürlich auch die Fastenzeit. Immer wieder habe ich einzelne Personen angetroffen, die für ein Anliegen oder für den Frieden gefastet haben. Mehr ausgeprägt ist das Fasten der Muslime. Zur Zeit des Ramadan essen die Muslime nur nach Sonnenuntergang und immer gemeinschaftlich. Tagsüber werden weder Flüssigkeit noch Speisen eingenommen. Und das wird sehr ernst genommen.

Die derzeitige Trockenheit ist schon schlimm und der desaströse Krieg macht die Lage aussichtslos. Mehr als eine Million Menschen hungern jetzt schon und bis zur Regenzeit ist es noch lang. Erst dann gibt es wenigstens wieder etwas Grüngemüse und Blätter. Während die Menschen leiden, hoffen sie auf Hilfe vom Himmel. Sie hoffen auf Gott, dass er ihnen Regen und Sicherheit schickt und auch auf die Flugzeuge, die Nahrungsmittel abwerfen. Letztendlich erleben die Menschen in dieser Situation, dass sie von Gott abhängen. Gott ist da. Denn er schickt Regen und Hilfe, selbst wenn diese vom Welternährungsprogramm stammt.

Christliche Werte: Zündstoff oder warme Luft?

Im Blick auf die veränderte Gesellschaftliche Situation verweisen Bundeskanzlerin und Landrat in Ihren Ansprachen zum Neuen Jahr auf die christlichen Werte und wenn rechts-populistische Gruppierungen von den Werten des Abendlandes sprechen, dann meinen sie nichts anderes als diese.

Seit wenigen Wochen bin ich zurück aus dem Südsudan. Ich fahre auf Straßen, die ich nicht gebaut habe, lebe in einem Haus wozu ich vor vielen Jahren beim Bau nur ein wenig beigetragen habe. Es gibt eine Heizung, Krankenversorgung und so vieles mehr. So viele Bequemlichkeiten finde ich vor und nehme sie nicht einfach selbstverständlich. Ich lebe gewissermaßen auf dem Erbe meiner Vorfahren und eigentlich nicht schlecht.

Möglicherweise ist es auch so mit den sogenannten christlichen Werten. Wir sind gewohnt, dass das Gemeinwohl funktioniert, eine Abmachung gehalten wird, Recht und Ordnung eingehalten werden. Die soziale Verantwortung des Staates steht außer Zweifel. Die Glaubwürdigkeit ist ein großes Ideal.

Also alles geerbt? Eine alte Bauernregel, genauer gesagt Goethe, schreibt. „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

Wahrscheinlich ist es notwendig, die christlichen Werte immer wieder neu zu buchstabieren und in die Zeit zu übersetzen. Nichts ist selbstverständlich und auf Dauer. Wenn die christlichen Werte nicht immer wieder neu erworben werden – um im Bild der Bauernregel zu bleiben –, dann wird es sie nicht mehr geben. Dann sind sie Muster ohne Wert.

Was aber sind die christlichen Werte? Viele Jahre habe ich Afrika verbracht. Extrem waren die vergangenen drei Jahre mit kriegerischen und militärischen Auseinandersetzung geprägt von Hassreden, Misstrauen und teilweise menschlicher Verrohung. Das ist das Erbe der Menschen im Südsudan nach vielen Jahren Krieg und jetzt Stammeskriegen. Die Fähigkeit zur Rache ist ein Wert, der das Überleben sichert. Nächstenliebe bis hin zur christlich geforderten Feindesliebe ist eine Utopie und passt eigentlich nicht in das Denken. Bei aller Frömmigkeit und Religiosität ist das wahrhaft Christliche nur bei einzelnen, nicht aber in der Gesellschaft aufgebrochen. Das macht den missionarischen Einsatz mühsam, aber umso mehr „Not-wendend“.

So habe ich oft die Abwesenheit der christlichen Werte erfahren und bin zur Überzeugung gekommen, dass nur sie eine bessere Gesellschaft schaffen können. Wüsste ich einen besseren Glauben, dann würde ich diesen hier vorschlagen. Jesus Christus stellt das „Allzu Menschliche“ auf den Kopf und zeigt einen Weg aus dem Teufelskreis des Misstrauens, des Hassens, der Angst, der Eifersucht und des Zukurzgekommenseins.

