Alle Beiträge von Gerhard Rott

Gerhard Rott arbeitet im Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt. Zu seinen zentralen Aufgaben gehören die Förderung weltkirchlich-solidarischen Bewusstseins, die Bistumspartnerschaften mit Poona in Indien, den acht Diözesen in Burundi mit Schwerpunkt Gitega und Leitmeritz in Tschechien. Er konzipiert und organisiert die Kampagnen der weltkirchlichen Hilfswerke in der Diözese Eichstätt, ist Ansprechpartner für die Missionare und Entwicklungshelfer aus diesem Gebiet und berät kirchliche Gruppen und Verbände bei ihren Aktivitäten. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hat er einen Lehrauftrag im Bereich “Internationale Soziale Arbeit”.

Partnerschaft Eichstätt-Poona: Globalisierung der Solidarität

Seit 1997 war ich nun zum neunten Mal in Poona, insgesamt zehn Mal in Indien. Obwohl der Besuch diesmal nur knapp eine Woche lang dauerte, war er doch besonders wichtig, denn erstmals reiste unser Bischof Gregor Maria Hanke OSB in die Partnerdiözese. Er setzt eine Tradition fort, die zum Jahreswechsel 1964/65 von Bischof Schröffer begonnen wurde und die sein Nachfolger 1997 fortsetze. Und immer war in Poona Bischof Valerian mit dabei, zwar in verschiedenen Funktionen, aber immer als Faktor der Kontinuität. Sein Nachfolger Bischof Thomas Dabre, der schon 2010 sowie 2014 nach dem Regensburger Katholikentag und zum Jubiläum des Priesterseminars jeweils für einige Tage im Bistum Eichstätt weilte, freute sich über den Gegenbesuch und setzte alles daran, seine Gäste herzlich zu empfangen.

Weitere Bilder der Indienreise

Das gemeinsam erarbeitete Programm führte die Eichstätter Delegation, zu der auch Finanzdirektor Willibald Harrer, Domkapitular Prälat Dr. Christoph Kühn und Bischofssekretär Markus Demeter gehörten, in verschiedenste Projekte. Bei zwei Empfängen in Schulen, die über das Kindermissionswerk/Die Sternsinger gefördert werden, konnte man spüren, wie wichtig Bildung den Indern ist. An der St. Ornella School soll im nächsten Jahr mit Hilfe der Sternsinger der bereits abgerissene Altbau durch ein neues Gebäude ersetzt werden. Auch die ursprünglich 1972 gebaute Eichstätt Hall, die Aula der St. Patricks High School, wurde in den letzten Jahren aus diesen Mitteln grunderneuert.

Ein Projekt für ländliche Entwicklung in der rund vier Autostunden südlich von Poona gelegenen Region Satara, das von dem von Father V. Louis geleiteten PDSSS durchgeführt und von Misereor finanziert wird, soll die Lebensbedingungen auf dem Land verbessern und so Landflucht und Migration verhindern.

In Snehalaya, einem Heim für behinderte Kinder, das vor mehreren Jahren bereits von den Sternsinger auf einem Grundstück des Bistums Poona gebaut wurde, gibt es Lebensfreude pur zu spüren; zum Teil im Rollstuhl sitzend singen und tanzen die Kinder, um uns zu begrüßen. Was mich beeindruckt ist die eigenständige konzeptionelle Weiterentwicklung des Hauses, nachdem die ursprüngliche Zielgruppe, nämlich Kinder mit Kinderlähmung, aufgrund besserer staatlicher Programme, nicht mehr derart massiv anzutreffen ist. Die aus Spalt stammende Martina Greil hat ihre professionelle Hilfe dort schon mehrfach eingebracht. Auch das 2004 fertig gestellte ehemalige AIDS Hospiz Ashakiran, in dem auch schon Dr. Gerhard Gradl, ein Arzt aus Nürnberg, freiwillig mitarbeitet hat, ist gerade mit Hilfe engagierte junger Ärztinnen und Ärzte dabei, sich auf eine geänderte Bedarfslage einzustellen.

Natürlich besuchten wir auch die hervorragenden Frauenprojekte MAHER und CHETNA, die sich u.a. um die Opfer häuslicher Gewalt kümmern, berufliche Qualifikation und Kleinstkreditprogramme betreiben. Wie in allen Schulen und sozialen Projekten wird hier über die Grenzen der Religionen hinaus geholfen. Zwei Studentinnen aus Eichstätt werden ab Ende Januar dort ihr Praktikum verbringen und sicher viel lernen, bzw. erforschen können. Diese Form der Zusammenarbeit, der Austausch von Jugendlichen, Studenten und pastoralen Fachkräften (z.B. beim Aufbau kleiner christlicher Gemeinschaften), könnte sich als einen neue Säule der Partnerschaft in Zukunft noch besser etablieren. Einige Überlegungen dazu gibt es. Sicher kann auch die wissenschaftliche Kooperation ausgebaut werden.

