Von Fernweh und Heimweh oder: Was uns leben lässt

Wieder daheim. Nach sieben Jahren in der Auslandsseelsorge bin ich wieder daheim angekommen. Zumindest vorerst. In Pietenfeld, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Heimatort Tauberfeld, feiere ich mit der Dorfgemeinde und einer Reisegruppe aus unserer Auslandsgemeinde in Barcelona eine heilige Messe. Wir feiern das Fest der beiden Apostelfürsten Peter und Paul (die zwei wichtigsten Gründergestalten unserer Kirchengeschichte, die in ihrer Persönlichkeit vielleicht nicht unterschiedlicher hätten sein können, der eine traditionell und eher ängstlich, der andere weltgewandt und nach vorne drängend). Dem Gottesdienst schließt sich ein fröhlicher bayrischer Abend an, selbstverständlich mit einer zünftigen Brotzeit, mit Blasmusik und Volkstanz.

In meiner Zeit als Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona war es zu einer guten Tradition geworden, einmal im Jahr eine „Bayernfahrt“ zu unternehmen. Unsere Ziele waren aber weniger die berühmten Sehenswürdigkeiten des schönen Bundeslandes, sondern vielmehr die Schönheiten „meiner“ Heimat. Meine Freunde aus Barcelona interessierten sich dafür, woher ich komme, wo meine Familie lebt und wer meine Freunde sind. Und ich freute mich andererseits, ihnen „meine“ Heimat zeigen zu dürfen, die Orte und Menschen, die mein Leben geprägt haben. Gleichzeitig kamen natürlich auch unzählige Freunde aus der „alten Heimat“ mich in der „neuen Heimat“ besuchen. Rasch waren die 1500 Kilometer zwischen alter und neuer Heimat nur noch einen „Katzensprung“ voneinander entfernt und nicht nur mein Horizont war um ein Vielfaches erweitert worden.

„Ottmar, das machst du!“ Der Personalchef der Diözese stimmte sofort zu, ja er ermutigte mich, als ich mit der Idee zu ihm kam, für eine bestimmte Zeit in die Auslandsseelsorge zu gehen. „Und wenn du dann nach einigen Jahren mit deinen Erfahrungen wieder zurück kommst, wird das auch irgendwie für uns eine Bereicherung sein.“ Auf eine derartige Offenheit und einen solchen Weitblick war ich gar nicht gefasst. Aber er hat recht: Was mich persönlich bereichert, wird letztlich auch andere irgendwie bereichern.

Vielleicht war es zunächst Fernweh, was mich hinaus in die große weite Welt lockte. Fernweh allein kann es aber nicht gewesen sein. Es muss vielmehr auch eine Sehnsucht nach Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten, nach dem Andern gewesen sein. Denn auch ich bin plötzlich ganz neu angefragt, meine Überzeugungen und meine Visionen, genauso wie meine Wurzeln und meine Herkunft. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue, konkrete Bedeutung. Neues kennenlernen bedeutet gleichzeitig sich selber kennenlernen. Fremdes schätzen lernen setzt voraus, mich selber zu schätzen, das was mich in Vergangenheit geprägt und wachsen lassen hat.

„Herr, wo wohnst du? – Kommt und seht!“ Es ist das Interesse am Andern und gleichzeitig die Bereitschaft, sich dem Andern zu zeigen. Das und nur das ermöglicht Begegnung. Das und nur das lässt uns wachsen und leben.

Heiliges Grab aus Eichstätt wird in der Ukraine nachgebaut

Die Eichstätter Version des Heiligen Grabes in der Heilig-Kreuz-Kirche steht nun auch in der Ukraine: Im Marienwallfahrtsort Zarvanytsja entstand in den letzten Jahren eine Kopie. Die Idee dazu hatte der Metropolit von Ternopil, Vasyliy Semenyuk, vor längerer Zeit. Der Plan war die heiligen Stätten von Jerusalem in der Ukraine nachzubauen und sie für die Verehrung in der Ukraine zugänglich zu machen.

Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt

Bei den Planungen entschied man sich das Heilige Grab von Eichstätt der jetzigen Version in Jerusalem vorzuziehen. Beim Eichstätter Bau handelt es sich nämlich um eine Kopie des ursprünglicheren Zustands – das Heilige Grab in Jerusalem erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder Renovierungen, die sich auch in veränderter äußeren Gestalt des widerspiegelten. Das Heilige Grab in der Eichstätter Heilig-Kreuz-Kirche ist ein leicht verkleinerter, sonst aber detailgetreuer Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem, wie es im 12. Jahrhundert ausgesehen hat. Der Bau ist aufgrund seiner Genauigkeit und seines guten Zustandes einzigartig.

Parallele zwischen Eichstätt und Zarvanytsja

Der Grund für den Bau einer Kopie des Heiligen Grabes war sowohl in Eichstätt (1166) als auch in der Ukraine (2014-2018) der gleiche: die heiligen Stätten des Lebens, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht reisen oder pilgern können, in die Heimat zu bringen und auf diese Weise das geistliche Leben und die Frömmigkeit zu fördern. Nach wie vor ist es so, und wird wohl aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage noch lange sein, dass es für viele Gläubige – orthodox oder katholisch – in der Ukraine nicht möglich, nicht erschwinglich ist, ins Heilige Land zu reisen.

