Alle Beiträge von Gerhard Gradl

Dr. Gerhard Gradl ist Arzt für Allgemeinmedizin aus Nürnberg-Moorenbrunn im Norden der Diözese Eichstätt. Als Arzt mit Erfahrung in tropenmedizinischen Erkrankungen und geübt durch laufende reisemedizinische Beratungen in der Praxis hat er sich entschlossen, seine Arbeitskraft ehrenamtlich bei Hilfseinsätzen in notleidenden Gebieten zur Verfügung zu stellen, sofern es der Praxisablauf zulässt.

Mobiler Einsatz in Äthiopien

Zum zweiten Mal war ich im November in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist, mit rund 100 Millionen Einwohnern, ein Vielvölkerstaat mit 80 verschiedenen Volksgruppen, eine Mischung aus afrikanischer, südafrikanischer und arabischer Kultur. Das Land war einst Vorbild für Afrika, jetzt droht es auseinanderzubrechen. Es leidet unter immer wiederkehrenden Hungersnöten – ausgelöst durch Missmanagement, Willkür und durch ausbleibende oder klimatisch geänderte Regenzeiten.

Wir (d.h. das Team von Humedica) waren im Sudwesten Äthiopiens bei den Volkstämmen der Kara (rund 1500 Angehörige) und Hamer (rund 40.000) im Einsatz. Es sind zwei der vielen Stämmen am Fluss Omo, die u.a. an den Folgen der wirtschaftlichen Interessen leiden. Ziel des Einsatzes war die gesundheitliche Versorgung (Malaria, Parasiten, Tbc, Augen- und Atemwegserkrankungen,…) im Rahmen mobiler Kliniken (mit Jeep und Ausrüstung in die Dörfer) und Schulungen in den Bereichen Ernährung und Hygiene. Hier ein Rückblick.

Tszalu (in der Karasprache: Hallo)

Bereits bei der Einreise haben wir Kontakt mit dem Ausnahmezustand, der seit Oktober andauert und auch für die Abschaltung der sozialen Medien zuständig ist, was den Kontakt nach Hause sehr erschwert. Die zweitägige Fahrt mit dem Jeep in das Einsatzgebiet am Omo ist erlebnisreich:

  • Frauen und Kinder schleppen gelbe 25 Liter Kanister am Rücken; das ist die Wasserversorgung aus dem jeweils nächstgelegenen Fluss; teilweise gehen sie kilometerweit an der Straße entlang, um den Tagesbedarf daheim zu sichern.
  • Lastwagen und ihre Container liegen neben der Piste, die auf Sand und Steinen die abschüssigen Wege nicht schafften.
  • Kamel-, Ziegen- und Rinderherden behindern nicht nur einmal die Fahrt und zwingen uns zum Ausweichen oder Halt.
  • Teilweise wird die Piste zur Rutschpartie – in jetzt trockenen aber im Unterbau noch feuchten Flussläufen, die überquert werden müssen; der letzte Regen ist noch nicht so lange her.
  • Geier fliegen hoch am Himmel und halten Ausschau nach Tieren, die es nicht mehr geschafft haben – auf der Piste oder in der Steppe.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages kommen wir an und verteilen uns in den Zelten, die neben dem ehemaligen Missionshaus aufgestellt sind. Das Haus dient uns als Lager, Küche und Gemeinschaftsraum. Wir sind rund ein Kilometer vom größten Kara-Dorf  (Dus) entfernt. Hier gibt es einen offiziellen Gesundheitsposten (Steinhaus mit zwei Zimmern). Er ist nicht besetzt – nach einer sechswöchigen oder im Glücksfall sechsmonatigen Ausbildung will keiner für rund 35 Euro im Monat im Busch allein als Gesundheitshelfer weitab der sogenannten Zivilisation tätig sein. Ein Kontakt zum/zur Medizinmann/-frau im Dorf konnte bisher nicht hergestellt werden. Die Zusammenarbeit mit ihm und die Einbindung der traditionellen Medizin sind auch ein Ziel des Gesamtprojektes hier, neben der gesundheitlichen Versorgung und dem Bau einer neuen Gesundheitsstation mit mehr Möglichkeiten.

