Alle Beiträge von Andriy Mykhaleyko

Dr. Andriy Mykhaleyko, griechisch-katholischer Priester, ist Dozent für Kirchengeschichte an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg/Ukraine. Zurzeit habilitiert er an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist außerordentlicher Spiritual im Collegium Orientale Eichstätt.

Reformation und Ostkirchen

Das diesjährige Zwölfapostelfest des Collegium Orientale in Eichstätt bietet die willkommene Gelegenheit, die Ökumene auch im wissenschaftlichen Austausch zu fördern. Im Gedenkjahr der Reformation (1517-2017) in Deutschland finden zahlreiche Veranstaltungen, Konferenzen und Symposien statt, die sich wissenschaftlich mit dem Thema des Protestantismus, der aus der Reformation hervorgegangen Kirchen und nicht zuletzt des Ökumenismus bzw. des ökumenischen Dialogs zwischen den evangelischen Kirchen und den anderen christlichen Kirchen auseinandersetzen. Der Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und das Collegium Orientale Eichstätt, in dem zahlreiche Studierende aus den Ostkirchen leben und studieren, unternehmen gemeinsam im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums eine Annäherung an das Thema „Reformation und Ostkirchen“. Die Organisatoren dieser wissenschaftlichen Veranstaltung knüpfen damit an eine lange Tradition der abwechslungsreichen Beziehungen zwischen den Kirchen der Reformation und den Ostkirchen an.

Zum Verhältnis zwischen Reformation und den Ostkirchen

Von Anfang der Reformation an zeigten die Reformatoren ein recht großes Interesse für die Kirchen des Ostens. Für dieses Interesse lassen sich mindestens zwei Gründe anführen. Erstens imponierte den Protestanten die Tradition der orthodoxen altorientalischen Kirchen, die auf der Heiligen Schrift, Kirchenvätern, ökumenischen Konzilien ruhte. Die „Rückkehr“ zu den alten „unverfälschten“ Überlieferungen entsprach den reformatorischen Vorstellungen von der Erneuerung der Kirche. Zweitens schien für sie, dass die Organisationsstruktur der Ostkirchen ihren idealistischen Erwartungen von den Kirchenordnungen am nächsten stehen würde. Denn die Struktur der Ostkirchen zeichnete sich im Gegensatz zu der vom Papst geleiteten katholischen Kirche durch die Synodalstrukturen aus. An der Spitze einer jeden Ostkirche steht bis heute nämlich eine Bischofssynode als eine kollegiale Struktur, die von einem Patriarchen, Katholikos, Metropoliten bzw. Erzbischof geleitet wird. Als in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Reformation ausgebrochen war, durfte außerdem die Ablehnung der katholischen Kirche mit dem Papst als ihrem Oberhaupt durch die Ostkirchen für die Reformatoren attraktiv gewesen sein. Denn sie hätten in den Kirchen des Ostens wegen ihrer eigenen antirömischen Einstellung mit einem guten Koalitionspartner rechnen können. Bereits 1519 griff Martin Luther in seiner Argumentation auf die östlichen Traditionen zurück, um seine Gegner aus dem katholischen Lager in die Ecke zu treiben. So verwies er in der theologischen Auseinandersetzung mit Johannes Eck auf die orthodoxen Kirchen, die genau wie die Reformatoren die Ansprüche des römischen Papstes auf die gesamtkirchliche Leitung ablehnten.