Christliche Werte sind ein großes Erbe und verweisen mich auf mein persönliches Bekenntnis zum wahrhaft Christlichen. „Jede Generation muss Christus neu entdecken“ sagt Bischof Gregor Maria in der Jahresschlussandacht. Gesellschaftlich relevant werden die Werte in dem Maße, wie ich sie persönlich umsetze und mein Leben danach gestalte. Deshalb habe ich über die Voraussetzungen nachgedacht, wie die Werte in mir und Dir wachsen können. Wenn ich hier ein paar Gedanken bringe, dann aus meiner Erfahrung (gewissermaßen ohne Gewähr).

  • Als erstes habe ich erkannt, dass die Gebote Gottes in Wirklichkeit Angebote Gottes sind. Angebote zu einem besseren Leben.
  • Gelten-Wollen, Haben-wollen und wie Gott-Sein-Wollen bestimmen entscheidend unser Menschsein. Sie sind eine Reflektion der Versuchungen Jesu und die Einfallstore für unsere Sünden und unser Falsch-Verhalten. Sie zu erkennen und an ihnen zu arbeiten ist unsere erste Christenpflicht. Als Gewinn stellt sich eine innere Freiheit ein.
  • Und zuletzt die Bereitschaft zur Wandlung. Sie ist auch Zentrum und Inhalt einer jeden Heiligen Messe. Christus will nicht unseren „Kirchenzehnt“. Er will uns ganz: also 100% statt 10%. Und gerade diese Wandlung fällt uns so schwer und bleibt ein lebenslanger Prozess. Aber nur die Fähigkeit und Offenheit zur Wandlung lässt uns in unserem „Menschwerden“ (Weihnachten = Gott wird Mensch) vorankommen und zum glücklichen Menschen werden. Dann wird der Glaube eine Therapie für mich und meine Mitmenschen und die Kirche wird zum Lazarett, wie es Papst Franziskus fordert.

Christliche Werte wachsen mit dem Interesse und der Liebe zum Glauben. Wir Christen bestimmen welchen Klang, Farbe und Kraft sie für den einzelnen und die Gesellschaft haben. Wir entscheiden, ob sie Zündstoff oder leere Floskeln sind. Wir müssen sie erkennen und vor allem in den Alltag umsetzen; nicht nur vorsichtig und diplomatisch, sondern, wenn nötig, auch radikal und ungeteilt. Wir sind die Hände, die Füße und das Herz Gottes. Hier und heute. Denn:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Gebet aus dem 14. Jh.

 

Der Feind meines Feindes ist mein Freund – ein Friedenszentrum im Südsudan

Der junge Staat Südsudan hat eigentlich nicht angefangen ein Staat zu sein.  Die schweren Kämpfe vor wenigen Wochen in Juli haben wieder gezeigt, dass dieses Land ein Eldorado von Krieg-Machern, prinzipienlosen Opportunisten und machthungrigen Politikern ist. Ich komme gerade zurück aus einem der Flüchtlingscamps. Versorgung, Hygiene und Hunger sind schlimm. Größer aber sind der Ärger, die erfahrene Willkür und die Perspektivlosigkeit. Auch wir spüren das. Schon am Eingang des Camps, wo Regierungssoldaten uns hindern und nicht verstehen können, dass wir Menschen helfen und mit ihnen beten, die es doch besser gar nicht gäbe.

Flüchtlingscamp im Südsudan

Die Politiker in diesem Land haben nicht verstanden, dass jeder Mensch zum Leben ein Minimum an Sicherheiten braucht. Es kann und darf nicht sein, dass das, was man/frau sich tagsüber mühevoll erarbeitet hat, nachts dem Raub und Diebstahl ausgesetzt ist. Die Regierung hat nicht ansatzweise einen Sinn für einen Rechtsstaat und für das Gemeinwohl entwickelt. Gesetzlosigkeit und militärische Arroganz bestimmen das Bild der Hauptstadt Juba. So ist es verständlich, dass die Menschen sich mehr auf ihren Stamm als auf die Regierung verlassen. Das Ergebnis ist ein Land, das entlang der Stammeslinien zerfällt. Die Elite an der Macht hält sich dabei maßlos schadlos.

