Alle Beiträge von Daniela Olivares

Daniela Olivares (geb. Bahmann) arbeitet als Redakteurin für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Bistum Eichstätt. Während verschiedenen Reportagereisen und mehreren längeren Auslandsaufenthalten versucht sie einen Blick für andere Länder, Menschen, deren Leben und Alltag zu bekommen.

Santa Cruz – eine Nacht am Flughafen und viel Zeit

Etwas aufgeputscht von der letzten Tasse Kaffee sitze ich am Gate und warte mittlerweile schon seit 4 Stunden auf meinen Flug. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens. Langsam schiebt sich von Osten das Licht des Tages gegen die Dunkelheit. Das geschäftige Treiben am kleinen Flughafen von Santa Cruz im Süden Boliviens beginnt. Die ersten Wagen, beladen mit Koffern, rollen über das Feld zu den Flugzeugen. Die Schuhputzer haben die ersten Kunden, aus den Lautsprecher klingen knackend die Durchsagen für die ersten Flüge und aus dem Fernseher, der im Wartebereich hängt, singt Abba „I have a dream“.

Zwei unglaubliche Wochen liegen hinter mir. Die nur so dahin geflogen sind und gleichzeitig so gefüllt waren mit Eindrücken, dass Deutschland und der Alltag dort, weit weg sind.

Menschen, die in Hütten ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität leben. Kinder, die nicht auf den Spielplätzen spielen können, weil es schlicht zu gefährlich ist. Frauen, die ihren Töchtern in erster Linie eins mitgeben wollen, Männern nicht zu vertrauen, weil sie selbst nur Gewalt und Missbrauch erfahren haben – vor allem von nächsten Verwandten, die mit Anfang 30 oft schon Oma sind.

Und dann immer wieder Menschen, die sich unermüdlich eben für diese einsetzen. In der Kirchengemeinde. Ehrenamtlich.  Obwohl sie auch nicht viel Geld verdienen und hart arbeiten. Sie bieten den Kindern, die Möglichkeit im Chor zu singen, unterstützen Jugendliche bei Bewerbungen oder kochen bis zu 700 Essen, um die Menschen zu versorgen, die sich keine warme Mahlzeit leisten können. Kümmern sich um Alte, Kranke und Obdachlose.

Und wenn sie von ihrer Arbeit sprechen, leuchten ihre Augen, sie verzweifeln nicht, obwohl sie so große Armut umgibt. Sie sind ganz einfach da, wo sie gebraucht werden.

Oscar Romero – der Heilige El Salvadors

Die Sonne brennt vom Himmel, durch das geöffnete Autofenster kommt etwas Luft ins Innere, die nach den Abgasen der Busse riecht, die eng neben uns stehen. Musikfetzten und der Lärm des Marktes prasseln auf uns nieder. Kaum zeigt die Ampel grün, hupen die Autos. Langsam kriechen wir durch das Verkehrschaos von San Salvador. Wer kann, fährt Auto, die Gefahr im Bus überfallen zu werden ist zu groß. Und das wirkt sich auf die Infrastruktur der Stadt aus. Nahezu zu jeder Tageszeit stauen sich die Autos.

Als wir die Schranke zum „Hospitalito“ passieren, wird es still. Leise rauschen die Blätter im Wind – nur aus der Ferne hört man noch den Lärm der Stadt. Hier steht die Kapelle, in der am 24. März 1980 Erzbischof Oscar Romero während der Messe am Altar erschossen wurde. Eine Inschrift in goldenen Buchstaben erinnert an das Verbrechen.

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Oscar Romero hat sich während des Bürgerkriegs auf die Seite des Volkes gestellt, auf die Seite der Armen. Gegen das Militär. Das war sein Todesurteil. Und das macht ihn noch heute zu einem der wichtigsten Männer El Salvadors. Unabhängig von religiöser Zugehörigkeit ist er schon jetzt für die Menschen ein Heiliger – egal was Rom dazu sagt.

Noch heute haben die älteren Menschen Tränen in den Augen, wenn sie von ihm sprechen. Und auch viele junge Menschen kommen an die Gedenkstätten, ins „Hospitalito“ oder an sein Grab in der Krypta der Kathedrale von San Salvador.

Ein Kult, der für mich als Deutsche, völlig unbekannt ist und mich vielleicht auch deshalb so beeindruckt.