Nicht nur Luther, sondern auch andere Reformatoren suchten anfänglich die Nähe zu den Ostkirchen. Melanchthon pflegte beispielsweise gute Beziehungen zu den Orthodoxen. Er nahm Kontakt zum Patriarchen von Konstantinopel Joasaph II. (1555-1565) auf und behauptete in einem Briefwechsel mit ihm die Einheitlichkeit im Glauben auf der Grundlage der Bibel, der ökumenischen Synoden und der Kirchenväter. Melanchthon schickte sogar dem Patriarchen das Augsburger Glaubensbekenntnis in griechischer Übersetzung. Ganz besonders hob er hervor, dass in der orthodoxen Kirche den Laien die Kommunion unter zwei Gestalten, des Brotes und des Weines, gereicht wird, dass es in der orthodoxen Kirche keine „Privatmessen“, sondern immer Gottesdienste unter Beteiligung der Gläubigen gibt und dass die orthodoxe Kirche die Lehre vom Fegefeuer nicht kennt. In der Überzeugung einer großen Übereinstimmung in der Lehre mit der orthodoxen Kirche unterbreitete Melanchthon auch Einigungsvorschläge, die manche als einen ersten „ökumenischen Brückenschlag“ (Bryner, Erich, Die orthodoxen Kirchen von 1274 bis 1700, Leipzig 2004, S. 144) im Dialog zwischen Reformation und Orthodoxie werten. Auch gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Kontakte fortgesetzt, wie etwa zwischen dem Patriarchen Jeremias II. von Konstantinopel und den lutherischen Theologen aus Tübingen, die zu einer beachtenswerten Korrespondenz führten. Um den Ostkirchen näher zu kommen, behaupteten die Protestanten, dass sie in den Glauben nichts Neues einführen, sondern der Bibel und den Kirchenvätern treu bleiben würden. Die Unterschiede bestünden nach ihrer Auffassung nur in den Riten.

Es heißt aber bei weitem nicht, dass es seitens des Protestantismus keine Kritik in die ostkirchliche Richtung gab. Derselbe Martin Luther, der am Beginn seines Wirkens die Argumente aus der ostkirchlichen Tradition schöpfte, stellte zwei Jahrzehnte später, im Jahre 1539, bestimmte Mängel in der Orthodoxie fest, indem er z.B. das Amt des Patriarchen von Konstantinopel als solches bezeichnete, das sich von seinen Ansprüchen her vom Papstamt nicht unterscheide. Die Urteile der anderen reformatorischen Theologen fielen noch schärfer aus. Sie bemängelten, die orthodoxe Tradition sei voller Aberglaube. Die anderen kritisierten in den Ostkirchen zu viele „schauspielerische“ Zeremonien. Diese Kritik führte allmählich dazu, dass nicht nur katholische, sondern auch östliche Kirchen voll „Irrlehren“ wären. Ihre Mitglieder wurden für viele protestantische Kirchen zum Objekt der Missionierung. Es galt daher, möglichst viele für den Protestantismus zu gewinnen oder in den anderen Traditionen Fuß zu fassen. Ein bekanntes Beispiel eines partiellen und zeitlich begrenzten Erfolges dieser Anstrengungen war die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche. Im 18. Jahrhundert stand die orthodoxe Theologie unter einem recht starken Einfluss der protestantischen Lehren, die zum Teil von den Orthodoxen selbst, die in den westeuropäischen Schulen ihre Ausbildung erhielten, in die eigene Tradition getragen wurden.

Diese protestantische „missionarische“ Einstellung war jedoch auch den anderen Konfessionen von damals zu eigen. In Folge des vorherrschenden exklusivistischen Denkens jener Zeit galt dasselbe für die Ostkirchen in Bezug auf die Kirchen der Reformation, die abtrünnigen protestantischen „Häretiker“ zum wahren Glauben zu bekehren.

Die Lübecker Märtyrer in einer ostkirchlichen Darstellung im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: Geraldo Hoffmann
Die Lübecker Märtyrer in einer ostkirchlichen Darstellung im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: Geraldo Hoffmann

Erst im 20. Jahrhundert beginnt in den Beziehungen zwischen der Reformation und den Ostkirchen eine neue Epoche, die im Zeichen der ökumenischen Bewegung steht. Die orthodoxen Kirchen beteiligen sich an den zahlreichen ökumenischen Projekten, die auf die protestantischen Initiativen zurückgehen. Sie sind mit wenigen Ausnahmen Mitglieder im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Der ÖRK bietet sich als eine Plattform für die Begegnung und den Austausch mit den Kirchen der Reformation und fördert auch bilaterale Kontakte. So bestehen bilaterale theologische Gespräche zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und den einzelnen Ostkirchen wie etwa der russisch-orthodoxen Kirche, rumänisch-orthodoxen Kirche oder dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, die das gemeinsame zwischenkirchliche Engagement unterstützen.