In diesem Kontext haben die 46 Orden im Land entschieden, ein Zentrum zur Förderung des Friedens und der Behandlung von Traumata in Kit nahe der Hauptstadt Juba zu erstellen. Das „Good Shepherd Peace Center“ wird am 15. Oktober eingeweiht und wird menschliche und spirituelle Werte fördern, die so sehr in den Jahren der Kriege gelitten haben. Das Zentrum setzt genau da an, woran das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte und mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung. Mit den Kriegsveteranen, die arrogant sind und den korrupten Politikern, für die niemand etwas zählt, der nicht zu ihrem Stamm oder Intrigen-Club gehört, ist kein „Staat“ zu machen. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan vorschlagen. Bei allem Dunklen finden sich immer wieder Menschen, die nicht der Rauigkeit der Gesellschaft zum Opfer gefallen sind. Sie sind wie Blumen unter den Dornen und ich freue mich über die Würde, die sie ausstrahlen. Sie helfen mir selbst in meinem Missionarsein und sie sind Anknüpfungspunkte für eine bessere Gesellschaft. Sie zu fördern ist oberstes Ziel.

Good Shepherd Peace Center   img_4366

Die Leitung des Zentrums werden Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten und es werden regelmäßig Exerzitien für Ordensleute und Laien angeboten werden.

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Das Projekt in Kit ist 15 Kilometer entfernt von Juba und verkehrsmäßig gut angebunden. Auf dem ehemaligen Land der Comboni-Missionare, heute unter dem Bischof, hat das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für rund 120 Personen einen idealen Platz gefunden. Das Zentrum liegt am Fluss Kit, kurz bevor er in den Nil mündet. Die Gegend ist landschaftlich sehr ansprechend und friedlich, obgleich dort viel Schlimmes in den Jahren des Krieges (nach 1983) zwischen dem Norden und dem Süden passiert ist. Kit war für viele Jahre die Kampfeslinie zwischen der Südsudanesischen Befreiungsarmee und der damaligen Regierung von Khartum, die Juba immer besetzt hatte. So wird mit Gottes Hilfe an einem Ort des Krieges der Friede keimen, der eine wahrhaft menschliche Entwicklung möglich macht. Möge Gott seinen Segen dazu geben.

Eine ganz andere Mission

Als mein Vater im Sterben lag, informierte ich meinen Provinzial hier im Südsudan und ich war überrascht von seinem spontanen Vorschlag, doch sofort nach Hause zu fliegen. „Das ist jetzt deine Mission und zwar eine besondere“. Diese Worte hat er mir noch mit auf den Weg gegeben.

Es hat interessanterweise nicht lange gedauert und ich war bei meinem Vater. Die ganze Reise, quasi unerreichbar, habe ich mich gefragt, ob ich ihn noch lebend antreffen würde. Bei ihm angekommen, waren dann seine ersten Worte: „Gott sei Lob und Dank“. Vielleicht hat er auf den Sohn gewartet, der, neben den anderen vieren, in unerreichbarer Entfernung lebt?

Neun Tage konnte ich noch meinen Vater begleiten und mithelfen, ihn zu pflegen. Er wollte nicht mehr ins Krankenhaus. Das Herz war sehr, sehr schwach und sein Atem schwer. In diesen Tagen habe ich eine neue und tiefere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Darüber bin ich froh und dankbar.

Mein Vater war kein besonders frommer Mann. Eher ein Mann mit Prinzipien. Es war für ihn klar, dass man sonntags in die Kirche geht und zu Tisch betet. Das tiefere Beten, so habe ich den Eindruck, hat er mit seiner Hoffnung auf den Himmel gelernt. Es wird für mich immer in Erinnerung bleiben, wie er in seinen letzten Tagen um das Gebet verlangt und gebeten hat. Wegen seines schweren Atems hat er kaum mehr mitbeten können. Die Luft hat dann gerade noch gereicht für: „jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Dann war er schon wieder völlig ermattet. In diesen Tagen habe ich meine besondere Mission entdeckt. Der Sonntagabend (24. April), der Tage seins Todes, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Auch fühle ich mich ihm jeden Sonntagabend besonders nahe.

