Mit Augenmaß und Herz für geflüchtete Menschen

Über Chancen und Risiken, Erfolge und Misserfolge bei der Integration von Asylbewerbern wird auch beim Weltflüchtlingstag am 20. Juni wieder diskutiert oder sogar gestritten werden. Zeit, um einmal vor Ort zu beobachten und zu erkunden, wie diese tatsächlich erfolgt, zum Beispiel mit einem „Weitblick“  in eine Pflegeeinrichtung: Das Caritas-Seniorenheim Gaimersheim kooperiert dafür mit Ehrenamtlichen und Berufsschulen.

„Unser Haus ist letztlich ein Spiegelbild unserer sich verändernden Gesellschaft, in der vieles in Bewegung ist.“ Mit einfachen Worten bringt Irene Stiegler, Leiterin des Caritas-Seniorenheimes Gaimersheim, mir gegenüber auf den Punkt, was jedem auffällt, der mit offenen Augen durch die Einrichtung geht. In vielen Bereichen sind Mitarbeitende unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Hautfarben tätig. Knapp 30 Menschen mit Migrationshintergrund haben Irene Stiegler zufolge in den letzten drei Jahren in der Einrichtung gewirkt. Davon sind etwa die Hälfte Asylbewerber gewesen. Im Jahr 2014 stellte die in der Flüchtlingsarbeit engagierte Gaimersheimer Ruheständlerin Brigitte Böllet der Einrichtungsleiterin erstmals ein geflüchtetes Ehepaar vor. Kurze Zeit später waren der Mann und die Frau aus Eritrea in sogenannten Ein-Euro-Jobs in dem Seniorenheim engagiert:  er als rechte Hand des Hausmeisters, sie in der Hauswirtschaft. Beide arbeiten heute fest angestellt an anderer Stelle. Sie besuchen das Seniorenheim aber immer einmal wieder: auch aus Dankbarkeit dafür, dass dieses dazu beitrug, ihnen einen erfolgreichen Integrationsweg zu ebnen.

Andere, die Frau Böllet dem Haus vermittelt – oder die Irene Stiegler mittlerweile durch eine enge Kooperation mit Berufsschulen integriert hat – streben an,  in der Altenpflege zu arbeiten: zum Beispiel der 18-jährige Mehdi Mohamed Muss  aus Somalia. Er absolviert derzeit an zwei bis drei Tagen pro Woche im Rahmen eines Berufsintegrationsjahres an der Berufsschule Ingolstadt ein Praktikum in der Pflege sowie Betreuung. Er wäscht alte Menschen, hilft ihnen beim Essen sowie bei der Tabletteneinnahme, macht mit einigen Ballspiele und liest mit anderen die Zeitung. Den Beruf Altenpfleger gibt es in seinem Heimatland nicht. Doch zu seiner Motivation, diesen Beruf ergreifen zu wollen, trägt durchaus bei, „dass bei uns alte Leute als weise Menschen geschätzt werden“, erzählt er mir. Dann führt er einen Löffel mit Suppe zum Mund einer Bewohnerin. Dass der gläubige Moslem dies in einem katholischen Seniorenheim tut, stört ihn nicht: „Das ist kein Problem, sondern vielleicht sogar interessant, weil es ein religiöses Haus ist.“

Herausforderung Deutsch

Sein größte Herausforderung sieht er selbst noch darin, die deutsche Sprache besser zu beherrschen: „Oft müssen mir die Leute Dinge zweimal sagen.“ An seinem Deutsch will er noch verstärkt arbeiten, bevor er eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beginnen möchte. Eine solche Ausbildung startet im Haus bereits im September sein 19-jähriger Kollege Samuel Emam aus Eritrea. Er macht derzeit einen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung: teils im Hausmeisterdienst, wo er im Moment Waschbecken austauscht, teils in der Betreuung alter Menschen. Bei diesen spürt er eine große Offenheit ihm gegenüber, was sicherlich auch daran liegt, „dass er ein wahnsinnig liebevoller Kerl ist“, wie mir Irene Stiegler sagt. Für seine künftige Helferausbildung macht Samuel sich derzeit neben seinem Dienst in einem Sprachkurs fit.