Das Anliegen des wissenschaftlichen Symposiums

Bezugnehmend auf das oben skizzenhaft dargestellte Verhältnis zwischen der Reformation und den Ostkirchen ist das wissenschaftliche Symposium in Eichstätt zum einen ein Versuch, die zentralen systematischen Fragen aus dem Umfeld des orthodox-protestantischen Dialogs zu thematisieren. Dazu zählen vor allem die Fragen nach dem Verhältnis von Schrift und Tradition sowie der Rechtfertigungslehre im Dialog zwischen den drei großen christlichen Traditionen: Katholizismus, Orthodoxie und Protestantismus. Zum anderen geht es den Veranstaltern um die gegenwärtige Standortvergewisserung der Forschung zu dieser Thematik und um die zukunftsorientierten neuen Perspektiven. Vorgestellt werden im Rahmen des Symposiums außerdem die Kirchen, deren Geschichte und Existenz im Westen kaum bekannt sind. Dazu gehört beispielsweise die protestantische Kirche der byzantinischen Tradition, die seit 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Ukraine beheimatet ist und die östliche Tradition byzantinischer Prägung sich zu eigen gemacht hat und pflegt.

Symposium im Collegium Orientale

Der Konflikt in der Ostukraine und die Kirchen: ein Propagandakrieg

Seit mehreren Monaten wird der ukrainische Staat von dem Konflikt im Osten des Landes zerrissen. Dabei geht es nicht nur um die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Militärkräften und prorussischen Separatisten, sondern parallel dazu wird auch ein Propaganda- bzw. Informationskrieg geführt. Die russische Propaganda versucht mit allen Mitteln, den Konflikt, der aus Russland mit allen Kräften unterstützt wird, als einen Krieg der Kiewer Regierung gegen das eigene Volk darzulegen.

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Ökumenisches Gebet für die Ukraine in Lviv / Lemberg. Foto: Pressestelle der griech.-kath. Erzeparchie Lviv

In den ersten Augustwochen gerieten auch die Kirchen in den Fokus der russischen Propaganda. Am 14. August meldete sich Patriarch Kyrill, der Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, zu Wort. Er wandte sich an die orthodoxen Kirchen und rief ihre Vorsteher dazu auf, ihre Stimme zur Verteidigung der orthodoxen Christen zu erheben. In seinem Aufruf benannte er auch die „Schuldigen“ an der prekären Lage der Orthodoxen, nämlich die „Uniaten“ und „Schismatiker“. Damit waren die Mitglieder der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und der ukrainischen orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat gemeint.

Das Moskauer Patriarchat erhob in der auf seiner Internetseite veröffentlichten Stellungnahme den Vorwurf, bewaffnete Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche und des orthodoxen Kiewer Patriarchats hätten in der Ukraine „moskautreue Priester beschimpft, gefoltert und verhaftet“. Der Patriarch listete mehrere angebliche Fälle von „gezielter Verfolgung“ orthodoxer Priester auf, die er „Unierten und Schismatikern“ zuschrieb.

Dabei blieb es aber nicht. Am 20. August ging der russisch-orthodoxe Patriarch noch weiter und bat die Vereinten Nationen um Hilfe für seine Kirche in der Ukraine. Nach Angaben des russisch-orthodoxen Außenamtes und der Agentur „Interfax“ wandte er sich an die UNO, den Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit der Bitte, sie sollten Gewalt gegen orthodoxe Priester „nicht gleichgültig“ gegenüberstehen. Im Mittelpunkt der Kritik standen wiederum die mit Rom verbundene griechisch-katholische Kirche und das orthodoxe Kiewer Patriarchat. Diese hätten der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die mit Moskau verbunden ist, „Schaden zufügen“ wollen.

