Alle Beiträge von Antonia Kuhn

Antonia Kuhn (19) aus Hitzhofen hat im Juli 2013 ihr Abitur am Gabrieli-Gymnasium in Eichstätt gemacht. Sie verbringt jetzt ein knappes Jahr in Brasilien und Mexiko. In Brasilien engagiert sie sich in einem Kinderprojekt, in Mexiko macht sie ein drei monatiges Betriebspraktikum.

Ein Jahr in Brasilien und Mexiko – eine Zusammenfassung

Jetzt ist es also schon wieder vorbei, mein Auslandsjahr… Insgesamt sechs Monate Freiwilligendienst in Brasilien und drei Monate Betriebspraktikum in Mexiko liegen hinter mir. Viele Flugstunden, viele Menschen, Begegnungen, Erfahrungen. Doch was habe ich eigentlich gelernt aus diesem Auslandsjahr?

Zuerst einmal das, was ich natürlich lernen musste: Zwei mir bis dahin völlig fremde Sprachen. Obwohl Spanisch und Portugiesisch so eng miteinander verwandt sind, wie sonst vielleicht nur noch Schwedisch und Norwegisch, musste ich doch feststellen, dass es ganz schön viele Unterschiede gibt. Meine Sprachfehler haben oft zu lustigen Missverständnissen geführt, aber ich wurde nie ausgelacht, wenn ich mal etwas nicht wusste. Ganz im Gegenteil: Die meisten Leute, sowohl in Brasilien als auch in Mexiko, waren sehr erfreut darüber, dass ich versuchte, ihre Sprache zu lernen, und versuchten, mir dabei mit allen Mitteln zu helfen.

Dann habe ich natürlich auch sehr viel über Brasilien und Mexiko, meine beiden Gastländer gelernt. Ich durfte jeweils bei einer Gastfamilie leben und so die Kultur des Landes und seiner Menschen miterleben – sicherlich ein Privileg. So habe ich neben dem brasilianischen Phänomen des dreimal täglichen Duschens und den mexikanischen Familienfesten, die vielen kleinen Feinheiten und kulturellen Unterschiede der beiden Länder kennengelernt. Dabei habe ich auch einiges über unser Leben in Deutschland erfahren. Über viele Dinge denke ich jetzt anders, habe eine andere Sichtweise bekommen und mir meine eigene Meinung gebildet.

Und nicht zuletzt habe ich auch sehr viel über mich selbst gelernt. Ich bin offener und selbstbewusster geworden durch den Kontakt zu so vielen mir zuvor fremden Menschen, von denen die meisten zu engen Freunden geworden sind. Dass ein Lächeln Tür und Tor öffnet, ist wohl ein weltweiter Grundsatz.

Natürlich gab es auch ab und zu Schwierigkeiten. Nicht immer konnte ich wegen der Sprachbarriere genau das ausdrücken, was ich ausdrücken wollte. Und sicherlich gab es auch Gewohnheiten, die ich persönlich mir nicht aneignen möchte. Aber Schwierigkeiten sind dazu da, um überwunden zu werden. Letzten Endes bleiben nur die schönen Erinnerungen und Erfahrungen!

San Miguel de Allende, ein magischer Ort

Vor einigen Wochen habe ich San Miguel de Allende besucht. Die Kolonialstadt im Bundesstaat Guanajuato in Zentralmexiko lockt jährlich Tausende Besucher an. Vor allem den US-Amerikanern – darunter viele Künstler und ehemalige Soldaten – hat es San Miguel de Allende angetan. So finden sich unter den rund 70 000 Einwohnern über 12 000 „Gringos“, wie sie von den Mexikanern genannt werden, die in San Miguel de Allende ihren Alterswohnsitz oder ein Ferienhaus haben. In den meisten Banken im Zentrum werden die Immobilien daher schon auf Englisch und in US-Dollar ausgeschrieben.

Das Zentrum von San Miguel de Allende als Beispiel des mexikanischen Barockstils steht schon seit 1926 unter Denkmalschutz. 2008 wurde die befestigte Stadt San Miguel zusammen mit der jesuitischen Wallfahrtskirche Jesús Nazareno de Atotonilco von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Bereits zuvor zählte die Kolonialstadt zu den Pueblos Mágicos („Magischen Orten“). Als solcher wurde sie im Jahre 2002 wegen ihres typischen und gepflegten Charakters ausgezeichnet und gilt deshalb als besonders sehenswert. Was mir persönlich besonders gut an San Miguel de Allende gefällt, das sind die warmen und kräftigen Farben, in denen die Häuser gehalten sind.