Am ersten Abend werden wir ins Dorf gerufen: Ein Junge ist nicht mehr erweckbar, Fieber, Schleimausfluss aus dem Mund, Husten, Blick nur nach einer Seite: Ist es ein Infekt mit Krampfanfall oder Malaria mit Beteiligung des Gehirns? Der Malariatest ist negativ – trotzdem entscheiden wir uns für eine Malariatherapie – am nächsten Tag geht es ihm vorübergehend besser: Er hat überlebt! Einen weiteren Tag später schicken wir ihn ins Krankenhaus, da eine weitere Verbesserung ausbleibt und er jetzt Chancen hat, den vier bis fünfstündigen Transport zu überstehen und er dort eine weitere Therapie erhalten kann. Mit ihm schicken wir eine junge Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte und weiter blutet. Wir versorgen sie mit einem Medikament, das die Blutung vermindert. Glücklicherweise habe ich das mitgenommen.

Der erste Einsatzort liegt am Omo-Fluß neben dem neuangelegten Feld der Dorfgemeinschaft. Dieses Feld wurde über die „Straße“ hinweg angelegt, so dass ein Weiterkommen mit dem Wagen nicht möglich ist – also findet die Behandlung im Schatten zweier Bäume statt. Matten werden ausgebreitet, die Kisten für die Apotheke werden bereitgestellt, eine Stelle für Verbände bestimmt. An anderer Stelle richten wir die Untersuchungsplätze für die Ärzte und Übersetzer ein. Auf der Ladeklappe des einen Geländewagens ist die Registratur: die Namen der Patienten werden mit der teils verschiedenen Schreibweise auf den Karteikarten versucht, in Einklang zu bringen. Einer der Fahrer schickt von den dann wartenden Patienten den jeweils nächsten zum freiwerdenden Untersuchungsplatz. Ansonsten würden sich hier Trauben von Kindern und Patienten um den Arztplatz bilden und die Untersuchung wäre unmöglich. Schweigepflicht und Datenschutz sind Fremdwörter! Mit unseren fünf Sinnen, Stethoskop, Ohrenspiegel, Thermometer, Urinproben und Malariatest untersuchen und diagnostizieren wir – und wir kommen schätzungsweise zu 80% auf die gleichen Ergebnisse wie mit unseren technikgestützten und juristisch geforderten Maßnahmen zu Hause. Die Patienten gehen dann zur Apotheke, wo die Medikamente aus den Kisten heraus verabreicht werden, die Salben aufgetragen und die Verbände gemacht werden.

Wir arbeiten an verschiedenen Orten. Einer davon ist Korcho – ein Ort, an dem Safaritouristen regelmäßig Halt machen. Die Menschen bemalen sich, um gegen Geld fotografiert zu werden. Normalerweise sind es rituelle Zeichnungen auf den Körpern, die nur zu bestimmten Festtagen aufgetragen werden. Sind die Touris wieder weg, wird von vielen Karas hier das Geld in Alkohol umgesetzt – mit den Folgen von Streitigkeiten und Verletzten. Andererseits trifft dies natürlich nicht für alle zu und es ist auch zu beobachten, dass in diesem Dorf der für uns sogenannte Standard schon höher ist. Zwei Seiten des Eindringens unserer modernen Welt in eine traditionelle.

Ein anderes Erlebnis dieser „Konfrontation“: Ein Mädchen hat so starke Karies, dass alle Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung nicht helfen. Im Dorf gibt es einen Heiler/Medizinmann, der für Knochen und Zähne zuständig ist. Wir suchen den Kontakt, haben aber das Problem, das das Mädchen schreit und sich massiv gegen die Behandlung wehrt – so kann der Heiler nicht arbeiten. Es wird eine Kurznarkose gemacht und der Medizinmann zieht in einer nur ganz kurz dauernden Aktion (Schnitt und Aushebeln) den Zahn – in den nächsten Tagen wird eine weitergehende Zusammenarbeit vereinbart. Besser kann es nicht laufen!