Beide betroffenen Kirchen waren herausgefordert, auf diese Angriffe zu reagieren. Entsprechende Vorwürfe weisen sie entschieden zurück. Der für die griechisch-katholische Militärseelsorge zuständige Erzpriester Lubomyr Jaworskyj erklärte in einer Stellungnahme, Kyrill I. lasse sich von „Informationen aus Quellen der russischen Propaganda leiten“. Es habe keinerlei Übergriffe von Geistlichen seiner Kirche auf orthodoxe Priester gegeben. Darauf folgten auch zwei offizielle Erklärungen der griechisch-katholischen Kirche (UGKK) auf die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen. Am 15. August wurde in einer Mitteilung erklärt, dass die Situation in der Ukraine die „Tragödie des ganzen Volkes, der Anhänger aller Konfessionen und aller Schichten der Gesellschaft“ sei und nicht bloß nur der einen Konfession, wie es das Moskauer Patriarchat zu vermitteln versuche. Es sei unzulässig, den Konflikt auf die interkonfessionelle Ebene zu übertragen, denn dies würde die Spannungen in der ukrainischen Gesellschaft nur vertiefen.

Die UGKK unterstrich, dass „Geistliche aller Konfessionen, welche ihren Seelsorgedienst in den Regionen von Donetsk und Luhansk sowie in der Autonomen Republik Krim verrichten, leiden und ihr Leben riskieren“. Unabhängig von der konfessionellen und religiösen Zugehörigkeit der Betroffenen wurde in der Stellungnahme der UGKK jegliche Art von Gewalt gegen friedliche Bewohner verurteilt. Darin wurde ebenfalls an das Engagement des gesamtukrainischen Rates der Kirchen erinnert, dem alle ukrainischen Kirchen angehören und der sich seit Monaten um eine friedliche Lösung des Konflikts bemüht.

Am 21. August wandte sich auch das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk an die weltweite Gemeinschaft der Katholischen Kirche und an alle Menschen guten Willens. In seiner Erklärung wies er die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen erneut zurück. Er hob das gemeinsame Martyrium der Kirchen und der kirchlichen Vertreter im vom Konflikt beladenen Osten der Ukraine hervor und führte eine Reihe von konkreten Beispielen auf, die zeigen, dass im Osten nicht nur die Katholiken, sondern auch die Orthodoxen und Protestanten zu Opfern von Gewalt, Misshandlung und Tötung werden. Der gegenwärtige Propagandakrieg macht es nochmals deutlich, dass der russische Staat alle Mittel einsetzt, damit die Situation nicht nur im Osten, sondern in der Gesamtukraine instabil bleibt. Es erweist sich erneut, dass auch die russisch-orthodoxe Kirche sich in diesem Propagandakrieg wieder in den Dienst des Staates stellen und missbrauchen lässt.

Die russischen Propagandastrategen und das Moskauer Patriarchat bedenken jedoch zu wenig, dass sie durch solche Vorwürfe und Versuche einen interkonfessionellen Konflikt in der Ukraine entfachen und der ukrainischen orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen in Moskau unterstellt ist, großen Schaden zufügen können. Denn diese Kirche, die vor kurzem ihr neues Oberhaupt, den Metropoliten Onufrij, gewählt hat, wird in ihrer gegenwärtigen Haltung zwischen Kiew und Moskau zerrissen. Sie, die seit Jahren als eine Kirche galt, die die russischen Einflüsse und Interessen in der Ukraine vertrat, muss sich einerseits in der heutigen Situation neu definieren, um ihre Gläubigen nicht zu verlieren; andererseits muss sie ebenfalls einen solchen modus vivendi mit ihrem geistlichen und jurisdiktionellen Zentrum in Moskau finden, dass aus der öffentlichen Meinung der Verdacht weggeräumt wird, diese Kirche erfülle weiterhin die Funktion eines verlängerten Armes der russischen Politik in der Ukraine.
Es bleibt also die Hoffnung, dass die Kirchen in diesem Informationskrieg doch nicht missbraucht werden oder sich missbrauchen lassen, sondern umgekehrt durch ihr Engagement und ihre Frieden stiftende Rolle zur Beilegung des Konfliktes in der Ukraine beitragen.

Dramatische Fortsetzung des Konfliktes in der Ukraine

Seit dem 18. Februar 2014 machen die Ereignisse in der Ukraine wieder Schlagzeilen in der westeuropäischen Presse. Der Grund dafür sind Eskalation der Gewalt und blutige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und den Demonstranten auf dem Hauptplatz in Kiew, dem Maidan. Wegen der mangelnden Kompromissbereitschaft bzw. fast völligen Ignorierung der Forderungen der Demonstrierenden traten die fast zwei Monate dauernden friedlichen Proteste in eine neue Phase ein. Blitzartig verbreiten sich die Nachrichten darüber, dass das Land unmittelbar vor dem Bürgerkrieg steht oder ihm eine Spaltung droht.