„Gut Deutsch zu sprechen ist einfach der Schlüssel zur Integration, auch in unserem Haus“, erklärt mir die Einrichtungsleiterin. Ihr Vorzeigebeispiel dafür ist eine Frau aus Kenia, die vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und nun als stellvertretende Bereichsleiterin in dem Seniorenheim arbeitet. So sehr sich Irene Stiegler darum bemüht, vielen geflüchteten Menschen eine Chance zu geben, so unmissverständlich stellt sie klar, wo die Grenzen sind: „Wir können nicht zum Beispiel 15 mitarbeitende Menschen im Haus haben, die schlecht Deutsch sprechen. Das würde die Bewohner sowie auch die Angehörigen überfordern. Und auch die Verantwortlichen, die dann zu viel Zeit für die Lernenden aufbringen müssten und zu wenig Ressourcen für die Bewohner und anderes hätten.“ Augenmaß sei daher bei der Integration schon nötig. Die Einrichtungsleiterin verschweigt mir auch nicht Enttäuschungen, die sie erlebt hat: „Wir hatten zum Beispiel zuletzt viel Zeit in einen hoffnungsvollen jungen Afrikaner investiert, der nach abgeschlossener Qualifizierung zum Helfer die Ausbildung zur Pflegefachkraft machen wollte. Doch er sprang dann plötzlich mit dem Argument ab, Altenpflege sei ein weiblicher Beruf.“

Für die Integration von geflüchteten Menschen ziehen Seniorenheimleiterin Irene Stiegler (links) und die Ehrenamtliche Brigitte Böllet an einem Strang. Foto: Peter Esser

Vor allem christlicher  Auftrag

Solche Erfahrungen halten Irene Stiegler jedoch nicht davon ab, sich weiterhin für die Integration von Geflüchteten zu engagieren: auch aus Eigeninteresse, um dem Pflegenotstand zu begegnen: „Da werden wir zum Teil auf diese Menschen angewiesen sein, wenngleich wir dieses Problem in erster Linie mit neuen motivierten eigenen Nachwuchskräften meistern müssen“, sagt mir die Einrichtungsleiterin. Nach wie vor sieht sie es vor allem  als christlichen Auftrag, den geflüchteten Menschen eine Chance zu geben. Da ist sie sich mit Flüchtlingshelferin Brigitte Böllet einig. Diese engagiert sich auch als Vorsitzende der Missionsgemeinschaft Gaimersheim, doch sie meint: „Wenn wir Menschen weltweit helfen, dann sollten wir auch umgekehrt die unterstützen, die zu uns nach Deutschland kommen und Hilfe brauchen.“

Probleme, so Irene Stiegler, dürften nicht unter den Tisch gekehrt werden, könnten grundsätzlich aber bewältigt werden:  „Insgesamt zeigt das gute Miteinander in unserem Haus ja auch, dass Integration klappt.“ Immer wieder erlebt die Leiterin junge geflüchtete Menschen auch als Bereicherung. Sie erzählt mir: Vor einiger Zeit habe ein Angehöriger eines Bewohners einmal beim Anblick eines mitarbeitenden Asylbewerbers im Haus zunächst zu ihr gemeint: „Was will denn der bei meiner Mutter, dunkelhäutig, jung und klein …“ Kurze Zeit später habe der Angehörige  festgestellt: „Ich habe gesehen, wie meine Mutter und der ganze Tisch gestrahlt haben, als er kam, sich zu ihnen setzte, mit ihnen redete und spielte. Die waren einfach nur glücklich. Da habe ich gesehen: Der hat einfach ein gutes Herz.“