Alle Beiträge von Hans Eigner

Bruder Hans Eigner wurde 1956 in Laibstadt (Heideck) im mittelfränkischen Landkreis Roth geboren. Nach Abschluss eines Studiums als Bauingenieur und zweijähriger Arbeit in einem Ingenieurbüro in Stuttgart war er ab 1984 gut drei Jahre als Missionar auf Zeit in Kariobangi, einem Elendsviertel von Nairobi/Kenia tätig. Nach weiteren zwei Jahren Tätigkeit als Bauingenieur in Deutschland trat er in das Noviziat der Comboni-Missionare in Mellatz ein und legte 1990 seine Profess ab. Von 1998 bis 2005 war er erneut in Kenia, aber auch für bestimmte Projekte in befreiten Gebieten des Sudan im Einsatz. Seit 2014 ist er im Südsudan tätig.

Christus das Licht

Das „Lumen Christi“ ist der Ruf der Lichtfeier am Beginn der Vigil der Osternacht. Es ist für mich der hoffnungsstärkste Ruf, der unseren Glauben so wunderbar beschreibt.

Flüchtlingskind im Südsudan. Foto:

Noch spüren wir die Dramatik des Karfreitags, an dem wir nicht unbeteiligt vorübergehen können. Der Vorhang im Tempel ist zerrissen und der Blick auf Jesu ist frei. Er hat ein für alle Mal aufgeräumt mit den Opfern, die keinen Sinn machen. Seine Hingabe hat unser Leben und unsere Welt verändert.

Am Kreuz hängend will er nicht unser Mitleid; nein er will dass wir ihm nachfolgen und unser Kreuz auf uns nehmen. So wird die Welt neu gestaltet und sie wird menschlicher. Nur so können wir das „Lumen Christi“ in der Tiefe unseres Herzens wahrnehmen und es verstehen.

Licht der Hoffnung im Flüchtlingslager. Foto: Hans Eigner

In den Flüchtlingslagern in Juba im Südsudan habe ich dieses Bild gemacht. Mein Glaube wird klein, wenn ich die Hoffnungen der Menschen erlebe. Christus das Licht wird Wirklichkeit in der Dunkelheit und Trostlosigkeit der Lager. Denn es gibt neben all dem Schlimmen die Hoffnung in Jesus Christus. So werden die Menschen zu einem gewissen Grad unverletzlich und stark.

Geteiltes Leid ist halbes Leid – Mitleiden ist besser als Mitleid

In meinem missionarischen Leben habe ich oft das Wort „Mitleid“ gehört, aber auch viel wahrhaftiges und manchmal auch ohnmächtiges Mitleiden erfahren. Mitleid ist eine schnelle und recht menschliche Reaktion. Mitleiden geht tiefer und fordert den „ganzen“ Menschen. In diesem Zusammenhang ist mir klargeworden, dass zum „Leben in Fülle“ auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mitleiden gehören.

Gelingendes Leben wird uns nicht nur in der Werbung vorgespielt, sondern ein jeder und eine jede von uns hat eine konkrete Vorstellung davon. Das ist: Wohlstand, langes, genussvolles und schönes Leben ohne Schmerz und Leid, Friede und Frohsein und vieles mehr. Auch für Christen ist gelingendes Leben eines der Versprechen Jesu. Mit den Worten: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10) stellt Jesus den zentralen Kern seiner Heil schaffenden Botschaft vor. Dies ist ein Satz in der Bibel, der Hoffnung aufkeimen lässt und gleichzeitig, insbesondere in unserer Zeit, missverstanden werden kann. Denn das Leben im Überfluss ist nicht notwendigerweise ein Leben in Fülle.

Ich gehe davon aus, dass Jesus selbst mit seinem Leben diesen Satz verkörpert hat. Ein Leben in Fülle zu versprechen und es selber nicht zu verwirklichen wäre ja seltsam? Wenn wir aber auf das Leben Jesu schauen, dann stellen wir fest und wissen, dass sein Leben alles andere als ein Sommernachtstraum war. Es war ein Leben der Hingabe, des Mitfühlens und des Mitleidens. Wir nennen ihn auch den guten Hirten, der sich empathisch der Menschen annimmt und sich selbstlos ihnen hingibt. Sehe ich auf das Kreuz – in meinem Zimmer oder in einer Kirche – dann spüre ich, dass Jesus für mich und meine Sünden leidet, aber viel mehr sehe ich im Kreuz die Botschaft der Nachfolge, nämlich so zu werden wie er ist. Was heißt dann Leben in Fülle?

Kreuzweg in Kariobangi (Elendsviertel von Nairobi) – Oben: 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen; unten: medizinische Caritas. Foto: hans Eigner

Zur Fülle des Lebens gehören offensichtlich eine grenzüberschreitende Liebe, eine Fähigkeit und Bereitschaft zur Hingabe und eine Beziehung schaffende Empathie. Also eine Fähigkeit zum Mitleiden im guten Sinn (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Geteiltes Leid ist halbes Leid sagt das Sprichwort. Geteilte Freud ist doppelte Freud.