Heute eine Prognose zu machen, wie sich die Lage in diesem Land weiterentwickelt, wäre nur rein hypothetisch möglich. In diesem Beitrag verzichte ich daher auf eine Analyse oder Prognose, sondern versuche, aus meiner persönlichen Sicht eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen Situation und zwar mit Blick auf die ukrainischen Kirchen.

Reaktionen der ukrainischen Kirchen auf die Eskalation der Gewalt

Die Kirchen waren von Anfang an im Mittelpunkt der Proteste auf dem Hauptplatz in Kiew präsent. Für die geistige Betreuung der Protestierenden wurde auf dem Maidan sogar eine Zeltkapelle eingerichtet, in der wochenlang ununterbrochen gebetet wurde. Ganz besonders engagierten sich dort die Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Während des Sturmes des Maidans durch die Sondereinheiten der Polizei in der Nacht auf den 19. Februar wurde die Zeltkapelle in Brand gesetzt. Nach Augenzeugenberichten schafften die Priester es gerade noch, aus dem brennenden Zelt das Evangelium und die Messkelche zu retten. Mein Freund und Arbeitskollege, Dr. Vasyl Rudeyko, Priester der UGKK und Dozent für Liturgiewissenschaft an der Ukrainischen Katholischen Universität, befindet sich zurzeit im Brennpunkt des Konfliktes in Kiew. Er teilte gestern mit, dass er zusammen mit den anderen Priesterkollegen eine neue Zeltkapelle eingeweiht hat.

Am 19. Februar meldete sich der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen zu Wort und verurteilte zum wiederholten Male die Eskalation der Gewalt: „Wir rufen erneut dazu auf, bitten und flehen alle Beteiligten an den Auseinandersetzungen an, die Gewaltanwendung abzubrechen, und die Vertreter der Regierung und der Opposition, die Verhandlungen fortzusetzen“, so der Appell des Rates.
Während der Generalaudienz am Mittwoch, dem 19. Februar, äußerte sich auch Papst Franziskus besorgt über die Lage in der Ukraine: „Mit großer Sorge verfolge ich das, was sich in diesen Tagen in Kiew ereignet. Ich versichere dem ukrainischen Volk meine geistige Unterstützung und bete für die Opfer der Gewalt, für ihre Familien und für die Verletzten. Ich rufe alle Seiten des Konfliktes auf, auf jegliche Gewaltanwendung zu verzichten, und nach der gegenseitigen Verständigung und dem Frieden zu suchen“.
Wie in den letzten Monaten mangelt es in diesen dramatischen Tagen nicht an Stellungsnahmen der einzelnen ukrainischen Kirchen bzw. Kirchenvertreter. Hier sind nur einige von ihnen zusammengefasst.

Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche

Das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, ist der Auffassung, der Widerstand solle einen friedlichen Charakter haben: „Die Gewalt ist keine konstruktive Form der Konfliktlösung“, unterstrich er am 19. Februar in einem Interview. Er erinnerte an die großen Gestalten der Menschheitsgeschichte wie Martin Luther King, Nelson Mandela aber auch die in der Sowjetunion verbotene Griechisch-Katholische Kirche oder die Dissidentenbewegung in den 60er Jahren. Sie hätten nicht mit Hilfe der Waffengewalt, sondern mit moralischen und geistigen Mitteln diese Welt verändert.

An seine Priester wandte er sich mit einer Art Instruktion, wie sich der Klerus in der gegenwärtigen Lage verhalten soll. Die Verhaltensgrundlage seien die fundamentalen Normen des priesterlichen Dienstes. Jeder Priester sei das Gesicht der Kirche und müsse sich deshalb an ihrer Lehre orientieren. Seine Hauptaufgaben bestünden in der Verkündigung des Evangeliums, der Spendung der Sakramente und dem Dienst an den anderen. Die Kirche bleibe weiterhin ein aktives Mitglied der gesellschaftlichen Prozesse, daher solle der Seelsorger in allen Lebenssituationen den ihm anvertrauten Gläubigen zur Seite stehen.

