Andreasfest und Papstbesuch in der Türkei – Ökumene und Dialog

„Kommt und seht … Wir haben den Messias gefunden!“

Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes gehörte der heilige Apostel Andreas zu den ersten Jüngern des Herrn. Gemäß dieser Überlieferung erhielt der Apostel Andreas den Beinamen der Erstberufene, weil er auf das Wort des Herrn hin „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) als erster Jesus nachgefolgt ist, um zu schauen, wo Er wohnt. Andreas war auch derjenige, der unmittelbar nach der Begegnung mit dem menschgewordenen Erlöser zu seinem leiblichen Bruder, dem Apostel Petrus, lief und sagte „Wir haben den Messias gefunden“; und er führte auch seinen Bruder zum Herrn (Joh 1,41f.).

Für die Kirche im oströmischen Reich, mit dem Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul,  diente dieser Abschnitt des Evangeliums, untermauert durch eine Apostel-Andreas-Legende, seit dem 6./7. Jahrhundert als Legitimation für den Führungsanspruch des eigenen Bischofssitzes, des Patriarchen von Konstantinopel. Gerne berufen sich die frühen christlichen Gemeinden und die aus ihnen herausgebildeten Teilkirchen auf die Gründung durch einen Apostel. Seit früher Zeit hat der Apostel Andreas für die byzantinischen Kirchen eine große Bedeutung. Er ist ihr Apostel, genauso wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus für die Kirche von Rom, der Apostel Markus für die Kopten, die Christen Ägyptens, und der Apostel Thomas für die Christen Indiens.  Es lag deshalb nahe, dass die östlich-byzantinischen Kirchen, die mit Byzanz in der Theologie, der Glaubenspraxis und der Kirchenpolitik besonders verbunden waren beziehungsweise von Konstantinopel aus missioniert wurden und von dort die Taufe erhielten, den Apostel Andreas ebenfalls zu Ihrem Patron wählten. So entstanden frühe Berichte, mitunter mit legendären Zügen, gemäß denen der Apostel Andreas grundlegend für die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in Kleinasien, im westlichen  Georgien, in der Kiewer Rus (ostslawischer Vorgänger Staat für die heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine mit Zentrum in Kiew) wirkte. Manche Historiker schließen einen Wahrheitskern zum Beispiel bei der Legende über die Wanderung des Apostels Andreas am Fluss Dnipro (Dnjepr)/Ukraine nicht aus.

Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr
Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr

Der Gedächtnistag des Apostels Andreas wird in der byzantinischen Tradition am 30. November begangen. Dies entspricht dem 13. Dezember nach dem julianischen Kalender. Im Unterschied zu den kleineren Tagesgedächtnissen und -heiligen wird dieses Fest liturgisch gesehen als großer Festtag gefeiert (zum Beispiel große Vesper mit Einzug). Dieser Heilige war schon immer einer der beliebtesten Namenspatronen für die Kinder in den östlichen Ländern und ist es auch bis heute geblieben. Deshalb dürfen im Collegium Orientale in Eichstätt gleich sieben Bewohner des Kollegs am Andreastag ihren Namenstag feiern. Außerdem haben sich einige Volksbräuche um das Andreas-Fest entwickelt, die einen weiteren Beleg für die Bedeutung dieses Heiligen im Leben und im Bewusstsein der östlichen Christen liefern. So besuchen junge Burschen in der Ukraine am Vorabend zum Andreasfest die Familien ihrer Freundinnen und versuchen dabei eine Kleinigkeit im Haus mitzunehmen – erlaubterweise zu stehlen –, damit die Dame ihres Herzens einen Grund hat, danach zu suchen und mit ihnen wieder Kontakt aufzunehmen. Die Gastgeber müssen besonders aufpassen, dass ihnen die Töchter selber nicht gestohlen werden. Es verläuft alles natürlich in einem lustigen Rahmen. Vielleicht spiegelt sich in diesem Brauch ein weiter gefasster Widerhall der eingangs zitierten Worte des Apostels Andreas wider: „Ich habe den Messias, die wichtige Person in meinem Leben, gefunden.“ Denn die jungen Männer sind bei diesem Brauch tatsächlich auf der Suche nach einer Partnerin für das ganze Leben und dürfen mit der Fürsprache des Apostels Andreas rechnen.