Gegründet wurde San Miguel de Allende 1542 von dem spanischen Franziskaner-Missionar Juan de San Miguel unter dem Namen „Miguel el Grande“. Die Spanier nannten sie zeitweise auch San Miguel de los Chichimecas nach dem „Chichimeca-Krieg“ (1550-1620), in dem Indigene gegen die Eroberer aus Europa kämpften. Den Namenszusatz Allende verdankt die Stadt dem dort geborenen General Ignacio Allende, der maßgeblich am mexikanischen Unabhängigkeitskampf gegen die Spanier beteiligt war. Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt gehört auch Pedro Vargas Mata (1904-1989), einer der populärsten mexikanischen Sänger des 20. Jahrhunderts.

Das Wahrzeichen von San Miguel de Allende ist die rosafarbene Paroquia de San Miguel Arcángel (Kathedrale). Diese Kirche wurde ursprünglich im 17. Jahrhundert im gotischen Stil erbaut, im 19. Jahrhundert aber von einem Laienarchitekten namens Ceferino Gutiérrez verfremdet und weist daher Stilmerkmale verschiedener Epochen auf. 1880 wurde sie nach Vorlage des Ulmer Münsters umgebaut.

Feste und Feiern in Mexiko

Die Mexikaner sind ein feierfreudiges Volk, und die vielen verschiedenen Feste prägen ihr Leben entscheidend mit. Die Lust zum Feiern wird den Kindern sozusagen schon in die Wiege gelegt, denn die erste Feier zu ihren Ehren findet schon vor der Geburt statt. Ungefähr im 8. Schwangerschaftsmonat gibt die Mutter eine Art Willkommensfeier für das Kind, zu der nur die Frauen der Familie eingeladen werden.

Das nächste große Fest ist, wie auch in Deutschland, die Taufe. Anders als in Deutschland gibt es für die Taufe aber nicht nur einen Paten oder eine Patin, sondern beides, also Pate und Patin, die sogenannten Padrinos. Padrinos gibt es viele, auch bei der nächsten wichtigen Feier, dem 3. Geburtstag, werden neue Padrinos gesucht. Gefeiert wird zuerst mit einer Messe in der Kirche, und danach mit vielen Kindern zu Hause. Die meisten Kinder verkleiden sich für das Fest, von Pirat über Prinzessin bis Spiderman ist alles dabei. Bei diesen Kindergeburtstagen darf natürlich auch ein wichtiger Bestandteil nicht fehlen: die Piñata. Piñatas sind mit Süßigkeiten gefüllte Figuren aus Pappmaché, auf die die Kinder, teilweise mit verbundenen Augen, einschlagen, bis sie zerbrechen und die Süßigkeiten herausfallen. Und auf die stürzen sich dann nicht nur die Kinder.

Für die Jungs geht es dann bis zum Schulabschluss erstmals sehr ruhig zu, für die Mädchen aber steht das wichtigste Fest von allen erst noch an: der 15. Geburtstag. Dieser Geburtstag wird – vor allem von den reicheren Familien – extrem groß gefeiert, vergleichbar mit den Sweet Sixteen in den USA, oder sogar noch ein bisschen größer. Das Geburtstagskind (die 15-añera) zieht ein an ein Hochzeitskleid in Farbe erinnerndes Kleid an, auf das dann die Farbe der Kleider der unzähligen Madrinas und die Farbe der Krawatten der Chambelanes abgestimmt werden. Begonnen wird die Feier auch wieder mit einer Messe. Das Geburtstagskind wird in einem geschmückten Auto vorgefahren und zieht dann feierlich mit sämtlichen Madrinas, den Eltern und den Padrinos, dies es neu ausgesucht hat, in die Kirche ein. Dort nimmt sie auf einem separaten Stuhl vor dem Altar Platz. Nach der Messe begeben sich die Gäste zum Ort der Feier, und dort wird dann erstmals auf die Ankunft des Geburtstagskindes mit den Chambelanes gewartet. Die Chambelanes sind meistens die Cousins. Sie sind für die Choreographie zuständig, die das Geburtstagskind direkt nach der Ankunft tanzen wird. (Mittlerweile gibt es aber auch viele Mädchen, die auf die traditionelle Feier mit Tanz sowie die Chambelanes verzichten.) Danach folgt der unverzichtbare Walzer mit dem Vater und meistens auch noch mit sämtlichen Onkels. Damit ist der offizielle Teil beendet und die Feier kann beginnen. Bei der Feier werden viele Baby- und Kinderfotos des Geburtstagskindes gezeigt, und die Madrinas verteilen Mitbringsel an die Frauen, die mit dem Namen des Geburtstagskindes und dem Datum der Feier versehen sind.