Der Fluss Omo – die Lebensader hier im Sudwesten Äthiopiens – schlängelt sich durch die Landschaft. In der Nacht, wenn der Mond der Erde am Nächsten steht und besonders groß erscheint, erleben wir einen beeindruckenden Mondaufgang. Er kommt hinter den Bergen hervor, leuchtet über der Tiefebene und spiegelt sich im Fluss.

Genauso beeindruckend sind so manche Behandlungssituationen: Unter schattengebenden Bäumen (40 Grad) auf einer Decke sitze ich – vor mir die Patienten, hinter mir frischgeborene Ziegen, die an mir rumschnuppern – und schräg vor mir der Älteste des Dorfes, der die Behandlung beobachtet und nach Abschluss der Behandlung mit mir ein Plauschen hält: Wie alt ich sei – knappe sechzig können wegen meiner hellen Haare nicht stimmen – und ob die mitbehandelnde Ärztin meine Frau sei. Acht Ziegen will er wohl für sie bieten und sie als Zweit- oder Drittfrau erwerben.

Was bleibt, außer den tiefen Eindrücken von Landschaft und einer anderen Kultur?

  • Die Gewissheit, einigen Menschen in ihren Krankheiten geholfen zu haben
  • Eine deutsche Schwester wird dauerhaft da sein und sich der medizinischen Versorgung annehmen, wenn möglich in Zusammenarbeit mit den einheimischen Medizinkundigen und ab und zu unterstützt von einem medizinischen Team aus der Heimat (wie unseres).
  • Wir werden versuchen, die Qualität des Wassers zu testen, ob die Reinigungsmaßnahmen vor Ort effektiv sind und somit Krankheiten wirklich verhindert werden können
  • Für uns (alle) selbst die Erkenntnis, dass unser Wissen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nur sehr relativ sind, und dass wir uns auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist.

Eindrücke aus dem Flüchtlingslager von Idomeni

Seit Wochen gibt es Meldungen in den Nachrichten, dass sich die Flüchtlingsströme aufgrund von Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute von Nahost und Afrika nach Europa zunehmend stauen. Vor wenigen Tagen wurde die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland bei Idomeni nahezu vollständig geschlossen. Die Folge ist, dass sich rund 15.000 Menschen vor der Grenze in einem nicht organisierten Lager aufhalten. Nicht organisiert heißt, dass es keine geordnete Lebensmittelversorgung gibt, dass keine offizielle Verteilung von lebensnotwendigen Dingen stattfindet und dass die medizinische Versorgung  nicht existiert.

Die internationale Nichtregierungsorganisation humedica hat – wie auch andere Hilfsorganisationen  – entschieden, Ärzteteams nach Idomeni zu senden. Wie dringend der Bedarf vor Ort in Griechenland ist zeigt die Tatsache, dass es akzeptiert wird, dass ich nur eine Woche in den Einsatz fahren kann – normalerweise sind keine Einsätze unter zwei oder drei Wochen möglich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine Erfahrungen aus den Einsätzen in Afrika und Asien irgendwann mal auf europäischen Boden anwenden sollte und könnte.