Nur schade, dass wir oft an uns selber leiden und so nicht viel „Mit-Leidens-Kapazität“ für den oder die andere bleibt. Das blockiert uns und notwendende Hilfe geschieht nicht. Außerdem erleben wir nur selten das Glück des „Lebens in Fülle“. Victor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat Hingabe und Lebenssinn unmittelbar in Beziehung gesetzt. Die Welt wird besser, wenn wir weniger an uns selber leiden, sondern mit der Not und den Schicksalen anderer mitleiden. Ein „Leben in Fülle“ stellt sich dann als Freude ein und wir erfüllen die erste Christenpflicht, nämlich: glücklich zu sein.

Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung

Mit den Jahren, so stelle ich fest, gestaltet sich meine religiöse Wahrnehmung und gerade an Weihnachten wird mir deutlich, wie schön und hilfreich unser Glaube ist. Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. So zeigt Gott wie wichtig wir ihm sind und so will er das Göttliche in uns zur Geltung bringen. Das sind die Güte, die Freundlichkeit, die Barmherzigkeit, die Versöhnungsbereitschaft, die Liebe und so vieles mehr. Diese Werte sind wie ein Leitfaden für unser Leben.

Bei alledem weiß ich natürlich nur zu gut, dass in dieser Welt elend viel gelitten wird. Menschen hungern und werden erniedrigt. Sie sind Kriegen, der Brutalität und der Verachtung ausgesetzt. Kinder werden geboren und sterben bald darauf. Auch im Privaten, in den Familien, in den Altersheimen wird viel gelitten und oft kommen Menschen an ihre Grenzen. Aus diesem Grund können wir manchmal an keinen Gott (mehr) glauben und fragen: „Wo ist Gott? Warum greift er nicht ein?“. Hinter dieser Frage versteckt sich aber, dass wir einen allmächtigen Gott wollen. Einen, der eingreift. Natürlich so, wie wir es gerne hätten.

Dabei kommt Gott uns in einem Stall entgegen. Ohnmächtig auf dem ersten Blick. Zwischen Ochs und Esel kommt er in einer kalten Krippe zur Welt. Seine Botschaft ist: Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung. Er leidet mit einem jeden Menschen mit und seine Menschenfreundlichkeit steckt an. Er zeigt eine tiefe Ehrfurcht vor jedem Leben und sagt: „Was du einem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast Du mir getan“. Jesus lebt uns vor, was wirkliches Menschsein ist. Indem wir seinem Beispiel folgen, bekommt unser Leben einen Sinn. Aus diesem Grund haben wir alle, wenn wir ihn ernst nehmen, seit seiner Geburt eine Mission: Nämlich mitzuwirken, dass jeder Mensch auf dieser Erde ein Mensch sein oder werden kann. Der Kranke, der Alte, der Flüchtling, der Hungernde und, und, und…. Gott will durch uns wirken. Das ist das Geheimnis und macht einen jeden und jede von uns zum Bringer des Heils. In Anlehnung an ein Gebet von Albert Schweitzer könnte man (theologisch wohl nicht ganz richtig) sagen: „Gott verändert nicht die Welt. Gott verändert Menschen und Menschen verändern die Welt“.

Das Elend des Menschen mit Gott

Es fällt dem Menschen von heute schwer, an Gott, die Auferstehung Jesu und seine ständige Gegenwart im Leben zu glauben. Was ist da geschehen?

Die schwindelerregenden Kirchenaustritte der vergangenen Jahre haben viele Ursachen. Kirchensteuer-Ersparnis, Missbrauch und Protzbauten sind ernste Gründe. Tiefer jedoch wiegt – meiner Meinung nach – die Unfähigkeit des Menschen, Gott im modernen Leben wahrzunehmen.

In der Tat, die Weitergabe des Glaubens hat in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft nicht mehr so richtig stattgefunden. Dazu gibt es viele Erklärungen. Wir waren alle mit Wohlstandvermehrung, Fortschritt und Machbarkeitsdenken beschäftigt und haben das Entscheidende, nämlich Gott einfach vergessen oder übersehen. Wir sind als Gesellschaft dabei, dass wir uns in uns selbst verirren. P. Alfred Delp, der von den Nazis umgebracht worden ist, hat schon vor über 75 Jahren Deutschland zum Missionsland erklärt, weil der Mensch der westlichen Welt gottunfähig, wie er es nennt, geworden ist. Tatsache ist, dass wir uns nicht mehr als Kinder Gottes wahrnehmen. Das kann jeder von uns selbst bestätigen. Wir haben alle Mittel entwickelt, um uns selbst zu erlösen und dabei hat sich uns der Himmel verschlossen. Und weil wir auch nicht mehr an einen Himmel glauben, sind wir bemüht, den Himmel auf Erden zu schaffen. Das überfordert uns nicht selten, weil wir Angst haben, in diesem zeitlich begrenzten Leben alles zu erleben und noch schlimmer, wir überfordern uns gegenseitig. Um wieviel besser könnte unser Leben sein, wenn wir uns als Kinder Gottes wahrnehmen würden und uns von ihm geführt wüssten. Wir würden die Gebote Gottes als Angebote zum Leben entdecken, der Himmel würde sich öffnen und eine gesunde Gelassenheit und Zuversicht würde uns zu glücklicheren Menschen machen. Wir würden von uns selbst loskommen und erfahren, dass das Leben in der Hingabe gelingt, wie es der Psychotherapeut Victor Frankl in seiner Sinntherapie eindrücklich beschreibt.