Über die vergangenen Jahre hat mein Vater durch sein Hobby für sich und für uns alle in der Familie „Neue Welten“ und „tiefere Schichten des Lebens“ erschlossen. Er war Landkreis-weit bekannt für seine sehr großen Sammlungen von Fossilen, Rosenkränzen, Frömmigkeitsartikel, Sterbe- und Andachtsbildchen. Durch diese Dinge wurde ihm klar, dass das Leben in einem größeren Zusammenhang steht; weit über den Tod hinaus. Das hat ihm Hoffnung und Zuversicht gegeben und geholfen, dem Abschied vom Leben mit aufrechtem Sinn und Gottvertrauen entgegenzusehen.

Mein Vater war stolz auf das, was er alles gesammelt hat. Ich selbst habe mich zunehmend darüber gefreut, wie er sich mehr und mehr in die Reihe derer einbetten konnte, die schon im Himmel einen Platz für immer gefunden haben. In diesem Zusammenhang ist mir auch der Wert von Sterbebildchen bewusst geworden.

Bei der Beerdigung wurde dann das Lied: „Wir sind nur Gast auf Erden“ gesungen und ich habe mir gedacht wie wahr doch diese Worte sind.

Für mich heißt das: Mit leichtem Gepäck, mit froher Gesinnung und der Hoffnung, dass sich hinter dem Dunkel des Todes etwas Großes auftut, durch das Leben zu schreiten. Denn es wird maximal die Zeit einer Generation dauern, bis auch ich meinem Vater folgen werde.

Mission: Vom Helfen zur wahrhaftigen Hilfe

Die Hitze in den vergangenen Wochen war fast unerträglich und es war schwer, erholenden Schlaf zu finden. Nicht nur die Menschen mit weißer Haut hatten ihre Probleme, auch die Einheimischen klagten über Hitzeausschlag und Abgeschlagenheit. Hier im Südsudan ist die politische Lage weiter sehr angespannt und viele Menschen hungern aufgrund der Dürre und wegen des totalen Wertverlusts der Währung. So frage ich mich als Missionar, wie man wahrhaftig helfen kann in einem Land, in dem die Hilfe pro Kopf weltweit am höchsten ist.

Eine Lesung aus der Apostelgeschichte in der vergangenen Woche hat mich bewegt, wieder einmal über das Thema „Mission“ und die Beziehung zum Nächsten nachzudenken, was für einen Missionar gar nicht so abwegig sein sollte.

Apostelgeschichte 3,1-10. In jenen Tagen, Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf.
Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln. Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen. Petrus und Johannes blickten ihn an, und Petrus sagte: Sieh uns an!

Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen.
Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!
Und er faßte ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben.

Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Über Mission konnte man die vergangenen 30 Jahre bis in die jüngere Geschichte hinein kaum mehr reden. Mission war fast eine „NO-GO-Zone“. Es war gewissermaßen ein Synonym für Kulturzerstörung in den Fußstapfen des Kolonialismus. Dagegen habe ich in den vergangen Jahren bei Besuchen in Schulen und Gemeinden in Süddeutschland festgestellt, dass das Wort „Mission“ durchaus wieder „salonfähig“ geworden ist. Nicht, weil sich ein Bewusstseinswandel ergeben hätte, sondern vielmehr weil das Wort „Mission“ von verschiedenen Institutionen übernommen worden ist. Fast jede Firma spricht heute von einer Mission und jeder, der was auf sich hält, hat eine Mission.