Bei der Ankunft im Lager direkt vom Flughafen aus gehe ich durch das Areal, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Die Zelte stehen zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen, auf jedem denkbaren freien Fleck, direkt aneinander. Dazwischen brennen oft die stark rauchenden Feuer, auf denen Wasser gekocht oder auch Essen zubereitet wird. Es sind viele hunderte von Zelten, meist kleine Campingzelte, gelegentlich erweitert mit Decken und Folien. In bestimmten Bereichen stehen auch Großzelte mit Betten, die von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UnHCR, Rotes Kreuz und anderen Organisationen aufgebaut wurden. Hier sind auch „sanitäre Anlagen“ vorhanden, die von allen benutzt werden: rund 30 Dixi-Toiletten an einer Stelle, daneben die Waschcontainer, etwas weiter unten ist ein (neu erstandener?) See, auf dem viel Unrat schwimmt. Man hat das Gefühl, dass die Toiletten auch nicht immer ihr „Dichtigkeitsversprechen“ halten und manchmal etwas in den See ablassen. An mehreren Stellen sind solche Plätze aufgebaut. Auch wenn wirklich täglich zweimal versucht wird, diese Toiletten zu reinigen, bei der Vielzahl der Menschen reichen sie einfach nicht aus und die Verschmutzung der Häuschen passiert ziemlich schnell immer wieder.

An der zentralen Stelle, neben dem Lager der griechischen Polizei, ist ein mit Drahtverhau abgeschirmter Gang, der direkt zur Essensausgabe führt. Wenn hier die Uhrzeit gekommen ist, ist es schon ein stark gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn die dichten Menschmassen in diesem Käfiggang stehen, um zu ihrem Essen zu gelangen. Aber es ist nicht sinnlos. Vor Kurzem wurde die Essensausgabe an einem Tag ausgesetzt, weil vorher die Essensverteiler – freiwillige Helfer – von einer kleinen Gruppe militanter Flüchtlinge mit dem Essen beworfen wurden. Sie wollten Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen und mit dieser Aktion alle anderen zum Mitmachen zwingen. Andere solche Aktionen sind zum Beispiel das Absperren der Autobahn. Das alles wird natürlich immer medienwirksam inszeniert. Wie übrigens die Presse sehr oft hier vertreten ist. Praktisch jeder von uns wird von Journalisten angesprochen, zu einem Interview gebeten, telefonisch oder persönlich. Wir versuchen unsere Arbeit und Motivation zu erklären und enthalten uns jeder politischen Stellungnahme.

Politik – auch für uns ist es nicht so ganz einfach, hier zu arbeiten: Es dauert einige Tage bis wir von der inoffiziellen Duldung dann die Erlaubnis der griechischen Ärztekammer haben, hier als mobile Klinik im Lager auf griechischen Boden arbeiten zu können.

Unsere Arbeit: Jeden Morgen fahren wir über die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In den griechischen Dörfern und Städtchen in der Umgebung des Lagers finden wir einfach keine Unterkunft. Die Bereitschaft, Unterkünfte zu vermieten ist sehr stark eingeschränkt oder die Preise sind massiv überteuert für ziemlich heruntergekommene Häuser. Also sind wir in einer mazedonischen Unterkunft kurz hinter der Grenze. Wir holen aus einem der anderen Lager unseren Übersetzer ab, fahren anschließend zu unserem Standplatz am Bahnhof und bauen aus dem Sprinter heraus unser Vorzelt auf. Hierin befinden sich eine der Behandlungsplätze und die Medikamentenausgabe zusammen mit dem Wundbehandlungs- und Versorgungsplatz für die Verbände und Ähnliches. Im Wagen ist der zweite Behandlungsplatz. Ein Arzt und der Übersetzer sind immer beim Patienten und versuchen, so gut wie eben möglich, eine Diagnostik zu erstellen und mit den vorhandenen Mitteln eine adäquate Therapie durchzuführen. Natürlich sind da Grenzen gesetzt. Die eventuell empfohlene Krankenhausbehandlung wird in den allermeisten Fällen nicht durchgeführt – aus Geldmangel, aus Angst nicht zurückzukommen oder auch anderen für uns nicht nachvollziehbaren Gründen.