Wie die Idee entstand

Bei einem der Besuch des Collegium Orientale im Jahr 2013 erzählten Rektor Paul Schmidt und Vizerektor Oleksandr Petrynko dem Erzbischof Semenyuk und seinem Begleiter, dem Wallfahrtsrektor von Zarvanytsja, Volodymyr Firman, von dem Heiligen Grab in Eichstätt. Dabei stand die Geschichte der Entstehung des Hl. Grabes in Eichstätt und seine gottesdienstlich Verwendung im Mittelpunkt. Nach der Besichtigung des Grabes haben die beiden Gäste für dieses Modell Feuer gefangen. Dieses Grab sollte auch in der Ukraine stehen. Rektor Paul Schmidt vermittelte die Zeichnungen vom Diözesanbauamt, wofür die Architekten in der Ukraine vor Ort sehr dankbar waren. Die Architekten haben einige Monate später die ehemalige Kapuziner nochmals besucht, um sich das Realbild des Grabes vor Augen führen zu lassen und auch die letzten Messungen vorzunehmen, bevor es in der Ukraine dann konkret an die Planungen und den Bau ging.

Der Marienwallfahrtsort Zarvanytsja

Die Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt steht in Zarvanytsja. Der Ort entwickelte sich zum größten Marienwallfahrtsort in der Westukraine. Seine Gründung geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Ein Mönch aus dem Höhlenkloster in Kiew, der wie viele seiner Mitbrüder vor der Mongoleninvasion auf der Flucht in den Westen war, machte einen Rast im Wald: Am heutigen Ort des Dorfes Zarvanytsja. In einem Traum erschien ihm die Gottesmutter und teilte ihm mit, dass dies ein besonderer Gnadenort ist. Vom Schlafe erwacht, ließ er sich mit einigen Mitmönchen hier nieder und erbaute hier über der Quelle eine Marienkapelle mit einer Marienikone, vor der in den nachfolgenden Zeiten und bis heute viele Menschen Heilungen erfuhren und erfahren.

Nachdem die ukrainische griechisch-katholische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 von den Sowjets verboten wurde, wirkten viele Gemeinden in den Untergrund. Einer der Untergrundpriester war auch Vasyliy Semenyuk, der mit vielen Gläubigen nachts heimlich kleinere Wallfahrten in den Wald von Zarvanytsja durchführte. Auf diese Weise bewahrte dieser geschichtliche Ort der Volksfrömmigkeit auch in der kirchenfeindlichen Zeit der Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1990 hatte sich Semenyuk – als Rektor des Seminars und auch als Erzbischof von Ternopil – des Wallfahrtsortes angenommen, baute die Stätte wieder auf und erweiterte sie nun durch das „ukrainische Jerusalem“.

Die Einweihung des Heiligen Grabes

Am 27. August wurde die Kopie des Heiligen Grabes in Zarvanytsja eingeweiht. Dieses Datum wurde von der Erzepsrchie Ternopil-Zboriv bewusst ausgewählt: der Vorabend des 28. Augustes, Hochfestes der Entschlafung Mariens (Himmelfahrt Mariens nach dem julianischen Kalender). An diesem Marienfest im Sommer wallfahren viele Gläubigen nach Zarvanytsja. Die Einweihung hat eine sehr positive Resonanz hervorgerufen, so dass am Nachmittag und Abend der Einweihung ca. 55.000 bis 60.000 Pilger vor Ort waren – eine unvergessliche und bewegende Atmosphäre!

Die Einweihung hat das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Patriarch und Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, im Beisein von einigen Bischöfen und ca. 100 Priestern und Diakonen vorgenommen. Nach einer Marienandacht in der Hauptkirche und der Prozession zur eigentlichen Stätte des „ukrainischen Jerusalems“ wurde die Segnung des Grabes und der gesamten Stätte liturgisch vollzogen. Daran schlossen sich die Eucharistiefeier und die Lichterprozession mit Fürbitten und Gesängen an. Die Seminaristen von Ternopil übernahmen die gesangliche Gestaltung.

Der Großerzbischof Sviatoslav ging in seiner Predigt bei der Einweihung auf das Thema „Pilgern nach Jerusalem“ ein. Wie ein roter Faden zog sich dabei der Gedanke, dass die Menschen nach Jerusalem im Heiligen Land, aber auch zum ukrainischen Jerusalem pilgern, um um Frieden zu beten und ihn als die kostbarste Gabe von Gott zu erlangen. Ob das israelische Volk von damals, ob die die Völker von heute im Heiligen Land oder die ukrainischen Pilger in Zarvanytsja – sie alle pilgern nach Jerusalem mit ihren persönlichen Sorgen und den Sorgen der Menschheit zu beten und Frieden zu erlangen.

Als ein besonderer und hoher Gast war der derzeitige Kustos der Franziskaner im Heiligen Land, Francesco Patton, in Begleitung von zwei Mitbrüdern dabei. Er hat einen Stein aus der Grabeskirche in Jerusalem mitgebracht, der als Reliquie an der Heiligen Stätte in der Ukraine eingebaut wird.

Aus Eichstätt waren bei der Einweihung Domkapitular Wolfgang Hörl, der Bischof Gregor Maria Hanke OSB offiziell vertrat, sowie die Leitung und Studenten des Collegium Orientale vor Ort in der Ukraine. Nach der Einweihung wurde der offizielle Gruß von Bischof Hanke von Domkapitular Hörl mit Übersetzung ins Ukrainische vorgetragen. Darin wurde die Botschaft vom leeren Grab für den Glauben betont, die uns von der Auferstehung und dem Sieg über dem Tod zeugt. Die Errichtung des Heiligen Grabes von Jerusalem in der Ukraine nach der Vorlage von Eichstätt sei ein positives Zeichen der guten Beziehungen und Verbindung zwischen dem Bistum Eichstätt mit seinem Collegium Orientale und der gesamten ukrainischen griechsch-katholischen Kirche.

Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.