Mein persönliches Fazit: Wenn dich alte Freunde und Bekannte, ehemalige Jugendliche bzw. Tänzerinnen, die 1995 und 2005 in Eichstätt waren, nach einem Gottesdienst ansprechen und sich über das Wiedersehen freuen, oder wenn ehemalige Mitarbeiter des Bistums Poona das Gleiche tun und man sogar zum 75sten Geburtstag eines alten Kollegen eingeladen wird, dann haben wir eines geschafft: Die Globalisierung hat ein menschliches Antlitz bekommen. Es sind dauerhafte Beziehungen durch die Dialogprogramme, Studienreisen und Begegnungen entstanden. Und immer neue Kreise werden in diese Globalisierung der Solidarität eingebunden.

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„Das Recht ströme wie Wasser“: Zu Besuch bei Ureinwohnern Brasiliens

Im November waren Vertreter fast aller bayerischen Diözesen in Brasilien, um sich über die Lage der Menschenrechte im Land ein eigenes Bild zu machen. Die Reise wurde vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor organisiert.

Im Fokus der besuchten Projekte stand die Frage nach dem Recht auf Wohnraum und Land. In Sao Paulo begegneten wir Menschen, die noch vor kurzem auf der Straße lebten und nun durch die Zusammenarbeit mit einer Misereor-Partnerorganisation leer stehende Gebäude besetzen und daraus in Eigenregie neuen Wohnraum schaffen.

An verschiedenen Orten im Amazonas und im Bundesstaat Pará mussten wir erleben, wie die Rechte von indigenen Bevölkerungsgruppen durch Investoren nicht beachtet werden, ihr Wald zerstört und zum Anbau von Soja missbraucht wird.

Besonders paradox erscheint es mir, dass genau in dem Monat, in dem sich eine der größten Umweltkatastrophen durch den Bruch eines Bergbau-Abwasserstaudamms in Brasilien ereignet hat, die Regierung an einer anderen Stelle die Erlaubnis zur Flutung des drittgrößten Staudamms der Welt erteilt. Die bisher am Ufer des Flusses Xingu lebenden indigenen Bevölkerungsgruppen haben zehn Jahre dagegen gekämpft. Bischof Erwin Kräutler, 2010 für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, war immer an ihrer Seite. Jetzt erlebe ich einen 29-jährigen Häuptling der Arara, der in unglaublich verantwortungsbewusster Art davon spricht, sein Volk in eine veränderte Zukunft führen zu müssen. Es macht mir trotz der Wut im Bauch, Mut im Kopf zu sehen, dass die Zukunft Brasiliens auch von Menschen gestaltet wird, die nicht nur an ihren Profit denken (in Brasilien leben rund 900.000 Indigene in etwa 240 Völkern).

Szenenwechsel: Keine 48 Stunden später sind wir südlich von Belém in einem anderen Indianerdorf. Dort verteidigen die Indigenen ihre ihnen gesetzlich zustehenden Wälder gegen Investoren, die Mais für den Export anbauen wollen. Dadurch finden die Ureinwohner auch zurück zu ihrer alten Kultur.

Misereor und seine Partner stehen an der Seite dieser Kämpfer für den Erhalt der Umwelt und eine gerechte Gesellschaft. Ich freue mich auf die Fastenaktion 2016, die sich mit diesen Fragen beschäftigen wird.

Burundis Gegenwart und Zukunft

Am Freitagabend gab es wieder die Situation, die meine Kinder schon öfters erlebt haben: In den Nachrichten wird ein Ort auf der Welt gezeigt und ich werfe ein, „da war ich schon“. Dann fange ich an, über das Land, die Leute, die Kirche, die sozialen Probleme und meine Freunde zu erzählen.

Bei den Bildern aus Bujumbura, der Hauptstadt Burundis, ist es etwas anders – es ist plötzlich still. Bilder von brennenden Autos, Straßensperren, einem Autokonvoi, der triumphalistisch einfährt. Dazu die Stimme des Kommentators, dass ein Putschversuch gescheitert ist. Ich blicke auf mein Fairphone (ein fair gehandeltes Smartphone) und lese die letzten Nachrichten, die ich über WhatsApp aus Bujumbura erhalten habe. Auch auf Twitter checke ich nochmal die Lage. Ja genau, diese Straße kenne ich, sie führt aus dem bergigen Hinterland in die Hauptstadt. Bujumbura ist der Brennpunkt der Unzufriedenen im Land, aber auch der Regierungstreuen. Darum entscheidet sich hier, was im Land passiert. Es geht um die Gegenwart und die Zukunft.