Wir sehen die üblichen grippalen Infekte, Bronchitiden und Lungenentzündungen, Sonnenbrände, Verbrennungen von den offenen Feuern, Erschöpfungszustände, aber auch chronischen Erkrankungen (bei denen die benötigten Medikamente ausgehen), Kriegsfolgen und akute Verletzungen von Rücktransporten aus mazedonischem Gebiet, wo Kontakt mit der dortigen Polizei stattgefunden hat. Vom 27 Tage alten Säugling bis zum 85 jährigen Opa – auf alle Altersklassen sind wir eingestellt. Bis zu 33 Grad hatte es schon, alles wird staubig und der Helikopter, der vormittags und nachmittags teilweise stundenlang über dem Lager kreist, führt nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre. Ebenso die Tatsache, dass nicht klar ist, wie lange das Lager überhaupt noch besteht – morgen schon die Räumung oder in den nächsten Tagen – oder überhaupt nicht. Eine Räumung würde wohl mit ziemlicher Unruhe einhergehen – es bleibt abzuwarten und spannend.

Regen, heißer Tee und eine 24-Jährige mit fünf Kindern

Wie angenehm war doch die erste Woche für uns – jetzt beim Anziehen bereits lange Unterwäsche, doppelte Oberbekleidung, Regensachen, Handschuhe – und wirklich feste schlammaushaltende Schuhe. Im Camp angekommen, warten wir noch in unserem Transporter. Der Fahrer ist mit dicker Mütze und Kapuze in den Regen rausgegangen und versucht den Chef des Lagers zu erreichen, um zu klären, in welches Zelt oder in welchen Unterstand wir gehen können, um die Menschen zu behandeln. Es ist nicht so einfach die Familie zu finden, die ihre Unterkunft zur Verfügung stellt – denn schließlich kommen alle Patienten und bringen Dreck, Kälte und Nässe mit herein. Ja es gibt sogar Lager, die angeblich keinen Behandlungsbedarf haben – wir glauben, die Bedingungen schrecken mehr ab, als die Aussicht auf medizinische Versorgung.

In den allermeisten Fällen werden wir aber doch gerne eingeladen und so steigen wir aus dem Wagen hinaus in den Regen und stehen in irgendwelchen Pfützen oder tiefem Schlamm. Wir bilden eine Kette zum Ausladen. Nicht alle müssen gleich von Anfang an den ganzen Dreck auf den teppichbefreiten Boden mit hineinbringen – die, die draußen ausladen im Regen, haben aber das Pech, durchnässt zu werden. Sie sind dann während der Behandlung die ersten, denen es kalt wird, denn irgendwo zieht es immer rein. Nur in den seltenen Fällen heizt ein Ofen die Unterkunft. Oft – aber nicht immer – wird uns ein wohltuender heißer Tee oder Kaffee angeboten. Während der Behandlung wird es immer wieder dunkel durch den nächsten auf die Planen prasselnden Regenschauer, oft vermischt mit dem Grollen des Donners, der über die Bekaa-Ebene hinweg ziehenden Gewitter.

Da der Strom immer wieder ausfällt, bleibt nur die Behandlung unter dem Licht der Stirnlampen. Wir versuchen so gut wir können, die oft durchnässten Patienten mit ihren zunehmenden Infekten zu versorgen. Wenn für uns schon die Situation unangenehm ist, wie sehr müssen diese Menschen darunter leiden, die oft nicht genügend Schutz gegen die Kälte haben. So wie der Zweijährige, der wie seine Geschwister keine Strümpfe hat und von seiner barfüßigen Mutter gebracht wird. Und in den nächsten Tagen und Wochen soll es kälter werden und sogar Schnee geben!!

Dagegen ist die Unannehmlichkeit, am Abend mit ca. 1Kg schweren Schuhen in der Unterkunft anzukommen und nach dem Ausladen das Treppenhaus vom Schlamm unserer Spuren zu reinigen eigentlich nur eine Kleinigkeit.

Zu manchen Zeitpunkten schießen die Behandlungszahlen sprunghaft in die Höhe: Viele Familien sind sehr kinderreich und alle wollen versorgt sein.