Unser Papst Franziskus, der einem Missionar wirklich aus der Seele spricht, fordert eine Kirche, die sich selbst vergisst und sich an den Rand der Kirche und der Gesellschaft wagt. Also Salz und Licht ist. Er will eine Kirche, die sich im unermüdlichen Einsatz für die Menschen lieber verbeult und schmutzig macht als eine Kirche, die sich selbst gefällt und feiert. Er spricht von Bequemlichkeit, in der wir uns Christen eingerichtet haben und so sind wir zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Die Kirche sei ein Feldlazarett, sagt er. Das sind starke Worte, die zwar ausgesprochen, aber noch lange nicht eingelöst sind.

Genauso wichtig ist es meiner Meinung nach, dass die Kirche die Geheimnisse des Glaubens besser erklärt. Im kirchlichen Alltag findet das leider kaum statt. In Gesprächen mit Menschen nehme ich wahr, dass z.B. die Hl. Messe in ihrem Aufbau und Tiefe nur wenig verstanden wird. „Jesus ist für uns als Sühnopfer gestorben“. Das ist wahr. Nur schade, dass kaum jemand etwas mit diesem Ausdruck anfangen kann. Glaube und Vernunft gehören zusammen und ich wünsche mir Glaubenskurse, die die Fragen des heutigen Menschen auf hin Gott deuten. Nicht oberflächlich und schnell, sondern mit Ernsthaftigkeit, Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Hingabe.

Fastenzeit: Gott ist da

Heilfasten, Smartphone Fasten, selbst Autofasten gehen ohne religiöse Grundhaltung. Trotzdem sind solche Verhaltensänderungen gut. Grundsätzlich befreit Verzicht den Menschen; einmal von sich selbst und Überflüssigem und macht ihn offen für Neues. Loskommen von Abhängigkeiten, das kann eine Befreiung sein.

Die Fastenzeit hat gerade begonnen und wir sind aufgerufen zur Umkehr. Fasten kann dazu eine Hilfe sein. Umkehr ist nichts anderes als das Leben vor Gott transparent zu machen; vor ihm, der uns ohnehin durch und durch kennt. Oberflächlichkeit, Selbstbetrug und andere Irrwege stellen sich leicht in unserem Leben ein und das Leben wird ziellos und leer. Die Fastenzeit ist deshalb eine Einladung, an Gott mehr die Kontrolle meines Lebens abzugeben. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Mit ihm zusammen gelingt das Leben. Gnade ist, wenn ich erfahre, dass ich von ihm abhänge und nicht von Menschen und Dingen. Gott ist da.

Beim Fasten werden wir wieder mehr unserer tiefen Sehnsucht nach Glück bewusst. Da wir aber nicht erkennen, dass sie Sehnsucht von Gott stammt und nur mit ihm beantwortet werden kann, irren wir durch das Leben. Die „Welt“ wirbt mit Konsum, Selbstverwirklichung und Wellness und ist fürwahr keine Hilfe. Sollten wir deshalb nicht die „Welt“ fasten, um Gott besser wahrzunehmen? Im Psalm 16 heißt es so wunderbar: Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir. Ich sage zum Herrn: „Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.“

Fasten im Südsudan

In meiner Wahlheimat Südsudan ist Fasten ein Luxus. Es fehlt am notwendigsten. Meiner Erfahrung nach ist dort das Fasten aus religiösen Gründen nicht sehr ausgeprägt. Für die Katholiken gilt natürlich auch die Fastenzeit. Immer wieder habe ich einzelne Personen angetroffen, die für ein Anliegen oder für den Frieden gefastet haben. Mehr ausgeprägt ist das Fasten der Muslime. Zur Zeit des Ramadan essen die Muslime nur nach Sonnenuntergang und immer gemeinschaftlich. Tagsüber werden weder Flüssigkeit noch Speisen eingenommen. Und das wird sehr ernst genommen.

Die derzeitige Trockenheit ist schon schlimm und der desaströse Krieg macht die Lage aussichtslos. Mehr als eine Million Menschen hungern jetzt schon und bis zur Regenzeit ist es noch lang. Erst dann gibt es wenigstens wieder etwas Grüngemüse und Blätter. Während die Menschen leiden, hoffen sie auf Hilfe vom Himmel. Sie hoffen auf Gott, dass er ihnen Regen und Sicherheit schickt und auch auf die Flugzeuge, die Nahrungsmittel abwerfen. Letztendlich erleben die Menschen in dieser Situation, dass sie von Gott abhängen. Gott ist da. Denn er schickt Regen und Hilfe, selbst wenn diese vom Welternährungsprogramm stammt.