Alle Beiträge von Angelika Kneissl

Angelika Kneißl aus der Pfarrei St. Nikolaus in Pleinfeld hat 2012-13 elf Monate in Beit Sahour gelebt. Dort hat sie die Arbeit von Lifegate kennegerlernt und war anschließend ehrenamtlich in der Einrichtung tätig.

Leben mit Behinderung in Palästina

Das Friedenslicht, das jedes Jahr in der Geburtsgrotte in Bethlehem entzündet und von Pfadfindern nach Deutschland gebracht wird, leuchtet in diesen Tagen in vielen Pfarreien und Einrichtungen in unserem Bistum. Eine Besonderheit in diesem Jahr ist, dass die Pfadfinder ein Lichtzeichen der Hoffnung zurück nach Palästina senden. Sie unterstützen die Behinderteneinrichtung Lifegate in Beit Jala nahe Bethlehem, indem sie Olivenholzschnitzereien, Gotteslobhüllen und Olivenöl aus den Werkstätten dieser Institution verkaufen und Spenden sammeln.

Leben mit Behinderung in Palästina heißt in vielen Fällen versteckt werden, weil die Familie Angst hat, dass die ganze Familie von der Gesellschaft verstoßen wird. Das habe ich bei einem längeren Aufenthalt direkt vor Ort erfahren. Oftmals bleibt behinderten Kindern auch Bildung, Ausbildung und eine normale Entwicklung vorenthalten – aus Unwissenheit und Scham der Eltern. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Menschen mit Behinderungen werden mit ihren Leiden und Problemen oft nicht ernst genommen. Hinzu kommt, dass viele Familien nicht über die Mittel verfügen, teure Diagnostik und Behandlungen finanzieren zu können bzw. für viele Krankheitsbilder in Palästina weder eine Diagnostik, geschweige denn eine adäquate Behandlung verfügbar ist.

In dieser großen Not nimmt die Rehabilitationseinrichtung „Lifegate“ eine herausragende Stellung ein. Sie ist einzig in ihrer Art in Palästina und in Beit Jala beheimatet. Beit Jala ist eine Kleinstadt im Westjordanland, etwa fünf Kilometer von Jerusalem und mit Bethlehem inzwischen zusammengewachsen. Ziel der Arbeit ist es, die Situation betroffener Menschen zu verändern. Lifegate führt behinderte Menschen in die Selbstständigkeit, integriert sie in die Gesellschaft und in das Berufsleben, hilft ihnen, somit für sich selber zu sorgen.

Im Jahr 1989 begann der deutsche Erzieher und CVJM-Sekretär Burghard Schunkert aus Gießen in Beit Jala damit, jungen behinderten Männern eine Ausbildung anzubieten – kurze Zeit später kamen behinderte Frauen dazu. Inzwischen bietet die Berufsausbildungswerkstatt 14 Lernberufe und für schwer behinderte Menschen einen beschützenden Arbeitsplatz an.

Lifegate ist die einzige Einrichtung im Westjordanland, die eine fundierte Frühförderarbeit und einen Förderkindergarten anbietet. Dazu kommt eine Therapieabteilung mit einem Ausbildungs- und Fortbildungsprogramm für die Mütter der Kinder. Die Lifegate-Therapeuten und -Techniker bieten mit der Fachwerkstatt eine Rollstuhl- und Hilfsmittelversorgung an. Regelmäßige Hilfsmittelsprechstunden werden bei Lifegate für andere Organisationen der Behindertenhilfe durchgeführt. Vor zwei Jahren hat Lifegate eine Förderschule eingerichtet. Gleich zu Beginn gab es so viele Anmeldungen, dass mit drei Klassen begonnen werden musste. Im letzten Jahr gab es sogar fünf 1. Klassen.

Die Arbeit finanziert sich aus Spenden und dem Verkauf der Geschenkgegenstände, die von den behinderten Menschen hergestellt. Die Handwerksarbeiten können über die Caritas-Werkstätten in Tauberbischofsheim und bei der laufenden Friedenslichtaktion im Bistum Eichstätt erworben werden. Mit dem Verkauf werden Menschen mit Behinderungen mit Arbeit versorgt. Zudem stellen Eltern von behinderten Kindern und die Bauern der Umgebung ihr Olivenöl zum Verkauf zur Verfügung. Über 150 Volontäre aus Deutschland unterstützten bisher die Arbeit von Lifegate und gründeten in Würzburg den Förderverein Lifegate-Tor zum Leben.

Bei den vielen Besuchen im vergangenen Jahr hat mich die Arbeit von Burghard Schunkert und seinem Team aus etwa 40 Mitarbeitern sehr fasziniert und überzeugt – als wirkliche Friedensarbeit und „Völkerverständigung“. Es hat mich tief beeindruckt, dass der palästinensische, muslimische Vater erkennt, dass die „eigenen Leute“ sein Kind niemals so gut behandelt hätten, wie es die Israelis tun, und dafür deren Sprache lernt. Und wie es den israelischen Arzt fasziniert, wie sich dieser Vater für seine behinderte Tochter einsetzt und dafür Arabisch büffelt. Auch hat es mich tief beeindruckt, wie muslimische und christliche Eltern miteinander umgehen: Sie tauschen Erfahrungen und bei Bedarf Hilfsmittel aus, besuchen sich gegenseitig zu den Festen und lernen miteinander Hebräisch.

Der Umgang der Mitarbeiter hat mir ebenso imponiert. Er ist von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Es ist jeder wichtig und wertvoll. Eine große Stärke von Lifegate ist der Umgang mit den Spendengeldern. Diese fliesen zu einem sehr hohen Prozentsatz in die Arbeit von Lifegate. Die Verwaltung besteht aus zwei Sekretärinnen (eine in Beit Jala und die andere hier in der Geschäftsstelle) sowie einer 400-Euro-Kraft zum Verkauf der Waren in Deutschland.

Natürlich gefällt mir auch, dass man die Arbeiten aus den Werkstätten hier Deutschland bestellen kann. Mein Mann und ich haben viele „Mitbringsel“ geordert und damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Kein Problem mit einem zu schweren Koffer, keine Probleme am Zoll und so ganz nebenbei haben wir auch noch ein gutes Werk getan – und schön, oftmals sehr individuell, sind die Geschenkartikel zudem auch noch.

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