Und wir lernen dabei die unterschiedlichen Kulturen kennen: Eine 24-jährige kommt mit ihren fünf Kindern. Sie werden behandelt und am Ende will sie für die anderen sieben Kinder der Familie auch noch Medikamente mitnehmen, was uns aufgrund des Alters der Mutter stutzig macht. Zufällig bemerken wir, dass diese gerade mit deren Mutter, der zweiten Frau des Mannes, an unserer anderen Behandlungsstelle versorgt wird – arabischer Familiensinn im guten Einvernehmen der Beteiligten??

Der letzte Tag ist angebrochen. Es wird noch einmal in ein Camp hinausgehen. Es wird keinen Regen geben, aber noch hängen dicke Wolkenfetzen an den Gebirgshängen bei ansonsten klarem Wetter. Was werde ich heute noch sehen und behandeln? Was werde ich den Familien und Kindern noch mitgeben können, bevor ich dann wieder zurück in die Behaglichkeit komme – auch wenn da gerade ein Sturm tobt und Schnee alles zu behindern scheint.

Die Adventszeit wird mich dann sicher an das hier ebenfalls weihnachtlich geschmückte christliche Zahle erinnern – und an die Bekaa-Ebene mit den Flüchtlingscamps, die ab nächster Woche einen Wetterumschwung mit Schneestürmen und frostigen Temperaturen erwarten …

Ein Flüchtlingscamp wurde angezündet

Gestern Abend noch die großen von der Sonne beschienenen und vom heftigen Wind getriebenen Wolken und das Rot auf den Bergen des Libanons – jetzt im klaren Morgenblau die sich abzeichnenden Berge des Antilibanons mit der darauf verlaufenden syrischen Grenze – und der Dunst in der unten liegenden Bekaa-Ebene, vermischt mit den Rauchschwaden der brennenden Müllhalden, teilweise direkt in die auch hier liegenden Lager ziehend. (Allein schon mit diesen Bildern ist der große Zwiespalt hier im Land für mich fühl- und sichtbar).

Es geht wieder zu diesen Lagern am Rande der Strassen, neben den Feldern – befestigt auf Betonplatten oder auch nur einfach auf der blanken festgestampften Erde aufgerichtet. Dann bei Regen und Schnee die Wege natürlich entsprechend tief im Schlamm versinkend – für die Fahrzeuge nur noch schwer erreichbar.

Da ist es dann auch kein Wunder, dass wir nicht nur einmal Kinder sehen, die von Ratten in Finger und Nase gebissen wurden. Oder dass eine junge Frau kommt mit unregelmäßigen frischen blutigen Striemen im Gesicht. Wir alle (auch die syrischen Helfer) zweifeln an ihrer Version, dass dies Zeichen der Trauer sind, weil sie sich wegen dem Tod eines nahen Angehörigen mit Sand und Erde im Gesicht gerieben hat. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sie vom eigenen Mann(?) geschlagen wurde – weil es auch auf Grund der ganzen Umstände immer wieder zu Konflikten in den Familien kommt. Aber sie kommt nicht deswegen zur Behandlung zu uns und will auch nichts weiter darüber sagen – und so haben wir keine Möglichkeit, hierfür irgendwelche Hilfe anzubieten, obwohl es auch für solche Vorkommnisse spezielle Angebote und Anlaufstellen gibt.

Neben der medizinischen Versorgung der Menschen in den Camps fallen auch immer wieder andere Arbeiten an. Wie z.B. die Gutschein/Voucher für den Brennstoff der verteilten Öfen in den Zelten durchnummerieren und den entsprechenden Zelten mit ihren Besitzern anhand der Listen zuordnen. Die Verteilung von sogenannten Nonfood-Items (Decken, Öfen mit Ofenrohren und Grundplatte, Mützen, Handschuhe, …) ist für das Überleben genauso wichtig und unsere Koordinatoren müssen dafür auch verdammt viel Zeit aufbringen. Und natürlich hilft jeder so gut er kann mit.