Die Ukrainische Katholische Universität veröffentlichte am selben Tag eine Erklärung zur Situation in der Ukraine. Darin wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass der Präsident der Ukraine, Viktor Yanukovych, für die Eskalation des Konfliktes persönlich Verantwortung trage. Diese Eskalation streiche jede Hoffnung auf eine friedliche Überwindung der Krise und nähre die humanitäre Katastrophe.

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat

Noch am Tag des Konfliktausbruches, dem 18. Februar, forderte Patriarch Filaret Denysenko eine sofortige Aufnahme und Fortsetzung der Unterredungen, bis ein positives Ergebnis erzielt werde. In derselben Erklärung wiederholte er seinen dreistufigen Vorschlag, wie man die Krise überwinden könnte: Einstellung der Gewaltanwendung, ein fruchttragender Dialog und politischer Kompromiss. Gestern Nachmittag, nachdem die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung noch weiter in die Ferne rückten, beschloss die Bischofssynode dieser Kirche, in den Gottesdiensten die im byzantinischen Ritus übliche Fürbitte für die Staatsregierung vorläufig zu streichen.

Ähnliche Stellungnahmen haben auch die Vertreter der anderen Kirchen abgegeben. Wegen ihrer Positionen oder ihrer Öffentlichkeitsarbeit wurden bereits einige Priester angegriffen und verletzt, wie z.B. Andrej Hamburg, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Odessa.

Die Diakonia der Kirchen

Neben den kritischen Stellungsnahmen und Aufrufen machen die Kirchen eigenartige Erfahrungen, was es heißt, im Dienst an den Anderen zu stehen. Diese dienende Unterstützung leisten die Kirchen den Verletzten und Bedrohten. Einige kirchliche Räume fungieren seit vier Tagen als Behandlungs- oder Zufluchtsorte für die Bedürftigen. In der Michaels-Kathedrale der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat wurde ein Spital eingerichtet, in dem die Verletzten behandelt werden. Ähnliche Hilfe erhält man auch in der griechisch-katholischen Kirche des hl. Basilius des Großen der Basilianermönche.
Am 18. Februar wurde die römisch-katholische Kirche des hl. Aleksander zum Zufluchtsort für die Demonstranten, die vor den gewalttätigen Sicherheitseinheiten fliehen mussten. Letztere versuchten sogar, die Kirche zu stürmen, wurden aber rechtzeitig aufgehalten. Etwa 30 Flüchtlinge, darunter auch einige Verletzte, blieben über Nacht in der Kirche.

Wie geht es weiter? Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? – diese Fragen stellen sich heute viele Ukrainer und mittlerweile auch viele Westeuropäer.

Alles entwickelt sich so rasch, dass man kaum vorhersagen kann, was die nächste Stunde bringen wird. Eines ist aber unverkennbar: dass die nächsten Tage für die Ukraine entscheidend werden.

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Zur gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Rolle der Kirchen in der Ukraine

Seit mehr als einigen Wochen protestieren viele Menschen in der Ukraine gegen die Entscheidung der Regierung und des Präsidenten, die Unterzeichung des seit langer Zeit geplanten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union zu verschieben. Die Proteste setzten ein, nachdem offiziell erklärt worden war, dass die wirtschaftliche Situation in der Ukraine angeblich noch nicht erlaube, eine Öffnung und Annäherung an die EU zu wagen. Die Massendemonstrationen wurden wegen der Ereignisse in der Hauptstadt Kiew in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2013 verstärkt. In jener Nacht haben Spezialeinheiten der ukrainischen Polizei „Berkut“ gegen 4.00 Uhr auf eine bislang noch nie zuvor gegebene Weise die auf dem Hauptplatz Kiews „Maidan“ demonstrierende Menschen, vor allem die studentische Jugend, brutal verprügelt und auseinander getrieben. Die erschreckenden Bilder der Gewaltanwendung gegen die friedlichen Demonstranten lösten die seit 2004 größte Welle des Protestes aus.