Gott sein Dank sind die Mitarbeiter der Partnerorganisationen vor Ort in Sicherheit, das geplünderte Büro kann man verkraften. „Mauern lassen sich reparieren“, habe ich zum Mut machen einem Diakon geschrieben.

Blogautor Gerhard Rott mit einer Eichstätter Delegation auf dem Weg nach Bugendana/Burundi (2012). pde-Foto: Daniela Olivares
Blogautor Gerhard Rott (Mitte mit Hut) mit einer Eichstätter Delegation auf dem Weg nach Bugendana/Burundi (2012). pde-Foto: Daniela Olivares

Vor über zehn Jahren hatte ich eine ähnliche Situation in Burundi miterlebt. Eine Reisegruppe unter meiner Leitung, die nach Burundi wollte, war schon am Flughafen, hatte bereits eingecheckt und wartete auf das Boarding, als mein Name ausgerufen wurde. Meine Sekretärin hatte die Information von einem mitdenkenden Kollegen aus der Pressestelle bekommen, dass die Nachrichtenagenturen von einem Putsch in Burundi berichten, dass der internationale Flughafen geschlossen sein, es Tote und Verletzte gäbe. Der Flug ging ohne uns. Die Kinder haben keine afrikanischen Spielsachen bekommen. Burundi hat sich ins Gedächtnis der Familie eingebrannt. Seitdem hat die friedliche Entwicklung im Land das Umfeld geschaffen, um gemeinsam mit vielen anderen viel Gutes für die von bitterer Armut geplagte Bevölkerung im Land zu tun.

Arbeiten am Bau der neuen Kirche von Bugendana. Foto: Gerhard Rott
Partnerschaftsprojekt der Diözesen Eichstätt und Gitega/Burundi: Arbeiten am Bau der neuen Kirche von Bugendana. Foto: Gerhard Rott

Und jetzt? Hoffentlich gibt es keine blutige Abrechnung. Hoffentlich kann es bald weiter gehen mit den notwendigen Schritten der Entwicklung, die wir von außen nicht machen können, die wir nur begleiten und unterstützen können.

Burundi ist ein wunderschönes Land, dort leben freundliche, positive Menschen. Es wird weiter gehen. Unsere Freunde sollen wissen, dass wir nicht von ihrer Seite weichen werden. Mit ihnen zusammen werden wir, wie es Papst Franziskus formuliert hat, „an die Ränder gehen“, zu den Armen.

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Kubaner blicken mit großer Offenheit in die Zukunft

Völlig anders war das ganze Umfeld meiner dritten Kuba-Reise. Die Tagung „Interkulturalität, Erziehung, Versöhnung und soziale Arbeit“ begann unter großer Beachtung vieler engagierter Gruppen aus der Nachbarschaft mit einem kleinen Festakt – zugleich die Eröffnung einer Fotoausstellung – in einem Haus der offenen Türen. Nicht hinter den Mauern eines kirchlichen Fortbildungszentrums, sondern fast auf der Straße. Vor der offenen Türe des Centro Loyola standen viele Menschen, die mal reinschauen und wissen wollten, was da los ist. Mit großer Offenheit blicken die Mensch in Kuba in die Zukunft, obwohl mir im Augenblick niemand sagen konnte, wohin die Reise mit dem Land gehen wird. Am Dialog mit uns, den Gästen aus Deutschland, waren alle Teilnehmer, junge und alte, Akademiker, Künstler und Arbeiter sehr interessiert.

Auch mir ist nach dieser Reise nicht klar, was die Zukunft für das Land bringen wird. Sicher haben die Menschen in Kuba viel zu verlieren, zum Beispiel das beste Gesundheitssystem Lateinamerikas, das kostenlose und flächendeckende Schulsystem bis hin zu den Universitäten und die gute Infrastruktur bei der Katastrophenvorsorge (vor allem bei den Hurrikans gibt es weniger Opfer als in anderen Ländern). Ein Missionar sagte zu mir: „Die Menschen hier hungern, aber sie verhungern nicht. Das ist in anderen Ländern viel schlimmer.“