Papst Franziskus beim Andreasfest in Konstantinopel

Das Andreasfest in diesem Jahr steht unter dem Zeichen des Besuches des Heiligen Vaters in Konstantinopel. Das Oberhaupt der Katholischen Kirchen, Papst Franziskus, der Nachfolger des Apostels Petrus und Paulus, besucht unter anderem seinen Mitbruder im patriarchalen Dienst, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, den Nachfolger des Apostels Andreas, des Erstberufenen. Damit reiht sich der Heilige Vater in die seit Jahrzehnten andauernde gute Tradition der gegenseitigen Besuche zwischen Rom und Konstantinopel an den Apostelfesten ein: Am Andreasfest in Konstantinopel und am Hochfest Peter und Paul in Rom. Somit rufen sie die erste dieser brüderlichen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem in Erinnerung.

Durch diesen Besuch wird einerseits das offizielle Bekenntnis der katholischen Teilkirchen zum Ökumenismus, der Einheitsbewegung unter den Christen, bestätigt. Es ist aber auch ein Herzensanliegen des Papstes selbst, das er in seinen Ansprachen immer wieder zum Thema macht, wie zum Beispiel im August dieses Jahres in einer Mittwochskatechese. Sinngemäß sagte er damals Folgendes: Viele haben sich mit der Teilung der Kirche abgefunden, auch innerhalb der katholischen Kirche; dies ist eine Schande. Mit seinem offenen, ökumenischen Besuch in Konstantinopel bestärkt der Heilige Vater auf eine sehr deutliche Weise alle Initiativen, die sich in den Dienst der Einheit der Kirchen stellen, in ihrem Engagement und ruft immer wieder unermüdlich zum Dialog auf, zum Gebet für die Einheit und zur Offenheit gegenüber den anderen christlichen Konfessionen.

Was auf der höchsten Ebene zwischen den offiziellen Sprechern und Repräsentanten der Kirchen zum Ausdruck gebracht wird und als dreitägiges punktuelles Geschehen gewertet werden kann, gilt insbesondere, ganz konkret und tagtäglich für uns im Collegium Orientale, für unser gemeinsames Leben und Studieren in diesem internationalen, interrituellen sowie ökumenisch offenen Haus der Diözese Eichstätt, in der praktischen Werkstatt der Annäherung und des Kennenlernens der einzelnen Ostkirchen.

Die Apostelfeste eignen sich meines Erachtens sehr gut für das Besinnen auf die Einheitsbemühungen innerhalb der Kirchen. Bekanntlich beruhen alle Bemühungen um die Einheit auf dem letzten Gebet unseres Herrn im Johannes-Evangelium im Kreise seiner Jünger vor seinem Kreuzweg, seinem lebenspendenden Tod und der Auferstehung. Jesus betete damals: „[Vater], ich bitte Dich nicht nur für diese hier [für die Apostel], sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,20f.) Eine wunderbare Tatsache: Jesus Christus betet für die Apostel und für uns und bringt beide, die Apostel und uns, in eine lebendige Verbindung zueinander; besonders was den Einsatz für die Einmütigkeit und Einheit im Glauben angeht. Auf die Fürbitten aller Apostel des Herrn, besonders der Apostelbrüder Petrus und Andreas, des Erstberufenen, dessen Fest wir am kommenden Sonntag begehen, dürfen wir hoffen, dass die ganze Christenheit irgendwann gemeinsam und einmütig bekennen wird: Seht, wir haben den Messias gefunden.

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