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Vergleicht man die gegenwärtigen Proteste mit der „Orangenen Revolution“ 2004, die sich gegen die massiven Wahlfälschungen richtete, kann man schon jetzt eine deutliche Akzentverschiebung erkennen. Während die Menschen damals eher auf eine bestimmte Gruppe von Oppositionspolitikern mit dem späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko (2005-2010) an der Spitze setzten, protestieren sie heute vor allem für ihre Rechte, Freiheiten und Menschenwürde und nicht zuletzt für die Idee einer europäischen Ukraine.

In diesen Tagen macht sich auch die Aktivität der ukrainischen Kirchen bemerkbar. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kirchen in solchen Krisensituationen ihre Stimme erheben, denn seit Jahren zeigen die Umfragen, dass sie in ihrem Ansehen gegenüber den staatlichen und anderen gesellschaftlichen Instituten weit überlegen sind. Eine der letzten soziologischen Befragungen vom 11. Februar 2013 bestätigt diesen status quo. Danach vertrauen den Kirchen 66,5% der Befragten.

Das hohe Vertrauen ist unter anderem dadurch begründet, dass es der politischen Elite, die in den letzten zwei Jahrzehnten an der Macht war, bis jetzt nicht gelungen ist, glaubwürdige und vor allem zukunftsfähige Entwicklungsperspektiven für die Ukraine zu entwerfen und wirksam umzusetzen. Wegen des permanenten Scheiterns der politischen Systeme und deren Unfähigkeit, eine dauerhafte Stabilität zu gewährleisten, werden die Kirchen als Institutionen angesehen, auf die man sich stützen kann. So ist die Kirche, besonders in den letzten Jahren, zu einem wichtigen Subjekt des gesellschaftspolitischen Lebens in der Ukraine geworden.

Die historisch bedingte Vielfalt der Kirchen in der Ukraine lässt es aber nicht zu, von einem kirchlichen Engagement im Singular zu sprechen. Die Kirchen stellen in den Beziehungen zum Staat keinen einheitlichen Organismus dar, sondern sind in verschiedene Konfessionen aufgeteilt. Die größte Gruppe unter ihnen bilden die orthodoxen Kirchen, die in drei selbständige Jurisdiktionen aufgespaltet sind: die Ukrainische Orthodoxe Kirche unter der Obhut des Patriarchats von Moskau (UOK MP), die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat (UOK KP) und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK). Die  katholische Kirche setzt sich aus zwei katholischen Ostkirchen, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) und die Griechisch-Katholische Diözese Mukachevo, sowie der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine zusammen. Hinzu kommen unterschiedlich große Denominationen der evangelischen und evangelikalen Kirchen und Kirchengemeinschaften.

So uneinheitlich die ukrainische konfessionelle Landschaft ist, so unterschiedlich fielen auch die kirchlichen Positionen während der „Orangenen Revolution“ 2004 aus. Das kirchliche Verhalten bestimmten damals vor allem die politischen Sympathien der Mehrheit ihrer Mitglieder, die jeweils in zwei unversöhnte Lager – den pro-westlichen und den pro-russischen getrennt waren. Im Allgemeinen unterstützten damals die UGKK und die unabhängige Orthodoxie (UOK KP) die Anhänger von Juschtschenko und die UOK MP seinen Opponenten Viktor Janukovytsch.

Viele Kirchen – eine Stimme

Seit dem Anfang der gegenwärtigen politischen Krise lässt sich wieder ein erhöhtes kirchliches Engagement beobachten. In den Medien findet man eine Flut von kirchlichen Stellungsnahmen zur gesellschaftspolitischen Situation im Land. Bemerkenswert ist zunächst die Tatsache, dass die Kirchen im Vergleich zu 2004 darum bemüht sind, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Eine wichtige institutionelle Rolle spielt dabei der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen, der in den letzten Jahren immer stärker als Sprachrohr der Kirchen und der religiösen Organisationen in den Beziehungen zum Staat wahrgenommen wird. Dem im Jahre 1996 gegründeten Rat, dessen Hauptaufgaben in der Förderung des interkonfessionellen Dialogs und der Zusammenarbeit mit dem Staat bezüglich der Erarbeitung der Rechtsnormen in den Kirche-Staat-Beziehungen bestehen, gehören alle bedeutenden religiösen Gruppen der Ukraine an. […]

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