So auch beim Umzug unseres Quartiers oben auf den Hügeln über Zachle näher in die Stadt hinein. Der ist schon seit langem geplant – viele Fahrten werden dadurch kürzer oder unnötig, weil man die Dinge mit einem Fußweg erledigen kann – und die Wohnung hatte keine Heizung, was für die vorherigen Teams z.T. ein richtiges Problem wurde, wenn der scharfe Wind von unten heraufzog und die nach Norden ausgerichtete Wohnung weiter auskühlte. Also alles verpacken: Medikamente, Planungs- und Bürounterlagen, persönliche Ausrüstung und natürlich einige Schränke und Betten – und in die neue weitgehend möblierte Wohnung aufbrechen!

Sechs Fahrten mit unseren vollbeladenen Jeep und Van durch die Stadt sind notwendig, hindurch durch das arabische Verkehrsgewirr, in dem man mit der Zeit einfach mitschwimmt und sich als Fahrer ganz natürlich anpasst. Nach stundenlanger Putz- und Tragearbeit sind wir am späten Nachmittag froh und auch ein bisschen stolz darauf, alles so gut geschafft zu haben und schon fast fertig eingerichtet wieder startbereit für den nächsten Einsatz zu sein. Den Abend in der Stadt und am nächsten Tag einen „day off“ (Alternative wäre Restumzug gewesen) genießen wir – auch indem wir ein nahe gelegenes altes Omajadenschloss anschauen.

Aber wir werden sehr bald in die Realität zurückgeholt. Das Internet – unsere Nabelschnur nach draußen – funktioniert nicht und der Empfänger muss erst neu programmiert werden. Dann fällt der Strom immer wieder aus bis schließlich der Verteiler ganz defekt ist und wir „ohne Saft“ sind – hoffentlich kommt die Reparatur zeitnah – was das hier auch immer bedeuten mag??!! Und schließlich gibt uns die Sicherheitsmeldung am Abend zu denken: Ein Flüchtlingscamp nicht gar zu weit im Norden wurde angezündet – warum und weswegen wissen wir nicht, möglicherweise eine wilde Ansiedlung an unerwünschter Stelle oder Diebstahl von irgendwas – keine Ahnung – aber daraufhin wurde ein libanesischer Junge entführt. Weiteres wissen wir nicht, aber die Nachricht hat das Potential, dass sich was Grundsätzliches zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen anbahnen könnte. Wir werden morgen früh auf jeden Fall genaue Erkundigungen von UN und anderen sicherheitsrelevanten Stellen einholen, bevor wir in unsere Camps aufbrechen.

Bei der Lagebesprechung in der Frühe gibt es keine weitere Unruhemeldung und wir entschließen uns, den Tag ganz normal wie geplant anzugehen – allerdings mit vermehrter Achtsamkeit auf Dinge, die sich so um uns herum ergeben. Die folgenden Sicherheitsmeldungen empfehlen dann auch nur die Einstellung der Aktivitäten in den direkt betroffenen Gebieten – wir sind also nicht tangiert – es ist vielmehr ein Tag, an dem wir so viele Patienten wie noch nie behandeln, v.a. sehr viele Kinder, denen anzusehen ist, dass sich die Verhältnisse in denen sie leben (müssen) sehr an den Grenzen bewegen.

Lepra, ein neu geborenes Mädchen und zwei Schokobonbons

Am Nachmittag des ersten Arbeitstages ist das derzeitige amerikanische Team bereits wieder in Beirut. Sie werden heute Nacht bzw. morgen Früh zurück fliegen – und das nachfolgende Team wird in zwei Tagen am Abend hier bei uns eintreffen.