Hier im Südsudan ist das Wort Mission allgegenwärtig. Insbesondere die UNMISS, die „United Nation Mission in South Sudan“ ist überall sichtbar. Die UN-Mission im Südsudan ist derzeit die größte MISSION der Vereinten Nationen auf der Welt. Die Herrschenden nehmen die UNMISS als Besatzungsmacht wahr, während viele von der UN direkt oder indirekt leben. Mit ungeheurem Aufwand wird versucht, die unsichere Lage im Land zu stabilisieren und über das Welternährungsprogramm (WFP) werden viele Menschen „am Leben“ erhalten, vor allem die, die in großen Lagern zusammengepfercht leben. Es ist kein Geheimnis, dass nur 20 Prozent des Aufwandes der UN bei den Menschen ankommt, der Rest bleibt im Apparat stecken. In diesem Land jagt eine Notlage die andere und man frägt sich, wo das hinführen soll?

Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner
Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner

Die Lesung aus der Apostelgeschichte definiert Mission anders, auch anders als wir Mission normalerweise definieren und wahrnehmen.
Petrus und Johannes gehen wie gewohnt in den Tempel und dort sitzt – wie immer – ein Bettler. Eine Situation, an die sich alle Beteiligten schon gewöhnt haben. Möglicherweise hat der Bettler sein Gesicht nach unten geneigt, und die Hände nach oben – er will ja auch nicht erkannt werden. Und wahrscheinlich schauen die Vorbeiziehenden auch kaum nach unten, denn in eine echte Beziehung mit dem Bettler wollen sie eigentlich gar nicht treten. Das Gebet im Tempel ist ja nur ein kleiner Teil des strengen Tagesprogramms und die Zeit läuft.
So bleibt die Situation so, wie sie ist und immer war. Auf keiner Seite ändert sich was. Der Bettler bleibt ein Bettler, der Almosengeber ein Almosengeber.

Diese Situation haben wir jetzt 33 Jahre im Südsudan. 1983 ist der zweite Krieg nach der Unabhängigkeit 1955 ausgebrochen. Seitdem wird von außen interveniert, aber immer nur halbherzig. Beide Seiten: Bettler und Almosengeber „profitieren“, aber es tut sich nichts. Hilfswerke, NGOs und Vereinte Nationen (UN) haben ihr Mandat mit einer ganzen Armee von „Helfern“ und Blauhelmen und garantieren für ein Heer von Mitarbeitern ein sicheres Arbeitsfeld.
Auf der anderen Seite haben wir ein Land, das sich leicht selbst ernähren könnte. Die Menschen aber haben sich an das „Handaufhalten“ gewöhnt und die Regierung nimmt ihre soziale Verantwortung nicht wahr. Hilfsmaßnahmen, die nicht herausfordern, bewirken meist das Gegenteil. Man gewöhnt sich an die „bequeme“ Hilfe von außen (wie der handaufhaltende Bettler) und macht auf niedrigstem Niveau weiter. So wurden über die Jahre die Menschen hier zum Objekt der Hilfe. Kaum wurden sie herausgefordert, ihr Leben selbst in die „Hand“ zu nehmen.
Ich will hier die Not der Menschen nicht kleinreden – im Gegenteil; in der Tat, die Probleme sind riesengroß und Hilfe ist notwendig und wichtig. Die Frage ist nur wie?

Die Zeilen in der Apostelgeschichte geben hier wirklich erleuchtende Hinweise und bringen einen Neuansatz in die Begegnung mit den Armen.

Petrus und Johannes machen Halt beim Bettler. Das unterscheidet sie von den Vorbeieilenden. Gold und Silber haben sie nicht und können es auch nicht anbieten. Aber im Namen Jesu können sie sprechen. Sie sprechen den Bettler also an und, man stelle sich vor, fassen ihn – einen Bettler – an. Und dann heißt es im Text so wunderbar: „Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher“.

Menschliche Nähe und das Vertrauen, dass Gott die bestimmende Kraft im Leben des Menschen ist, verändert auch das Leben des Bettlers. Und genau so kann und muss unsere Hilfe aussehen, die Bettler wieder zu Menschen macht, sie also aufrichtet. Wie sagt Papst Franziskus selbstkritisch: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Mit anderen Worten: Mission, die direkt zum Menschen führt ist die Ursprungsidee von Kirche. Weg also vom Projekt – hin zum Menschen.

Und wir werden feststellen: Echte Hilfe verändert nicht nur den Empfänger, sondern auch den Geber.