„… hier her fährt eigentlich kein Taxi“

… das sagt uns die Projektpartnerin, Schwester Hortensia in Popotlan, etwas außerhalb von San Salvador gelegen, als wir ihr vorschlagen, am nächsten Tag mit dem Taxi zu kommen. Hier in Popotlan stoßen die Gebietsgrenzen der Mara 18, die sich mittlerweile gespalten hat, und die der Mara Salvatrucha aufeinander. Der Bandenkrieg ist mittlerweile so extrem, dass die meisten Taxis nicht in diese Gegend fahren. Die Gefahr, überfallen und ausgeraubt zu werden, ist zu groß. Auch der Taxifahrer, der mich an einem anderen Tag zur Universität fährt, bestätigt das. „Nur wenn man jemand kennt, fährt man dahin. Ich kenne niemanden, ich fahr da nicht hin.“

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Während wir mit Schwester Hortensia durch Popotlan fahren, erzählt sie von dem Krieg der Banden. „Hier an dieser Straßenecke wurde vor ein paar Monaten ein Junge erschossen“. Er kam aus dem anderen Teil der Siedlung und durfte eigentlich diesen Teil nicht betreten. Er wollte seine Freundin, die hier lebt, abholen. In den Bäumen warteten die Mitglieder der Bande und haben ihn getötet. An dieser Straßenecke haben die Jugendlichen jetzt an die Hauswand in bunten Farben „Hay juventud y esperanza“ geschrieben. „Es gibt eine Jugend und es gibt Hoffnung“. Zuvor stand dort eine große 18. Das Kennzeichen der Mara 18. Nach der Erlaubnis der führenden Bandenmitglieder haben die Jugendlichen diese 18 übermalt.

Die Jugend in El Salvador gibt es tatsächlich, nur ein kleiner Teil von ihnen ist Mitglied einer Bande. Doch die beherrschen das Leben der Mehrheit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viele der jungen Menschen vor allem von einem träumen: Auswandern in die USA.

El Salvador – Zwischen Glaube und Gewalt

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten … oder so ähnlich. Bereits jetzt beginnt eine kleine Gruppe von Journalisten, die Adveniat Jahresaktion 2014 vorzubereiten. Erstes Ziel der Reise ist El Salvador.

Das kleine Land in Mittelamerika hat viel zu bieten. Nach drei sehr intensiven Tagen mit den Partnern von Adveniat, die gefüllt waren mit den unterschiedlichsten Impressionen, ist schnell klar, man trifft immer wieder auf zwei Themen: Glaube und Gewalt. Sowohl in der Vergangenheit als auch heute. 1980 wurde der damalige Erzbischof Oscar Romero während der Messe erschossen, heute wartet das Land auf den Seligsprechungsprozess.
Heute kämpfen in den kleinen Gemeinden verfeindete Jugendbanden, sogenannte „Maras“ erbarmungslos gegeneinander. Die Kirche will mit verschiedenen Programmen die jungen Menschen davon abhalten, sich den Banden anzuschließen. Vergibt Stipendien für Schulen und Universitäten, um den Jugendlichen eine Alternative zu geben. Nach der Messe am Donnerstag verteilt der Weihbischof gemeinsam mit Schwestern Kaffee und Brot an Bedürftige.

Fast auf jedem Bus, der durch die überfüllten Straßen von San Salvador rattert, liest man „Jesus Christus unser Herr“ oder „Vertraue auf Gott“. Gleichzeitig patrouillieren Soldaten oder Polizisten mit Messern, Schlagstöcken und Maschinengewehren in den Straßen, vor Restaurants oder sogar vor Krankenhäusern.

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Begegnung bei Kaffee und Brot in der Pfarrei San Francisco

Wenn man tagsüber durch die Stadt fährt, wirkt sie wie irgendeine Stadt in Mittelamerika: alte Busse, die ihre Abgase in die Luft schleudern, Straßenhändler, die Chips verkaufen, riesige Werbetafeln. Doch sicher ist in San Salvador eigentlich niemand. Eine Frau aus der Pfarrei erzählt mir, wer nach 21 Uhr nicht mehr unbedingt raus muss, bleibt zu Hause. Und dass merkt man: Sobald es dunkel wird, ist die Stadt erschreckend leer. Schwestern der Pfarrei San Francisco wurden auch am Tag schon überfallen. Eine hatte ein Messer an der Seite, eine andere eine Pistole am Hals.

In der Pfarrei treffe ich immer wieder junge Menschen, die ihre Zukunft in der Kirche sehen. Jungs, die mit 15 Jahren schon den Wunsch haben, Priester zu werden. Mädchen, die mit 18 Jahren bereits im Noviziat sind. Aber auch andere, die Lehrer oder Psychologe werden wollen. Junge Menschen, die trotz der harten Realität, die sie umgibt, tief im Glauben verwurzelt sind.