Am Abend ist Medikamentencheck und Auffüllen der Koffer und Kisten und das Schreiben von Berichten, Statistik und Meldungen angesagt. Aber auch Reflexion des Tages und Feststellen von Arbeitsoptimierung – wir werden zwei Tage lang nur mit einem Team (Doc, nurse, translator – und dem Orgpersonal für Registrierung und Koordination) arbeiten können – und wir wollen, dass alle, die sich in den Lagern behandeln lassen wollen, auch die Möglichkeit dazu haben.

Ein 12-jähriger Junge hat mich am ersten Tag ziemlich beschäftigt: Thalassämie – eine vererbte Krankheit wo zuwenig Hämoglobin und rote Blutkörperchen gebildet werden – die einzige Therapie ist eine regelmäßige Bluttransfusion. Kosten für den Jungen hier 100 € im Monat, die von der Familie natürlich nicht aufgebracht werden können und so ist der Zeitpunkt absehbar, wo der Junge sterben wird (In Syrien hatte es vor dem Krieg ein kostenfreies Gesundheitssystem gegeben, in dem auch solche Patienten versorgt wurden).

Bei einem früheren Besuch des Lagers wurde bereits versucht, den Jungen an eine andere Organisation (UNHCR, YMCA, ..) weiterzuleiten – aber uns wird heute berichtet, dass nach ein paar Kostenübernahmen keine weitere Unterstützung möglich ist! Mir bleibt nichts anderes als unserem Koordinator den Fall vorzutragen und ihn zu bitten, sich eventuell nochmals einen Weg zu überlegen, wie wir dem Patienten helfen könnten – wo anrufen, wohin schicken…

Am Abend will ich die Unterlagen fotografieren, um bei Vorträgen daheim zu zeigen, welche Grenzen die medizinische Versorgung hier haben kann.
Und ich stelle fest, dass der Bericht mit der Zusage der Kostenübernahme für ein Monat endet! Irgendwo in einem Budget von Humedica konnte noch Geld freigesetzt werden – zumindest für einen Monat. Ein Monat Leben für 100 €! – Auch jetzt werde ich das Bild zeigen und erklären!

Die Amerikaner sind gerade angekommen – und wieder muss sich das Team neu finden – aber das ist bei solchen Einsätzen so, wo die Fluktuation des Personals einfach da ist. An den US-Slang muss ich mich erst gewöhnen. Wir werden uns natürlich zusammenfinden und gut arbeiten. Es ist ja dann auch wieder einfacher, nicht als alleiniger Doc dann 130 bzw. 180 Patienten anzuschauen und zu versuchen zu versorgen.

So z.B. den Jungen, der mit seiner Großmutter da ist, weil seine Eltern im Krieg gestorben sind. Er ist im Gesicht ziemlich entstellt, die Hände sind massiv infiziert, ja fast schon teilweise faulend – ist es Lepra, eine angeborene Erkrankung (Porphyrie), wo man dann wohl nichts machen könnte außer Lichtschutz (und das im Flüchtlingslager??!!) – oder Folgen einer toxischen (= giftigen) Schädigung. Wir versuchen irgendwie einen Spezialisten zuzuziehen, um hier Hilfe geben zu können. Vielleicht – was ich aber nicht glaube – ergibt sich morgen eine Gelegenheit, wenn die UNHCR und irgendwelche leitende Personen aus dem libanesischen Gesundheitsministerium kommen, um unsere Arbeit zu begutachten. Bei den Libanesen soll es Menschen geben, die der Arbeit der NGO (Hilfsorganisationen) nicht sonderlich wohlgesonnen sind – darauf kann ich eigentlich verzichten!

Wir brachten gerade alles ins Auto, weil wir mit unserer Arbeit im Camp fertig waren und die Dämmerung zieht um 16.30 schon auf. Da werde ich noch von einem Vater in ein Zelt gerufen: Vor zwei Tagen ist sein Mädchen zur Welt gekommen, gesund munter – ich untersuch sie, alles ist ok, die Mutter lächelt und ist glücklich, der Vater strahlt – wir erhalten zwei Schokobonbons – es sind für mich mit die wertvollsten, die ich je erhalten habe.