Neben diesen Festen, die jeder Mexikaner einmal in seinem Leben feiert, werden auch Weihnachten und das Neue Jahr groß gefeiert. An Weihnachten gibt es in Mexiko aber keine Geschenke, die werden erst am 6. Januar von den Heiligen Drei Königen gebracht. Ostern und die Karwoche, die Semana Santa, habe ich als deutlich größer als in Deutschland erlebt. In fast jeder Gemeinde wird die komplette Passionsgeschichte nachgespielt, meistens sehr detailreicht. In einer Gemeinde Mexikos soll das angeblich so weit gehen, dass der Jesus-Darsteller wirklich an Händen und Füssen verwundet wird. In einer anderen Stadt werden außerdem keine Kreuze getragen, sondern Kakteen, die auf dem Rücken der Schauspieler befestigt werden.

Zwei Feiern, die auf jeden Fall in Mexiko deutlich größer begangen werden als in Deutschland, das sind der Valentinstag und der Muttertag. Zu beiden Anlässen werden Serenatas veranstaltet, das heißt der Freund bzw. Ehemann oder die Kinder engagieren eine Mariachi-Band oder eine Banda (eine Art Blaskapelle), die dann vor dem Haus der gewünschten Person vier oder fünf Lieder spielen. Das passiert in Begleitung großer Gruppen junger Männer, die bis in der Früh um die Häuser ziehen und in den Serenatas vor allem einen sehr guten Anlass sehen, um mal wieder einen über den Durst zu trinken. Diese Serenatas finden am Vorabend des jeweiligen großen Tages statt, und am nächsten Tag gibt es dann natürlich noch viele Geschenke.

Proteste in Brasilien

Hier in Brasilien gehen momentan viele Leute auf die Straße, und oft hört man von neuen Streiks. Aber nicht alles hat mit der Fußballweltmeisterschaft (auf brasilianisch „Copa do Mundo“) zu tun. Insgesamt kann man zwischen drei “Arten” der Demonstrationen und Streiks unterscheiden:

  1. Die Streiks und Demonstrationen, die es immer und unabhängig von sämtlichen anderen Ereignissen gibt. Hier in Goiânia streiken zum Beispiel gerade die Lehrer, die bei der Stadt angestellt sind. Ihnen geht es aber nur um das Gehalt, Copa hin oder her.
  1. Die Demonstrationen, die im Frühjahr ausgebrochen sind, als der Preis der Busse erhöht wurde, dabei aber an den öffentlichen Verkehrsmitteln nichts verbessert wurde. Die Busse hier in Goiânia sind zum Beispiel immer überfüllt und sehr oft unpünktlich, und dafür zahlt man pro Fahrt 2,80 Reais (knapp 1 Euro). Wer von den Bussen abhängt und jeden Tag damit zur Arbeit fährt, für den ist das dann teuer und auch ganz schön unbequem. Das war der Auslöser für landesweite Demonstrationen, die aber nicht nur bei diesem Thema blieben. Gleichzeitig ging es dann auch noch um alles andere, das die Leute hier in Brasilien bewegt: Das Gesundheits- und Bildungssystem, die Rechte der Indios, die Korruption im Allgemeinen, und dann eben auch noch die Copa bzw. deren Organisation. Diese Demonstrationen, die vor allem von Studenten veranstaltet wurden, waren lange Zeit friedlich, bis die Polizei eingriff. Sie schlug die Proteste an vielen Orten mithilfe von Gewalt nieder. Angeblich schickte die Polizei sogar Leute in die Demonstrationen, die dafür bezahlt wurden, Unruhe zu stiften, um dann ein Eingreifen der Polizei mit Gewalt zu rechtfertigen und die Bevölkerung gegen die Demonstranten aufzubringen. Solche Gerüchte hört man hier oft, beweisen konnte das aber bis jetzt noch niemand. Die Protestbewegung schaffte es, sogar das Dach des Regierungsgebäudes in Brasilia zu besetzen.
  1. Die Anti-WM-Bewegung: Diese Bewegung gibt es im Prinzip schon, seit Brasilien als Gastgeberland der WM kandidiert hat. Sie hat Demonstrationen und verschiedene Aktionen gegen die Copa veranstaltet und veranstaltet sie auch immer noch bzw. wird sie wohl während der WM weiterführen. Auch einige brasilianische Musiker sind in dieser Bewegung engagiert, die vor allem bemängelt, dass für die WM Geld ausgegeben wird, das für Belange der Bevölkerung nie zur Verfügung gestellt würde.

