Geteiltes Leid ist halbes Leid – Mitleiden ist besser als Mitleid

In meinem missionarischen Leben habe ich oft das Wort „Mitleid“ gehört, aber auch viel wahrhaftiges und manchmal auch ohnmächtiges Mitleiden erfahren. Mitleid ist eine schnelle und recht menschliche Reaktion. Mitleiden geht tiefer und fordert den „ganzen“ Menschen. In diesem Zusammenhang ist mir klargeworden, dass zum „Leben in Fülle“ auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mitleiden gehören.

Gelingendes Leben wird uns nicht nur in der Werbung vorgespielt, sondern ein jeder und eine jede von uns hat eine konkrete Vorstellung davon. Das ist: Wohlstand, langes, genussvolles und schönes Leben ohne Schmerz und Leid, Friede und Frohsein und vieles mehr. Auch für Christen ist gelingendes Leben eines der Versprechen Jesu. Mit den Worten: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10) stellt Jesus den zentralen Kern seiner Heil schaffenden Botschaft vor. Dies ist ein Satz in der Bibel, der Hoffnung aufkeimen lässt und gleichzeitig, insbesondere in unserer Zeit, missverstanden werden kann. Denn das Leben im Überfluss ist nicht notwendigerweise ein Leben in Fülle.

Ich gehe davon aus, dass Jesus selbst mit seinem Leben diesen Satz verkörpert hat. Ein Leben in Fülle zu versprechen und es selber nicht zu verwirklichen wäre ja seltsam? Wenn wir aber auf das Leben Jesu schauen, dann stellen wir fest und wissen, dass sein Leben alles andere als ein Sommernachtstraum war. Es war ein Leben der Hingabe, des Mitfühlens und des Mitleidens. Wir nennen ihn auch den guten Hirten, der sich empathisch der Menschen annimmt und sich selbstlos ihnen hingibt. Sehe ich auf das Kreuz – in meinem Zimmer oder in einer Kirche – dann spüre ich, dass Jesus für mich und meine Sünden leidet, aber viel mehr sehe ich im Kreuz die Botschaft der Nachfolge, nämlich so zu werden wie er ist. Was heißt dann Leben in Fülle?

Kreuzweg in Kariobangi (Elendsviertel von Nairobi) – Oben: 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen; unten: medizinische Caritas. Foto: hans Eigner

Zur Fülle des Lebens gehören offensichtlich eine grenzüberschreitende Liebe, eine Fähigkeit und Bereitschaft zur Hingabe und eine Beziehung schaffende Empathie. Also eine Fähigkeit zum Mitleiden im guten Sinn (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Geteiltes Leid ist halbes Leid sagt das Sprichwort. Geteilte Freud ist doppelte Freud.

Nur schade, dass wir oft an uns selber leiden und so nicht viel „Mit-Leidens-Kapazität“ für den oder die andere bleibt. Das blockiert uns und notwendende Hilfe geschieht nicht. Außerdem erleben wir nur selten das Glück des „Lebens in Fülle“. Victor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat Hingabe und Lebenssinn unmittelbar in Beziehung gesetzt. Die Welt wird besser, wenn wir weniger an uns selber leiden, sondern mit der Not und den Schicksalen anderer mitleiden. Ein „Leben in Fülle“ stellt sich dann als Freude ein und wir erfüllen die erste Christenpflicht, nämlich: glücklich zu sein.