Dennoch verlassen viele Kubaner das Land, um andernorts ihr Glück und Freiheit zu suchen. Viele der Intelligentesten arbeiten lieber als Taxifahrer oder eröffnen ein kleines Lokal, zwei der wenigen Möglichkeiten für Männer, um eigenständig zu arbeiten und an die wertvolle Touristenwährung heranzukommen. Gerade bei vielen jungen Erwachsenen ist ein Verlust der Werte festzustellen: Wirtschaftliches Wohlergehen scheint das einzige Lebensziel zu sein. Aber das kommt mir aus Europa bekannt vor. Doch es gibt überall Ausnahmen. Die Arbeit der im Umfeld des Jesuitenordens landesweit angesiedelten Loyola-Zentren, die alle trotz der schwierigen Transportmöglichkeiten vertreten waren, wird hauptsächlich von Laien getragen. Sie sind sehr engagiert bei der Sache, zum Beispiel in der Jugendarbeit und der beruflichen Bildung (Stichwort: Ganzheitliche Qualifikation für Existenzgründer). Dem Klerus ist klar, dass diese Arbeit in die Verantwortung der Laien gehört.

Die Christen in Kuba bereiten sich darauf vor, dass sich die soziale Lage durch sich abzeichnende Veränderungen verschlechtern kann und dann ihre caritative Hilfe zur Bildung einer solidarischen Gesellschaft auf der Grundlage der katholischen Soziallehre von großer Bedeutung sein wird. Darum lag der Schwerpunkt dieser Tagung auf den Fragen der Versöhnung, der Erziehung und der sozialen Arbeit in einem kulturell vielfältiger werdenden sozialen Kontext. Gefreut hat mich zu sehen, dass die Kirche als Plattform des Dialogs wirklich eine wichtige Aufgabe hat. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion waren ganz selbstverständlich Vertreter anderer christlichen Kirchen vetreten.

Der Dialog in Kuba und Kubas mit der Welt wurde mit dieser Tagung weiterentwickelt. Weitere Schritte stehen an, um einen friedlichen Prozess zu gewährleisten. Der Beitrag Eichstätts dazu ist nicht gering, sowohl das Bistum als auch die Katholische Universität bringen sich ein.

Das Dialogprogramm Eichstätt-Kuba

Morgen früh geht es los. Meine dritte Kuba-Reise nach 2006 und 2011. Auch diesmal geht es um das Dialogprogramm der Kirche Kubas mit der Kirche Deutschlands, aber immer auch um den Dialog im Land selbst. Schon fünf Mal waren wir in Eichstätt die Ausrichter dieser Tagungen, erstmals steigen nun die Jesuiten in Kuba mit ein und haben auch die Organisation am Centro Loyola in Santiago de Cuba übernommen.

Ob sich schon viel geändert hat, seit die Beziehungen mit den USA sich normalisieren sollen? Für mich war der 17. Dezember 2014 ein wichtiger Tag. Am Geburtstag von Papst Franziskus wurde das im Vatikan ausgehandelte Abkommen veröffentlicht. Unsere Tagung soll ganz praktische Dinge betreffen. Die Katholische Universität in Eichstätt ist auch mit dabei. Dadurch ist auch die fachliche Qualifikation unserer Beiträge gewährleistet.
Das Thema der Tagung lautet: „Interkulturalität, Erziehung, Versöhnung und soziale Arbeit“. Es ist die 11. gemeinsame Tagung im Rahmen eines deutsch-kubanischen Dialogprogramms, in das seit 1999 die Fakultät für soziale Arbeit der KU und das Referat Weltkirche des Bistums Eichstätt eingebunden sind.

Für das Bistum Eichstätt wird Domkapitular Prälat Dr. Christoph Kühn ein Grußwort sprechen und einen Vortrag zum Thema „Die Arbeit der Kirche für die Versöhnung im deutschen Kontext“ halten. Dr. Monika Pfaller-Rott wird über die Zusammenhänge von sozialer Arbeit und Erziehung aus deutscher Sicht referieren. Der Zusammenhang von sozialer Arbeit, Interkulturalität und Versöhnung bildet den Schwerpunkt des dritten Eichstätter Vortrages, den ich selbst halten werde. An der Tagung werden auch herausragende Repräsentanten der Kirche Kubas teilnehmen, darunter der Erzbischof der Erzdiözese Santiago de Cuba, Msgr. Dionisio García Ibañez, und Padre Claudio Paul, der ehemalige Leiter der Caritas in der Diözese Holguin.

Im Anschluss an die Tagung werde ich noch eine staatliche Universität besuchen, die auf Vermittlung vom Institut zur interdisziplinären und interkulturellen Erforschung von Phänomenen sozialer Exklusion (ISIS e. V.) eine Partneruniversität der KU ist und von der bereits eine Professorin vor zwei Jahren zu einem Gastvortrag an der KU eingeladen war.
Wenn es klappt, melde ich mich von unterwegs.

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