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WM in Brasilien – der Countdown läuft

Dass die Fußballweltmeisterschaft Tag für Tag ein Stückchen näher rückt, das ist hier in Brasilien deutlich spürbar. Im Fernsehen wird schon der Countdown gezählt, und an jeder Ecke verkaufen Straßenhändler T-Shirts, Hängematten und Autozubehör in den Nationalfarben. Das alles sieht nach sehr viel Euphorie aus, in Wirklichkeit aber steht der Groβteil der Brasilianer der „Copa“ (so heißt die WM in Brasilien) mittlerweile eher kritisch gegenüber. Und sie haben auch guten Grund dafür.

Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass der brasilianische Staat für die WM Summen ausgibt, die er nie im Traum in Bildung, das Gesundheitssystem oder die Infrastruktur investieren würde. Und diese Summen wachsen auch noch weiter durch die Korruption, die immer nur einen Teil des Geldes dort ankommen lässt, wo es hinsoll.

Dann sind da die Löhne von beim Staat angestellten Lehrern und der städtischen Müllabfuhr, die im April nicht gezahlt wurden, weil das Geld in „wichtige Investitionen aufgrund der WM“ floss – und dabei hat Goiânia, die Stadt, in der ich mich aufhalte, noch nicht einmal einen eigenen Austragungsort. Das Ergebnis war ein etwa zweiwöchiger Streik der Müllabfuhr, und auch die Lehrer waren kurz davor, ihre Arbeit niederzulegen.

Neben solchen Ungerechtigkeiten gibt es dann auch noch ein paar absurde Fälle wie zum Beispiel den folgenden: In der Stadt Cuiabá wird eigens für die WM ein neues Fußballstadion – die Arena Pantanal – von der Bundesregierung Brasiliens errichtet. Die Arena Pantanal hier in Cuiabá (Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso), aber auch Arena da Amazônia in Manaus und das Stadion Mané Garrincha in Brasília könnten sich in sogenannte „weiße Elefanten“ verwandeln, da es in diesen Städten keine Fußballvereine gibt, die in der ersten oder zweiten brasilianischen Liga spielen. Im Endeffekt, so der Eindruck, wird also sehr viel Geld für ein paar WM-Spiele ausgegeben, während zum Beispiel das staatliche Gesundheitssystem in vielen Gegenden sehr prekär ist.

Solche Sachen sollten einfach nicht passieren, und viele Brasilianer sind deshalb schon auf die Straße gegangen. Mittlerweile hat sich sogar schon eine Protestbewegung gegen die „Copa“ gebildet, die vor allem in Brasília, aber auch in vielen anderen Städten Demonstrationen gegen die WM in Brasilien veranstalten. Davon bekommt man aber in den Medien nichts oder nur sehr wenig mit. Die Medien haben hier momentan vor allem die Aufgabe, die Bevölkerung auf eine fröhliche „Copa“ einzustimmen, und vermitteln ein Bild von purer Vorfreude und Nationalstolz.  Sämtliche negative Stimmen werden  totgeschwiegen. Verständlich, denn landesweite Protestaktionen oder Streiks würden die Aufmerksamkeit anderer Länder auf Brasilien lenken, dem Image schaden und am Ende noch die Touristen abschrecken. Und das will der Staat auf keinen Fall. Deshalb wird zum Teil auch sehr hart gegen die Demonstranten durchgegriffen, in manchen Fällen waren es angeblich die Polizisten, die mitten in einer friedlichen Demonstration eine Schlägerei begonnen haben.

Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme bin ich mir aber sicher, dass die WM hier in Brasilien doch fröhlich und vor allem friedlich ablaufen wird. Während der „Copa“ wird für die Brasilianer vor allem eines zählen: ihr Nationalstolz und die Hoffnung, dass Brasilien zu Hause den Titel gewinnt.

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